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m. 2^9 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, (9. September 1919

Vorsicht, Aurwandererfallen!

Die Reichszentrale für Heimat- bienst, Abteilung Hessen, schreibt uns: .

Eine selbstverständliche Folge unserer gehörten urrd schwer darnicberlieaend^n Volkswirtschaft, der 2lrbeitsbosigkei1, Ernährungsschwicrigkeiten und sonstiger tiefgreifender Lebenserschwerungeir, ist die gesteigerte Lust weiter Kreise, der Heimat den Rücken zu kehren, um ihre Existenz in anderen, womöglich überseeischen Ländern neu auszubauen. Wir werden es nicht ganz verhindern können, daß zahlreiche volkswirtschaftlich wertvollen Ar­beitskräfte uns dadurch verloren gehen. Zum wenigsten aber wollen wir versuchen zu verhüten, daß derartige Leute gewissenlosen Schwindelunter­nehmern in die Hände fallen. In letzter Zeit häufeir sich die Nachrichten, daß besonders in größeren Verkehrszentralen derartige Unternehmen auftauchen, die weiter keinen Zweck fraben, als Auswanderer unter Vorspiegelung falsck)er Tat­sachen anzulocken, Geld von ihnen zu erpressen und sie dann in fernen Ländern hilflos dem Untergang auszusetzen. So wird in Zeitungs­anzeigen mit großer Reklame der Bezug einer DenkschriftAuswanderer nach Süd-, Mittel- und Nordamerika, Afrika, Asien und Australien" 1919 zum Preise von 4,50 Mk. an gepriesen. Die Schrift enthält außer 10 kleinen Druckseiten eine Zu­sammenstellung von Unterlagen, die meistens aus Zeitungen und sonstigen Veröffentlichungen ent­nommen sind, und entbehrt für eine sachgemäße Aufklärung der Auswanderer jeglicher Bedeutung. Der geforderte Preis steht in keinem Verhältnis zu dem Wert des Buches.

Von brasilianischer Seite wird in Deutsch­land Propaganda gemacht für die Auswanderung nach Brasilien. Wir erlauben.uns, darauf hinzu- weisen, daß in Brasilien die Deutschen im wesent­lichen als Kulturdünger .mißbraucht werden, die yur Melioration der großen Sumpfgelände dort chve Pionierarbeit verrichten und dabn zu Grunde gehen zu Gunsten der Nachfolger, die meistens nicht deutscher Abstammung siiid. Es ist ange­bracht, nach dieser Richtung hin Aufklärung zu geben.

Die südafrikanische Sickelungsgesellschaft in Kapstadt, London und Amsterdam, welche in Ber­lin, Taubenstraße 23 ein Zentral-Kontinental-' buvoau unterhält, bietet zum Kauf Ananasplan- tagen in Südwestafrika an. Die in den Werbe­schriften enthaltenen Angaben über andere Mög­lichkeiten in Südwestafrika und die Nentabilitäts- -rrechnungen entsprechen den tatsächlichen . Ver­hältnissen nicht und sind geeignet, Landesunkun- dige zu täuschen, und ihnen erhebliche Verluste zu bringen. Vor einer Beteiligung an dem Unter­nehmen wird dringend gewarnt.

Es kann wohl fein Zweifel darüber bestehen, daß dieser gesteigerte AuÄvanderertrieb eine vor­übergehende Zeiterscheimurg ist. Viele von denen, di-e heute ins Ausland gehen, werden, wenn, die Verhältnisse in Deutschland besser und geordneter geworden sind, in ihre Heimat zurückkehcen. Das .Heimweh ist ja eine der besten deutscher Eigen­schaften und es wird verstärkt werden durch die Leiden und Befehdungen, die jeder Deutsche, der heute ins Ausland geht, dort durchzumachen hat. Oft es also schon für einen Arbeitslosen heute ein großes Wagins, die deutsche Heimat zu verlassen, so wird die Auswanderung geradezu zürn unver­antwortlichen Leichtsinn, wenn jemand um ihret­willen eine einigermaßen gute Stellung im In­land aufgeben wollte.

Zweifellos ist auch, daß der Zug ins Aus- land abgeschwächt werden wird, toeint es dem Reiche gelingt, die Siedlungskolonisation im Jn- lanbe erfolgreich durchzuführen. Wird dies nickt möglich sein, so muß mit allen Mitteln versucht werden, geschlossene Siedelungen in das Ausland m bringen. Es wird daher allen Personen, die sich mit dem Gedanken befassen, Deutschland den Rücken zu kehren, auf das dringendste empfohlen, sich vor endgültigen Beschlüssen an die Zweig- Frankfurt a. M., Kaiserstraße 79, zu wenden, wo ihnen schriftlich und mündlich Auskunft über alle Fragen kostenlos erteill wird.

A«s Stadt und Land.

Gießen, den 19. Sept. 1919.

Eine Kundgebung der Reichswehr in Gießen.

Heute vormittag 11 Uhr wurden die Ein­wohner der Stadt Gießen Lurch das klingende Spiel unserer Reichswehr überrascht, die, von einer Felddienstübung heimkehrend, in ge­schlossenem Zug, 1000 Mann stark, und in voller Ausrüstung vor das Bürgermeifterei-

gebäude zog und dort Aufstellung nahm. Der Führer, Hauptmann von Eisenhardt, befahl zwei Soldaten, den Oberbürgermeister und die Beigeordneten ans Fenster zu bitten, welchem Iiufe die Genannten denn auch alsbald folg­ten. Hierauf verlas Hauptmann von Eisen­hardt folgende

Erklärung:

Tic Reichswehr der Garnison Gießen pro­testiert gegen die Vergewaltigung pes Stadtparlaments in der Sitzung am 15. September im Namen ihrer Kamerad m, die als Gießener Bürger ein Anrecht darauf ha­ben, ihre Meinmrg ösfentlich zur Kenntnis der Stadt zu bringen.

Im Namen der Kameraden erlaube ich mir, die Herren der Stadtverwaltung darauf Hinz ti- weisen, daß bie Reichswehr die Aufgab: hat, Rulze und Ordnung aufrecht zu erhalten, und zwar, in Unterstützung und auf Ansorderungen der Zivil­behörden, und den Maßnahmen der Re­gierung Geltung zu verschaffen.

Die Reichsivehr erklärt, daß sie starkes In­teresse an dem Ausbau der von dem Hwrn Reichs- wehrministec anZeordneten Sicherheitsverbänden und deren Bewaftnung nimmt, daß sie erfahrungs- gentöf, Putsche während ihrer Abwesehenheit mit dem Blut ihrer Kameraden bezahlen muß.

Dem Herrn Oberbürgermeister und dem Stadt- parlanrent wird das Vertrauen der Reichswehr ausgesprochen.

Hierauf fuhr Hauptmann von Eisenhardt fort:

Meine Herren!

Im Anschluß an die eben verlesene Erklärung erlaube ich mir im Namen der Kameraden von der Reichswehr einiges hinzuzufügen: Wir kom- nten nicht, um einen Druck auf die Entschließung der Stadtverwaltung auszuüben, wie dies in der letzten Stadtverordnetenversammlung oon anberer Seite geschehen ist. .Wir wollen lediglich darum bitten, daß Maßnahmen im voraus getroffen werden, welche verhindern, daß innere Stadt der Schauplatz von Unruhen und Putschen wird.

Es ist meine Pflicht, als dienftältester Offizier des hier garnisonierenden Reichswehrbataillons Sie darauf hinzuweisen, daß nicht damit zu rech­nen ist, daß das Reichswehrbataillon sich dauernd in der Garnison befindet. Es ist vielmehr damit zu rechnen, daß die Truppe zeitweise außerhalb der Garnison verwendet wird. Die Erfahrung lehrt aber, daß die Umsturzparteien dann los sch lagen, wenn sie ihres vollen Erfolges sicher sind, und ein solcher Fall könnte eintreten, wenn die Reichswehrtruppe abwesend ist. Die Behauptung der kommunistischen Führer, sie hätten ihre Massen in der Hand, ist nichts als ein leeres Schlagwort, darauf berechnet, die Oeffentlichkeit irre zu führen. Meine Herren, auch Gießen muß aus seinem Dornröschen-Schlaf heraus. Die Vorgänge in der letzten Sitzung im Stadtparlament, und in größerem Umsange die Vorgänge in Berlin, München, Hamburg und Bremen sollten auch für jeben klardenkenden Gießener Bürger eine Mahnung fein und gezeigt haben, daß durch unverantwortliche Hetzer auf­geregte Menschenmassen nicht in der Hand ihrer Führer bleiben. Die betreffenden Führer erklären dann einfach im geeigneten Moment, die Menge sei nicht mehr in ihrer Hand, es sei höchste Zeit, die Forderung zu erfüllen. Zum Schluß wird barm doch auf die Reichswehr zurückgegriffen, die dann mit ihrem Blut die Versäumnisse anderer Stellen wieder gut zu machen hat.

ÄLeine Herren, als derzeitiger Führer des Bataillons ist es meine vornehmste Pflicht, dafür £u sorgen, daß nicht ohne Not einer meiner längsten Kameraden von der Reichswehr ein Haar gekrümmt wird und daß jedes unnütze Blut­vergießen für die Neichswehrtruppe ver­mieden roirb. Mr wollen nicht, wie es in anderen Städten geschah, nach Abwesenheit aus der Garnison unsere eigenen Kasernen stürmen müssen.

Ter 2. Punkt mehrer Ausführungen, die ich an die Oeffentlichkeit richte, betrifft die Reichs­wehr und ihre Stellungnahme zur Bevölkerung.

Weite, sonst gut deutsche Kreise der Bevöl- fentng stehen abseits von der Reichswehr, weil sie über deren Aufgaben und Ziele nicht orientiert sind.

Zweck der Reichswehr ist, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, den Maßnahmen der Regierung Geltung zu verschaffen und für den Wiederaufbau eines innerlichen freien und auck nach) Außen freien deutschen Vaterlandes zu wirken. Wir fordern alle Bolkskveise, denen diese Ziele am Herzen liegen, auf, uns hierbei zu Helsen. Mit dem Beiseitestehen urtb dem Bezeugen einer

ablehnenden Kritik ist nichts getan. Wir fordern auch bie je Bolkskreise auf, uns ihre Jungens als Freiwillige zu schicken. Sie sind uns herzlich; mill- ko mmen.

Daß unfer Vaterland wieder groß und frei ans der Schmach dieser Zeit erstehen möge, das ist unter aller Wunsch

Unser freies deutsches Vaterland und unsere f (fröne Garnisonstadt Gießen, sie leben hoch !

Die Musik spielteDeutschland Deutsch­land über alles", und die zahlreich herbei­geeilten Zuschauer stimmten lebhaft in dieses Lied ein. Während die Musik dasNieder­ländische Dankgebet" anstimmte, begab sich der genannte Hauptmann in das Bürger­meistereigebäude, um die Erklärung persönlich zu übergeben. Wie wir erfuhren, war die Kundgebung von den Mannschaften des Re­giments gewünscht und veranlaßt worden.

*

** T ie Einführung des Winter- ahrplans verschoben. Ein neuer Winter­ahrplans war zum 1. Oktober vorgesehen. Tie iputschen Eiseirbahirverwaltirrigen haben soeben ver­einbart, den neuen Fahrplan erst am 5. Oktober einzuführen. In Bayern dürfte er am 1. November eingeführt werden. Ter Grund der Verschiebung ist folgender. In dem besetzten deutschen Gebret links des Rheines wird auf Geheiß des Chefs des Feldbahnwesens der Besatzungstruppen in d:r Nacht vom 4. zum 5. Oktober die westeuropäische Zeit eingeführt. Sort gilt jetzt die mitteleuro­päische Zeit, die der Sommerzeit Frankreichs ent­spricht. Die Franzosen haben bekanntlich die Sommer freit, die sie Deutsche Zeit, l'heure boche, nennen, in diesem Jahre bei behalten, während sie in ihrem Ursprungsland nicht wieder eingeführt worden ist. Wenn nun links des Rheines am 1. Oktober der Winterfahiwlan eingeführt würde, so Mßte dort in der Nacht vom 4. zum 5. Ok­tober ein zweiter Fahichlanwschsel stattfinden. Durch die Verschiebung wird der doppelte Wechsel vermieden. Einige weitere Einschränkung m sind jetzt nachträglich in diesem verzögerten Winter­fahrplan vorgesehen worden.

** Meldepflicht für die gewerb­lichen Verbraucher von Brennstoffen im Oktober 1919. Gewerbliche Verbraucher von mindestens 19 T. Kohle, Koks und Bri­ketts monatlich müssen laut Bekanntmachung des Reickskommissars für die Kohlenverteilung vom 6. September 1919 (Reichscmfreiger Nr. 208) die üblichen Meldungen bis spätestens 5. Oktober er­neut erstatten. Zur Beseitigung von Zweifeln über die Meldepflichtigkeit der Brennstoffe ist in einem neuen Absatz des 8 1 der Bekanntmachung aus­drücklich aufgefüfrrt, welche Brennstoffe zu melden sind. Im übrigen sind Aenderungen in der Be­kanntmachung gegenüber dem Vormonat nicht ein- getreten. Die Meldekarten sind bei den bekannten Stellen zum Preise von 0,40 Mk. für ein Melde­kartenheft mit 5 Karten (0,50 Mk. für ein Melde­kartenheft mit 6 Karten) nebst Wortlaut der Be­kanntmachung sowie von 0,10 Mk. für eine Einzel­karte erhältlich.

** Zur Er leichterung des Ueber- ganges von Reichswehrangehörigen in das Wirtschaftsleben hat der Reichswehrminister bestimmt, daß diese auf ihren Wunsch sogleich be­urlaubt werden, wenn sie eine Arbeitsstelle ge­funden haben und ihre Entlassung infolge der Heeresverminderung vorgesehen ist bis zum eigent­lichen Entlassungstag. Eine Rückkehr zum Trup­penteil ist nicht mehr nötig..

Kreis Schotten.

Up. Aus dem Vogelsberg, 18. Sept. Ebereschen und Birken tragen in diesem Herbste keine Frückltr. Dieselbe Erscheinung tritt auch bei den Obstbaumen auf. Bäume, bie im vorigen Herbst reich behangen waren, sind in diesem Jahre leer. So hingen aiufr die Ebereschten-Wogekbeeren im vorigen Sommer übervoll. Bei den Ebereschen mag nun auch das starke Sammeln der Früchte im letzten Kriegsjahre mitsprechen, wodurch die Fruchtzweige verloren gingen. Berechtigtes Aufschm erregt das ungewöhnlich lange Verweilen der Schwalben bei uns, das mit der Hochfiommertenlpcratur des Sep­tembers und den zahllosen Fliegen- und Mücken­schwärmen in Zusammenhang steht.

Kreis Büdingen.

4 Aus dem Niddertal, 18. Sept. Solch prachtvolles, beständig trockenes Wetter hat uns der Nachsommer schon lange nicht mehr gebracht. Es herrscht eine Hitze wie in den Hnndstagen, das Wetter z. Z. der Grummeternte war noch schöner als z. Z. der Heuernte.' Das nach dec Heuernte infolge einsetzenden Regens noch reich­lich gewachsene Grummetgras kam so schön wie

noch selten in die Scheunen, und die Getreide­ernte, die infolge der kühlen Witterung des Juli sehr zurück war, tonnte rasch geborgen wer­den. Der Körnerertrag ist befriebigenb, das Stroh sehr klein und knapp geraten. Guten Stand weist bie Obsternte auf, die beim Spät­obst besser ausfällt, als man dachte, auch ist das Obst gesünder gewachsen, als in den letzten Fallen, so daß es verhältnismäßig wenig Fallobst gibt: leider muß es nur überall, weil es vor Hamster- unb Tiebeshänden nirgends sicher ist, vielfach zu früh abgemacht werden und bekommt durch die Unvernunft des Publikums, das sich bei den Ver­steigerungen in unsinniger Weise in die Höbe treibt und durch die große Nachfrage der Händler aus den Großstädten Preise, die bei der guten Ernte in dieser Höhe nicht gerechtfertigt sind. Die Kartoffelernte verspricht durch das schöne Wetter ebenfalls gut zu werden, so daß hofsenllich jedem ein auskömmliches Quantum bewilligt wer­den kann. Regen wünscht der Landmcmu, jedoch baldigst, für die Ricken und die Raps- und Getreideaussaat, da die Felder völlig ausgetrocknet sind. Auch die Gemüseernte ist freuet sehr gut geraten, Gurken, Bohnen und Tomaten gibt es in seltener Menge und Schönheft.

Meteorologische Beobachtungen _____der Station Gießen._____

Votum

Temperatur der Luft

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

ffiraö der Bewöl­kung in Zehntel der sichtbaren Himrnelsflöch«

! Wetter

18. 9.

18. 9.

19. 9.

Höchste

nm. abbs.

om.

Tempe

19.9

14.1

12.0

catur

11.3

11.0

10.5

am 18

66

92

100

.9.=

8 0

10

= 20.4°,

wechs. bewölk: nachts Rebel

19. 9. = 14.6°.

Niedrigste 18.9. -= 13.8, 19. 9. --- 10.8e

Wettervoraussage

für Samstag:

Wechselnd bewölkt, Regenschauer, Dempevatur wenig geändert, westliche Winde.

Letzte Nachrichten.

Malsnworte an die Landwirte.

Neustadt a. d Haaftü, 18. Sept. (W. B.i Der Zweckverband der landwirtschaftlichen Körper­schaften der Pfalz, in dem sich die gesamte pfäl­zische Landwirtschaft organisch zufammengeschlvssen hat, erläßt in ben Zeitungen einen Aufruf, in dem es heißt: Die Preise für Brotfrucht, Karto ffeln , Fleisch und Milch sind ge­rade in der letzten Zcnt durch dringende Vorstel­lung unserer landwirtschaftlichen Vertretungen nickst unwesentlich erhöht worden. Wir möchten deshalb an alle unsere Berufsgenossen die drin­gende Bitte und Mahnung ergeben lassen, doch unter allen Umständen auch der öffentlichen Be­wirtschaftung frufrufüfreen, was irgend möglich ist. Weist dem Hamsterer, dem Schieber und dem Schleichhändler die Tür, auch wenn et noch so viel für Eure Produkte bietet. Es kommt jetzt darauf an, unser Volk noch einmal über einen hatten Winter hinüberzubringen. Wir werben alles daran setzen, Euren berechtigten Wünschen Gel­tung zu verschaffen. Aber wir müssen auch dem Volksganzen Rechnung tragen, wenn unser Volk als solches weiter bestehen unb das Deutsche Reich wieder in die Höhe kommen soll.

Eine Spionageorganisation im Osten.

Königsberg i. Pr., 18. Sept. Hier wurde eine von polnischer Seite ausgehende und finan­zierte Spionageorganisation aufgedeckt und unschädlich gemacht, ehe sie sich voll entfalten und wirksam betätigen konnte. Der Hauptschuldige, dessen Nationalität noch nicht feststeht, sowie fünf ferner Mitschuldigen, die größtenteils geständig sind, sind gefangen gesetzt. Das gefundene Beweis- material ist erheblich. Die Hauchmittelpuntte der Spionage waren die Bahnhöfe Königsberg, I n ft e r b u r g , Tilsit und Stallupönen. Ihr Zweck war die Feststellung der Stärke und Bewaffnung des Grenzschutzes, ferner die Truppen- Verschiebungen längs der jwlnischen Grenze.

Die Berliner Polizei.

Berlin, 19. Sept. In der Berliner Stadtverordn etensi tzun g kam es gestern zu einer erregten Aussprache über die Zuftlnst der Berliner Polizei. Es wurde ein Anttag angenom­men, auf eine Regelung hinzuarbeiten, dre den Bedürfnissen der Bevölkerung wie der Polizei­beamtenschaft, aber iiafr der städtischen Finanz- tage Rechnung trägt.

Das Glück der andern.

Original-Roman von Erich Eben stein.

Copyright 1916 by Greiner & Comp., Berlin W 30.

^Nachdruck verboten.) Fortsetzung 10.

Aber bedenke, Mama," wollte Evelyn betroffen einwenden. Doch die Mütter fuhr fort: Gerade weil sie reich und toir arm sind was er doch wissen muß,, dürfen toir in keiner Weise ben lächerlichen Versuch machen, ihnen im­ponieren zu wollen. Er mag uns kennen lernen, wie wir sind, arm, aber anständig unb ehrlich, dann roirb er uns wenigstens.ferne Achtung nicht versagen können."

Evelyn schwieg. Vielleicht hatte die Mutter recht, vielleicht imponierte Magnus undseiner Sippe" gerabe das! Aber bie Ausstattung mußte natürlich doch künftigen Verhältnissen angepaßt roerben.Uno eine solche Ausstattung könntest du selbstverständlich nicht leisten, Mama. Ich habe darum an Tante Ada in Wiener Neustadt ge­dacht. Sie hat keine Kinder und ist reich. Ich nur immer ein wenig ihr Liebling, und ihr Mann ist dock» Papas Bruder!"

Aber sie ist bei aller Protzerei geizig," warf Emmy ein,sie hat keinen Heller bei meiner Ausstattung geopfert!"

Bah, sie ist noch mehr eitel als geizig. Eine Nickte als Gräfin zu haben, wird ihr schmeicheln. Schließlich deute ich ihr an, daß man sie zum Dank dann einmal nach,Rettenegg ernläbt."

Mama Losenstein, die sich nie gut mit der hochmütigen Schwägerin gestanden hatte, fuhr auf:

Wie du willst Tante Ada anbetteln? Tas dulde ich trübt! Sie hat nie etwas für unZ übrig gehabt!"

Für mich ja! Sie hat drei Jahve lang die Kosten meinet Pensvonataufenthaltes gezahlt!"

Tu weißt ganz gut, daß dies jrur geschah, um mich zu ärgern, weil ich es dir damals ab- schlug. Mittellose Töchter eines Subalternbeamten gehören nicht in ein aristokratisches Pensionat! Leider hast du diese Art von Stolz, die ihre 9Irmut nicht als Schande stets zu verbergen trachtet, son­dern mit ruhiger Würde trägt, nie verstanden, liebe Evelyn. Sonst würdest du jetzt Tante Adas Hilfe nicht erbetteln wollen, wie du bisher nicht ihre abgelegten Kleider getragen hättest, um in Gesellschaft damit glänzen zu können!"

Evelyn war feuerrot geworden.

Tu vergißt ganz, Mama," sagte sie über­legen,daß ich ohne diese Pensionsjahre und die Toiletten .Tante Adas weder Bootens Freundrn geworden wäre, noch mir eine Position in der Gesellschaft errungen also Magnus auch nre kennen gelernt hätte."

Wir werden erst sehen, ob seine Leute dich nicht immer über die Achseln ansehcn und als Eindringling behandeln werden! Du mußt ihnen sehr, sehr viel an inneren Werten entgegen brin­gen, wenn . .

Tas laß nur meine Sorge ,ern, Mama! Ich werde es fefron verstehen, mir Geltung zu ver­schaffen. Uebrigens hat Magnus nur noch eine Mutter. Was nun die Ausstattung betrifft, so mußt bu dock, jugeben, daß du sie mrr ja doch gar nicht verschaffen kannst!"

Sn vier Wochen natürlich nicht. Wenn du mir afrer Zeit läßt, sollst du eine ebenso ge­diegene Aussteuer wie Emmy . . ."

Tanke. Tiefes stückweise Anschaf-cn ist gar nicht nach meinem Gesckmack. Durch Tante Uba geht die Sache viel einfacher auchfür dich. Tu

hast bann weder Scherereien noch Auslagen, denn Tante Ada wird sicher alles selbst besorgen wollen unter meiner Aegide natürlich! Da sie ja gerne protzt, roirb sie auch nicht knauserig sein nt biefem Fall!"

Tie Mutttr schwieg verletzt. Wie schon so oft, fühlte sie schmerzluh, bafr Gxllm sie nicht brauchte, und nur ihren Bottell in Betracht zog.

Als Evelyn bann endlich in ihrem Schlaf­kabinett stand und sich anschickte, zu Bett zu gehen, glitt Modesta aus ihrer Ecke noch einmal zur Schwester hinüber.

Siebft bu ihn sehr, Evh? Liebst du ihn wirklich und wahrhaftig?" fragte sie, die Arme um der Schwester Nacken legend, und ihr forschend in die Augen sehend.

Mit Beftemden merkte Evelyn, daß die sie umschlingenden Arme bebten, und die übergroßm dunklen Augen der kleinen Schwester einen selt­sam angstvollen Ausdruck trugen.

Was haft du, Modesta? Natürlich liebe ich ihn wie kommst du zu der Frage?"

Weil ... du weißt . . . gestern abend jn der Zeisiggasse der fvemde Herr, mit dem du sprachst ich dachte ich fürchtete"

Wie von einer Natter berührt, wich Evelyn zurück. Ein Schauer lief durch ihren Leib. Aber sie faßte sich rasch, stieß Modesta unsanft von sich und sagte in gereiztem Don:Ich weiß wirk­lich nicht, wie du dazu kommst, dich in meine An­gelegenheiten zu mischen? Jener Herr war ein Bekannter, ben ich zufällig traf. Was hat er mit meiner Verlobung zu tun?"

Modesta senkte beschämt den Kopf.

Evelyn aber, deren ärgerliche Stimmung m- stinttiv nach einer Ablenkung suchte, fifrr fort: Uebrigens tätest du besser, dich um betroe eigenen

Angelegenheiten zu kümmern. Es ist jedenfalls viel passender, mit einem Bekannten ein paar Worte zu weckffeln, als bei fremden Leuten die Tnselbeckerin zu spielen unb seiner Familie dadurch Schande zu machen. Ah jetzt erschrickst bu! Tn dachtest wohl, ich erführe es nicht?"

Und als Mlodesta in ihrer Verwirrung kein Wort der Erwiderung fand, schloß sie gebieterisch: ,,^n Zukunft muß ich mir derlei Scherze von dir natürtid) energisch verbitten. Tn und ihr all: fiabt Rücksicht zu nehmen auf meine künftige Stel­lung als Gräfin Sanderfeld! Tas merke brr!"

V.

Mägnus' Mutter, die Gräfin Rena Sander-- feld, hatte oft halb im Scherz, halb im Ernst, mit ihm über die gesprochen, die einst Herrin auf Rettenegg sein würde.

Sie braucht nicht die Schönste und noch we­niger die Reichste zu sein, aber die allerbeste in Bezug au» Herzenseigenschaften muß sie unbDingt sein! Hochherzig, vornehm in der Gesinnung, pilichtgetreu! Und sie muß dich über alles lieben! Daß sie auch aus guter Familie stammen muß, ist selbstverständlich."

So imgeräfrr lauteten der Gräfin Ansprüche. Magnus ivar überzeugt, daß alles, soweit es Eve­lyn betraf, in Ordnung war. Wer deren Famili.- log ihm schwer am Herzen, und nicht ohne g> Heime Angst stieg er die vier Treppm hinauf, um bei Frau Losenstein ferme Werbung anzu- bringen.

Aber er wurde angenehm enttäuscht.

Gottlob das waren ja ganz andere Leute, als er im stillen gefürchtet hatte.

(Fortsetzimg folgt.)