Nr. 15
Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Samstag, 18. Januar (919
Die Demobilmachung der Alten.
Man schreibt uns:
Schmerzlich ist es für manche Frau und manches Mäi'ch n, die während der Krie 8 .eit cm? gut, gelohnte Stellung in der Inou«irre, in den Bureaus der Kaufleute und der Staats- imb Gemeindeämter erlangt halten, diese wieder aufgeben und den zn- rüclkchrcnden mamilichcrr Personen abtreten zu imüssen. In richtiger Erkenntnis der Notwendigkeit, das; die mäniclichcn Kopf- und Handarbeiter in erster "Linie wieder dem Eriverbsleben zu?eführt werden müssen, haben die seither erwerbstätigen Frauen und Mädchnr willig ihren Platz geräumt: wie schwer sich gerade für die sogenannten Kopfarbeiter die Unterbringung in geeigneten Stellen gestaltet, zeigt die wöck)«ntlich anwachsende Zahl der Arbeitslosen, insb sondere im kaufmännischen Berufe. Während man so dem weiblichen Geschlecht die Anerkennung zollen muß, daß es den Erfordernissen des Uebergangs zur Friedenswirtschaft willig lnachkouinit, muß leider fcstgcstellt werden, daß die vielen älteren und alten Männer, insbesondere in Stellen der privaten und staatlichen Betriebe, der Gerichte, der Verwaltungsbehörden und Fiuanz- behörden, der Hochschulen und der Gemeindeämter snicht erkennen, daß sie nur durch die lange Dauer des Krieges an ihrer seitherigen Stelle trotz ihrer verbrauchten Arbeitskraft geblieben sind oder wegen des Mangels an Frontkämpfern aus ihrer bereits erfolgten Verabschiedung für einige Zeit wieder hervorgerufen worden waren. Vielfach glauben diese oft schon sehr alten, teilweise schon p n iouiert gewesenen Arbeiter, besonders in Staats- und Ge- fmciudeämtern, daß sie, und zwar die bereits im Ruhestand Gewesenen, entgegen der Lbrnahme bei ihrer früheren Pensionierung, noch voll arbeitsfähig seien, und daß ihre Tätigkeit in den letzten vier Jahren den Beweis dafür erbracht habe. Zeigt sich also bei diesen Herren eine, wenn auch entschuldbare Selbstüberschätzung, und ist es ihnen nicht zu verargen, daß ihnen in der jetzigen Zeit der Teuerung, bei den Pensionären neben ihrer Pension, der für ihre Tätigkeit ihnen gewährte Gehalt oder Lohn eine willkommene und nicht gern entbehrte Zulage ist, so muß doch auf der anderen Seite ermattet werden, daß sie die Zeit hüt größerem Verständnis übersehen und sich darüber klar werden, daß sie in gesicherten Vcrhält- tnül'en stehend oder durch eine odter anderen Verhältnissen schon längst eingetretene Pensionierung in gesicherte Verhältnisse kommend, ihren jüngeren Berufsgenossen den Platz versperren. Tas soziale Wend droht nicht allein dem gewöhnlichen Handarbeiter, sondern in demselben Maße dem Kopfarbeiter insbesondere dem akademisch gebildeten, und zwar in dem Maße, daß der Verzug jeder Wackre für die jungen mit Verständnis und Tatkraft erfüllten Berufsgenossen eine schwere Schädigung bedeutet und sie mit tiefer Erbitterung erfüllen muß. Es muß auch doch für diese alten Kvvf- arbeiter. denen die Anerkennung für ihre Aushilfeleistung während des Krieges nicht versagt wird, angenehmer sem, unter Anerkennung ihrer Verdienste jetzt freiwillig aus ihrer Tätigkeit auszu- scbeiden, als abzuwarten, daß sie zwangstveise oder doch durch die Macht der Verhältnisse genötigt werden, ihre Tätigkeit einzustellcn, denn es ist, wie schon die von der jetzigen Reichsregierung t ils in Aussicht genommenen, teils schon inS Werk gesetzten Maßnahmen beweisen, nicht zu umgehen, daß die Alten zugunsten der Jungen demobil gemacht werden müssen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 18. Januar 1919.
Die Wcihnachtsversorgung 1918.
unserer Feldgrauen durch das Rote Kreuz
Gießen.
Nachdem durch die Gießener Bürgerschaft dem Aufruf des Ausschusses für Weihnachts- liebesgaben in so freigebiger Weise entsprochen morden war, daß das Note Kreuz Anfang November Liebesgaben im Werte von 25 000 Mark abschicken konnte, erstand durch den Eintritt in Waffenstillstandsverhandlungen für die Gießener Liebesgabenstelle eine neue Aufgabe. Zunächst galt es, die bereits auf dem Weg? befindlichen Weihnachtslisten zurückzuholen und einen neuen Verteilungsplan aus- zuorbeiten, so daß jede zum Weihnachtssest in unserer Vaterstadt im Quartier liegende Formation, forme die Gießener Lazarette einen gedeckten Weihnachtstisch vorfinden würden. Die Lösung dieser selbstgestellten Aufgave ist dem Gießener Zweigverein durchaus gelungen, denn das stand bei dem hiesigen Roten Kreuz-von vornherein fest: nur dann wurden die von der Bürgerschaft so reichlich gespendeten Mittel im Sinne der Geber auch verwendet, wenn sie nicht den einzelnen
Gemeinden zur freien Verfügung zurücküberwiesen wurden, sondern alles oa- rangcsetzt wurde, unsere unbesiegt heimkehrenden Vaterlandsoerteidiger zum Weihnachtsfest zu erfreuen. An erster Stelle mußte natürlich unser 116. Regiment bedacht werden, das ja schon bei seinem Einzug vom Roten Kreuz gewissermaßen im Auftrag der Bürgerschaft reichlicl) mit Liebesgaben beschenkt wurde Aber auch eine große Anzahl anderer Formationen, wie: Funker- Abt. 136, Nach?ich cn-E.satz Abt. 18, R.-J.-N 37, R.-Fuß Art.-Regt. 66, Pion.-Komp. 100, Pion.-KomP 99, Sau.-Komp. 611, Fuß-Art.- 9tegt. 6, Nef.-J.-Dio. 76, Fernspr.-Adt. 476, Lichtmeßtrupp 26, Akokraft und Sanka I, sowie mehrere anbere kleinere Formationen empfingen zusammen mit den hiesigen Lazaretten 50800 Zigarren, 44 000 Zigaretten, 2100 Pfeisen, 1850 Taschenmesser, 1530 Briefmappen, 1000 Ra ierapparate, 1650 Hosenträger, 1700 Notizbücher mit Bleistift, 400 Mmrdharmomkas, 2800 Pakete Tabak, zirka 5000 Bücher, 340 Spiele, 800 Geldtaschen, sowie eine große Menge sonstiger Gebrauchsgegenstände, wie 250 Ta chenlampen, Spiegel, Uhrarmbänder, Uhrricmen, Seife, Kartenspiele, Etuis u. dgl. mehr. Es ist für das Gießener 9tote Kreuz, nun es allmählich dem Ende seiner Kriegstätigkeit zugeht, eine besondere Genugtuung, daß es ihm die einheimischen Bürger möglich gemacht haben, auch das letzte Weihnachtssest, das unter dem Zeichen des Krieges stand, für unsere heimgekehrten Feldgrauen und die Verwundeten in den Lazaretten durch die genannten Gaben etwas zu verschönern. *
** Amtliche Personalnachrichten. Verliehen wurde am 8. Januar dem Privatdozenten an der Technischen Hoch chule in Darmstadt Dr.-Ing. 2ldolf Kleinlogel der Charakter als Professor.
** Hessischer Siedlungsausschuß. Der Ernst. Ludwig.Derein, Hessischer Ientraloerein zur Errichtung bill ger Wohnungen, und der Hessische Landesverein für Krieger-Heimstätten haben sich zu enger Zusammenarbeit in einem gemcinfamcn Organ, dem Hessischen Siedlungsausschuß, zusammengcschlossen. Dieier setzt die Tat gkeit des bisherigen Sredlun sausschusfes des Ernst-Ludwig-Dereins fort; er ist beratende und auf. klärende Landessteile in allen Siedlungs. und Heimstättenfragen. Seine Geschäftsräume befinden sich Luisenplah 5 (Altes Palais), (Eingang Wilhelminen. strahe. Mündliche Auskunft wird vormittags von 10-12 Uhr erteilt. „Zweigstellen des Hessischen Siedlungsausschusses" in allen Kreisen des Landes sind in Vorbereitung.
Landkreis Gießm.
** Steinbach, 18. Jan. Dem Kanonier und Hufschmied August Haas im Res -Feldart.-Regt. -18 wurde das Eherne Kreuz 2. Kllffe verliehen. Er war schon ftüher Im Besitz der Hessischen Tapferkeits- Medaille.
Kreis Büdingen.
< Ortenberg, 18. Jan. Für den Kirchen, erneuerungsfonds stiftete Fürst Martin Christoph zu Stoiberg-Rosola 10C0 Mk. Die h ejige gräfliche Familie hatte bereits zum Reformation -Jubiläum im vorigen Jahre die gleiche Summe geschenkt. - Postverwalter Göllner wurde zum Postsekretär ernannt.
Hessen-Nassau.
n Frankfurt a M., 16. Ian. Zu Ehren des verstorbenen Schriftführers des hiesigen Iweigvereins vom Vogelsberger Höhen-Elub, des Lehrern Ferdinand Ritter, fand im Künstlersaal des „Steinernen Hauses" eine sehr eindrucksvolle Totengedenkfeier statt, die von Mitgliedern der Sektion außerordentlich zahlreich besucht war. Pros. Gg Bender entwarf ein Lebensbild des Verstorbenen. Lehrer Dem-Offenbach a. M. übermittelte die Teilnahme des Gesamtoereins und der Offenbacher Sektion. Ritter war ein geborener Vogelsberger, er stammle aus Hopfmannsfelb im Kreise Lauterbach. Er hat sich um den hiesigen Iweigverein durch Wort und Schrift große Verdienste erworben, doch ist er niemals Schriftleiter der Dereinszeitschrift „Frisch auf" gerne en, wie hier kürz ich irrtümlich berichtet wurde.
Letzte Nachrichten.
Line deutsche Antwortnote an England.
Berlin, 17. Ian. (WTD.) Die englische Re. gierung ließ am 8. Januar der deutschen Regierung eine Note überreichen, in der sie die deutsche Regierung auffordert, künftig jede Herausforderung der polnischen Bevölkerung in Ost. und Westpreuhen, Posen und Schlesien zu unter- lassen. Sie weist darauf hin, daß die Zukunft der deutschen Ostgrenze von den Entscheidungen der Frie
denskonferenz abhängen werde und daß die Mächte bei der Beurteilung der Frage notwendigerweise be- einflußt würden durch die Fähigkeit oder Unfähigkeit der Deutschen, die Gebiete mit gemischter polni- scher Bevölkerung zu verwalten.
Die deutsche Regierung hat darauf mit einer Rote geantwortet, in der es heißt:
Staatssekretär Dr. SoIf hat bereits am 24. Oktober 1918 im Reichstag erklärt, daß die deutsche Regierung das Programm des Präsidenten der Vereinigten Staaten offen und ehrlich angenommen habe. Dieses Programm begründet einen Frieden des Rechts und der Versöhnung und will nicht neue Gegensätze und Kriege entstehen lassen. Nach Wiedergabe von Ausführungen des Staatssekretärs fährt die Note fort. An dieser Auffassung hält die deutsche Negierung fest. Sie ist aber in hohem Grade befremdet, daß von ihr gefordert wird, sie solle alle Provokationen der polnischen Bevölkerung in Ost- und Westpreußen, Posen und Schlesien unterlaßen. Sie kann die Auffassuw. der britischen Regierung nur darauf zurückj uhren, daß die Alliierten über die Vorgänge an der Osl- grenze Deutschlands n cht unten id)tet sind, denn fei der Annahme der Wiljonschen Gl^ndsätze durch die deutsche Regierung reihte sich eine Provokation der Polen an die andere. Dm Gegensatz zu der Annahme der englischen Regierung hat die deutsche Regierung alles getan, um die von den Polen vorgebrachten Klagen abzustellen. Die Ansiedeluiigs- und politischen Ausnahmegesetze wurden aufgehoben, der Gebrauch der polnischen Sprache gegenüber den deutschen Behörden wurde im weitesten Umfang zugelassen, auf dem Gebiete der Schule und Kirche wurde den Forderungen der Polen Rechnung getragen. Polnische Berat r wurden den deutschen Behörden beigeordnet. Besonders ein Amt zur Kontrolle der durch die Kriegswirtschaft aus der Provinz Pofen heranzuziehenden Lebensmittel, in dem die Polen das Uebergewicht haben, wurde errichtet. Heber weitere Maßnahmen in administrativ r und personeller Beziehung schweben noch Verhandlungen. Trotzdem sind die Polen planmäß g damit beschäftigt, einen Staat im Staate zu errichten. Gleich nach Abschluß des Waffenstillstandes entfalteten sie in der Provinz Posen eine tejC Agitation in der polnischen Presse zur Schaffung eines polnischen Truppenkörpers Es erging die Aufforderung an alle entlassenen Mannschaften, sich sofort bei bestimmten Truppenteilen zu melden. Da die polnischen Soldaten dieser Aufforderung fast restlos nachkamen, gelang es den polnischen Führern, eine zu er. lässige Truppe in ihre Hapd zu bekommen. Die aus den polnischen Provinzen gebürtigen beut« schen Mannschaften, die zur Entlastung kamen, begaben sich im Gegensatz hierzu sofort nach Hause. Den Polen ist es gelungen, die deutschen Garnisonen in der Provinz Posen zu polvnisieren. Der englischen Regierung selbst ist bekannt, wie das auf ihr Ersuchen von der deutschen Regierung gewährte freie Geleit an den englischen General Wado und seine polnischen Begleiter Paderew.ki und Frau von letzteren in schmählicher Weise mißbraucht wurde, indem diese Delegation gegen alle Verabredungen nach Posen fuhr, um dort das Zeichen zum Kampfe der polnischen Bevölkerung der deutschen Gebiete gegen die Deutschen zu geben. 3n dankenswerter Weise traf die englische Regierung selbst Anordnungen, damit die Forts tzung dieser Provokation unterblieb. Am Tage nach der Ankunft Pade- rewskis fiel die Festung Dosen in polnische Hand. Sofort schlossen sich die polnischen Kreise des Regie- rungsbezirkes Pofen den Polen an. Von hier aus wurde die Agitation in den zur Hälfte deutschen Regierungsbezirk Dromberg und die westlichen deut- fchen Äreije des Regierungsbezirkes Posen herüber- getragen. Aus dem militärisch-strategischen Vorgehen gegen die wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte muß auf Planmäßigkeit der Bewegung geschlosten werden. Durch nationale Begeisterung allein ist sie nicht zu erklären. Die Polen haben offenbar nicht das Der- trauen zur Friedenskonferenz, daß allen ihren Wünschen entsprochen wird Es wird zuverlässig berichtet, Herr Paderewski habe in Posen mitgeteilt, die Polen könnten nicht damit rechnen, die Gebiete in dem Um« fange, in dem sie sie beanspruchen, zu behalten. Dies ist der Grund dafür, daß in weilen Gebieten der Provinz Posen die beut che Bevölkerung burch Terrorismus zur Flucht veranlaßt wird. Wehrfähige deutsche Männer würben interniert. 3n Posen barf bie deutsche Bevölkerung bie Straße nach 5 Uhr nicht mehr betreten. 3n ber Zuteilung von Lebensmitteln werben bie Deutschen ben Polen gegenüber planmäßig benachteiligt. Für die Deutschen ist die Briefzensur eingeführt. Der L berpräsident wurde seines Postens enthoben und Herr Trampczinskl) in das Amt ohne Zustimmung der preußischen Be- Hörde eingesetzt. Der Kommandierende General in Posen wurde verhaftet, mehrfach Landräte verhaftet und ihres Amtes entsetzt. Auf zahlreichen Bahnstationen wurde der ^Abtransport von Lokomotiven und Eisenbahnwagen verhindert, die dazu bestimmt waren, gemäß den Wafsenstill standsbedingungen ab geliefert zu werd n Die deutsche Bevölkerung richtet dauernd Hilferuf« an die Reichsregierung. Diese sieht sich daher genötigt, ebenso wie früher die englische Regierung in
Irland, militärische Maßregeln durch (Entfenbung einer starken Truppenmacht anzuwenben, um Ruh» und Ordnung wiederherzustellen. Alle Maßnahme» der deutschen Regierung seit dem Abschluß des Waffenstillstandsabkommens dienen nur der sinngemäße» Durchführung dieses Abkommens und der Abwehr unberechtigter polnischer Ansprüche, die polnische Frag» bereits vor dem Friedenskongreß zur Entscheidung zu bringen. gez. v. Brockborff-Rantzau.
lliitrrbnnblunncn mit beu Polen.
Posen, 17. Jan. (WB.) Im Laufe des gestrige» Tages begaben sich polnische Unterhändler nach Caffa. Dort finden heute mit deutschen Regierungsvertreter» Unterhandlungen statt, die au. einen allgemein»» deutsch-polnischen Waffenstillstand hinzielen.
Foch nu Erzbcrgcr.
Trier, 18. Ian. Foch hat auf ein Schreibe» Erzbergers folgende Antwort erteilt: Ich begreife von welchem Interesse die Rückbeförderung der gegen» roärtig in den Händen der alliierten Regierungen sich befindenden (Befangenen für Deutschland ist. Ich beabsichtige Ihre Bitte, die harrptsächl ch auf die rasch» Rückbeförderung der bie meiste Teilnahme einflößen» den Kategorie hinzielt, diesen Regierungen zu über» Mitteln und bei ihnen zu befürworten. Was die Beziehungen zwischen den besetzten und unbesetzten Gebieten betrifft, so bleibe ich bereit, den Warenaustausch in dem ganzen mit der Sicherheit der Armee» zu vereinbarenden Maße zu gestatten, um dadurch Arbeitslosigkeit und die sich daraus ergebenden Unruhen zu vermeiden.
Die neuen Wnffenstillstaiidsbedingimgen.
Berlin, 17. Ian (WTD., Die gesamte Press» beurteilt den Abschluß des neuen Waffenstill» standsvertrages mit lebhafter Besorgnis. Di» „Vosfifche Zeitung" schreibt: Sowohl bas Reichs» wirtschaftsamt wie auch bas Reichsernährungsaml sehen in der Erfüllung ber Ententeforberungen auf Auslieferung bes Ackerbaugerätes ben völligen Ruin ber beutschen Lanbwirtjchaft und die schlimmst« Hungersnot im ganzen Reiche.
Der „Lokalanzeiger" schreibt unter der Heber» schrist: „(Eine neue Infamie der Entente", leider hätten wegen der kurzen Zeit die zuständigen Reffortminister nicht gehört werden ^können. Man werde gut tun, ben Wort aut ber Sebincungen abzuwarten. Man sei aber vielfach ber Ueberzeugung, baß es bester gewesen wäre, bie ganzen Waffenstillstanbsverhanblungen ab» zubrechen.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" bezeichnet bie Debingungen als französische Agrarpolitik aus beutsche Kosten. Dies sei bas Vorspiel -um „Frieden der Versöhnung und Gerechtigkeit".
Das ,.B. T" schreibt, die Annahme der neuen Wafftnstillstandsbedingungen hätten in der gesamten deutschen Bevölkerung, namentlich in landwirtschaftlichen Kreisen große Beunruhigung hervorgerufen. Die in Frage kommenden Restortminister hätten sich fast einstimmig gegen die Annahme dieser Bedingungen ausgesprochen. Diese bedeuteten die organisierte Vorbereitung der Hungersnot.
Eine Bcw chunqSnrmee am Rhein.
Paris, 17.Jan. iWTB.) Havas. Die britisch« Regierung hat beschlossen, daß während ungefähr 6 Monaten eine Bewachungsarmee am Rhein zurückgelassen werde, die mit den Alliierten zusammen wirken werde. Dies« Armee werde nicht groß sein, jedoch aus ausgewählten Mannschaften bestehen. Wie verlautet, geschieht diese Maßnahme wegen der un« bestimmten Lage in Deutschland bezw. weil die Waffen- stillstandsbedingungen nicht respektiert werden.
Nilch Vicbtncd)t5 Tod.
Berlin, 17. Jan. Der von ben Unabhän- nigen wegen ber Tötung Liebknechts mtb Rosa Luxemburgs geforderte Gnreralstv.ik ist nur ut wenigen Betrieben durchgeführt worben. TdeGrrbv- Kavallerie-Schützen-Dirision veröffentlicht sol- genbe Erklärung: Tie ärztliche Untersuchung Liebknecht hat ergeben, daß Liebkiwcht von drei Schüssen im Rücken getroffen worden ist. Ter Fall ist juristisch einwandfrei geklärt und die Ersck.eßung aus dein Fluchtversuch als zu Recht bestehend »n zu sehen. Um ein übriges zu tim, hat die Gavde-Kavallerie-Schützen-Tivision >te Dollsbcauftraglen ersucht, zur Untersuchung einen Vertreter der Unabhängigen hinzuzuziehen, um jeden Verdacht zu beheben. Der einzige Vor- luurf, der gegen die Divi'ion erhaben w-.rden kann, ist der mangelnde Schutz im Falle Rosa Luxemburg Diese Airgelegenheit ivirb vom KrugS, I gerichtsrat ber Division strengstens untersucht. — p Uebrig.nrs ist die Leiche der Ro'a Luxemburg auch bis in dir j4?ä:cn Abendstunden deS Freitag nitft '• aufgefunden worden.
Ausschreitungen in Breslau.
Breslau, 17. Jan. (WTB.) Um die Mit- agszeit wurde das Wahlbureau der Deutschen demokratischen Partei in RüguerS Hotel in ber Königstraße gestürmt. Tas Bureau nnirbe verwüstet, Plakate, Wahlaufrufe und Stimmzettel wurden auf die Straße geworfen und unter Gejohle verbrannt.
N mudttsam Abknteiitt des Scan
Roman von H. A. AdamS.
Nachdruck verboten. Fortsetzung 48
„Sic toerben sich wohler fühlen," log er ebenso mutig.
Er wandte sich ab, um ihren Abschieds- kuß nicht sehen zu müssen. Sie lehnte sich über den Balkon hinaus, das Fortgehen der beiden z i beobachten, und Tränen verschleierten ihren Blick.
beiden erreichten das Wassertor. Das Boot war fort! Hastig suchten sie danach: umsonst. Galahad versuck)te sich zu erinnern, ob er es ordentlich befestigt habe.
,,Wir müssen schwimmen," entschied er. „Es sind ja nur ein paar Stöße."
„Aber ich kann nicht schwimmen," sagte der junge Mann.
Galahad fluchte. „Es muß noch irgendein anderer Ausgang da sein — der Eingang für Lieferanten," murmelte er. „Er führt nach der Hintern Gasse hinaus, ich habe es aus- irobiert. Kommen Sie."
Der junge Mann folgte. Galahad, dessen genaue Bekanntschaft mit allen Hindernissen, die der Garten bot, unter peinlichen Umständen erworben war, ging voraus, am Wohn
hause vorbei nach der Hinterseite. Sie kamen an ein Gittertor, und Galahad entsann sich des-Hundes. Das war gleich, sie mußten es jetzt wagen.
In die'em Augenblick erklang ein erschrockener Aufschrei, dem das Zukrack-en einer Tür folgte, und eine große Gestalt trat den Eindringlingen cntg:g-m.
„Was macht ihr hier?" sagte der Mann und erhob drohend seinen Arm.
Als sie sprachlos dastanden, ging er auf sie zu.
„Hol' mich der Henker, wenn's nicht wieder der verrückte alte Kauz ist!" murmecke er, indem er lachend seine Faust sinken ließ.
Galahad erkannte den dicken Fleischer, der ihm Sibtzls Brief gebracht hatte.
„Sie!" rief er. „Was machen Sie hier?"
„Scheintz mir, Herr," antnwrtete der Fleischer, „daß wir beide hinter demselben Spaß her sind. Bin jetzt der Fleischer hier im Haus, und da ist hier eine Schürze, die ich besucht habe; Sie haben sie zu Tode erschreckt, sie dachte, es wär' der Herr. Und Sie sind hinter dem andern Schätzchen her, die Ihnen Briefe zuwirft. Sollten sich schämen, wahrhaftig, Sie in Ihrem Alter! Aber wie sind Sie reingekommen?"
„Wir haben ein Boot genommen, aber es ist fortgctrieben."
„Dann treibt es jetzt auf dem Hafen umher." Der Fleischer pfiff leise. ,L>ören Sie,
alter Junge, diese Nachtbelustigung wird Sie was kosten. Ein neues Boot höchst wahrscheinlich."
Daran hatte Galahad nicht gedacht. Und weil er ein Jones war — unb ein mittelloser Jones — faßte er daraufhin den verbrecherischen Entschluß, bei der Bootshalle nicht wieder zu erscheinen. Wahr'chein.ick; würde der Mann das Boot am näck)sten Morgen wiederfinden. Galahad wollte ihm eine Postanweisung über fünf Schilling schicken — aber ohne Absendervermerk. Er hatte einfach die zwanzig Pfund, oder was eben ein Ruderboot kostete, nicht.
^,Na, es ist nur put, daß Sie nicht versucht haben, hier heretnzukommen."
„Warum?" fragte Ho race nervös.
„Da ist ein billiger Hund."
„Aber auf was warten wir denn noch?" fragte Horace. „Er könnte —"
,,£), ist schon be'vrgt. Ich habe ihn angebunden. Bringe ihin immer Fleisch mit, und wir sind die dicksten Freunde. Aber die Fremden haben 'ne Mordsangst vor ihm, sagt mir mein Madel. Sie haben ihn erst seit einer Woche, taten ihn ein, weil der Herr mal einen Strolck) abfaßte, der nachts im Garten umherschlich."
Galahad schauerte schuldbewußt zusammen.
Sie gelangten hinaus, ohne das Tier zu stören, und sobald sie einmal aus dem Garten
waren, begannen Galahads geistige Fähigkeiten wieder aufzuleben. Es war unmöglich, noch einmal vermittels eines Bootes hineinzukommen, denn Galahad mußte jenen betrogenen Bvotsverlecher von nun an aus oem Wege gelten, und es gab keine andere Boots- Halle in der Nähe. Außerdem würde die Beschreibung dieles offenkundigen Bvotsdiebes durch die Polizei in allen Bovtshallen verbreitet werden, so daß er ein gezeichneter Man« war. Erst widerrechtliches Eindringen in fremdes Eigentum, dann Ueberfall und nun Diebstahl. Er machle Fortschritte. Seine Verbrechertriebe, die durch jahrelange Bureauarbeit abgctötet waren, machten ihr Recht geltend.
Und er hatte Sibyl versprochen, daß er — oder vielmehr Horace — am nächsten Abend in den Garten kommen wolle. Hier war der Weg geöffnet!
„Sagen Sie, können Sie morgen abend nicht mit uns kommen?" wandte er sich eifrig an den Feischcr.
„Nein. Ich habe genug zu tun, mich in« mein eigenes Schätzchen zu kümmern."
„Aber bedenken Sie doch den Hund! Er kennt uns nicht und wird bellen. Aber wen« Sie kommen, ist er still. Sie könnten ihn ruhig halten, während wir —"
„Und was mache ich solange?" fragte der Fleischer die Sterne.
(Fortsetzung folgt.) ,


