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17.1.1913 Erstes Blatt
 
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Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich GießenerSamilienblättcr, zweimal ivörbeiitl.KteiS; blallfürdenAreisSiehen (Dienstag und Freitag); zweimal moimtl. Land­wirtschaftliche Seitfragcn Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

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Erstes Blatt

165. Jahrgang

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-vuch- und Zteindrnckerei R. Lange. Nedaktion. Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7. g^ ben Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle vahnhosstratze 16a. Anzeigenteil: H. Beck.

Zreitag, 17. Januar 1915

Beznasvrei i: monatlich 75 Ps^ viertel- jährlich Mk. 2.20; durch jtca Abhole- il Zweigstellen

fl monatlich 65 Bf.; durch

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Wk n Zeilenpreis: lokal 15Ps., auswärts 20 Mennig. Ehesredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; fürFeuille­ton",Vermischtes" und Gerichtssaal": K. 9leu-

Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.

Die (Einigung der Botschafter.

Wir sind in der Balkansache wieder einen kleinen Schritt weiter. Die Bvtschaster in London haben sich geeinigt und es heißt, daß ihre Note an die Türkei, in der die Preisgabe Adrianopels verlangt werden soll, heute oder morgen überreicht werde. In denTimes" waren noch einige überraschende Aenßerungen zu lesen. Danach sollen nicht nur einige Balkandelegicrte, sondern auch eine große Kontinentalmacht das Bestreben haben, den Frieden zu vereiteln. Ob Deutschland gemeint sein soll? Was die Türkei tun wird, ist auch heute noch ganz unentschieden. Der Sultan hat einem türkischen Redakteur eine Unterredung ge­währt, aber wenn man die Aeußerungen des Sultans ge­lesen hat, ist man so klug wie zuvor. Höchstens könnte man etwas Angst vor der Erschütterung seiner Dynastie heraus­lesen.

Wir erhalten folgende Meldungen:'

Konstantinopel, 16. Ian. Die Botschafter haben sich über den endgültigen Wortlaut der Kollektivnote geeinigt.

Die bulgarisch-rumänischen Verhandlungen.

Wie das Reutersche Bureau erfährt, erhielt Dr. Da- new aus Sofia Instruktionen. Infolgedessen nimmt er die Verhandlungen mit dem rumänischen Minister Jo­nes cu wieder auf.

Sofia, 16. Jan. Das Wiener Korr.-Bureau meldet: Me von kompetenter Seite versichert wird, hätte der in Mustafa Pascha äbgehaltene Kronrat den Zweck, unter Zuz-iehung der Armeekommandanten über die Even­tualität einer Fortsetzung des Krieges zu beraten Die Beratungen sollen ein vollkommen befriedigendes Er­gebnis gezeitigt haben.

Bezüglich der rumänischen Ansprüche sollen die letzten Nachrichten insofern günstiger lauten, als der Kon­flikt an Schärfe verlor und in eine ruhigere Phase trat, wodurch gewisse Hoffnungen auf eine gütliche Bei­legung gegeben sind.

Eine Aeußerung des Sultans.

Konstantinopel, 16. Jan. Der Sultan empfing 'gestern den Chefredakteur des BlattesSabah", ' Daran ttetefian, in längerer Audienz. Der Sultan soll, demSa- l>ah" zufolge, folgendes geäußert haben: Wir leben in einer schweren Zeit. Niemanden Herz ist so betrübt, wie das meinige, aber ich überwinde den Kummer, um meine Pflicht erfüllen zu können, die die göttliche Gnade mv anvertraute. Wir haben mehr als je die Pflicht zu arbeiten Fch will das erste Beispiel hierfür geben. Wir müssen un in Gegenwart und Zukunft sichern, indem wir uns br göttlichen Gnade anvertraueu. Ich bin ein verfassungs­mäßiger .Herrscher. Das Glück meiner Nation hängt voi der Nutzbarmachung der Wohltaten der Verfassung ab Nach Beilegung der gegenwärtigen Schwierigkeiten ist unser erste Pflicht, die Eröffnung der Nationalver sammln n g. In meiner Dynastie und meiner Nation gibt es niemand, der gegen die Verfa'sung wäre. Ter Absolutismus, der notwendiger Weise die Form einer Willkürherrschaft annimmt, kann niemals, insbesondere nicht in dem Jahrhundert, in dem wir leben, für die Be­dürfnisse der Nation sorgen und deren Wohl sichern. Die Verfassung bleibt ewig die Regierungsform unserer Nation. Es ist notwendig, Mißbräuche hintanzuhaltssn; die Ereig­nisse bewiesen, dies neuerdings. Wir bedürfen Ruhe, damit die Verfassung Früchte trage. Die Nation erlitt dadurch großen Schaden, daß während der letzten vier Jahre in

Gemäßheit des parlamentarischen Majoritätsprinzips u- figeSy st em wechsel vorgenommen werden mußten. Der volle Gebrauch der Rechte, welche die Verfassung dem Sultanat verleiht, kann von diesem Belange große Wirkung haben. Ich werde nicht ermangeln, von den Rechten der Krone zugunsten der Interessen und des Glücks der Nation Gebrauch zu machen. Auch die Mitglieder der Nation müssen von ihren Rechten Gebrauch machen. Es ist not­wendig, daß aus den nächsten Wahlen eine homogene, fähige und erleuchtete Mehrheit hervorgehe, welche die Sitten des Landes kennt und die allgemeinen Interessen jedem persönlichen Wunsch voranstellt.

Der Fall Prohaska in Ehren erledigt

Belgrad, 16. Jan. Wie aus Prizrend gemeldet wird, fand gestern vormittag 10 Uhr die feierliche Hissung der Flagge auf dem österreichisch-ungarischen Konsulat statt. Knrz vor der angeraumten Zeit hatte eine Abteilung ser­bischer Truppen unter dem Kommando eines Offiz'"rs vor dem Konsulat Aufstellung genommen. Konsul Prohaska erschien in Galauniform, umgeben von dem Personale des Konsulats und gab dem Kawasien das Zeichen zur Hissung der Flagge. In dem Augenblick, als diese aufgezogen wurde, leisteten der kommandierende Offizier und die aus­gerückte Abteilung unter klingendem Spiele die vorgeschrie­bene Ehrenbezeugung. Bald darauf stattete Konsul Pro­haska dem serbischen Militärkommandanten einen Be­such ab.

Die französische Präsidentenwahl.

Paris, 16. Jan. Die Vollversammlung der Republikaner trat abermals zusammen, um den Kandidaten für die Präsidentschaft zu bestimmen. Im dritten Wahl­gange würben von 748 Anwesenden 646 Stimmen abgegeben, so daß die Majorität 324 betrug. Es erhielten Pams 323, Poincars 309, Ribot 11, Delcassä zwei Stimmen, Des- chanel eine Stimme.

Der M i n i st e r r a t trat um 6 Uhr zu einer Sitzung zu­sammen, an der Delcasse und Pams nicht teilnahmen.

Zahlreiche Senatoren und Deputierte, darunter Clemcnceau, versammelten sich nach der Abstimmung unter dem Vorsitz von Combes. Dieser schlug vor, bei P o i n e a r e einen Schritt zu unternehmen und ihn zu bitten, seine Kandidatur aus republika­nischer Disziplin nicht aufrecht zu erhalten. Ribot, der auf- gefordert wurde, sich diesem Schritt anzuschließen, erklärte, er müsse davon abseheu, da,er gegebenei'.fal's wieder Kandidat werden könnte. Darauf würbe eine Delegation von Führenr der Gruppen der Linken zu Poincare geschickt, um ihn zum Verzicht zu ver­anlassen. Poincare erklärte, er könne sich dieser Anschauung richt anschließen. Er sei der Meinung, daß die National­versammlung das letzte Wort sprechen müsse. ,

Im Senat fand abends eine Versammlung der s i n k s r e p u b l i k an i s ch e n Gruppen statt, in der die zn Ltaincare entsandte Abordnung Bericht erstattete. Die von 150 Personen besuchte Versammlung verlief äußerst stürmisch, da die Weigerung Poineares, von der Kandidatur abzustehen, die Köpfe whitzt hatte. Als Buisson mitteilte, daß Poincars ihm erklärt >abc, Clemeneeau habe sich einem Besuch bei Bourgeois, um liefen zur Kandidatur zu veranlassen, widersetzt, l beitritt Cle- tcnccau diese Darstellung Poineares. Es wurden Rufe laut: Zoinears ist ein Abenteurer, er hat die Disziplin erwürgt! Auch oie WiedereinsOtzuug du Patv de Clams wurde zur Sprache ge­bracht und behauptet, daß sic mit Einwilligung Poincares ge­schehen sei. Schließlich stimmte die Versammlung der Einigung aller Republikaner auf die Kandidatur Pams zu.

78us befielt.

Der Streit Grunewald-Tr Winkler.

Nach der Erklärung des Abg. Grünewald in unserer Nummer vom letzten Montag steht Behauptung gegen Be­hauptung. Da die Oeffentlichkeit ein begreifliches Inter­esse daran hat, welchen Verlauf die Angelegenheit gehabt

hat, haben wir von dem Anerbieten des Abg. Grünewald Gebrauch gemacht und Einsicht in seinen Briefmeckfel und in seine Aufzeichnungen genommen. Da eine Zuschrift von Dr. Winkler an uns im wesentlichen den sachlichen Hergana, wie er aus den Grünewaldschen Akten zu erkennen ist, bestätigt, können wir heute folgende Feststellungen bringen:

Die Verhandlung im Landtag, die die bekamüe Obrfeiqen- Geschichte hervirrief, war am 12. Dezember. Am 19. De­zember erschien Amtsrichter S ch n e i d er - Bad-Nauhe'm bei Grünewald, ihn als Beauftragter Winklers ausfordernd, die Aeuße- rung, er weide W. hinter die Ohren schlagen, z-urückzunehmen. Gr. crHärfe sich sofort dazu bereit, wenn W. seinerseits gleichzeitig den AufdruckFeiatzeit" znrücknehme. Schn, saate zu, bei W. die Zurücknahme dieses Ausdrucks anstreben wollen.

Am 21. Dez>. teilte Gr. dem Amtsrichter Sch. mit, daß r i" her nächten Zeit begreift sei. ab-w am 23 und 24. Dez. in Gießen zur Verülgumg stehe, wa^ dieser Dr. Wm^ler mitteilte. Vji zum 23. laa aber bei Sch noch keine Antwort Wm^er^ vor. Grünewalds machte Sch den Virschlag, er solle eine Erklärung ab'asten, die die büderfeitige Rücknahme der beleidinenden Aus- briVe enthalte, er sei bereit, diele Urkunde zu unter''chrech"n und c3 sei ihm einerlei, ob er zuerst oder an zweiter Stelle unter­schreite. Auch sei er bereit, daß iste Sache vom Seniorenkonvent der Kammer oder von der Anwaltskammer entschieden werde.

Am. 2 7. Dez. Meldete sich telenhonisch ein Herr Chambre so wurde her Name wenigstens aiHlbem Bureau berftanhen. "ns Nm-^'enbnrg für hen 28. Dez bei Gr. an. üdoch ohne Berussbe'eichnnng und Anaabe des Grundes seines Beinchs.

Am 2 8. Dez. finhet sich ein Eintrag in dem' Beßich-berzeich- i= vnr, daß CH. nicht gekommen sei, worauf Gr. nach Crumbach abreiste. '

Am 2 8. D e z. schriest eand. vhil. Gg. X a n b r b aus Neu- Ffenstura einen Bries an Gr , in dem er sich für Montag. 30 Dez., nnmelsete. Er war a"ch da, doch kam der Brief mit anderen Pofyachen erst am 30. Dez. nach Crumbach, iso daß die Begegnung nicht zustande kam.

Am 1. Januar schrieb Gr. an Xanbrt), er müsse es ablehnen, ihn als Vertreter Dr. Winklers zu empfangen, da noch Schneider der Beauftragte W.'s sei. Gleichzeitig teilte er Schneider das Vorausgegangene mit und fragte art, ob er noch Winklers.Mandat in der Sacke besitze. Schneider schrieb arü 4. Januar an Winkler und teilte ihm die letzten Vorgänge mit. Am 2. Januar wandte sich Gr. an Kreisrat Dr. W a l l a u in Groß-Gerau, ob er' die weiteren Verhandlungen mit Wkl. übernehmen wolle. Dr. Wallau sagte telegraphisch zu (am 4. Januar).

Am 4. Januar schrieb Gr. an Schneider einen Brief, in dem es u. a. heißt:

Ich habe es borerft abgelehnt, mit einem mir unbekannten Herrn, einem Studenten, den Herr Dr. Winkler gesandt hat, Rücksprache zu nehmen, weil ich es denn dock in meinem Alter und in meiner Stellung unter meiner Würde halte, m i t einem jungen Herrn zu unterhandeln, von dem ich. ohne daß ich ihm zu nahe treten will, doch nicht weiß, welche Gewähr er nach allen den Richtungen bietet, die bei einer solchen Sache in Betragt kommen, zumal ich ja mit Ihnen in Unterhandlung stehe. Ich war und bin bereit mit Ihnen zu verhandeln.

Wollte Herr Dr. Winkler sich Genugtuung mit der Waffe verschaffen so mußte er nach den geltenden Regeln binnen drei Tagen vom 12. Dezember an seine Forderung stellen, die binnen 2 mal 24 Stunden erledigt werden mußte: wird nicht so verfahren, so,ist der Satisfaktionsanspruch, falls er besteht, durch Fristablauf erloschen.

Geht Ihr Herr Auftraggeber auf keine der Lösungen ein, die ich ja nicht Vorschläge, zn denen vielmehr ich Ihnen gegen­über mich bereit erkläre, will er sich den billigen Ruhm ver­schaffen, eine Forderung zu stellen, so behalte ich mir vor, eine Erklärung auf dieselbe abzugeben: nach meinen Erfahrungen wird kein Ehrengericht, wenn es, was bei der Nichtzugehörigkeit der Beteiligten zu organisierten Streifen schwierig sein dürfte, zustande zu bringen ist, eine Forderung unter Männern unserer Stellung und unseres bezw. meines Alters wegen einiger in größter Hitze und Erregung im Parlament geschehener Aeuße-

Wallots Größe zeigt sich am besten im Kleinen, im einzelnen Bauglied, in feinen prächtigen Einfällen und Motiven, die sich stets originell und fein um historische Vorbilder ranken. Leider wird uns kein Bild von der Entfaltung dieses bedeutenden Formen­talentes gegeben; Arbeiten aus der so wichtigen Frankfurter Zeit, in der sich seine Begabung ausbildete, und aus der spä­teren Dresdener Zeit", in der sein harmonischstes Werk, das Stände­haus, entstand, fehlen völlig. So bleibt nur der Ban des Reichs­tags, in Wallots Lebenswerk doch eine Episode.

Gelang es demReichsbaumeister" trotz feiner Anlehnung an die Vergangenheit eigene, ganz persönlich gestaltete Formen zu schaffen, so sind die beiden Künstler, denen die Akademie Erinnerungskränze flicht, nur in seltenen Momenten über An­empfindung und Nachahmung hinausgekommen.

*

Von der deutschen Spitzbergenexpedition. TerBerl. Lokalanz." erhielt auf Anfrage folgendes Telegramm vom deutsckien Konsul in Tromsoe: Ritscher telegraphiert, das; alle in gutem Gesundheitszustand an Bord desHerzog Ernst" sind. 9hlr er allein ging nach der Advent- B a i. Ferner lief ein Telegramm des nautischen Leiters devSpitzbergen-Trpedi- tion, Kapitän Ritscher, bei dem .Kapitän Berg in Berlin folgenden Wortlauts ein:3cf) verließ das Schiff, weil es un­möglich ist, mit einem Proviant für höckytens vier Monate acht Monate zu leben. Bei erster (iklegenbeit bricht von hiev eine Expedition für Dr. Rüdiger und die andern Zurückgebliebenen auf." Ter zwischen dem Telegramm Ritschers und seinem früheren Bericht bestehende Widerspruch bleibt unaufgeklärt.

Der Bund Deutscher Verkehrs-Vereine, e. V., S i tz Leipzig, schreibt nns: In Ihrem geschätzten Blatte befindet sick> in der Nr. vom 9. d. Mts. eine Notiz Bildschmuck im Eisenbahnwagen". In dieser Notiz" ist gesagt, daß von den auf den Wettbewerb lyn eingegangenen Bildern 19 preisgekrönt und angekaust worden seien. Äes ist insofern un­richtig, als nicht 19, sondern 41 Bilder zur Ausführung an­gekauft und von diesen 20 wegen hervorragender künstlerischer Leistung mit besonderen Preisen ausgeze chnet worden sind.

Die Entdeckung Hogarthscher Fresken. In einem alten Hause der Dean Street zu London hat man, wie deinCicerone" berichtet wird, im Treppenhause dekorative Ge­mälde entdeckt, die offenbar von Sir James Tlwrnhill, dem Schwiegervater Hogarths, und von diesem selbst stammen. Die

auf Gips gemalten Gemälde sind nach venezianischem Muster ent- worsen und verraten dekorative Gewandtheit. Man glaubt, daß Thornhill in diesem Hause einige Zeit gewohnt habe. Bestätigt sich die Annahme, daß Hogarth an diesen Fresken beteiligt gewdsen ist, so würde dies einen neuen Zug in das Bild des ersten Meisters der neueren englischen Kunstgeschichte bedeuten.

D'Annunzio int Exil. Trotz der Telegramme einiger enthusiastischer Freunde, die D'Annunzio bitten, mit seinem Fuße doch wieder sein Vaterland zu berühren, bleibt der Dichter seiner Heimat ostentativ fern, bleibt in Frank reich, wo er sich vor der Gefahr sicher fühlt, einer Schmach wie die Versteigerung seiner Möbel zur Bezahlung der Gläubiger ausgesetzt zu fein.Der Poet," so weiß die Gazette de Tonlose zu berichten,lebt in einem bescheidenen Häuschen von Areachon, zwischen dem Piniemvald und dem Meer. Stets leuchtet nachts das Licht aus den Fenstern des Arbeiti-zimmers, das mit Büchern, Heiligenbildern und Relignien gefüllt ist. D'Annunzio lebt an­geblich in völliger Zurückgezogenheit, besucht niemanden, empsängt keine Besuche, man sieht ihn am Tage einsam spazieren gehen und pur hin und wieder plaudert er mit Fischern, Austern und Muschelsarnrnlern. Er selbst sammelt mit kindlicher Freude Seesterne und Muscheln, hin und wieder besucht er die Kapelle int Pinienwald. D'Annunzio ist zum Wohltäter und Tröster ge­worden. Vor kurzem begeitcte er vor einer alten Kirche einer armen Bettlerin, einer alten Frau, die ihn um ein Almosen anflehte.Als großmütiger Herr," so erzählt der Gewährsmann des französischen Blattes voller Bewunderung,drückte er der Frau ein Zweifrankstück in die Hand und als die Aermste zögernd versicherte, sie habe kein Kleingeld, um ihm heraus­geben zu können, beruhigte sie der Dichter mit enter ritterlichen Handbewegung:Das ist alles für Sie, gute Frau, bewahren Sie es." Die alte Frau gelobte in ihrer Rührung, von Gott allen Segen auf D'Annunzio herabzuflehen, aber in diesem Augen blick tauchte in D'Annunzios Einsamkeit ein Freund auf, den D'Antiunzio begrüßte. Und als er dabei den Hut abnahm, sah die Bettlerin den nackten Schädel des Poeten. Da fügte sie ihren Beteuerungen hinzu:Und ich werde den Himmel bitten. Ihnen alle Haare w i e d e r z u g e b e n , die Sie verloren haben." Mit einem melaitckwlischen Lächeln nahm der große Mann diesm schönen, aber kaum ersüllbaren Wunsch entgegen . .

Line GeSächtnkaBslellung der Verl ner Akademie.

Berlin, 15. Jan.

Nach ihrem pietätvollen Brauch, die verstorbenen Mitglieder tes Jahres durch Gedächtnisausstellungen zu ehren, veranstaltet die Königliche ^Akademie der Künste in ihrer soeben eröffneten neuen Ausstellung eine Totenfeier für ihte drei Tahingeschiedenen von 1912: für den Maler Albert Hertel, den Bildhaner Otto Lessing und den Baumeister Paul Wallot. Unter diesen Männern steht der Archilelt nicht nur an Bedeutsamkeit seines Wirkens, sondern auch an künstlerischer Größe den beiden anderen weit voran. W a l l o t ist die große Ausgabe zuteil geworden, dem Teutt'chen Reich sein Haus zn erbauen, und es bleibt fein Ruhm, daß er trotz aller Hemmnisse und Schivierigkeiten immer mehr in fein Werk hinein« wuchs und gerade im Ueberwinden widriger Gegensätze sich als origineller Gestalter erwies. Wir können in den ausgestellten Entwürfen und Slizzeii seine Arbeit am Relchstagsgebäude in ihrer Entwicklung verfolgen, von dem wenig bedeutenden ersten'Entwurf 1882 der den Preis erhielt, über mehrere Umarbeitungen bis zur mdgültigen Gestaltung. Hier offenbart sich die Genialität dieses historischen Baumeisters" im Umformen und Vertiefen einer Idee, im feinen Ausnutzen der gegebenen ober geforderten Ver- ^Äattot steht ganz auf geschichtlicher Grundlage: was er Aeues geboten hat, beruht auf einer höchst eigenartigen Verbindung und Vermischung der historischen Stile. Mit schöpferischem Blick ist so in die ursprüngliche Renaissanceskizze des/Reichstags allmäh­lich ein gotisch aufstrebendes Element gebracht, und die baresken 3ormgebänfcn, in denen der Schüler von Lucae und Grocius ausgewachsen ist, erfahren in seinen prachtvollen Stud.ew'einzelner Bauglieder eine unerschöpsliche Umwandlung und Variation. Wirk­lich großartig sind die in reicher Menge vorhandenem Skizzen, «us denen die würdige Jnnendekoratton des Banes entsteht. Ein modern sich gebender Schlütergeist lebt in diesen Entwürfen zu Türgiebeln und Treppengeländern, Laternenhaltern, Kartuschen und Masken Tanebeu stehen bedeutende Entnmrfe für Teukmäler unb Brunnen, vor allem bec imposante, freilich etwas monoton luirfenbe Plan für bas Nieberwaldbenkmal, bessen AusfülMing uns eine Blamage erspart unb uns unt ein würbiges Monument bereichert hätte. Von dem anmutigen Schönh itsg ust seiner Natur legen einige Studienblätter t-nt Reisen, liebevoll ausgeführte .Aquarelle unb Skizzenbuchblätter, dercbtes Zeugnis ab.

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