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Aus dem Reiche.

Eine neue Beschuldigung gegen Erzberger.

DasFreie Wort" richtet gegen den Reichsfinanzminister Erzberger ehrenrührige Vorwürfe, die ohne Zweifel noch zu einer ge­richtlichen Auseinandersetzung führen werden. Es handelt sich dabei darum, das; zu den Ver­handlungen in Versailles über den Wieder­aufbau in Frankreich entgegen den Vorschlä­gen der Sachverständigen der Berliner Kom­merzienrat Julius Berger von der nach ihm genannten Tiefbau-Aktiengesellschaft ent­sandt worden ist. Das Blatt behauptet nun, E r z b e r g e r sei bei dieser Tiefbau-Aktienge­sellschaft mit großem Kapital beteiligt.

Dazu erklärt dieDeutsche Allg. Ztg.": Erzberger ist aus der Gesellschaft ausgetre­ten, als er Minister wurde, und ist an ihr überhaupt nicht mehr interessiert."

Strafantrag gegen Hclfferich.

Berlin, 7. Sept. (Wolff.) Die Morgen- blätter veröffentlid^n ein Schreibe n Heisse- richS an den Reichspräsidenten, worin Helsferich daran erinnert, bafl drei Wochen ver­gangen sind, seitdem das Reichsjustizministerium mit der Prüfung des gegen ihn einzureichenden Strafversahrcns beauftragt worden ist und im Interesse der Reinlichkeit des öffentlichen Lebens entweder ein gerichtliches Verfahren vor aller Oesfentlichkeit. fordert, oder daß aus dem Unterbleiben eines solcl-en Verfahrens die einzig Mögliche Folgerung gezogen wird. Sollte der Neichssinanzminiftcr sich dieser Alternative noch länger zu entziehen suchen, so würde er genötigt sein, die bisher geübte Zurückhaltung fallen zu lassen. Wie dieBossische Zeitung" hört, hat das Reich-justizministerium die Prüfung bed Materials beendet und das Ergebnis der Untersuchung bem Reichskanzler unterbreitet, der entschieden hat, daß namens des Reichsministeriums Straf­antrag gegen Helsferich gepellt ivird.

Berlin, 7. Sept. (Wolff.) Der Reichspräsi­dent richtete anHelfferich folgendes Schreiben: Auf das gefl. Schreiben vom 5. ds. beehre ich mich, Eurer Exzellenz mitzuteilen, daß das Reichs- tfabinett dieser Tage beschlossen Jjgt, auf Ver­anlassung Erzbergers Strafantrag bei dein preußi­schen Justizministerium gegen Sie zu stellen.

Ans Hessen.

Henrich über die politische Lage.

+ Lanka ch. 7. Sept. Im Solmser Hof sprach am Samstag abend Minrsterialdirek- to r Henri ck. der z. Z. in hiesiger Gegend in der Sommerfrische wellt, über die wirtschaftliche und politische Lage in Reich und Staat. Als ?lb- georbneter der Nationalversammlung und der Hess. Vollslammer seinen Wählern und Wählerinnen einmal Bericht ju erstatten über die parlamen­tarische Tätigkeit der demokratischen Fraktion so führte der Redner ans, suche er einer seither infolge Arbeitsüberlastung nicht zu ermöglichen­den Pflicht nachzukommen. Unverständlich sei die Art und Weise der Krllik, die die äußerste Rechte und die äußerste Linke an der Regierung übe. Ter Versuch, zur Politik von vor der Revolution zurückzumarschieren, sei aeradezu ein Ber- brcdicii am Reich. Diese habe uns das Chaos geschaffen, in dem wir uns gegenwärtig befinden und sei nach den Bestimmungen des Friedensver­trages nicht möglich. Eine der brennendsten Fragen sei die F i n a n z s r a g e geworden. Gegen­über 45 Milliarden vor dem Krieg seien jetzt 2530 Milliarden auszubringen, um den laufen­den Verpflichtungen in Reich, Staat und Ge­meinde gegenüber gerecht z uwerden. 8A des Ein­kommens das vor dem Kriege 50 Milliarden Mark betrug müsse jetzt als Steuer abgegeben werden, und zwar in vierfacher Gestalt, 1. als Erbschaftssteuer, 2. als Notopfer, 3. an Einkom­mensteuer und 4. an indirekten Steuern. Dabei sei der Grundsatz, die großen Vermögen und Einkommen prozentual schärfer heranzuziehen, des­halb gerechtfertigt, weil diese nicht in dem Maße, wie die mittleren und kleinen während des Krieges gelitten und somit dem Reiche gegen­über eine Dankesschuld abjutragen hätten. Dos Landgesetz, die Siedlungsfrage be- Iresfend, dessen Sinn kurzoiefaßt ber sei: Land und zwar zunächst fideikommissarisch gebundes Land, so­dann solches der toten Hand und drittens solches des Großgrundbesitzes mi enteignen und an Landbedürf- tigen entweder in Pacht, Erbpacht oder als Eigen­tum weiterzugeben, sei von den Vertretern des Hess. Bauernbundes in einer Sinn und Absicht entstel­lenden Art und Weise zu Agitationszwecken aus­gebeutet worden, die es auch verschuldet habe, daß durch die von der Reichsregierung getroffene Be­stimmung, lvvnach Grundbesitz erst von 400 Mor­gen, gegenüber der int hessischen Gesetz vorgesehene Grenze von 100 Morgen, enteignet werden darf,

Das Glück drr ändern.

Original-Romgn von Erich Eben stein.

Copyright 1916 by Greiner & Comp., Berlin W 30.

(Nachdruck verboten.) Fortsetzung 1.

Bleiben wir bei ber Sache, Herr Gotdorb. Sie sind der Erzieher der Millnersck-en Sühne, und ich die beste Freurrdin der Tochter des Hausis. Ta wir uns fo naturgemäß täglich trafm, ist es wohl nur natürlich, daß wir einander freund­lich begegneten. Zum Gegenteil lag ja bisher auch kein Grund vor. Sie liehen mir interessante SSiufar, uno wir tauschten gelegentlich unsere An- fidjten darüber aus . . . die zufällig harmonierten. Wir schwärmten beide ein wenig für Nietzsckfe, dessen kühne Tl-esen vom rücksichtslosen Recht bvr Individualität unserer eigenen Anlage entsprachen. Aber das ist auch alles. Gefühlsmenschen sind nur doch nicht? Und darum, ich wiederhole eS, ist es mir unbegreiflich, wie Sie zu der Annahme kommen formten, ich wurde mich eines Tages mit dein Haus ehrer von Beatens Brüdern verloben!"

Er trat noch näher an sie heran und zwang sie so, ihn anzuselen.

War das wirklich alles, Evelyn? Belügen Sie in freem Moment nicht mich und sich selbst? Treten Sie mit diesen taten Worten nicht die Wahrlxit imd das Recht der Individualität mit Füßen? Tenn was immer 3Iyr Mund je.t auch sp e <m oder v -rsch'wsigen mag: in Ih eu Augen stand unbewußt vie leicht, a er mir do-h mit un­auslöschlicher Mlarljeit eingeprägt, eine andere Spraä-e geschri lwn die Sprocke der Liebe!"

Einen 'Jlugenb ict zuckte es nie Erschrecken über Evelyns schöne, regelmäßige Züge. Ihre Augen xrrtm flimmernd an ihm vorüber. Tonn aber richtet: sie sich noch hochmütiger auf und sagte

1 die ganze Absicht des Gesetzes so gut wie vereitelt worden sei. Trotzdem den Vertretern des Heisischen Bauernbundes von der Regierung wiederholt die waltre, von jedem Hintergedanken gegen die Land- wirtsckxsit ifreie und nur von dem besten Wil en getragene Absicht des Gesetzentwurfes der ja doch zur Beratung stand gesagt, und diese sich für die.Ausführungen ihrer Agitatoren nicht verant­wortlich »erklärten, werde die Agitation noch bis auf den heutigen Tag betrieben. Für ein.n raschen Abbau der Zwangswirtschaft fei auch die demokratische Fraktion und zwar mit einem diesbezüglichen 'Antrag in der Nationalversamm­lung eingetreten. Die Agitation des Hessischen Bauernbundes aber habe nicht den auf gesetzlichem Wege erfolgenden Abbau, sondern die gesetzwidrige, eigenmächtige Beseitigung zur Folge gehabt und an Landfriedensbruch grenzende 91 usidyrritungen ge­zeitigt, i deren unerfreuliche Folgen, wie Abliefe­rungsverweigerung usw. zu den alleremstesten Be­denken Anlaß geben. Tie vielumstrittene Frage der VermehrungderMini st er stellen sei nur eine Formsache in Wirklichkeit besitzen wir genau wie früher nur 4 Minister da die übrigen als Ministersitze bezeichneten Negierungsbeamten­stellen auch vor dem Kriege besetzt gewesen seien, Ebenso sei das die Ruhegehaltsfrage der M i n i ft e r regelnde Ge etz keinen anderen Motiven entsprungen als denen, die früher audn geltend ge­macht worden seien. Bezeichnend sei die Kritik des früheren Finanzministers Becker, der, selber noch im besten Mannesalter stehend. 12 000 Mk. Pen­sion beziehe. Mit einem Appell an die Versamm­lung, alles zu tun, um die Regierung in ihrer schweren luni> verantwortlichen Ausgabe zu unter» stützen «und somit unser Volk und Vaterlcmo vor neuen fdjtoeren Erschütterungen, vor einem Bürger­krieg, »zu bewahren, schloß der Redner seine mit Beifall au fgenommenen Ausführungen. An der Aussprad)e beteiligten sich die Herren Pfarrer Fritsd) (Ruppertsburg), Joh. Jacob (Ober- Bessrngen) und Parteisekretär Heller (Gießen).

sw. Darmstadt, 7. Sept. Das Landesbil­dungsamt ordnete an, daß der Sedantag uirb die Geburts- und Namenstage des Gvoßh. Hauses in den Schulen nicht mtfyr zu feiern sind. Wegen des Kohienmangels sollen die H e r b st f e r i e n erst am 23. Oktober enden. Eine Gedenkfeier für die Toten des Weltkrieges ist für den 5. November angeordnet.

Der Münchener Seiselmordprozetz.

München, 6. Sept. Im weiteren Verlauf der Zeugenvernehmung gab der Zeuge Hauptlehrer Bund eine eindrucksvolle Schilderung von der furckftbaren Mißhandlung der beiden Regierungs­soldaten vor ihrer Erschießung. Einer der Roh­linge wäre dem jüngeren ber beiden direkt auf dem Leibe herumgesprungen. Als die dritte Gruppe der Gefangenen zum Tode geführt wurde, habe sich Professor Berger trotz aller Warnungen ihr zugesellt da er glaubte, sie würden zur Ver­nehmung geführt. Der Zeuge erklärt mit aller Bestimmthrit, daß der Angeklagte Hesselmann gerufen habe: .Hetzt kommen die Leute von der Thule-Gesellschaft dran!"

Auch der nächste Zeuge bleibt darauf be­stehen, daß 'Hesselmann auf dem Zettel, auf dem er sich die Namen der zu Tötenden aufschrieb, hinzufügte: Ersclsteßen! Der Angeklagte leugnet dies und bezeichnet sich als das Opfer einer Ver­wechslung. Als der Zeuge Schwarzmaier ver­haftet wurde, versuchte man, von ihm ein Ge­ständnis zu erpressen, wobei ein zwanzigjähriger innerer Mensch, der nur gebrochen Deutsch sprach, zu chm sagte, er komme ins Luitpoldgymnasium unb habe dann mit der Sache bald nichts mehr zu tun. Im Gymnasium habe Hausmann in ähnlichem Sinne gesprochen.

Hierauf gibt der Zeuge Pronauer, der ehemalige Vorsitzende des Revolutionstribunals, der vom Standgericht $u einem Jahr drei Mo­naten Festung verurteilt worden ist, eine ein­gehende Schilderung von der Tätigkeit des Revolutionstribunals und den vielfachen Anfeindungen, denen es von den radikalen Ele­menten- der Räterepublik ausgesetzt war, .da es fid) nicht zur Fällung eines Todesurteils ent- sdstiehen konnte. Dieser Kamps fei so weit ge­gangen, daß selbst er einmal verhaftet wurde und vor weiteren Verhaftungen auch nicht mehr fid)cr war. Vom Vorsitzenden über die Stellung des Revolutionstribunals zum Luitpoldgymnafinm be­fragt, erklärte der Zeuge, daß er nicht wisse, ob im Gymnasium eine eigene Gerichtsbarfoit geübt wurde. Er habe sich dagegen venvahrt, daß vom Gymnasium Verhaftungen au^oingen, und ver­langt, daß alle Gefangenen dem Revolutions- tribimal vorgeführt würden. Uebecall, wo er des­wegen Beschverde erhoben habe, auch bei den Führern ipie Levien, L e vi n6 - N i ssen , Eglhofer und anderen, sei ihm zur Antwort geworden: Tas geht hon Seidl und Hausmann, aus. Sie hatten eine gut organisierte Armee von

mit vollkommener Kälte:Genug! Enden wir diese nutzlose und peinliche Szene. Ich habe Ihnen ntriinen Entsckrlnß klar genug ausged.ückl unb . . ."

O ja! Sie sagten mir, daß Sie nickst daran d.mken, fick) mit einem Hauslel-rer zu vor- fobJrt. Tas kann ich Ihnen ja auch nicht übet nehmen. Aber diese Stellung habe ich nur vor­übergehend und aus Trotz angenommen, wie Sie wissen, ivell ich mich mit meiner Familie ent­zweite. Meine Tante, deren Erbe ich bin, besitzt ein Gut in Mährm, und eS kostet mich nur ein einzig.'s Wort . .

Tanke! Ich habe krinerlei Sehnsucht, von. .. Ertanten abl;ängig zu sein, Und d-.imit ist die Sackte wohl erledigt. Sitte, geben Sie den Weg frei! Es ist mit schan peinlich genug, i> unsere Jüngste uns vorhin hier beisammen stehen sah, wie ein . . . Liebespaar!"

Sie lachte trocken und spöttisch auf.

Er aber wich nickst von der Stelle.

Leichenblaß, mit einer verzehrenden Glut in den hellgrauen Augen, starrte er sie an.

Ich habe Sie bibber für ehrlich gehalten," sagte er langsam.Wenn Sie mit schworen kön­nen, daß Ihr .Herz wirklich nichts gar nicksts für mich empfindet, dann vielleicht ich würde es ivcmigstens versuchen . . . Sie zu ver­gessen . .

Wieder irrte der flimmernde Blick an ilstn vor­über.W-elclie Dreistigkeit!" murmelten die plltz- lickr b!au ge wrdenen schönen Lippen, um im näch­sten .Augen b. ick laut, fast schreiend l^ecauszustoßen: Nein! Nein! Ich liebe Sie nicht!"

Ihm n»ar weder ihre Blässe noch die selt­same Leidenschaftlichkeit ihrer letzten Versickerung entgangen. Wie ein Blitz zuckte es über sein Ck* sicht. Im nächsten Augenb.ick hatte er ihre Hand erfaßt und stammelte heiser:Unb dennoch lullen

800 Mamn die sie durch ihr herrisches Auf- treten im Zaum hielten. Diese Armee hätten die beiden jederzeit gegen das Revolutionstribunal mobil mad>en und ihn selbst an die Naill» stellen tonnen. Seidl fei ein jähzorniger fOZento ge­wesen, der den Leuten den stvps herunterriß und im nad/ften Augenblick auch wrü>er alles für sie ^ergeben wollte Als er von dem Geiselmord gehört habe, habe man ihm gesagt:Das haben Seidl unb Hausmann ßeniad t." Egl- hofer habe insofern große Schuld aus fid) geladen, als er seine Untersciwift viel zu fahrlässig her- gegeben habe, sehr oft, ohne darauf zu achten, was er eigentlich unterschrieb. Er bezweifle daher die Echtheit seiner Unterschrift im Geiselmordbcfehl. Der Vorsitzende zeigt dem Zeugen das Schrift­stück, das dm Vermerk tragt:Meine Zustimmung gebe ich. Eglhofer", wodurch sich Pronauer in seiner Ansickst bestärkt glaubt. Eglhofer habe auch ferne Unschuld am Geiselmord auf das Lebhafteste beteuert und dabei hinzugefügt:Die Sache bricht mir den Kragen."

Als nächsüer Zeuge wird der Postbote Max Paulus vernommen, der als Rotgardist im Luit- poldgymnasium Ordannanzdiensle versah. Nach feiner Ansicht haben Seidl und Hausmann ab* weckst« nd das Kommando im Gymnasium geführt. Tem einen oder anderen seien die eingebrachten Gesangenen vorgeführt worden. Zwei oder drei Tage vor dem Geiselmord habe in der Nacht bis zum frühen EO^orgen im Zimmer neben der Kanzlei Seidl eine Gehei msi tzung von etwa 20 P.rfvnen stattgerunden, an der ganz bestimmt auch Levien teilgenommen falbe. Auck) Seidl fei ab .und zu hinzugekommen. Dabei fei van den Anwesenden auch getrunken worden, offenbar Wein. Auch gibt der Zeuge die genaue Schilderung einer Unterredung zwischen Seidl, dem Fürsten Tl.urn unb Taxis und Stvvbl, dem Vorsitzenden der Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevo­lution, in deren Verlauf sich der Prinz am seinen von Strobl erhaltenen Ausweis berief, daß er nicht der gejuchte Fürst [ei. Ter Fürst habe da­bei Strobl nicht wiedererkannt, da er verkleidet war. Als er das Zimmer verlassen hatte, habe Strobl zu Seidl gesagt: Ter Strobl bin ich.

Vorsitzender: Wann haben Sie das Gymna­sium verlassen? Zeuge: Kurz vor der Erfthiedmg ber beibeit Regiemngs vHattn. Vorsitzender: Was können Sie uns hierüber berichten? Zeuge: Ich habe im Zeugenzimmer den Zeugen Kammer- ftätter als den Mann wiedererkannt, der die beiden zum Rchtpatz führte. Vorsitzender: Wiffcu Sie, wer d« beiden aus dem Haus in den vof begleitete? Zeuge: Nein. Kammerstätter hat die beiden zum Richtplatz geführt und als sie noch in den Hof schauten, sie zur Ericksießung her- gerichtet und mit dem Gesicht an die Wand ge­stellt. Vorsitzender: Sie haben den Kammerstälttr bestimmt als diesen Mann wiedererkannt? Zeuge: Jawohl! (Bewegung^

Ter hierauf a!S Zeuge aurgerufene Strobl, der aus der Hast fror geführt wird, bleibt gegen­über den wiederholten Aussagen des Zeugen Pau­lus darauf bestehen, daß er sich in keiner Weise an die angMiche Uintervrtnnrg mit Seidl und dem Fürsten Thurn und Taxis erinnern könne. Ter Fürst habe ixm jhm einen Ausweis erhalten, daß er als Mitglied der deutschen Botschaft in Wien unter dem Schutz der Räteregierung stehe. Er habe geglaubt, er gehöre der Regensburger Linie an. Er sei nur zwei- oder dreimal im Gymnasium gewesen und dort errtmaT mit Seidl überein-' gefommen, fron den Geiseln die polittsch Verdäch­tigen zu entlassen, um sie angesichts der kritischen Lage der Räterepublik einer möglichen Lynchjustiz zu entziehen, die kriminellen Berbrechr jedoch im Gymnasium festAuhalten. Seidl, den er so ziemlich als Hauptorgan im Gymnasium betrach­tet habe, fei damit einverstanden gewesen. Alle im Gymnasium in Hast gehlltenen Personen habe man als Geiseln anyefehen.

Vorsitzender: Sie svilen noch am 30. April im Gymnasium gewesen sein. Zeuge: Nein. Vor­sitzender: Nach der Behauptung des Angellagten Hesse'mann falben Sie habet, also am Tage der Geiielerschietzung, gesagt: Sucht Euch nur die Feinsten heran s! Zeuge: Gegenüber der­artigen Denunziationen habe ich hier nichts zu äußern. Ter Angeklagte Hesselmann halt dem­gegenüber seine Behauptungen miftecht. Auf eine Frage der Berteidtgimg stellt Strobl dem An- geklachen Seidl das Zeugntis eines aiiftichttaen Geirosfen aus, den er in der fommnnistischen De- toegung als einen unermüdlichen Arbeiter kennen gekirnt habe.

Aus Stadt tinfc Land.

Gießen, den 8. Sept. 1919.

KrieKSqefangeircrr-Hcrmrchr.

Gestern abend 8 20 Uhr traf von Köln-Deutz kommend ein Transport Heimkehrer auf dem hie­sigen Bahnhof ein. Die Leute, 880 an der Zahl, kommen aus englischer Gefangenschaft (Lager Ca-

Sie mich, Evelyn! Es muß also etwas anderes sein, das ..." Er ließ plötzlich ihre Hand wieder fallen und trat einen Schritt zurück. Sein Blick t-olyrtc sich in jähem Schrecken in die samtbrauncn Augen.

Sollte .es daS sein . . . ?" stammelte er mühsam.Die Daronin Millarer sprach neulich mit ihrer Tochter von auffallenden Huldigungen, die Graf Magnus Sanderfeld Ihnen bar bringe . man schien peinlich erstaunt, denn Millners hatten bisher in Sanderfeld ftillfckpveigend den künftigen Bewerber ihrer eigenen Tochter er­blickt ... O, Evelyn bte Wahrheit? Die Wahrheit?" rief er angstvoll.Wäre es das? Lieben Sie Magnus Sanderfeld oder hofft nur Ihr Ehrgeiz . . ."

Er kam nicht roeüer. Evelyn war an jhm vorübergeglitten und setzte mit einem halblaut gemurmelten, fcljr hochmütigen:Welche Unver- -ichämtlreit!" ihren Weg lwstig fort.

Er zitterte am ganzen Leib. Dann eilte « ihr nach wie fron Sinnen.

Evelyn!"

Sie wandte nur halb den Kopf.

Wünschen Sie wirllich, daß ich die Hilfe eines Schutzmann's in Anspruch nehme gegen wei­tere Zudringlichkeiten?" kam cs eiskalt von ihren Lippen.

Ta blieb er stehen. Ihre schlanke, königliche (Hcftalt verschwand im Nebel; der Sck>aN ihrer Sckiritte verhallte allmählich in der einsamen Seitengasse. Er ivar allein.

Mit bebender .Hand strich er sich über die Stirn, atmete schwer auf und wandte sich dann um. Unsicher wie ein Trunkener ging er den Weg zurück, den er vor einer halben Stunde sttahlend mit Evelyn Losenstein gekommen ivar.

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Lotte?"

(Fortsetzung folgt.)

Tas war Darüber und abgetan gottlob. Ganz leicht ivar es ia nicht geuxicn, aber es mußte eben sein. Hoffentlich batte er so viel Takt, ihr

Evelyn aber eilte wie gejagt die Treppe zur mütterlichen Wohnimg hinaus.

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auf den Grund ihrer Seele bis dorthin, wo­hin sic selber gar nicht feiten wollte vielleicht traurig oder vorwurfsvoll auf sich gerichtet zu sehen, das wäre zu peiillich gewesen.

Freilich ich bin stark. Sehr stark sogar. Tas habe ich heute ihm und mir selbst be­wiesen," dachte sie, iljr Stvaßcnkoftüm mit dem HaEIeid vertauschmd, stolz.

Tie Fabel vomHerzen" hot doch nur Märckenwert, 'memt Wllle imb Vernunft die Leuchte

btr imt b dnbd roai 'n ist b d bti Tato maeholt Lc^hüiMj nutflfifBL rm. i

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( U^Ill^rcicht yeÜ» isilti rrert pvt wurde v. ^brrromm.n. ®ut-oa3 unt< uj aber *nfst!lung li

über ein Menschenleben, halten."

Evelyn Ivars noch einen Blick über die be­scheidenen Möbel ihres Stübchens, das sie mit Aivdesta teilteum meinen Willen zur Ver­nunft an biefcr verhaßten Armseligkeit zu stärken" dachte sie und schritt dann hinüber ins Wohn­zimmer nw Emmn, die älteste, imd Mo><sw, die jüngste ber vier Losensteinsd>en Mädckxn fafxti.

Modestas verlegen envar tim gdtu Iler Blick wurde mit einem kaltstrengen, der einschüchternd wirken svlltr, erwidert. «

Evelyn grüßte beide Schwestern kurz und kühl. Tann trat sie zu Emmy, die, wenn ihre Schon- beit auch fck-on etwas verbtüht ivar, iljr doch fthr ähnlich sah.

Natürlich! Tie ..ewige" Braut stichelt wed«c an der Aussteuer! Wie mich da-s langweilen rvütw an deiner Stelle! . . . Ucbrigens, wo ist denn

* Freibank. Tsinktag den 9 September nachmittags fron 13 Uhr werden die 9himmem 21012200 beliefert

♦♦ Amtliche Person alnachrichten Der Direktor ber Staatsschuldenkasse Gehciin-ll Finanzrat Karl Krebs zu Darmstadt wurde auf sein Nachsuchen unter Anerkennung feinen wälyrend mehr als 50 Jahre dem Staat geleisteten Dienste in den Ruhestand versetzt.

** Steuerungen im Postverkehr. Vom 1. Cftobcr ab wird das Neichspostministerium nidstamtlich ausgegebene, also im Privatwege her* gestellte Postkarten, die in Form und Papier­stärke nicht wesentlich fron den amtlich ausgegebe­nen abweichen, für den inneren deutschen Verkehr bis zur Größe der Paket­karten (15,7:10,7 cm) und bis zum GewidK von 8 g zulassen. Für die amtlichen Postkarten werden die bisherigen Abmessungen (14:9 cm) bei» behalten. Ferner dürfen vom 1. Oktober ab ge­druckte Empfangsbeftättgungen über Oclbbeträgc, wenn darin der Betrag der Postanweisung, Zähl­karte usw. Handschriftlid) eingerückt ist, gegen die Drucksachengebühr befördert werden.

** Volkshochschule Gießen. Tas Ver­zeichnis 2)cr Vortragsreihen und Arbeitsgemein­schaften für das Wintersemester 1919 ist soeben erschienen. Es enthält alles Nähere über die Veranstaltungen und Einrickitungen der VolkS-^ fa'dst'chule nebst Anweisungen iüc Ei:sichreib«n u.ib Belegen. Auskunft und Rat erteilt außerdem mündlich unb schriftlich an jedermann die Ge- fchäftsstelle, Löberftraße 26II. (S. Anzeige.)

* Der Khffhäuser-Bund der deut- schenLandes-Kriegerverbandehttam 13. unb 14. September ferne 18. Vertreterverfamm- tuna auf dem Kyssi>lufer ab. Tie Versammlung nnrd sich mit wichtigen C rga n so ion.-frayn be­schäftigen und der äkriegsbeichädigtenfüriorge in tlyren Beratungen breitesten Raum gewähren.

* Die fälligen Zinssck-eine der Kriegsanleihen werden von den Post- anstalten berrits vom 21. des dem Fälligkeits­tage .vorhergehenden Monats ab eingelöst.

** Eine ArtArbeitsschule" für Schüler höherer Lehranstalten, die irgmdwelckrer Aufsicht

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lais). Beim Einlaufen deS Zuges spielte die Musik­kapelle vaterländisckie Weisen. Die Damen des Roten Kreuzes verteilten Blumen und Marten, auf dem Bahnhofsvorplatz richtete Amtsgerichtsrat Trümpert eine herzliche Wlllkommenanfprache an die Leim gekehrten. Die Gefangenen Hattern eine eigene deine Kapelle mitgebracht, die sie an die Spitze des Zuges setzten: unter herzlichen: Zurufen der Bevölkerung und bei feierlichem Glockengeläute bewegte fid) der Zug zum Lager. Der Männer-Turnverein und der Turnverein 1846 hatten in liebenswürdiger Weife die Musikkapelle, die auf dem Gau turnfest auf ber Hardt spielte, zum Empfang der Gefangenen zur Verfügung gestellt.

Tas Publikum, das sich zahlreich zum Emp^rnq eingefunden Ijatte, machte, wie uns b-richtet >oird, leider bei berSäuberung" des Balmyoisplatz:» gvoß2 Schwierigkeiten. Auch hat es Mißfallen er* regt, daß einige Trupps fid; garju unbekümmert zwischen die Musik und die Getstrngenen drängten.

Wv: uns tvn der Kommandantur des hie igtrt1 Turckgangslagers mitgetrilt wird, rechnet man miti regelmäßigen größeren Transportm in Abstän­den fron drei Tagen, so daß der nächste Transport am Mittwoch hier eintreffen dürfte.

Gültige Lebensmittelmarken

für die Zeit vom 9. bis 14. September 1919.

Brot: 2300 Gramm Brvt oder 1680 Grimm Mehl. Brot Kilogramm 50 Pf., Weizenbrvtmehk Kilogramm 58 Pf., Weißbrot itUogvamm 80 Pf. WeißbrotbLcker: August Deibel, Neuenweg, Ko,r- sumverein: Verkaufest-lle Sckianzenstvaße, Neucn^ Baue, Bleichsttas^, Aüerwcg.

Butter: Marke 37: 40 Gramm AuskandS- butter zu 85 Pf., 125 Gramm Margarine zu 60 Pf..

Fleisch: Add^nabsdnikt Bi. Metzger für Fremde und Urlauber: Von Eisf, Bismarcksttaße.

Nährmittel: für September noch nicht eingetroffen.

Zucker: für September noch nicht ringe- troffen.

Nährmittel und Zucker für Zu gezogene und Kranke: Johann Seibel, Ludwigsplatz, Wil­helm Haas, Bleichstrasx, (Ibriman ScksimdalS, Nord-Anlage, Emil Fichbach,, Sellersweg, Schade u. Füllgrabe, Babnlwftttaße: für Urlauber: Hein­rich Trecholer, Steinsttaße.

Krankenmehl: Heinriche Arnold II., Inh. Ludwig Schmitt, Kaiferallee 19.

Nährmittel für Kranke: Heinrich Becker, Löwengasfe.

Seife: Marke für September 1919: Anteil 125 Gramm K-Tb-Seifenpulver zu 15 Pf.

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