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Anzeiger Sieben.
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Erstes Blatt
163. Zahrgang
Montag, 17. November 1913
sietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Rofationsinid und Verlag der vrühl'schen Univ.^vuch- und Steindruckerei R. fange. Redaktion. Expedition und Druckerei - Schulftrahe 7. Anz-ig?»!-»/ H? B-ck.
Bezugspreis: monatlich75V., viertel- jährlich Alk. 2.20; durch Abdole- u. Zweigstellen nwnaklich 65 Pf.; durch diePost Wit. 2.— viertel« jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal IbPs^ ausivärls 20 Psenniq. Ehefredaktenr: A Goetz. PeraiNivortlich für den polit. Teil: Ang. Goetz; für „Feuilleton", „Vermischtes* und„Gerichts- faal": Karl Neurath; für „Stadt und Land":
Die heutige Nummer umfaßt 18 Seilen.
Das alarmierte Mittelmeer.
Etwas geht vor, man weiß aber nicht recht was. Dies geflügelte Wort des Abg. Sabor möchte man auf die gegenwärtigen Vorgänge im Mittelmeer anwenden, wo sich die Flotten der dort besonders interessierten Mächte zur Zeit ein Rcndez-vouS geben, das freilich keinen sonderlich freundschaftlichen Eindruck macht. Den Reigen eröffnete Frankreich, welches ein starkes Geschwader unter dem Kommando des Admirals Bone dcLapcyrörc zu einer Kreuzfahrt in die Levante entsandte, und daran schloß sich unmittelbar die Entsendung mehrerer Kriegsschiffe der „Home Fleet" zu einer Kreuzfahrt in das Mittelmeer, sodaß dort jetzt unter dem Oberkommando des Admirals Berkeley eine Flotte von etwa 70 Kriegsschiffen, 8 Dreadnoughts und 3 großen Schlachtkreuzern versammelt ist, also die größte britische Seemacht, die das Mittelmeer je gesehen hat. Wo alles haßt, kann Karl allein nicht lieben, und so folgte als dritter Streich die Entsendung der ersten Division des zweiten Geschwaders der italienischen Flotte, der Schlachtschiffe Regina Elena, Napoli und Roma, die unter dem Kommando des Herzogs der Abruzzen ebenfalls zwecks einer „Uebungsfahrt" nach der Levante gegangen sind.
Da derartige Spazierfahrten nicht zum Vergnügen unternommen werden, forscht man begreiflicherweise eifrig nach ben tieferen Beweggründen, wobei man zumeist in den Fehler verfällt, sich auf ein Motiv zu versteifen, während es sich in Wahrheit um mehrere handelt. Was die Entsendung des französischen Geschwaders betrifft, so bezeugt der Jubel der Athener Presse, daß man dies dort als eine Unterstützung der griechischen Politik ansieht. Freilich galt diese Rückenstärkung wohl weniger den griechisch-türkischen Konflikten, die ja bis auf die Jnselfragen und einige andere für das internationale Schiedsgericht aufbcivahrte Differenzen durch den griechisch-türkischen Friedensschluß beigelegt sind, sondern es handelt sich hierbei in erster Reihe um eine Unterstützung Griechenlands in dem Streit mit Italien um die Aufteilung d e r A e g ä i s ch e n I n s e l n.
Tas ist das weltpolitisch Bedeutsame an diesen Vorgängen, daß hier der französisch-italienische Gegensatz in einer Schroffheit zu Tage tritt, wie er seit langem nicht mehr bestanden hat. Seit 15 Jahren ist der französische Botschafter in Rom, Herr Camille Barröre, mit Eifer beflissen, ein Freundschaftsband um die beiden lateinifchen Rationen zu schlingen, und dies Bemühen schien eine Zeit lang — man erinnere sich nur an das Wort des Fürsten Bülow von den italienischen Extratouren — Erfolg zu versprechen. O Sonne, wo bist du geblieben! Bei den Forderun- den Italiens und Oesterreichs betreffs der albanesich-grie- chischen Grenzregelung hat sich Frankreich als der Vater aller Hindernisse erwiesen, und es ist das Verdienst der Republik, wenn die Arbeiten der internationalen Grenzkommission nicht vom Fleck rücken. Den gleichen Widerstand setzen die Franzosen der Forderung entgegen, wonach die Tripolitaner in Tuni s als italienische Staatsangehörige betrachtet werden sollen, und die römischen Blätter schlagen gegen Frankreich einen Ton an, der dem französischen Minister des Acu- ßerett Pichon bereits zu einer erfolglosen Beschwerde bei seinem italienischen Kollegen Tittoni veranlaßt hat.
Die ganze Wut der Franzosen beruht eben im letzten 'Grunde daraus, daß Italien als dritte Mittelmeermacht auf den Plan getreten ist, und der „Petit Parisien" hat es denn ja auch offen ausgesprochen, daß „die Haltung
Giebener Ponzertvereim
Gießen, 17. Rov.
Erster Kammermusik-Abend.
Gestern stellte sich in der neuen Aula das „Traut- Imann-Trio" in neuer Fassung dem trotz des schlechten Wet-< ters zahlreich erschienenen Publikum zum ersten Male vor und der herzliche Beifall, der der neuen Vereinigung gespendet wurde, zeigte jedenfalls, daß diesem Künstlertrio jetzt schon warme Sympathien entgegengebracht werden.
An Stelle des Herrn Redner trat Herr Davisson, der zweite Geiger des Rebner-Qartettes. Der Künstler bringt neben einer schön ausgeglichenen Technik vor allem jene gesunde Musizierfreudigkeit mit, die an den beiden anderen hinlänglich bekannten Künstlern, Herrn Prof. H e g a r und Herrn Prof. Trautmann so oft gerühmt wurde, und so Tonnte man daraus gespannt fein, wie sich diese drei Herren bis jetzt schon eingespielt haben. Daß man von drei Künstlern, die ihre Wohnsitze in drei voneinander ziemlich entfernt liegenden Städten auf geschlagen, kein ideales Zusammenspiel erwarten konnte, ist selbstverständlich. Sv fiel i. B. im "Brahms-Trio in C-Dur op. 87 die unsichere Temponahme der so schönen Cello-Kantilene über dem Orgelpunkt „des" im animato (gegen Ende der Durchführung des ersten Satzes) auf, ebenso an mehreren Stellen in den beiden Streichinstrumenten Nuancierungen, die nach den Partiturvorschriften wenig genau genommen wurden. Die im Zusammenspiel abgerundetste Leistung war sicher der dritte Satz, des. erste Teil, der ganz entzückend gespielt wurde. Der zweite Satz war meiner Meinung nach zu langsam, zu sehr auf den „Trauermarschton" gestimmt und war daher kein „andante con moto", sondern mehr andante maestoso Der erste Satz des herrlichen „Geistertrios" von Beethoven, war besonders in den Einleitungstakten (Haupt- thema) viel zu schnell, ebenso mar es unbegreiflich, daß der doch so ausnehmend kurze erste Teil nicht wiederholt wurde. Die ganze Durchführung litt unter diesem überhetzten Tempo. Im zweiten Satze, in diesem unheimlich düsteren und doch so wunderbar himmlischen Largo assai, sind die Vierundsechzigstel des Klage-Mvtives als gleichberechtigte, thematische Melodietöne anzusehen, hervorgegangen aus
der italienischen Diplomatie anspruchsvoller geworden ist und auf die Rechte und Interessen anderer nicht genug Rücksicht nimmt". Welches sind nun diese Anderen? Als herrschende Mittelmeermacht hat sich bisher das Britenreich, betrachtet, welches nach dem Sprichwort „die Wogen beherrscht". Durch feine festen Positionen von Gibraltar bis Port Said übt England in der Tat die Wacht im Mittelmeer aus, aber Frankreichs verstärkte Stellungen in Toulon, Bizerta und jetzt auch in Ajaccio bedeuten einen für die Briten höchst unangenehmen Wettbewerb, und durch die Eroberung Tripolitaniens ist auch Italien als gleichwertiger Konkurrent im östlichen Mittelmeer auf den Plan getreten. In Frankreich stellt man es so dar, als ob England in erster Reihe diese Konkurrenz scheut und deshalb seine große Flottenmacht entfaltet hat. Es ist gewiß richtig, daß die britischen Politiker einen Erwerb Aegäischcw Inseln durch Italien verhindern wollen, aber es trifft nicht minder zu, daß sie ebenso das von Frankreich unterstützte Begehren Griechenlands nach diesen Inseln bekämpfen.
Und hier kommt man zu hem Kardinalpunkt, der englischen Besorgnis vor dem französischen Machtzuwachs im Mittelmeer. Es ist noch in frischer Erinnerung, wie man sich vor just einem Jahre an der Seine damit schmeichelte, daß die Engländer, um alle ihre Seestreitkräfte in der Nordsee gegen Deutschland konzentrieren zu können, den Franzosen die Wacht im Mittelmeer überlassen wollten. Jetzt aber hat man an der Themse erkannt, wie sehr man sich durch das hypnotische Hinstarren nach dem Loch in der Nordsee die französische Konkurrenz im Mittelmeer großgezogen hat. Nimmt man zu dieser Mvalität die Erbitterung des Zarenreiches über die den russischen Interessen schroff, zuwiderlaufende Unterstützung Frankreichs der griechischen Ansprüche gegen Albanien, so sieht mau, daß es innerhalb des Dreiverbandes ernstlich kriselt. Es wird Sache des Dreibundes und vor allem auch der deutschen Politik sein müssen — der Besuch des russischen Ministerpräsidenten Kokowtzewin Berlin bietet hier eine günstige Gelegenheit, und die Churchillschen Flottenreden frühen kein Hindernis — diese weltpolitisch, günstige Konstellation auszunutzen.
Die StaötDerorönetenwal)! in Gießen.
Gießen, 17. November.
Die Stadtverordnetenwahlen sind, das darf niemand vergessen, eine politische Angelegenheit. Wer da glaubt, er könne lediglich nach seinem eigenen besten Wissen und Willen irgend einen geliebten und verehrten Gevattersmann auf den Plan erheben, dessen Mitwirkung ist geradeso stark, wie wenn er an dem Wahlgang durch einen Ohnmachtsanfall verhindert worden wäre. Da die Sozialdemokraten einig und geschlossen für ihre Kandidaten stimmen werden (unter denen auch 7 Männer aus bürgerlichen Kreisen sich befinden), so ist damit schon die Notwendigkeit llar, politisch vorzugehen und nicht eine Zersplitterung der Stimmen herbeizuführen. Dieser Gesichtspunkt hat ja auch den Bürgerverein geleitet, als er von der Liste der liberalen Parteien die Mehrzahl der Kandidaten übernahm. Wer am Samstag die öffentliche Versammlung der beiden liberalen Parteien besucht hat, der hat so recht erkennen können, daß es nunmehr gilt, alle Kräfte gegenüber der Sozialdemokratie zusammeuzufassen. Es hat doch etwas sehr gutes, wenn dabei politische Führer den Weg zeigen, und toeün am Samstag von einigen politisch unerfahrenen Leuten versucht worden ist, „Quertreiberei" zu machen, wie ja in politischen Kreisen der technische Ausdruck lautet, so konnte das erfreulicher
dem Hauptthema des ersten Satzes, daher nicht als Mordent zu behandeln. Der Schlußsatz wurde durchweg sehr fein gespielt, namentlich im Klavier kamen die beiden Solostellen — Uebergang zum Thema in Moll — ganz entzückend, wie überhaupt Meister Trautmann nach wie vor als Seele des Ganzen exzellierte. Dieser vortreffliche Künstler ist neben einer sehr hohen technischen Vollendung eine so rhythmische, feinsinnig veranlagte, urgefunbe Musikeruatur, daß man an seinem Spiel immer feine helle Freude und aufrichtige Bewunderung hat. Doch kann weder er, noch feine Triogenossen verantwortlich gemacht werden, daß man gestern sowohl keinen echten Brahms als keinen echten Beethoven zu hören bekam; erst wenn genügend viele Proben abgehalten werden können, werden die Ausführenden einem Komponisten zu seiner vollen Persönlichkeit und Originalität verhelfen können. Herr Davisson spielte noch die Ciaeeona von Bach und seine fast immer siegreiche Technik sicherten feiner Leistung einen großen Erfolg, wenn auch vorläufig dem Künstler der Aufbau der einzelnen Variationen (bes. immer die jeweiligen Schlußtakte durch ein Hetzen verwischt) sowie der ganze Zusammenhang dieses grandiosen Variationenwerkes noch ziemlich fremd sein dürfte.
Mit dem Engagement von Münchener Gesangsgrößen hat der Vorstand anscheinend kein Glück. Voriges Jahr sagte der Stern der Münchener Hofbühne, Fran H. Bosetti, ab und gestern Münchens größte und schönste Altstimme, Frau Erler-Schnaudt, weshalb Frau Kämp f ert für ihr rasches hilfsbereites Einspringen besonders zu honten ist. Die Künstlerin, die im Besitze einer wunhervollen, geschulten Sopranstimme mit dunkler Färbung ist und eine glänzende Atemtechnik ihr eigen nennt, tvählte zum Vortrag je vier Lieder von Cornelius, dieses feinsinnigen Dichterkomponisten, darunter das naive reizende Lied „Veilchen", und vier Lieder von Hugo Wolf, dem unglücklichen, herrlichen Liedmeister, die alle mit der gleich hochstehenden, gereiften Künstlerschaft dargeboten wurden. Könnte sich Frau Kämpfert aber nicht entschließen, die Lieder auswendig zu fingen; es würde ihrem hier und da zu sehr zurückgehallenem Temperament nur zum Vorteile gereichen. Zum Beispiel in „Verborgenheit", dritte Strophe, wurde nach vorausgegangener Steigerung „womöglich" ganz piano angesetzt anstatt in der CreS
weise wirksam zurückgewiesen werden. Die Sozialdemokraten hatten sich von der Versammlung auch etwas versprochen und nahmen die Aufmerksamkeit geraume Zeit in Anspruch. Uneinigkeit in den bürgerlichen Kreisen kommt ihnen vor- trefflich zu statten, und so suchten denn ihre beiden Redner das noch nicht lange begrabene Kriegsbeil wieder herauszukratzen. Es gelang ihnen schlecht. Einige der neuen Kandidaten der liberalen Parteien machten ihr rednerisches Debüt) und die „Genossen" probierten daran ihr krillsches und polemisches Können, auf das einzugehen viel zu weit führen würde. Eines fiel auf: daß der Genosse Riegel so wegwerfend und ironisch von dem „Arbeiter'" Wenzel sprach, und man fragte sich, ob erst die Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei den Arbeiter auSmache. Dann kamen zwei „liberale" Kritiker, die Herren Boeck und Wohlmuth, die in solcher Weise die Kandidatur Wenzel anfehdeten, daß der Vorsitzende, Geh. Justizrat Metz, in berechtigter Erregung sie darauf hinwies, was eigentlich liberal sei. Tie Verächter der Parteidisziplin wurden darauf sehr kleinlaut, und so kam denn die Versammlung doch wieder ins rechte Geleise. MS der wieder besänftigte erste Vorsitzende sein geschicktes und überlegenes Schlußwort sprach, konnte er sogar noch etwas Humor hiueinverweben, was ja auch einer so wichtigen Sache wie der Stadtratswahl durchaus nicht schadet.
1 r. Gießen, 15. November.
Die im Cafe Leib am Samstag abend von den liberalen Parteien einberufene allgemeine Bürgerversammlung war, wie dies bei der Wichtigkeit der Tagesordnung erwartet werden durfte, sehr zahlreich besuchh. Tier Vorsitzende der Fortschrittlichen Volkspartei, Geh. Justizrat Metz, begrüßte die Anwesenden, unter welchen sich auch einige Damkm befanden, und führte in längerer Rede die Gesichtspunkte an, von welchen die beiden liberalen Parteien bei der Aufstellung der Kandidaten zur Stadtverordnetenwahl ausgingen. Da sei es denn nötig, verschiedene in letzter Zeit erhobene Vorwürfe und Vorurteile zurückzuweisen: und aus ihre Berechtigung hin zu prüfen. Immer und immer wieder tauche die Ansicht »ruf, die Stadtverordnetenwahlen dürsten zu keiner parteipolitischen Angelegenheit gemacht werden. Das sei grundfalsch. Auch die Stadtverordnetenwahl sei eine hochpolitische Sache, insofern schon, als ja doch der bei weitem größte Teil der Bürgerschaft sich zu irgend einer Partei bekenne, die also in ihrer Gesamtheit sich als Vertreter der Burger ansehen könnten, und bann seien die im politischen Leben stehenden Männer die schlechtesten gewiß nicht. Auf das Rathaus gehöre die Parteipolitik nicht, denn dort gelte es, die Interessen der Stadt unb ihrer Bürger zu vertreten. Es sei darum auch nicht so sehr wichtig, ob der Fabrikant A. oder B., der Kaufmann A. oder B. usw. im Stadtparlament sitze, viel wichtiger sei es, ob der Erwählte einen klaren Blick für das Wohl der Stadt, ein warmes Herz für seine Mitbürger habe und darnach seine Entscheidung treffe. Ebenso komme es gerade diesmal in erster Linie darauf an, daß sich dieBürgerschaftGießens und die beiden liberalen Parteien, der doch die weitaus größte Anzahl aller wahlberechtigten Bürger Gießens angehört, nicht blamieren. Man habe bei der Aufstellung der Liste airdj den Minderheiten Rechnung getragen, indem man einen Sozialdemokraten und einen Katholiken auf ben Zettel gesetzt habe. Sehr bedauern müsse er die Tatsache, daß die Sozialdemokraten sich von vornherein ausgeschlossen und jede Unterhandlung abgelehnt hätten. Dann sei der Bürgerverein auf den Plan getreten und habe einen neuen Zettel aufgestellt mit der Begründung, die Art und Weise, wie die liberalen Parteien vorgegangen seien, könne seine Zustimmung und Billigung nicht finden, muchsei berechtigten Wünschen nicht genügend Rechnung getragen worden. Dieser Vorwurf treffe auch nicht zu, ebensowenig der weitere, daß nicht die persönlich tüchtigsten, nach allen Seiten unabhängigen Männer in Vorschlag gebracht worden seien. Er leite nun schon seit dreißig Jahren die Vorbereitungen zu den Wahlen, und er wisse demgemäß a»Z reicher Erfahrung, welche Schwierigkeiten, die man nicht zu niedrig einschätzen solle, sich dabei in den Weg stellen. Daß man nichts
cendo-Linie weitergeführt. Die Künstlerin spendete nach dem herzlichen Beifall als Zugabe den „Tambour" von Wolf, den sie ebenso geistvoll vortrug, wie Professor Trautmann, der die Klavierbegleitung in bewundernswerter Weise durchführte, gerahe diesen Klavierpart genial meisterte.
az.
Gießener Stadttheater: Film zauber. Eine neue Posse Filmz aub er, die rasch ihren Weg über die deutschen Bühnen macht, hatte gestern abend bei ihrer hiesigen Erstaufführung einen riesigen Erfolg. Fast sämtliche Lieder mußten wiederholt werden und die Hauptdarsteller, vor allem Frl. Martini und Herr Grosser wurden immer wieder gerufen. Ter Inhalt des Stückes, in dessen Mittelpunkt eine lustige Szene aus der Schlacht bei Leipzig steht, die von Filmschauspielern dargestellt wird, haben wir gelegentlich der Uraufführung bereits gekennzeichnet und wir können uns heute daher auf die Feststellung beschränken, daß das Werk sehr lustig und unterhaltsam ist und in jeder Beziehung über Püppchen stehl. Es ist eine wirkungsvolle Handlung da, und die Musik ist ebenfalls recht hübsch und einschmeichelnd. Auch die Instrumentierung ist sehr glücklich. Frl. Martini, die schon im Sommer als Lore im Püppchen einen großen Erfolg errungen hatte, erwies sich auch gestern abend als eine tüchtige, gut geschulte Soubrette, die über eine warme und volltönige Stimme verfügt, die sie zweifelsohne auch für größere Aufgaben geeignet macht. Auch ihre Tar- stellung der luftigen, listigen Fränze war allerliebst. Herr Gros- s e r, der ourch seine Vielseitigkeit ein Stern unseres Theaters» ist, spielte den Filmdichter und Filmdarsteller Musenfett mit ergötzlicher Gewandtlicit und Frische, obwohl er, wie auch andere, schon am Nachmittag beschäftigt war. Die Duette mit Frl. Martini waren Glanzpunkte der Darstellung, namentlich das reizende Lied Napoleons gefiel, das Lied Unter den Linden, das Tanzduett im dritten Akt und der lustige Bärentanz. Einen äußerst amüsanten Abg. Käsebier spielte Herr G o l l, der als Komiker ganz Hervorragendes leistet — und nicht zuletzt durch seine vornehme Zurückhaltung große Wirkungen erzielt. Sehr nett als Wanda waren Frl. Lindeck und Herr Rott eck als Max. Ihr Duett: Machen wir zusammen eine Firma auf! gefiel sehr gut. Als sittliche Eniemia wirkte Frl. Nathusius sehr ergötzlich. Eine sehr hübsche Leistung bot Herr Bolck als Schieber >llemczinski. Auch Frl. Stcttncr als Wefticulatia wirkte sehr ansprechend. Ein guter Geheimrat war Herr Schubert, ein tüchtiges wirkungsvolles Faktotum Herr Bochum. Auch die übrigen alle fanden sich unter Herrn Golls Regie zu einem guten Spiel zusammen. Herr F. Adam leitete das Orchester und darf einen Teil des Beifalls für sich in Anspruch nehmen.


