Nr. so Zweites Blatt
162. Jahrgang
Erjchetal Üi-Nch w* Ausnahme brS £enruag6
Die „Wffrrwtt LmuMendlSNer- werten dem bAn-eiger' otermal wöchentlich beigdegt, bat „XrtisbUti für ben Kreis Otetze," irottmal wtchenH,ch. Die .^möwlrtfchaslluhen Lett- fräße«" erschemen monatlid) iroctmaL
Gießener Anzeiger
Seneral-Anzeigcr für Gberhesien
mittood), 5. April 1912
Äetettonbörud anb i'fvlap bet >8r ü hl'fchea Unteerfuätfl - B.rch- unb StembrudettL 9t Senge. ®teB«u
Rebaftten fxpebttton unb Druckerei: Schul« strotze 7 itfpfbinon unb Verlag. etii 6L 9Ubaftton:e<g 112. ieL»tilbu:'2ln4etQer<Sie6en.
Die Reichrfinanzen.
Tie jetzt veröffentlichte Uebersicht über die Einnahmen des Reichs an Zöllen, Steuern und Gebühren in der Zeit vom 1. April 1911 bis Ende Februar 191'2 gibt denjenigen Recht, welche für das eben abgelaufen. Rechnungsjahr 1911/12 große Ueberschüsse über dir Etatansätze hinaus prophezeit haben. Die Jsteinnahmci für die ersten elf Monate des Rechnungsjahres betragen rund 1516 Mill. Mark, während die Einnahmen für oa< ganze Rechnungsjahr auf 1468 Mill. Mark veranschlagt waren. Rechnet man für den noch fehlenden Monat Marz mit dem elften Teil der Einnahmen der vorausaegangenen elf Monate, so ergeben sich für 1911/12 1654 Milk. Marl Einnahmen aus Zöllen, Steuern und Gebühren, das sind 186 Mill. Mark mehr, als veranschlagt waren. Man sieht Herr Wermuth war ein sehr vorsichtiger Rechner. Allein aus den Zöllen und Verbrauchssteuern ist in den ersten elf Monaten eine Einnahme von 1254 Mitt. Mark aufge- lommen, das sind für zwölf Monate 1368 Mill. Mark oder 156 Mill. Mark mehr als veranschlagt.
Mit der größten Summe sind natürlich die Zölle vertreten, bei denen die Ist ein nähme für elf Monate auf 674 Mill. Mark und also für das ganze Rechnungsjahr auf 735 Mill. Mark sich beläuft, während nur 638 Mill Mark veranschlagt waren: der llebersckzuß beträgt somit hier allein schon 97 Mill. Mark. Dabei ist aber die Sol V-- einnahme an Zöllen noch viel höher: sie beträgt für el Monate 715,3 Mill. Mark, das ergibt für das ganze Jahr eine .Solleinnahme von rund 780 Mill. Mark, und ^war ist dies der Nettobetrag, der sich nach Abzug der Aussuhr- vcrgütungcn — insbesondere nach Abzug ocr angerechneten Einsuhrscheinbeträge — ergibt. Die nächstgrößte Einnahme hat die Branntwein Verbrauchsabgabe abge- tuorjen, hier beträgt die Jsteinnahme für elf Monate 179,3 Mill. Mark, das sind für 12 Monate 195,6 Mill. Mark, gegenüber einem Etatansatz von 163,5 Mill. Mark. An dritter Stelle steht die Z u ck e r st e u e r mit einer Jsteinnahme für elf Monate von 155,8 Mill. Mark oder für zwölf Monate von 170 Mill. Mark, während veranschlagt sind 151,9 Mill. Mark. Die Jsteinnahme an B r au st eu e r und an UebcrgangSabgabcn von Bier beträgt für elf Monate 115 Mill. Mark, das sind für das ganze Jahr 125,5 Mill. Mark; veranschlagt sind 123,5 Mill. Mark. Aus' dem Spiel- kar t e n st ein p e l, der Wechselstempelsteuer, den verschiedenen Reichsstempelabgaben, der Erbschaftssteuer und der statistischen Gebühr wurde in elf Monaten eine Jsteinnahme von zusammen 262 Mill. Mark erzielt, so daß für das ganze Jahr mit einer solchen von 286 Mill. Mark gerechnet werden kann. .Hier beträgt der Voranschlag 256 Mill. Mark. Bei den Reichsstempel- abgaben [bleibt nur die Einnahme aus dem Stempel von Staatslotterielosen, aus dem Stempel von Grundstücks- Übertragungen und aus dem Stempel von Vergütungen an Aufsichtsratsmitglieder hinter dem Voranschlag zurück. Veranschlagt find hier 36,6, 43,7 und 3,72 Mill. Mark, während sich die Jsteinnahme für das ganze Rechnungsjahr berechnet auf 33,4, 39 und 3,1 Mill. Mark. Daß der Stempel von Grundstücksübertragungen keine größere Einnahme geliefert hat, liegt vielleicht an der inzwischen in Kraft getretenen Wertzuwachssteuer, die offenbar einschränkend auf den Grundstücks handel gewirkt hat.
(Ein bayerischer Zesuiten-Lrlatz.
Wie erinnerlich, hatte der bayerische Kultusminister von Wehner, ehe noch der Rücktritt des Ministeriums Podewils zu erwarten war, angesichts der wachsenden Regsamkeit der Jesuiten in Bayern den Regierungspräsidenten die Beobachtung des Jesuitengesetzes neuerdings eingeschärft und dadurch den Unwillen des Zentrums erregt. Jetzt wird ein gemeinsamer Minister-Erlaß des neuen bayerischen Ministers des Innern und des neuen Kultusministers an die Prvvinzialreaierungen bekannt, der als eine ministerielle bayerische Anleitung zur Umgehung eines Reichsgesetzes aufgefaßt werden kann.
Durch § 1 des Reichsgesetzes vom 4. Juli 1872 ist der Jesuitenorden mit den ihm verwandten Orden und ordensähnlichen Kongregationen aus dem Deutschen Reiche ausgeschlossen, die -Ärichtung von Niederlassungen untersagt, ferner verfügt eine Bekanntmachung des damaligen Reichskanzlers vom 5. Juli 1872, daß den Jesuiten die Ausübung einer Ordenstätigkeit, insbesondere in Kirche und Schule sowie die Abhaltung von Missionen nicht zu gestatten ist. Jetzt erklärt der neue Erlaß:
Das Wort Ordenstätigkeit stelle nicht einen ohne weiteres feststehenden, bestimmt umgrenzten Begriff dar. Indem der Bundesrat diesen weiterer und engerer Auslegung fähigen Begriff wählte, habe er der Geseheshaudhabung überlassen wollen, diese verbotene Wirksamkeit der Jesuiten näher zu umgrenzen. Bei der somit den Einzelstaaten eingeräumten Bewegungsfreiheit für den Gesetzesvollzug werde den jeweiligen Zeitverhältnissen ein angemessener Einfluß auf die strengere oder mildere Handhabung des Gesetzes nicht zu versagen sein. Die genauere Umgrenzung des Begriffs „Ordenstätigkeit" werde in der Weise zu erfolgen haben, daß Hairdlungen. die als rein priesterliche und den eigentlichen Aufgabenkomplexen des Ordens losgelöste Funktionen sich darstellen und bei denen die Ordensangehörigen
um Zlveckc vorübergehender Aushilfe in der Seelsorge einer von 'er Ordensleitung unabhängigen Anssichtsgewalt unterstehen, als 'ußerhalh. des Gebietes der Ordenstätigkeit angesehen werden. Missionen müssen int Hinblick auf das ausdrücklich Verbot der lieiäzskanzlerbelanntmachuitg auch fernerhin der den Jesuiten unter’ agteu Tätigkeit zu gerechnet werden. Wesentlich verschieden aber mb die sogenannten Konferenzen, die hauptsächlich Vorträge apoyo- iscken oder sozialen Inhalts zum Gegenstand haben. Solcl)c in rosanen Räumen schon bisher unbedenklich zugelassene Konferenz- oorträge werden in den vom Verbot betroffenen Wirkungskreis nicht tnzubeziehen sein, wenn sie in kirchlichen Räumen abgehalten öerben, und wenn mit' ihnen Gelegenheit zum Empfang der Sakramente verbunden ist.
Der Kultusminister bat es sogar noch für nötig be- unden, der Mitteilung des Erlasses an die bischöflichen Ordinariate noch eine captatio benevolentiae mit auf den Leg zu geben: Man werde aus dieser Entschließung ersehen wollen, daß die kirchlicherseits geäußerten Wünsche tach einem milderen Vollzug des Jesuitengesetzes berück - ichtigt sind. Das Ministerium dürfe nun wohl hoffen, daß )as bewiesene Entgegenkommen seitens der lirchlichen Be- >örden durch Beachtung der bestehenden Vorschriften cr- vidert werde. Dieser Jesuitenerlaß ist die erste Tat des Ministeriums Hertling, auch wenn es wahr sein sollte, daß, vie die „Kölnische Volkszeitung" behauptet, der Erlaß noch unter der Leitung des Kultusministeriums durch Wehner zustande gekommen und dem Bundesrat als die bayerische Jnterpreta.ion des Jesuitengesetzes zugegangen sei, daß die Minister Soden und Knilling ihn jetzt lediglich formell vollzogen hätten und daß damit die bisherige Praxis in Preußen und Bayern durch Verordnung neu festgelegt sei.
München, 3. April. Tie liberale bayerische Landtagsfraktion wird nach den Osterferien eine Anfrage im Landtage cinbringcn, in der sic das Jesuitengesetz und seine neuerliche Interpretation durch die Minister v. Soden und v. Knilling einer Besprechung unterzieht.
Kirche unb Schule.
Vom Pfarrer Jatlio
schreibt die kirchlich-liberale Zeitungskorrespondenz:
„Tie Zeitungsmeldung, Jatho sei ertrankt, ist nicht richtig: er hat noch in der vorletzten Woche Vorträge in Stuttgart, Heilbronn und Darmstadt gehalten. Er ist jetzt wieder in Köln und hat von dort her dem „Protcstantenblatt" die erste seiner Andachten geschickt. Wie frisch er am Werke ist, bezeugen die Schlußworte seiner ersten Andacht im „Protestantenblatt", der nun alle 14 Tage eine solche aus seiner Feder folgen wird. Die Worte lauten : Einen Bund wollen wir schließen, einen unsichtbaren, ohne Regel und Satzung, einig nur in dem starken Entschluß, ein neues Ostern vorzubereiten. Ten schlafenden Gott wollen wir wecken: Stehe auf, erhebe deine Hand. Rege deine uralte Gotteskraft, die iwch immer siegreich auf ben Plan trat, wenn das Leben, das fortschreitende, zu erstarren drohte: die Kraft der Bewegung unb Erregung, die Kraft des Zersprengens tödlicher Fesseln, damit die Träumenden aufgerüttelt unb die Trägen mit fortgerissen werden. Vergiß deine Elenden nicht, die dich heb haben unb dir bienen möchten im Geist und in der Wahrheit. Erscheine ihnen als Osterheld, als Lebensfürst, als Freiheitshort! Schenke ihnen einen Ausblick hoffenden Mutes. Sie möchten so gern fröhlich Ostern halten."
Ni u 7 He.
fc. Frankfurt a. M., 2. Avril. Heu- unb St r^o h m a rkt. Angefahren waren 9 Wagen Heu unb 0 Wagen Stroh. Alan notierte: Heu 4.UO—4.3O Strotz (Kornlangnrotz) 0.00—u.Oo Pik., Wirrslrotz o,00—0,00 Pik. Alles für 50 SUlo. oieschntt gedrückt. Tie Zufuhren waren aus den Kreisen Friedberg, Ticburg unb Hanau.
Briefkasten -er Nedcrktiori.
tAnouymc Anfragen bleiben uubcrudfidjtigt.)
ft. 48. Mämoires de m6de<'iue ct de Chirurgie militairee, et campagnes. 4 Bände. Paris 1812 —1818.
Kirchliche Nachrichten.
l£UUiiyii<fu/i diiKUlUC.
Gottesdienst.
Gründonnerstag, den 4. April.
3n der tztadtkirche.
Abends 6 Uhr: Beichte unb heil. Abendmahl für Matthäus- nnd Aiarkusaemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Pfarrer Schwabe.
3n der Zohanneskirche.
Vormittags 9*/, Uhr: Vorstellung unb Prüfung der Konfirmanden aus der Lukasgememde.
Pfarrer B e ch t o l s h e i m e r.
Abends 7'/« Uhr: Beichte und heil. Abendmahl für LukaS- und Zohannesgcmeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Pfarrer AuSfel d.
Karfreitag, den 5. April.
Kollekte für die cuang. Anstalten zu Jerusalem.
3n der Ztadtkirche.
Vormittags 91/, Uhr: Pfarrer D Schlosser.
Beichte und heil. Abendmahl für Matthäus- und Markus- gemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten.
Vormittags ll'/.UHr: Kinderkirche für Matthäus- und Markus- gemeiude gemeinsam. Pfarrer Schwabe.
Abends 6 Uhr: Liturgischer Gottesdienst.
Pfarrer Schwätze.
3n der Zohanneskirche.
Vormittags 91/, Uhr: Pfarrer BechtolSheimer.
Beichte und heil. Abendmahl für LukaS- unb Johamiesgemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten.
Vormittags 11'/. Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde.
Pfarrer B e ch t o l s h e i m e r.
Nachmittags 3 Uhr: Pfarrer Ausfeld.
Abends 6 Uhr: Siehe Sladtkirche.
katholische Gemeinde.
Donnerstag, ben 4. April: Gründonnerstag.
Vormittags von 5'/, Uhr an: Gelegenheit zur hl. Beicht.
„ um 6 Uhr: Misfionspredigt.
„ um 58/4, 8, 71/,, 8 Uhr: Austeilung der hl Kommunion.
, um 9 Uhr: Hochamt mit Aussetzung des Allerheiligsten und Misfionspredigt.
Von 10 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags stille Anbetung, darauf Andacht.
Nachmittags von 2'/,—7'/, Uhr: Gelegenheit zur heil. Beicht.
Adends um 8'/, Uhr: Misfionspredigt mit feierlicher Abbitte vor dem Allerheiligsten.
Arbeiterbewegung.
Görlitz, 2. Weil. Bei der Aktiengesellschaft für Fabrikation von Eisenbahn material- Görlitz sind infolge Lohndisferenzen zwei Drittel der gesamten Arbeiterschaft, etwa 1200 Mann, in ben Ausftanb getreten.
Die französischen Bankräuber.
Paris, 2. April. Zn dem vereitelten Anschläge auf den Kassenboten G o u s s e't wirb weiter gemelbet: Tie beu ben Verhafteten gehören guten Fqmilien an. Coulonb, ber vor kurzem seinen Militärdienst beendet hat, versuchte als Schauspieler unb Schriftsteller seinen Lebensunterhalt zu gewinnen. Prevost war als Stabtteisenber in einem Spitzengeschäst an- geftcllt. Es heißt, der Leiter ber Sicherheitstzehörbe, Guicharb, habe vor etwa 8 Tagen bic Anzeige erhalten, baß am 1. April Anschläge gegen vier namentlich bezeichnete Kassen. - boten der Bank von Frankreich verübt werben sollten. Dreien dieser Kassenboten, die in ber Umgebung von Paris Einkassierungen zu besorgen hatten, wurden zu diesem Zweck Automobile zur Verfügung gestellt und Polizeibeamte als Begleiter beigegeben. Zum Schutze des vierten Kassenboten wurden mehrere Detektive aufgeboten, die alsbald die beiden genannten Burschen Eoulond unb Prevost, als sie dem Kassenckoten in der Rue St. Honore auflauerten, festnahmen. Tie beiden Verhafteten haben ein volles Geständnis abgelegt. Prevost erklärte, daß er, während fein Helfershelfer mit dem Revolver den Kassenboten bedrohen sollte, diesen durch einen Hammerschlag betäuben unb ber Gelbkasse berauben wollte. Gleichwohl sinb mehrere Blätter ber Ansicht, es werbe nickt leicht sein, gegen bie beiben Burschen bic strafrecktlicke Verfolgung aufrechtzuerhalten, ba bas Gesetz bie bloße' Absicht nickt bestrafe unb bie ihnen zur Last gelegte Tat lediglick „vorbereitende Handlungen" darstelle, bock sei es mög- lick, baß die Untersuchung Tatsachen zu Tage fördern werde, bic bie Feststellung des Mordversuches gestatten.
Paris, 2. April. Aus Clermont im Departement Oise wird gemeldet, daß die Automobilisten, die von dem Pförtner des (Schlosses Rieup für Einbrecher gehalten wurden, lediglich neugierige Touristen waren. Die Beunruhigung I sei aber infolge der Bluttaten von Mangeron und Ehantillp in der ganzen Gegend so groß, daß man überall Ueberfällc von Auto- | mobilsten befürchte.
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