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19.8.1913 Erstes Blatt
 
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Nr. <95

Ter Siebener Anzeiger cridjeint täglich, außer EonutagS. - Beilagen: viermal loöcbevtlid) Githcaer.^omilirnbläller,

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dlattfdrden UreirSiehen (Tieustag undFreilag). zweimal monntl. Land wirtschaftliche Scilfragtn nernipicd) - Anschlüße: hlr die Redaktion 112, Verlag n. Expedition 51 Adiefsc für Depeschen:

Anzeiger Wici-e».

Annahme von Anzeigen für ixe Tagesnninnier tiv vormittags 9 Uhr.

Erster Blatt

IbS. Jahrgang

Dienstag, l9. August 1913

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ti kl . \z ** '' -nJ Chefredakteur: A Goetz.

|\^y* WM Berantivortlid) für den

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsbnid und Verlag der vrühl'fchen llnw.-vuch- nnö Stcindrudcrci H. Lange. Rcöaftion, Erpedition und Drudcrci: Zchulstrahe 7. -^UXF'. ""^

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Tageskalcndcr aus dem Jahre 1813.

19. Augnst. B l ücher schlägt die Franzosen bei Goldberg in Schlesien unweit Liegnitz.

Thronfolger und Generalinspetteur.

Am selben Tage und zur gleichen Stunde, da man an der Homburger Tafel den 83. Geburtstag St-aifcr Franz Jo- sephs feierte, wurde in Wien Mannt, das; der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand zum Generalinspekteur der gc 1 samten bewassneten Macht Oesterreich-Ungarns ernannt wer den soll. Diese Neuigkeit hat besonders in den sog. ein geweihten Kreisen überrascht. D-enu dort kolportiert man seit Wochen und Monaten die Ansicht, daß Franz Ferdi nanb an seinem weiteren Aufstieg durch fein altes Lungen leiden gehindert sei. Wegen dieses Leidens, das ererbt sein soll, und sich schon vor etwa 20 Jahren zeigte, sei der Thronfolger 1910 inkognito in München gewesen, um ärzt­lichen Rat einzuholen, und habe dann im milden Klima von Brioni Genesung gesucht. Ja, An-fang dieses Jahren 1913 habe der Erzherzog, so erzählt man sich, gleichfalls streng incognito eine Reise nach Dresden unternommen, um einen hervorragenden Spezialisten für Lungenleiden zu konsultieren. Allgemein wurde die Meinung verbreitet, das; Franz Ferdinand seitdem auf seinem Schloß Üonopischt in Böhmen zwar nicht lebensgefährlich, aber doch ziemlich aus-

' . Uno am Wiener Hofe waren bc reit5 gewisse Einflüsse eifrig tätig, um den Erzherzog Karl Franz Josef und dessen Gemahlin Zita in den Vordergrund zu rücken. Jedenfalls glaubte man, das; der kränkliche müde Fünfziger, dessen Zuiland immer wieder Besorgnisse er weckte, zu großen Ausgaben nicht mehr braifni sei

In diesenBefürchtungen" wurden die Neider des Erz Herzogs nun sehr enttäuscht. Aber auch die politische Welt, die ohne persönliche Snmpathie oder Antipathie urteilt, muß umlernen. Man kennt dieThronfolgerpolitik" Franz Fer diuands, seilte Neigung zum Llppcll an die militärische Macht. Man weiß, daß die Meinungen des greisen Kaisers Franz Joseph und die seines zur Nachfolge berufenen Ncf fen sich oft nicht decken. Kaiser Franz Joseph ist ja nie ein Manu der eisernen Faust gewesen. Als er als Neun undzwau-igjährigec über das Schlachtfeld von Solferino ritt, wirkten dessen Eindrücke so gcivaltig auf fein weiches Herz, daß er trott des Anmarsches bedeutender Versiär hingen, die eine Wendung des Krregsglückes zu verbürgen fdiicneu, es verbot, den Angriff am folgenden Tage zu er­neuern.

Erzherzog Franz Ferdinand, der angeblich kränkliche, scheint au-5 ganz anderem Holze geschnitzt zu sein. Ties wurde für eine größere Oeffentltchkeit an dem Tage erficht lich, als er in das Hauptquartier von Neusa» abreifte, obwohl die Diplomatie entschieden hatte, daß Friede blei- . - solle mit Serbien. Ter Erzherzog unterwarf sich zwar bann der allerhöchsten Entscheidungals gehorsamer Sol­dat". Mer er wird heute nach wie vor bemüht fein, feiner Auffassung über militärische Tinge Geltung zu verschaffen. Es ist ihm ja auch häufig genug gelungen. Kriegsminister Baron Schönaich wurde seinerzeit entlassen, weil sein Zu- sammenprail mit dem Thronfolger so heftig geworden war,

eibe sich sogar dienstlich aus dem Wege gingen Franz Ferdinand triumphierte also persönlich über den Wider­sacher, dem er schliffe Nachgiebigkeit gegen die Magvaren

zum Vorwurfe machte. Man erinnert sich wohl auch noch derFlucht der Erzherzöge". Tie Nachricht, das-, Erzherzog Josef Ferdinmtd auf feine militärische Laufbahn verzichten wolle, rief genau vor einem Jahre auch in Reichsdeuisch- lanb begreifliches Aufsehen hervor, denn nach dem Ab» gange Franz Salvators und Eugens wäre Josef Fredinand der dritte Erzherzog in einem Jahre, der aus der Armee flüchtete: auch sein jüngerer Bruder Heinrich ist nicht mehr aktiv, sondern lebt als Privatmann in München Tiefe Flucht der Erzherzöge churde nicht mit Unrecht dem Wirken und energischeren Auftreten des österreichischen Thron­folgers Franz Ferdinand in Rechnung gesetzt.

Tatsache ist, daß Franz, Ferdinand von jeher bestrebt gewesen ist, das österreichisch-ungarische Landheer dem beuh lchen Borbilde so weit als möglich nahe zu bringen, damit cs im Ernstfälle sich als ganz auf der Höhe stehend er­weisen lönne. Belannt ist auch, daß Kaiser Wilhelm II. und Erzherzog Franz Ferdinand, so verschieden sie in Charakter, Anlage und Ausbildung sein mögen, sich vor­züglich in einem Punkte: im militärischen, verstehen. Noch vor einem halben Jahre soll Franz Ferdinand als Jagd- gaft des deutschen Kaisers in Springe mit diesem die österreichisch-ungarischen Armeeorgaitisationspläne sehr ein­gehend erörtert haben und dabei feinem kaiserlichen Freund erklärt haben, fein Ehrgeiz fei: der Soldatentaiser seiner künftigen Länder zu werben.

Unterdessen bat der Balkankrieg kleine Ber st im­mun gen in bas deutsch-österreichische Verhältnis gebracht, und man weiß nicht, wie der von Stufe zu Stufe steigende Thronfolger heute über gewisse Einzelheiten der Treivuno- Politik denkt. Vor mehreren Jahren war er tatsächlich alles eher, als ein ausgesprochener Freund des deutsch-österreichi­schen Bündnisses. Und schon Fürst Bismarck hat in seinen Gedanken und Erinnerungen allerlei Befürchtungen ausge­sprochen und zwar int Hinblick auf die ihm bekannte Ge­sinnung des österreich-ungarischen Thronfolgers:Kaiser Franz Josephs Garantie ist eine mit persönliche, fällt mit dem Personenwechsel hinweg, und die Elemente, die Träger einer rivalisierenden Politik zu verschiedenen Epochen 'ge­wesen sind, können zu neuem Einflüsse gelangen. . ." Hof­fentlich zeigen die nächsten Ereignisse, daß solche Befürch­tungen einer überlebten Vergangenheit angehören.

Lin Trinkspruch Ser Kaifets in Homburg.

Bad Homburg v. d. H., 18. Aug. Ter Kaiser hörte heute vormittLg den Vortxag des P e i ch s k a n z l e r s. Mittags fand aus Anlaß des Gebu-rtstages des Kaisers Franz Josef bei ihren Majestäten im königlichen Schlosse eine Tafel statt. Der Kaiser halte zu seiner rechten Seite den österreichisch-ungarischen Botschafter Grasen von Szö- gyenh-Marich, zur Linken den Reichskanzler v. Bcthmann Hollweg.

Homburg v. d. H., 18. Aug. Der Reichskanzler ist heute abend von hier ab gereist.

Der österreichische Botschafter und die Herren der Bot- schäft wurden in kaiserlichen Wagen vom Hotel zum Schloß und zurück befördert. Der Kaiser, welcher die Uniform eines österreichischen Generals angelegt hatte, hielt bei ber Tafel folgenden Trink spruch

Euer Exzellenz! Seit wir zum letzten Male wie alljährlich zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät deS Kaisers und Königs Franz Joseph, meines treuen Bundesgenossen und väterlidwn

Freundes, versammelt waren, sind raube Stürme über den Südosten Europas dahin gebraust, und wenn e-5 ge­lungen ist, den Frieden Europas gegen alle Brandungen erfolg­reich zu schützen, so danken wir das nicht zum wenigsten der hohen Weisheit Sr. Majestät deS Kaisern und Königs Fran»

Ungarns empfinden wir darüber besonders höbe Freude und blicken frohen AugeS in die Zukunft, denn das alierprobte B ü n d n i S, das auf unerschütterlicher Grundlage beruht, wird auch fernerhin zum Segen der Welt seine Kraft und Wirkung bewahren. Mit diesen Gefühlen bitte ich den All­mächtigen, das» er Ihren allergnädigsten Herrn noch lange Jahre glücklicher Regierung zum Heile und Segen seiner Völker und zur dauernden Macht, zum Glanz und zur Größe seines Reiche- gewahren möge. Wir erheben unsere Glaser und trinken am da- Wohl Sr. Majestät deS Kaisers und Königs Franz Joseph

Damit sucht der Kaiser den ungünstigen Eindruck, den die Veröffentlichung der bekannten zwischen Bukarest und Berlin gewechselten Depeschen hervorgerufen bat, wieder gut zu machen.

...... ........" 11 1

Die kriegerischen Absichten der Türke'.

Konstantinopel, 18. Aug. ES wird versickert, daß die Pforie in einer den Machten bereits durch die atwmanischeu Gesandten übermittelten Verbalnote auSführt, sie würde viel­leicht o e 8iv u n g c n Jein, die Maritza zu überschreiten und gegebenenfalls sogar Bulgarien den Krieg zu erklären ES heißt, der Wortlaut ber Note wäre nicht für alle Mächte der gleiche.

DemTanin" zufolge wandten sich die griechischen Be­wohner von Dedeagatfch, als sie erfuhren, daß Griechenland gemäß dem Vertrage in Bukarest Dedeagatfch räumen müsse, an ben K unmandanten ber griechisclien Truppen mit ber Bitte, daß sie nicht abziehen sollten. Der Kommandant erwiderte, eS fei unmöglich, der Ditte zu entsprechen, wandte fick' jedoch an den t ü r t i f d e ti Kommandanten DimotitaS und bat ihn, die (Frieden und Muselmanen von Dedeagatsch und Umgebung in seinen Schutz zu nehmen. Der Kommandant der flriedn- fdxn Truppen werde den türkischen Kommandanten zwei stunden vorher von dem Abzüge benachrichtigen, damit er Dedeagatfch unverzüglich besetzen könne.

Im Widerspruch zu diesem Vorgang steht folgende Meldung aus Konstantinopel: Die Pforte dementiert offiziell die Meldung, daß türkische Truppen Dedeagatfch besetzt hätten.

Rom, 18. Aug Der bulgarische Gesandte R i z o w erklärte einem Vertreter derTribuna", Bulgarien werde sich nickt von der Türkei herausfordern lassen, weder zu Verhandlungen noch zu einem Kriege. Es betrachte die Frage von Adrianopel als eine internationale Frage, deren Lösung den Großmächten zukomme. Rizow glaubt, daß Europa energisch huf die Türkei einwirken werde. Ein einfach'« Mittel die Türkei zum Nachgeben gegen Europa zu zwingen, sei die Blockierung der türtifdzn Hafen, namentlich der Hüten von Smvrna und Tropeziint durch eine oder zwei europäische Flotten. Hinsichtlich des Gerüchts, daß D e d e a g a t s ch d e n Türken von den Griechen o u o- geliefert worden sei, erklärte Rizow, bar Rufckand niemals zugeben würde, daß irgendjemand Bulgarien den Zutritt zum Aegäischen Meere verwehre.

Halbamtlich wird von derKölnischen Zeitung" zu den Mel­dungen über die Möglichkeit einer türkischen Kriegs­erklärung gegen Bulgarien erklärt, das ruhig urteilende Politiker nickt glauben, daß die Türkei im Ernste an einen neuen Waffengang mit Bulgarien denke, in dem fie eg schwerlich mit Bulgarien allein zu tun haben werde. Möglich sei, daß trotz der Vorkommnisse der letzten Tage Verl^andlungen zwischen der Pforte und Bulgarien ^über eine neue türtisch bulgarische (Grenze in Fliv- Iommen, die Stimmung dafür scheine auf b.iben Seiten vorhanden zu Irin.

Dom Darmstadter hosiheater.

Darmftabt, 18. Aug.

Hatte man im Vorjahre der neuen Spielzeit mit einer gewissen Neugierde eutgegeiigesehen, so ist es diesmal Interesse, was man dem Hoftheater entgegenbringt. Tr. Eger, der inzwischen Intendant geworden ist und nun wohl bei offiziellen Gelegenheiten in Uniform erscheinen kann, batte tatkräftig eingesetzt. Tie Festspiele, mit denen er die Spielzeit abschloß, haben ben Namen bes Darmstäbter.Hof­theaters wieder über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. So kam cs, baß sich in Darnksladt so etwas wie Theaterfliinmung unb wohl auch Theaterfreubigkeit zeigte, die hoffentlich noch für die kommcnbe Spielzeit ausreichcn wirb. Aber mit dem Interesse für eine Sache verbindet sich immer ein gewisser kritischer Geist, ber nicht so leicht wie bic Neugierde zu befriedigen ist. Man wird zwar von einem Hoftheater mittleren Ranges nicht verlangen dürfen, das; es lünstlerische^ Neuland entdecken Hilst, wozu nur die großen Bühnen in den ganz großen Städten berufen sind, denen es möglich ist, eine bestimmte Kunstrichtung kon­sequent zu verfolgen. Ein Theater wie Tarmstadt muß sich daraus beschränken, vielen möglichst vieles zu bringen. Es braucht Kassenerfolgen natürlich nicht ans dem Dege zu gehen .darf aber nicht nach ihnen jagen. Dr. Eger hat uns ben Maßstab, den wir an seine Leistungen anlegen, selbst in die Hand gegeben, benutzen wir ihn also.

Sieht man sich den von ber Leitung bes Hoftheaters ausgegebenen Arbeitsplan für bie kommepde Spielzeit ein wenig genauer an, so kommt der Verdacht auf, als sei er nach dem Prinzip aufgestellt, möglichst viel Leute ins Haus zu bekommen^ Dazu verhelfen berühmte Namen bekanntlich am meisten. So ist denn auch die Liste der Gastspiele außer­ordentlich lang geraten Die meisten dieser .Herrsckmften sind uns schon front Vorjahre her bekannt: Rüsche-Endorf, Gerlntb Foerstel, Georg BaNanoff, Friedrich Plaschke, Rudolf Berger, Walter 3oomcr; ebenso die Dirigenten Nikisch, Walter, Blech. Unbekannt hier find vor allem der berühmte italienische Dirigent Arturo Vigna, dann Frau 'l. :aswke von der Lsten, Alfred Piccaoer und John Forsell. Im Schauspiel wird uns diesmal die Bekanntschaft der Turieux und bes Albert Heine versprochen. Das Ehepaar Debekinb wurde uns schon im Vorjahre angekündigt. Ai er ander Moissi stellt gleichfalls fein Erscheinen in Aussicht.

Sicherlich, recht interessant sind diese Gastspiele. Schade nur, daß der Arbeitsplan im Schauspiel etwas spärlich ausgefallen ist. (Sollte während deo Winters noch manches erworben werden, so wäre das sehr crsreulich. Im Augen­blick läßt sich nur nach dem vorliegenden Plan urteilen.) Auf der Liste des letzten Jahres standen die Melden" von ^haw auch schon, auch denSchlachtenlenkcr" hatte man hinzugesetzt, der diesmal fehlt. Man verspricht dagegen Apels>>ans Sonnenstößers Höllenfahrt", Eulenoergs Belinde" undMarionetten" von Pierre Wolff. Man ver­mißt also manches, was inan gern auf der Bühne gesehen hätte. Denneuen"Feldherrnhügel" unb benFilmzauber" hätte man bar um gegeben. Die Lper sollS ber st Ehabert" fron Woltershausen undDer Schleier der Pierrcttc" fron Dohnanyi-Schnitzler bringen. Daß uns bieAriabne auf Naxos" voremhalten wirb, bie uns längst angekündigt war, ist auch bebauerlich.

Zwar hat man ben Arbeitsplan recht vorsichtig ab­gefaßt, so baß ein Optimist hoffen darf, baß im Laufe der Spielzeit sich dieses uno jenes noch hinzugcsellcn wird. Ader der vorjährige Arbeitsplan Hot manches Versprechen nicht eingclöst, so daß ebi leises Mißtrauen dem neuen Arbeitsplan gegenüber nicht unterdrückt werden kann.

Biele Namen weist die Liste der neuengagierten Mitglieder auf. Als Opemregifseur wurde Otto Nowak verpflichtet, der bisher Spielleiter der Eovent Garden Oper in London war. Er wird denTannhäuser"' in ^zenc setzen, der am 7. September als erste Vorstellung gegeben werden wird. Herr Baumeister ist zum Schau', fpielregih'curmannUuorbcn. Neben ihm werden die Herren »einrieh Gacker unb Paul Eisner tätig fein. Als erster Kapellmeister wirb Paul Ott en he im er kommen, der neben de Haan wirken soll. Das Lustspiel unb di- Operette wirb in Herrn Bruno Harprecht ben Regisseur finden. Herr Dr. Paul Sander, der frühere Kritiker derDarmstädter Zeitung", wurde in das dramaturgische Bureau des Hof­theaters berufen. Von den neuen Mgliedern haben sich manche durch ihr Gastspiel recht vorteilhaft eingeführt, so bas man sich von ihrem Engagement einen Gewinn Der» Iprechen kann. So zeigte sich Bruno Harprecht als ein geiPanbter Schauspieler. Das junge Frl. Horn hat als ,^Zungsran von Orleans" allgemeine Aufmerksamkeit erregt, ebenso verdient Herr Armin Wassermann, der sich in einer kleinen Rotte in ,^Judith" vorstellte, Beachtung.

Hofsen wir, daß an dem vorliegenden Arbeitsplan noch manches geändert ivirb. Wir haben zu dem guten Geschmack des Intendanten noch alles Zutrauen.

Bruno Stümke.

Rudolf Schildkraut über amerikanische T heo tervcrhä 11 n i ff c. Nack m.tr als 'wei'äk.riger Ab- westuhrit ist Rutwlf Schildkraut wieder nach Berlin znrückgckebrt. Hebet das 'Seien des amerilanifck?n Ts'aterS, die ungeivöhuliche Beschaffenheit van Bühne und Publitum, pliuderke er einem Mit­arbeiter desBerl Tgbl." gegenüber wie folgt:

Tie amrrifanifden Tkealerkefucher sind rin ieltfam uiiveS PuUikum. Sie sind in oct Thealerkiiltur um werlunderl 3ihre rur..-, und diesen Eindruck von Rückständigkeit habe id non manchen amerilanisckxn EiUrichtungen miigenommen D t e -Jago nach d e m Dollar bek^rrsch.' natürlich auck doS Tb.-ntcrkben. und das ist ein Moment, daS den thrlid strebenden kumH.r schließlich sehr freudlos stimmt. Auch ntii Gehaben des Theattrrublilums kann man sich nur fdirnrr befreunden, -lls id in der ersten Zeit meiner amerilanischen Bühnenkitrgkrit eines Nad mittags den S hylvck ftielre, ivar dos Theater in der Mehrralü von Frauen besetzt, die nad aMerikanischer eitle aua ibn Säuglinge mitgebracht atten und diefe un­geniert stillten. Ich hörte bis zur Bühne herauf die zärtlichen Wiegenlieder, die etliche Mütter im *£T^c.l.t 1 cn Babies fangen. Plötzlich stürzte der Torwächter heran, dem auch die Lbhiu über einige BabieS übertragen wird, und meldet mit lauten Rüfen, das ein Kinochcn vor der Tür nickt zu beruhigen sei und bftig weine. Darauf leert sich das halbe Parkett: es rniikbt ein ungeheuerer Lärm, und ich unterbreche das Spiel. Aber der Doge von Venedig, ber, eben mit mir auf der Szene stand, lies sich nicht aus der Fassung bringen, und ermunterte mich, die Mütter unb ihre Kinder zu ignorieren. Das sind Kleinigkeiten, gewiss aber fie sind bezeichnend für ba eigenartige Wesen des amerikanischen Theaters und seines Publikums.

Die Inszenierungen auf der ttmerifaiiiid^n Bühne, des ganze Dekorationswesen, sind von erschr-ckender Primirivität Es niuß auch gesagt werden, daß namentlich dem Deutschen Theater in New Aork die Mittcl^sehken, um in einem größeren Stil zu arbeiten. Die älteren Deutschen besuchen das Theater überhaupt wenig, und die jüngeren gehen grundsätzlich nur v.yexe englischen Theater. Jfch bebe viel Beitall und große Sbonflfatc verdient, gewiß auch deshalb, weit man mich als den ^Schildkraut von der Reinhardtbühne" annoncierte. Aber meine ganze Sehnsucht bat immer, auch in den Tagen der größten Erfolge, dem deutsche« Theater gegolten, der Rückkehr nach Berlin.