Ausland.
Die österreichisch-ungarische Regierung bereitet anläßlich der „Titanic"-Katastrovhe einen Gesetzentwurf zur Sicherheit der Seereis enden vor. Jeder Reuende mutz einen Platz im Rettungsboot erhalten, die Angestellten sollen sämtlich ruderkundig sein und jeder Dampser mutz eine Station für drahtlose Telegraphie haben. , t
In der Nähe des tschechischen Dorfes Laska wurden ber einem Zusammen st ost zwischen tschechischen und deutschen Sportsleuten, Radfahrern und Turnern, mehrere Deutsche durch Steinwün'e blutig verletzt. ,
Ter „Malin" meldet aus Marakesch, daß ein bei den Gebr. Mannesmann angesicllter Teutscher namens Opitz, der am 26. Juli außerhalb der Stadt einen Spazierritt unternommen habe, seither verschollen sei. Man befürchte, daß er von Wegelagerern umgebracht worden sei.
Der britische Geschäftsträger in Washington hat dem Staatssekretär Knox mitgeteilt, daß die Regierung von Großbritannien ihrer Note über den Panama-Kanal, die am 8. Juli überreicht wurde, nichts hinzu;ufügen habe. Das wird dahin ausgelegt, daß die britische Regierung vorläufig keine werteren Schritte betreiben will.________________________
Der Einsturz der tandungsbrucke in Binz.
Wie wir schon gestern meldeten, ist das Unglück größer als zuerst angenommen worden war. Bis Montag früh wurden 14 Leichen -geborgen. Da so viele Personen ins Wasser gestürzt waren, die zum Teil zum Pferderennen aus der Umgebung gekommen sein mochten, war es nicht leicht, sofort umfassende Feststellungen zu machen. Bis heute sind die Nachrichten noch nicht abgeschlossen. Der durchs gebrochene Dampfersteg befindet sich am äußersten Ostende der Prinz-Heinrich Brücke und ist ungefähr 10 Meter lang und 2V2 Meter breit. Die Brücke selbst war von über 1000 Personen besetzt, die Bruchstelle von etwa 200, von denen im Augenblick des Zusammenbruches etwa die Hälfte in die See stürzten.
Binz ist der besuchteste Badeort auf der Insel Rügen. Am südlichen Ufer der Prorer Bucht gelegen, von schönen Buchen- und Kiefernwaldungen umgeben, mit Wasserleitung und elektrischem Licht ausgestattet, zählt der Ort heute etwa 1200 Einwohner.
Wir erhalten heute folgende Meldungen:
Ein Augenzeuge.
Greifswald, 29. Juli. Ein Augenzeuge des Binzer Unglücks, der Direktor der landwirtschaftlichen Schule in Eldena Tr. Koch, erzählt: Ich war aus dem Dampfer „Kronprinz Wilhelm". Als der Dampser an der Brücke anlegte, begrüßte ich einige Bekannte. Plötzlich hörte man einen furchtbaren Krach. Man sah große Holzsplitter und zahlreiche Menschen im Wasser. Im nächsten Augenblick waren alle versügbaren Rettungsmittel von den Mannschaften und dem Publikum herangebracht. Wegen der großen Zahl der ins Wasser Gefallenen reichten die Stangen und Haken nicht, so daß viele der im Wasser Treibenden mit der Hand herausgezogen werden mußten. Tie Verunglückten klammerten sich in Todesang st aneinander und wurden dadurch in die Tiefe gezogen. Ich sah, wie eine Frau an der Hand emporgezogen wurde, dann aber ins Wasser zurückfiel. Vermutlich batte ein Herzschlag ihrem Leben ein Ende gemacht. Ein junger Mann aus Greifswald rettete mehrere Personen. Viele Menschen standen dabei, ohne helfen zu können.
Alles war vollgepfropft mit Leuten, besonders auf dem unteren Teil der Brücke. Bisher war es üblich, daß man das Publikum beim Anlegen des Dampfers auf dem oberen Teil warten ließ. Vermutlich trug man gestern dem starken Verkehr Rechnung und gab auch den unteren Teil der Brücke frei. Die direkte Ursache des Unglücks mag gewesen sein, daß der mittlere Balken zwischen den beiden Stützen d n r ch b r a ch.
Putbus, 29. Juli. Nach Meldung des hiesigen Kreisblattes befindet sich unter den bei der Landungsbrücke bei Binz ertrunkenen Personen auch der Polizeibeamte P a e p e r, der das Ein- und Aussteigen überwachte. Eine Mutter, die ihren einzigen 16jährigen Sohn verlor, wurde wahnsinnig. Von den geretteten Personen trugen viele schwere Verletzungen davon.
Die Namen der Verunglückten.
Bisher wurden folgende Namen der Toten festgestellt: 1. Frau A ß m a n n (Wohnort unbekannt!, 2. Kind Hans Mauersberge r - Radeberg, 3. Frl. Marie Springer-Greifswald, 4. Frl. Änni Wieprecht - Greifswald, 5. Kapellmeister Wohle- Greiz, 6. Frau Elise Heyer, 7. Kind Gertrud Heyer, beide aus Kalkberge, 8. Drogist Ziegler- Steglitz, 9. Gemeindediener P ae- ver-Binz. Die übrigen Leichen sind noch nicht rekognosziert. Die Baüeverwaltung vermutet, daß alle Leichen geborgen sind. Sämtliche Ertrunkene sind in die Leichenhalle gebracht worden.
Der Unfall dürfte nach Ansicht der Badeverwaltung auf den Bruch eines Balkens zurückzuführen sein, der vor sechs Wochen von einer Greifswalder Firma neu eingesetzt war. — Gerichtliche Untersuchung ist eingeleitet.
Binz, 29. Juli. Die bei dem Unglück getötete Frau Aß- mann stammt aus Blasewitz.
Nach einer weiteren Meldung wurden nochzwei Tote rekognosziert, eine Frau Tegge - Bergen und Hausbesitzer Mitt Zarnekow bei Greifswald. Bis 11 Uhr wurden ferner beim Polizeipräsidium als vermißt gemeldet: Ratsherr Nofske, der Inspektor des Taxameterdepots Mannegel und Frau Telegraphenassistent W e p n e r und Tochter.
Binz, 29. Juli. Marineboote und Taucher suchen die Unsallstelle und die Umgebung ab. Von den Geretteten sind mehrere verletzt, die in Hotels, Pensionen und bei Badeärzten untergebracht sind, da ein Krankenhaus nicht vorhanden ist.
Eine weitere Meldung spricht davon, daß niemand mehr vermisst werde. Wie kann man das aber behaupten, da man nicht weiß, wer aus den umliegenden Ortschaften auf der Brücke gestanden hatte!
,Bins, 29. Juli. Die Marinetaucher haben ihre Arbeit eingestellt. Es wird niemand mehr vermißt. 14, nicht 22 Personen find im ganzen umgekommen Außer den bereits gemeldeten 11 sind nod> Fräulein Anna Schievelbein aus einer Ortschaft bei Stralsund, Frau Mina Kupfer geb. Wiese aus Greifswald sowie Fräulein Gertrud W e p n e r aus Greifswald ertrunken. Für die Verletzten besteht keine Lebensgefahr, sie befinden sich auf dem Wege ber Besserung.
Die Untersuchung.
Binz, 29. Juli. Heute nachmittag sind Regierungspräsident Blomeyer, Regievungsbaurat Hentschel, Baurat Westphal aus Stralsund und Staatsanwaltsck>aft rat v. S ch r a m m aus Greissrvald zur Untersuchung des Unglücks hier eingetroffen.
Greifswald, 29. Juli. Nach der von der Firma Heinrich Spüth-Greifswald gegebenen Darstellung ist die von ihr im Jahre 1905 erbaute Binzer Brücke durch Eistreiben im vergangenen Winter beschädigt worden. Eine Abnahme der Reparaturarbeiten durch die Wasserbauinspekiion, die gesetzlich nicht vorge- schrieben ist, hat nicht stattgefunden. Durch die 9? 0 r o« (türme der letzten Tage ist die Brücke vermutlich sckmd- haft geworden. Einige Bolzen haben sich wahrscheinlich gelöst, so daß der dem Anschein nach in Frage kommende Mittelbatten nur an einem Bolzen gehangen haben kann Infolge des gestrigen großen Andranges dürfte der Bolzen nachgegeben haben, wodurch das Unglück herbeigeführt wurde.
Schadeuerlatzaafprüche an die Badeoetwaltuog.
Greifswald, 29. Juli. 36 der bei Binz Geretteten hielten heute abend eine Versammlung ab. Sie spendeten dem Heldenmut der Matrosen alles Lob, bemängelten aber die Regelung des Zuganges zu der Brücke, deren Konstruktion sowie das Verhalten des Führers des „Kronprinz Wilhelm". Tie Versammlung beschloß, an die Badeverwaltung Schadenersatzansprüche zu stellen. Die Versammlung machte auch dem Gemeindevorfland Vorwürfe, weil zu wenig Beamte und zu wenig Rettungsgürtel auf der Brücke vorhanden gewesen seien. Tie Brücke selbst müßte verstärlt werden. Ter Gemeindevorstand sagte Abhilfe zu. Es wurde auch der Beschluß gefaßt, für die Retter, die Hinterbliebenen und die Witwe des Gemeindedieners eine Sammlung zu veranstalten. Ter Regierungspräsident hat heute die Anordnung aetroffen, Verquerungen in die Brücke einzuziehen und den Anlegesteg mit einem Geländer zu versehen.
Die Badeverwattung ist, da die Gebrechlichkeit der Brücke festgestellt wurde, von Schuld nicht sreizusprechen. Im Grunde hat eine solche Badeverwaltung doch nur wenig zu tun. Ihr obliegt es nicht nur, die Kurtaxengelder zu sammeln, sondern ihre Haupttätigkeit sollte gerade daraus gerichtet sein, für die Sicherheit der Badegäste zu sorgen. Hoffentlich werden ähnliche Verwaltungen aus dem Unglück die entsprechenden Lehren pichen. Aber auch das Verhalten des Publikums gibt wieder einmal zum Kopfschütteln Anlaß. Als der einstürzende Teil der Brücke mit den Verunglückten bereits im Wasser schwamm, als man wissen konnte, wie weit die Gefahr reichte, oder doch, daß vorne die Gefahr, hinten die Rettung und Sicherheit war, da drängten nach den Berichten der Augenzeugen fortgesetzt die Leute nach vorne und stießen noch Dutzende ins Meer. Wer vielleicht wirklich schon helfen wollte, wurde von den Kopflosen erdrückt und mitgerissen, und unten im Wasser klammerten sich die Verunglückten in ihrer Todesangst aneinander und wurden dadurch in die Tiefe gezogen.
Tie Panik hatte wieder einmal die Regie des Dramas übernommen! Und es hat sich leider wieder das erwiesen, was man die „ungünstige Psychologie der Masse" nennt, eine außerordentliche Kopflosigkeit bei fast allen Beteiligten, ein Mangel an Geistesgegenwart und Hilfsbereitschaft, wie ihn der einzelne von sich sicherlich nicht glaubt, den er aber zweifellos aufweist, wenn er als Teil in einer vielköpfigen Menschenmasse steckt.
Tie einzigen, die bei dem großen Unglück zuerst handelnd eingrissen und dadurch das Rettungswerk in Fluß brachten, waren Offiziere und Soldaten, also Männer, die durch Pflicht, Beruf und Gewöhnung ein entschlossenes und rasches Handel'.! selbstverständlich finden. Die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Hochseeflotte hatten kaum gesehen, was sich da zugetragen, als sich ihr Schrecken auch sofort in ein planmäßiges, wetteiferndes und incinaiidergreifendes Wirken umsetzte. Das gute Beispiel rief hilfsbereite Zivilpersonen hinzu, und schon kamen auch die Militärärzte mit den Sauerstoffapparaten herbei, um ins Leben zurückzurufen, was noch Odem hatte. Auf der einen Seite also die vom Schrecken narkotisierte, wie toll tziewordene Masse, touf der andern Seite einige wenige, die sofort handeln und helfen. Diese einigen wenigen sind es überall, die durch ihre Geistesgegenwart einen Teil der Riesenschuld abtragen, die durch die allgemeine Kopflosigkeit gehäuft wird. Die Eingliederung ist die Menge lähmt die Selbstbestimmung des einzelnen, schaltet das Verantwortlichkeitsgesühl aus. Man Hilst nicht, weil man sich daraus verläßt, daß andere Helsen. Man bleibt stehen, weil andere stehen bleiben; man drängt, weil andere drängen. So entsteht ost aus einem unter Umständen kleinen Unglück eine furchtbare Katastrophe. Wir haben vor einigen Wochen darüber berichtet, daß einige Burschen in der Nähe von Berlin ein badendes Mädchen belästigten, so daß es um Hilfe rufen mußte. Die Burschen stießen die Hilflose immer weiter ins Wasser hinein. Als ein Offizier in einem Kahn zur Hilfe herbeieilte, erhielt das Mädchen noch einige Stöße und versank. Auch hier hat wohl jeder der Burschen die Verantwortung dem arideren zugedacht, und wenn es sich von Haus aus gewiß um verrohte Gesellen handelte, so hat ihre gemeinsame Uebeltcrt ihnen den Rest von Menschlichkeit und lieber- legung geraubt. Das ist auch ein Beitrag zur Beurteilung der Masseninstinkte, die oftmals, wie mit Recht z. B. bei der nationalen Zeppelin-Spende, als löblich gepriesen iv-er- ben. Eine entzündete oder entfesselte Menge ist vorn Standpunkt der Ethik aus doch meist eine fragwürdige Erschein nung.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 30. Juli 1912.
• • D i e Großherzogin kam gestern mittag 12 Uhr hierher und besichtigte unter Führung be6 Prof. Tr. Koeppe die Kinderklinik. Die Abfahrt erfolgte um 1 Uhr.
* * Pfarrpersonalien. Der Großherzog hat bem Pfarrverwalter Gustav Rörnhelb zu Treicichenhain die cvgl. Psarr- stelle daselbst übertragen.
* * Steuerpersonalien. Der Großherzog hat den Revisionskontrolleur bei bem Hauptsteucrarnt Mainz, Karl Carl zu Mainz, zum Steuerkontrolleur ernannt.
•• D le Verteilung der Weinbau gebiete in Hessen. Im ganzen sind in Hessen 57 776 Morgen Land mit Weinreben augepflcmzt. Am meisten besitzt die Provinz Rheinhessen mit 55464 Morgen. Von diesen fallen die meisten auf den Kreis Oppenheim, nämlich 17 400 Morgen. An zweiter Stelle steht der KreiS Bingen mit 13 180 Morgen. Ter Kreis WormS hat 10488 Morgen, der Kreis Alzey 10096 Morgen und ber Kreis Mainz nur 4300 Morgen. Die Provinz Starkenburg besitzt im ganzen nur 2304 Morgen Weinberge. Davon entfallen auf den Kreis BenS- heim 1316 Morgen, auf den Kreis Heppenheim 808 Morgen, auf den Kreis Dieburg 148 Morgen und auf die Kreise Darmstadt und Groß-Gerau je 16 Morgen, lieber» Haupt keine Weinberge besitzen die Kreise Erbach und Offenbach. Ob er Hessen besitzt nur 8 Morgen, die im Kreise Büdingen liegen. In den übrigen Kreisen trifft man den Weinstock nur als Zierpflanze an.
"TerAllgemeineVcrcinfürArmcn-und Ä rankenpflege hat auch im letzten Geschäftsjahr, wie aus dem von Kirchenrat D. Schlosser auf der Jahresversammlung erstatteten Jahresbericht hervorgeht, in den gewohnten, altbewährten Bahnen weiicrgearbeilet und den Armen und Kranken unserer Stadt viel Liebe und Hilfe gebracht. Verschiedene lctztwillige Zuwendungen und Schenkungen sind ihm wiederum zugeflossen. 112 Per
sonen wurden mit Lebensmitteln, Brennmaterial oder barem Geld unterstützt. Sehr segensreich wiriie die K r i p p e im Schwesternhaus für kleine Kinder; älteren Kindern wurde die Aufnahme in die K l e i n k i n d e r s ch u l e ermöglicht. Tie Schwestern pflegten in beinahe 700 Familien und machten 13500 Besuche. Im Schwesternhaus selbst wurden 600 Kranke verpflegt. 39 stellenlose Dien st- Mädchen fanden im Marlhahaus vorübergehend Auf-' nähme. In der Waisenpf lege wurden 31 Kinder beaufsichtigt An die Stelle von Rcchnungsrat Wilker, der aus Gesundheitsrücksichten die Rechnungsführung niederlegen mußte, wurde Finanzaspirant Freundlieb gewählt; an seine Stelle als Vorstandsmitglied Fabrikant Troß. Außerdem wurde Pfarrer Ausfeld neu in den Vorstand gewählt. Für den Mobilmachungsfall erllärt sich der Verein dem Roten Kreuz gegenüber bereit, 20 Betten im Schwesternhaus zur Pflege Verwundeter zur Verfügung zu stellen.
•• Durch den Amtsgerichts - Neubau ift ber Beginn des Wiesenweges nach bem Philofophenwalde nicht mehr gangbar. Die Verbindung wird durch den Hof beS Fuslizgebäubes hergestellt, worauf hingewiesen sei.
•• Silberne Hochzeit feiern heute KreiSamtSbiener Georg Scbröbel und Gbcrrau.
** Arbeitseinstellung. Eine Anzahl beim Straßenbau in ber Walltor st raße beschäftigte Arbeiter stelltep gestern bie Arbeit ein und verlangten höheren Stundentoün. Abenbs kam es zu einer Rauferei jroifchcn den Arbeitern, wobei die Polizei einschreiten mußte. Zwei Arbeiter, die trotz polizeilicher Verwarnung die Ruhestörung fortsetzten und einen Meufchen- auflauf verursachten, wurden festgenommen und in das Polizei- Gefängnis abgeführt.
Landkreis Gießen.
— Reiskirchen, 28. Juli. Das heute hier gehaltene MiffionSfest nahm bei günstigem Wetter und zahlreichem Bestich einen schönen Verlaus. Die Festpredigt hielt Pfarrer Strack auS Echzell, ein Reiskirchener Kind. Fesselnde Bilder auS dem Leben der Heidenwelt bot der Bericht deS Missionars Rüger auS Leipzig. Daran schloß eine Ansprache von Pfarrer NieS auS Melbach. Der Posaunen- chor von Beuern und der Kirchenchor von Burkhardsfelden taten zur Verschönerung des Festes in dankenswerter Weise das ihre. Die für Leipzig bestimmte Kollekte ergab 140 Mk.
Kreis Büdingen.
)(' A u s Bad Salzhausen, 29. Juli, schreibt man un5: In der oberen Wandelhalle der Bäder ist gegenwärtig eine kleine Ausstellung Oberhessischer Künstler zu sehen. Maler F r i e ß - Ortenberg ist durch eine Anzahl sehr hübscher und farbenfreudiger Landschaften vertreten. Seine lieblichen Felder, Wiesen und Wälder leiten den Blick in entzückende sonnige blaue Fernen. Von ganz intimen Reiz sind seine farbigen Zeichnungen, Aussämitte malerischer Gassen und Winkel aus Ortenberg und Umgebung. Bildhauer K ö d d i n g - Gelnhaar zeigt einige Porträt Büsten und Plaketten, ferner kleinere Figuren und Gruppen, Menschen bei der Arbeit, von herber, großzügiger Charakteristik. Ebenso versteht er es wieder Kindersiguren von außerordentlichem Liebreiz zu schassen. Das Porträt eines sitzenden Mädck»ens in Tcrracotta ist von bezaubernder und graziösester Anmut. In seinen Kohlezeichnungen läßt uns Pfarrer Man ns selb schwere, düstere Herbst- und Abendstimmungen seiner Westerwälder Berge wahrhast miterleben. Frl. Minna Web er-Lick bringt einige Blumen stücke und ihr bestes gibt sic in einem Bild „Eva", besten poetische Stimmung seelisch mitempsunden sein will. Eine'Anzahl ihrer beliebten Keramiken zeigen sie auf einem anderen ArbeitSgetxn. Tie Ausstellung ist noch etwa drei Wochen jeden Tag unentgeltlich zu besichtigen und ein Besuch kann empfohlen werden.
Kreis Alsfeld.
w. Alsfeld, 29. Juli. Heute fand der weit über die Grenzen Alsfelds hinaus bekannte Alsfelder Prämienmarkt mit Verlosung statt, der sich allmählich zu einem der bedeutendsten Pserdemärkte Oberhest'cns entwickelt hat und mit dem zugleich eine Volksbelustigung verbunden ift Der Markt erfreute sich dieses Jahr eines außerordentlich regen Besuch. An Prämien allein für Pferde kamen ctioa 1200 Mark zur Verteilung. Tie Prämiierungskommission unter dem Vorsitz des Oberlandesstallmeisters v. Willich und den Mitgliedern Frhr. von Riedesel zu Stockhausen, Graf Erbach, SDetonomierat Muller- Neuhof hatte reichliche Arbeit zu bewältigen. Mittags fand in der städtischen Turnhalle ein von der Stadt Alsfeld den Preisrichtern und Kommissionen gegebenes Festessen statt, bei dem Bürgermeister Tr. B ö l s i n g namens der Stadt die erschienenen Gäste begrüßte und die Festrede lyteh. Sie klang in ein Hoch auf die Teutsche Landwirtschaft aus. Namens der Regierung sprach Kreisamtmann Tr. S e y f e r t h, der das Hoch auf den Landesherrn ausbrachte. Oekonomierat Korell, Vizepräsident ber Zweiten Kammer, bankte namens der Lanbwirtschastskammcr ber Stadt Alsfeld und ihrer Verttetung. Oekonomierat Müller- Neuhoi sprach namens des Landespferdezuchtvereins und feierte die Oberhessische Pferdezucht. Nach Beendigung des Essens begann unter starkem Andrang die öffentliche Verlosung in der Turnhalle, die namentlich schöne lebende Gewinne aufwies.
Starkenburg und Rheinhefsen.
= Tarrn stabt, 29. Juli. Die „Freie Vereinigung Darm» ftäbter Künstler" veranstaltet in biesem Jahre roieber eine Ausstellung, unb zivar eine Jubiläumsausstellung beson- bercr Art. Sie feiert den 7 0. GeburtstagEugenBrachtS, ihres Seniors und Ehrenmitgliedes. Während in Dresden die Ausstellung der Brachtschüler kürzlich geschlossen wurde, ist in Darmstadt in dem von Olbrich geschaffenen Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe die erste große Ausstellung des Lebenswerkes Eugen Brachts selbst am 20. Juli eröffnet worden. Tie Ausstellung ist ungemein reizvoll für den Liebhaber der zeitgenössischen Kunst, für den Kunsthistoriker und nicht zuletzt für den Käufer und Sammler. Was ihr besonderen Wert verleiht, ist die Anwesenheit einer großen Anzahl völlig unbekannter Werke, die -um Teil jahrzehntelang in Privalbesitz verborgen waren und jetzt bereitwilligst zur Vcrsügung gestellt worden sind, dann aber auch eine überraschend große Zahl von Arbeiten — größeren und kleineren — aus dem Atelier des Künstlers, die noch kaum jemand gesehen. Daneben bekannter Werke aus staallichen und städtischen Galerien Teutschlands und des Auslandes, Zeichnungen, Ülguarelle, Radierungen, Lithographien. Alles in allem über 400 Werke, die Ernte einer Arbeit von fünf Jahrzehnten, die Gesclnchte der Entwickelung eines Künstlerlebens, die sich in den prächtigen Räumen ganz nmndervoll repräsentiert. Tie weitaus «Trößte Anzahl ber ausgestellten Werke ist verkäuflich, so baß sich für Sammler unb Galerien eine überaus günstige Gelegenheit zum Erwerb Brachtscher Bilder bietet.
Hessen-Naffau.
w. B iebrich, 29. Juli. Ter 70 Jahre alte In- valibe Heller sprang gestern von der Kaimauer am Groß- herzoglichen Schloß in den Rhein unb ertrank. Der Grund zu der Tat ist Lebensüberdruß.
Frankfurt«. M., 29. Juli. Tie beutsch-arnerr» kanifchen Lekncer und Lehrerinnen trafen heute nachmittag auf ihrer Deuffchlanbreise hier ein unb würben am Haupt« bnbnbofe von bem Ortsausschüsse unter Führung von Direktor Walter willkommen geheißen. Nach einer zweistündigen Paule, in der die Gäste mit ihren Ouartieren bekannt gemacht wurden, begann eine Besichtigung der hervorragendsten Schulbauten des Westendä und des Senckenbergmuseums. Hieran schloß sich in


