Nr. 69 Zweites Blatt
Srotz-heften.
Begangenen Samstag verbreitete der Aktions- aussckmß des Hessischen Volksbuntes mit der Lante auflage des Gicßcuer Anzeigers einen 9Iufruf zum Beitritt aller, die mit seinen Zielen, der Erricft- tung eines großen Staates Hessen im Rrh- men eines starten teutsckxm Reiches cirtDcrftanOiii sind und ihrerseits in diesem Sinne für den freiwilligen Zusammenschluß aller Bewohner Hessens, Nassaus. Waldecks und Wetzlars werben wollen. Tas Ergebnis des Aufrufes hat alle Erwartungen weit übertroffen und zeigt, wie sehr der Gedanke des Zusammenschlusses tn Ober Hessen Wurzel gefaßt bat. Eine Zusammenstellung der Eingänge an Beitrittserklärungen (die, wie wir nochmals betonen, unter Vorbehalt aller religiösen, politischen und sozialen Anschauungen und vh^re daß irgend toetdx? sruairzielle Verpflichtungen dadurch erwachsen, erfolgt sind) ergibt, daß die Ortsgruppe Gießen des Hessisckxn Vollsbundes bereits das Recht hat, für 11250 Menschen ihre Stimme zu erheben, wotei die Gießener Dei- trittserNärungen nicht eingerechnet sind. Weitere Beitrittserklärungen gehen tagtäg'ich noch ein.
Unter den Karteneingängen befinden sich nur 11 Ablehnungen. Es ist nicht belanglos, die Gründe der Ablehnung zu betrachten. Mehrere davon zeigen, daß die Bestrebungen des Hessischen Volks- Bundes immer noch mißverstanden und als Parti- kularisMus wufgefaßt werden, wie es ein Einsender aus Großen-Buseck ausdrückt: „Ich bitte die Herren vom Volksbund, laßt nur die alten Iressischen Zustände nicht wieder eintreten", oder ein anderer aus Kinzenbach: „Für Sonderbün- delei haben wir kein Interesse." Gerade dem Par- tikularismus und der (Eigenbrötelei ter Kirchturmsinteressen 'will ja ter Hessisckse Bolksbund entpegentreten und im Rahmen des Deutschen Merckres ein in sich abgerundetes Staatswesen schassen, das alle Hessen vereint, während einem schaffen, das alle Hessen vereint.
Gegner hat ter Volksbund in den Berttetern des deutsckien Einheitsstaates. Ein echter deutscher — Anonvmns schreibt: „Ihren Partikularis- muS und Civnbrö el.n kann ihals eckt.r De t ch r rtid)t mit machen. Ich trete für eine deutsch« Einheitsrepublik ein und glaube, daß auch in dieser furdxtbaren Zeit eigentlich Tein Sinn vorhanden wäre für Hessenland usw., als wie nur für ein freies einiges deutsches Vaterland." Ein anderen aus Großen-Buseck, erklärt kategorisch und mit großem Vertrauen: „Bin für Ihr Staatswesen Nickst mit einverstanden. Scheidemann wirds sck>on machen."
Die Verhandlungen im Derfassungsausschuß werden mittlerweile jedem gezeigt haben, daß ein alle Stammescigenart verwaschender Einheitsstaat kaum Aussichten hat, während sich einer bundesstaat. lichen Neugliederung auf der Grundlage von starken, in sich geschlossenen Stammesstaaten die Wege immer mehr ebnen. Wir verweisen auch auf die Entschließung der Gesamttagung des hessischen Volks- buntes, in der es heißt: „Allem voran stellt der Hessische Dolksbund die Einheit und Stärke des Reiches. Alles, was das Reich selbst leiten und lenken will, fei sein, nur in diesem Rahmen will bas hessische Volk ein glückliches Dasein unter der Verwaltung eigener Landsleute und in Pflege seiner bulture'en Güter führen.
Mehrere Einsender betonen ihr Preußentum durch die Worte des Preußenliedes „Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein". Diese Karten kommen aus Krofdorf, Rodheim und Heuchelheim. Der Hessische Dolksbund will nicht „noch mehr Grenzpfähle aufstellen in unferm deutschen Vaterland". Die Zusammen- fassung zu Stammesstaaten wird eine große Zahl von Grenzpfählen endgültig zu Brennholz werden lasten.
Wenn aber em Crumbacher sich zu den Versen versteigt:
Wir sind Preußen, ihr seid Hesten! Das habt ihr wohl ganz vergessen? Preußep wollen wir weiter sein, Den Wahn Großhessen Iaht daheim, so könnte man ihm mit einem in einer andern Zu- schrift enthaltenen Vers antworten:
Wir waren einmal Hesten, Eh' Preußen uns gefresten, Und fragt man unser Herz allein, Woll'n wir nicht länger Dreuhen sein.
Eigenartig ist noch eine Zuschrift von Odenhausen en der Lahn. Die guten Odenhausener können sich
Samstag, 22. März W9
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
nichts Schöneres denken, als Gießen angeschlosten xu sein, wollen aber auf keinen Fall - Hesten w.rden, sondern echte Deutsche bleiben, als ob das eine das andere ausschlöste.
Man sieht, der Bedenken sind nur wenige, und die meisten beruhen auf Mißverständnissen. Der W Ile der beteiligten Dolksmasten verfolgt demnach einhttt- lich das Ziel eines Groß-Hessischen Zusammenschlusses.
Noch gilt es weitere Stimmen zu werben und Säumige zur Beitrittserklärung zu veranlasten. Möge in Gießen, wo in den Geschäften Einzeichnungslisten aufliegen, das Ergebnis den gleichen Erfolg haben, wie auf dem Lande.__________________________zz.
Au» StaM rind Land.
Gießen, 22. März 1919.
** Amtliche Personalnachrichten. Am 12. März 1919 wurde ter Fahrkartendrucker in der Hessisch.Preußischen Eisenbahngemeinschaft Frie rich Scheide! zu Mainz, am 13. März der Weichensteller Adam D a m m e l zu Mainz, am 12. März der Schaffner Johannes Keil zu Frankfurt a. M, am 13. März der Bahnhofswärter Ant Ben der zu Bischofsheim, am 12.März der Landgestütsdiener Fohs. Lore zu Darmstadt mit Wirkung vom 1. April 1919 an in den Ruhestand verseht. - Da der niederländische Generalkonsul H. H. F. van Panhuys erkrankt ist, wurde Herr Post Uiterroeer mit der einstweiligen Ver. roaltung des niederländischen Generalkonsulats in Frankfurt a. M. beauftragt
** Anmeldungen für die Fungviehweiden. Wie sehr die Fungviehbestände Oberhestens infolge der kriegswirtschaftlichen Maßnahmen gelitten Haden, geht unter anderem auch daraus hervor, daß die Anmeldungen von Jungvieh für die Provinzial- Zungviehweiden bei weitem nicht so zahlreich ein« laufen, als dies in früheren Jahren, besonders im Vorjahre, der Fall war. Während im verganqenen Fahre eine große Anzahl Jungvieh wegen lieber- füUung der Weiden zurückgewiesen werden mußte, können nach den bis jetzt erfolgten Anmeldungen noch 100 Stück Vieh auf genommen werden. Die Weide Tiergarten bei Hungen ist bereits übermeldet, dagegen ist in Zell, Lauterbach und Wernings noch Platz vorhanden. In erster Linie werden die Tiere, die dem Zuchtziel der Provinz Oberhesten (Simmen- taler und Vogelsberger) entsprechen, berücksichtigt, während cs nicht ausgeschlossen ist, daß auch ausnahmsweise in diesem Fahre Tiere der Niedcrungs- rassen angenommen werden. Die Landw rte, die noch bte Absicht Haden, bie Weibe zu beschicken, werden gut tun, balhjgst bei dem Landwirtschaftskammer- Ausschuß in Gießen anzumelden. Die Dorteile des Weideganges sind so augenfällig, daß man keine Worte darüber zu verlieren braucht. Nur ist es notwendig, daß auch der Weidebeichicker sein Teil dazu beiträgt, daß der Erfolg des Weidegangs nicht ausbleibt. Kommt siallgewohntes Vieh unmittelbar aus dem Stall auf die 2Be.be, ist ein Rückgang des Gewichts- und Ernährungszustandes unausbleiblich. Das Vieh muh für die Weide vorbereitet sein, ßu diesem Zweck müssen die Weidetiere vor Aufttied durch den Aufenthalt in Tummelplätzen und Gras, gärten gegen die Einflüsse der Witterung abgehärtet werden. Ebenso ist die Verabreichung warmer Tränke zu vermeiden.
** Auf der Liebigshöhe findet morgen, Sonib tag, um 4 Hhr ein Militär-Streichkonzert der Re- gimentsmusik 116 statt.
Aus dem befffcttn Rheingcblet.
*= H ö chft a. M., 21. März. DaS französische Militärgericht verurteilte die Farbwerke zu 12000 Franken (28-10 Mk.) Geldstrafe, weil sie zur Erlangung eines Ausweises falsche Angaben ge- inacht hatten. Mit ter gleichen Strafe belegte man den Hilfssckmffner Jakob Daum aus Frankfurt, der 60 Kg. Kaffee ins unbesetzte Gebiet schmuggeln wollte. — Friedrich Alberti hat sich über dinen Wachtposten lustig gemacht, wofür er hundert Franken zu bezahlen hat.
= Mainz, 21. März. Kaufmann Ernst Christ, der auf einem Jagdausflug in Holzhausen von den Franzosen festgenommen wurde, fauiB diese Unbedachtsamkeit mit 6000 Franken Geldstrafe und zwei Monaten Gefängnis büßen. Seine Jagdwasßm verfielen ter Beschlagnahme.
= Cronberg. 21. März. Durch die Besetzung Cronbergs und ter übrrgcn Taunus-Erd- beercnecke stößt die Ausfuhrder Erdbeeren in das unbesetzte Gebiet vermutlich auf große Schwierigkeiten. Um die gewalttge Ernte nicht
dem Verderben pveisgeteu zu müssen, haben die Erdteerenzücktter durch Vermittlung des Bürgermeisters cm Gesuch an die französische Militär- tehörte um Ausfuhrerlaubnis für die Erdbeercn- ernte gerichiet. Tie Entsckieidung wird in diesen Tagen envartet.
Kirchliche Nachrichten.
Katholische Gemeinde.
Samstag, 22. Marz, nachrn. 5 u. abbs. 8: ®e- legenh. z. hl. Deichte.
Sonntag, 23. März, 3. Fastensonntag.
6',,: Beichtgel; 7: Hl. Messe; 8: Austeil b. hl. Komm.; 9: Hochamt m. Preb.; 11: Hl. Meße m Preb.;
4: Fünglingskongregation; 6: Ehristenl.; darauf Paff • Anbacht. - Dienstag, abbs 6: Fastenanb. - Donnerstag, abbs 8: Fastenprebigt. - Diaspora-Gottesb. am 23. März: Grünberg 9’/,, Hungen 9',.
Lingeandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Da in vielen StÄ>en Not und Mangel herrscht, werden die vielen kleinen und großen, Leute mit ilwen so mühsam erhaltenen Lebensmitteln (Traglasten) auf den Eisenbahnen in Oter^ Hessen im Interesse der Menschlichkeit i. a. nicht belästigt.
Warum nimmt der Soldatenrat im Bahnhof Gießen solchen Reisenden die Traglast, die Nahrung weg? Wir haben doch an vielen Orten Hungersnot, an ter täglich viele tentsche Landsleute stauben!_______Gin Mensck-enfrcund.
Letzte Nachrichten.
Die dcntfche FricdcnSdclcganon.
Berlin, 21. März. In einer Kabinetts- sitzung am Freitag wurde unsere Friedenstele» gation, die sich nach Paris begeben wird, endgültig zusamme^e,'tollt. Die Neunen der Füftrer iter T-cic- ganou wurden vte> ■ vor längerer Zeit tekMtnt- gege.'e': Staa Lsekretä. des Ae ißeren Gras Brockdor i f- R a .: 1, Reichsmmi er Tr. David,
R>nck>smrittsüer G ie s b c r r s, Abgeordneler Prof. Waller S ch ü ck i n g - Marburg, Gesandter Dr. Adolf Müller-Bern und Bankier Tr. Molch i 0 r - Hamburg, ter an Stelle von Max Warburg ernannt worden ist.
Diesen führenden Unterhändlern stehen 3 8 Vertreter aus Handel und Industrie und aus dem teuttoen Ge i stes leben zur Seite, bet deren Auswahl das Kabinett möglichst alle Zweige des öfsentlickion Lebens berück sich'igt hat: Pros. Aereboe, Breslau, Geh. Komm.-Rat Arn- Iplb, Prof. Baumgar:en, Kiel, Geh. Rat Beullen- te:g von den Phönirwcrkcn, Prof. $extn, Mün- djen, Tr. Bosch, Ludwigsl,>asen, von den Anilinfarbwerken, Luio Brentano, München, Geh. Reg.- Rat Tr. Cuno von der Hamburg-Ameriltt-Linie, Tirektor Deutsch von ter A. E. G„ Geh. Kvmm.- Rat Tvtel, Leidig, Komm.-Rat Haaro, Lennep, Geh. Komm-Rat Louis Ipapen, Köln, Verbands- fetrelär Hartmann von den Hirsch-TmtDerschen Ge- trerVereinen, Generaldirektor Hernccken vvmN-ordd. ^loyd, Prof, von Hergesell, Berlin, Geh. Berglrat Hilger, Berlin, Abg> Frau Juchocz, Hermann Struck, Berlin (zioni^ischer Vertreter), Komm.-Rat Klenrm, Mmmheim, Bischof Ko rum, Trier, Abg. Legien, Tirekwr Lübsen vom Rlieinisch-Westfäli- fctett Kolüensyndikat, Reichs rat von Miller, Mün- djen, Obermeister Plate, Hannover^ Direktor Pöhl- mann von ter Vereinsbank in München, Walter Ratteuau, Berlin, Tr. Ratl)gen, Dahlem, Tr. von Rictemann, Hamburg, Louis Röchling, von ten Stummschcn Werken, Tirdktor Schmitz von "ber Metallgesellschaft, Frankfurt a. M., Direktor von Strauß, von ter Deutschen Bank, Geireralsekretär Stegerwald von ten christlichen Gewerksck^iften, Urbitz, Berlin, Vorwerk, Hamburg, Bankier Mar Warburg, Hanrburg, Prof„ Max Weder, Heidelberg, Withost, Hamburg.
Schließlich wurde noch eine dritte Gruppe von Mitarbeitern bestimmt, die während ter Frietens- verl-andlungen in Berlin bleiben und mit ihrem sachverständigen Rat dem Kabinett wie den Unter- l^ndlern in Paris zur Seite stehen soll. Diese Gruppe umfaßt sämtliche Zweige von Sxrnbel, Industrie und Wirtschaft. Tie deutsche Presse wrrd in Paris ihre besonderen Vertteter T)aten.
Dcr BerfofsunffSliuSschuß der Natioiililverfanimlnng.
Weimar, 21. März. Der Verfaffungsausschuß nahm heute Artikel 18 an, welcher lautet : „Zur Vertretung der deutschen Gliedstaaten bei der Gesetzgebung und Verwaltung bes Reiches wirb ein Reichsrat ge- bilbet." Der Ausschuß vertagt bann die weitere Beratung auf Montag nachmittag 3'/, Uhr.
Die Ncubildunff der preußischen Rtg'eruog.
Berlin, 22. März. Für den Fall, daß sich das Zentrum an ter Regierung beteiligt, kommen nach ter „Germania" das Justiz- ministerium, das neu zu errichtende Wohlfahrts- Ministerium und ein Minister ohne Portefeuille in Betracht Tie Demokraten mrufren einen Ver- mittlungsoorschlag in ter Frage des Kultusministeriums, nach dem die Entschndung über die Ein- ntljrung ter Kvnfessions- oder Simultanschule in die Hand ter örtlichen Sckmlgemeinten gelegt werten soll.
Tie Verteilunfl dcr eiuzuführenden Lebensmittel.
Berlin, 21. März. (Priv.-Tel.) 3m Reichsernährungsamt haben gestern Beratungen ftattgefun# den über bie Frage ber Verteilung ber aus dem Ausland eingeführten Lebensrnittel. Man wird bei der ersten Cebensmittclfenbunq bie ivbustriellen Gegenden und die Städte, die eine Einwohnerzahl von über 20000 Bewohnern haben, berücksichtigen. Da- durch werden bie ankommenden Lebensrnittel, namentlich Fett und Fleisch, einer notleidenden Bevölkerung von etwa 25 bis 30 Millionen Einwohnern zugute kommen.
Der Streit nm Polen.
Berlin, 22. März. Die „Deutsche Tageszeitung" nimmt Notiz von einer Pariser Meldung, nach der sich sowohl die deutsche wie die interalliierte Kommission an Erzberger mit dem Ersuchen gewandt habe, jetzt nach Abbruch ber Verhandlungen eine neutrale Persönlichkeit vorzuschlagen, die bei Kommission für Polen beitreten soll, um den Streif zwischen Deutschen und Polen zu schlichten.
Aufhebung der Blockade über Oesterreich und Ungarn.
Wien, 21. März. (WTB.) Das Korrespondenz- bureau teilt mit: Das Staatsamt für Aeußeres erhielt von der italienischen Waffenstillstandskommission bie Mitteilung, bah in Paris die vereinigten Mäckte einstimmig dieAufhebung derVlockade über das ehemalige Oe st erreich-Ungarn beschlossen haben. Die praktische Tragweite der Aufhebung der Blockade kann augenblicklich, da genauere Mitteilungen noch n cht oorliegen, nicht beurteilt werden, doch dürfte sich daraus jedenfalls ergeben, daß Waren, die nicht als Kriegskontrebande betrachtet werben, aus neutralen Landern bezogen werden können, und daß Schiffen neutraler Staaten bas Anlaufen der adriatischen Häfen gestattet ist.
Ungarn wieder im Kriegszustände mit der Entente?
Berlin, 22. März. Ter „Lokalmrznrrer" meldet: Nach einer spät abends pier aus Budapest eingetr-offenen Meldung befindet sich U n - gern seit heute nachmittag wieder im Kriegszustände mit ter Entente. Eine Bestätigung dieser Meldmm war nicht zu erreichen, da eine telephonische Verbindung mit Budapest in ten Abendstunden nicht nwgluf> war. Im Laufe des Nachmittags waren aus Budapest Gerüchte einge« laufen, daß die ungarische Regierung temmif-,saniert habe, um einem saziali rischen Ministerium Platz zu machen. Tie Zeitungen sind nicht erschienen, da dcr /öetzerstreik, ter einen politischen Etzarakter Hot, noch fortdauert.
Znm teueren Versiündnis dieser Meildung sei auf eine gestrige Meldung hingewiescn, wonach die Entente die Besetzung von fast ganz Ungarns mit Ausnahme von Budapest plant, weil die ungarische Regierung sich der bolschewistischen Bewegung gegenüber zu schwach getzeigt bäte. Was an all diesen Gerüchten wahr ist, muß abgavartrt werten.
Die Arbeiterbewegung in England.
London, 21. März. (WB.) Die Eisenbahner haben den Vorschlag ber Regierung abgelehnt.
®beri)effijd)er Kunitoereln.
Giesten, 22. März 1919.
Tie diesmalige Ausstellung im Oterhesfischen Kunswerein steht int Zeickien des Expressiv- u i s m u s, ter durch eine sehr starke künstlemsche Kraft vertreten ist. Der Boden für diese Kunstrichtung ist hier in Gicsten noch nicht geebnet, obwohl he sich in kurzer Zeit durchgesetzt hat und einer ihrer ausgesprochensten Vertreter, Kokoschka, neuerdings an die Kunstakademie von Lerpzig berufen wurde.
Expressionismus ist im Grunde genommen ein Weltansck-auungsproblem, das mit text Worten nicht abge an ist Es in seinem ganzen Umfange »ii verdeutlichen, mangelt uns auch der Raum. Um seine Malweise dem allgemeinen Verständnis näher zu bringen, müssen wir uns daher daraus besck)-ränken, lediglich die opttsche und maltechntschc Wurzel seines Wesens zu entblösten.
Optisck>e Gesetze, besonders das ter Komplementär- (sich ergänzenden! Farben, von Goethe zuerst untersucht, von Helmcholtz weiter ausgebaut, wurden zum Ausgangspunkt ter neuen Richtung. Man ging auf das für ten Maler Primäre, die Farbe, zurück und fhtteerte die Wirkung der Farben zunnander. Ihre Erkenntnis, ihr Studium, die Erfüllung ihrer eigentümlichen ^-ordc- rungen bildete ten neuen Stil. Tie bisherige Maleret ging von dem neutralen Don ter Untermalung aus, bestimmte den meist kreisförmigen Äck'tgang und beachtete das Gleichgewicht über der senkrechten Achse. Die Farbe wurde allmählich aus dem Unterton htwaus gesteigert, sie war nur wichtig als Valeur (V.üeur ist tee Einordnung des Farbflecks zu Hell und Dunkel des Btltes-. Erst ganz zum Schluß setzte man die schärfsten Farben auf Ter neutrale Ansangston teittmmte den Gesamtcindruck. (Carriöre, Legros, WlmUers.) Tie Farbe als solche spielte hierbei nur eine unter-, geordnete Rolle.
. Manet und die Jmpresttonrsten brachen mit dieser Tradition. Sie suchten das Brld ntcht mehr langsam vom Schatten zum Ltcht, vorn neutralen Ton zur Farbe zu steigern, sondern suchten mner- halb der tonigen Einheit die grötzte Farbigvrnt zu erreichen. Renoir baut in ter Spä zeit lerne -outer fchov. außerhalb der tonigen Einheit auf Rots,
Grüns und Blaus auf, und über iljtt führt ter Weg zu Cezanne und van.Gogh, der seine Bilder rein auf die Farbe hin sttlisicrt.
Das Gesetz dcr Komplementärfarben wurde praktisch nunmehr angcivendct. Tie ErVmntuis, daß farblose Flack)en durch Farbscärke in ilwcr Erfckseinting vereitert und zur entgegengesetzten Farbe hingedrängt werden, wurde maß^bend für die ganze Bildgeslaltung. Ter Expressionismus in dtcser Form geht von ter Warm Farbe aus, ohne an thre Beziehung zu Licht oder Dunkel zu denken, unb bestimmt nach ihr die neutralen Flächen in ihrer Farbigl'eit. An S elle ter allen Valeurs gibt hier ter Erpvessionist die Intensität, die sich je nad) ter Kraft ter Haupcharbe steigern must Taher die grelle FarbigLit dieser Bilder. Ton = Valeurs und Farbstärke = Jntcnsi ät bilden ten Gegensatz zweier Kunstrichtungen. Früher ergab die Toneinhcit das Gleichgewicht des Bildes, letzt ter harmonisch abgcwogeire Kvuttast ter Farten. Um die Wirkung zu steigern, beschrätnkt man sich zumeist mit die reinen, ungebrochenen Lokalsarben und schafft intensiv farbige Bilder im Gegenspiel ter Klänge: rot-grün, gelb, violett usw. Die Reinkultur ter Farbe hat ihre Bewertung als Stimmungsträger im Gefolge. Farben rufen in unserer Vorstellung bestimmte G-fuhlc wach. Blau beruhigt, rot wirkt aufregeitd, violett traurig usw., doch kann darauf nicht näher eingegangen inerten. Einige Bi.der der Ausstellung mögen hieraufhin geprüft wcrdm.
Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung mustc auch die Kontur neue Bedeutung geivinnen. Im Gegensatz zu ten früheren Meistern, die aus ihrem einheitlichen Tongefühl heraus die Kontur möglichst weich und ytri machten, um Uebcrgänge vom Hell zum Dunkel zu gewinnen, sind hier die Farbfläckien in scharfen Kvnruren voneinander abgesetzt. Hiecdurck? wird einmal die Farbe noch er- hebltch in ihrer Intensität gesteigert: dann geivinnt die Kontur, die ebenfalls immer einsack-er wird, eine selbständige Bedeutung. Sie wird wie die Farbe zum Ausdrucksmittel. Ties Bestreben, das auch darauf hindrängt, das Hauptsächliche unter Vernackstässigung des NebenkächlickKM hervorzuheben und die Biütmitte besonders zu betonen, um den Bildorganisinus zusammenzuhalten, erweckt ein seines rhythmisches Gefühl.
Aus jeden Fall möge man beachten, datz Malerei zuerst von opttschen uni> anschaulichen Gesichtspunkten zu bcttachten ist, da sich aus ihnen erst die Vermittlung seelischen Inhaltes ergibt.
Innerhalb ter angedeuteten Rtckstung nimmt E. V e tz l e r - Frankfurt, dessen Bilder diese Einführung veranlaßt baten, wieder eine gesonderts Stellung ein. Der Aufbau auf Komplementärfarben ist bei ihm nur mehr in wenigen Bildern klar zu verfolgen. Nur der Vicrllang rot-grün-blauorange ist verscküotentlich rein angewendet, während er sonst zumeist das Rot ober Orange aus- fallen läßt, ohne sie durch einen anderen Farbwert zu ergänzen, wodurch seine Bilder einen kühlen Gesamtton erhalten. Seine Porträts werden viele Be- vdxiuer auf ten Weg Mm Verständnis ter Kompositionen führen, von denen mandjt kraftvoll belebt sind und den Rhnthmus ter Bildfläche beherrschen. Es ist bedauerltch, daß die Bewegung des Aktes, zumal des weiblichen Aktes, vielfach den Eindruck von etwas Ungelöstem tehält, während ber kauernde Akt ihm ausnahmslos gelingt. Visionäre Kraft steckt in ter „Freund", „Erkenntnis", „Wasserrosen", oder in der Zeichnung die ^.Besiegten".
Wie Rückkehr in eine andere Welt muten die Arbeiten des in Gießen besonders geschätzten Pvr- ttÄkünstlers O. I u n g - Stuttgart an, ter sich in seiner hier öfter gekennzeichneten Art ruhig und sicher fortentwickelt. Seine Bilder zeigen eine weiter zunehmende Verlebendigung.
Neu ist ter Gießener H. Geilfuß, dessen EntüTicklung noch nicket llar zu bestimmen, dessen Hauptstärke ater in der Richtung der Studien „Arbeitende Frauen", „®ertrietene" und „Der Herr spricht mit Moses" zu suchen ist Seine farbigen Arteiten schwanken noch zwischen stilisieren- tent Kunstgewerblertum und dtsfusem Impressionismus. Hter als stärkstes ter Gießener Bahnhof.
Die Ausstellung wird für Gießen ein Ereignis bilden. zz.
Siebener Theaterverein.
Gießen, den 21.März 1919.
Alessandro Stradella.
Oper mit Ballet von Fr. v. Flotow.
Flotows Oper „Aleffandro Sttadella", die 1844, drei Fahre vor der mehr gespielten .Martha-, zur
Erstaufführung gelangte, lehnt sich in ber Handlung einer Anekbote aus dem Leben bes Sängers und Komponisten Stradella an, ber im 17. Jahrhundert lebte. Demnach ließ ihn ein venetianischer Nobile, besten Geliebte ber Sänger entführte, burch Banditen verfolgen. Diese trafen gerade in Rom ein, als Stradella tm Begriffe stand, sein Oratorium „San Giovanni Battista" in der Laterankirche aufzuführen. 3m Banne seiner Musik standen die Banditen von ihrem Mordplane ab. 3n der Oper ist aus technischen Gründen statt des Oratoriums eine Marren- hymne eingesetzt, bte den Kern- und Höhenpunkt des Werkes bilbet Sonst ist bie Oper an wahrhaft musikalischen Einfällen nicht sehr reich unb ihre Melodik ziemlich flach. Der Stimmung der Handlung ist bte Musik meist nur sehr bebingt angepaßt.
Ms Mitwirkenbe waren von früheren Aufführungen her bekannte Kräfte des Frankfurter Opernhauses gewonnen. Für Mara Friedfeld aus Wiesbaden war Frl. Kal len fee- Darmstadt eingetreten. John Gläser als.Sttadella war diesmal etwas matter unb gab den Ton nicht ganz so frei und ungezwungen her. 9m letzten Akt bei der Hymne „Jungfrau Maria" wie in ber Aufführung bes „Iroubabour" holte er allerbings vieles wieder ein und ließ bas Lied zum dynamischen Höhepunkt der Oper werden. Unvergleichlich in der mimischen und musikalischen Charakteristik ber beiben Galgenvogel Malvolio und Sarbarino, denen die Oper wohl ihren Hauptteiz verdankt, waren Richard von Schenk und Hermann Schramm. Was über sie anläßlich des Waffen- schmiedes gesagt wurde, kann mit Unterstreichung nur wiederholt werben. Schenks weicher, farbiger Baß nahm mit ausdrucksvoller Leichtigkeit jede Pastage und fand in Schramm, besten erfrischender Tenor den Waffenschmied belebte, auch hier, zumal in den mehrfachen Duetten, einen idealen Partner. Walter Schneider als Bassi mußte sich mH einer wenig dankbaren Rolle begnügen. Fräulein Kallensees Stimme war klanglich sehr ansprechend' und in ber Koloratur fast schlackenrein. Der Chor erwies sich als sehr geschult. Belebt wurde er durch anmutige Balletts, ausgeführt von Tänzerinne» des frankfurter Opernhauses. Kapellmeister Franz Neumann dirigierte wiederum bie Bad-Nauheimer Kurkapelle, die über einzelne Unstimmigkeiten nicht hinwegkam. Die Aufführung hinterließ einen sehr guten und einheitlichen Eindruck.,


