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Nr. 232 Zweites Blatt Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Samstag, 4. Moder 1919

Der Mangei an Arbeitskräften in öei Landwirtschaft.

Auf die dringliche Anfrage der Abg. Dorsch li. Gen. in der Hess!scheu Volkskammer dar das Landes-Arbeits- und Wirtschaitsamt in einem Schreiben an den Präsidenten der Volks- tamuier folgendes ausgesührt:

Aus die uns vom Landes-Ernahrungsami zu- gegangcne Trucliache Nr. 53 Tringuche An frage dec Abgeordneten Dorsch und Genossen bc- trcfsend: Den Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft beehren wir uns ergebenst das Folgende auszuführen: Nach einer Umfrage der Landwirtfchastskammer in den rechtsrheinischen Kreisen, die nicht ganz vollständig ist, da nicht alle Gemeinden geantwortet haben, sind folgende Fehl­stellen an Arbeitskräften in der Landwirtichaft vorhanden:

Knechte, sowohl Jungknechte wie ältere Knechte, fehlen besonders im Kreise Büdingen, Friedberg, Alsfeld urrü im Kreis Dieburg. Beach­tenswert ist auch der Mangel an älteren Knechten im Kreis Darmstadt und Offenbach. Mangel an Knechten, wenn auch nicht erheblich, besteht auch im Kreis Bensheim. Ein geringer Bedarf wird gemeldet aus den Kreisen Lauterbach, Schotten und Groß-Gerau.

Besonders stark ist die Nachfrage nach Dienst­mädchen. Sie ist am größten im Kreise Friedberg, wo nicht iveniger als 89 fehlend gemeldet werden. Im Kreis Alsfeld beträgt der Bedarf 80, im Kreis Dieburg 37, im Kreis Bensheim 31, im Kreis Schotten 35, im Kreis Offenbach 30, im Kreis Büdingen 26, im Kreis Erbach 25, im Kreis Darmstadt 20. !Jm Kreis Groß-Gerau, Heppenheim, Lauter­bach überschreitet der gemeldete Bedarf nicht die «Zahl 20.

An ständigen Taglöhncrn ist erheblicher Bedarf, und zwar im Kreis Gießen werden 64, im KreÄ Friedberg 52, im Kreis Büdingen 54, im Kreis Alsfeld 35, im Kreis Dieburg 59 gemeldet. Nur geringer Bedarf ist gemeldet aus Erbach, Offenbach, Heppenheim und Schotten: aus den anderen Kreisen liegen Meldungen nicht vor.

Viehwärter sind aus dem Kreis Gießen als fehlend 14 gemeldet. In den Kreisen Heppen­heim, Offenbach, Alsfeld, Büdingen durchschnittlich 45.

Für die Ernte wurden z. Zt. des Abschlusses Erhebungen (Ende Juni) als fehlend bezeichnet:

an Schnittern im Kreis Friedberg 53, im Kreis Gießen 47, im Kreis Büdingen 44, int Kreis Erbach und Dieburg je 31, int Kreis Bens­heim 10, im Kreis Darmstadt 15 und im Kreis Schotten 16. In den anderen Kreisen ist nur in einzelnen Fällen Bedarf gemeldet,

an Schnittermädchen wurden rm Kreis Gießen gemeldet 109, int Kreis Friedberg 77, Büdingen 70, Dieburg 47, Erbach 37, Darm­stadt 20, Alsfeld 15, Bensheim 13, Schotten 11. In den anderen Kreisen ist Bedarf nur in einzel­nen Fällen gemeldet.

Um dem Mangel an Arbeitskräften abzuhelfen, müssen die Landwirte immer wieder an die Ar- beitsnachtoeise verwiesen werden, die noch über genügende Arbeitskräfte verfügen. Bei einer kürz­lich vom Mitteldeutschen Arbeitsnachiveisverband zu Frankfurt a. M. abgehaltenen Konferenz der Verwalter der Hessischen Arbeitsnachweise wurde sestgestcllt, daß bei diesen Nachweisen entweder überhaupt Tritt Bedarf oder jedenfalls ein wesentlich geringerer, als in der Zusammenstellung der Land» wirtschaftskammer enthalten, angemeldet war. Es ist dies erklärlicherweise darauf zurückzuführen, daß die Landwirte vielfach sich scheuen, zeitentsprechende Löhne aniuLegen. Jedenfalls ist von einigen Ar­beitsnachweisen darüber Klage geführt worden, daß die Vermittlung häufig an der 'Lohnfrage scheitere und daß nicht crinmcü die seinerzeit in der Landwirtschaftskammer vereinbarten Lohnsätze innegehalten werden.

Zu dem gemeldeten Bedarf an Erntearbritern möchten wir noch bemerken, daß unseres Er­achtens die Zahlen keine zuverlässigen Unterlagen bieten können, da der Bedarf wohl hauptsächlich von der Witterung abhängig ist und nicht vorher bestimmt werden kann.

deutsche Nationatveftamniiung.

90. Sitzung. 3. Oktober 1919.

Am Ministertische: Erzberger mtb Dr. Bell.

Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 28 Minuten.

Auf eine Anfrage des Abg. W e i n h a u s e n (Dem.', wegen der Verkehrsirot der Reinen Städte und des platten Laird.'s bezüglich der Post wird von einem Negierungsvertreter geantwortet, daß bei dem Mangel an Personal und Material eine Verbesserung in der alleritächsten Zeit nicht zu versprechen ist.

Abg. Dr. Nießer (D. Vp.) fragt an, was die Negierung, über die Mitteilungen Scheide­manns in Kassel am 11. September sagen könne, wonach er auf Grund sehr wichtiger Berichte aus dem Ausland ben Friedensvertrag abgelehnt habe, in der Hoffnung einer baldigen gründlichen Revi­sion desselben.

Ein Regierungsvertteter enuibert: Die Regie­rung wisse nicht, auf was Scheidemann seine Aeußerungen gestützt habe. Doch sollten im Aus­schuß für ausivärlige Angelegenheiten weitere Aus­künfte gegeben werden.

Abg. Dr. Becker-Hessen (D. Vp.) fragt an wegen der Verzögerung der Zahlungen an die Ge­meinden im besetzten Gebiet für ROuisitionen, Einquartierungen usw.

! Ein Regierungsoertreter erwidert, von Eng- laitd und Amerita sei erreicht worden, daß die be­züglichen Feststellungen der Vergütungen von uns tm b. sck^eumgten Tempo gemocht werom fönnteu. Frankreich beharrt noch aus seinem Standpunkt. Es wird verhandelt, um ein Einheitsregbmrent für die ganzen besetzten Gebiete rinzusühren. Inzwischen würden den Gemeinden Vorschüsse gezahlt werden. Von Preußen seien allein bisher 310 Millionen gezahlt worden.

Auf ehre Anfrage des 2lbg. D e g l o r k (D.-N.) wegen internierter Deutscher in Indien wird von einem Regierungsvertreter geantwortet, die Negie­rung sei andauernd bemüht, diese Internierten Heimzuschaffen. Ein Teil sei berrits heimgclehrt. Weitere Transporte ständett in Aussicht.

Zur Interpellation des Abg. Dr. Heinze (D. Vp.) und Gen. bett, der Zahlung der Einfuhr­zölle in Gold erklärt

RrichsfinanzMinister Erzberger, daß die Verhandlungen, die mit der Entente schwebten, in Kürze wieder ausgenommen werden würdeit. Vor­her könne er keine Erklärungen abgeben.

Es folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfes über das Arbeitsentgeld der Empfänger bon Mili- tärversorgungsgebü firnissen.

Abg. Können (11.©.): Der Dank des Vater­landes für die Kriegsbeschädigten ist nicht weit her. Auch für die Zivilinvalidenrentner, besonders die Knappschaftsrentner muß mehr geschehen.

Ter Gesetzentwurf geht an den sozialen Ausschuß.

Es folgt die Interpellation des 9Cbg. Wach- Horst de Wende betr. die Bewilligung weiterer Mittel zur Errichtung von Kleinwohnungen.

Abg. Wachhorst de 25 en f e (Demokrat) be­gründet seine Interpellation, welche auch ähnliche Wohnungen auf dem platten Lande und Bereit­stellung von Reichsmittcln fordert, ebenso Mittel zur Errichtung von Wohnungen im besetzten Ge­biet, in den Großstädten und in Industriestädten und von Baracken.

Rrichsminister Schlicke: Die Regierung for­dert 150 Millionen Mark über die bereits bewil­ligten 500 Millionen hinaus. Diese 150 Millionen reichen aber noch nicht aus. Aus Preußen, Baden und Hessen liegen zahlreiche weftere Anträge auf Barunterstützungen vor, die an sich berechtigt sind. Es wird zur Zeit untersucht, wie auf andere Weise geholfen werden kann. Es sind Schritte getan, um die praktische Durchführbarkeit der Lehmbauten zu prüfen.

Abg. G ö l z e r (Soz.): Der Privatmann kann heute überhaupt nicht mehr bauen, sondern nur größere Verbände und Gemeinden und Siedlungs­gesellschaften. Aber auch diesen fehlt der Zement intb die Ziegeln. Deshalb muß man zum Holzbau übergehen.

Abg. Schirmer (Zentr.): Die Kleinwoh- nungsfrage ist in erster Linie eine Arbeitsfrage. Solange gestreikt wird, kommen wir nicht aus dem Wohnungselend heraus. .

Abg. Mumm (D.-N.) tritt für die Förde­rung der L<nU)siedlungsgesellsä?asten ein.

Untcrstaatssekretär Scheidt: Ter Geschästs- gang in der Frage dn Bewilligung von Zu­schüssen hat Verzögerungen erlitten, insbesondere wegen Mangel an Maierial. Insbesondere batte der Finanzminister Bedenken, die inzwischen be­hoben sind. Es wird alles gesck-ehen, was menschen­möglich ist, um das deutsche Wohnungswesen zu förbern. In Preußen ist eine neue Bauordnung geschaffen worden, die den 23ei|'al( der Sachver­ständigen findet. Mietskasernen müssen ausgesclxll- tet iverden. Sehr erwünfebt wäre ein ständiger Wohnungsausschuß bei der Nwionalv-rsaminlllng.

Abg. Henke (U. S. P.) weist ans die sittliche Verwakirlosung hin, die mit Wohnungsnot und mit mangelhafter Wohnungsgelegenheit immer ver­knüpft ist. Schon aus diesem Grunde sei die Klein­wohnungsfrage ungeheuer dringend.

Hieraus vertagt sich das Haus.

Nächste Sitzung morgen mittag 1 Uhr.

, Tagesordnung: Nach'.vagsetat und Ausschuß- berichle.

Schluß nach 5 Uhr.

91 dem Vetriebsräte-Ausschuß der Nationalversammlung.

Berlin, 4. Ott. (25TB.) In der gestrigen Sitzung des Betriebsräteausschusses der Nationalversammlung wurde ein von den Mehrheitsparteien vereinbarter Antrag einstimmig angenommen, wonach dem Artikel 1 des Betriebsrätegesetzes folgende Bestimmungen eingefügt werden:

a) Zur Wahrnehmung der gemeinschaftlichen wirtschaftlichen Interessen der Arbeitnehmer (Ar­beiter und Angestellte) des Betriebs dem Arbeit­geber gegenüber und zur Unterstützung des Arbeit­gebers in der Ersüllung der Betriebszwecke sind in allen Betrieben, die in der Regel mindestens 20 Arbeitnehmer beschäftigen, Betriebsräte zu er­richten.

b) Sind in solchen Betrieben mindestens fünf Arbeiter und fünf Angestellte beschäftigt und einigen sich die Mehrheitspartrien briber Gruppen nicht auf einen gemeinsamen Obmann, so wählen Arbeiter und Angestellte je einen besonderen Be­triebsobmann.

Beschlossen wurde ferner gegen wenige Stim­men, den Betriebsobmann auch in den Gewerbe­betrieben ttwn lünf Arbeitern einzuführen.

Ein weiterer Antrag der 'Mehrl^itsparteien, der die Ausstellung und Bildung von eigenen Gruppen von Ange st eilten- und Ar­beiterräten zur Wahrnehmung ihrer spe­ziellen Interessen fordert, wurde ange­nommen.

Sport.

Gießen, 4. Okt. Auf dem Sportplatz an der Hardt finben morgen Verbands-Wettt piele statt. Vormittags 10/- Uhr: Vf. f. B. Marburg V. f. R. 1900, 3. Mamrfchpften. Nachmittags IV-Uhr: V. s. B. Marburg B. f. R. 1900, 2. Mann­schaften. Nachmittags 3 Uhr: D. f. B. Weidenau (Siegen) B. f. R. 1900, Liga.

vermischte».

Ueßerschwelmnungen in Spanien.

Madrid, 3. Okt. (Wolff.) Havas. In der Provinz Carthagena und SJturcia sind die Mais­und Pfefferernten infolge gewaltiger Heber- f chwe mmungen nahezu vernichtet worden. Die Stadt Carthagena ist völlig überschwenmtt. Die Stadt ist in vollkommenes Dunkel gehüllt, da auch die Gaswerke überschwemmt sind. Das gleiche ist mit den Wasserwerken der Fall. Da zahlreiche Per­sonen an den Fenstern und auf den Dachterrassen um Rettung riefen, machte die Polizei Rettungs­versuche, mußte dieselben aber wegen des ständig steigenden Wafferstaudes auf geben. Man befürch­tet, daß zahlreiche Menschenleben der Katastrophe zum Opfer fallen.

Madrid, 3. Ott. /Wolff.) Reuter.. Ganz Spanien, besonders die Provinzen SSatencia und Murcia, wurde von Sturmi Regen und Hagel hrimgrsuchlt. Der Eisenbahndienst ist fast vollständig unterbrochen. Nahezu die ganze Pro­vinz Valencia steht unter Wasser. Tie Sage in der Stadt Carta gena ist sehr kritisch Sie fft vollständig von Wasser umgeben. Es herrscht Man­gel an Lebensrnitteln.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion beut'

Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Kriegsgefangenen-Heimkchr.

Ter hiesige Enrpfangsausschuß, die Stadtver^ anhung sowie die Bürgerschaft tut ihr Möglich-« stes, um den Hrimkehrenden einen würdig^ Empfang zu bereiten und ihnen die nxnigen Stünz den ihres Aufentl-aldes in Gießen den Umständet der Zeit entsprechend angenehm und dringlich zu, gestalten. Auch die Anwohner der Bahnhofstraße mAchten zu diesem elwenden Empfang ihr Scherf- lei n beitragen und haben bereits durch Flaggens schmuck nari) Außen hin ihre Freude über die? Heimkehr unserer tapferen Feldgrauen zum Mus^ druck gebracht.

Leider aber führt man die Leute stets durchs die Frankfurter Straße. Warum wählt mm nicht! den Weg durch die Bahnhofstraße als Geschäfts-' straße. In allen anderen .Städten ist die Bahn*! lwfstraße die Zugangsstraße zum Zentrum, der. Stadt hier versucht man, .den Verkehr lediglich auf die Frankfurter Straße zu lenken.

Bet Anbringung der elektrischen 1 Straßen­beleuchtung hat man auf dem freien Platze Ecke' Süd-AnlageFrankfurter Straße rine Stvaßen- Veleuchtung eingebaut, während dies Ecke Bahn­hofstraßeWest-Anlage, gegenüber Hotel Groß- Herzog, wo mehrere Hotels liegen und der Ver­kehr noch stärker ist 'wie an obigem Platze, unter­lassen wurde. Eine geeignete -Stelle zum Auf- stellen der Masten hätte sich auch hier gefunden^ evtl, durch Bogenlampen. '

Zum mindesten wäre es doch angebracht, bv* Kriegsgefangenen abwechselnd durch die Bahnhof- und Frankfurter Straße zu führen.

Hoffentlich, wird dieser wohl gern einten Bitte in Zukunst Rechnung getragen.

Ein Anlieger der Bahnhofstraße im Namen der Balpchofstraßebrivohner!

Airchliche 21acbri^tcn.

Evangelische Gemeinde.

Gottesdienst, Sonntag, 5. Oktober, 16. n. Trinitatis.

In bet Stadt kirche. Vorm. 91/? UfjrJ Antrittspredigt d Psrs. Beer n. erfolgter 6int sührung durch Dekan Gußmann. 11: Kinderkirche f.£>. Markusgenrrinde: Pfr. Becker. In der I o hanneskirche. Vorm. 9V2 Uhr: Pfarrassist, Schaefer. 11: Kinderkivckxe f. d Jofiannesgem. ? Pfr. Ausfeld. Abends 8V2: Betrinigung der tm* firmierten männl. Jugend der Lukasgemrinde im Lukasfoal und der fonfimrierten männlichen In« gaiö der Jofiannesgem einde im Johannessaäl. Freitag den 10. Ott., abends V?6 Uhr: SSereutigung der konfirmierten Mädchen der Ich.rnnesg?meinde. Tie Anmeldung der Konfirmanden foll Montag den 6. und Dienstag den 7. Oktober, iebe5m.it vormittags 11 bis 1 Uhr.und nachmittags 4 bis 6 Ubr erfolgen. Bon Sonntag den 12. Oktober an beginnen die AbendgotteÄnenst: wieder, und zwar um 6 Uhr. .Sonntag den 5. Oktober, vor­mittags 10: Kirch berg; 11: Christenlehre f. d. juribl. Jugend. Nachm. IV2: Mainzlar.

Katholische Gemeinde.

Samstag den 4. Oktober, nachm. 5 u. abends 8 Uhr: Gelegenheit z. hl. Beichte. Sonntag den 3- Okt.: R 0 s e nkranzfe st. 6V2: Gelegen- hril z. hl. Beichte. 7: Hk. Messe. Gemrinschaftl. Kommunion der Jungfrauen. 8: Austeilung d. hl., Kommunion. 9) Hochamt m. Pr. 11: Hl. Messe m. Pr. Nachm. 2: Rosenkranzcmdncht m. Segen.. 41/g: Fungfrauen-Kon greaatfon. Dienstag und Freitag nachmittags 6V2 Ubr ist Rosenkranz.rndacht m. Segen. Diaspora-Gottesdienst am 5. Oktober. In Hungen: 7y3 Uhr. Laubach: 10,. Lich-.9'/-. __________________

Besser£be^,^D1^=wirktii.schmeckl

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Feuilleton-

Rembrandt.

Zn seinem 250. Geburtstage. 4. Oktober.

Die Gedächtnistage der großen Männer sind die Marksteine auf dem leuchitenden Wege, den sie durck?die Unsterblichkeit wa'kideln. An diesen Festen der Erinnerung gibt sich die Menschheit Reck-en- ftfkift darüber, was sie diesen Spendern des Schönen Und Genialen verdankt, und sie stellt dabei zugleich! unbewußt fest, wie weit sie in der Reife für das Verständnis des Meisters gediehen ist, legt durch das Urteil über den Gefeierten zugleich ein Zeugnis von ihrem Kunstschaffen ab. Blicken wir an dem Tage, an dem ein Vierteljahrtausend seit dem leiblichen, Tode eines der girößten Künstler, seit dem Tahinschieiden Rembrandts, vergangen ist, auf bie einzelnen Phasen seines Fortlebens zurück, so begreifen wir das langsame Heimischiwerden seines unsterblichen Teiles in der Kultur der Zeiten. 1706 100 Jahre nach seiner Geburt, steht sein Ansehen am tiefsten, und in einer Zeit akademischen Regelkrams verachtet man den Maler, bei dem weder der Geschmack Raffaels noch der der Airrike" tDQt' 2och auch noch 1769, an seinem 100. -Lobes tage, hat die Welt wenig von seiner Eigenart er tonnt. Ter beste Beweis dafür ist das Urteil Leslrngs, der schreibt:Tie Manier Rembrandts schult sich zu niedrigen, possierlichen und eilen Gegenständen sehr wohl. Hingegen wollte idi hohe edle Gegenstände nach Rembrandts Art zu trafticrcii nicht billigen." 1806, an seinem 200. Geburtstage, dämmert langsam eine Ahnung von der ungeheuren Bedeutung dieses Künstlers auf, und G o c t b e ist der erste, der ihm riefe Worte kngeiiialen Nach/schpffens widmet. An seinem 200. Todestag'? aber 'hat die Romantik bereits das Einzigartige di.'fes liclldunllen RätseMustlers ge­deutet. Telmor-oix hat in seinem Tagebuch die ^Gotieslastcrung, über die allen Pedanten die »aare zu Berge stehen werden," ausgesprochen, ^>ß Rembrandt rin viel größerer Maler sei als Naffael. Tie Holländer feiern ihn als ihren genial­sten Schiövfer, und sein Siegeszug durch die Welt «eginnt. TasR e m b r a n d 11 a h r" 1908 ist der Verherrlichung des Meisters geweiht; in allen Mitbcnt und bei allen Völkern wird sein Rühm

verkündet, und voll Stolz bekennen sich die besten Künstler als seine Nachahmer.

Ter heurige Gedenktag findet eure anders ge­artete Kunst und ein anders geartetes Publikum als die, die vor 13 Jahren dem Amsterdamer Zau­berer zujubelten. Wieder ist ein Werkstein in der Geschichte von Rembrandts Unsterblichkeit zu ver­zeichnen. An seinem 300. Geburtstag waren es die Führer des Impressionismus, die in ihm den Ahnherrn verehrten. Ein Israels, rin Uhde, aber auch ein Monet und Liebermann hatten die Be­stätigung ihres Schaffens in diesen Werken ge­sunden, die die überzeugendste Wiedergabe und die höchste Verklärung der Wirklichkeit darstelleit. Heute ist rine neue Kunst auf dem Plan, und auch sie rechnet Rembrandt zu ihren erlauchtesten Vorbil­dern. 2'0dj nicht den Abschilderer der Natur hul­digen die Jungen, sondern dem ersten bewußten Künstler, dem die Tarstellung des Wirklichen nicht genügte, sondern der sich dazu duvchrang, nur auf die Stimme seines Innern zu hören, der in Licht, Farh<m unb Rhythmik Visionen des Ueberirdischen und Jenseitigen teuf, dem Wunder seiner Seele Ausdruck verlich. WaS schon vorher in der Kunst der Primitiven und der Gotik instinktiv geformt worden war, der Schirei der leitenden Menschheit, die Sprache des Unbewußten und Göttlichen, das hat Rembrandt in der orgmrischen Entwicklung seiner Kunst als den Höhepirnkt seines Schaffens offenbart. Er stellt in einem unvergleichlichen Vor­bild das r^ortschirriten von Jmprissivnismus »um Expressionismus dar.

Von einem gierigen Wunsch nach Erfassung der Wirllichlkrit ist der junge Rembrandt erfüllt: er spürt den Problemen der Technik nach, kann sich, nicht genug tun um Festhalten eigenartiger Menscheirzüge und interessanter Beleuchttingen. Hastig und will) ist sein Schaffen, so gewaltig sein Kunstwille, daß er mit berspielloser Schinelligteit Mackt erlangt über alle Stoffgebiete, das Grauen­volle imd das Idyllische, die höchste Leidenschaft und die tieffte Ruhe meistert. Er befreit sich aus allen Fesseln der Nachahmung unb gelangt zu voller Mixender Lebendigkeit. Eine unerbittliche Wahrhofrigkeit, eine fast gewaltsame Kraft liegt in dem Meisterwerk seiner Jugend, m der Anatomie des Profesfor T u l P, in der mit peinlick-er Teut- lich^eit alles Lich,t auf dem schon in grünli-chLr .Ver­

wesung spieleirden Verbrecherkadaver gesammelt ist unb die grelle unbarmherzige Helligkeit sich kalt und seelenlos in den Körper hinringräbt. Mit lafenber Wildheit gestaltet er Silber voll furcht­baren Schkvecknrssen, wie die Blendung des Simson, wie den Raub der Prvserpina, und bringt uns den Alltag, der ihn umgibt, mit fast verletzender Tcut- lichkeit nahe. Hingegeberr an den schönen Schein der Tinge, häuft er dann um die Häßlichkeit der Natt er alle bunten und leuchtenden Kostbar­keiten, umgibt feine Figuren mit schimmernden Pelzen, gleißendem Brokat, mit Gold und Perlen. Ter Glanz der Außenwelt, der um die Oberfläche der Tinge spielt, wird in dieser Zett seiner jungen Ehe mit einem unübertrefflichen Zauber in seine Bilder gebannt. Doch allmählich, unb besonders nach! dem frühen Tode seiner Frau, tauchen in dieser Magie der sinnlichen Lebensfülle dunllere Gesichiter der Seele auf, und in derNachtwache", dem Hauptwerk dieser ersten Mannesjachre, glüht aus dem Dunkel ein anderes Licht, als das bisher fo stark und klar um ferne Gestalten strahlte, bricht die Viagie eines mystischen Seelenfeuers hervor. Aus dunkel brtixlnbem, geheimnisvoll Fahrendem Hintergründe löfen sich, seltsam unwirkliche Figuren. Ter chttotischst Untergrund alles Seins öffnet sich unb läßt seine Wunder spielen. Eine innere gamme ist rhrn anfgeftiegen, dve von nun ab sein

taffen durchleuchten sollte.

Dieser neue Stil Rembrandts, der in der Nachtwache" zum erstenmal auftritt unb zu reiner Eittfaltung erst in den Werken seiner Spatzrit gelangt, wendet sich mehr wirb mehr von dem eigentlichen Natureindruck ab. Nicht daß Nem- braubt fr., wie es unsere Allermodernstcn tun, zu leeren Farbenklängen ober zu geometrischen Figuren übergegangen wäre dieser wundervolle Beherrscher der Wtrllichllckt gießt feine übersinn­lichen Träume stets in das Gefäß eines irdischen Vorganges. Aber das Reale verliert doch mehr und mehr an Interesse für ihn; Licht unb Farbe werden ihm znm Symbol von Ewigkrivspifionen; aus dem Helldunkel rufen die Geisterstimmen einer andern Welt, unb in leise sich lösenden Umrissen offenbaren die Seelen ihre innersten. Empfindim- gen. So wird Rembrandt zunr stärksten Ausdruck jener Kunstrichtung, die der antiFeii Erbenlust und Sinnenfreude das Reich des Jenseits und des

Glaubens gegenübersteltt. ©rine Kunst ist nicht von biefer Welt. Seine. Trachten Menschen sind nicht rin Spiel schön geschwungener Linien unb ebenmäßiger Proportionen, sondern nur armselige Abbilder des Geistes, der in ihnen lebt, und sie ge­winnen ihr wahres Leben erst durch das ver­söhnende Licht, das sie umströmt. Darum umhüllt Rembrandt den, Körper mit Stoffen, die mit­leidsvoll 'Farbe unb Licht auftrinken, weiß aus Lumpen unb Flicken eine Schönheit erstrahlen zu lassen, die mit dem Glanz unserer Welt nichts mehr zu tun hat. Nur die Gesichter reden noch, die Spiegel der Seele. Die Gebärde wird zum leidenschaftlichen Ausdruck eines persönlichsten Be­kenntnisses. Doch allmählich werden auch die Ge­sichtszüge unb die Hände in Schatten gelegt; nur aus ben Augen bricht ein ewiges Leuchten, bas Innerlichste brückt sich in leisesten Nüancen aus. Das ist bie Spätkunst Rembrandts, wie sie sich ettva in derJudenbraut" oder imVer­lorenen Sohn" offenbart. Heilige Stille! Nur bie Seelen reden, mtb die Farben, ein Zinnoberrot- rin Violett, erflingen mit einer Musik, bie wie den Gesang ber Sphären nur die Weifen unb bie Kinder hören. Statt der festumgrenzten Einzel- persönlichkrit gibt der Meister ewige Typen des Weltgeschehens. Die gestaltlose Vielheit schließt sich zu einem geheimnisvollen Wesen zusammen: aus bem Raum drängt's heraus in UneTtdlichkeiten; toogenbe Urformen vollen sich zusammen, die Him­mel sind aufgeschlossen. . .

Diese Sichtbarmachung des Unsichtbaren, diese Gestaltung innerlichster Seelentorgänge, diese Ver­geistigung ber Form, die in Rembrandts Spät­kunst sich offenbart, ist das höchste Ziel aller Kunst, unb auf bem Wege zu diesem Ziel sind unsere Jungen, wnm sie sich fori machen trollen von der Nack ahmung der Natur, toatn sie nur auf die;innere Stimme hören und ben Geist in seine Herrscher« rechte einsetzen. Aber freilich diese in einem magi­schen Eigenlicht strahlenden Gemälde, diese in Helligkeit unb Sck/ttten granbfoy aufwachseuden Zeichnungen, die Rembrandt in dem Jahrzehnt vor seinem Tode feftuf, stellen Ende und Gipfel alles menschlichen.mens bar, unb so gleicht feine Kunst den Jd^en Flatos, denen die Minberbegkna^ beten nur nachstreben können, ohne sie je zu et<^ reichen.