162. Jahrgang
Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
Nr. 80 Erstes Blatt 162. Jahrgang Mittwoch, 3. April 1912
s Awßener MiKdücr ass V/lv [) V11V l
kSnS“ General-Anzeiger für Oberhessen LSBL
ünnahm. «n ameigee Rotationsönid und Oerlag der Brühl'schen Univ.-Vuch. und Steindruckerei R. Lange. Redaktion, Sspedition und vruckerei: Schulftrahe 7. "»nb-• e.&et“üt den
bis vomuuags'y'iibn Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Seschästsstelle Bahnhofstraße 16a. Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.
Zranzösisch-deutscher £ifttrieg.
Von militärischer Seite wird uns geschrieben: Tie Franzosen machen außerordentliche Anstrengungen, um die Luftfahrt weiter zu entivickeln und auszubauen, und den Deutschen gegenüber eine ausgesprochene Ueberlegenheit zu erhalten. In ganz Frankreich finden öffentliche Sammlungen statt, für deren Erträgnisse Flugzeuge angekaust und dem Kriegsministerium zur Verfügung gestellt werden sollen. Sie lhabcn jetzt schon die Höhe von zwei Millionen Franken überschritten. Die Bewegung, die durch Frankreich geht und an der sich alle Kreise oer Bevölkerung beteiligen, kann nur mit derjenigen verglichen werden, die nach dem großen Unglück des Zeppelin-Schiffes bei Echterdingen in Deutschland auftrat. Seitdem aber haben bei uns die Spenden für die Lustschiffahrt sich nur in engen Grenzen gehalten. Abgesehen von der privaten Betätigung ist auch die Regierung in Paris bestrebt, die Militär- Luftfahrt nach jeoer Richtung hin zü fördern. Dem Kriegs- minifter ist ein Kredit von 22 Millionen Franken für 1912 und von 25 Millionen Franken für die folgenden Jahre glatt bewilligt worden, da er mit der Einbringung dieses Gesetzes nur den Wünschen der Bevölkerung und des Parlaments entgegengekommen ist.
Wir müssen also damit rechnen, daß in Zukunft die französische Armee über eine große Zahl von Luftschiffen unb Flugzeugen verfügen wird, denen wir vorläufig noch keine ebenbürtigen Kräfte entgegenstellen können. Sie können in doppelter Weise verwendet werden, in erster Linie sollen sie der strategischen und taktischen Aufklärung und Erkundung dienen. Nicht nur die Erfahrungen der letzten Manöver, sondern auch ihre Verwendung im türkischitalienischen Kriege haben gezeigt, daß sie eine vollkommene kriegsbrauchbare Waffe sind, und daß sie in vorzüglicher Weile die Kavallerie ergänzen können. In vielen Fällen werden sie sogar auf diesem Gebiete mit größerem Erfolg und höherem Nutzen verwendet werden können, da sie unabhängig vom Gelände sind, größere Geschwindigkeit bc- sitzen, und von den vorderen feindlichen Linien nicht aufgehalten werden können. Im allgemeinen werden die Kavallerie-Patrouillen nur die vordersten feindlichen Abteilungen feststellen können. Es wird ihnen nur schwer möglich sein, über diese hinweg vorzudringen, um zu erkunden, was dahinter stattfindet. Die Luftfahrzeuge können aber ungehindert die vorderen Truppenabteilungen überfliegen, und die Masse des feindlichen Heeres austuchen und fest- stellen.
In zweiter Linie können die Luftfahrzeuge als Waffe zum eigentlichen Kampfe benutzt werden, dabei ist zunächst an das Abwerfen von Explosivstoffen in der Form von Bomben, Handgranaten, Lufttorpedos und dergleichen zu denken In technischer Hinsicht bieten sich keine unüberwindlichen Hindernisse. Die Tragkraft auch der Flugzeuge ist so gesteigert, daß sie beträchtliche Mengen dieser Zerstörung srnittel mit sich führen können. Es find auch besondere Abwurfvorrichtungen aebaut, mit denen eine gewisse Sicherheit des Zielens uno Treffens erreicht wird. Tatsächlich beabsichtigen auch die Franzosen, mit den Flugzeugen unmittelbar nach ausgesprochener Mobilmachung oie Grenze zu überfliegen, um die deutsche Mobilmachung und den deutschen AusmarU) üachbaltig zu stören. Beides beruht bei uns auf den Eiseno ah nen; von ihrem ungestörten Betrieb ist die Sicherheit des Aufmarsches abhängig. Eine Zerstörung der Bahn auf offener, freier Strecke bietet wenig Aussicht. Dagegen kann die Zerstörung von Kunstbauten den Betrieb auf längere Zeit lahm legen. Hierbei kommen in erster Linie die Rheinbrücken in Betracht, über die der gesamte Verkehr aus dem inneren
Deuftchland nach der bedrohten Westgrenze geleitet wird. Da im ganzen nur acht solche Brücken vorhanden sind, ist es klar, von welchem Einfluß die Zerstörung von einer oder mehreren von ihnen auf die Eisenbahntransporte fein muß. Der General Maitro tt, der ehemalige Stabschef des 6. Armeekorps in Chälons, hat in einer Studie über den Zukunftskrieg ausdrücklich auf ein solches Verfahren hingewiesen. Aber nicht nur die Rheinbrücken, sondern auch die Brücken über die Mosel, Nahe, Saar, Main und anderer Flüsse, ferner Ueberführungen über die Bahnen, wie sie im Westen Deutschlands häufig vorkommen, auch die größeren Bahnhofsanlagen selbst sind die gegebenen Angriffsobjekte der französischen Luftflotte.
Wenn wir eine derartige Verwendung der französischen Luftflotte als feststehend annehmen, müssen wir uns schon im Frieden überlegen, wie wir uns am besten dagegen sichern können. Alle Kunstbauten in den Grenzprovinzen sind durch besondere Befestigungsanlagen gegen das Vorgehen feindlicher Kavallerie und kleiner Streifabteilungen gesichert. Dies genügt aber jetzt nicht mehr. Sie müssen auch gegen Zerstorungsversuche von oben gedeckt sein. Die Ausführung dieser Verteidigungseinrichtung ist allerdings sehr schwer und noch nicht endgültig gelöst. Da die Luftfahrzeuge weder durch Jnfanlerieseuer noch durch Feuer aus gewöhnlichen Geschützen zerstört werden können, bedarf es der Aufstellung besonderer Ballon -Abwehrkanonen an allen diesen gefährdeten Punkten. Sie müssen schon im Frieden sich an Ort und Stelle befinden, da nach den letzten Erfahrungen mit einem Ueherfall als Feldzugseinleitung gerechnet werden muß. Auch die Bedienungsmannschaft muß schon bei drohender Kriegsgefahr sich in unmittelbarer Nähe befinben. Außerdem müssen entlang der feindlichen Grenze zahlreiche F l u g ft a t io nen errichtet werden, in denen Fliegerabteilungen mit ihren Maschinen untergebracht sind. Die Flugzeuge müssen durch Aufstellung von Maschinengewehren und Ausrüstung mit Handgranaten zur Bekämpfung der feindlichen Luftflotte eingerichtet fein. Jeder dieser Stationen ist ein besonderer Abschnitt zur Bewachung und Sicherung zuzuweisen. Aehnlich wie bei Kriegsausbruch die Landesgrenze auf dem Erdboden durch besondere Truppenabteilungen ständig bewacht und gesichert wird, müssen es auch die Flugzeuge in der Luft tun. Sowie feindliche Luftfahrzeuge versuchen, die Grenze zu überschreiten, muffen unsere Flugzeuge dagegen Vorgehen, sie an- greisen und zu zerstören suchen. Nur auf
diesem Wege wird es möglich sein, die weiter
rückwärts befindlichen Kunstbauten $u sichern, und zugleich die eigenen Maßnahmen vor feindlicher Erkundung zu verschleiern. Dies alles weist auf einen möglichst umfangreichen Ausbau unserer Luftflotte hin. Dies ist wichtiger als eine Vermehrung der Kavallerie und Ausstellung neuer Stäbe und Truppenteile. Wir müssen eben mit dem Luftkrieg als eine feststehende Tatsache rechnen, die beizeiten uns die Mittel zur Durchführung dieses Kampfes sichern.
Der proteftoratsoertrag über Marokko.
Aus Fez wird vom 1. April gemeldet: Der Vertrag betreffend das Protektorat umfaßt sieben oder acht Artikel. Der Sultan unterzeichnete den Vertrag eigenhändig. Es geht das Gerücht, daß der Sultan am ersten Tage nicht geneigt Ivar, zu unterzeichnen, aber später keine Schwierigkeiten machte. Der Text, den Regnault aus Paris mitgebracht hatte, blieb unverändert.
Der „Agencc Havas" wird noch ans Fez gemeldet: Der Protektoratsvertrag erklärt, daß Frankreich und Marokko übercingcTonnnen sind, ein neues Regime zu errichten. Der Vertrag erklärt sodann Freiheit der Religion und gibt Frankreich das Recht, der militärischen Besatzung unter dem Gesichtspunkt der Aufrechterhaltung der Ordnung in allen Punkten, wo sich dies als notwendig erweisen sollte. Die Besetzung sei dem Sultan vorher zu notifizieren. Der Vertrag spricht weiter davon,
daß dem Sultan zur Aufrechterhaltung seiner Autorität Unter- slützung zu geivährcn sei. Er setzt die Vollmachten des General- residenten fest, er ordnet die diplornatisckie Vertretung MaroNöS durch Frankreich, gibt die Grundzüge einer stnanziellen Neuordnung und untersagt die Aufnahme von Anleihen ohne Zustimmung der franiöfifeben Regierung.
Präsident Falliörcs hat dem Sultan telegraphisch feine Glückwünsche zum Abschluß der Untcrlxtnbluugcn ausgesprochen und ihn zugleich der Unterstützung FranNcickis versichert. . 1 1 1 i
vom italieiwch-lürrischen Nrieqzschauplah.
Peri m, 2. April. Das italienische Kriegs sch ifi „Piemont e" kündigte offiziell vom 1. 2lpril die Blockade für die Häfen Loheia und Kamera, zwei bedeutende internationate Pilgcrstationen, und von Salif, wo sich türkische Salzbergwerke befinden, an.
Die Italiener hielten den britischen Dampfer „W o o - d o o ck" in der Nähe von Loheia an und brachten ihn nach Massaua. Tie Italiener zerschnitten bas Kabel zwischen der Insel Kamara und unf) dem arabischen Festlande.
Tripolis, 2. April. In der gestrigen Nacht rückten ctiva 100 Mann Araber gegen Ain Zara vor und beschossen ein Fort, wurden aber bei dem Licht der Scheinwerfer durch Kanonenschüsse verjagt.
Tobruk, 2. April. Auch gestern versuchten Türken und Araber wiederholt, die Italiener bei den Arbeiten an dem neuen Fort durch Gewehrfeuer zu hindern, wurden aber jedesmal durch Artillerie- und Gewehrfeuer der italienischen DeckungSlruvoen zurückgewiesen. Sie hatten Verluste zu verzeichnen, trotzdem sie sich in gedeckten Stellungen zu halten bemühten. Aut italienischer Seite wurde nur ein Soldat leicht verletzt. Die Bau- arbeitcn konnten ohne Unterbrechung weitergcführt werden.
Aus heften.
Die Landesausschuhsitzung der nationalliberalen Partei.
Die Veröffentlichungen in verschiedenen Blättern über die Vorgänge in der Landesausschußsitzung der hessischen nationalliberalen Partei am Sonntag, 31. v. Mts., in Darmstadt haben den Vorsitzenden der Partei veranlaßt, folgende Erklärung abzugeben:
„Tic streng vertraulich geführten Verhandlungen des Landcsausschusses der hessischen natronalliberalen Partei sind in dem offiziellen Versammlungsberichte in ihren Ergebnissen dar- gestellt. Tie „Kölnische Zeitung" und jetzt auch ausführlich die „Frankfurter Zeitung" und das „Mainzer Tagblatt" geben Einzelheiten über die Verhandlungen, die über die Grenzen des offb zielten Berichtes weit binausgehen.
Ta die Geheimhaltung der Verhandlung nachdrücklich betont wurde, halten wir uns nicht für befugt und sehen-uns nicht veranlaßt, Einzelheiten derselben mitzuteilen uno müssen den genannten Blättern die Verantwortung für ihr Vorgehen überlassen."
Deutsches Reich.
Die Berliner „Morgenpost" meldet aus Luzern: Kaiser Milhelm wird am 7. September hier übernachten und am nächsten Vormittag in Begleitung des Bundespräsidenten Forrer nach Fluelen fahren, von wo ihn der Landamtmann von Uri und der Präsident der Tellspiele zum Tell-Spielhause geleiten werden.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Der Bundesrat gelangte vor Eintritt in die Osterpause zu einem Einverständnis auch über die Deckungsvorlage Ter für die neuen Wehrforderungen hiernach aufzustellende Gesetzentwurf zur Abänderung der Kontingentbestimmungen des Branntweinsteuergefetzes wird binnen kurzem seine formale Ausgestaltung erhalten. Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß er dem Reichstag bei feinem Wiederzusammentrilt nach Ostern gleichzeitig mit den Wehrvorlagen zugehen »vird.
Ter Vorstand des Wahlvereins der Fortschrittlichen Volkspartei des 2. olden burgischen Wahlkreises bittet um Veröffentlichung folgender Erklärung: Alle bisher verbreiteten Nachrichten über den Nachfolger Trägers
Nietzsche; Soldakenjahre.
Von Elisabeth Förster-Nietzsche.*)
Ich gestehe, daß, wenn ich meinen Bruder im Morgengrauen in der Drnllichjacke sich zu feinem Pferd in der Artüleriekaferne begeben sah, ich mich ordentlich gedemütigt fühlte; doch mußte er nur die ersten sechs Wochen fein Pferd selbst besorgen, dann durfte er sich einen Burschen iPutzkameraden) halten, der ihm die unangenehmsten Seiten seines Dienstes abnehmen konnte. Mein Bruder selbst aber überwand den Wechsel und den schwierigen Zustand mit Tapferkeit und Humor, was sich besonders in einem Brief an Rohde ausspricht. Er schildert da zunächst seine Anwesenheit bei dem Philologentag in Halle und fährt dann fort:
,Za, mein lieber Freund, wenn Dich ein Dämon einmal in einer frühen Morgenstunde, sagen wir zwischen fünf und sechs, nach Naumburg geleiten und gefälligerweise die Absicht haben sollte. Deine Schritte in meine Nähe zu lenken: so erstarre nicht über das Schauspiel, das sich Deinen Sinnen bar? bietet. Plötzlich atmest Tu die Atmosphäre eines Stalles. Im halben Laternenlichte erscheinen Gestalten. Es scharrt, wiehert, bürstet, klopft um Dich herum. Und 'mitten brüt, im Gewanbe eines Pferdeknechtes, heftig bemüht, mit den Händen Unaussprechliches, Unansehnliches wegzutragen, oder den Gaul/mit der Striegel zu bearbeiten — mir graut es, wenn ich sein Antlitz sehe — es ist beim Hund meine eigene Gestalt. Ein paar Stunden später siehst Tu zwei Rosse auf der Reitbahn hcrum- ftürmen, nicht ohne Reiter, von denen der eine Deinem Freunde sehr ähnlich ist. Er reitet feinen feurigen, scbivungvollen Balduin und hofft einmal gut reiten zu lernen, obschon ober vielmehr weil er jetzt immer noch auf der Decke reitet, mit Sporen und Schenkeln, aber ohne Reitgerte. Auch mußte er sich beeilen, alles zu verlernen, was er in der Leipziger Reitbahn gehört hatte und vor allem sich mit großer Anstrengung einen sicheren und reglementsmäßigen Sitz aneignen. Zu andern Tageszeiten steht er, emsig und aufmerksam, am gezogenen Geschütz und hott Granaten aus der Protze oder reinigt das Rohr mit dem
♦) Demnächst wirb im Verlage! von Alfred Kroner (Leidig) ein neues Nietzschebuch von der Schwester des Philosophen erscheinen, „Der junge Nietzsche", dem wir dieses Kapitel entnehmen.
Wischer oder richtet nach Zoll und Graden usw. Vor allem aber hat er sehr viel zu lernen.
Ich versichere Tich bet dem schon erwähnten Hund, meine Philosophie hat jetzt Gelegenheit, mir praktisch zu nützen. Ich habe in keinem Augenblicke bis jetzt eine Erniedrigung verspürt, aber sehr oft wie über etwas Märchenhaftes gelächelt. Mitunter auch raune ich unter dem Bauche eines Pferdes versteckt: „Schopenhauer hilf"; und wenn erschöpft und mit Schweiß beberft nach Hause komme, so beruhigt mich ein Blick auf das Bilb an meinem Schreibtisch: oder ich schlage die Parerga auf, bie mir letzt, samt Byron, sympathischer als je sind."
Fritz versuchte den ganzen Winter hinburch seinen militärischen Dienst mit ben wissenschaftlick«m Arbeiten zu vereinigen, aber allmählich sah er ein, daß eine solche Toppelarbeit fast unmöglich war. Er klagt dem Freunde Rohde: „Elender Mensch sage ich zu mir, du hast nicht zwei Stunden des Tages; und selbst diese mußt du dem Mavors opfern, der dir sonst bas Leutnantspatent verweigert. Ach, lieber Freunb, was ist so ein reitenber unb fahrenber Artilleriste für ein Unglückstier, wenn er literarische Triebe hat! Unser alter Kriegsgott hat eben bte jungen Weiber, nicht alte verschrumpelte Musen gern. Ein Kanonier, der über demokratische Probleme oft genug in der Ka- fernenftube nackchenkt, auf einem schmutzigen Schemel kauernd, indem ihm die Stiebeln gewichst roerben, ist nun einmal em Paradoxon, auf das bie Götter mit Hohn blicken"
Ter Winterdienst ist bei der reitenden Artillerie sehr beschwerlich. Fritz erfüllte aber feine Pflichten mit großem Eifer, unb von allen Seiten, vom Hauptmann, Leutnant, Unteroffizier, hörte man nur Lob über ihn. Taß das Lob der Unteroffiziere ganz unpatteiifch war, wage ich märt zu behaupten. Fritz ließ sie immer auf feine Kosten frühstücken, was ihre Herzen sehr erwärmte unb sie öfters dazu anstachelte, dem Herrn Freiwilligen etwas Angenehmes zu sagen, hie unb ba in recht brolliger Weise. Als z. B. einer berselben einem Kanonier, ber schon zwei Jahre diente, zum soundsovielten Male eine Einrichtung des Geschützes erklärte, schloß er mit folgenden Worten: „Schulze, Sie sind zu dumm, selbst der Freiwillige Nietzsche hät's schon begriffen"
Eines Abends waren Mama und ich in Gesellschaft, als die Leutnants von meines Bruders Kompagnie sehr beunruhigt zu uns kamen und erzählten, Fritz habe in der Jmtrukttons- stunde zwei Ohnmächten gehabt; wir eilten eftchreckt nach Hause unb fanden ihn sehr krank unb schwach. Zwei Tage vorher war
ihm ein Sprung auf sein Pferd (eines der unruhigsten unb feurigsten Tier der Batterie) mißlungen. Er war hart mit der Brust auf ben Borberzwiesek bes Sattels gestoßen, und hatte in der linken Seite einen heftigen, zuckenden Schmerz verspürt. Trotzdem war er ruhig weiter geritten und hatte auch noch zwei Tage lang den immer stärker werdenden Schmerz ausgehalten Am Abend des zweiten Tages aber kamen jene Ohnmächten/ und den folgenden Tag lag er unter heftigsten Schmerzen und starken Fieber ganz fest und konnte sich überhaupt mdrt mehr bewegen. Bei der ärztlichen Untersuchung ergab es sich, daß er sich bei jenem Anprall an den Sattel zwei Brustmuskeln zersprengt hatte. Infolgedessen war das ganze Muskel- und Bänder^ system entzündet, dazu kam eine sehr starke Eiterung, welche durch die Blutversetzung ber zerrissenen Muskeln herbergeführt worben war. Mein armer Bruder litt unglaubliche Schmerzen, brauchte zum Ausrichten unb Nieberlegen frembe Hilfe unb war so schwach geworden, daß er nach seinem Aufstehen bas Gehen wieder lernen mußte.
Anfang August schreibt er im Uebermut bes ganz Genesenen:. „Heute darf ich Dir und mir gratulieren, Tir als dem glücklichen und vielbewunderten Sieger im akademischen Wettkampfe^ mir, dem endlich Genesenen, von dem bie Engel fingen:
Gerettet ist das edle Glied,
Tas Brustbein, nun vom Bösen, Tas immer strebend sich bemüht. Sich eiternd abzulösen" ... ~
Er erzählt dem Freund sodann, daß sie beide von Frau Fama für Kiel und Leipzig als Privatdozenten bezeichnet und in jenen Städten erwartet würden, fährt aber mahnend unb scherzend fort: „Aber nichts darf uns abhalten, erst nock ein Jahr in Paris zusammen zu verleben: nachher fei es jedem von uns gestattet, auf einer beliebigen Unioerfität beliebige Irrlehren, in beliebige, c,milrf)faugenbe Seelen zu streuen."
Fritz mußte sich doch nock schonen und dürft: nicht daran denken, seine militärischen Dienstleistungen wieder auszimehmen. Obgleich er nur fünf Monate Dienst getan hatte, war er am 1. April zum Gefreiten befördert und erhielt auch die Qualifikation zum Landwehrleutnant, unter ber Bedingung, baß er noch einen Monat im Frühjahr nachdiente, um sich die nötigen Kenntnisse im Gespannexerzi«:en zu erwerben. Zum Abschied von seinem Militärjahr ließ er sich in einer scherzhaften militärischen Haltung mit gezogenem Säbel photographieren, was späterhin


