Ar. 281
fünftes Blatt
163. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Siebener Familienbkätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das .Zkreirblatt für den Kreis Gießen" zioeimal wöchentlich. Tie ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen ilionallich zweimal.
Siehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
5am§tag, 29. November l9s5
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäls - Buch- imb Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaklioii, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition imb Verlag: e=^31. Redaktion: 112. Tel.-Abr.:AnzeigerGießen.
Zur Krijis der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften.
m i.
. dem großen Interesse, das die Verlwndlungen der Hessi- imcii Momme' über die Krisis im Hess. Genossenschaftswesen haben Heroen, werden die solgenden Becrachtuirgen vielfach Beachtung slnden, die Herr S t c i n - Darmstadt in den „Blättern für Genossenschaftswesen" austellt. Er schreibt darin:
Bor wenigen Tagen sind zwei Anträge an den Hessischen ofc ■ Qq qc*"*c**t tüptbeai, bic bezwecken, eine Lösung der landwirt- schaftlichen Genossenschaftskrisis herbeizuführen. Ter eine, an ixe Erste Kammer gerichtete Antrag rührt von den Abgeordneten fvrcibcrrii von Hebt zu Worms, Fürst Isenburg Bir- stcrn und Graf Kuno Stolberg-Roßla her, danach möge ytc Erste Kammer beschließen, die hessische Regierung um Vorlage eine« Gesetzentwurfes zu ersuchen, der zum Gegenstände habe, 1. die Errichtung einer Hessischen Zentralgenossenschaftskasse nach dem Vorbilde der Preußischen Zentral Genosseusckafts- Kasse, die unter Aussicht und Leitung der Großherzoglichen Regierung sieben und folgende Ausgaben haben soll: a) eine K red schnelle und Ausgleichstelle für die hessischen
Genossenschaften zu sein, in dieser Eigenschaft den genosscn- schaftlichen Persvnalkredit zu fördern, sich aber von Im- mobiliärkrebitgcsch iften vollkommen fern zu halten, b) <£n Gläubigergenossenschafien der Landwirlsckastlichen Genossenschaftsbank ein Darlehen zu geben von 50 Prozent ihrer Forderungen an die Landwirtschaftliche Genossen- schasrsbank gegen eine mäßige Verzinsung sowie gegen Verpsänbung der Forderungen an die Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank und des Stimmrechts für ihren Aktienbesitz,
c) die Iörberung der Liquidation der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank durch Ausübung der Gläubiger- und Ak,ionär Rechte.
2. Tie für diesen Zweck erforderlichen Mittel sollen durch Inanspruchnahme des Staatsl'redits zur Verfügung gestellt werden. ,
Diesem Anträge ist eine Begründung beigegeben, die Bezug nimmt am zwei Anträge, die in einer Gläubigerversammlung der Lantwirtsckastlichen Genossenschastsbank vom 17. Scptcmbcr‘1913 behandelt wurden, wonach
1. die Gläubigergenossenschaften aus 50 Prozent ihrer Forderungen bei der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank verzichten sollten, wenn und insoweit dieser Verzicht zur Vermeidung einer Ueberschuldiing der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank notwendig würde,
2. der Zentralkasse, der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften in Darmstadt ein Betrag von 1>- Prozent des Guthabens bei der Landwirtschaftliehen Genossenschaftsbank nach dem Stand vom 1. April d. Zs. lungesähr 14 Millionen
j Mark) zur Verfügung gestellt werden solle.
Erläuternd möchte ich hierzu bemerken, daß die Verfügungs- Stellung dieser 11 ? Prozent dazu dienen soll, die Forderungen derjenigen Genossenschaften aufzukaufen, die bis jetzt dem Mora- ckorium der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank nod). nicht beiMtreten sind, während der verlangte Verzicht auf die 50 Pro;, nach den Worten des Vorfitzenden der Gläubigerversammlung „der liquidierenden Bank den Mcken stärken soll gegenüber der Reichsgenossenschaftsbank, damit sie einen Einfluß gewinne auf die Verwertung der verpfändeten Werte, ohne immer das drohende Gespenst des Konkurses und eine Ueberschnldung befürchten zu müssen. Auf diese Art sei zu hoffen, daß der Erlös aus diesen Immobilien einen allzugroßen Vertust verhüte".
Die Begründung des Antrags von H e l> l erwähnt das Mittel der Erhöhung des Geschäftsanteils und der Anforderung von Zahlungen auf den erhöhten Geschäftsanteil zur Herbeiführung der Balanzierung der Bilanzen der Genossenschaften, hält dieses Mittel mit Rücksicht auf die ichlechte Getreide- und Weinernte für schwer durchführbar und bespricht weiter die im Anfänge ordnungsmäßige und t erdienstvolle Tätigkeit der Landwirtschaftlichen Ge- nosscnschastsbank, die aber in Verbindung mit der Vermallungs- und Verivertungsgesellschaft, mit - der Rcichsgenossenschaftsbank,
Lvaucn-Nnnd-chcru.
Hausfrauensorgkn vor 100 Jahren.
Tie Erinnerungsfeiern an das große Jc-hr von 1813 haben uns tief hineingeführt in das geistige Leben und Streben dieser heldenhasten Zeit, uns besonders vertraut gemacht mit den seelischen- Stimmungen, aus denen heraus das Volk das fremde Joch abschüttelte. Doch so begeistert wir die ideelle Atmosphäre dieser Epoche nachempfinden, so schwer dürfte es uns werden, uns in die wirtschaftlichen Verhältnisse des alltäglichen Daseins zu versetzen, denn von den materiellen Grundlagen jener Epoche trennt uns eine ganze Welt, aus der nichts zu unserer eigenen,Lebensgestaltung hinüber führt. Umso wichtiger aber ist es, wenn wir uns die Menschen jener Heldentage vorstellen, auch der kleinen Sorgen ihres Haushaltes 'nicht zu vergessen, und gern werden unsere Damen hören, wie eine Hausfrau vor 100 Jahren wirtschaftete.
Unendlich einfach und anspruchslos waren Küche und Keller damals bestellt, wenn wir sie mit unfern Lebensstil vergleichen. Der König ging darin voran: von seinem Mittagstisch erzählt Bopen: „An den gewöhnlichen Tagen gab es vier Schüsseln, der König sträubte sich gegen jede Erweiterung oder Verfeinerung der Kochkunst, und weißen und roten Wein." Zwischen 6 und 7 Uhr gab es bann bei Hose Tee, statt dessen häufig auch „dicke Milch", und das Abendbrot bestand aus zwei, höchstens drei Schüsseln. In den bürgerlichen Kreisen ging es dementsprechend zu. „Zu Mittag", sagt Gustav Freptag in seinen Erinnerungen, „nur ein Gericht,' am Abend erhielten die Kinder selten ein Stück Fleisch, häufig Wassersuppe, welche die Mutter durch Wurzeln ober einen Milch- iufats anmutig machte. Wein wurde nur aufgesetzt, wenn ein lieber besuch kam." Fleisch gab es mittags nur in beit reicheren Fa milicn, doch wochentags in der Regel auch nur gekochtes Fleisch, foa Suppenfleisch. Die Hausfrau hatte unendlich mehr zu tun als hcutc'-'beiirt Speise und Trank wurden zumeist im Hause selbst bc reitet' Einen wichtigen Teil der Nahrung bildete das ganze Jahr hindurch das „Schlachtewerk", das durch das Schlachtfest tm Winter aeroonnen wurde. Oft ging diese Schlachterei auf offener Straße vor lick' gute Freunde durften an der „Wurstsuppe" teilnehmen.
Das gab" für Alt und Jung im Hause ein fröhliches Fest," er- "äblt Gustav Klemm in seinen Erinnerungen, „auf das man sich ? rtnrher freute. Aus dem Herde brannte ein gewaltiges Feuer !mt?r dem großen Kessel, worin erst das Wellfleisch und dann die Mürste aekockt wurden, die dann zum Teil mit den Schinken und in der Rauchkammer auf dem Oberboden aufgehangen 2' Verwandten und Freunden sendete man bann Wnrst- Vöckstbem wurden von wolilhabenben Familien in ben fftÄhSw’ ouck Vorräte von Rindfleisch in Pöckelfässern eingelegt, Sir Vorrat ward sehr gehalten, ba man nicht wie jetzt ui den SSLSihpn fenben unb bas Gewünschte sofort herbeiholen lasten ^lestchladen fenoei^^.^ .fi ^ineren Städten noch eine r^pnhpit Die Hausfrau pflegte das Brot selbst zu backen, und es etwas Außerordentliches zu bereiten galt, etwa einen nur, wenn gtanqCntud)cn, ließ man eine Kunstverständige ins Z^kommen der alle Zutaten an Mehl, Butter, Eiern usw. genau zugewogen wurden. Trockenbrot war das gewöhnliche; „belegte
mit der Landwirtschaftlichen Kreditbank sich schließlich in die gewagtesten Immobiliarkreditgeschäfte eingelassen habe, wozu be sonders in der LZersonal-Union, die in ben genannten Instituten bestand, die Veranlassung gelegen habe. Es wird auf die f r ü Here amtliche Stellung des Herrn Geheimerat Haas verwiesen, durch welchen Umstand die Genossenschaften, ihre Vorstände und ihre Mitglieder in ihm, als dem Vorsitzenden des AussicktSrates der Landwirtschaftlichen Geiiosscnschaftsbanl und des Verbandes der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften, einen ftaat l>chen Beninien erblickt hätten, bereit Führung man sich hätte vertrauensvoll und bereitwillig hingeben können. Die Beteiligung der landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank bei den oben angegebenen Gesellschaften sei aus der Bilanz nicht ersichtlich gewesen, man hätte besonders aus ihnen nicht ersehen können, daß die Summen sestgelegt seien. — Tie erst kürzlich durch die ländlichen Genossensck>aften ins Leben gerufene „Zentralkasse der Hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften" Tonne ohne Hilfe des Staates ihre Aufgabe nicht erfüllen: ihr Versuch, mit der Preußenkasse in eine enge Verbindung zu treten, lasse auf einen raschen Erfolg dieser Bestrebungen nicht rechnen, dagegen sei für den Eintrag ein Vorbild in der Preußenkasse vorhanden, welches volle Nachahmung verdiene. Tie neue Staatskasse hätte auch die Liquidation der Landwirtschastlichen Genossenschaftsbank zu fördern und die Aktionär- und Gläubiger-Interessen der einzelnen Ge nossenschaft zur Förderung der Liquidation wahrzunehmen. Durch das neu zu schaffende Staatsinstitut könne der katastrophale Zustand aus dem Lande beseitigt werden und noch nebenbei könne die neue Staatskasse, der gewiß bedeutende Summen zufließen würden, auch bei der Hebung der Rente der Staatsanleihen eine erhebliche Rolle spielen."
Cs unterliegt keinem Zweifel, daß eine Reihe von Genossenschaften durch bas Festlegen ihrer Guthaben bei der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank in eine recht unangenehme Verlegenheit gefommen sind, mit ihnen auch ihre Mitglieder. Ehe die gesetzgebenden Faktoren zu dem Anträge des Herrn von Hehl Stellung nehmen können, ist doch abzuwarten, welche Stellung die Regierung zu dem von den beiden Kammern an' sie gerichteten Ersuchen, eine Vorlage einzubringen, wonach der Zentralkasse c. G. in. b. H. Mittel bis zu einer Million Mark zur Verfügung gestellt und geeignete Vorschläge für die Verzinsung, Sicherstellung und Rückzahlung dieser Mittel gemacht werden, ciunehmen wird. Diese Frage der Gewährung eines Staatsbarlehens an die Zentralkasse, die von der größten Anzahl der seither der Landwirtschaftlichen Gcnossenschastsbaiyk angegliederten Genossenschaften begründete neue Kreditquelle, ist heute noch offen. Ich glaube, baß man damit noch nicht fertig ist, die Sage der einzelne n, dieser Zenttaliasse angeschlosscnen Genossenschaften eingehend zu prüfen und ihre Notlage festzuftellen. Diese Arbeit muß ab ei' jeber Hilfsaltion unbedingt vorausgehen. Denn eine solche Tann sich nicht auf Behauptungen unb allgemeine. Rede- wendnngen, sondern nur auf Tatsachen stützen, und diese Tatsachen müssen belegt werden. Eine Anzahl Don Genossenschaften haben bereits den Beschluß gefaßt, sich aufzulösen. Sie nehmen alio zweifellos an, daß die Auflösung gefahrlos, b. h. ohne Furcht tcor einem hereinbrechenben Konkurse durchgeführt werden kann, und sie bestätigen durch die Auflösung, baß ein Bedürfnis für ihre zukünftige Existenz nicht vorhanden ist. Wäre beides nicht der Fall, bann bin ich überzeugt, daß die Verwaltting und die Mitglieder alles tun würden, und zwar aus eignen Kräften, um die Genossenschaft lebensfähig zu erhalten, sie sogar noch ftnanziell besser zu stellen, als dies seither bei dem vielfach mangelnden eigenen Vermögen der Fall gewesen ist. (Sterne gebe ick zu, das; es manchem Mitgliede einer Genossenschaft bei schlechtem Ausfall der Ernte schwer sein wird, bas nun einmal notwendige Opftr für bas Unternehmen, das seither seinen Inter essen gedient hat und weiter auch dienen soll, aufzubringen. Tas Mitglied muß sich aber mit diesem Opfer ab finden, lind wenn es ihm ans wirtschaftlichen Gründen nicht möglich ist, — was nachzuweisen ist, — der Genossenschaft das Don ihr geforderte Opfer auf einmal zu bringen, so muß die Genossenschaft so ein sichtig sein, die Bereitstellung der notwendigen Geldmittel, im besonderen der Einzahlungen auf den erhöhten Geschäftsanteil zu erleichtern, im gegebenen Falle auch zu ftunben.
Butterbröter" düngten als ein unerhörter Luxus, und Kuchen gab es nur bei seltenen Festen. Die Kinder erhielten als Delikatessen „Musstullen" und „Stzrupsemmeln", die heute wohl so ziemlich verschwunden sind. Nickt minder wichtig als das Schlachten war das Einmachen der Gemüse und Früchte, die man noch nirgends in Säbenjaufen konnte.
„Freilich war die Kunst," erzählt Otto Bähr, „in geschlossenen. Blechbüchsen Nahrungsmittel anszubewahreii, noch ganz un= bekannt. Weißkraut > Sauerkohl , Gurken, „Strünke" geschnittene Stengel von Sommerendivien- und „Schnippelbohnen" wurden mit Salz ^und Pfeffer eingemacht unb sanden im Keller ihren Platz. Von Früchten wurden Kirschen, Heidelbeeren und Zweffchen eingekocht unb in der Speisekammer aufbewahrt. Preißelbeeren galten für ein sehr luxuriöses Obst unb kamen in bürgerlichen Haushalten nicht vor." Ihre Weisheit schöpfte bic Hausfrau gewöhnlich aus einem schon von ber Großmutter überkommenen handschriftlichen Kochbuch, das sie wie ein Heiligtum bewahrte unb in bas sie sorgfältig neue Rezepte eintrug. Mehr als ein Dienstmäbchen zu halten, galt für einen in Bürgerkreisen unerhörten Aufwand. Der miüitigfte Tag in ber Woche war für die Hausfrau vor 100 I«ihren der Sonnabend, ber „Besementag", wo bas „große Reinemachen" stattfanb. An diesem Tag-' wurde in wohlhabenden Bürgcrfamilien zu Mittag nicht gekocht, sondern nur Kaffee getrunken. Tas Reinemachen halte euen noch eine ganz andere Beoeutung als-heute und mag auch wohl noch intensiver gewesen fein.
— Der deutsche Frauenbund beabsichtigt auf der Ausstellung „Im Reiche ter Hausfrau und Mutter" in ben Ausstellungshallen in Berlin eine große Bückerausstellung zu errichten, um wirksam im Kampfe gegen den Schund und Sckmutz in der Literatur vorzugehen. In dieser Büchersammlung sollen den Müttern gleichzeitig Vorschläge gemacht werden für den Bücher - cintauf zum Weihnachtsfest.
— Der Neubau b<r Leipziger Hochschule für Frauen ist nunmehr un«vr Dach und Fach. Er enthält im Erdgeschoß drei Hörsäle für fc etwa 230 Personen, im ersten Stock eine Anzahl Dozentenzimmer und vier Hörsälc für etwa 175 Personen. Der im zweiten Stockwerk liegende große Hörsaal kann 300 Personen aufnehmen. Die Kosten des Baues sind von einem Leipziger Bürger bezahlt worden.
— Eine Kin dcr p f leg e ri nn e n s chu l e ist soeben in Grünberg i. Schl, gegründet worden im Anschluß an das dort schon lange bestehende Seminar. Gegenstand der Ausbildung ist die Pflege des Kindes im Säuglingsalter, auch wird Anleitung zur Bereitting der Kinderspeise und ber Kinderwäsche gegeben Tie Ausbildung dauert 1 Jahr. Die Ausbildungskosten betragen,' alles euigeschlonen, -100 Mk. Tie Aufnahme findet Dom vollendeten 16. Jahre an statt. Auskunft durch das Tiakonisfenhaus in Grün berg i. Lchl.
— D i e bä n i sch e Regierung hat eine neue Wa hl- re ch t s v o r la g e eingebracht, die, ebenso wie die der früheren Regierung, den Frauen das Wahlrecht gewährt. Bor kurzem wurde
Man blättere docki einmal zurück in der Gescknchte des Genossenschaftswesens bis 311 ihrem Anfang. Haben ber Staat oder die Gemeinden durch Hergabe von Geldern die Kreditgenossenschas' ten groß gemacht oder haben sich die Kreditgenossenschaften aus eigener Kraft und durch Unterstützung ihnen nahe stehender, befreundeter Manner befriebigenö entwickelt? Weshalb ruft man heute immer nach dem Staat, der, ivenn irgendwo ein Verlust entfielst, sofort um seine Hilfe angegangen wird, der aber dock unmöglich für Verluste, zuiftal wenn sie durch leichtsinnige Ge- schäftsführuiig oder durch Hergabe von Geldern an Institute, die nicht ordnungsmäßig venuallet worden sind, entstanden sind, cinflehcu lann? Hat der Staat bei Oberniockstadt geholfen oder bei Nieder-Modau oder bei all jenen K reditgeiiossensclwften, bit vor Jahr und Tag und in neuerer Zeit sehr beträchtliche Verluste erlitten haben ? Ta muß man anerkennen, daß in Nieder-Modau von den Mitgliedern außerordentlich hohe Opfer gebracht nnirben, die die Koittursverwaltung von ihnen verlangte, und von denen man int Anfang behauptete, daß sie überhaupt nicht aufgebracht werden könnten. Niemand ist in Nieder-Modau von Haus und Hof vertrieben worden. Es sind fast durch- gängig Vergleiche zustande gekommen, ohne daß der Staat auch nur einen Pfennig dazu beigetragen hätte. Und Fälle wie Kappelrodeck, Boppard, Bühl beweisen mit großer Deutlichkeit, daß, obwohl auch in diesen EKnossenschafteii viele Mitglieder als wirtschaftlich schwach tzu betrachten sind, die Sanierung dank der aiterlennenswerten Opserbereftwilligkeit der Mitglieder burrf>gc- führt werden konnte.
Do,st man einzelnen Persönlichkeiten, die in der Begründung des Antrages näher aufgeführt sind, wegen ihrer früheren öffentlichen ober nachherigen privaten hohen Stellung ein Vertrauen ohne jegliche Kontrolle unbeschränkt entgegengebracht hat, läßt sich doch niemals als ein Entschuldigungsgrund an führen. Wo sind bann die anderen Mitglieder ber Verwaltung, die bock einen Einblick in die Geschäfte ber Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank, ber Reichsgenossenschaftsbank und der anderen mit diesen verquickten Unternehmungen haben mußten? Haben die ruhig dabei gesessen unb alles geschehen lassen? Diese Frage sollten die Aktionäre und die geschädigten Genossenschaften gründlich prüfen und diejenigen Personen heranziehen, die eben ihre Pflicht unb ihre Schuldigkeit verletzt haben. Auf Autorität von Personen allein läßt sich fein Unternehmen führen, zumal wenn cs soweit verzweigt und mit solcher Verantwortung bedacht gewesen ist, wie die Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank in .Hessen. Anerkannt mirb doch auch im Anträge, daß die Landwittschaftlicke Genossenschaftsbank im Anfänge eine recht verdienstvolle Tätigkeit ausgeübt habe. Warum ist man, muß ick wiederholt fragen, nicht in den richtigen Bahnen geblieben und hat auch die Grundsätze, die von ben Revisoren unb von den Leitern des Verbandes ben Genossenschaften immer gepredigt worden sind, nicht nur bei den Genossenschaften, sondern mtch bei sich zur richtigen Geltung gebracht. f
In der Begründung wird auf die erfolgreiche Tätigkeit ber Preußischen Zentral-Genossenschafts-Kasse hingcwiesen. Die Antragsteller mögen bock einmal bic Perhanblungcn im Preußisckstm Abgeordnetenhause Dom März 1913 lesen ober sic mögen sich erkundigen bei ber Landwirtschaftlichen Zentral-Darlehnskasse in Berlin (Raiffeisen )ober bei ber ReichSgeiiossenschaftsbank selbst, welche Erfahrungen sic mit ber Preußischen Zentral-Genossenschafts-Kasse gemacht haben. Gewiß hat die Preußenkasse Erfolge» zu verzeichnen, aber am ausgeprägtesten wohl in ihrer Tätigkeit als „Bank-Institut" wie alle anderen Großbanken auch, die ebenfalls ben Tepositenverkehr, das Effekten ,'Wechsel- unb Lombardgeschäft als gewinnbringende Geschäfte betreiben. Mit ihrer Ausschließlichkeitserklärung erhält sie die Ueberschüsse der Genossensck^f- ten unb kann sie bei teurem Geldstandc zu ihrem eigenen Nutzen und Frommen recht gut verwenden. Dank dieser Ausschließlichkeitserklä- rung sind die mit ihr arbeitenden, in Verbandsfassen zusammen- geschlo,selten Genoffenschasten verpflichtet, ihre Gelder, selbst wenn sie anderweit zu besseren Oleldsätzen angebracht werden können, der Preußenkassc zu verhältnismüßig recht billigen Sätzen zu überlassen. Auch die Zinsbedingungen für die Bereitstellung des Kredits sind nicht so gümtig, als sie auf dem Papier unb in ber Oefsentlick-- feit erscheinen. Gerade bic Hessische Zentralkasse c. G. in. b. H leibet unter den hohen Gcldsätzen, bic die Preußenkassc von ihr verlangt.
diese Vorlage im Unterhaus mit 101 gegen 6 Stimmen angenommen; sie wird demnächst dem Oberhaus unterbreitet werden
. . ~ Ter Rekordslng einer Fran Man entsinnt sich vielleicht noch des schweren Unglücksfalles, dessen Opfer vor drei Jahren in Reimes bic französische Fliegerin Baronin bc Laroche wurde, die erste Frau, die sich der Flugkunst gewidmet hatte Sic erlitt einen schweren Sturz mit einem komplizierten Schenkelbruch unb inneren Verletzungen. Monatelang schwebte die Fliegerin zwischen Tod und Leben, die Aerzte zweiselten an ihrem Auskommen, aber die zähe Natur ber Verunglückten blieb Siegerin Sofort nach ihrer Genesung wandte sich die Baronin wieder ihren Flugversuchen zu, bic schlimme Erfahrung und die wachsende Zahl der Opfer ber Flugkunst vermochten sie nicht abzuschrecken, sie flog zuerst einen Eindecker, ging dann wieder zu dem Zweidecker über, durch den sie ihren Sturz erlitten hatte, und arbeitete seitdem im Stillen an der Vervollkommnung ihrer Geschicklichkeit Am Dienstag itieg sic unerwartet auf, um sich um den Femina-Pokal für Fliegerinnen zu bewerben; bic Xrophäe war durch einen etappenlosen 280 Kilometer-Flug in ben Besitz ber Mme Pallier gekommen. Mit ihrem Zweidecker gelang es der Baronin de Larockw trotz der böigen Winde unb der kalten Witterung den Rekord ihrer Vorgängerinnen zu brechen, in 4 Stunden legte sie ohne Etappe 325 Kilometer zurück und eroberte dadurch den Femina-Pokal.
— Frauen als Polizeibeamte. In Chicago sind zehn Frauen als Polizelbeamte angestellt. Davon sind acht Wttwen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren. Sie sind vorläuffg für eine Zeit von 60 Tagen angestellt unb haben bann, bevor ihre endgültige Aiistclliiiig erfolgt, noch eine Prüfung vor dem Ausschüsse Mr ben Zivildienst zu leisten. Ihre beionberc Aufgabe wirb ber ?5r?u£VHnl> Kinder fein, boch sind ihnen ausdrücklich alle Rechte und Pflichten eines Polizisten überwiesen worden.
Neues über Strümpfe. Es wäre notwendig, ein eigenes Kapitel in jebem Roman damit zu überschreiben' ihre Strümpfe" womit selbstverständlich nicht bic Verehrer der mon- bamen echonheit gemeint sind, sondern etwas noch intimeres- die Bekleidung zarter Damenbeine. Spinnwebfeinc Seid" ist Trumpf. Manchmal können die Masck)en aus Gold -oder echten Perlen zuiammengefügt sein. Das dürfen sich aber nur jene wenigen Berufenen erlauben, bic finanziell gut gewählt haben ccnc Damen, die für ihre Strümpfe nicht ein kleines Vermögen anlegen wollen oder tonnen, greifen eben zu den „Spinnwest- feinen", bic sie aber mit soviel Feinheiten der Koketterie aus- statten, daß sie zumindest hinter ihren kostbaren Rivalinnen nicht zurückstchen. Ganz besonders beliebt sind statt der seitlichen Spitzen- infruftationen solche, die am Rist beginnen und sich dort eine Weile fortsetzen. Bald sind es ancinandergereihte Rosetten ober andere feine Stickereien jeder modernen Art, Medaillons aus alten loflbaren Spitzen, die hier Verwendung finden. Ja sogar ein Kreuzband, wie bei den Schuhen, wird vorne am Rist angebracht unb endigt unterhalb dem Knie in einer zierlichen Masche oder Rosette. Farbenbuntheit gilt als Zeichen größter Eleganz.


