Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ht. 81
JSamstag, 12. April W9
schicht
GoeLheschule 5?)
^Reattlaff.,verb m.vorschule, erl.Ginicihrigenzevgn^
Universitäts-Nachrichten.
München, 10. April. Der Senat sowie die getarnte Dozentenschaft imb Studentenschaft der Universität bis auf eine verschnnndcnde Mm- derheit haben es in einem einmütigen Bcicoluv abgelchnt, sich dem Gebot der ihnen von an Rar m'sgedrängten Hochschulräte zu imtcrrocrfen, iuw* sie verwerfen jeden Zwang auf das polittuttc Bekenntnis. Tie Dozenten verpflichten sich, Ein griffe in die Autonomie der Hachickprle nicht 3« dulden und mit dem Verzicht auf. ihre Lchrtätig leit envidcrn.
Wer Interesse für diese Vorschläge hat, möge ßrch Bornemanns Tenkjchrist von dem Herrn Verfasser (Bad-Nauheiim Frankfurter Str. 2) schicken lassen; sie kostet 50 Pf. und führt den Titel: ,,Der ftrieg und die Gewinnung von Nahrungsmitteln durch Waldseldbau". Dr. Wimmenauer.
Die Feststellungen des Herrn Geh. Forst- rats Dr. Wimmenauer lassen die Anregung Herrn Klippels so bedeutsam erscheinen, daß ihnen im Interesse der Volksernährung höchste Beachtung geschenkt werden muß. Es wäre daher besonders dankenswert, wenn sich nun auch ein praktischer Landwirt die Mühe machte, eine Ortsbcsichtigung vorzunehmcn, und das Ergebnis der Oeffentlichkeit unterbreiten würde.
3. daß eine bessere Versorgung der Industrie- hezirke mit Lebensmitteln ba.digü eintritt. 4. daß die Krankengelder im citlgemrinen erhält werden, so daß in der höchsten Klasse mit drei Kindern ein Krankengeld von 10.50 Mk. gezahlt unv das Sterbegeld erhöht iviro. 5. daß die Teuerungs- ziulagen für die bedürftigen Rrichsinv-aliden, die Witwen und Waisen zu verdoppeln sind.
Anregung zu einem Projekt geben, das sicher wert ist, daß man sich einmal damit beschäfligt.
Es fragt sich nun, wie man bei bet Rodirng vorzugehen hätte. Tas Beste wäre wohl, eine w« i i e rähn l i che Neuaründuna 00 rzune Ismen; denn die genannten Distrikte sind zum großen Teil ziemlich weit von den nächsten Törsern abgelegen. Tiefem Um stände schreibe ich es auch zu, daß hier der Wald erhalten geblieben ist. Es ließe sich wohl sicher bei einer Reuansiedlmig 30 Bauerngüter, von denen jedes imstanoe wäre, eine Familie *u ernähren, gründen.
Mancher Waldfreund und Forstmann toi cd zwar bedenklich den Kopf schütteln, boit einerlei, Brot ist wichtiger als Holz. Ich selbst bin ein großer Natur- und Waldfreund, aber soviel scheint mir gewiß, baß eine neue Periode der Wale» roduna in Teutschland kommen wird. Tie wirl- ick?aftliche 9tot wird uns dazu zwingen. Nichts könnte mir deshalb größere Freude machen, a>s ivenn Fachleute sich in eine sachliche Tiskussion meines Vorschlages einließen. Eine ganze Reche wichtiger Gedanken könnte ich noch erörtern. Ich nenne nur: Kriegerheim statten, Ansiedlung von vertriebenen Ausländsdeutschen. An Liebhabern des Geländes, das zu dem genrnnten Zwecke von den beteiligten Gemeinden zu ange- meffenem Preise freigegeben werden müßte, wird es auch bei der hier ansässigen Bevölkerung nicht fehlen; denn nichts ist ja heutzutage gesuchter als landwirtschaftliche Produkte und der Boden, auf dem sie gcdeilicn.
I. Klippel, Student der Pädagogik.
Wir haben die Angaben Herrn Klippels einer fachmännischen Nachprüfung wert erachtet und mit Herrn Geh. Forstrat Dr. Wimmenauer die Möglichkeit landwirtschaftlichen Ausbaus der genannten Walddistrikte besprochen. Herr sÄeheimrat Wimmenauer war so liebenswürdig, eine Besichtigung an Ort und Stelle vorzunehmcn und uns fein Urteil wie folgt susammenzufassen:
Aus Statt und Land.
Gießen, 12. April 1919.
*♦ Ein weiteres Großbau kun ter- nehmen in Gießen. Ter tmtfhtyiftlitfc Aui- fd'ir nng unserer Stadt hat auch die Disconto- C'^cl. schäft thrranlafot liier eine Zweig delle zu et- richten, die, wie aus dem Anzeige'.teil ersichtlich, am 15. ds. M s. ihre Tätigkeit aufnehmen wird. Tas Aktt?ckkvpital der DiSw 1 rto-Ge'ell sckvrft, die im Ialwe 1851 gründet wurde, beträgt jetzt 310 Millionen Mark, die offenen .Reserven haben die Höhe von rund 134 fDlilltaten Mark. Sic besitzt sämtliche nvm. 60 Millionen Mark Kom.-Änt. der Norddeutschen Bank in Hamburg und sämtliche iwm. 100 Millionen Mark Ak ien des A. Schaafs- stausensck-en La'ttvereins in Cöln. Ferner hat die Tiscontv-Gesellschäft dauernde Beteiligung durch Ak'.icnbesitz bei der Mg:meinen Deutschen Credit anf.alt Leipzig usw., der Süddcu.scheu Discontv- Gesellsckiaft Nürmcheim usw., dem Barmer Bankverein jötnSberg, Fischer u. Co., Barmen usw., der Bank für Thüringeri barm. B. M. Strupp, Meiningen usw., der Stahl- und Federer-A.-<V., Stuttgart usw., und ^>ci vielen anderen Bans- instimten und industriellen Unternelymungm des In- und Auslandes.
** Aus das Wohltätigkeitskon- z e r t, das morgen nachmitüig fern der Infanterie- Kapelle 116 ;um D.stcn ter >?.u^L H?lMnL<nKrie?s- S.'sangenen veranstaltet wird, matten wir nochmals aufmerksam, ^n Altbetracht des guten Zweckes ist ein ialjlreüter Besuch zu wünschen.
Landwirischastttcher Neuland.
Die Notwendigkeit, die Lebensmitteler- -engung im eigenen Lande zu steigern, hat zu maiicherlei Vorschlägen geführt. Einer der beachtenswertesten darunter zieht die Möglichkeit in Betracht, Waldgelände auf ertragsfähigem Boden abzuroden und für den landwirtschaftlichen Anbau zu gewinnen. Ob cr- tragssähiger Boden vorhanden ist, muß von Fall zu Fall geprüft werden. Wie nachstehende Zuschrift ausführt, soll sich höchst anbauwürdiger Waldboden in unserer nächsten Nähe, und zwar auf der Climbacher Hochfläche, befinden. Die Zuschrift eines Ortskundigen möge dies im einzelnen erläutern.
Durch die Zeitungen geht der Ruf: „Arbeiter aufs Land!" Man fordert intensivere Ausnutzung des heimischen Bodens und dadurch (Steigerung der landwtttschafttickien Erträge. Ge- mar&ngjrcgulierurgcn sind vielfach geplant, und manchs Stück Land, das biSfcr als Rain ober Graben unbebaut lag, wird für die Erzeugung von Lebensmitteln g Wonnen werden. Andere bekannte Vorschläge fielen darauf hin, daß man Großg rundbesitze zerschlagt und Mein- bauemficMungen schafft. Es liegt mir fern, an dem parteipolitischen Charakter, der diesem Gedanken anhaftet, itgenonne zu rühren. Toch so viel ist doch sicher, daß bebaute Fläch-n durch Aufteilung nickt ofate .weiteres größer werden, und aus bie Mehrerzeugung kommt cs doch an. Auch nicht in allen Füllen werben sich nach einer Aufteilung bic Ertrag: pro Hektar steigern. Tenn Großbauern stehen Maschinen, ftatria.ren und sonstige Hilssmitlel zur Verfügung, die dem kleinen nicht selten fehlen. Doch möchte ich nicht den Großgrundbesitzern das Wort reden, wir brauchen eine Vermehrung bet Tie inen urtb mitt* leren Bauerngüter.
Wir haben zuviel Wald, oder besser gesagt, wir haben Wald auf Boden, der ei^nllich bebautes Ackerland sein mü^le.
Schon während des Krieges hat man hier und da Vcrsuckte unternommen, Waldgel ände durch Rodung für den Anbau zu gewinnen. Ter Gedanke an sich ist also nicht neu. Nach meiner Meümng snüstte man aber jetzt planmäß g damit Vorgehen, jedoch nicht so, als sollten jetzt große I^alöbestände nieberg.'sch!agen werden, damit man dann nach einiaen Jahren einsieht, daß man übereilt für den Ackerbau minderwertiges Gelände tev alias sogen hat. Man gibt dann meist den Anbau rtneber auf, eine Neuaufforstung erfolgt häufig genug nicht, und eine trostlose Wüstung zeug', van übereiltem Schritt. Es ift möglich, daß der kahle Attenberg bei Großen- B u seck ein Beispiel von solch unftuger Abholzung
Aus Hessen.
Bildung eines Beirats im Hess. Bauwesen.
Darmstadt, 10. April. Um allen Beamten der Bauverwaltung die Möglichkeit zu geben, ihre Unter eifert jederzeit unmittelbar der Regierung zu Gehör zu bringen und zu vertreten, bat das Ge- samlministerium auf Antrag der Mmiücrir.labtti- lung für Bauwesen genxchmigt, daß bei dieser Ab tcilung zur Beratung wichtiger Angelegan'hciten der Bauverw'.l.ung ein Beirat gebildet wird, der aus Dcistreern der Bezirksbaubcanrteu des höheren Staalsdicn. cs, sowie der BezickSboamten der mittleren und inneren Stellen im Baufach besteht, ein- scl^ießlich der noch in per Ausbildimg für ihren Beruf besindlickM Anwärter des dah.ren und mittleren Bausackrs. ES sollen je nach dem Gegenstand per zu beratenden Augriogenheiten alle oder ein zelne Beamleng.-uppLU etnberufen ivetben. Die einzelnen Müg.ieder des Beirats, fotrne für jedes Mi.glied ein Ersatzmaim, sind von dm Angehörigen ihrer Gruppe zu lualjlen und der Mrii'.erialabtti- lung für Bamoesen mmlxift zu manteit (tämotIjI die Mitglieder des Beirats, wie auch eine sonstige amttckannle Vertretung einer Boamtengruppe, sind berechtigt, bei dem Vorsitzenden der Abteilung die Einberufung aller oder einzelner Mitglieder des B.i ats anzuregm. Die Mteckung wird die Vornahme der Wal-len durch eine Kommission selbst tri:en und tne eriorderlch.-n Ausführungshorschrif- ttn bemiwtet erlassen.
Vcrmchrung der (9enbarmmc.
Ein Regierungseulwurf oeriangt dringend eine Verstärkung der Gendarmerie um 36 Mann, wofür 71 712 Mk. erforderlich mären. Begründung hierfür ist die außerordentliche Zunahme der Hamsterei mtb des Schleichhandels, dem die landwirtschaftlichen Erzeuger oft machtlos gegenüberstehen, da die .Hamsterer vor Gewalttätigkeiten nicht zurückschrecken, wenn man ihnen die Abgabe von.Nah- rimgsmittcln verweigert. So wird aus dem Kreis Büdingen berichtet, daß dort Plünderungen und Diebstähle an der Tagesordnung wären. Leute ans den Städten Frankfurt a. M., Offenbach und Donau überfluteten die dortige Gegend, kämen gruppen- und rottenweise, um sich Lebensmittel, insbesondere Kartoffeln, zu holen. Sich in Güte mit ihnen ausernanderMsetzen, wäre unmöglich, wenn man ihnen nichts gäbe, brächen sie gewalttätig die Vorratsmieten auf. _________
Griesheim besetzt
Frankfurt a M., 12. April. (WTB.) Der Nachbarort Griesheim ist heute vormittag von den Franzosen besetzt worden. Wie wir hören, soll der Verkehr noch vis zum 16. April.aufrechterhalten bleiben.
Berlin, 12. April. Ter .vorwärts" berichtet aus Bochum von gestern: Tie Konferenz der Vertrauensleute und des Aktionsausschusses de» deutschen Bergarbeiter-Verbandes beschlossen mit 317 gegen 82 Stimmen bleSBiebcraufna hme der Arbeit unter folgenden Bedingungen: 1. Tie Siebenstmidenschicht einschießlich bet Em- unb Ausfahrt für den einzelnen Vöann unler 3®rt zählung bet bisherigen Löhne wird sofort ein- geführt. 2. Tie Regierung beruft eine Kommission, die die Frage der Einführung der Sechsstu.rden- rufen imb gecigne e Vorschläge machen soll, eine bessere Versorgung der Industrie
Die Anregung zur Gewiirmmg landwirtschaftlichen Neulandes, die Öerr stud. Klippel, bibber Lehret in Großen-Buseck, vorstehend gibt, ist ohne Zweifel beachten3:i'«vt. Ob und in nxldjer Ausdehnung das bezeichnete Wald- gebiet sich zur Anrodung, zu landwirtschaftlichem Betrieb und zur .Begründung von Ansiedlungen eignet, wäre zunächst durch sachverständige Landwirte zu beurteilen. Als Forltmann möchte ich betonen, daß nur alte Hiebsreise Bestände in Frag« Ibnimen können; denn durch Abtrieb junge», in gutem Zuwachs stellenden .Holzes würde man Opfer und finanzielle ^Verluste herbeiführen, bic den gewünschten und Erhofften Vorteil schädigen! tober gar ins Gegenteil verkehren.müßten. Aber es sind dort, wie ich mich durch Einsickstnahrne überzeugt habe, recht ansehnlicte, mit iveit über 100- lährigen Buchen usw. beftanbcuc Flächen vorhanden, die sich teils im Blitze des <Staates, teils in dem der benachbarten Gemeinden Großen-Vuleck, Kern (?) und 'Treis an der Lumda befinden.
: könnten zunächst in Eigenregie der Walder im nächsten Winter entsprechend auSge- wählte Flächen abgeholzt, angetobet unb bann mit Laser oder Kartoffeln angebaut werben. Nach meinen CTfabrungen in den mir früher unterstellten Forstrevieren bezweifle ich vorerst zufriedenstel-' lenbe Erfolge nicht. Ob diese dann auch die dauernde Umwandlung in Ackerland rechtfertigen würden, müßte die Zukunft lebten. Sollte sich eine befallende Antwort aui diese Frage ergeben, >0 wäre allerdings nach.Herrn Klippels Vorschlag die Anlage von Siedlungen in Betracht zu ziehen, iveil das fragliche Waldgebiet von den Dörfern der Umgebung zu weit entfernt ist. I
Welche ungeheuren Mengen von Nahrungsmitteln durch auch nur Dorübcrgcbenbc lanbwiri- schastliche Benutzung geeigneter, besonders auszuwählender Waldslächen, sogen. Waldfeldbau, zu gewinnen wäven, hai Forstmeister Borne- niann im Januar 1915 durch einen Artikel in der „Frankfurter Zeitung" unb im folgenden Jahre ausführlicher in einer besonderen Denkschrift bargelegt, bie im Selbstverlag« bes Verfassers erschie- tien ist. Diese Vorschläge sind bis jetzt noch wenig beachtet worden; ich möchte jie aber zum Zwecke der Steuerung unserer herrickienben Volksernäl)- rungsnot bringend zur Beachtung empfehlen.
Bornemann führt hier näher aus, daß schon im ersten Jahre 20 Millionen Zentner Kartoffeln, im zweiten die hoppelte Menge zu getrinuen wären, wenn durch Abholzung besonders ausgewählter kleiner Flächen besten Bodens inmitten alter Be- ftänbe und deren Wiederanbau mit gleichzeitigem landwirtschaftlichen Zwischenbau der viebssatz der deutschen Waldungen erfüllt würde. Tiefe Nutzungsflächen würden noch nicht den hundertsten Teil unserer Forste beanspruchen, also einer Umtriebszeit von weit mehr als 100 Jahren entsprechen. _____________
Letzte Nachrichten.
Die Münchener Nätereglerung gestürzt
Berlin, 12. «tpril. In München ift nack der „Deutschen Allgemeinen Zritung" die stiätercpublit gestern mit Waffengcwnlt ge stürzt worden.
Die Bekanntgabe der Friedensbcdingungen.
Rotterdam, 12. April. (WB.) Nach dem „Nieuw« 9totterbam-(Soiirant" protestieren bie Pa- rifer Korrespondenten der „Times" unv der „Tailn Mail" gegen den Beschluß der Konferenz, daß bi Fricdensbedingungen nickst öffentlich b fannt gemacht werden sollen, ehe fte den deutschen Bevollmächtigten vorgekgt worden sind. Ter Kvr resvvndent her „Times" äußert seine Genugtuung darüber, daß der Gesamtbetrag der Bcrpflichtu^n, die Teutschland auf sich nimmt, unbestimmt blttirt Er kündigt gleichzeitig art, daß England an der Wacht nm Rhein teilmhrnen wird. Tas 'Beite wäre eine eng.iich- französisch-belgische Trupvenmache aufzustellen. Die Engländer hätten jetzt cmgriehen, daß noch auf Jahre lstnaus der Rhein ihre Grenze sein wecke. Ter Korrespondent der „Tai.Y NcwS" hingegen sagt, «s sei nicht sicher, ob das linke Rl-einuser überhaupt besetzt bleibe.
Der englische Standpunkt zu den Friedeus- dedingungen.
Rotterdam, 11. April. <WTB.) Nach dem „Niettwe Rotterdamsch« Courant" teilt „Dailtz Erpreß" auf Grund verläßlicher Informationen mit, baß L l 0 h d G e 0 r a e darauf Hiebe, daß Deutschland gezwungen werden solle, die gr ö ß te Sch a - bensvergütung tu bezahlen, bie bie Finanz fachverstän. i.ien d:r Alliier e.i ü. erreichbar halten. Nack, ber britifdien ^Ausfassuttg muß Doutschlaw) deutlich gemacht werben, daß dio NichteintzUttmg ber Betahlilngsterinin« durch sofortige Erklärung vier Blockade und zeitweilige Verhinderung des Ein- und Ausfuhrhandels gesühnt werden würde. Ändererstits find Amerika unb Frankreich der Ansicht, daß England ohnelstn schon große Vorteile errungen habe, da ihm die meisten deutschen Kolonien durch das Mandatensystem in jeder Einsicht zugesprochen wurden, nur nicht dem Namerr nach. Außerdem wären die Lücken seiner Handelsflotte wieder ausgesüllt und fieüt gefährlichster Mitbewerber auf dem Gebiete des Handels fei auf Generationen hinaus machtlos. 'Deshalb müsse Eng- fland auf pekrmiäre 'Vergütungen verzichten, oder doch seine Ansprüche möglichst herabschrauben. DaS sind die beiden Aufsassungen, zwischen denen ein Vergleich schon jept zustande gekommen ist ober zu- stanöe kommen wird.
Der Streik im Ruhrgebiet.
bildet.
Darum also planmäßig, d. h. fachmännisch twrgeben ’ Ter erste Fachmann, der zu Wort kommen muß, ist der Geologe. Er kann Aufschluß geben über die Art des Bodens, seine Durchläf-.ig-- feit für Wasser, über die Möglichkeit von Wegebau und Enttvässcrung, Anlage von Brunnen unb Gewinnung von Baumaterial, wie es bet Neusiedolimgen itölig ist. Ter Geologe ivirb also den prattifck-en Laiidtvirt auf geeignetes Neuland ausmerksom machen können.
Aus diesen Erwägungen heraus bin ich zu meinen Ausführungen gekommen. Meine ®or> schläge sollen nicht nur allgemeiner 9latur fein, sondern ich möchte ein ganz bestimmtes Projekt ansübren. Schon vor -N7ri Jahren, als ich,tn die Gegend kam, fiel mir auf, daß der grollte Teil der sog. Climbacher vochsläche, bie man erreicht, wenn man von Großen-Buseck aus nördtich wandert, mit Wald bestanden ist. Untersucht man den Boden, dann ist inan erstaunt, daß ein großer Teil des Waldes auf L ö ß l e h m steht. Wo aber Löß ist, sollte kein Wald hm; denn Löß ist bekanntlich ein hervorragender Ackerboden. Tas entging auch schon unfern Vorfahren nicht: denn es sollen eine oder gar zw e i weilerähnliche Siedelungen ans der Climbacher Lochflachc gestanden haben. Einige Ruma men beuten darauf hin. Kriegözeiten haben wahrschrinlich diesen Kolonisten, den Untergang gebracht. Vielleicht bestätigt |ich> ein visto- rifer einmal mit dieser Angelegenheit
Für Rodung und Anbau kamen folgende Distrikt« mit gutem Löß in Betracht : N e u str au ch, Schwalbachswald, Ktrfchbaum, Ente n p s u h l (müßte entwässert werden), Tetle M Buchberges, Bauschlag, die große Mark, der neue Wald, der hinterste Wald, Teile des Aspenstrauches Oberseilbacher Waldes und Ka t tenschl a qcs Nicht alle genannten Fluren sind wahrscheinlich gleichmäßig gut zu Anbau geeignet IHte däim aber durch fachniännische Untersuchung fest- ^uslellen. Meine Ausführungen sollen ,a nur eine
Der Doppelgänger.
Roman von Carl Schüler.
Fortsetzung Nr. 5.
Zwar hatte er mit^ gewichtigen frrren1 Settncß* Hge Besprechungen, di« nch ausschließlich um Wolframerze und große Cfeldsummendrehten, unb kabelte teure und wichtige, Depeschen an ^nm geplagten Mineningenivur m Brasilien, aber dänischen machte er miserable gebuchte Er de- nahm ,'icki aaiu vernünftig, mit angemessenem Leichtsinn, aber mertit er sich um MitternÄt vvn Freund Umbach getrennt hatte, saß er noch senden lang bei unzähligen 3igaretten im ^ehnltuhl imb träumte dummes Zeng von sckyi^rzem Vaar, großen braunen Augen, latentem Mund . . . Aber sonst war er ganz praktisch:
Er lief in alle Theater.
Er klapperte alle Schaukasten der Phvto- graphrn$ab$ unmöglichsten Ausdauer im
$ier^Mr^k^ «neu &U*. I* er tonte, einladen. , ,.___.
Er guckte in jedes Auto Wto.
Fmid „sie" ober nicht. .
Einer dieser Zweckipaziergange ~ es war Unter den Linden diesmal mid Umbach, dem er natürlich von seinem „Zweck' nichts verriri. begleitete ihn — endete nach etmgat Umwegen nn Esplanadehotel. Als die beiden Aretmoe im Rauchs zimmer kaum Platz genoNMien hatten, kamen zwei Derren die breite Treppe aus t«m ^^peöeiaal herab. Beide waren Südländer, das sag man aus den ersten Blick. Als der Jüngere, ein Mann in dec Mitte ber Dreißiger, Tcrioal grivahrte.
stutzte er einen ')Jlomrnt und trat dann mit einem lauten Ausruf der Freude an den Tisch, an dem der Rittmeister und sein Freund fafjcri.
„O meu carissimo amigo, tote freue ich mich, Sie iu ’treffen," rief er und umarmte Dorival, der sich, den Fremden erkennend, rasch erhoben hatte und die Umarmung in ber in Brasilien üblichen Weise erividcrte. Beide klopften sich ein paarmal gegenseitig auf den Rücken und druckten sich kräftig die L>ände.
„Mein lieber Doktor, wo kommen S« her? fragte Dorival. _
, Direkt aus Rio de Janeiro. Ich bin gestern in Hamburg angenommen und sofort herüber nach Berlin gefahren, wv ich heute das Wiedersehen' mit meinem Freund Claudiiw Rodrigues d« Costa
jenseitige Vorstellung ergab, daß der Mittnieister in dem jüngeren der Öcrren einen Doktor der Chemie namens MarceUuro Manuel da Gama vor sich hatte, der längere Zeit die Analysen ber geförderten Erze aus den Minen Tvrivals bearbeitet hatte. Ter ältere Herr war «in Industrieller, der nach Teutschland gekommen war, um die gesamte Einrichtung für die Instillation eines großen elektrischen Werkes zu kaufen, das eine mittlere brasilianische Stadt mit Licht lund Kraft versorgen sollte. Beide Sxrren beherrschten die deutsche Sprache, besonders Tvktor Marcellino meisterte sie wie jemand, der sich ihrer von frühester Jugend an bedient hatte.
Nach kurzem Plaudern verabschiedete man sich Ter Rittmeister mußte in die Kaserne. Dorioal verabredete mit Toktor Marcellino und seinem Fremid da Costa, zusammen abends in dem Hotel in der Straße Unter den Linden zu speisen. In bem der Toktor abgelegen war. Nachmittags
wollte er Marcellino zu einem Spaziergang ab- holen. *
Tvktor Marcellino erwartete den Freund bereits vor bem IpoteL Als er DorivalS ansichtig wurde, eilte er ihm entgegen.
„Endlich, mein Lieber! Es hielt mich nicht mehr int Haus. Sehen Sie doch, wie die Sonne scheint," rief er in seiner lebhaften Art. „Tie Sonne hat mich herausgelockt."
Tvrival faßte ihn unter bat Arm und schlenderte mit ihm ben Weg zurück, benf Tiergarten zu.
Ter Portier des Hotels, in bem Toktor Marcellino wohnte, hatte vor ber breiten Emgangs- tflr geftanben, als Tvrival seinen Freund vor bem Hotel traf. Tiefer Portier trat bis auf bie Mitte bes Bürgersteiges, um Tvrival und den Brasilianer länger im Äuge behalten zu können. Er überhörte in feinem sonderbaren Eifer zweimal die Fragen eines Holländers, ber wi|sen wollte, wann der Königliche Marstall zu besichtigen sei, unb ob biese Besichtigung Eintrittsgeld toste. Als ber Portier di« Neugier des Holländers endlich befriedigt hatte, trat er eilig in die Halle, an das Klappfenster, das dem Hotelleiter erlaubte, von seinem Schreibsessel aus die Vorgänge im Empsangsraum des Hotels zu beobachten.
„Herr Direktor!" keuchte er, zitternd vor Auf- ergung.
„Na, Vogelsang?"
„Herr Tirektor — der Kerl, der im vorigen Jahr auf Zimmer 18 der italienischen Generalswitwe die Brillanten gestohlen hat, wir eben hier vor dem Hotel!"
Ter beleibte Herr sprang auf und stand im nächsten Augenblick neben dem Portier.
„Was sagen Sie? Ter — der — wie namtie
er sich doch? Ter ist hier? Haben Sie sich auch nicht getäuscht?"
„Ausgeschlossen, .Herr Tirektor. Mo er kam ganz gemütlich bis dicht an die Tür," antwortete der Vortier. „Ta traf er den Herrn von Zimmer 273. Ter wartete auf ihn. Sie sind zusammen gegangen, wie alte Bekannte, untergefaßt."
„Wohin?"
„In ber Richtung nach dem Brandenburger Tor zu."
„Ein Auto! Ich fahre hinterher."
„Der Herr Tirektor wollen selbst —?"
„Nein, nein, lassen Sie. Ich mühte erneu Schutzmann mitnehmen. Tas würde Aussehen er» regen, und wir müssen alles Aussehen vermeiden Wie heißt der Herr, mit bem er gegangen ist?"
Sie traten zur Auskunftsstelle.
„Wie heißt der Herr auf Zimmer 273?" fragte ber Portier ben bienfltuenben Angestellten
„Nummer 273? Ist vor zehn Minuten fort- gegangen — hat Zimwerichlüssel abgegeben," fagte ber junge Mann unb schlug bas große Auskunsts- buch auf.
„273 heißt Toktor Marcellino Manuel bi Goma," las er von ber Karte ab,/die neben ber Zimmernummer befestigt war. „Hat eine Bestellung hinterlassen — „Wenn Herr von Arm- brüster nach mir fragt, trifft er mich vor einem ber nächsten Schaufenster"."
„Tanke," sagte ber Direktor und warf dem Portter einen vielsagenden Blick zu. „Wie hieß der Toktor?"
„Marcellino Manuel da Gama."
„Spanier ober so was ähnliches. Wo ift er her?"
„Gestern arufi Hamburg angekommen."
„Tanke." iFortsetzung fokgt.l,


