Ausgabe 
18.9.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 2<9

Donnerstag, 18. September 1915

Zweites Blatt

165. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

TieSiebener Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Krcisblütt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redakliome^l 12. Tel.-Adr.: AnzeigerGleßen.

politische Tagesschan«

Eine Novelle zur Gewerbeordnung

wird dem Reichstage bei seinem Moderzusammentritt zu­gehen, die für linematographische und phonographische Vor­führungen die >ronzessionspflicht einführen wird. Wie wir hören, werden im Rahmen dieser Novelle auch einige neue Bestimmungen öffentlich-rechtlicher Natur für den allgemei­nen Theaterbetrieb getroffen, die im Rahmen des neuen Thcatergesetzes keine Regelung finden konnten.

Das neue Theatergesetz ist soweit fertiggestellt, daß es noch im Laufe dieses Jahres dem Bundesrat vor­gelegt werden kann.

Eine Reform deS Postlagerwesens bei der Reichspost ist von verschiedenen Seiten befürwortet worden, hauptsäch­lich wurde vorgeschlagen, postlagernde Sendungen zur He­bung der Sittlichkeit nur gegen Ausweis auszuhändigen und Minderjährigen solche Ausweise nicht zu erteilen. Das Reichspostamt ist bei Prüfung der Materie zur Erwägung gekommen, daß eine solche Maßnahme den Postdienst zu sehr erschweren würde und die Ausstellung von Postaus­weiskarten und Postlagerkarten an Minderjährige jnid)t verweigert werden kann. Die Mißstände, die in sittlicher Beziehung durch postlagcrnde Sendungen gefördert werden könnten, werden durch die vorgeschlagenen Maßnahmen kaum beseitigt werden.

Ter Vizckönig von Indien über die Stellung der Türkei.

Bei der Vertagung des gesetzgebenden Rats hielt, wie aus Simla gemeldet wird, der Bizekönig Lord Har ding eine bedeutungsvolle Rede, in der er auf den Balkankrieg. Bezug nahm und sagte:

Die britische Regierung erkannte voll und ganz, daß das Bestehen der Türkei als selbständige Macht von Wichtigkeit sei, ebenso, daß die Aufrechterhaltung des Statusquo hinsichtlich der heiligen Orte in Arabien und angesichts der religiösen Inter­essen der Mohammedaner in Indien wichtig sei. Die britische Regie­rung ist noch immer darauf bedacht, der Türkei bei der Ein­führung von Reformen und der Festigung ihrer Stel­lung behilflich zu sein. Es gebe keinen Grund, wes­

halb die Türkei, während sie eine dauernde Reformpolitik verfolge, nicht die zweite große mohammedanische Macht in der Welt sein sollte. Er freue sich, mitteilcn zu können, daß England mit der Türkei zu einem freundschaftlichen Uebcr- eiu kommen gelangt sei, welches beide Teile be­friedige und für beide Regierungen im Persi­schen Golf und in Mesopotamien von Vorteil sei. Es brauche kaum gesagt zu werden, daß dieser Abschluß der beste Beweis für den Wunsch der britischen Regierung sei, die Un­abhängigkeit der Türkei zu erhalten und die frcund- sckiastlichsten Beziehungen weiter mit ihr zu pflegen. Er wolle ein Wort freundschaftlicher Rdahnung für die Mohammedaner In­diens hinzufügen: Sic möchten nicht vergessen, daß sie einen Teil eines großen Reiches bilden und möchten dem Gedanken einer Einheit des Islams keine unverständige Auslegung geben.

So werden die Herren von der Hohen Pforte bei den noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen mit Bulgarien wohl auf eine stille Unterstützung Englands rechnen können?

vom Revisionraurschuh der hessischen landwirtschaftlichen Genosjenschastrbanr.

# Darmstadt, 17. Sept.

Der Revisions-Ausschuß der Landwirtschaftlichen Genossen­schaftsbank hatte für heute nachmittag im Kaiscrsaal die Gläu- bigcrgenosscn zu einer Versammlung eingeladen, die sich sehr guten Besuches erfreute.

Lehrer Ofenloch-Finthen eröffnet die Versammlung und begrüßt den Vorsitzenden der Landwirtschaftskammer Oekonomierat Walther, Direktor Fitting und Direktor Mager. Das von dem Vorsitzenden vorgeschlagene Bureau wird genehmigt. Der Vor­sitzende Ofenloch erstattete den Bericht und teilt zunächst mit, daß der Revisionsausschuß leider nicht mit irgendwelchen Macht­befugnissen ausgestattet war, doch sei die Revision soweit gc- bicieu, daß bis zu der im nächsten November stattsindenden General­versammlung Bericht erfolgen werde. Die heutige Versammlung fei aber notwendig geworden, um die L. G. B. vor weiteren Nachteilen zu schützen und vor dem Konkurs zu bewahren. Die Ansprüche an den Vorstand und die Aufsichtsratsmitglieder werde man unter allen Umständen in der Generalversammlung der Aktionäre geltend machen. Heute sei es nötig, dem Aus­schuß eine Waffe in die Hand zu geben, um die Gläu­biger resp. Mitglieder gegenüber der Rrichsgenosscnschaft und Vccwaltungs- und Verwertungsgesellschaft zu schützen. Durch das Moratorium bis 1918 sei die L. G. B. vollständig in die Hände der R. G. B. ausgeliefert. Der Redner geht dann näher auf den Zusammenhang der Landw. Kreditbank und der L. G. B. und die von diesen abgeschlossenen Geschäfte näher ein. Es sei wohl mög­lich, die Hauptobjekte, die in Frage kommen und die vielfach in der Lust liegen, wie die Mutungsrechte der Gesellsckiaft in Köln, vielleicht ohne große Verluste abzustoßen, es handle sich hier allein um 1618 Millionen Mark. Um mehr Rechte in der Verwaltung der R. G. B. zu erhalten und einen Konkurs zu vermeiden, müsse man alles versuck-en, um einen größeren Einfluß auf die R. G. B. zu erhalten. Bisher seien diese Ver­suche aber gescheitert. Die Generalversammlung der R. G. B. sei leider bis zum Oktober verschoben worden. Vor allem sei die Bildung eines Gläubiger-Ausschnsses notwendig. Bis jetzt war der Ausschuß nicht befugt, richtig hinter die Kulissen zu schauen, wie dies ein Gläubiger-Ausschuß kann, wenn man auch Vieles" sestgestellt habe

Er schlägt in den Auszchutz vor die drei Vorsitzenden der jetzigen Revisionskommission Ofenloch, Brücher, Prätorius, ferner aus' Oberhessen Arnold, aus Starkenburg Graf, für Rheinhessen Schrödelsecker. Der Ausschuß hat das Recht der selbständigen Ergänzung aus geeigneten Personen nr r .

Lehrer Solms- Nierstein mochte zunachlt Auskunft über eine "Reihe von wichtigen Fragen, vor allem möchte er Aufschluß über die Forderungen an die R. G. B. und der Vorsitzende teilt mit, daß die Forderung 8162103 Mark beträgt, lieber die Höhe der Forderungen, welche andere Verbände an die R. G. B. haben, lassen sich bestimmte Angaben nicht machen, doch sei Hessen der Hauptgläubiger. . * - <

Rev.-Kontrolleur Moll teilt mtt, daß nur ine Elsatz-Lothr. Kasse etwa 1' Millionen Mark und eine Münchener Kasse etwa 700 000800 000 Mk. zu fordern haben, die Forderungen der anderen Kassen 'ind geringer; leider seien aber die Forderungen der anderen Kassen besser gedeckt.

Oekonomierat Walther hält es' nicht für angebracht, heute einen Gläubigerausschuß zu bilden.

Graf-Büttelborn widerspricht ihm, es sei die höchste Zeit, daß etwas geschehe.

Der Vorsitzende führt aus, daß die Aktien verloren feien, es handle sich jetzt um Maßnahmen zu treffen, wie weiter

vorzugehen fei. Auf weitere Fragen des Lehrers Solms erklärt der Vorsitzende, daß alle Antworten zu weit führen würden. Die Hauptsache sei, loer die Werte hat. Folgende Genossenschaften seien bereits ausgekauft: Traisa mit 6450 Mark, Bcchtelsheim mit 25 000 Mark, Ncu-Jsenburg mit 7900 Mark, Wallersheim mit 18 000 Mark, Weiskirchen mit 60 000 Mark, Reichelsheim mit 18 000 Mark. Uebrig bleiben nodj Dietenhofen mit 3700 Mark, Äeinstadt mit 14 000 Mark, Wölfersheim mit 1850 Mark, Minzen­berg mit 140 Mark, Mörfelden mit 1260 Mark. Diese gelte es noch aufzukaufen und es werde deshalb folgende Erklärung zur Unterschrift vorgelegt:

Nachdem einige Gläubigergenossenschaften entgegen der er­drückenden Mehrheit der übrigen Gläubigergenossenschaften der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank zu Darmstadt dem von dieser angeftrebten Moratorium nicht beigetreten sind, so ist es, um nicht die ganze Sanierungsaktion scheitern zu lassen, er­forderlich geworden, die Forderungen der Renitenten käuflich zu erwerben.

Zu diesem Zwecke verpflichtet sich die endesünterzeichncte Genossenschaft, einen Betrag in Höhe von 112 Prozent ihres Guthabens bei der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank der Zentralstelle der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften zu Darmstadt zur freien Verfügung zu stellen."

Gehe die L. G. B. in Konkurs, so seien mindestens 800 000 Mark notwendig zur Durchführung des Konkurses. Tas Opfer für den Ankauf müsse also gegeben werden.

Ger ka-Schwabenheim stellt die Frage, ob die IVs Pvoz- von den Forderungen der Genossenschaften an die Bank abgezogen werden.

Der Vorsitzende verneint dies, sondern die V/2 Prozent müß­ten eingezahlt werden. 1

Direktor Mager: Stehen Schulden und Guthaben einan­der gegenüber. Laufende Schuld könne gegen Guthaben aufgerech­net werden, nicht aber Wechselschulden. Für die Genossenschas- ten, die bereits l1/» Prozent gegeben haben, könne es sich höch­stens um eine kleine Abrundung handeln. Die erforderliche Summe betrage 60 000 Mark. Die Kommission glaube, daß man mit 50 bis 60 Prozent Verlust durchkomme. Juristisch einwandfrei ließe sich heute ein Gläubigerausschuß nicht wählen, deshalb empfehle er, der Kontrollkommission das Vertrauen zu schenken. Tie Frage der l1/» Prozent sei sehr einfach, über die man in kaufmännischen Kreisen nicht mehr lange disputieren würde. Bei einem Konkurs würde man zweifellos schlechter fahren. Für die sogen,reniten­ten" Genossenschaften gebe es noch eine Reihe von Entschuldigungen.

Pfarrer Sturtz- Biebelnheim spricht sich für den Ankauf aus. Es sei zu empfehlen, die Genossenschaften, die der L. G. B. noch schuldig seien, aufzufordern, noch etwas daraufzulegen.

Der Vorsitzende teilt mit, daß dies bereits geschehen sei, der Erfolg sei gleich Null.

Aus der Versammlung wird gefordert, daß diese Genossen­schaften jetzt sofort zur Bezahlung angehalten werden.

Vorsitzender: Seit Juni seien bereits einige Schulden eingezahlt worden. Dies Geld fei zur Ablösung von Wechselver- pflichtungen der Bank an die Preußenkasse im Betrage von sechs Millionen Mark verwendet worden. In der Kasse selbst seien jetzt etwa 450 000 Mark. Er bitte nunmehr die mit Vollmachten aus- geftatteten Genossenschaften die Erklärung zu unterschreiben. Die Genossenschaften, die dagegen seien, bitte er, sich zu erheben. (Ge­schieht.) Er stelle fest, daß die Mehrheit zur Einsicht gekommen sei, und er hoffe, daß die übrigen ihnen nach den heutigen Muf- fiärungen folgen werden.

Der 2. Punkt der Tagesordnung enthält den Verzicht bis auf 50 Prozent der Forderungen bei der L. G. B., wenn und soweit dieser Verzicht notwendig wird, zur Vermeidung einer Ueberschul- bung der L. G. B. C

Gen. Biegler: Wird die Reichs-G.-B. gezwungen, in den Konkurs zu gehen, so wftd der Schaden ums-o größer sein. Es sei nicht das größte Unglück, daß das Moratorium an die R. G. B. auf 5 Jahre bewilligt worden sei. Er warne deshalb vor jeder Konkursdrängung.

Vorsitzender : Daran denkt die Kontrollkommission nicht, sie will nur in enge Fühlung mit der R. G. B. kommen. Die Kon- kursgesahr für diese könne aber auch von anderer Seite kommen. Die geforderte Erklärung lautet:

Die endesünterzeichncte Genossenschaft verzichtet hiermit "auf die Hälfte der ihr gegen die Landwirtschaftliche Genossenschafts­bank zu Darmstadt zustehenden Forderung, wenn und soweit dieser Verzicht zur Vermeidung einer Ueberschuldung und eines Konkurses erforderlich ist.

Sie behält sich jedo-ck das Recht vor, ihre ursprüngliche For­derung in ihrer ganzen Höhe wieder geltend zu machen, falls das von der Landwirtschaftlichen Genoffenschaftsbank angestrebte Ar­rangement bis zum Ende des bereits bewilligten ober auch noch erstrecktwerbenben Gläubigermoratoriums nicht zustanbegekom- men fein wirb unb der Konkurs eröffnet werden sollte."

Direktor Mager: Bei dem Kapitel des Verhältnisses zur Rcichsgeilossenschaftsbank fei Vorsicht geboten. Darüber müsse man sich klar sein, daß wenn außerhalb des Konkurses die ganzen 50 Proz. verloren gingen, im Konkurs die Sache noch viel schlimmer fein würde.

Der Vorsitzende teilt mit, daß von der Kontrollkommission als Hauptgläubigerin bei der R. G. B. der Antrag gestellt worden sei, daß den Beamten der R. G. B. gekündigt werde, damit zunächst an den 30 000 Verwaltungskosten gespart werde und man von Hessen aus einen größeren Einfluß auf die Verwaltung der R. G. B. erlange.

Lehrer Solms meint, daß ohne Genehmigung der General­versammlung kein Verzicht ausgesprochen werden könne.

Herr Acker: Man vergebe 'ich absolut nichts, wie man sich gegen die Verzichtleistung noch lange wenden könne. Der Korn- mission müsse man das Vertrauen schenken, daß sie möglichst viel noch heraushole.

Direktor Dr. Fitting: Der L. G. B. müsse unbedingt bas Rückgrat gestärkt werben. Die Wege seien bekannt durch die IV2 Pvoz. und den Verzicht aus 50 Proz. Er empfehle den Ver­tretern aber doch, zunächst wegen des Verzichts ihre Generalver­sammlung zu hören. Komme die L. G. B. in Konkurs, dann müsse man mit einem größeren Verlust rechnen.

Von verschiedenen Seiten wird betont, baß bie Zustimmung nur erteilt werden soll, wenn eine Aufrechnung von Schulden und Guthaben stattfindet.

Direktor Mager: Diese Frage könne sicher geklärt werden. Er selbst glaube, baß lausende Schulden aufgerechnet werden können.

Damit wird dieser Gegenstand verlassen und es steht die Bil­dung des Gläubigerausschusses zur Beratung.

Gen. Biegler schlägt vor, daß die Herren in den Ausschuß gewählt Werden, die bas größte Guthaben bei ber Bank haben.

Pfarrer Prätorius sagt, baß, er bas größte Interesse daran habe, nicht gewählt zu werden.

Der Vorsitzende bittet, sich damit einverstanden zu erklären, baß die vorgeschlageuen sechs Herren gewählt sind. Er bittet auch, ihnen bas Recht der Zuwahl zu geben. Die Versammlung wirb nach 5 Uhr geschlossen.

Der sozialdemokratische Parteitag.

~ Jena, 17. September.

Die parlamentarische Tätigkeit ber Fraktion.

Im Mittelpunkt bes heutigen Sitzungstages stand der Be­richt ber Reichs.tagsfraktion. worüber der frühere

Bremer Dolksschullehrer und jetzige Vorsitzende des Jugendbil- dungsausschusfes Reichstagsabgeordneter Heinrich Schulz (Berlin) berichtete. Die Stellung der Fraktion zur Wchrvorlagc scheidet vorläufig aus, da sic mit den Steuerfragen zusammen behandelt werden soll. Gleichzeitig werden aber eine Reihe von Anträgen, die mit dem Fraktionsbericht in ursächlichem Zusammenhang stehen, mit zur Debatte gestellt. Sie beschäftigen sich mit dem Fehlen sozialdemokratischer Abgeordneter bei wichtigen Abstimmungen, das scharf mißbilligt wird, mit der Reichsarbeitslosenversichcrung, dem üinderschntzgefey und der Ber­ner Konferenz deutscher und französischer Parlamentarier. Weiter wird die direkte Gcictzgcbung durch das Volk vermittels des Vorschlags des Verwerfungsrechts (Referendum) gefordert. Schulz betont, daß die Fraktion wegen ihrer Haltung im Reichstage, ab­gesehen von den Deckungsvorlagen fast nirgends angegriffen wor­den sei. Ec verteidigt das Fehlen einzelner Abgeordneter unb ent­schuldigt sie durch unaufschiebbare Berufspflichten. Die Angriffe auf die Fraktion wegen der Haltung in der Wehrvvrlagc feien un­berechtigt ; man wolle die vollseitige Ausbildung des Heeres im Hinblick auf die Wehrhaftigkeit des Volkes fördern, daher stellte man berechtigte Forderungen in der Richtung des Zieles: des Volksheeres ohne Chargen. Das Erfurter Urteil ist ein Schul­beispiel für die Situation, welche die Bedeutung der Massen für das Parlamcrrt und umgekehrt beleuchtet. Tic Regierung beugte sich, weil sie sich in einer Zwangslage befand. Leider ist nur ein kleiner Vorteil erreicht worden, denn auch das zweite Erfurter Urteil ist viel zu hart. Es ist sogar härter als das erste insofern, als das erste bic Mindcststrafe barstellt, das zweite aber erheblich darüber hinausgegangen ist. Trotzdem fei der § 110a des Militär - strasgesetzbuches ein Erfolg, der aber nicht möglich gewesen wäre, wenn nicht die Massen hinter dem Urteil gestanden hätten. Die Macht des Proletariats trat gewissermaßen in den Reichstag ein und diktierte den Gesetzentwurf. (Beifall.)

In der Aussprache erhob R-A. Kurt Rosen fclU (Berlin) den Vorwurf gegen bic Fraktion, sie hätte es bei ber Militärvorlage an bei nötigen Verve fehlen lassen. Er tabelt besonbers bas Verhalten ber Fraktion bei ber Ansprache bes Präsibenten am 16. Juni beim Regierungsjubiläum des Kaisers. Die stumme Demonstration bes Fernbleibens genügte nicht, man hätte heftiger bemonstrieren müssen. Dann wäre ber Vorgang unmöglich gewesen, baß bie Fraktion an einer Beschlußfassung überhaupt nicht teilnehmen konnte. Da bic Gegner auf unsere Gefühle keine Rücksicht nehmen, besonders Wilhelm II. nicht, hab.n wir keinen Anlaß, unsere republikanischen Gefühle irgendwie zurückzustellen. Unsere grundsätzliche Gegnerschaft gegen die monarchische Negierungsform hätte in schärfster Weise zmn Ausdruck gebracht werden müssen.

Stenge le (Hamburg) bestreitet jeden Erfolg ber Reichs- tagsfraktioir Durch die Bcsitzstcuern wäre bas Volk von ber Blut­steuer, bic bie Militärvorlage enthalte, boch nicht befreit. Zu den geheimen Kommissionssitzungen hätten bie Genossen nicht gehen bürfen, benn von Bethmann-Hollweg und feinen Ge­sellen, mit beren glänzender politischer Unfennt* n i s seien doch keine Geheimnisse zu erfahren.

Luise Zictz (Hamburg) tritt für eine Reform bes Kindcr- schutzgesetzes ein. Abg. N 0 ske (Chemnitz) verteidigt bie Fraktion. Tie erzielten Erfolge büefe man keinenQuark" nennen. Den vertraulichen Beratungen fernzubleiben, wäre bic größte Eselei. Wir werben suchen, auch fernerhin Konzessionen aus den Ministe- ricn und Staatssekretären herauszuholen zugunsten des Prole­tariats.

Abg. Ledebour begrüßt mit Freuden die Kritik an der par­lamentarischen Tätigkeit, da sie doch Interesse an der Sache ver­rate. Man tue der Fraktion aber Unrecht, sie habe viel gearbeitet, besonders in den Kommissionen, was aus den Berichten hierüber nicht so Har hervorgehen könne. Vpn den geheimen Sitzungen darf man nicht fernbleiben, sonst würde man nicht erfahren, wie die Regierung die bürgerlichen Parlamentarier e i n f e i f t. Durch den Korruptionsfonds, das Diätengesetz, werde den Abgeordneten eine Prämie auf möglichst schnellen Schluß gezahlt. Diese Wir­kung des Gesetzes war nicht vorauszusehcn. Es ist die Mai­feier ber bürgerlichen Parlamentarier, bic bie parlamentarisckw Arbeit wegen Nichtbezahlung einstellen. (Heiterkeit unb Beifall.1

Ab0 lf H off ma nn (Berlin) tritt ben Ausführungen Lede- bours bei. Wenn wir nicht wissen, wie bie bürgerlichen Vertreter eingefeift werben, so könne man sie auch nicht rasieren. (Heiter-' frit.l Es wäre gut, wenn die Fraktion überall so vertreten wäre, wie im preußiichen Parlament: ein Abgeordneter im Lesesaal, einer in der Bibliothek, einer im Erfrischungsraum, einer im Vor­raum, einer auf ber Rednertribüne, unb ein Genosse ist ber leb­hafte Beifall. (Große Heiterkeit.)

Gr um b ach (Metz) wünscht, baß die Berner Konferenz zu einer bauernben Verständigung der französischen und beutschen Par­lamentarier führe, besonbers bezügl. ber Fremdenlegion.

Aba. Frank (Mannheim) ist mit ber an ber Fraktion ge­übten Kritik zuftieden. Wir werben bem Wunsche nach Anwesen­heit ber Abgeorbneten noch mehr nachkommen, um nicht in ben Ruf einer Fraktion von Schwänzern zu kommen. Die Forderungen in ber Sache ber Militärvorlage sinb mannigfaltig. Wenn wir Anträge zur Militärvorlage stellen, so hat das mit unserer grund­sätzlichen Stellung zum Militarismus absolut nichts zu tun. Die Konferenz mit den französischen Parlamentariern wird nicht die letzte sein. In vielen Fällen ist eine Verständigung möglich, bei­spielsweise in der Frage ber Frembenlegion.

Nach einem Schlußwort des Referenten Abg. Schulz (Ber­lin) erllärt sich der Parteitag mit dem Bericht ber Reichstags- fraftion einverstanden.

Die vorliegenden Anträge werben teils bem Vorstanbe, teils ber Reichstagsftaktion zur Berücksichtigung überwiesen. Der An­trag Hamburg II, der ba£ Fehlen ber Abgeordneten eine grobe Nachlässigkeit nennt, wird abgelehnt. Der Antrag Kolmar l(ft- saß), ber bie Fortsetzung ber Berner Konferenz forbert, wirb an­genommen.

Hierauf wirb über einen Antrag, im Jahre 1914 eine be­sondere Frauenkonferenz abzuhalten, beraten. Frau Reitze (Vegesack) erwartet von einem besonderen Frauentage eine Forderung ber Organisation. Eine kurze Aussprache, in der sich sämtliche Redner und Rednerinnen im Prinzip einverstanden erklären, aber zum Ausdruck gebracht wird, daß der Parteitag sich nicht auf einen Beschluß feftlegen könne, den er nicht selbst ausführen kann, führt zur Klärung der Meinungen dahin, daß ein Vermittelungsantrag der Frau Grünberg aus Nürnberg an­genommen wird, wonach ber Parteivorstanb im Prinzip der Abhal­tung eines besonderen Frauentages zustimmt und bem Partei- Vorstand bie Ausführung bes Beschlusses überläßt.

Hierauf wurde die Sitzung auf Donnerstag vertagt. Mor­gen gelangt die Frage ber Arbeitslosenfürsorge zur Be­ratung.

Arbeiterbewegung.

Stettin, 17. Sept. Die städtischen daf en arbeite r sind ausständig, da die städtischen Körperschaften nicht alle gestellten Forderungen bewilligt haben. Im Freibezirk sind von 900 Arbeitern etnxi600 ausständig'. Tie Verwaltung kann augenblicklich nur die dringendsten Schiffsabfertigun­gen vornehmen. Sie hofft, in etwa zwei Tagen den gesamten Bedarf an Arbeitskräften zu decken.