Nr. 3 Zweites Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Sie öffentliche Sicherheit in Gietzsn.
22 Gie ßen, 3. Jan. 1919.
Einer ber letzten Polizeiberichte machte die be- rncrkenSwcrte Hestsiellimg: „die ö fmilichre Sickur- hcit hat and) in Gießen nachgelassen." Ter ruhe- liebende Bürger wiro^sich trotz der Erfahrung^ der Silvesternacht an den Kops gegriffen und gefragt haben, lü-e dies ntöglich ist, da doch seit einigem Wochen die Pvliz eimannschcrteil dnrch eine Sid«er- heitsinel,'!- von 40 9J?anit verfftärkt worden sind. Unb dennoch läßt sich ine Tatsache nicht (eiunten. Tie öffentliche Sicherheit ist in einer Weise in Gießen gesahrdet, daß jedermann Bedenken tragen muß, feine Frau oder Tochter bei Anbruch der Tuncel- hcit allein über die Straße gefen zu lassen. Es ist dies keine Uebertreibung. (Ls mag als Beispiel nur nochmals auf die Vorfälle der Nenjnhrsnacht hin- gewieseit und der besonders krasse Fall angeführt fein, daß in den letzten Tagen eine Frau von 68 Jahren um 3/47 Uhr an der Käufer feite der Süd-Anlage zwijchm Bleich- und Goetheftraße v o n einem Soldaten überfallen und ihres Pelzes, ihres Mantels und il-rer Geldtasche beraubt worden ist. Hiermit müssen wir die bedauerliche Feststellung machen, daß ;aft <dlc Fälle ftn denen die Rühe oder die ö.fentliche Sicherheit gestört wird, auf Leute znrückzuführen sind, die Uniform tragen. Jeder wird schon nach Anbruch der Tunke!heit Soldatentruchps begegnet sein, die ein gehenkt selbst aus den Hau ptverkehrswvgmr fingend und johlwid umherziehen und die Vorüber- gehenden belästigen. Tas Singen und Johlen geht vlme Rücksicht auf Kranke, auf die vielen Lazarette, Kliniken und Krankenhäuser (von den Gesunden zu schweigen, die ebenfalls ihres Schlafes wohl bedürfen) bis spät in die Nacht hinein. Auf dem Wege ßlu den Kasernen wird es oft bis drei, vier Uhr nicht ruhig. Es ist dies ein Zustand, der unmöglich länger mrdouern kann, und es müssen unbebingt sofort Mittel und Wege gesunden werden, hier Abhilfe zu schaffen.
Es ist nur die Frage, wie dies geschel>en soll. Wir haben uns mit dem hiesigen Polizeiamt in Verbindung gesetzt und über den Sicherheitsdienst der Stadt Gießen folgende Feststellungen gemacht. Es sind augenblicklich im Dienst 21 Sckutzlente, hinzu kommen noch 2 S?timntalschutzleute und 1 Gewerbeschutzmann, also insgesamt 24. Vier weitere Stellen sind ausgeschrieben. Hinzu kmnmen noch 8 Hilfsschutzleute, so daß sich die Zahl der städtischen Sicherheitsbeamten aus vorläufig 32 Mann beläuft, d. h. wenn alle dienstfähig sind. Tas Verhältnis von einem Schutzmann auf weit mehr als Lausend Einwohner ist an und für sich schon völlig kunzureichend, wird aber noch viel ungünstiger, wenn man bedenkt, daß sich ihre Tätigkeit auf Tag sunü Nachtschichten verteilt. So wird ganz Gießen bis 10 Uhr abends von nur 5Schutzleuten> gesichert. Tas mag in Friedenszeiten genügt haben, ist aber in der heutigen Zeit, wo alle Bande frommer Scheu gelöst sind, ein fast wirkungsloser Schutz. Nickst viel besser steht es um die N a ch t. Es gehen bann 6 Schutzmannspatrouillen, bestehend aus je 1 Schutzmann und 1 Hilfsschutzmann, jalso 12 Mann. Tie Stadtverwaltung hat vor einiger Zeit das Unzulängliche dieser Bewachung eingesehen und eine Sicher heitstvache von 40 Mann eingerichtet, die in zwei Schichten abwechseln. Es entfallen davon /ruf die Nacht 20 Mann, von denen 8 in ihrem Wachtlokal in Bereitschaft bleiben. Tie restlichen 12 mußten aber bis vor wenigen Tagen die Wache auf dem Güterbahnhof versehen, die letzt vom aktiven Negiment gestellt wird. Durch sie erhöht sich der Patwnillnünenst in der inneren Stadt auf 12 Patrouillen ----- 24 Mann. Taß auch diese Bewachung nicht genügt, beweist außer den Rul-e- ftöriingen der tägliche Polizeiberickst, nach dem die (Zahl und der Wert gestohlener Objekte von Nacht zu Nacht in erschreckender Weise zunimmt.
Die Frage, ob die Gefangenen, die sich jeder Freil)eit erfreuen, für die Unsicherheit mit verantwortlich zu machen sind, wird vom Polizeiamt eitt- schiedeu verneint. Sie haben sich toohl vielfach mit Frauenspersonen zweifelhafter Art abgegeben, benahmen-sich aber sonst mustergültig. Mle Magen sind immer wieder auf deutsche Soldaten Aurückzuführen. Der einzelne Schutzmaim, selbst die Patrouille ist ihnen gegenüber machtlos. Wohin soll es führen, wenn in der Neujahrsnacht die Soldatenwache an der Lahnbrücke nach der Stadt zu scharf gesclwssen hat, wenn in der Sergfaferne ein Maschinengewehr (!) in Tätigkeit gesetzt wurde, rocirn aus der Oberrealschule, in der Einquartierung liegt, und aus fast allen Lazaretteti Leuchtraketen und scharfe Schüsse gefeuert wurden? Ist es ein Wunder, wenn sich die Jugend an dieser Art „Sport" zu betetiigen sucht?
Tie Polizei hat ihre Schuldigkeit getan imd bereits ein ganzes Arsenal von Waffen beschlag- nahmt. Einem 15jährigen Bengel wurden ab- genommen: ein Jnfanteriegewehr, eine Lencht- raletenPistole, ein Tornister, ein Brotbeutel mit
Handgranaten, ein Tornister, ein Brotbeutel mit Feldflasche, über 100. scharfe Jnfanieriegeschosse, Platzpatronen, Leuchttantten, mißerdem Mützen und andere „Andenken" von Kriegsgefangenen, insgesamt ein ganzer Waschkorb voll. Die Mutter des Jungen bat den Schutz nanu, ihm doch diese Gegenstände „zu seinem Vergnügen zu lassen"! Abgesehen von der Gefährlichleit handelt es sich hier um Hceresgnt, das wiederum von Soldaten unberechtigwrtoecse. verschleudert roorfit ist. Eine neue Staatsverordnung gibt der Polizei schärfere Handhabe, im Verdachtsfaile Haussuchung danach zu veranstalten. Dadurck; wird vieles gebessert werden, aber darum Heben Polizei und Sicherheitswache immer noch machtlos, wo sie ruhesiören- den Soldaten gegenübertreten sollen.
Gewiß ist es eine begrüßens werte Errungenschaft, daß auch der Soldat über seine persönliche Freiheit verfügt und nachts fast unbeschränkten Urlaub hat. Ist es darum nötig, diese Freiheit zu lmhestörenden Umtrieben zu mißbrauchen, die die öffentliche Sick-nh.it gefährden? Hier wird auch die frühere Polizeistunde kaum Wandel schaffen, denn wer sich von 11 bis 3 Uhr nachts in den Sttaßen herumtreibt, wird dies auch von 10 Uhr ab tun.
Die Polizei hat ihre Schuldigkeit getan und tut sie noch, aber sie kann nichts leisten, was über ihre Kräfte geht.
Hier muß mit aHem Nachdruck die Frage erhoben werden: wo bleibt der Soldateu- rat, der in seiner erstell Bekanntmachlng die Ruhe und Sicherheit der Stadt garantiert hat? Ihm dürste doch wohl in allererster Linie die Ausgabe zufallen, die eigenen Kameraden in Zucht intb Ordnung zu erhalten, sie widrigenfalls durch einen frühen Zapfenstreich an die Kaserne zu binden. Die Bürgerschaft hat das Recht, zu verlangen, daß der Soldatenrat seine Garantien einlöst und die Ruhe und Sicherheit wieder herstellt.
Fühlt sich der Soldatenrat nicht imstande dazu, so muß die Bürgerschast zur Selbsthilfe greifen intb aus ihren Reihen eine Sicherheits- Wehr bilden.
Nebenher muß aber auch die Stadt Gießen die Zahl ihrer Sichwl-ci sorgane, sei es Schutzmann- schast ober Sicherheitswehr, erhöhen, und wenn es eben geht, trotz der erforderlichen Lichtersparnis die Straßen etwas ausgiebiger erhellen. •
Arrs Stadt und Land.
Gießen, den 4. Januar 1919.
LU. Immatrikulation. Mittwoch den 8. Januar 1919, mittags ll"/. Uhr pünktlich, findet in der Kleinen Aula des Universitäts-Gebäudes (Lud- wigstraße 23) die letzte feierliche Immatrikulation für das Wintersemester statt
** Trennung von Kirche und Staat. Da in den Kreisen der hiesigen evangelischen Gemeinde über die beabsichtigte Trennung von Staat und Kirche eine lebhafte Beunruhigung entstanden ist, sa hat der Gesamtkirchenvorstand zur Beruhigung und Aufklärung auf Sonntag den 5. Januar, nachmittags 5 Uhr, eine Versammlung aller erwachsenen evangelischen Gemeindeglieder in der Zohanneskiiche anberaumt. Redner werden sein: Professor v. Dr. Schian, Hauptlehrer Knauß, Frau Martha Sievers, Landgerichtsrat Schrnahl und Pfarrer Bechtolsheirner. Kirchliche Versammlungen, in denen diese Frage behandelt wurde, fanden unter großem Zustrom der Bevölkerung statt. In Darmsta t war am vorigen Sonntag die Beteiligung in der Turnhalle am Woogsplahe so groß, daß eine Parallelversammlung in dec Stadtkirche abgehalten werden mußte; auch hier fanden Hunderte keinen Einlaß.
** DieIuckerversorgung. Amtlich wird mitgeteilt: Don Behörden, Privaten und der Presie wird vielfach gefragt, ob der Bevölkerung nicht mehr Jucker zugeteilt werden konnte, da doch der Heeres- verbrauch zurückgegangen sei. Gelegentlich wird auch das Gerücht verbreitet, die Rationierung des Juckers werde bald ganz aufgehoben werden. Dadurch werden Hoffnungen erweckt, die sich nicht erfüllen lasten. Eine gewisse Erleichterung der Zuckerwirtschaft tritt durch die Demobilisierung des Heeres ein. Der Bedarf für den unmittelbaren Verbrauch des Heeres betrug etwa ein Drittel, der Bedarf für die Herstellung von Munition etwa ein Achtel der an die übrige Bevölkerung verteilten Menge. Der letztere Bedarf fällt ganz fort, der erstere verringert sich, da die Zuckermengen, die die Kommunalverbände an die Entlassenen zu verteilen haben, kleiner sind. An sich würde wegen dieser Ersparnisse die Monatskopsmenge der Bevölkerung um ein Geringes erhöht werden können, wenn nicht, und da liegt der Kernpunkt, gerade die Zuckerwirtschaft des Jahres 1918/19 besondere Vorsicht erheischte. Denn die zur Verfügung stehende Zuckermenge wird sicher geringer fein als im letzten Fahre. Vielfach ist angeregt worden, die Kopfmenge für die Bevölkerung durch die Einstellung der Süßigkeitenherstellung zu verbestern. Die so er
zielte Verbesserung würde nur sehr unbedeutend sein und im ganzen Fahre nur ryenig mehr als ein P und Zucker auf den Kops der Bevölkerung ausmachen. Dagegen würden bei Einstellung dieser Fabrikation über 1400 Betriebe, darunter reichlich 1200 kleinere Betriebe, zum Stillstand kommen und etwa 25 000 Arbeiter brotlos werden. «
Letzte Nachrichten.
Rücktritt der Unnbhäugigcii aus der preußischen Regierung.
Berlin, 3. Fan. Fn einem Schreiben an den Berliner Ientralrat gaben die unabhängigen sozialistischen Mitglieder der preußischen Regierung Ströbel, Adolf Hoffmann, Dr. Rosenfeld, Dr Graf Arco, Dr. Breitscheid, Paul Hoffmann, Hofer und Simon bekannt, daß sie aus ihren Aemtern zurücktreten. Sie begründen ihren Entschluß damit, in ihrer Ansprache mit dem Ientralrat habe sich er- geben, daß eine erfolgreiche Vertretung ihrer in den । in der Regierung infolge der mehrheitssozialistischen Zusammensetzung des Ientralrates unmöglich geworden und ihnen durch das Ausscheiden der Unabhängigen aus dem Rate der Volksbeauftragten der notwendige Rückhalt bei der Reichsregierung geraubt worden sei. Der unmittelbare Grund zu ihrem Rücktritt sei die Tatsache, daß von ihnen verlangt worden sei, ohne weitere Prüfung der Ernennung des Obersten Reinhardt zum preußischen Kriegsminister zuzustimmen.
Dcr Verkehr mit den besetzten Gebieten.
Berlin, 4. Fan. Die deutsche Waffenstillstandskommission teilt mit: Rach Mitteilung des Oberkommandos der Alliierten ist der Handelsverkehr zwischen Holland und den besetzten Rheinlanden unter Vorbehalt der Anwendung der Zolltarife frei. Die deutsch-holländische Grenze ist offen. Die belgischen Behörden werden jedoch die Aussicht über diesen Verkehr ausüben, um sich dadurch genaueste Kenntnis der nach beiden Richtungen hin erfolgenden Sendungen zu verschaffen, und um später alle zweckmäßigen Maßnahmen vorzuschlagen. Marschall Foch teilt mit, daß für die Wahlen zu den Landesvertretungen der deutschen Bundesstaaten, von denen Bcsihteile durch die Entente besetzt sind, die gleichen Erleichterungen wie für die Wahlen zur Nationalversammlung gelten. Es ist der Wunsch Marschall Fochs, die Wahlgeschäfte in den befehlen Gebieten, selbst wenn sie nur die Errichtung von Landtagen bezwecken, in weitgehendstem Maße zu erleichtern.
Die Heimbcsördcrung der deutschen Kriegsgefangenen.
Berlin, 3. Fan. iWTB) In der Frage der Erleichterung des schweren Loses unserer Kriegsgefangenen haben die Bemühungen der Deutschen Waff enstillstandsko mmission endlich ein Anfangsergebnis gebracht. Die Engländer haben nunmehr versprochen, daß aus England 800 schwerverwundete Deutsche auf dem Seewege über Rotterdam zurückgesandt werden sollen und erklärten sich ferner bereit, 400 gleichfalls schwerverwundete Kriegsgefangene auf dem Wege über die Front nach Köln zurück zu befördern. Außerdem wollen die Amerikaner das in ihren Güven zurückgebliebene Sanitätspersonal über Koblenz nach Deutschland zurückschicken. Die deutsche Kommission hat die Alliierte» dringend gebeten, diesem Beispiele baldmöglichst allgemein zu folgen. Deutsche Waffenstillstandskommission. Der deutsche Gesandte in Luxcnidnrg ausgewiesen
Berlin, 3. Fan. (W.T.B.) Die „Deutsche Allgemeine" meldet aus dem Haag: Der deutsche Ge- sandte in Luxemburg, Herr von Buch, ist aus dem Großherzogtum ausgewiesen worden.
Die Entente und die Verstaatlichung der Bergwerke.
Bern, 4. Fan. Der „Temps" erfährt, daß die von dem Ientralkongreß der Arbeiter- und Soldatenräte befürwortete Verstaatlichung der Bergwerke, die durch den Rickkauf der Bergwerke seitens des Staates erfolge, ein neues Mittel für die Entente fei, sich die Geldentschädigung, auf die sie ein Recht habe, zu sichern. Man könne die verstaatlichten Bergwerke für eine angemessene Frist an Organisationen abtreten, die sie zugunsten der Entente, als der Gläubigerin des Deutschen Staates, ausnützen würde. Dagegen nimmt der „Temps" sehr energisch Stellung gegen die Vereinheitlichung des deutschen Eifenbahnnetzes, das lediglich die Führerschaft Preußens über die anderen Staaten bedeuten würde.
Gegen übertriebene Lohnforderungen.
Berlin, 3. Jan. (WTB.) Amtlich. Waren angesichts der langen Dauer des Krieges und der damit itotaxntbig verbundenen Verteuerung aller Lebensverhältnisse die Löhne der Arbeiterschaft von Jahr zu Jahr erheblich gestiegen, so
Samstag, 4. Zamiar My
erreichten sie in neuester Zeit auf Drängen ber Arbeiter vielerorts eine Höhe, de en. weitere Steige- nmg nicht mehr mit der herrschenden Teuerung gerechtfertigt werden kann. Zu solo en Söhnen kann eine nutzbringende Arbeit nicht mehr geleistet werden, vielmehr muß das gesamte Wirtschaftsleben zum Erliegen kommen. Dadurch aber würde die Not des s tzw-ergeprüstew Vaterlandes ins Grenzenlose ivachsen und ein, Elend entstehen, unter bem die Arbn. er schäft selbst! am meisten leiden würde. Tie preußische Regierung, des Ernstes der Lage sich voll be.vußt, sah sich daher veranlaßt, folgende Verordnung zu erlassen.'
Tie Lohnbewegung unter der Arbeiterschaft nahm in letzter Zeit nach Art und Umfang eine Entwicklung an, die die.schwersten Bechra^ttmgen erwecken und weite Gebiete der Gü'e.eczeugung zum Erliegen bringen muß. Die beklagenswerte, aber unvermeidliche Folge davon kann nur Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend fein, Tie Betriebe des Staates unterliegen in dieser Beziehung den gleichen wirtschaftlichen Beengungen wie die privaten. Weder der Bergbau, die Eisenbahn, noch alle übrigen Staatsbetriebe können es längere Zeit ertragen, daß ihre Ausgaben die Einnahmen übersteigen. Diese Gefahr ist aber bereits' in bedrohlichem Maße eingetreten. Es wird deshalb zur gebiete risch-m Plicht der Staatsreg ic rung, bent Anwachsen der Lohnausgaben über das Ntaß des, Erträglick>en hinaus mit Festigkeit ent- gegenzutreten. Tie Fachminister werden daher ersucht, an sie herantretwrde Lohnsorderungenl zwar in voller Würdigung der jetzigen Bedürfnisse der Arbeiterschaft, aber auch sorgfältig daranf^bti zu prüfen, ob nicht durch Betoilligung den in Frage! kommenden Betrieben Lasten au,er:eit ioerben, bte' sie nicht ertragen können, ohne zu erregen, und die somit die gesamte Finanzgebahrung des Staates gefährden. In diesem Falle sind Lohnforderungen zurückzuweisen.
Streikbewegung im Ruhrgebiet.
Mülheim (Ruhr), 4. Fan. Auf den Zechen Humboldt und Iiesche des Mülheimer Bergwerkvereins sind die Belegschaften in den Streik getreten. Auch die Belegschaft des Schachtes Kronprinz legte die Arbeit nieder.
Duisburg, 4. Fan. Die Streikbe wegung, unter den Bergarbeitern greift jetzt auch auf die linksrheinischen Zechen über, auf denen ein Teil, der Belegschaften ausständig geworden ist. Bisher: sind die Zechen Diergart und Mewissen in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Belegschaft von Rheinpreußen I lehnte den Anschluß an den Streik ab. Als auf der Zeche Mewissen eine Anzahl Streckender der Aufforderung der belgischen Sicherheitswache zum AuSeinandergehen keine Folge leisteten, machten diese von der Waffe Gebrauch, wobei ein Streikender verletzt wurde.
Ei» blutiger Zusammenstoß in Oberschlesien.
Königs Hütte, 4. Jan. Wie der „Ober.« schlesische Kurier" meldet, kam es gestern nachmittag 4 Uhr vor dem Gebäude der Berginspektivn zu einem Z us amm e n st 0 ß zwischen ft r ei Een» den Bergarbeitern und Militär. Im Gebäude der Berginspektiou war ein Maschineic> gcwehr ausgestellt. Als einige junge Bursche:: bar Zaun überstiegen imd anscheinend die Wache an» greisen wollten, wurden aus dem Maschinengewehr zunächst Alarmschüsse abgegeben. Ein junger Bursche wollte mit dem Revolver auf das Fenster schießen, in dem sich das Maschinengelvehr befand, worauf die Wache mit Maschinalgewehrsener antwortete. Zahlreiche Personen der unt en an gesammelten Menge wurde:: getroffen. Bisher sind 20 Tote und eine Menge Verwundet» s e st g e st e 111.
Beuthen, 4. Fan. lieber den Vorfall in Königshütte wird weiter gemeldet: Die Beleg- schast der fiskalischen Königshütte trat heute erneut in den Ausstand. Die aufrührerische Masse forderte vor allen Dingen die (Entfernung der Truppen aus Königshütte. Aus dem Wege zu dem Gebäude der Berginspektion stellten sich Polizeibeamte der Menge entgegen. Sie wurden mißhandelt und teilweise entwaffnet. Die Masse verlangte den Zutritt zu dem Verwaltungsgebäude, welches eine Abteilung Fäger besetzt hielt. Diese machte den Leuten klar, daß sie nur in Form einer Deputation Zutritt erlangen könnten. Die Vorstellungen blieben erfolglos und es kam zu dem gemeldeten Zusammenstoß. Abends 7 Uhr wurde der Belagerungszustand über Königshütte verhängt. Die Ruhe war um diese Zeit noch nicht wieder ganz hergestellt.
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N mndttfM Mülciitt to Scan Aichil JcM.
Roman von H. A. Adams.
Nachdruck verboten. Fortsetzung 45
Er führte Galahad nach seinem gewohnten Frühstückslokal, einen: unterirdischen Teehause. Als sie in das Hinterzimmer eintraten, geleitete her Jüngling Galahad nach einem mit Schutzwänden versehenen Abteil, das Aehnlichkeit mit einer Laube hatte. Auf billige, aber wirkungsvolle Art war es mit ungeheuren . nach gemachten Glyzinien geschmückt. Mit jähem Schmerzgefühl wanderten Galahads Gedanken zurück nach jener andern Laube; aber dort waren die Glyzinien bereits verblüht. Die - Blüten waren fort. Das stille Grün, da^ all die Schönheit und die Hoffnungen dieser Erde bedeckt, hatte an- gefangen, die rankenden Zweige einzuhüllen. Nun würde es nicht mehr lange währen, bis auch eine andre Lieblichkeit von mitleidigem Grün zugedeckt war . . .
Die Aehnlichkeit beider Lauben schien Galahads Begleiter nicht aufgefallen zu sein.
„Ich habe sie gestern abend gesprochen," begann Galahad ungeduldig.
„Sie?" Der junge Mann dehnte seinen Frageton in die Länge.
„Sibyl natürlich, sagte Galahad.
„O, natürlich Sibyl." Er schaute den
älteren Mann an, als ob der mit ihtn spiele. „Was wünschen Sie diesmal von mir?"
„Sie müssen heute abend zu ihr kommen." „Warum denn?""
„Warum? Gibt es da irgendein „Warum", wenn sie Sie liebt?" Galahad kam außer sich.
„Aber Sie wissen doch sicherlich, .Herr Jones, daß es nur eine kindische Einbildung ist; sie hat so lauge geträumt, daß ihr nun ihr Traum als Wirklichkeit erscheint. Sie gefiel mir natürlich sehr: gut, aber, offen gesagt, es war nichts als eine dumme Tändelei. Es war entzückend, so mit ihr zu- sammenzu kommen, und sehr vergnüglich, unsre Verabredungen zu treffen und sie in: gehenden zu sprechen. Aber in Wirklichkeit fesselt sie mich durchaus nicht. Zuerst meinte ich, daß ich sie liebe, aber dann —"
„Aber sie liebt Sie!" rief Galahad ganz unglücklich. So war denn alles vorbei, und Sibyls flüchtiges, zerbrechliches Glück lag geknickt und zitternd in seiner Hand. Ein Wort konnte es vollends ganz vernichten und sie dazu.
„Nein, sie liebt mich nicht," sagte der junge Manu, nachdem er die Speisekarte gründlich durchgelesen hatte. „Sie glaubt es zu tun, aber innerhalb eines Monats wird sie alles vergessen haben und mir dankbar sein, daß ich es sie beizeiten merken ließ."
„Innerhalb eines Monats —" begann Galahad uno brach ab vor der grausen Leexe
des Gedankens. „Aber sie glaubt an Ihre Liebe, sie glaubt unerschütterlich fest daran," schloß er.
„Sie irrt sich aber; Sie wissen, daß sie sich irrt."
„5könnten Sie sie denn nicht, um ihr gefällig zu sein, in dem Glauben lassen — nur für ein Weilchen noch?"
„Es würde die ganze Sache nur noch verschlimmern, wenn ich es ihr dann doch sagte. Sie muß es ja einmal erfahren. Es ist besser, es sie jetzt erraten zu lassen. Aber Sie bestellen nichts, Herr Jones."
Galahad bestellte blindlings — die ersten drei Sachen aus der Speisekarte, lauter Suppen.
„Könnten Sie es ihr nicht sagen?" fragte der junge Mann, als sich die Kellnerin von ihrer Verwunderung erholt hatte und aufgeklärt worden war. Es klang wirkliche Angst in seiner Frage mit.
„Aber es bedeutet so viel für sie," wandte Galahad ein.
„Es bedeutet noch mehr für mich, Herr Jones."
Galahad war erstauu.t i:ber den Ernst des jungen Mam:es. Hvrace sprach rasch weiter. „Es gab eine Zeit, zu der ich es getan haben würde — gerade um ihr Schmerz zu ersparen, aber jetzt ist es etwas andres. Ich liebe sie nicht — ich habe sie nie geliebt. Ich wußte das nicht, bis id) jenes andre Mädchen ~*
„Jenes andre Mädchen?"
„Bis ich iei:es andre Mädchen traf."
„Eine andre Liebelei!"
„Nein!" fuhr ihn der junge Mann an. „Dies ist etwas andres, dies ist eine ernst gemeinte Sache. Si? will mich heiraten. Das heißt, wenn ihre Ellern eftuvilligen. Davon härrgt alles ab, Herr Jones."
Es kam Galahad vor, als ob der junge Manu sich persönlich an ihn wende. Als ob es Galahad etwas anginge, wen der junge Mann heiratete — jetzt, da 'er Sibyl nicht liebte!
„Sie sehen, es wäre ein Unrecht gegen mich selbst," fuhr Horace schnell fort und vergaß sein Essen darüber. „Und es wäre auch ein Unrecht gegen s i e. Sie können von mir nicht verlangen, daß ich diese Posse mit Sibyl weiterspiele. Weni: mein Mädchen etwas davon zu hören bekäme! — Und ich würde doch sonst alles tun, was Sie von mir verlangten, Herr Jones."
„Und das ist das einzige, un: was üh Sie bitte," sagte Galahad, erstaunt ob dieser ganz neuen Unterwürfigkeit des Jünglings. Horace war es augenscheinlich aufrichtig darum zu tun, ihn zu besänftigen. (Galahad war entschlossen, bei: Angriff zu verschärfen, obgleich er Jirfj keinen Grund für Hora ces plötzliche Weichheit der:?en konnte.
(Fortsetzung folgt.)


