nkers
165. Jahrgang
Drittes Blatt
Nr 116
Erscheint ISglich mit Ausnahme des Sonntags.
wöchentlich.
fraget»" erscheinen monatlich zweimal.
Die „Kietzener Kamilienblötter" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „KreisBiatt für den Kreis Siehrn" zweimal
Mörder ist in der Untersuchungshaft auf seinen Geisteszustand hm untersucht worden, doch haben die medizinischen Sachverständigen erklärt, das; von strasausschließendcn Momenten bei ihm nicht die Rede sein könne.
lu tnaftei
1 Bismarck- S > 8tr-20 I
Gegr. M n aller ftrt und Auslande, iftsitien, Ge-1 Weh etc. i3 Referenzen. rfolge. 'M
„Daily Telegraf" schreibt:
ES liegt ein Zug von altväterlich erRitterlichkeit, ! von großherzigem Edelmut und herzlicher Gastfreundschaft in diesem Akt, der nickt weniger an die deutsche Nation, wie an die Landsleute dieser politischen Gefangenen appellieren wird.
Das „Daily Chronicle" sagt:
Der deutsche Kaiser bat im voraus seine Freude über den Besuch unseres .KöniqspaareS durch die Freilassung der englischen Ossi- i ziere bekundet. Tas ist ein huldvoller und unerivarleter 9(ft der
Die „Landwirtschaftlichen Seit
deS britischen Volkes tiefer bewegt hätte. Es ist nicht nur ein cälcr Akt der Gnade, sondern einer wahrhaft kaiserliche»» freundschaftlichen Gesinnung ai» die Landsleute der in Freiheit gefetzten Offiziere.
Die „Daily Mai l" sagt:
Tie Engländer werden dem Kaiser für die feine Emvsindung dankbar sein, die ihn sein Begnadigrmgsrecht in eine»n glücklich ge- »vählten Augenblick ausüben ließ.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag:
Redaktion: 112. Tel.-Adr.:Anze»gerG»eßen>
CanOivirtid?aft,
k. Hattenrod, 19 Mai. Auf der neu hergerichteten Zieqenweide fand gestern ein Ziegen fest mit Verlosung von Ziegen u, Sammern statt. Dem Festzug voran marschzerte bw
■ Gnade, der hier zu Laude allgemeine Würdigung finden wird.
Die „Daily News" schreiben:
Der Augenblick für die Begnadigung ist genau so gewählt, daß nichts von seiner Huld und Großherzigkeit verloren geht. Das Blatt erblickt in der Zustimmung deS deutschen Volkes zu dem Akt ein willkommene? Anzeichen für eine Annäherung zu einer gegen- seitigen Verständigung zwischen beiden Nationen.
' Der „Dail y G r a p h i c" schreibt:
Der Kaiser hatte m diesen» Augenblick zum Willkommen seiner königlichen Verbündete»» aus Großbritanuie!» und in Anerkennung der erfreulichen Beziehungen, die jetzt zivifchen 'en beide»» große»» germnais.hcn Reichen bestehen, nichts sagen köi^.
Die Begnadigung der englischen Spione.
London, 20. Mai. Fast alle Zeitungen beschäftigen sich mit der Begnadigung der englischen Offi ziere. Die „T i m e s" schreibe:
Es ist ein glücklicher Umstand, daß der erste Besuch, den König Georg seit seiner Thronbesteigung aut den» Kontinent macht, durch ein Familienfest veranlaßt wird. Wir zweifeln nicht, daß das Konigspaar eine fröhliche Zeit in Berlin verleben wird. Tie Freilassung der englischen Offiziere ist eii» huldvoller Akt kaiserlicher Ausn»erksamkeit.
Mittwoch- 21. Mai M3
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen llniversitäts - Buch- itnb Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
prchburg.
Zur Brandkataftropfre am 17. Mai.
Sie ist den Wienern und Ungarn gleich ans Herz gewachsen, die Stadt, in der am Samstag die Flammensäulen zum Himmel lohte»» und Tausende durch die Straßen irrten, ohne zu wrstcn, wo sie ihr Haupt Mr Ruhe betten sollten. Bon ben 7O OOO ©in* rvohnern, die Preßburg zählt, ist die Hälfte deutsch, Magharen sind, trotzdem alles ungarisch überftrnitzt »ft, etwa ein Drittel, Slowaken bilden den Rest. .
Wuchtig, gewaltig, eine Riescnkrvne aus Stein, so erscheint das Schloß., Pwßdurgs Wcchr^tichen, das auf einem jäh an der Donau emporsteigenden Berg cmftagt, bald nachdem der Dampfer die Porta hungarica passiert hat. Ganz in Grün gebettet, schmic- om sich die Terrassen der Altstadt mit ifrten Häuschen an, als wollten sie sich unter den Schutz der Burg stellen. Golden schimmert der Turm des Krömmgsdornes, und „Bitarn et sanguincm leuchtet es golden von dem Sockel des Maria Theresien-Dcnk- mals entgegen, wenn der Dampfer bei der Landungsbrücke anlegt. Hier- erhob sich ehedem der Krönungshügel: in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupte, sprengte ber neugefrönte König den Hügel hinan, und das Schwert nach Ost und Nord und West und Süd gerichtet, gelobte er, das ungarische Land zu schützen. Das ritterliche Volk der Magyaren hat an dieser stelle der Königin ein Denkmal gesetzt, die in der Not bei ihnen Hilft suchte und fand. In wundervoller Weise hat der Bildhauer «rZ-adrusz 'den Krönungsritt Maria Theresias verewigt.
Und dann steigt man in die Stadt empor. Em ^tadtidhll tut sich auf, sowie ntan das alte verschnörkelte Stadttor passiert bat. Wundersame Barockhäuschen stehen da nebeneinander ge- reiht, mit anmutigen Fensterbogen, Rosengirlanden aus Stern, die liebliche Putten lsalten, ziehen sich unter der Fensterbrustung hin So still und ruhig liegen die Häuschen da, als wäre ihnen alles Leben entflohen. Mer das scheint nur so. Dre Häuser bergen geräumige Höfe, in denen Kastanien und Akazien blühen und fröhliche .Kinder fick tummeln. Immer enger roerbcii die Gäßchen Hebräische Inschriften verkünden neben deutschen oder magyarischen, daß hier Brot und Wein unb Fl er sch und was sonst zum Sehen nötig ist, tzu lsaben fei. Wir sind in der I u d e n ; stad t. Schwarzhaarige Mädchen, Greise mit langem, meinem haar rind Bart fügen sich harmorrisch in die Umwelt Die Zeit schien hier bis freute feit Jahrhunderten spurlos Dorbcigcrauidit ui sein' doch das ist gemäf-en. Gerade hier hat ter Brand 'ürchterlick gewütet, Hunderte dieser Häuschen in Lckpitt und Äsche gelegt und ihre Bewohner M Bettlern gemacht.
Immer steiler steigen die Häuserzeilen empor. Durch Schwibbogen, an zierlichen rSrferu, an schön geschnitzten Haustoren, in denen ttäumarisch junge Mädchen stehen, geht es ^vorbei und vlötzlich steht man hoch oben auf dem Plateau tes ^>chlotzberges. Das Feuer hat den prächtigen Barockbau tes Schlosses vor hundert Jahren ausgebrannt: wilder Hvll-er wächst brinncit oirf dem Schutt des Gemläuers: nur die Grundmauern tes Schlosses snrd stehen gebli-eben und lassen in ihrer edlen Architektur die Pracht von ehedem ahnen. Gin nnmdeiwoller Rundblick erschließt srch hier. Da stehen als Greenznrächter die Hamburger Berge und der Thebener iKogel, an den sich im weiten .Bogen die lieblichen Hänge der Kleinen .Karpathen reiben, dann weit drüben über ter Donau bie -migkrische ISbene mit all ihrem melancholischen Zauber. Breit, stolz imb majestätisch zieht dazwischen die Donau dahin, in der Ferne mit dem Horizont verschwimmeNd. $in Windstoß trägt die Klänge tes Rakoezi-Marsches herüber. Ucbcr der Donau in der schinen Au, tent Prater Preßburgs, ergötzt man sich bei Zigemremnusik. Schlote ragen herüber, das moderne Preßburg.
D-as Preßburger Ghetto.
Tas Preßburger Ghetto gehört z-u den ältesten Europas. Es ähnelt sehr stark dem Wiener, Frankfurter und Prager Ghetto. Schon unter König Bela III. machten sich die Jute»» in Preßburg ansässig und trieben mit den österreichischen Städten und den Städten Oberungarns einen regen Tauschhandel. Unter den Habsbnrgern war die Preschurger Judenstadt schon eine separate große Stadt mit etwa 4000 Einwohnern. Diese Stadt war um das königliche Schloß gelagert, das im Jähre 1811 nieterbrannte. Tie Indenstadt war von dem eigentlichen Schloß durch Festungs- mauerii und Kasernen getrennt. Es sind etwa zwanzig enge Gäßchen mit zwei bis drei Stock hohen Häusern, die größtenteils unter Maria Tl>mesia erbaut und meistens mit Schindeln gedeckt find Auch die Treppen sind aus Holz-, so daß die Flammen reichlich Nahrung fanden.
Interessant ist, daß Preßburg Und speziell sein Gtetto bereits in früheren Jahrhunderten durch große^Brände, ja blutige Pogroms heimgesucht worden ist. So 1542 durch Karl V. jinb seine spanischen Söldner, so ein ungeheurer Brand im Jahre 1746. Bis zum Jahre 1848 durften im Juidenviertel keine Christen wohnen. Erst nach der Revolution machten sich einige Christen in der Judenstadt ansässig, hoch auch bis zum heutigen Tage »varen nur sehr wenige christliche Einwohner im Judenviertel zu finden.
Schwer macht man sich los. Am gotischen Krönungsdom acht es vorbei, an dem einförmigen Stäntehaus, wo Kossuth Lajos seine berühmten Reden hielt, und an dem großartigen Primatial Valais. Tine Marmvrtafel erinnert daran, daß Preßburg auch eilten der Größten beherbergte, die je über die 'Erde geschritten, daß Napoleon hier mit 'Kaiser Franz seinen Frieden machte.
Es sind gewaltige Eindrücke, die auf den einftürmen, der Preßburg betritt. -Es ist ein Glück, daß das entfesselte Element nicht allzuviel von dieser alten Kulturstätte vernichtet hat.
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Vorsteher.
IEr frabc daher den Entschluß gefasst, einmal ein Epempel zu statuieren. Den getöteten Sckmhmeier habe er persönlich gekannt. jLr. habe geglaubt, daß er den Schuldigen getroffen, habe, Der
Die Mcder-Moüauer Genossenschastririse.
T armsiadt, 19. Mai bs. In dem Prozeß gegen Adam und Genossen wurden zunächst zivei Zeuge»» vernommen, die der Angeklagte Ihrig benamst hatte. Der eine dieser Zeugen ist der Oberregierungsrat Dr. Hei- ligenstädt-Bcrlin, der aber erklärte, daß er als Beamter nur mit Genehmigung deS preußischen Finanzministeriums seine Aussagen machen dürfe. Infolge dieser Erklärung verzichtete die Verteidigung des Angeklagten Ihrig auf die Vernehmung dieses Zeugen. Ter andere Zeuge ist der Generalsekretär des Reichsverbcmdes der landwirtschaftlichen Genossenschafter» Gennes. Er spricht sich über die Geschäftsführung Jhrigs aus. In» landwirtschaftlichen Bankitefen habe er an hervorragender Stelle gestände»» und hat überall das größte Vertrauen und Ausehei» genossen. Der Zeuge hält es auch für ausgeschlossen, daß Ihrig einer bewußt unredlichen Handlung sich schuldig mache. Ucbcr das Zusammenarbeiten zwischen Haas und Ihrig spricht sich der Zeuge dahii» aus, daß beide ziemlich hartköpstg gewesen seien, und daß es aus diesen» Grunde wohl nicht immer leicht gewesen sein mag zusammenzuarbeiten.
Nach weiteren Fragen, die sich mehr auf dem banktechnifchen Gebiete bewegen, erstattet der Sachverständige, Negierungsrai Bastian, sein Gutachten. Allgemeii» äilßert er sich zunächst dahin, daß er ein solches Treiben, wie es hier zutage trat, im Genossenschaftswesen nicht für möglich gehalten habe. Er geht dann auf bie von der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank für den Verein besorgten Wechseleinlöfungen ein, die bekanntlich eine Gesamthöhe von mehr als 400000 Mark erreicht haben. Der Verein habe durch diese Geschäfte erheblichen Schaden gehabt. Regierungsrat Bastian beschäftigt sich in folgenden» dann mit der Tätigkeit des 9lngcf(agtcn Ihrig. Als Direktor der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Habcer die Verpflichtung gehabt, dem Verei»» mit Rat und Hilfe b.eizuslehen. Einfache Ermahnungen, sich an der gegebenen Ausschließlichkests- erflärung zu halten, hätten nicht genügt. Ter Vorstand des Vereins hätte sich immer an Ihrig gewandt in der Hoffnung, von ihm guten Rat zu erhalten. Ein sehr großer Ilebelstand sc» die Verguick»mg der Sanierung der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank mit den einzelnen Genossenschaften gewesen. Tic Pfandbriefe der Derivaltungs- und Verwertungsgesellfchäft hätte man den Vereinen nicht zu pari anbieten dürien. ' Tie Erklärung, daß sie zu diesem Satze wieder zurückgekaust »verden sollten, sei fein ausreichender Ersatz für den Schaden gewesen. Derartige Wechsel aut die Zukunft gebe man in einem geordneten Gefchäftswesen nicht. Der Sachverständige geht bann auf die Bilanzierung ein und betont, daß die Schuldübernahme durch den Vorstand tatsächlich keinen Wert besessm hätte.
Die Sitzung wird morgen fortgesetzt.
bs. Darmstadt, 20. Mai.
Regierungsrat Dckstian setzte heilte sein Gutachten fort und bespricht die Frage der Bilanzierung und des Adamscheu Schuldkontos. Er beanstandet die auffallend hohen Kosten des „Jmmodilien- besitzeZ" von über 300 000 Pik. sowie die Posten für rückständige Zinsen und Gerichtskosten. Ferner seien ii» den Bilanzen die hohen Forderu»rge»l der Kasse an Adam als Aktiva eingetragen. Es wäre Pflicht gciücicn, den Mitgliedern „reinen Wein" einzuschenken. Der Sachverständige verurteilt die Art der Geschäftsführung JhrigS durchaus. Auch das lange Hiuziehen des Konkursverfahrens sei zu veriverten. Der Schaden märe geringer gewesen, wenn der Konkurs früher eingetreten wäre. Die Sanierungsverfuche seien unter alle»» Umständen zu venverfen. Ihrig befand sich als Tirekto».' der geldgebenden Bank und als Berater der Gei»ossenschaften in einen» Zwiespalt, an dem er scheitern mußte. Er hätte das nicht auf sich nehmen dürfen.
Der Sachverständige wird morgei» ii» seinem Gutachten fort- »ahren. Tie Verteidigung behält sich vor, auf dieses oder jenes zurückzukommen.
Der Mörder des SozjalistenMrers Schuhmeier vor den Geschworenen.
:: Wicn, 19. Mai.
Das gerichtliche Nachspiel zu der >Ermvrdung tes Führers der österreichischen Sozialdemokraten, Franz Schnlmleier, begann freute vor dem hiesigen Schwurgericht. Unter ter Anklage tes Mordes hat sich der 45 Jahre alte Metalldreher P a u l K un - schal' zu verantworten. Tie Tat ereignete sich in dm Nacht zum 11. Februar. Fwanz Schuhmeier hatte in einer Versammlung in Stocker an gesprochen und kam gegen 3 ’i 11 Uhr auf dem Nord weslbahnhose an. Nachdem er den Wagen verlassen hatte, trat von hinten ein Unbekannter an ihn heran und schoß ihm eine Kugel in den .Stopf. Wegen der Näl>e der Waffe wurde der Kops des Opfers fust völlig zertn'immert, so daß erst durch eine Legi- limatioiislarte sestgestellt werden komite, daß es sich bei dein Erschossenen um den Reichöratsabgsordneten Schufrmeier handelte. Der Täter wurde sofort voll Bahnbeamten festgenommen und ter Polizei übergeben; er leistete feinen Widerstand.
Bei seiner ersten Vernehmung gab er an, daß er die. Tat begangen habe, um sich zu rächen. >Er sei früher selbst Sozial^ bemofrat gewesen, habe sich aber überzeugt, daß deren Gnmdsätze Irrlehren seien und sei bann zu ben Chrislilicku-Sozialen über- gegangen. Infolge des Terrorismus der sozialtemokrattschen Ge werlschafteu habe er keine Arbeit mehr bekommen und daher be schlossen, Rache zu nehmen und einen sozialdemokratischen Führer auS der Welt M schaffen. Es wurde festgestellt, baß ter Mürber ein Bruder des auch in D-eutschland öfters als Redner mifge» tretenen christlich-sozialen Führers Leopold Konschak ist, der eine Zeitlang ebenfalls Rtichsratsabgeorbneter nxrr.
Dei' Angeklagte hat eine Zeitlang in Deutschland gearbeitet und sich während dieser Zeit 2000 Mark gespart. Durch die Arbeitslosigkeit seien seine !tirsparniffe ausgezehrt worben. In Wien war er eine Zeitlang bei ben Schnckerl-Werken beschäftigt. Da er sich.'aber der sozialdemokratischen Organ-faiidu der Schuckctt Arbeiter nicht anschließen wollte, wurde er von seinem Werk meister entlassen. Daraufhin zeigte er zwei Arbeiter itegen 9?öti guitg an imb erzielte auch deren Verurteilung zu 'Kerkerstrafen. Die.Folge war natürlich, daß er auch in ähnlichen Unternehmungen 'mit starke»- Organisation keine Beschäftigung mehr fand.
Dar erschossene Schufrmeier war int österreicknscheu Reickisrat der Referent für Militärangelegenheiten und galt als überaus witziger und schlagfertige Redner, der namenllich in Volksver sammlungen große Triumphe feierte. Um ihren Wschen vor dem Morde zum AüSbruck zu bringen, hatte die Parteileitung der Christlich-Sozialen ben Wunsch ausgesprochen, es möge einem Mitgliebe bes Parteivorstandes gestattet 1 verteil, am Grabe Schuh mriers zu sprechen. Die sozialoemolratische Organisationsleittmg lelpite diesen Wunsch aber aus Furcht vor Zwischenfällen ab.
Bei seiner Vernehmung vor ben Geschworenen stellte der Angellagte die Tat wiederum als einen Ausfluß des sozialdemokratischen Terrorismus bar. 5r erzählte feine LebenSscticksale und erklärte u. a., daß er in verschiedenen Fällen durch die organi fierte Arbeiterschaft aus guten Stellungen verdrängt worden sei.
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Gießener Aiyeigrr
Se«rral>A«zeiger für SIxrhrjjrll
Zu Sen Srandstistungen in Lübeck.
Außerhalb Lübecks kann ntan sich schlecht eine richtige Vorstellung von dem Grade der Beunruhigung machen, der weite Kreise der Einwohnerschaft erfaßt bat. Besonders bie Besitzer größerer Anlagen und Lager sind von Schrecken erfüllt. Es wird bereits her Gedanke erwogen, die nächste Zeit über alle Holzlagerplätze durch Militär bewachen zu lassen. In der Stadt wird behauptet, daß viele Kaufleute und Industrielle Drohbriefe erhalten haben. Die Polizei bestreitet die Mchtigkeit dieser Behauptungen, aber Tatsache ist, daß seit Samstag nachts alle .Brchen und öffentlichen Gebäude durch Schutzleute bewacht werden Viele Inhaber größerer Geschäfte haben besondere Brandwachen eingerichtet.
Die letzte Nacht ist erfreulicherweise ruhig verlaufen. Jnzlvischen ist die Belohnung für Ermittlung des Brandstifters auf 11500 Mk. erhöht worden.
Das Bild, das der letzte große .Hasenbrand bot, war derartig, daß es die vielen Tausende von Zuschauern, die sich trotz der frühen Morgenstunde eingefunden batten, ivohl niemals mehr vergessen werden. Atif einem Gebiet von 50000 Geviertmetern wogte ein ungeheures Flainmeu- meer. Ab und zu schlugen Stichflammen turmhoch in die Lust und Luftwirbel fiifrrten Rauchsäulen gleich ungeheuren Tromben viele hundert Meter hoch. Die Straft dieser Luftwirbel war so groß, daß brennende Bretter kilometeriveit sortgeschleudert "wurden Aus die Feuerwehrleute, die am Rande des Flammenmeeres hinter Asbestschilden hockten, ging.ein wahres Bombardement von Brettern und Balken nieder, und es ist fast als ein Wunder anz,useyen, daß niemand verletzt wurde.
Besonders bedroht lvar die hinter der Lübecker Maschinenbaugesellschaft liegende Seequarantäneanstalt, in der 2500 Rinder standen. Alle Angestellten dieser Anstalten und des Schlachthoses waren gerufen, uni die niedeiprasseln- den Holztrümmer sofort ablöschen zu können. Tie Raulli- wolken über den lodernden Flammen erschienen so n.'ciß wie Dampfwolkeu. Mit besonderer Aufopferung arvrileten auch zwei Kompagnien der 162 er.
Schaurig schön war auch das Bild der brennenden Schisse, die schließlich nach Vernichtung der Trossen l.ing- sam in den Strom trieben und dort lichterloh brennend zugrunde gingen. Das Feuer wütete z w ö l f Stunden lang. Der Feuerschein am Nachthimmel wurde noch in Neumünster beobachtet. Infolge des Brandes sind auch die Bahngleise zerstört worden, die die großen Holzlagerpiäpe mit dem Bahnhöfe verbinden, so daß zurzeit der Bahnversand der Holzfinnen unterbrochen ist.
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Gerichtssaal.
Der Bankräuber Brüning vor Gericht.
Berlin, 20. Mai. Tie Verhandlung gegen den Bankräuber Brüning und seine Mitangeklagten ist heute zu Ende gegangen. In der fortgesetzten Vernehmung der Angeklagten machten die Eheleute Hapic ausführliche Angaben über die Besuche, die ihnen Brüning nach der Tat von Hamburg und Luxemburg abftattetc und über die Art, wie das geraubte Gekd vergraben wurde. Ter Verteidiger R.-A. Dr. .'starl Liebknecht stellt fest, daß die Eheleute Hapke infolge der eingebrachten Arrestbefehlc auf ihr kleines Gut jetzt völlig ruiniert seien. Die. Angeklagte Olga Kranich behauptete, daß sie Brunig überhaupt nicht kenne. Sie könne sich nicht an jeden Mann erinnern, der sie einmal auf der Straße anspreche. Die hohen Ausgaben gleich nach dem Bankraub habe sie von dem Gelde bestritten, das sic sich als Stütze erspart habe. Früher hat die Angeklagte behauptet, daß sie das Geld in einer Lotterie gewonnen habe. Der Angeklagte Hermann Kranich spricht bei seiner Vernehmung so undeutlich, daß er kaum verständlich ist.
In der Beweisaufnahme erklärt der medizinische Sachverständige Dr. Brückner den Angeklagten für degeneriert, aber nicht für geisteskrank. Medizinalrat Hoffmann schloß sich diesem Ohitacfjtcn an. Nach der Zeugenvernehmung redeten der Vorsitzende und Rechtsanwalt Halpert Brüning eindringlich ins Gewissen, er solle angeben, wo der Rest des Hfeldes verblieben sei. Brüning äußerte sich sehr weitschweifig und bleibt bei der Behauptung, daß er einem gewissen Bergeli 70000 Mark übergeben habe. Der Staatsanwalt beantragt gegen Brüning die Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust, gegen die • übrigen auf Gefängnisstrafen zwischen zwei und drei Jahren. Dre Verteidiger plädieren auf mildernde Umstände. Tas
Urteil
lautet: Der Angeklagte Brüning wird wegen Diebstahls zu vier Jahren sechs Monaten Gefängnis und zu fünf Jahren Ehrverlust verurteilt, die übrigen Angeklagten wegen Hehlerei, und zwar Hapke einem Jahr sechs naben, Frau Hapke zu ein Jahr Gefängnis, Hermann Kranich zu. zwei Jahren Gefängnis und Olga Kranich zu einem Jahr neun Monaten Gefängnis verurteilt. Den beiden Kranichs werden die bürgerlichen Ehrenrechte auf je drei Jahre abgesprochen, dem Ehepaar .Hapke je fünf Monate Untersuchungshaft angerechnet und Frau Hapke auf freien Fuß gesetzt. Sämtliche Verurteilte erklärten, sich bei dem Urteil beruhigen zu wollen. In der Begründung des Urteils wurde in bezug auf Brüning erwogen^ daß er in der Tat einem plötzlichen Einfall erlegen sei, andererseits fiel erschwerend ins Gewicht der grobe Ver- trauensbruch und der Umstand, daß ihm nicht zu glauben war, er wisse nicht, wo der Rest des Geldes stecke. Der siwrichtshof mußte auch in Erwägung ziehen, daß Brüning die sämtlichen Mitangeklagten in das Unglück gestürzt habe. In bezug auf^ie Hapkes habe der Gerichtshof die menschliche Seite durchaus berücksichtigt und dem Ehepaar ein gewisses Mitgefühl nicht versagen können.


