Rr. 264 Zweites Blatt 163. Jahrgang
Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags. /V ? .
D'e „Siebener Zamilienblätter" werden dem ll|l Ä< Bj Ar| 9 B gg ÄT T O äZ g
.Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Xl 9 ■ M B l'L ^/Ä, IR 1 E RLB Bl, £L
„Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal ▼V 11 H V W V V ■ V V V v
wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- —
tragen" erscheinen monatlich zweimal. General-Anzeiger für ©berufen
Montag, P. November 1913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea UniversitätS»Buch- und Steindnickerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag ■ e=^ 51.
Redaktion: e-^112. Tel.-Adi.: Anzeiger Gießen.
Schutz vor der Gemütlichkeit und der preß«!
Aus Berlin wird uns berichtet:
Aus Anlaß der Rektoratsübergabc an der Berliner Handels -Hochschule, die am Samstag mittag in Anwesenheit verschiedener Ehrengäste, darunter des Polizeipräsidenten v. Jagow und des Reichstagspräsidcnten Kaempf als Vertreters der Aeltesten der Kaufmannschaft vor sich ging, hielt derncueRcktorProf essor Dr. Eltzb ach c r die übliche wissenschaftliche Ansprache, in welcher er die Frage zu beantworten suchte, ob nicht das Privatleben eines stärkeren Schutzes gegenüber Oeffentlichkeit und Presse bedürfe. Der Redner führte u. a. aus:
Es hat keine Seit gegeben, in der sich das Leben so in der OeffeMlichkeit vollzog, wie in der Gegenwart.. Ewig ist einmal das JMeresse des Menschen am anderen Menschen und in dem heutigen Kampf ums Dasein ist der einzelne mehr denn je genötigt, sich vorzudrängen, die OeffeMlichkeit aufyufud)cn. Am meisten tritt uns die herrschende Macht der Oeffentlichkeit in der Presse zu Tage. Sie bringt so viel Neuigkeiten, daß man sagen kann: die Oeffentlichkeit tötet die OeffeMlichkeit. Tic Presse bringt aber auch allerlei Mitteilungen aus dem Privatleben, z. B. von der Krankheit einer Prinzessin, und knüpft daran die peinlichsten Erörterungen. Tag für Tag sehen wir, daß der Haß minderwertiger Persönlichkeiten andere Leute in die Oeffentlichkeit zieht. Wer aber, in seinem bürgerlichen Dasein verwundet oder vermchtet, den Schutz des Rechtes anrufen will, der erfährt, daß es einen solchen Schutz nicht gibt. Man kann aber nicht von der Unverletzlichkeit der Person reden, solange dieser Schutz fehlt. Der Begriff der Unverletzlichkeit hatte zunächst nur für die Männer Geltung. Ausgeschlossen waren die Unfreien, die Frauen und Kinder, über die der Hausherr das Verfügilngsrecht hatte. «Stn Christus mit seiner Lehre: alle Menschen sind -drüder hat bie Unverletzlichkeit der Person zu einem allgemeinen Memchenrechte gemacht. Es hat 2000 Jahre gebraucht, um diese Lehre zur allgemeinen Geltung zu bringen. Es war die franzönschc Revolution, die sie leugnete, sich aber doch zu eigen machte. Heute nt m5 Recht der Unverletzlichkeit ein sehr reich ausgestaltete-- Recht: Wir sind nicht nur gegen Körperverletzungen, 1 andern gegen alle möglichen Handlungen, die unser Leben nur gefährden kennen, gegen seelische Schädigungen, Beleidigungen usw. geschützt, .jn gewissem Sinne genießen.wir auch einen Schutz gegen HineiN- ßerrung unseres Lebens in die Oeffentlichkeit. Der JKrst bie Hebamme, der Beamte dürfen nichts in die Ocsfcntlichkcit bringen, Naü ihnen in ihrem Berufe.anvertraut worden ift_ Die Unverletzlichkeit der Person ist demnach eine großartige L-chovmng des Rechtswesens. Sie hat .freilich Lücken, namentlich inbezug auf mangelhaften Schutz des Privatlebens her OeffeMlichkeit. Wer ein fremdes Geheimnis auch aus unsittlichen Gründen an btt Oeffentlichkeit bringt, der handelt heute rechtmäßig, trotzdem sich unser ganzes Innere dagegen sträubt, daß das Privatleben in den Strudel der Oeffentlichkeit gestoßen wird. Gewiß muß da- Privatinteresse zurücktretcn vor dem Wert der freien Rede und einer freien Presse, die zu den. sichersten Düegschasteneines Kultur- volks gehören. Wir müssen daher den Schutz vor der Oeffentlichkeit so gestalten, daß er nicht zur Knebelung der Preß- freiheit mißbraucht werden kann. Freie Preise und Pr^tz- freiheit sind uns so sicherer Besitz, daß wir ruhig daran teuren dürfen, ihnen vernünftige Grenzen zu ziehen. Wir schranken ja auch die Berichterstattung ein, wenn cs sich um Geheim- nisse der Landesverteidigung handelt. Genau so berechtigt und wir, uns gegen bösartige Klatschereien und die Niederträchtige Ausbeutung fremder Gcheirnnuic zu:wehren. Nu» ist die öffentliche Meinung eine Macht, vor welcher der Uebeltater mehr wie vor jedem anderen Richter zittert. Surfen wir es wagen, die Macht dieses Richters zu schwächen, indem wir private Tatsachen seinem Urteil entziehen. Die Macht der osjentlichen Mev. nunq ist nicht immer eine segensreiche Macht, sie ist cm Richter, aber oft ein beschränkter Richter,, sie nimmt eine Tatsache, ohne das ganze Leben ins Auge zu fassen. _ .
Gin Staatsmann, der noch .so viel Verdienste hat, ist für bie öffentliche Meinung erledigt, wenn er einmal einen Fehler begeht Dabei kennt die öffentliche Meinung auch keine Belehrung. Es ist' deshalb gerechtfertigt. Grenzen zu setzen, damit mcht jeber Mensch aus irgendwelchen $rünbcn urner Privatleben vor den Richterstuhl der öffentlichen Meinung bringen kann. Der Empfindlichkeit kann Rechnung getragen werden, ohne daß man m, die Gefahr der Verweichlichung verfällt. Wtr verachten den, der lerne fotttmftcn Geheimnisse preisgibt, wie wir das letzthin an der geschiedenen Frau eines Königs gesehen haben Nun kann aber San jede private Mitteilung die Strafbarkeit geknüpft werden, d!nn das wäre eine schädliche Knebelung der öffentlichen Mei- mma und der Presse. Die Rcichsgefetzgebung hat sich m den Ichten Jahren bestrebt, einen größeren Schutz des Privatlebens Mizuführen und HM drei Veriuchc hierzu gemacht. Diese dreiV er suche l>aben einen Grundgedanken: sie verbieten die Mi.- teilimg einer ehrenrührigen Tatsache, die das öffentliche ^utcr- rr j-. i. berührt gleichviel, ob sic wahr ist oder nicht. • Dieic
W°rschlSg?Mmm di- sittliche Macht der össcntlichm Meinung unb enthalten einen gefährlichen Eingriff nt bw P^lrcthcit. 55, AnftTnhiae Presse muß selber darüber befinden können, ob eine unehrenhafte Handlung aus öffentlichem ämeresie erörtert nn fnrr nK<>r nicht Es muß allo em anderer Weg gesucht wrnden Nicht^der Eingriff in das Privatleben soll eine Rolle sondern die niedrige Gesinnung aus der heraus dch Mittag aus dem PrivMleben erfolgt. Wenn cm minder- merftaer Ämngsfchreiber, um Schweigegeld zu bekommen Mit- Sn aS dem privaten Leben eines großen Industriellen 1 •>■« Mprffnfit das gegen die guten Sitten. Em Ehrenmann btrr'm all einen Freibrief für skrupellose Gegner so" W man die Preßfreiheit nicht zii bc-
Der Redner macht dann den Vorschlag, eine neue Straf- tradftert Ser Jt er^t Inhaltes: Wer entgegen den guten
Mitteilungen ^aus dem Privatleben eines anderen verofsent- mit Geldstrafe bis zu 10 000 Mark oder mit Gefängnis Äutad fahren bestraft: die Verfolgung stritt nur auf.Antrag b-E Wecker befürwortete der Redner eine Erweiterung bcy ?R47~1r(MS dahin, daß der Verletzte Nicht nur für den mate- § 847 B-G.^oapi ^^len Sclfadcn erfatzbercchtigt
sÄ^-ll Di^ÄAsMrÜngcn be3 Rektors wurden mit grobem ^^We^^eb°cn"die Ausführungen in solcher Länge wieder.
&ÄÄ "'S ÄÄÄWfe der Pr-sf- in M« Art find viel seltener.
Uepsen.
Eine Einigung im Finanzausschuß über die Steuervorlage.
rb. Darmstadt, 9 Nov. Tie Verhandlungen über die Defoldungsvorlagc sind bestem Vernehmen nach im Finanzausschuß der Zweiten Kammer soweit gefördert worden, daß ihr Abschluß als unmittelbar bevorstehend gelten kann. Es ist jetzt im Ausschuß in allen wichtigen Punkten eine Einigung erzielt worden. Der Ausschuß wird darnach sich mit dem Wegfall des Doh - nnngsgeldes einverstanden erklären und dafür die vor- geschlaaenen Gehaltssätze um einen gleichmäßigen, mittleren Zuschlag erhöhen: den Beamten in den Städten soll eine nichtpensionsfähige Dienstzulage gewährt werden. Einer der wichtigsten Beschlüsse des Ausschusses ist die Gleichstellung aller akademisch gebildeten Beamten mit den Richtern, so daß die Höchstgehälter der Akademiker sich auf 7000 Mt. stellen werden, wozu dann für alle noch der Ersatzzuschlag für das weg- fallende Wohnungsgeld und die Dienftzulage für die Beamten in den Städten kommen. Weiter hat der Ausschuß beschlossen, eine günstigere Anrechnung der Besoldungsvordienstzeit in die Wege zu leiten. Die Verständigung ist zunächstin der am Samstag vormittag ab- gehaltenen Sitzung des Unterausschusses erzielt worden- und die einzelnen Punkte werden dem Finanzausschuß am nächsten Dienstaa zur Bestätigung vorgelegt werden. Das größte Interesse dürfte jetzt die Frage in Anspruch nehmen, wie sich die Regierung zu dem Wegfall des Wohnungsgeldes stellen wird, da sie bisher sich prinzipiell für die Deivehal- tung des Wohnungsgeldes ausgesprochen hat.
Sur StaitverertueteuWahI in Siefcn
g. Gießen, 10. Nov.
Der Verein der Fortschrittlichen Volks Partei hatte feine Mitglieder zu einer außerordentlichen Hauptversammlung am Samstag abend ins Hotel Einkwrn geladen, nm zu den Stadtverordnetenwahlcn Stellung zu nehmen. Gest. Justizrat Metz erinnerte in seinen einleitenden Worten an das bei den letzten Rcichstagswahlen zwischen den beiden liberalen Parteien geschlossene Kompromiß, das sich auch bei den Landtagsund den Stadtverordnetenwahlen zu bewähren habe: durch die Mitwirkung des Bürgervereins und der Bezirksvereine Nordost und Südwest brauche keine Acnderung einzutreten. Vor drei Jahren sei zwar das Zusammengehen mit der Nationallib. Partei gescheitert, aber diesmal habe ein Ausschuß der Fortschr. BolksPartei mit einem der Natiowallib. Partei perl/andelt, und es sei auf folgender Basis eine Einigung erzielt. An Stelle der ausschcidcnden Stadtverordneten werden Herren derselben politischen Richtung vorgeschlagen. Es seien daher acht fortschrittliche und sieben nationalliberalc Kandidaten zu unterstützen. Außerdem seien die Mandate Krumm und Troß fällig. Obwohl es mit den Sozialdemokraten zu keiner Wahlverständigung gekommen sei, möchte die fortschrittliche Partei Herrn Krumm, falls er wieder kandidiert, unterstützen. Hiermit sei auch die Nationallib. Partei einverstanden, wie auch evtl, mit der Aufnahme eines weiteren Sozialdemokraten in die gemeinschaftliche Kandidatenliste. Auf den ft-eiwerdenden Sessel Troß wolle man im Interesse der katholischen Mitbürger Herrn DmtSgerichtsrat Wach- t e l heben.
Als Kandidaten der Fortschrittlichen Volkspartei schlage der Vorstand folgende Herren vor: Franz Brück (auch dem Bürgervcrcin genehm), Architekt HanS Metzer (tüchtiger Bausachverständiger), E. H. Mülle' (Vertreter des Handwerkerstandes, Mitglied des Nortwstvereins), Konimcrzienrat Ad. Noll ^Vertreter der Großindustrie!, Aug Noll II. «Vertreter dcS Kleinhandels), Will). Plank (seither schon bewährter Stadtverordneter), Lehrer M. Fischer (Vertreter des Volksschulwesens, auch vom Lehrerkollegium, als Vertrauensmann bezeichnet! und K. Zorn (Vertreter der Arbeiterschaft und der Klcinbeamten, Vorsitzender der Ortsgruppe Gießen des Reichsvereins liberaler Arbeiter und Angestelltem. Zum Schluß betonte Herr Geh. Justizrat Metz, daß es ein unmögliches Ding fei, Kandidaten zu finden, die jedem genehm seien: er bitte die Versammlung daher, den Vorschlägen des Vorstandes zuzustimmen, auch ;u bedenken, daß man nur über eigene Kandidaten zu beftnden habe. Es gehe nicht an, wenn eine der liberalen Parteien der anderen vorschreiben wolle, wen diese aufzustellen habe und wen nicht. Vor allem aber sei das Gesamtwohl der Stadt zu erstreben.
Herr Pros. Urstadt schlägt r-vr, die Verhandlungen in drei Teile zu zerlegen: 1. Grundsätzliche Entscheidung über da? Kompromiß mit den Nationalliberolen und über die Ueberlassung zweier Mandate an je einen Sozialdemokraten und Katholiken. 2. Wahl der fortschrittlichen Kandidaten. 3. Meinungsäußerung über die zu erwartenden nationalliberalen Vorschläge, Geltendmachung etwaiger Wünsche usw. Auf eine Beschwerde des Herrn In der- t h a l erwidert der Vorsitzende, daß der Verein selbstverständlich nichts gegen die Hausbesitzer habe, ständen doch ihrer sechs auf der Liste: gegen Herrn Jndcrthal habe lediglich das Bedenken Vorgelegen, daß er Vorsitzender des Hausbesitzer-Vereins und als solcher stark agitatorisch tätig sei. Herr Stieber erhebt schwere Bedenken gegen den von den Nationalliberalen vermutlich auf- zustellenden Herrn Wenzel. Dieser sei Antisemit und könne als solcher unmöglich Unterstützung durch entschieden liberale Männer finden. Aehnliches erklärt Herr Leopold Meyer. Bei aller grundsätzlichen Zustimmung zum fortschrittlich-nationalliberalen Kom- vromiß müsse man von der Nachbarpartei, verlangen, daß sie nur eingeschriebene Mitglieder Vorschläge. Der Vorsitzende beruft sich auf die wiederholte, bestimmte Versicherung der nationalliberalen Parteileitung, die ihn ersucht habe, das zum Ausdruck zu bringen, daß Herr Wenzel liberal, nicht Antisemit sei. Ihm schließt sich Herr Dr. Ebel an; das Kompromiß sei geschlossen und müsse bedingungslos gehalten werden. Tie Nationalliberalen würden sich ja ins eigene Fleisch schneiden, menn sie einen Gegner ihrer Partei erwählten. Selbstverständlich sei der Vorstand bereit, die geäußerten Bedenken den National- liberalen vorzutraaen. Aber man solle an dieser Frage nicht das ganze Bündnis scheitern lassen. Nach längerem Für und Wider wird der erste Punkt des Vorschlags des Vorstandes unter dem Dorbehal t genehmigt, die Kandidatur Wenzel bei Punkt 3 weiter zu erörtern
Sei Punkt 2: Wahl der eigenen Kandidate n, wurden unter den verschiedensten Begründungen auch noch folgende Herren als geeignet zum Stadtverordneten genannt: Lehrer Val. Müller, Carl Frensdorf, Jnderthal, Wilh. Hornberger, Architekt Sculing. Es kommt zur schriftlichen Wstimmung. Das Ergebnis ist folgendes: Von 120 abgegebenen Zett ln haben Stimmen erhalten die vom Vorstand vorgeschlagenen Herren Zorn 99, Fischer 97, Meyer 92, E. H. Müller 86, Ad. Noll 79, Plank 76, A u g. Noll II. 72, Brück 70. Von sonstigen Stimmen freien auf die Herren Frensdorf 59, Jnderthal 36, Hornberger 22, Val. Müller 13. Damit ist die Vonsch l a g s l i st e des Borstandes mit überwältigender Mehrheit genehmigt.
Hieraus kommt zur Sprache, ob das Bündnis mit d e it Nationalliberalen vorbehaltlos oder unter gewissen Bedingungen zu genehmigen ist. Die Bedenken gegen die politische Persönlichkeit des Herrn Wenzel erneuern sich von verschiedenen Seiten. Herr Weil erklärt sich für bevollmächtigt, anzuzeigen, daß die Sozialdemokratie zu Heiterem Entgegenkommen, unter Umständen selbst zu einem Zusammengehen mit den Nationalliberalen, bereit sei. Er schlägt vor, die Versammlung wolle beschließen, daß der Vorstand der Fortschrittl. Volkspartci den Vorstand der Nationalliberalcn Partei dringend ersuche, zwei weitere Sozialdemokraten auf die Kandidatenliste zu setzen, so daß ein Kompromiß der drei politischen Parteien zustande kommt. Der Vorsitzende erwidert, daß der Vorstand ohne vorherige eingehende Beratung zu derart neuen Anträgen keine Stellung nehmen könne. Er verspreche sich von einem solchen Vorschlag, der bei der jetzigen Sachlage fast eine Belei digungderNatl. Partei bedeute, nichts Was würde Vorredner lagen, wenn uns eine solche Bedingung gestellt würde! Auch Herr Bros. Vogt hält die Grfiärung für wenig glücklich. Der Vorstand sei bann gezwungen, in Verhandlungen zu treten, die keinesfalls von Erfolg gefrönt fein dürften. Daß die National- libeialen auf ein ihnen offenbar zustehendes Mandat von vornherein verzichten, könne man ihnen nicht zumutcn. Wie _bic übrigen Herren deS Vorstandes ist auch Herr D r. Ebel überrascht und'befremdet, daß sich Herr Weil zum Sprackwohr sozialdcmv- kiatischer Wünsche nrad)c. Warum wende sich jene Partei nicht direkt an den Vorstand! Warum trete sie mit solchem Anliegen erst heute, am Tage der Generalversammlung, hervor! Herr Weil zieht schließlich seinen Antrag in der Erwartung zurück, daß der Vorstand sei« Schuldigkeit auch so voll unb ganz tun werde. Auch Herr L e o p. Mayer läßt seinen Antrag, Anerkennung des Bündnisses mit den National- liberalen, nur unter der Bedingung, daß die betressenden Kandidaten auch wirklich der Natl Partei angeffören, fallen. Dagegen findet ein Antrag des Herrn Boeck Annahme durch eine große Majorität: „Die Versammlung beschließt, den Vorstand zu ersucheft, bei dem Vorstände der Natl. Partei mit Entschiedenheit darauf zu wirken, daß von ihr an Stelle .des H er r it Wenzsl einem- geschriebenes Mitglied der Natl. Partei als Kandidat für die Stadtverordneten-Wahlen borge- schlagen werd e."
Mit dem Wunsche hes Vorsitzenden, die Mitglieder der Partee möcktten nun auch bei den Wahlen ihre volle Schuldigkeit tun, schließt die Versammlung nach 12»/, Uhr nachts.
Aus Stafcf und Cattfc*
Gießen, 10. November 1913.
Die Martinsgans.
Der heilige Martin, dem der 10. November geweiht ist, ist der Schutzpatron der reuigen Sünder, der Fruchtbarkeit, der Hirten, Herden und — Gänse. Die Sitte, am Martins- tage den leckeren Vogel zu verspeisen, ist weit über Deutschland, England und Skandinavien verbreitet. Auch in der Bischofsstadt St. Martins, in To u r s, hält man daran fest.
Schon in den frühesten Darstellungen wird der Heilige mit der Gans abgebildet. Ueber die E n t st e h u n g der Sitte des Gänseessens am Martinstage berichtet die Legende, daß die Gänse den Heiligen durch ihr Geschnatter beim Predigen gestört hätten, wofür er sie schlachten und verspeisen ließ. Andere berichten, er habe sich hinter Fässer versteckt, als man ihn zum Bischoftum abholen wollte, sei aber von Gänsen verratest worden.
Urkundlich wird der Sitte aus Mitteldeutschland 1171 zum erstenmal Erwähnung getan. Gilden und Gesellschaften feierten bei Schmaus und Trank das Martinsfest, wobei die Gans nicht fehlte, ein Brauch, der heute in Vereinen in rascher Zunahme begriffen ist. Beim Gänseschlachten erhält die Jugend die Luftröhre oder den „Kijak", auf welcher das Gänsegeschrei nachgeahmt wird. Man trocknet den Kijak, tut Erbsen hinein, biegt ihn kreisförmig und benutzt ihn dann als Garnwickel. Für das G ä n s c o r a k e l ist der Martins- tag besonders geeignet, indem man aus dem Brustknochen der Gans weissagt. Ist dieser braunrot gefärbt, so deutet das auf einen harten, ist er weiß, auf einen milden Winter hin.
** Schulangelegenhciten. Erledigt ist eint mit einem katholischen Lehrer zu besetzende Stelle an der Gemeindeschule zu Bodenheim.
** S i tz u n g des K r e i s a u s s ch u s s e s. In der am Samstag abgehaltenen öffentlichen Sitzung des Kreisaus-- schusse? "wurde unter dem Vorsitz des Großh. Regicrungs- rats Weicker über die Einwendungen des Adolf Hofmann II. u. Gen. zu Rodheim gegen die B e i g e o r b n e - tenwahl am 11. Oktober zu Rodheim verhandelt. Bei der Wahl siegte Wilhelm R e i ch h a r d II. mit 44 Stimmen, während der Gegenkandidat Wilhelm 5)irtzinger mit 41 Stimmen unterlag. Es war behauptet worden, daß am Tage der Wahl von oem Gewählten kostenlos Speisen und Getränke verabreicht worden seien. Deshalb war der Antrag gestellt worden, die Wahl siir ungültig zu erklären. Zum Beweise ihrer Behauptungen hatten oie Einspruch Erhebenden einige Zeugen sistieren lassen. Nach Vernehmung dieser Zeugen und Anhörung der Parteien erkannte der Kreisausschutz zu Recht, daß die gegen die Beigeordnetenwahl erhobenen Einwendungen als unbegründet zurückzuweisen seien unter Verurteilung der Einspruch Erhebenden, die Kosten des Verfahrens zu tragen.
** Antispiritistische Vorstellung. Im Kolosseum (Cafe Leib) gab das Antispiritistenpaar Frau Anny Lane-Ney und Wilhelm S-ane am Samstag abend feine erste Vorstellung, der am Sonntag zwei weitere folgten. Es war gut, oaß Herr Lane zu Beginn der Vorstellung nachdrücklich darauf hinwies, sie seien nicht Spiritisten, sondern An t i spiritisten, denn vom Spiritismus, der von manchem mit angenehmem Gruseln erwartet wurde, war 'toenig $u sehen. Daraus soll jedoch kein Vorwurf gemacht werden, im Gegenteil, es war anerkennenswert, daß denen unter den Besuchern, die gekommen waren, um sich einmal gehörig durchgruseln zu lassen — und es soll' nicht wenige geben, die daran Gefallen finden — die Augen recht weit geöffnet wurden, daß aller Hokuspokus, mag er sich Zitierung der Geister aus der „Vierten DinEn- sion", geheimnisvolle Musik aus höheren Sphären, TiZch- rücken und Tischklopfen, gefesseltes Medium nennen, mit rechten Dingen zugehen müsse. Alles fand seine Erklärung und zwar auf so humorvolle Art und Weise, daß der Lacherfolg oft größer war als der Beifall, der der T<rrbie^


