Nr. 127 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 2. Znni (920
volschtwistische Greueltatrn.
Immer und immer wieder, iocrat man von den furchtbaren Zuständen in Rußland spricht, begegnet man ungläubigem Kopfschütteln und offenem Zweifel: „Wie kann denn so etwas übcr> Haupt möglich sein? das ist ja doch gar nicht benEfrar!" Und die gewissenlosen Hetzer und Wühler tun das Ihrige, um diesen Zweifel im Volke wach zu halten und alles das, was ab und zu an Gveuelberic^en in die Zeitungen gelangt, als unwahr und erlogen hinzustellen. So wird es denn unsere Leser gewiß interessieren, etwas über diese angeblich unwahren Greuclszmen der Bol- sck^wisten aus einem ganz unverdäch izen Munde zu hören, nämlich aus der Schilderung einer Engländerin, die alles das, was sie erzählt, selbst miterlebt und mit eigenen Augen gesehen hat. Diesen geradiezu furchtbaren und schauder.nncgen- den Schilderungen, die in der dänischen Zeitung „Berlingske Tidente" veröffentlicht sind, entnehmen wir u. a. folgendes:
„In Charkow waren die Gefängnisse, voller Männer, Frauen, junger Mädchen, ja sogar kleiner Kinder. Alle wurden der Tortur unterworfen. Die jüdischen Kommissare begingen unsagbare Grausamkeiten. Die Arme der Gefangenen wurden bis zu den Ellbogen in Töpfe mit kochendem Wasser gezwungen, und wenn die Haut genügend weich geworden war, wurde sie oben rundherum aufgetrcmrt und dann wie ein Handschuh abgezogen. Viele fromme Christen wurden ans Kreuz geschlagen. Viele bekamen Kruken, in denen lebende Ratten saßen, auf den nackten Unterleib gebunden, und dann wurden die Kruken erhitzt, )o daß die Ratten, um zu entkommen, sich durch den Leib des Opfers nagen mußten. Frauen wurden zusammengetrieben und, fruchstccklich gesprochen, den verbrecherischen Rotgardisten vorgeworfen. Alte und junge Frauen, selbst reine Kinder, wurden von vielen Männern gemißbraucht, im allgemeinen so lange, bis sie tot blieben. Ich habe es selbst gesehen und es geschieht noch heute. Nie in meinem Leben werde ich den fürchterlichen Anblick ver- gsen, den ich in Charkow am Tage un.erer Be- iung genoß. Ich sah, wie einige unglückliche »fer aus dem Loch herausgezogen wurden, worin sie gefangen gesessen hatt.n. Sic waren so entstellt von den Folterungen, daß niemand sie wiedererkennen konnte, ja daß es sogar schwer war, sich vorzustellen, daß sie einmal Menschen gewesen waren."
Ein Kommentar hierzu dürfte wohl überflüssig sein! ______________
Art» StaM rind Land.
Gietz en, den 2. Juni 1920.
Wieder zuverlässige Fahrpläne.
Die Fahrpläne für den Personenverkehr der Eisenbahnen gefreit jetzt im allgemeinen nicht immer genaue und zuverlässige Auskunft. Der Mangel an Kohlen und Lokomotiven nötigte in den letzten anderthalb Jahren häufig zu Einschränkungen. Um diese im Notfall ohne weiteres durchführen zu fömnen, wurde in den Fahrplänen eilte Reihe von Zügen als solche bezeichnet, die nur bis auf weiteres verkehren. Bei anderen Zügen war bemerkt, daß sie bis auf weiteres nicht verkehren. Auch außerhalb dieser vorgesehenen Aenderungen fielen häufig Züge aus, während andere Züge eingestellt wurden. Dieser Unftcfrcrfreit wird der Som- merfahrplan am 1. Juni in der Hauptsache ein Ende machen. Bor allem erscheinen die Züge, die bis auf weiteres nicht verkehren sollen, überhaupt nicht mehr'im Fahrplan. Die meisten davon kamen niemals in den Verkehr. Einen Teil dieser Züge hat man nachträglich zur Einführung bestimmt. Wo dies nicht der Fall ist, sind die Züge aus dem Fahrplan ganz verfchwnnden. Nur noch ein kleiner Teil der Züge ist mit einem Punkt versehen, der bcheutet, daß die Züge bis auf weiteres verkehren. Sollten Einschränkungen nötig werden, so würden diese zuerst Wegfällen. Nach der augenblicklichen Betriebslage ist dies aber kaum zu befürchten.
Keine BahnpreiSermätzigung für Kriegsbeschädigte.
Dieser Tage fand eine Besprechung innerhalb der Eisenfrcchndirekäon statt, in der über die teilweise Einführung von Preisermäßigungen bei Bahnfahrten für Kriegshinterbliebene und Kriegsbeschädigte verhandelt wurde. Als Ergebnis der Verhandlungen wurde festgestellt daß eine Preisermäßigung auch für diese an sich bedauernswerten Opfer des Krieges nrcht ein- treten könne, da die Eisenbahn auf jettar Pfennig angewiesen sei, wenn sie nicht zusammenbrechcu wolle.
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** Schaumweinnachsteucr. Ge maß Artikel 2 des Gesetzes vom 21. April 1920 zur Aenderung des Schaunüveinsteuer- gesetzes vom 26. Juli 1918 unterliegt Schaumwein aller Art, der sich am 1. Juni 1920 außerhalb der Erzeugungsstätte oder einer Zollniederlage befindet, d. h. Schaums
wein, der im Besitz von Händlern, Wirten, i Gesellschafetn, Vereinen oder P r i v a t e n ist, der Schaumweinnachsteuer. Schaumwein im | Besitz von Eigentümern, die weder Ausschank noch Handel mit Getränken betreiben, bleibt, sofern die Gesamtmenge nicht mehr als 10 Flaschen beträgt, von her Nachsteuer befreit. Der Schaumwein- ist spätestens am 7. Juni 1920 frei dem Hauptsteueramt Gießen bzw. der für den Wohnort zuständigen Steuerhebeftello schriftlich oder zu Protokoll anzumelden. In der Anmeldung ist die Versicherung abzuge- ben, daß sich mehr nachsteuerpflichtiger Schaumwein nicht im Besitze des Anmelders befunden hat.
** Der Eisenbah n - Kleinti erzucht- Herein- veranstaltete am Samstag und Sonntag auf der Liebigshöhe feine diesjährige Ortsschau. Die Eröffnung fand am Samstag,durch den Schutzherrn der Ausstellung, Regienungsbaumeister Zwilling, und den Ebr.'Nvor sitzenden des Vereins, Werkstätten vorftehr Ruppert, statt. Auch Exzellenz Gmerall u nant Klingelhöfser und Regiermrgsbaumeisler Müller wohnten der Feier bei. Regierungsbanmeistcr Znnlling gedachte der hohen Bewirtung der Kleintierzucht in jetziger Zeit und der guten Entwicklung des Vereins, der mit nur 13 Mitgliedern gegründet worden sei und h-sule 315 Mitglieder mit dem Hefigen Tierbeftand von rund 7500 Stück Groß- und Kleinvieh zähle. Die Besichtigung der Ausstellung erfolgte unter Leitung des 1. Vorsitzeiwen Hübel. Die 135 Nummern umfaßten Kcminchm, Nutzgeflügel und Tauben. Das Material war vorzüglich und so konnten viele Ehrenpreise und Geldpr?ise verteilt werden. Unter den Pveisstiftern befand sich u. a. auch die Stadt Gießen. Die Auszeichnung für beste Gesamtleistung erhielt Lokomotivführer K. Hock-Klein-Linden. Stadt-Ehrenpreise erhi.lten: für Hermelin Phil. Zimmermann-Großen-Linden, für Blaue Wiener Joh. Weitzel-Gießen, für Schwarz-Loh-Koninchen K. Hock-Kl.-Linfren. Ferner ^hielten: A. Ehr en- preif.e: Müller, W.itzcl, F'u.rsüem, Schmidt, Schneider, Höbet .L. Größer, Eisenbahn-Kleintierzuchtverein, Zimmermann-Großen-Linden (2) und K. Hock-Klein-Linden; B. 1. Preise: Wilhelm Schmidt, Höbe!, Frieda. Lotz-Gießen., Peil, Mktrx, .Kreuter, Weitzel,, Feuerstein, Hch. Schmcht (2), M. Konrad-Klein-Linden, K. Hock-Klein-Linden (3), Schneider, Eisenbahnkleintierzuchtverein und Henke-Gießm. C. 2. Preise: Häuser, Weißmann, Jung, Leirer, F. Lotz, Wagner, Größer, Drescher, K. Lotz, Defrus, Ruppert, Reuter-Wieseck, Weitzel, Feuerstein, Zimmermann, Henke, Stotz-Klein-Lin- den, Konrad, Schneider, Hock und Henke. Außerdem gelangten noch 40 dritte Preise zur Verteilung. Besonders erwähnt seien noch die Pelze, die Weitzel-Gießen ausgestellt hatte.
Landkreis Gießen.
= SRü nfter, 30. Mai. Nächsten Sonntrg, 6. Juni, feiern Johannes Momberger und feine Ehefrau Elisabeth, geb. Tamer, das Fest her goldenen Hochzeit. Tas Ehepaar befntixt sich noch in voller körperlicher und geistrger Frisch:. Ter Mann ist im. 76., die Fron im 72. Lebensjähr.
P. N i e d e-r -> B e s s i n g e n, 31. Mai. Hier wurde am vergangenen Samstag abend die Hof- reite mit Grabgarten des Georg Roth VI. öffentlich versteigert. Diese Hvfreite ist früher einmal mit 600 Mk. gekauft worden: freute wurde dafür bei stärkster Konkurrenz, die Versteigerung dauerte nur 2y4 Stunden, auch eine Mekkordleistung, 12 910 Mark gegeben. Den Zuschlag erhielt als Meistbietender Gast- und Landwirt W. Lotz IN.
Kreis Büdingen.
* Ortenberg, 31. Mai. Gestern nachmittag hielt der Bund der Arbeitsinvaliden, Unfall- und Altersrentenempfänger frei Gastwirt Hirzel eine Versammlung ab die infolge mehrerer gleichzeitig stattfindender größerer Versammlungen in Büdingen nicht so besucht war, wie es die Wichtigkeit der Sache erfordert hätte. Der Vorsitzende der hiesigen Ortsgruppe, Schlosser Wilhelm Hebbel II. der verdienstvolle Vorkämpfer für di-e gute Sache der Invaliden usw„ eröffnete die Versammlung. Gau- vorsitzender Cfrrus - Offenbach hielt darauf einen Vortrag über die Notlage der Zivilinvaliden und ihre Forderungen. Er zeigte, was bislier in Verhandlungen mit der Regierung erreicht worden sei. Die Teuerungszulage sei von 8 Mark auf 20 Mark erhöht worden. Ah 1. Juli erhalten alle Jnvaliden- und-Altersrentenempfänger statt 20 Mr. 30 Mk.. die Witwenrente erhöht sich um 15 Mk. ,dieWaisen- rente um 10 Mk. im Monat, auch die Unfallventen seien wesentlich erhöht worden. Um weitere Erfolge zu erzielen, müsse jeder Invalide nsw. dem Bünde beitreten und dürfe die 75 Pfg. Beitrag im Monat nicht scheuen. Reicher Beifall wurde den Ausführungen zuteil; einige neue Mitglieder traten bei. Weitere Neuanmelfrungen sowie Anfragen sind an den Vorsitzenden der hiesigen Ortsgruppe Wilhelm Hebbel II. zu richten.
Kreis Lauterbach.
sb. S ch l i tz, 30. Mai. In der 29. Generalversammlung der Spar- und Dar-
lebnskasse zu Schlitz verlas der stellvertretende Direktor den Geschäftsbericht. Der Rechner H. Franz Jungblut trug die Rechnungsablage vor. Ter Vorstand wurde für 1919 entartet« Die Verteilung des Reingewinns erfolgte in bisheriger Weise. Die Grenze für Annahme von Spar- ernlagen wurde auf 3 Millionen erhöht. Die Kasse wurde in eine solche mit beschränkter Haftpflicht umgewandelt.
Starkenburg und Rheinhessen.
sw. Darmstadt, 31. Mai. Auf der Griesheimer Chaussee wurde einer Schülerin von einem 19- bis 20jährigen Burschen ein Handtäschchen mit etwa 75 Mk. Inhalt entrissen. Der Täter verschwarrd im Walde.
Hrsscn-Na.sau.
ra. Biedenkopf, 31. Mai. Unsere Stadtverordneten haben, dem Magistvatsbeschlusse folgend, den Pr.is für elektrisches Lrcht ab 1. April d. Js. auf 1,20 Mk. pro Kilowattstunoe und auf 80 Pf. für Kraft ström sestgegesetzt.
= Fechenheim a. M., 30. Mn. Tie Chemische Fabrik Cassel la u. Co. überreichte aus Anlaß ihres goldenen Jubiläums bei der gestrigen Festfeier jedem frei ihr tätigen Angestellten und Arbeiter eine Geldsumme, unfr zwar bis zu ;ibf Jahren Tienst 500 Mk. und für jeL.es 1 Derbere Jähr 100 Mk .mehr, so daß mancher Angestellte mehr als 3000 Mk. ausgezckfrlt erhielt. Das Werk beschäftigt mehr als 2500 Arbeiter und Angestellte: seine Sfiftung an die Arbeiter stellt also eine recht respektable Leistung bar.
mc. Frankfurt a. M., 31. Mai. Im Jahve. 1919 haben die Mischehen in Fr an fr- furt um 20 Prozent zuaenommen. Ueberhaupt ist die Zahl der Eheschließungen wesentlich gestiegen. Der Prozentsatz gegen das Jahr 1918 beträgt 38 Prozent.
mc. Frankfurt a. M., 31. Mai. Die städtische Gutsverroaltuny wird angesichts der weiter steigenden Anlieferungsquote von Säuglingsmilch die Milchwirtschaft unter städtischer Regie noch weiter vergrößern. Da sich ' aber das System der Pensionskühe nicht bewährt hat, sollen die städtischen Gutshäfe in verstärktem Maße mit-Milchvieh belegt werden. Die Stadt ist mit einigen Holländern und Dänen betreffs Lieferung von Kühen in Unterhandlung getreten.
ra. Gladenbach, 31. Mai. Die von der Firma B.cderus-Ninker gelieferten drei neuen Kirchenglockon wiegen 22, 14, 7 Zentner und tragen die Inschrift: „Steh fest im Sturm der Zeft!" „Gesegnet sei dem Leid!" „Denk an die Ewigkeit!"
)( Marburg, 30. Mai. Unter Teilnahme von zahlreichen Vertretern aus allen Städten Kur- hessens tagte heute frier im See booleschen Sr-ale die Hauptversammlung des Verbandes der Gemeinde- und Kreiskommunalbeamten Kur Hessens. Aus bem Geschäftsbericht sei erwähnt, bati die Mitglrederz-chl auf rund 1500 gestiegen i|'t. Es itnrrixm Entschließungen bezüglich der Gleichstellung der Kommunalbeamten mit den Staats- beamten in der Besoldungsreform, Gstichstel- lung der Dauercmgestellten mit den Beamten usw. gefaßt und auch der Generalstreik berührt, der nicht überall eingehalten worden sei, weil ine Anordnungen des B.amtenfrunkes infolge der Ver- kelnsstörungen nicht genüge) b bekannt gewesen seien. Tie Regierung habe kurz vorher bas Streik- recht der Beamten zwar vermint, aber nachher diesen doch befohlen. Prof. Brcdt-Marburg Aelt einen Bortv^g über die alte -und neue R'ichs- verfassmig. Zum 3Ä>rsitzenden wurde Stadtsekvetär Fladung-Kassel und zum Schriftführer Staot- fefretär R' ieae-Ks^l wiedergewählt Die übrr- gen Vvrstardsmitglicder verteilen sich auf tue Städte Orb, Schmalkalden, Fulda, Hersfeld/ Marburg, Hanau und Esch-vege.
Vereine und Veranstaltungen.
n Friedb erg, 30. Mai. Die Weihe der (neuer&nrten Schießstände, welche der hiesige Schützenverein an dem Sport- und Spielplätze, der ©eettnefe, mit einem Kostcnaufwande von zirka 30 000 Mark errichtet hat, gestaltete sich zu einem vielbesuchten Vokseste. Schon der Vorabend bot durch die Mitwirkmtg der hiesigen Vereine, befou- ders die Massenchörr der hiesigen Gesangverein? und die Pyramidenstellung der Turngemeinde eine sehr intereffante Ablvechsl'ung. Heute nachmittag bewegte sich ein mächtiger Festung, an welchem sich außer einer großen An zahl auswärtiger Schützen- veveine, auch sämtliche hiesigen Veceme bitaligtm,, durch die Straßen der Stadt nach dem Festplatze. Ter Zug war belebt durch RadfUhner mit geschmück- tat Rädern, einem Festwagen (Tellgruppe), Vertreter der hiesigen Studentenschaft in vollem Wichs, fimge Damen und Herren im TirolerSostüM, dic später einen Jägerreigen auf dem Festplatze aüf- führtat und bot so ein abwechslungsreiches, farben- buntes Bild. Auf dem Feft)statze entwickelte sich bald ein frohes Treiben. Bürgermeister Dr. S e fr fr hiev
eine der Bedeutung des Tages angepaßte Festrede, die Kapelle des 3. Batl. des Reich-axchrschützen- Regiments Nr. 35 konzertvierte, sportliche Veranstaltungen hiesiger und auswärtiger Fußballvereine, Freiübungen per Turner usw. boten fortwährend neue Ueberraschungen. Morgen wird di« Veranstaltung durch ein Volksfest, bei welchem auch noch ein reichhaltiges Programm, wie Ausführung schwedischer Bauerntänze, Pyramiden imfr Volksbelustigungen vorgesehen ist, seinen Absckstuß finbeet
ck. Gonterskirchen, 2. Juni. Der hiesige G e sangverein veransta.tete unter Leitung seines Dirigenten, Lehrer Moxter, in der Wirtschaft von Graf eine mohlgelungene 9lbendunter-i Haltung. Außer einigen Gesangstücken gelangten 4 Theaterstücke zur Vorführung.
np. Unter-Seibertenrod, 31. Mai. Gestern fand im hochgelegenen Bergwald das von der Umgegend allseits geschätzte Z e i l so a l d f e s« statt. Trotz zweifelhaftem Wetter ifrötte sich eine , große Zahl von Festgästen eingefunden. Unter Leitung des Pfarrers Georgi (Ermeirrod) nahm das Fest einen schönen Verlauf. Die Reih» der Vorträge eröffnete Lehrer Roth (Kestrich) mit „d^eues Leben in der Natur". Ihm folgte Prof. Schlarfr (Gießen) mit „Neues Leben im deutschen Bol^'. Der dritte Vortrag „Neues Leben üt unserer evangelischen Kirche" durch Pfarrer Glock (Stumpertenrod) fiel aus, iveil ein starker Gewitterregen dem Feste ein frühes Ende bereitete. Unter strömendem Regen sprach Pfarrer Staufrach (Groß-Eichen) die Schlußworte. Die Vorträge mären umrahmt von Liedern der Schüler-, Akäuner-, gemischten und Po'aunenchören.
Stenographie.
** Lv U ar, 1. Juni. Ter Bezirk Gietzen Gabelsfrerger S.enogcapseit hie.t am Sonntag in Lollar seinen düs,ährigen Be zirkstag rfr, verbunden mit Wettschrciben, Ge chacksf.enograplsen- Prüsung sowie Schön- und Nichngschreibeli. Leider waren mehrere Vereine infolge der schlechtem Zugverbindungen am Erich inen verhindert. Die Zahl tunt ungefähr 160 Wettschveibteilnehmeru Sinn deshalb als .rußerordentlich zufriedenstellend bezeichnet werden. — In der Vertreter-Versammlung kam imier anderem die rege Werbetätigkeit des Bezirks und feine Erfolge der letzten Zeit zur Sprache, die in erster Linie dem bisherige.! 1 .Vorsihe den dcs Bezirks-Vorstandes, Richrrö Hasenkrug-Gießen, zu verdantat seien. Noch lOfäfrriger Tätigkeit h t Herr Hafenkcug nunmehr sein Amt als 1. Borfitzeuder des Bezirks Gießen niebergelegt. Zu seinem Nachfolger wurde der Bvrftbende der S'enographe:'-Ge ellfchaft Gabels- Merger und Tam:n-Ableilung, Gießen, Alex Ka r n- fra ch, ge.vLicht. Der übrige Vorstand kestdht aus den Herren Kurl Fifch-er-Wiefeck (2. Bor itzendrr), Georg Fritz'ch-Gießen (Rechner), Karl Nachrigall- Gießen(Schristführer>, Herr Rckhn-Gießen (Ber- sitzer) und Frl. Elly Rietz-Gießen (Beisttzerrn). Zum ersten Male nach längerer Zeit wurden wieder Ehrenpreise vergeben, wofür bet Lollarer Verein in liebenswürdigLr Weise Sorge getragen hatte. Bei dem Wettsch'taben rourbe in den ^lbteilungen von 60—220 Silben geschrieben. Wegen autzer- ordentlichen Pla^nangels müssen wir uns bei den Preisträgern auf Hie höheren Abteilungen beschränken. — 2 20 Silben: 1. und Ehrenpreise: August Hirsch, Karl Röhm, (G.). — 180 Silben: 1. und Ehrenpreis: Elfriede Winzer, (D.); 1. Pr.: Willelm Steinbach-Wetzlar. — 16 0 Silben: 1. und Ehrenpreis: Walter Schmidt-Gvotzen- Lindsn (Gymn-Gießen); 1. Pr : Fidel V-rlken, (G.), Heinrich Müller, lV.), Tilli Hoftnanit, Willi sstcrn- hatdt, (G.); 3. Pr.: Therese Schmall, (D). — 140 Silben: 1. imb Ehrenpr^i e: Otto Ehrist- Laubach, Josef Petry-Wetzlar; 1. Pr.: Br. Ehrist- Lollar, Marie Berghäilser-Wetzlar, Karl Hetz, (G./, Heinrich Scheer, Agnese Herrmann-Wetzlar, Gretel Breitwieser, Milli Schmoll, (G.), EÄarg Seth, Zkarl Teußing-Lollar, Walter Beckert-Wetzlar, Jak. Schmidt, Heinrich Gantz, (G.): 2. Pr.: Helene Peter, (G.). — 120 Silben: 1. und Ehrenpreis: Anna Bingel. (G.): 1. Pr.: Karl Mubl, Georg Wähl. Mathi'de Madcupfubl, Pcter Jöckel, Kurt Kiel, Willi Philipp, (G.), Eduard Mickiaelis, Kanoline Post-Wieseck, Karl Kolbe, (B.), 9Emi»r Wob-Lollar: 2. Pr.: Julius Fi'che-Wetzlar, Karl Franz, (G?, Hermann Ehrist-Laiibach: 3. Pr.: Heiiwnm Tietz-Wetzlar, Karl Fi'cher-Wrescck. — Tie Ergebnisse des Schön- und Richtigschrerbens sotvie der Geschästs-Stawgraphenprüftmg werden später bekanntgxgeben.
wvche und Schnle.
mc. Frankfurt a. M., 1. Juntz In der gestrigen evangelisch-lutherisck)etl Stadisynode witrde festgestellt, daß in keinem Jahre die Kirchenaustrittsbewegung so stark gewesen sei wie .1919. Das mache sich auch an den Kirchensteuern leider erschreckerrd bemerkbar. Die Ge- (fräßer der Geistlichen und Kirck-endieuer sollen wesentlich aufgebessert werden, wofür rund 450 000 Mark erforderlich sind. Zur Anschaffung neuer Kirchcnglocken wurden 500 000 Mark bereitgestellt.
Dir Gräkm.
Roman von G. W. Appleton. kNachdruck verboten.) Fortsetzung 48.
Kein Sterbenswörtchen. Sie schienen zu wissen, was sie finben müßten, und als sie es nicht fmiben, tarnen sie zurück unb lietzen «alles auf dem Boden liegen, wie sie es ans den Laden geriffelt Währerü) sie die alte Fvan dte Treppe frinafrtrugen, rückte ich die Möbel wieder zurecht, und als ich ihnen ein paar Mitrutat spater folgte, hörte ich den Mann, der sich Salviati nennt, mit dem Kutscher reden, — die alte Frau und der andere waren bereits im Wagen — ich hörte, wie er „Putney" sagte. Ein Wort, das er noch zuvor aussprach, konnte ich nicht verstehen. Damit sprang er ebensaUs in den Wagen, und dreier rollte davon.
Er gab keine näheve Adresse an? fragte rch.
Das Wort 'fratte ich, wie gesagt, nicht verstanden Es Hang wie „Montpefier" ober ähnlich. Da mich indes die Geschichte sonst nichts mehr anging, habe ich mich auch nicht werter darum gekümmert. Daher wertz ich auch nickst, ofr „Montpekier" ober wie es hietz, eine Straße drunten in Putney ist, und ob gar die alte Fvau dort gefangen gehalten wird. Sre könrren sich vielleicht auf der Post erkundigen, ob es in Putney eine Montpclier- ober ähnliche Skratzc gibt. Uni>
nun, meine Herren, kann ich Ihnen nicksts ntajr weiter sagen, und wenn Sie mir eine Millvon Pfund bieten würden!
An dieser vfsensichtlick^ ehrlichen und frei» mittigen Aussage war nichts zu beuteln. Was immer für Vergehen Simpkins auf dem Gewisten haben mochte, ich war in diesem Falle wenigstens felsenfest überzeugt, daß feine Worte auf Wahrheit berichten.
Ich versprach ihm daher, ihm den llingenden Beweis mcines Vertrauens zu seiner Wa!l)rheits- liebe demnächst zusenden zu wo len, und derlretz das Haus 37 der Penelope-Tervasst, fron der Hoffnung und Zuversicht erfüllt, daß, bevor viele Tage verflossen sein würden, bie arme alte Gräfin aus den HÄrden ihrer Feinde Befreit" wäre.
So, Tick, sagte ich, als wir nun außer Hörweite waren, das Pvogramm bat sich glänzend abgewickelt. Das haben wrr fein an gezettelt.
Ausgezeichnet, mein Junge. Du hast ja crn großes und unerwartetes Talent frei dem Schauspiel an den Tag gelegt, g'eich von Begrün an. Dieser Simpkins ist nickst halbwegs em so schlimmer Geselle. Aber trotzdem habe ich i'frm nicht sonderlich imponiert. Der tocih bombensicher, daß ich k in Tetektiv bin, unb auf mein Wort! — es war noch reckst höflich von ihm, mich nicht zu blamintar.
■ Ta ich derselben fUfrcinimg war, schwieg ich, und Tick führ fort:
Nun, Perigord, da meine Neugier mächtig er
regt ist und ich in diesem Spvel eine Karte m der Hand 'fralte, toaä meinst du, wenn wir rasch noch Putney hinausstchrsr rmd uns an Ort und Stelle ein wenig nach der Bedeutung des geheimnisvollen „Montpelier" nm sehen würden?
Einverstanden, Etwortete ich prompt.
Eine fralfre Stunde später lm.st-nr mir rn der fraglichen Vorstadt an.
Im Bahnhof wandte ich mich an einen Portier Kennen Sie Putney genau? fragte ich.
Tas will ich meinen! Ich wohne seit fünf- zrchn Jahren frier.
wirklich? Dann wissen Sie tvahrschetn- lich, ob es 'hier einen Montpelier —
Nein, Herr, imterfrracfr er mich. Ein Hotel Montpelier gibt's hier nicht. Der „Weitze Löwe", denke ick, würde für die Herren schon besser passen — erste Strotze rechts, nrhe frei der Brücke!
Ich bedankte miefr, g.tfr ffrm ein lleines Trinkgeld für seine eilfertige Unterbrechung mein'r Frage, und als wir weiter gingen, sagte rch zu Tick, immer noch über daS Mißverständnis des Portiers lächelnd:
Das war ein Remfall! Dem Simpkins wäre das nicht passiert. Ick beginne in meiner Achtung zu sinken. Komm, gehen wir auss Postamt!
Wir erkund'gteck, uns nach dem Wege drhrn und fanden dort zu unsever ^rngenehmen Ucber- raschnng fein lwchiarges, sondern ein recht liebenswürdig lächeartdcs Fräulevf am Schalter.
Es gebe in Pittnry, soviel mir bekannt sei, eine Montpelierstratze, erf.ärte ich ihr m fremrd- lichster Weise, aber leider wisse,ich nicht nrehr genint, wo sie liege.
Montpelierstraße? Nein. Dis gebe es in Putney nicht. MontpÄier? NLontpelier? Ob ich so freundlich fein wolle, einen Augenblick zu warten. Ter Name Damme ihr betarnt oor, und sie wolle sich doch erkundigen.
Tamit verschwand sie in einem Nebenzimmer.
Binnen kurzem kehrte sie mit der Erklärung zurück, daß Montpelier der Name eines sehr alten Hauses in, Holly Trse Lane sei, etwa z,vei bis drei Minuten vom Postamt entfernt Jedermann könne mir den Weg zeigen: aber, fügte sie hinzu, das Haus sei nicht frävohnt. Es sei sett mehreren Jahren abgeschlossen, und, wie eS h.itze, zum Ein-, stürzen baufällig.
Ich wechselte einen Mick des Einverständnisses mit Tick, bedankte mich fe'frr herzlich bei der jungen Tarne und begab mich mit Dick wieder auf die Stratze.
Nun, was sagst du dazu? fragte ich.
Reizend, und verteufelt schöne Augen daznlj
Ich habe nicht von dem Mädchen gesprochen, du Schwärmer, sondern von der Auskunft, die sie uns gegeben hat. Ich rede von dem baufälligen' HauS.
(Fortsetzung folgt)


