Zweiter Blatt
163. Jahrgang
M. (89
Gießener Anzeiger
Erschein» tiqlich mit Ausnahme des Sonntag-.
General-Anzeiger für Gberhejjen
Tie „Oiehener Zamilienblätter" werden dem ,yn$nqere viermal wockenllich beigelegt, das „Itrdsblatt fir den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtichaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Donnerstag, 11. August 1913
Rotationsdruck und Verlag der Vrubl'fchen Universität-- Buck- und Steindruckerri.
R. Lange, Dießen.
Redaktion, Expedition unb Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: ol.
Redaktion:«^ 112. Tel.-2ldr.: AnzeigerDießen.
Die Katastrophe in Somalilanö.
Ted britische Somaltland-Protektorat ist eines der Soraenlmder des Äolonialamles in London. Bei einem Flächeninhalt von noch nicht 70000 englischen Quadrat meilen -ahlt es 300000 Einwohner, die sämtlich fanatifd)c Mohammedaner sind und mit chren Herden ein fteteS Ro madenleben führen. Nur an der Stifte haben sich unter der englischen .Herrschaft einige kleine Städteivesen, wie Berbera, Zetta. Bulhar, entwickelt Die Unmöglichkeit, die Bewohner zu unterwerfen — man erinnert sich der jahrelangen ' !,Geren Sümpfe mit dem „tollen Mullah" — und die
iie i for. aufgewandter beträchtlicher Kosten zu er schließen, l#it 1910 die britischen Behörden veranlaßt, das flanke Hinterland, das ohnehin durch den Vertrag von 1K9< mit Abessinien verkleinert worden war, aufzugcben und sich mit der Ausübung einer rein nominellen Herrschaft zu be gnügen Heute sitzen nur in den drei obengenannten Hafen orten britische Beamte.
Die indische Samelreiier 9lbtcilung, die von den -ter wischen ziemlich nahe der Stifte mit Uebermacht angegriffen und gegen das Innere zu abgedrängt worden ist, befindet sich nach den berichteten Verlusten, die den größten Teil thrcr Streitmacht ausmachen müssen, in einer sehr peinlickfen Lage. Von ihren weißen Offizieren ist einer gefallen, einer verwundet. Bei der Truppe sind kaum andere als diese beiden gewesen. Genügend? Verstärkungen, die jene bei ihrem Rückzug auf dem langen Weg zur Stifte aufzunehmen vermögen, sind, so ersähet die „Voss. Ztg.", die ganze So malilüste entlang nicht vorhanden. Militärische Hilfe müßte erst von Aden her über den Golf kommen, lvas immerhin Zeit benötigt. Sie kommt vielleicht zu spät.
Tas auswärtige Ami in Conbon lyird um eine Erklärung nicht verlern fein, die l^übwegs plausibel erscheint, und im äußersten ytoifall hat man ia das beguetne Sck-tagivori von dem „mad Mullah", dem tollen Mullah. Er, den man in England bereits, nnbri nwbt der Wunsch der Vater des Gedankens nror, tot gesagt hatte, soll iviriud wieder aufgetaucht sein und an der Spitze d.r Denmsd-c stehen. In» Britenreiche.erinnert man sich n-ock recht deutlich der Zeit, wo man mit dem tollen Mullah die ungfwgciien üinder schreckte Ter Mahdi der Somalis, Hab- säü Mohammed Ben Abdullah, dem der Ehrentitel Mullah beigelegt wurde, weil er nidit nur als ein großer Ieldherr, sondern auch als ein sehr großer Religionslehrer gilt, l)at sich den Ruf eines energischen, kraftvollen Häuptlings erworben, dem insbesondere die Jtinift eigen war, den mohammedanischen Fanatismus Hegen die Europäer zu entflammen. Die Engländer aber betitelten ihn den tollen Mullah, anscheinend weil sie es als eine L^errücktheit ansalien, gegen das britische Weltreich die Wagen zu crlicf^cn
Unb doch hak er es mtt einigem Erfolg getan, und die Somalis, ein den Abben'iniern venvandter äthiopischer Vvlksstamm, haben sich dabei als einer der kriegerischsten Volksstännne Afrikas erwiesen. Von 1899 bis 1904 hotten die Engländer zusammen mtt den Italienern gegen den Mullah einen blutigen, kostspieligen Krieg geführt, in dem sie ihn solange „schlugen", bis sie sich, nMbent die Italiener schon vorher einen Separatfrieden mit dem Mullah <K)d}kyffnt batten, w einem Bert vage entschließen mußten, der das britische Protektorat auf das Küstengebiet beschränkte, während der Mullah im Innern des Landes unabhängig blieb, wenn auch die nominelle englisä-e Herrschaft aufrecht erhalten wurde.
politische Lagerschan.
RücksichtLlosigkeit gegen deutsche Reisende.
Der ,Tägl. Rundschau' wird geschrieben:
Auf der Heimreise von Oberbapern beabsichtigten wir den Rheinfall bei Nculknisen kennen zu lernen. Es war uns bekannt, daß der RbeinfaU auf Schweizer Gebiet liegt Da er abcr in der deutsäien Sämwiz liegt, und zwar in einem Zipfelchen der «Schweiz, imlchi» in deutsches Ok'tiict entspringt und ganz von deutschem Gebiet umrahmt ist, so war id) überzeugt, daß die ganze Ilm gebung des Rheinfalls durchai s deutsche Art tragen würde. Wir haben uns aber bei unserer Ankunft in Neu hauten sehr tchnell überzeugen müssen, daß wir uns nicht in der odjrocij, sondern in der „Suisse" befanden, und daß imr nicht den Rherntall zu sehen bekamen, sondern den „chute du Rhin“.
Die Reisefiihrer empfehlen das Hotel Schweizerlwt als den Punkt, welcher den besten Ucherblick über den Rheinfall gewahrt. Wir gingen dort hin und fabelt. uns^nach Irankreich pert?tzt. Die meisten Aufschriften französisch. Tie bedienende Kellnerin verstand kein Wort Teutsck und kannte kein deutsches Geld.
Wir m-rzichleten daraus. In er Wohnung zu nehmen und be gaben uns in das daneben gelegene Hotel, welches ebenfalls ober halb des Rlirin sattes liegt. Es führt den deutschen Namen „Hotel Bellevue". . .
Ick) war so entfritf über das ftanzöfische Wnen des Nachbar- lwtels, daß ich mein Erstaunen darüber dem Hotclinfpeklor ober Direktor gegenüber, der /uns die Zimmer zeigte, Ausdruck gab.
Er murmelte etwas von international, großer Beliebtheit der französischen Sprache, Rücksicht auf das ausländische Publikum mw.
Beim „Diner" wart die Speisekarte von A bis Z rranuniidi, die Weinkarte enthielt kSn deutsches Wort. Am nächsten Morgen erhielt ich die Redmun- Da die Scklußfummc mit meiner Berechnung übercinftimmtf sah ich die Rechnung nicht weiter durch
Als ick schon mieixr in Deutschland war, warf ich einen Blick in diese Rechnung. I
Die Ueberschrist lautete: Hotel Bellevue. Chute du Rhin, Neuhausen — Schaffhlusen, Suisse. Sie war nicht ansgettellt für Herrn v. D . . aD welcher ich mick angemeldet l-atte, dorttiern für Monsieur de D T. . Sie war ausgestellt für den 2*-. & 23. Juillet und entbiet 2 Diners, 2 Dejeuners, l Neuchatel und Logement. Unterzeichnet war sie: pour acquit Hotel Bellevue. ’
Da dem Herrn Inspektor bekannt war, daß, ick das H-ttel Scktveizerhof wegen seines rein französischen Anstrichs verlosten hatte, so irar es zum mindesten eine Taktlosigkeit, wenn mott eine absichtliche Anrempelung, daß er mick als Monsieur de D... bezeichnete und mir diese französische Rechnung austrellte.
Es scheint aber dock Abfick: in diesem Bersahreii zu llegm und daraus hinzudeuten, daß deutsche Gälte in diesen Hotels mcht beliebt sind. Vielleicht hilft ein Hinweis in lutfcrer deutickgennitten Presse, diese Hotels in ilften Bestrebungen zu untern uAemund veranlaßt deutsche Gäste, die an Crten im deuticken <DFraa>janet wohl ein Recht beanspruchen dürfen, als deutsche behandelt zu werden, diesen Hotels den «Rüden zu kehren. . . _
Vielleicht merken diese dann dock an ihrem raß
derartige Taktlosigkeiten Deu^sckeit gegenüber nicht angebracht sind.
Die Wirren in der wü^ttembergifchen Sozialdemokratie wurden von kein Reichstagsabg. Hildenbrand in einer Rede beleuchtet, die er bri seinem Scheiden aus Stuttgart
hielt. Hildenbrand, der, wie berichtet, nach Hamburg zieht, sagte der .Schrßäb. Tagwacht" zufolge bei einer AbschiedSfeicr:
Die Entwicklung der Partriverbältnstse in Stuttgart bat mick in den letzten Jahren nicht befriedigt. Ein persönlicher Ton und so mancherlei andere Erscheinungen traten auf, die auch meine Arbeit erschwerten und die Strafte unnütz verzehrten. Ich habe das getraefhi. Als aber in jener Versammlung, wo der eben aus- gebrochene Kamps bei Bosch besprochen wurde, mir Unterstellungen gemacht worden find, die ick nicht für möglich gehalten hätte, da faßte ich den Entschluß, zu gehen. ■ Mein Reick Stags Mandat werde ich zunächst b-ei behalt en. Haben wir neu zu wählen, bann werde ick nicht im Wege stehen, wenn diB Partei mit einem anderen Genossen vor den Wahlkreis tritt. Wird aber gewünscht, daß ick später den ersten württembcrgischen Wahlkreis im Reichstag weiter vertreten oll, so nnrd sich auch darüber reden lassen. Daneben bleibe ick Gesellschafter der „Schwäbischen Tagmadit" und halte so die Verbindung mit Württemberg aufrecht. Mit meinem Weggang mache ick einen Strick) unter die Tätigkeit, die ich hier in mancher lei Gestalt ausübcu konnte Tic Zeit mußte kommen, wo es zu zeigen galt, daß man nicht an den Mandaten klebt, daß nickt persönliches, sondern sachliches Interesse für meine Handlungen bestimmend war.
15. Deutscher Handwerks- und Gewerbekamniertag. ~ Halle,^13. Ang.
Rach Eröffnung der Sitzung referierte Handwerkskammer- syndikus Dr. Wien deck (Hannover, über das Thema „Schutz der Arbeitswillige n". Er betonte die Notwendigkeit eines erhöhten gesetzlichen Schutzes gegen den zunehmenden Mißbrauch des Koalitionsrechtes, der durch willkürliche Arbeitseinstellung^, Bedrohung Arbeitöwilligei, Verleumdung von^Arbettgebern usw. immer häufiger ausgeübt werde und zu ick .veren Schädigungen vieler Handwerksmeister führe. Zudem befolgten manche Berufsverbände die Taktik, einzelne Handwerksbetriebe durch die Presse und mit Unterstützung einzelner Bevölkerungsschichten zu bohkottieren. Die bisherigen Gesetze und Verordnungen haben nicht vermocht, dem Handn-erk hiergegen einen wirksamen Schutz zu geben, weshalb es notwendig fei, das Koalttionsrecht unter ein Sondergesetz zu stellen, ähnlich wie es zum Schutz der Bauforderungen oder des lautern Wettbewerbs auf anderen Gebieten geschehen ist. Ter Vortragende schlug als geeignete Mittel gegen eine Ueocrspan- nung des Koalitionsreck ics eine Reihe von Maßnahmen vor und befürwortete im Anschluß daran die Ausdehnung deS Ge^ fetzes im Interesse des gesamten Mittelstandes auch auf die Boykott satte, die mit politischen oder kommunalen Wahlen zusammen- hängen. In feinen weiteren Ausführungen betonte er, daß hin sichtlich des Streikposten stehens das Reichsgericht zu einem mehr als milden Urteil gekommen fei und sogar als zulässig erllärt habe und daß die Versuche, die Gewerkschaft für entstandene Schäden haftbar zu machen, stets nur einen sehr fragwürdigen Erfolg gehabt hätten. Daß die vielgepriesenen Tarifverträge auch fein geeignetes „Friedensinfttument" seien, wie man sie genannt habe, fei im jüngsten Werftarbeiterstrcif aufs neue ju Tage getreten. Im Reichstag hätten nur die Konservativen und vereinzelte Dlbgeordnete anderer Parteien für einen erhöhten Schutz der Arbettswilligcn gestimmt, so daß sogar in Abgeordneten- freisen das Wort gehört wurde, das Reichsparlament folge in seiner Mehrheit nur. der Doktrin der Gewerkschaften.
InderAusspra che betonte 9tbg v. Malkewitz (Stettin), daß die beiden Schuldigen, gegen welche sich die Anllagen des Referenten richteten, die Regierung und der Rrick'stag seien. Wenn die Regierung sich nicht bald auf ihre Pflicht besinne, werde sie die Arbeiter direkt der S^ialdemokratie in die' Arme treiben.
Der Zentrumsabgeordnete Malermeister Irl (Erding) be* Sri dm etc als dritten Schuldigen an der ganzen Misere den Handwerkerstand selbst, namentlich jene Handwerksmeister, 4ne lieber einen Sozialdemokraten in den Reichstag schicken, als einen Vertreter der reck-tsstehcnden Parteien.
Unter lauten Bravorufen der Versammlung wurden hieran' die von dem Vortragendeit aufgestellten Leitsätze einstimmig angenommen.
Urtier „Abschätzung u n,d Beleihung von Grundstück e n"'spracki sodann der Ersitzende der Handwertskammer Dan-ig, Maurer- und Zimmemirister Herzog, der in feinen Leitsätzen als die Grundlage einer Gesundung des ganzen Boden sreditwesens die Gesundung der Arundstücksabschätzung, bezeichnete, die aber nur zu erlangen fei durch kollegiale Nachprüfung seitens unter staatlicher Aufsicht stehender Tarämter, die von höheren technischen Staatsbeamten geleitet werden müssen. Zur Durchführung der von ihm näh« erörterten Einrichtungen verlangte der Referent die Errichtung von Tax- und Grundi'chuldämtern, und zwar nicht nur vorübergehend, sondern für dauernd.
Der Gegenberichterftatter, Handwertskammersyndikiss Schröder Wiesbaden-, trat ^diesen "Anschauungen durchaus bei und forderte insbesondere örtliche Schätzungs- und Taxämter, und eine Beleihung von Grund und Boden gemäß einer sachgemäßen Schätzung des Bau-, Boden- und Nutzwertes und namentlich eine Aenderung der Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches dahin, daß die Erträgnisse der Grundstücke, wie Mieten usw., in erster Linie für die Hypothekzinfen haften.
Tte sämtlichen Leitsätze wurden dem Ausschuß alsw?aterial überwiesen. Zu diesem Thema lag noch ein Antrag Tanzig vor, wonack) die bundesstaatlichen Regierungen gebeten werden sollen, ähnlich wie der Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes auck der Entschuldung städtischer Grundstücke ihre Aufmerksamkeit .zuzuwenden.
Sckweinermrister P ftl u g e r, Vorsitzender der Handwerkskammer Regensburg, behoickelte sodann die „Unterstellung von Berufskrankheiten unter die Un'allversickerung' . Er vertrat die 2lnsickt, daß in der Hinterbliebenen-, Kranken- und In validitätsverückerung für gewerbliche Berufskrankheiten ausreichend gesorgt fei, weshalb eine weitere Ausdehnung der Unfallversicherung auf gewerbliche Berusskrankbciten nicht zu empfehlen sei.
In der Aussprache betonte Malermeister Sami di Tarrn- stadt, daß wichtiger als diese die Rrichsversickerung berührenden Tvragcn die Krantienversickerung und namentlich die Einführung eines Krantienverfickvrungszwanges für die Handwerker fei, ähnlich wie ein solcher Zwang für die Arbeiter besteht.v
Obermeister Falk -Mainz, der Vorsitzende der Darmstädter Handwerkskammer, empfahl, von einer Beschlußfassung abzuschen, dagegen dafür zu sorgen, daß der Ausschuß der deutschen Berufs- gcTtonenidxrfrcn noch rin weiteres Mitglied des Handwerks- und Gc wer bekam mertege s fo-?t>türe. Die Leitsätze des Berichterstatters wurden darauf angenommen.
Der letzte Punkt der Tagesordnung betraf die „Beteiligung der HandweriZ- und Gttverbekammern an der Ausstellung „Tas deutsche Handwerk 1915" zu Dresden". Hierzu betonte der stell- t'^rrretenbe Stadtverorftnetemwrsteher Buckbinderobermeistcr Un - rasck Dresden, daß sich der 15. Deutsche Handwerks- und Ge- werbekarnmertag dahin, ausfprechen solle, daß er mit einer Beteiligung der öcutfdxm Handwerks- und Gewerbekammern an dieser Ausnellung einverstanden sei, alle Handwerks- und Gewerbekan'- mern um Unterstützung ersuche, und erwarte, daß die Kammern alle Handwerker und Gewerberreibenden ihrer Bezirke aus die
Ausstellung aufmerksam macken, und demselben behilflich sein Die Beriannnlung frimntfr einstimmig zu.
3 m englischen Unterhaus
erklärte Llovd George in bezug auf die vermehrten Ausgaben aller Ressorts, cs sei nicht die geringste Aussicht auf eine Ermäßigung der Rüstungsaus gaben vorhanden, das Gegenteil fei der J-all Es wäre nutzlos, diese Tatsack»? zu verbrimlicken. Alle Länder litten fick gegcnkci.i t zu großen -?lus- gaben gereizt. Ehe nickt eine volll.mmene Vei n mOigung und ein vollständiges Zusammenarbciten unter den Ländern hingestellt sei, um den Rüsttingsausgaben Einhalt zu tun, sei keine Mö<ttid>- seit vorlwnden, diese cinzuschränken. Ein Land allein wurde dadurch sich in eine zu große Ostsahr begeben. George fuhr »ort: Vielleicht fei ein iM.rnatümaleS Zusammenwirken nickt unmöglich, besonders nad; den Ereignissen des lausenden Jahres, tvv es der öffentlichen Meinung zum Beivufstfein gekommen fei. wie schrecklich und verderbllck d.rKrieg für das industrielle und f.'ziale Leben der betroffenen Länder fei.
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Peaitidn* Kolonien.
In Samoa ist vor kurzem die Wurde deS Ober« Häuptlings abgefchafft worben, der den Titel ,Aili eili' führte. An feiner Stelle werden künftig zwei Vertreter der ersten famoanifchen Iamilien ber, deutschen Negierung cttS Ratgeber zur Seite flehen, lieber die 9lrt und Weife, wie die Samoaner von dieser Neuerung in Kenntnis geseift wurden, lesen wir in einem Briefe an die ,Hamburger Nachrichten* u. a. folgendes:
„'Dicht als hundert Häüviliuge halten sich im alten samoanifcken VcrsaimnlungShause in Mulinum zusaimnengeluudcii und harrten voll sragckider Spannung des Neuen, da» ihnen diele Stnude bringen sollte. Ter Gouverneur erschien in groster Uniform, mit einem Stabe von Beamten, und eröffnete in feierlicher Iorm die Sitzung, (fr sprach den Häuptlingen seinen Tank dafür mit-, daß sie ihr bei seiner Abreise gegebenes Versvrechen, sich auch ivährend seiner Abreise ruhig zu verhalten und mit der Regelnng schwieliger l’lnqelegcnhciten dis zu seiner Rückkehr hatten. Dann kam die Botschaft samoanische Volk:
„Tlotaafa ist der letzte Aili Sili nickt wieder verliehen werden. An Vertreter der höchsten samoanischen
um der 9?egierung Ratgeber und Heiser zu sein. Tie sollen den flamen »Fautua^ erhalten. Aus der Tupuaiamille ist der Hui^pt- (ing Tamalese gewählt worden und ans der Plalietoafamilie der Häuptling Tann/
Tamasese und Tann erhoben sich und schwuren auf die entrollte deutsche Jahne den Eid der Treue. ES lag ein kirchlich- stierlicher Ernst über der Versammlung. Tie Nede des «Gouverneurs'war ein Meisterstück in der Berücksichtigung der Eigenart samoanischen VolkSempstudenS. Zugleich aber klang ans dem ernsten und festen Ton die Warnung vor Opposition/
Ans Stafct und Land.
Diesten, 14. August 1913.
"Von der Landes Universität. Der Droßherzog bat den ordentlichen Professor in der juristischen Fakultät der LandeSuniversität Tr. Wilhelm vau Ealker in Diesten auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. Oktober 1913 auS dem Staatsdienste entlassen.
•• Pfarrdien st-Nachrichten. Der Großherzog hat dem Pfarrer Jakob Fischer zu 2ttten-Buseck die evang. Psarrstelle zu Rodheim v. d. Höhe übertragen. Psaner Eßlinger zu Auerbach wurde auf sein Nachsuchen vom 9ln» tritt der Psarrstelle Nodheim v. d. Höhe freigegeben.
•* Die Gießener Affäre Nofeuthal. Man schreibt unS: Die Untersuchung gegen den Immobiliaragenten Isaak Nosenthal und dessen Schwager und Prokuristen Willi Bärmann, die vom Untersuchungsrichter LandgerichtS- rat Schmäht geführt wird, ist schon abgeschloffen. Die 9ln- klage wird gegen beide Angeklagte wegen Untreue, PetrugS und Unterschlagung erhoben werden. Das in den Akten enthaltene Material bildet einen stattlichen Band; eS ist vor einigen Tagen zur weiteren Veranlaffung an den Staatsanwalt Trümpert überwiesen worden. Jedenfalls ist vor dem Herbst nicht an eine Verhandlung' zu denken. Wie man auS llreisen, die mit Nosenthal verkehrt haben, erfahrt, hat dieser nicht unerhebliche Betrage bei Pferderennen förmlich gewerbsmäßig gesetzt, in ber trügerischen Hoffnung, dabei einmal einen größeren .Schlager* zu machen. Es wird behauptet, daß N. bei allen großen europäischen TurfS stets auf 'verschiedene Pferde gesetzt hat, und zwar, wie er selbst scherzend erzählte, je 25 Pfennig, womit er wohl soviele Mark gemeint hat. Rosenthal soll durch die schlechte wirtschaftliche Lage, die feit Jahren auf dem Jmmobilienmarkt herrscht, bD seinen VermittlungSgeschästen in den letzten 4—5 Jahren kaum noch soviel Geld verdient haben, wie er Unkosten int Geschäft hatte. Natürlich hat Nosenthal auch große Nach- läffe auf die von ihm verkauften Wechsel gegeben. Die Annahme, daß R. bei dem Zusammenbruch Spieß-Homburg mit größeren Beträgen .hängen geblieben' fei, soll durchaus falsch fein. R. verfügte zwar stets über eine größere Anzahl Spießscher Blankowechsel, hat auch diese Gefälligkeitsakzepte stets, wo er solche anbringen konnte, in Verkehr gebracht, jn der Hauptsache aber, um in seinem Jutereffe Geld daraus zu machen, das er fast täglich zur Deckung solcher fällig werdenden Papiere brauchte. Spieß, ber kürzlich in Gießen war, bestreitet, daß R. durch den Konkurs seiner Firma nennens- wert in Mitleidenschaft gezogen sei, im Gegenteil hätte die llonkurSmaffe Spieß von Nosenthal noch Geld zu fordern. TaS Ende deS Treibens deS Rosenthal und Bärmann wurde dadurch herbeigeführi, daß man anfangs des Jahres den Leuten hinter die Schliche gekommen war. Tie täglich fällig werdenden Wechfelfummen waren nicht mehr durch Verausgabung neuer Wechsel zu beschaffen und eS stand 311 befürchten, daß daS Spiel der Angeklagten schon damals verloren gehen würde. In dieser Situation erfand man einen neuen Trick; man nahm einem Briefträger feine Ersparnisse für 11000 Mk. Wertpapiere ab, in gleicher Weise glückte
zu warten, treu geholten deS R a i f c 1 8 gx da«
gewesen. Ter Titel wird diele Stellen sollen zwei
Familien berufen werden.


