Ausgabe 
7.10.1913 Drittes Blatt
 
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kk. 255

Drittes Blatt

165. Zahrgang

Erscheint tägUch mit Ausnahme deS Sonntags.

DieSiehener ZamilienblLtter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesjen

Dienstag, 7. Moder M3

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäls - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e<ä>51. Redaktion:^^112.Tel.-AdruAnzeig«Gießen.

27. Hauptversammlung

des Allgemeinen deutschen Zrauenvereinr.

K. N. Gießen, 6. Oktober

Der Allgemeine Deutsche Frauenverein eröffnete seine geschäftlichen Sitzungen heute vormittag um 91/2 Uhr in der großen Aula der Universität mit einer Begrüßungsfeier, an der die Vertreter der staatlichen und städtischen Körper- schäften, sowie zahlreiche Abgeordnete der einzelnen Orts­gruppen des Frauenvereins teilnahmen, im gcmzen etwa 160 Damen, sowie 7 Herren.

Fräulein Helene Lange begrüßte die Versammlunfg tnit herzlichen Worten und wies darauf hin, daß die heutige 27. Hauptversammlung die letzte im ersten halben Jahr­hundert der Frauenbewegung sei und deshalb eine beson­dere Bedeutung habe. Sie erteilte dann dem Rektor, Herrn Prof. Dr. Körte, das Wort, der die Generalversammlung als Hausherr begrüßte.

Es ist mir eine Ehre und Freude, so etwa führt-s der Rektor aus, Sie, meine Damen, hier willkommen zu heißen. Auch der Rektor Magnisizentissimus, unser Großherzog, hat sich vorgestern mit wärmstem Interesse über die Tagung und die Bestrebungen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ausgesprochen. Niemals vorher hat die Universität ihre Pforten soweit einer Frauen- Versammlung aufgetan, aber dennoch sind die Beziehungen der Universität zu der Frauenwelt verhältnismäßig recht alt. Schon am Ende des 18. Jahrhunderts haben viele Frauen den politisch- statistischen Vorlesungen des Professors C r 0 m e zugehört. Einige Zeit später wurde einer Frau Siebold in Parmstadt von der hiefigen medizinischen Fakultät ehrenhalber der Doktorgrad der Medizin verliehen. Zwei Jahre darnach erwarb ihre Tochter aut Grund einer wissenschaftlickten Arbeit an der Gießener Universität den medizinischen Doktor. In den 30er Jahren war ein Fräulein Zimmermann rite inskribirt. Dann wurden diese Fäden aller­dings zerrissen, um erst in neuester Zeit wieder ausgenommen zu werden. Seit dem Jahre 1903 hat der hessische Staat durch eine besondere Verfügung die Zulassung der Frauen zum Universitäts­studium geregelt, aber die Zahl der Studentinnen ist bei uns vorläufig noch recht klein. Im vergangenen Sommer waren nur 30 Damen in Gießen eingeschrieben. Aber das Frauen­studium ist ja auch nur eine Seite der modernen Frauenbewegung und wohl keineswegs die wichtigste. Professor Körte schloß mit den Worten, daß die alma matcr die Teilnehmerinnen an der 27. Allgemeinen Deutschen Frauenversammlung als Mitstreitcndc, als Kolleginnen begrüße, und daß die Tagung verlaufen möge zum Heil und Segen unseres Volkes.

Nach einem Dankeswort der Vorsitzenden hieß der Pro­vinzialdirektor, Geheimerat Dr. U s i n g e r, im Namen der Regierung die Erschienenen herzlich willkommen, indem er folgendes ausführte:

Hochgeehrte Anwesende!

Nachdem Seine Magnifizenz der Herr Rektor in seiner Eigen­schaft als Hausherr Sie hier begrüßt hat, nehme ich, einem Wunsch der Frau Vorsitzenden der Gießener Ortsgruppe nach­kommend, gleichfalls gerne Anlaß, die zur 27. Generalversammlung des Mlgemcinen Deutschen Frauenvereins erschienenen Vereins­angehörigen in meinem Verwaltungsbezirk freundlichst willkom­men zu heißen. Ich darf wohl sagen, daß wir politische Beamte in der Hauptsache erst durch die Arbeit des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins barauf hingewiesen worden sind, mit der Frau Äs Faktor im öffentlichen Leben zu rechnen, und daß wir hierbei manches umlernen, manches neu lernen mußten, nicht zum Nachteil derjenigen Ihrer Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, den Grundsatz der Gleichw e r t u n g der Arbeit der Frauen mit derjenigen der Männer je länger je mehr zur Geltung zu bringen.

Wir Männer stehen den Zielen, die Sic verfolgen, vielleicht immer nitf) etwas befangen gegenüber. Nicht, etwa deshalb, weil wir die Rolle, die heutzutage die Frau in unserem Volksleben zu spielen berufen ist, verkennen. Wir wissen genau, welchen Dank wir der Frau schulden dafür, daß sie die Arbeit des Staates und der Kommunen, insbesondere auf charitativem Gebiete, glänzend unterstützt. Wie wären heutzutage wirksame Armenpflege, Kranken­pflege, Wöchnerinnenpflege, Säuglingspflege, Gesundheitspflege, wie wäre die Erziehung unserer Jugend denkbar ohne die Mit- arbeit der Frau.

Wenn wir trotzdem nach Ihrer Ansicht in der Förderung Ihrer Bestrebungen hier und da noch zu zurückhaltend sein sollten, so dürfte diese Zurückhaltung ihren Grund in der geschichtlichen Entwicklung der Frauenfrage überhaupt und in den von dieser Frage nicht zu trennenden Interessen der Männer haben. Schon nach der Bibel sind diese Interessen älteren Datums. Rechnen Sie es deshalb den Männern nickt zu schwer an, roertn sie sich in ihrer Gesamtheit nicht so leicht zu allen Punkten Ihres Programms bekehren lassen. Bei vielen Männern haben nun einmal ob mit Recht oder Unrecht, das haben wir ja glück­licherweise hier nicht zu entscheiden Ihre Bestrebungen auf Erweiterung des weiblichen Berufsgebietes, auf Hebung der Frauen­arbeit und Verleihung politischer Rechte an die Frauen einge­wisses Etwas" ausgelöst, mit dem sich nickst so schnell abzuftnden ist, weil Ewfolge der einen Seite gleichbedeutend sind mit Verlusten im bisherigen Besitzstand der anderen. Nehmen Sie es den Män­nern auch nicht übel, daß sic bis jetzt nicht kampflos kapi­tuliert haben. Kampf ist nun einmal die Lebensbedingung jeden Fortschritts. Er erzieht Freund und Feind zu scharfem Durch­denken der gestellten Probleme and führt auf der Basis des Erreichbaren mit der Zeit zu einem el/rlichen Frieden.

Wenn Sie auch noch nicht am Endziel Ihrer Bestrebungen stehen, so können Sie doch mit Befriedigung auf das bis jetzt Er­reichte zurückblicken. In einer Reihe von Fällen hat sich bereits die Gesetzgebung auf Ihre Seite gestellt und gewisse Ge­biete des öffentlichen Lebens der Mitarbeit der Frau erschlossen. Wir in Hessen sind mit unter den ersten in Deutschland "gewesen, die weibliche Gewerbeauf­sichtsbeamte bestem haben; auf sitten polizei­lich em Gebiete sowie auf dem Gebiet der Wohnungs­fürsorge walten bereits in einigen Städten Frauen ihres Amt-s Ein weiterer, in seiner Tragweite nicht zu unterschätzender Schritt ist in den, anfangs des vorigen Jahres in Kraft getretenen revidierten Vcrwaltungsgesetzen insofern getan worden, als so­wohl unsere Städteordnung wie auck unsere Landgemeindeordnung übereinstimmende Vorschriften darüber enthalten, daß ten kom­munalen Deputationen für das Armenwesen für Unter­richts- und Erziehungswesen, tzKsundheckspflege und Kranken- fürsorqe F r auc n bis zu der Mitglieder mrt Sitz und Stimme anoebören können. Erläuternd ist diesen Vorschriften, von denen honen klick recht ansgicbig Gebrauch gemacht wird zugetügt, datz die diesen Deputationen angehörigen grauen dw allgemeinen Erfordernisse für die Stimmberechkigung und Wählbarkeit in der Gemeinde selbst nicht zu besitzcii brauchen. Sw sehen also, merne sehr verehrten Damen, daß die Erfahrungen, die man in Hessen HZ tior kurzem mit der Frauenarbeit gemacht hat, gute gewesen sein müssen; sonst wäre es wohl kaum dazu gekommen, daß Vor- schriften, wie die vorhin von mir erwähnten, die hofstntfijch

auch S i e als einen Fortschritt anerkennen, in unsere neueste Gesetzgebung hätten ausgenommen werden können.

Ihre heutige Tagung gilt, wie alle früheren, dem weiteren Ausbau Ihres Verbandes und der tocitcrcn Förderung Ihrer Ziele. Man urteilt ja heute über die Frauenbewegung anders, wie zu Zeiten des großen Königsberger Denkers I m a n u e l Kant, der einmal schrieb:

Mühsames Lernen ober peinliches Grübeln, wenn es gleich ein Frauenzimmer darin hochbringcm sollte, vertilgen die Vor­züge, die ihrem Geschlechte eigentümlich sind und können dieselben wohl um der Seltenheit willen zum Gegenstand einer kalten Be­wunderung machen, aber sie werden zugleich die Reize schwächen, wodurch sie ihre große Gewalt über das andere Geschlecht ausüben."

Immerhin geben seine Worte auch jetzt noch Anlaß zum Nach­denken insofern, als sie zum Bewußtsein bringen, daß von der Natur gesetzte Unterschiede sich nicht ohne Nachteile für das Ganze verwischen lassen. Daß Sie, meine verehrten Damen, in dieser Beziehung das richtige Augenmaß nicht verloren haben, ist wohl die Öauptursachc Ihrer seitherigen Erfolge. Mögen deshalb auch Ihre heutigen Verhandlungen Ergebnisse zeitigen, die nicht nur Sie, sondern auch alle diejenigen befriedigen, die außerhalb dieser Versammlung Ihren Beratungen mit Aufmerksamkeit folgen.

Die Vorsitzende dankte für die freundliche Begrüßung durch die Regierung und bemerkte, daß Kant heute wohl zu anderer Ansicht kommen würde, denn es sei doch wohl keine Bestätigung seiner Meinung, daß die jungen Aerztinnen und Lehrerinnen immer sehr rasch weggeheiratet würden, viel rascher als dem Verband lieb sei.

Beigeordneter Keller überbrachte Gruß und Willkommen der Sttadt Gießen, indem er sich folgender­maßen äußerte:

Meine hochgeehrten Damen!

Der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauen­vereins entbiete ich Gruß und Willkomm der Stadt Gießen.

Es hat uns mit Freude und Genugtuung erfüllt, als die Kunde kam, daß Ihre diesjährige Tagung in unserer Stadt ab­gehalten werden solle. Denn wir begrüßen in Ihrem Verband eine angesehene Vereinigung, die den Kultureinfluß der Frau zur Geltung bringen will, eine Organisation, die mit deutschem Ernste der Frauenbewegung den Weg gewiesen hat, die unter hervor­ragender, besonnener Führung, mit geistiger Selbstzucht und, in ruhiger Erwägung des Erreichbaren ihr Ziel verfolgt und sich dabei völlig fernhält von den leidenschaftlichen Formen, die wir im Auslande mitunter erblicken müssen.

Meine Damen! Die rasche Entwicklung unserer Kultur, die Verschiebung unserer Erwerbs-, Gesellschasts- und Bildungsver­hältnisse haben mit Naturnotwendigkeit die Frauenbewegung her­vorgerufen und somit die Frage aufgeworfen, ob und wie in dieser veränderten Gesellschasts- und Wirtschaftsordnung auch die Frau ihren Platz finden und Spielraum zur Erfüllung ihrer besonderen Ausgaben und zur Betätigung ihrer Wesensart gewinnen müsse. Probleme mannigfacher Art find auf den Plan getreten. Zunächst das wirtschaftliche, bedingt durch die fortschreitende Er­weiterung der Erwerbswirtschaft, welche die Frau in zunehmendem Maße auf sich selbst stellt und Freiheit des Berufs erheischt, damit die Frau auch außerhalb der Familie ihre Kraft in einer ihr angemessenen Form verwerten kann. Sodann das g e i st i g e Problem, wurzelnd in der fortschreitenden allgemeinen Geiftcs- kultur, die das individuelle Selbstbewußtsein der Frau gesteigert hat und Freiheit der Bildung begehrt, auf daß die innerlich selbständige Frau mit den allgemeinen Kulturmitteln ihre Art entfalten kann. Und in jedes dieser Probleme ist als besonders schwieriges und besonders bedeutsames hineinverwoben das weitere Problem: wie lassen sich diese Bestrebungen in Einklang bringen mit der Stellung der Frau in der Familie, mit ihrem Beruf als Gattin und Mutter und Führerin der Heranwachsenden Jugend? Denn auch die Frauenbewegung darf an der Tatsache nicht vorübergehcn, daß die natürlichste weibliche Aufgabe im Hause liegt, daß die Hauptsphäre der Frau die Familie ist und daß es keine leere Redensart, fondcrn ein Spruch voll Wahrheit und Weisheit ist: die Familie ist die Grundlage des Staates.

Meine sehr geehrten Damen! In langjähriger, keineswegs leichter Arbeit hat der Allgemeine Deutsche Frauenverein den Interessen der Frauenwelt gedient und zahlreiche Erfolge errungen, hie ich Ihnen, bm Wissenden, im einzelnen gewiß nicht näher darzulegen brauche. Der Kommunalpolitiker erinnert sich gern und freudig des Umstandes, daß deutsche Stadtverwaltungen in der Armen- und Jugendpftege, in der Schulverwaltung und Woh­nungsfürsorge vielfach verständnisvoller und hingebender Mit­arbeit von Frauen sich erfreuen dürfen, und aus eigener Er­fahrung vermag ich, herzlichen Dankes voll, die opferwillige und erfolgreiche Tätigkeit hiesiger Frauen in der öffentlichen Armen­pflege und Jugendfürsorge zu ivürdigen.

Aber, meine Damen, wie reich auch die Ernte gewesen sei, der fleißige fürsorgliche Landmann wirft schon im Herbst bie neue Saat aus, die int kommenden Jähre jhm erblühen soll. So möge im Sonnenglanz dieser Herbsttage von Ihnen neue Saat ausge­streut werden, die vielfältig gedeihen und zum Segen gereichen möge, Ihrem Verein und allen denen, für die zu wirken er be­rufen ist. Dies sind die Wünsche, mit denen die Stadt Gießen Ihre Tagung begleitet.

Nach einem herzlichen Dankeswort, in dem Fräulein Mene Lange darauf hinwies, daß sie freudig überrascht sei, hier bei den Behörden soviel menschliches Verständnis zu finden, sprachen die Vertreterinnen der Gießener Frauen­vereine.

Frau Marie Schmidt begrüßte die Versammlung namens des kaufmännischen Vereins weiblicher Angestellten, indem fte die gemeinsamen Ziele der beiden Vereine betonte.

Fräulein Din Feld ein sprach im Auftrag des Lehre­rinnenvereins, den ein starkes Band mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein verbinde, der immer tatkräftig für- die Mädchenbildung eingetreten sei. Eine besondere Bedeu­tung habe die Tagung für den Lehrerinnenverein noch da­durch, daß ihre Vorsitzende zugleich die Vorsitzende des All­gemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins fei, die sich um die Hebung des Lehrerinnenstandes hervorragende Verdienste er­worben habe.

Frau Höhl bäum übermittelt die herzlichsten Grüße des Evangelischen Gemeinde-Frauenvereins, der die Arbeit des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mit regem Inter­esse verfolge, namentlich die, die darauf hinauslaufe, den Frauen neue Wege in der Gemeindetätigkeit zu bahnen.

Frau Vogt spricht namens des Vereins für Frauen­stimmrecht, der sich aus dem großen Programm der Frauen­bewegung dieses «eine Ziel ausgewählt habe, weil man glaube, daß mit der Erreichung des Frauenstimmrechtes, das natürlich verdient werden müsse, viele Frauen fragen gelöst werden ikönnten. Es sei das gemeinsame Ziel, die Frauen tüchtig zu machen für Aufgaben, die eine neue Kultur an sie stelle.

Als letzte Rednerin spricht Frau Goldschmidt-' We i l im Namen der hessischen Frauenvereine.

Fräulein Helene Lange erstattet nach einem kurzen Dankeswort den

Geschäftsbericht über die Zeit vom 1. Oktober 1911 bis 30. September 1913. Während dieser Zeit sei die Tätigkeit des Vorstandes haupt­sächlich der Fundierung derZentralesürGemeinde- ämter der Frau in Frankfurt a. M. gewidmet gewesen. Die Zentrale, deren Aufgabe cs ist, durch Materiaffamm- lung, Auskunfterteilung und unmittelbare Anregungen die Einstellung von Frauen in ehrenamtliche oder berufliche Gemeindearbeit zu fördern, war durch ihre Entwickelung in den letzten Jahren über den Rahmen hinausgewachsen, innerhalb dessen sie durch freiwillige oder ehrenamtliche Ar­beit verwaltet werden konnte. Der Verband sah sich daher vor die Notwendigkeit gestellt, den Bestand und eine er­weiterte Fortführung der Zentrale durch Anstellung einer vollbeschäftigten beruflichen Arbeitskraft zu ermöglichen. Diese Arbeit mußte von einer nationalökonvmisch und sozial- wissensckfaftlich geschulten Beamtin geleistet werden, deren Anstellung zu ermöglichen war. Die Beschaffung eines Kapö tales war die nächste Aufgabe. Es wurden aufgebracht an einmaligen Beiträgen 9380 Mk., an regelmäßigen auf be­stimmte Zeit zugesagten Jahresbeiträgen 2426 Mk. ferner 1*160 Mk. auf drei und 284 Mk. auf 5 Jahre. Damit konnte im Mai dieses Jahres der Ausbau der Zentrale vorgenom­men und Frl. Dr. Marg. Bernhard als Geschäftsführe­rin angestelll werden. Allerdings sichern die bis jetzt auf­gebrachten Beträge den Bestand der Zentrale noch lange nicht in genügendem Maße und es müssen auch weiterhin noch beträchtliche Mittel aufgebracht werden.

An der großen Frauenausstellung in Berlin war der Vorstand des Verbandes wie alle großen Frauenorganisa­tionen lebhaft beteiligt. Von den Anregungen der letzten Generalversammlung wurde der weiblichen Jugendpflege weitere Aufmerksamkeit zugewendet. Ferner beteiligte sich der Verband an einer von der Zentrale für Volkswohlfahrt und vom Bund deutscher Frauenvereine einberufenen Kon­ferenz, zu der eine Zentrale für weibliche Jugendpflege ge­gründet wurde. Auch eine Anzahl von Petitionen reichte der Verband ein, darunter eine um Zulassung weiblicher Schöf­fen bei den Jugendgerichten. Weiterhin wurden Gruppen­tagungen eingerichtet, um den Zusammenhang unter den Ver­einen auch während der Geschäftsperiode zu verstärken und die Arbeit zu beleben. Die Gegenstände dieser Tagungen be­trafen kommunale Armen- und Waisenpflege, Vormund­schaft, Wohnungspflege, Schankkonzessionswesen, Schwind­suchtsbekämpfung, Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und Jugendpflege, insbesondere die Fürsorge für die zu­ziehenden Jugendlichen in der Großstadt und das Problem der Verpflanzung der Großstadtjugend auf das Land.

Die Zahl der Ortsgruppen ist mit 14 dieselbe geblieben wie im letzten Berichtsjahr. Die Zahl der angeschlossenen Mrt- gliedsvereine ist von 44 auf 57 gestiegen. 3 Vereine sind ausgetreten, 16 neu hinzugekommen.

Die feit 1894 bestehenden Realgymnasialkurse des All­gemeinen deutschen Frauenvereins zu Leipzig werden mit Ostern 1914 eingehen, da in Leipzig eine städtische Studien­anstalt begründet wurde. Ostern 1913 bestanden 25 Schüle­rinnen die Reifeprüfung, der sich Ostern 1914 35 unter­ziehen werden. ,

Auch die Arbeit der Ortsgruppen war recht ersprießlich, besonders auf dem Gebiet der Wohnungsinspektion und an­deren Gebieten kommunaler Wohlfahrtspflege, darunter Ausstellungen zur Bekämpfung der Schundliteratur in Halle, Gießen, Gera und Darmstadt. Auch an der Re­form für private Wohltätigkeit werde weitergearbeitet. Die gewerbliche Fortbildungsschule für Mädchen und die Ein­führung der Angestelltenversicherung gab Gelegenheit zu wei­terer wichtiger Tätigkeit. Dazu kamen noch die Erweiterung und Verbreitung der weiblichen Vormundschaft, die Rechts- fchutzarbeit, die Berufsberatungen usw.

Eine interessante und wichtige Ausgabe ist der Ju­gendgruppe in Darmstadt anvertraut worden, indem man ihr die Schülerinnen der städtischen Frauenschule zur Ein­führung in die soziale Hilfsarbeit übergibt.

Das Bild der geleisteten Arbeit sei zwar, so schloß die Vorsitzende, natürlich unvollständig, aber es zeige doch, daß sich im öffentlichen Leben und in der Wohlfahrtspflege eine Frauensphäre organisch entwickele, die von frischen arbeits­willigen Kräften immer reichlicher besetzt werde.

lieber die Tätigkeit des Propagandaausschusses berich­tete dann Frau Traun, die auch bei der Durchführung der Gruppentagungen in hervorragendem Maße beteiligt war. Alsdann sprach Frl. Dr. Marie Elisabeth Lüders, Berlin, über die

Probleme der städtischen Wohnungspflege unddieWohnungsinspektorin.

Die Vortragende gibt auf Grund eines reichen statisti­schen Materials einen lleberblick über ihre Tätigkeit als Woh­nungsinspektorin und schildert an einer Anzahl von Bei­spielen, wie dringend notwendig eine planmäßig durch­geführte Wohnungsinspektion vor allem in Preußen sei. Hessen, das ja ein Wohnungsgesetz habe, sei wesentlich besser daran. Besonders scharf wendet sich Frl. Dr. Lüders gegen die Einpferchungen zahlreicher Menschen in engen Wohnun­gen, gegen das Schlafgängerwesen, das ein großer Schaden vor allem für die Heranwachsende Jugend sei, und auch für deren Gesundheitszustand von größtem Nachteil werden müsse. Daraus gehe schon hervor, daß die Mängel im Woh­nungswesen in erster Linie dem Wohnungsinhaber zur Last sielen, der sich nicht selten in der schlimmsten Weise gegen das Eigentum eines Dritten die Wohnung verging, indem er sie fahrlässig, wenn nicht gar gröblich verschmutze und minder brauchbar mache. Dadurch werde aber wieder eine mittelbare Verteuerung der Mieten veranlaßt, da der Haus­eigentümer die Herstellungskosten doch verrechnen, also auf die Miete schlagen müsse. Niemand könne ihm zumuten, diese außergewöhnlichen Kosten aus seiner eigenen Tasche zu be­zahlen, um die Wohnung wieder bewohnbar zu machen. Hier müsse vor allem durch Erziehung Besserung versucht wer­den. Wie die anderen Schäden zu bessern seien, das wären schwerwiegende soziale Probleme, deren Lösung ungemein schwierig sei. In manchen Städten habe man dafür besondere Fonds zur Verfügung, vielerorts seien private Hilfsquellen vorhanden. Um aber das Hebel an der Wurzel zu fassen.