Einzelbild herunterladen

Nr. 245 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Zrettag, \l. Moder 191g

W»WJUiM. iI « i ilii ... . ... _

Deutsche Nationalversammlung.

Sitzung vom 16. Oktober.

Am Ministcrtisch: Dr. Koch, Dr. 93eil.

Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung um 1.20 Uhr.

Ten mündlichen Bericht des parlamentarffchcn Unterausschusses betr. die Unterausschüsse, den Ar­beitsplan uin>. erstattet Abg. Tr. Petersen (Dem.). Vom Ausschuß h>irb u. tu beantragt, daß sämtliche von beit Unterausschüssen zu vernehmen­den Beamten von der Pflicht der Amtsverschwie- yenheit entbunden werden. Tie Anträge des Aus­schusses werden angenommen. Es folgt die Jnter- pellation Arnstadt betr. gesetzliche Einführung der Zensur für Lichtspiele, gesetzliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Schrttw- und Schmutzliteratur sonne zum Schutz der Jugend bei öffentlichen Schaustellungen und Darbietungen.

Abg. Dr. Mumm (Deutscl)-Natl.): Die Ge- Gefahr für unser Polt, die rhm aus der Schund- literatur droht, ist so groß, das; unter Hintansetzung aller Parteigegensätze sich eine Partei der anstän­digen Leute bilden muß, die dagegen vorgeht, zu­mal von der Negiermrg nichts geschieht. Der durch­gängige Spielplan der Lichtspieltheater in Berlin und den Provinzen ist Volksverwüstung schlimm­ster Art. Tas beste Mittel bagegen wäre die Kon­zession ierung. Ich persönlich würde eine Soziali­sierung für erwägenswert b alten. Und würden die Kinos nicht eine gute Einnahmequelle für die Kommunalsteuern bilden?

Minister Dr. Koch: Alle gefunben Kräfte unseres Volkes müssen zusammenstehen, um gegen den Schmutz vorzugehen. Ich lasse eine Novelle ausarbeiten über die Zensur der Kino- theater, die Ihn«: alsbald zugegen wird. Das neue Kommunalisierungsgcsetz wird den Gemein­den Mittel in die Hand geben, die Kinos in den Dienst der Volksbildung zu stellen> ihre Aus­wüchse zu unterdrücken. Schwieriger ist die Frage der Schundliteratur. Die Polizei hat freilich ihre Mittel nicht überall ausgenutzt. Bevor ich aber hier an ein Gesetz heranaehe, wlll ich umfangreiche Besprechungen mit Fachleuten abhalten.

Dir Besprechung der llnterpallation wird ver­bunden mit der Beratung des Haushalts des Rrichsmirristeriums des J-nnenr.

Abg. Hoch (Soz.) berichtet übet die Aus- schuftverhandlungen.

Minister Tr. Koch: Ich will mein Amt sach­lich und ohne Boreingenommenheit ausüben. Ti: öffentliche Ordnung im Reicks must wieder her- gestelll werden. Durch eine Reihe von Gesetzen müssen die Zustände den jetzigen AnfordwUTmen genähert toertxeiL Auf die Tauer hängt das Bolk nur dem an, der ihm die Ordnung bringt 26er ihm die Freiheit bringen wlll, must ihm die Ord­nung bringen. Unser Volk ist seelisch noch nicht gesundet; darum sollte man es nicht in neue Peric>ssun gskrämpfe stürzen. Mit dem ReichArrhr- ininister bin ich der Ueberzeugung, dast es an d'r >Zeit ist, die Hut der öffentlicher! Ordnung all­mählich aus den Händen des Militärs in die der bürgerlichen Polizei überzuführen. Zuerst soll :r-i? Wafferpolizei geschaffen werden; sodann eine minalpolizei, die über die Grenzen der Glieo- ftaaten hrnüberreicht. Tie Aufgabe der Demo­kratie ist es ferner, die Reichseinheit zu fördern. Ter 2ßeg zum Einheitsstaat ist frei Diese Ent­wickelung kann ruhig und ohne Verätzung der Länder vor sich gehen. Aber das Reich kann ver­langen, dast jede wichtige Frag; als Frage d^Reichs -behandelt werde. Die Aus ührung muß immer bei den Ländern und Kommunen liegen. Unter Berücksichtigung der Rechte der Beamten und unter Einfülirung ihrer Mitwirkung wird eine Verein- leitl ch mg b.T Verhä tnisse der Beamten an.estrsbt werden müssen. Alle Beamten, auch die hoben, /müssen auskömmliche Gehäller erhalten. Ein Q3e»* setz gegen den ?llkol)vlmitzbrauch wird vorbereitet Mr Auswanderungsgesetz soll unsere Mswanderer draußen richtig leiten und vor Ausbeutimg schützen. Ich gehe an mein Amt ohne übertriebenen Opti­mismus beran. In iriefem Wircter wird sich das Schicksal unseres Volkes entscheiden. Auf Jahre hinaus ist bei uns feine Regierung ohne Arbeiter möglich, aber auch keine Regierung nur aus Llr- beitem. Die Demokraten wollen versuchen, dem deutschen Volke yr helfen und ich bitte dabei ton die Unterstützung des Hauses. (Beifall bei den 'Mehrheitsparteien.)

Abg. Dr. Braun« Frank en(st): DasReichsminifle- thxm des Innern mutz für die Wissenschaften sich ein-

setzen. Schulen und Universitäten müssen auf das Reich übernommen werden. Man muß endlich über die bloßen Konferenzen Hinwegkommen. Das ger­manische Museum, die Deulsche Bücherei in Leipzig und andere großartige Institute müssen vom Reich gestützt werden. Das llommunalisierungsgeseh muß schleunigst kommen. Wir sind bereit, die neuen Män­ner im Ministerium in ihrer Arbeitsfreudigkeit zu unterstützen.

Abg. Frau Zeltler lZtr.) tritt für ver­mehrte Tätigkeit auf dem Gebiete der Jugend­pflege ein.

Abg. Nu^chke (Dem.): Da die staatliche Filmzensur kommt, müsse die Filmindustrie selbst Zensur üben. Da aber das Kino nun einmal vielen Tausenden Alles ist, so sollte es benutzt werden, um zu belehren, un besten Sinne rrufzu- ftären und zu bessern. In der Irgendwo hl fahrts- pflege muß eine gewisse Einheitlichkeit im Reiche herrschen. Die Jugend muß mit der Wirtsck>afts- Politik und der Außenpolitik bekamit gemacht wer­den, besonders in den Fortbildungsschulen. Das wird die Jugend ablenl'en von den faden unb schädlichen ißergnügungm.

Abg. Tr. v. Delbrück (Deutsck-Natl): Die Notweiio:gleit der Teilung des Reichsamts des Innern war längiti klar; aber jetzt ist die Teilung vielleicht etwas reichlich und es könnte kommen, bas verwandte Materien wieder zusamm mgelegt iverben müssen. Der zweite UnteTstaatssellelär im Muusterrum ist überflüssig. In den Ausschüssen müssen Fachleute unb Beteiligt'e gehört werden. Vorschüsse sind in misreichcilbem Ntaße zu go währeir.

Atinister Dr. ^och: Ich gebe zu, daß bei der Jugendpflege nicht zu viel zentralisiert werden darf. In den meisten Städten ist der Neubau von Kinos schon jetzt verboten, und es ist verboten zu solchen Zwecken Baumaterial herzugeben. Das Mögliche soll geschehen um die Verbote durchzusetzen.

Abg. Beuermann (Dpt.): Die große «Beamten» reform für das ganze Reich muß unter Hinzuziehung der Beamten durchgeführt werden. Die Reichsjchul- reform begrüße ich durchaus, doch sollte man die Volkshochschulen nicht in bureaukratische Fesseln legen. Hier darf das Reich nur mit Geld helfen.

Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf morgen 1 Uhr: Außerdem Anfragen und Reichs» arbeitsministerium,

Schluß 6 Uhr.

Art- Stadt und Land.

Gießen - den 17. Okt. ISIS, Neue Fürsorgernakuahmerr für Wöch«eriu«en.

Bereits während des Krieges wurde durch Er­laß mehrerer Bundesratsverordnuugen eure weit­gehende Fillsorge für Wöchnerinnen eingerichtet. Das kürzlich verabschiedete, mit Wirkung vorn 1. Oktober 1919 in Kraft getretene, Gesetz über Wochenhilfe und Wochen für sorge sieht in Abänderung der Bestimmungen der Rerchsver- sicherungsord-närngeine wesentliche Erweiterung des Kreises der Bezugberechtigten und der Leistungen gegenüber den alten gesetzlichen Bestimmungen vor.

Bor allem erhalten' die weiblichen Mit­glieder der Lrrmkenrassen im Falle ihrer Niederkunft

1. einen einmaligen Beitrag zu bar Kvsten ber Entbindung in Hohe von 50 Mk.;

2. ein Wochengeld in Höhe des Kranöengrides, jedoch mindestens 1.50 Mk. täglich einMteß- lich der Sonn- und Feiertag« für zehn Wochen, von denen mindestens sechs in die Zeit nach der Niederkunft fallen müssen;

3. eine Beihilfe bis zum Betrage von 25 Mk. für Hebammendienste unb ärztliche Behandlung, falls solche bei S<LMM8krschaftshsschv-erd« er­forderlich werden:

1 so lange sie ihre Neugeborenen fällen, ein Stillgeld in Höhe des halben Krankengeldes, je­doch mindestens .75 Pf. täglich einschließlich ber Sonn- und Feiertage, bis zum Ablauf ber zwölften Woche nach der 9tieber6inft.

Die Satzung der Krankenkasse kann .die Dauer des Wochntgelbbe-ngs bis auf 1 3 W o ch e n, des Stillgeldbezugs bis auf 2 6 Wochen erwri- weitern. Weiter können die Vorstände der Kranken- faffen beschließen, statt dem einmaligen Beitrag zu beit Kosten der Enttündung unb der Beihilfe

für Hebammendienste und ärztliche Behandlung bei Schwangersckwftsbeschwerden, freie Behand­lung durch Hebamme unb Arzt, sowie die erfor­derliche Arznei bei der 9iicberfunft und bei 2chivangersck)akftsbeschwerdQl zu gewähren.

Auch für versicherungs freie Ehe­frauen, Töchter (Stic \» und Pflcge- töchteriberKrankenkassenmitglieder ist in dem neuen Gesetz die Gewährung der vor- steheitd erwähnten Leistlingen vorgesehen, mit der Maßgabe, daß das Wochengeld 1.50 Mk. täglich, das Stillgelb 75 Pf. täglich 'beträgt. Auch hier kann durch Satzung der Krankenkasse der Betrag des Wochengeldes und des Stlllgeldcs je bis auf die Hälfte des Krankengeldes des Versicherten er­höht werden.

Hiermit ist aber das Maß der Fürsoracrinricki- tungen für Wöchnerinnen ncch nicht erschöpft. Es erhalten auch alle sonstigen minder­bemittelten Wöchnerinnen eine Wochen­fürsorge in gleicher Höl^, wie di? Angehörigen der Versicherten. Als mürberbemtitelt gilt eine ver­heiratete Wöchnerin, wenn ihres Ehemanrres und ihr Gesamteinkommen in dem Jahre ober Steuer­jahre vor der Entbindung den Betrag von 2500 Mark nicht überstiegen hat. Dieser Betrag erhöht sich für jedes trorbanbene Kind unter 15 Jahren unt 250 Mk. Ferner eine unverheiratete Wöchnerin, weirn ihr Gesamteinkommen Nie vor 2uOO Mk. nicht überftiegen hat.

Die Auszahlung der nach dem neuen Gesetz vvrgeschricbenen Leistungen erfolgt bei Versicher­ten und bereit Angehörigen bei der Krankenkasse ber Ersteren, bei sonstigen minderbemittelten Wöch­nerinnen durch die Allgemeine Ortskrankenkasse, in deren Bezirk der gewöhnliche Aufenthaltsort der Wöchnerin liegt, und, wo eine solche Kasse nicht besteht, durch die Landkrankenkasse.

Während die an die weiblichQt Kassen- mitgliebcr zu zahlenden Beträge von den Krankenkassen allein getragen werden müssen, er­halten die Letzteren von den nach dem neuen Gesetz an An gehörige von Mitgliedern an Wochen­hilfe zu zahlenden Beträgen die Hälfte. bei s 0 n- stigen minderbemittelten Wöchner­innen den vollen Betrag vom Reich! erscht, So sehr diese Ausdehnung der Wochenfürsorge im Interesse der wirtschaftlich Schwächeren zu be­grüßen ist, so bedeutet sie doch eine aufter- 0 r d e n t l i che Belastung der durch die Folgen des Krieges sck)vn hart betroffenen Krankenkassen. Aller­dings sieht das Gesetz die Möglichkeit einer Er- höhung der Krankenkassenbeiträge bis zu 10 Proz. vor, diese wird aber mit Rücksicht auf die in näch­ster Zeit noch eintretenden Mehrbelastung (z. B. Erhöhung der Aerztehonorare usw.) kaum aus- reick>en, die Mehraufwendungen zu decken.

Eine Bitte der Eisenbahnverwalt««g.

Eine weitere hrirffante Einschränkung des Per­son mmrkehrs, tote sie im Osten zur Abfuhr d:r bärtigen Kohlenvorräte unvermeidlich ist, bringt der Eisenbalmverwa tung außerordentliche Schwie­rigkeiten. Einmal verfügt sie nicht über die- tigen MittÄ, um den überflüssigen vom notwen­digen Reiseverkehr zu trennen, baten werden die Euffckssänkungen der Fahrgelegenheiten vielfach da­durch unjvirtiam gemacht, daß nach wie vor Reisen unternommen luectren, bereu Notwendigkeit nicht immer einwandfrei erscheint. Fortgesrtzt werden Fackperiammlungen, Kongresse, Zusammenkünfte rojt Interessenten, ja fogar große Mesfm veran­staltet, die nicht unerhebliche Zugleistungen er» foroern. Es geschieht dies gerade zu einer Zeit, wo die Strafte der Eisenbahnen für die Kohlen­abfuhr sowieso nicht ausreichen unb die Rück­beförderung der Gefangenen unb Flüchtlinge außer* geicöhnliche, unabioeisbare Anforderungen an die Eisenbahner stellen. Ter Minister der öffentlichen Arbeiten in Preußen hat deshalb die Ressortminister des Reiches und von .Prsuften sowie die Poen- ßiiche Staatsregiermkg ersucht, ihn bei der Ein­schränkung zu unterstützen. Aber auch an dir wei­testen Kreise ergeht jetzt die dringende Mahnung, alle nicht dringend netteren big en Rei­sen zu unterlassen unb Bevanstalrimgen zu vermeiden, die zu Reisen mit der Eisenbahn An­laß geben. Ties gilt ganz besonders für die Mo­nate, in treuen ber Herbstverkehr außerordentliche Anitzrüche an dve AerVri-rsMrstaiten stellt.

r

A mriliche Persvnalrrüchrichten. Tem Pfarrer Paul Schorleinmer zu Frisch­

born wurde am 7. Oktober 1919 die zweite evan­gelische Psarrstelle zu Lich übertragen.

** Ausgabe neuer Münzen. Die Ausgabe der neuen 50-Pfennigstücke aus Aluminium an die Reichsbank toirb voraussichtlich noch in diesem Monat erfob gen. Es sollen 100 Millibnen neue 50-Pfcn- nigstücke au§gegeben werden. Für die Hei> [teltung von neuen Enr- und Zweipfennig- stücken wird zur Zeit noch eine neue Legie­rung gesucht.

** DasAufgel d" für die Zahlmig der Zölle in Gold beträgt für die Zeit vom 13. biss 19. Oktober 450 v. H.

** Gebührenfreie Zeitungsüb'er^ Weisungen, lieber gebührenfreie Zetiungsüber-i Weisungen hat das ReichsposMriiiisterimn neue Be- stinunungen in die Dienstanweisungen für die Be-l amten auigenommeu. Diese llcbenrreifungen sind! gebührenfrei, wenn der Bezieher aus dem Bestcll- lrezirk einer Postanstalt in den Beftellberzirk einer anderen Postanstalt innerhalb desselben Postortss verzieht. Unter Bestcllbezirk ist hierbei Orts- und Lcnrdbestellbezirk zu verstehen; eine Gebühr ist auch bann nicht zu entrichten, wenn ber Bezieher inu Laufe der Bezugszeit iirnerhalb der Bestellbezirkej ber dem glcidfcn politischen ® emcinirebe5.tr t aiv» gehörendeit Postort verzieht z. B. aus dem poltiifch in Berlin-Wilmersborf belegcnen Beste! lbezirfl eines Berliner Postamts in den des Postamts Ber^ lin-Wilnrersdorf. Eine Gebühr wird endlich nicht: erhoben, wenn ein Berlagsstück infolge eines Irr­tums des Verlegers über die Abgrenzung ber Be­stellbezirke unrichtig für eilt Vororts- statt für ein Orts-Postamt und unngekehrt angemelbet wird., Voraussetzung ist auch hierbri, daß es sich um bcatj gleichen politischen Gemeindebezirk handelt, z. B./ für einen Bezieherr in ber politischen Gemeinde Berlin-Wilmersdorf an das Postamt I Berlin- Wilmersdorf statt an das Postamt XV Berlin W.'

** Wichtig für Rentenempfänger. Tie Kriegsteilnehmer, die als Rmtenempfänger! zum Heeresdienst erneut cinberufeu worden find und deren Versorgungsverhällnisse wähvend d:p Zeit ihrer Wiederheranziehung bis zu Vzo den bezogenen Löhnung gieruht haben, stehnt teckweis^ noch nicht im Genutz ihrer vollen Bezüge, well das Regelungsverfahven erhebliche Zeit in An^ sprach nimmt Es mehren sich daher die Gesuche unb Anfragen wegen Zahlvarmachung der Ver­sorgungsgebührnisse, die vielfach in unberechtigte Borwürfe gegen die Pensionsvegelungsbehordenj ausarten. Um den Interessen ber Empfänger ent-i gegenzukommen, werden jetzt alle lausendem Versvrgungsgebühritisse. soweit Anträge vor-' liegen zahlbar gemacht und bst Beteiligten Bescheide darüber zugesüellt. Die Berechnung der Gcbührnisse für die rücktvegende Zeit muß dabei zunächst ausgesetzt bleiben, da gerade diese Ai> freit erhebliche Zeit lreansprmlti, weil teilweise über*! ho bene Beträge anzurechnett sind, tetinreis« auch bet den Zaylstellelt (Kccts- unb Pvstkassen) erst festgeslellt »ariden muß, was bisl-er gezahlt morden tft Sobald jedoch die Anweisung der laufenden Gebührnisse beanbet ist, wirb auch die Bereckjamn» unb Awveistmg der einmaligen Zahlungen in An­griff genommen werden. Die in Frage kommens den Militärpersvuen, fotorit sie Kriegsteilnehmer sind und ihre Rente noch nicht geregelt ist, habens alsbald bei den zuständigen Pmii-mSvegelurigs-' behörden unter Angabe ihrer Katasier- und StommVartennummer, oder -unter Borlage be? BentMMittrmssbuches vvrstLlftg m toextreu»

Landkreis Gießen.

Lich/16. Ott. Tas Fest der silbernen Hochzeit feierten heute, von der Bürgerschaft herzlrchst beglückivünscht, Fürst Karl zu Solms-^ Hohensolms-Lich unb Gemahlin.

ga.Queckboru, 13.Ott. DieFeldbereft nigung ist hier beendet. Nun kommt das Ge-i mänbegut 60 Hektar Ackerland unö 13 Hektars Wiesen wieder zur Verpachtung, liebet letzterer konnte sich der Gemeinderat nicht einigen. Dies Arbeiter und Kleinbauern richteten eine Eingabe ans Ministerillm und baten um freie Abgabe von Ackerland nach Wunsch (b. h. jeder wünschte sich! die Anzahl Morgen, die er haben wollte) zu einem niederen Preise. Den Nest sollten sich dann bia Begüterten noch öffentlich pachten. Die Bauern waren für öffentliche Verpachtung. Dieser Tage weilten nun Kreismntmann Dr. Langermatm unb Landamtmann Braun hier und hielten im Schul-, saale eine öffentliche Gemeinderatssitzung ab. Nach

Das Glück der andern.

Original-Roman von Errch Dbensteiu.

Copyright 1916 by Greiner & Cotop^ Berlin W 30.

lNachdruck öerbotcru) Fortsetzung 27.

Sie aber 'war gar nicht ergriffen. Sie dachte nur, ob dieser kleirre Raum iwU auch imstande lern würde, alle Hlvchzritsgäsle zu faffen( und machte fchlieflich mit lauter Stimme eine dresbrzügllche Semertung.

Magnus runzÄte die Stirn. Zum ersten Male empfand er den Klang iHvrr Stimme als etwas iwMgenehm Irrfdrürgiiches.

.Die Kapelle faßt hundert Personen," ant­wortete er kurz und folgte den untrer m, die bereits unter Führung der Gräfin die Treppe zum zteeidm Stockwerk empörst«:gen, wo die Zimmer dw drei Damen liegen sollten.

Gerade über der Terrasse mit btt .Aussicht Wer den ganzen Park. Ich hoffe, es wird Ihnen sriallen, meine Liebe," sagte bit Gräfin elren zu Mama Losenstein.

Ob es ihnen gefid!

Mama Losen stein unb Modesta konnten strh «ar.nicht zurecht finden in der nngeta^nten Pracht, wtrcint glitten ihre Blicke über all die hübschen Tinge, die seidenen Decken, schnellenden Teppiche unb deckenhohen Spiegel hinweg. Tie .Gräfin hatte sich entfernt.

1 Ta sollten sie wohnen? Und ihre eigen; Kammerjungser hatte ihnen die Gräfin zur Be­dienung überlasfen während ihres .AufmchaltÄ hier?

Mein Gott, sie waren doch gewohnt, sich selbst z» bedienen . . ,

Evelyn, die treiben jede Regung vom Gesicht ,<iMad, ärgerte sich. Sie hatte sich schon über dos ewige Bewundern Mamas aus dem 28ege hierher geärgert. Mußten es denn alle wissen, daß sie bisher solchen Luxus nur vom Hörensagen kannten'?

Und sie beschloß, diesen Fehler b?r Ihren auf der Stelle giltzumacken.

Wit der Miene einer Prinzessin, die nie etwas

anderes gewohnt war, wandte sie sich an die war­tend dastehende Jungfer.

,/öeforgen Sie mir warmes Wasser und etwas eutvatzmte Milch zum Waschen, Joyanna. Nach­her helfen Sie mir beim Umkleidm, und währenb wir im Park dar Kaffee trinken, ich glaube, Mama sagte: im Park/"

,^Ja, gnädiges Fräulein. Unter Efeu Platanen. Ich werde mrr eLaubor,. bfye Herrschaftm dann

,/Lchän. Und wLhsrend wir dann unten stad, köstuen Sie hier auspucten."

Mkeiu mit ?Jriitter und Schwester jagte sie energisch:Ihr aber tut mir um Gottes willen den GefEn unb hört mit ban earig«m Bewundern und Tanken amf! Ihr macht uns geradezu lächec- tidy dadurch. Sich durch nichts imponieren lassen ist die erste Micht einer wirklich feinen Dame."

Tie SÜlutter wollte pvatestreren, aber Evelyn war ichoü in ihrem nebenan liegenden Zimmer veyckwimden.

Der Kaffee wurde also im Park getrunken, und die Unterhaltung iuar eine recht lebhaft: dabei. Nachher schlug die GvLftn einen Spaziergoirg vor. Sie zollte ihren lieben Kasten allerlei Ltelmgs- Plätzchen im Park zeigen.

Wenn übrigens Evell)n um der bescheidmen Hvilichteit ihrer Mutter ivilten >ie auf Nadeln laß, ja war diese um Evrihns i ml len in gleicher

,,Deine blasierte alles als selbstverständ­lich hinzunehmen und nichts zu bewundern, mutz Magnus ja geradez>n verletzen!", flüstert: sie ber Tock-ter einmal zu, als betbe etwas hinter d:n anderen zurückbliebm.Es ift doch seine Heimat, die er hebt!"

Ueverlaß das mir, Mama," lautete bte hoch­fahrende Antwort. ,^Jch bin doch seine Braut, und all dies wird in kurzem mein eigen fein. .Utein Verstand sagt mir, daß es lächerlich wäre, hier die Bewimdemde zu spielen."

Ich wollte, du hörtest nicht immer aus deinen Verstand, sondern mehr auf dein Sers!"

Dann stände ich wahrscheinlich nicht hier! entfuhr es Evelyn halb widv Willen, und ohne

von b^m erschrocken fragenden Blick der Mutter Notiz zu nehmen, eilte sie den Voranschreiten den nach.

9)Zobe(la war anfmigd an Harold Wolkerns Seite dahingeschrittem der sich eifrig Atühe gab, sie zu unterhalten. Aber sie antwortete nur ein­silbig imb befangen, und ihr Blick, der in stillem Entzücken Über die Landschaft hinglitt, hob sich nur schüchtern zu dem großen Hünen mit dem blonden Siegsriedslopf, der ihr von seiner Stern­warte, von Schvnan und seiner guten allen Taute Luise erzählte, die dort das Regiment führte.

Sie war so gar nicht an den Umgang mit Herren gewöhnt und atmete erleichtert auf, als die Gräfin sich mit einer Frage an den Freund ihres Sohnes wandte und ihn dabei in ein kleines Gespräch verstrickte.

Magnus sah sie nachher, zufällig aufblickend, öeOoutiirert ein paar Himmelschlüssel pflücken und mit inniger Zärtlichkeit an die Brust drucken. Auch über tne weiße Pracht eines blühenden Magnolienbaumes sah er sie in verstohlener Lieb­kosung streichen. Dann mar sie plötzlich ver­schwunden. Man merkte erfä daß sie fehlte, als man die Schloßterrasse wieder erreicht hatte, wo zu Abend gegeifeu werden sollte.

Magnus nnb Harald machten sich sogleich auf die Suche. Dabei blieb letzterer plötzlich stehen und sagte mit einem stürmischen lleberschwang, der seiner sonst ettoas trockenen Gelehrtenart ganz fern lag: ,^Zch danke dir, alter Junge, daß du mir erlaubt hast, schon heute zu kommen und eure Gäste zu begrüßen! Ich werde diesen Tag nie vergessen! Sie ist cntrilckend? So fein und zart und poetisch. . . ."

Wer? Evelhw?" fuhr Magnus m>s seinen Gedanken auf.

Graf Molkern lachte.

Rein. Die andere. Modesta. Seine Braut ist ja vielleicht schöner, jedenfalls königlicher, aber die Schwester du hast mir nickt zu viel, sondern zu wenig von ihr erzählt! Versprich mir, daß ihr balo nach Schönau kommt! Tante Link- muß sie au di kennen lernen." I

Magnus versprach es.

Sie fanden Modesta endlich nach Tangente Suchen im HLhnerhvfe, wo sie mitten unter jung:nj Küchlein und den «ahmen weißen Tau Iren d.ri Gräfin hockte und leise mit ihnen plauderte.

lieber ihr wölbte sich tret klare, blaßblaue Abcudhimmri, ,und unter ihr im glänzend grünen Rasen lagen wie zerstreute Gold- und Silber- stemlein Butterblürnchen und Margueriten. Mo-< destas Wangen aber waren rofeacot vor imrerem Glück,

Beide Wünuer berrachteten sie eine Weile stumm über den Lattenzaun hinweg, che sie sie aTtrSe besah eine so merkwürttg weiche, Un­mutige Art der Mwegungi. Es war eutzückchÄ, ihr: schmalen, weihen 5ttudrrhände lcelrevoll die Kiickri km und Dauben streicheln zu sehen, wahrnch eine keusch« Jnbvmtz aus ihren samdWnllcm Mge-.i strahlteu

WariiM sind Sie meinem FrLitndie Mte ente wischt?"^ fragte Magnus sie eine Stunde später, als sie zufällig einen Augenblick allein marem Er gab sich doch so Mühe, Sie $u unterhalten! Gefüllt er Ahnen nicht?" rr \

O doch," antwortete Modesta Äschrocken übet die Worte, die sie als Tadel emtfanb,vfr weift es selbst nickt, .ich <ging dahin wie tm Traum und stand auf einmal am Geflügelhof. Das war mir men .« nm> scktz so reizend ans ..." .

ES gefällt Ihnen also auf Rettenegg?" \ Heber alle Begriffe l Es ist ja alles ivi: eiitj Märchen die vielen Blumen, die Wiesen, die. Berge', unb diese Stille ringsum! Mir ist, als) gehöre ick gar nicht hierher, als müsse ich jeden Augenblick erwachen und jentemb mich prthreifen!" Ihre Augen leuchteten, ihr Gesstlst strahlt:.

Er lächelte gerichri.

Tas wird wohl nie geschchar. Wir alle habest Sie ja lieft, kleine Adobesta, unb wünschen -nur; daß Sie sich wohl fühlen bei un3. Ich aber bin ganz besmärers stolz daraus, drft Ihnen Retten^gg so gefällt, denn es i|t meine Heimat, und ich !; jeden Sl-ei« davon!"

^Fortsetzung folgt)