162. Jahrgang
Drittes Blatt
M. 259
Erscheint tiolich mit Ausnahme des Sonntags.
Zum Resormationsfest.
*) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr.
Kleider aus Glas, Eisen und Papier.
für die ganz weil
künftig öffentliche Tanzlokale nach 10 Uhr nur dann besuchen, wenn sie in Begleitung einer für sie verantwortlichen Person kommen. Der Besuch von >rincmatographcnlhcatcrn ist jungen Leuten unter 16 Jahren nach 7 Uhr überhaupt verboten.
Es war fern von der Heimat, im nordfranzösischen Departement Somme, als wir durch die Kathedrale von Amiens schritten. Alles an diesem Bauwerke strebt nach oben, die Türme, die Spitzbogen, die schlanken Pfeiler, )ie die Wölbung tragen. Die Steinmassen sind vergeistigt: ,on der mit Figuren reich geschmückten Fassade bis zu dem idreuz des Hauptturrnes ein mächtiges sursum corda. auf- ! Durch wundervoll bemalte Fenster fällt
Samstag, 2. November 1912
Rotationsdruck und Verlag der Brübl'scheu Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
lognac?
isme\chnete$ Ionen, die bei g oder aus Vein n sind, heree« Cognac in Ge- isammensetzung nk, das Jeder- und billig selbst r. Mellinghoffs ssenz ges. ge* Ir. 125182.
. Versuch! Miss- ilossenl Erhält-
ff. Neue Damenyandtafchen. Die an einer Kordel über die Schulter getragene große Tasche hatte sich bald überlebt. An ihre Stelle ist eine Tasche getreten, die die Form cmes Briefumschlages zeigt, und die man an einem kurzen Lederbandc, einer seidenen Kordel oder auch einer zierlichen <sifberfcttc trägt. Biel Wert wird aus die „Einrichtung" gelegt, die in einem kleinen Puderkästchen, einem Spiegel und einem Geldtäschchen besteht, so daß dann nod)„ gerade genügend Raum für ein kleines Taschentuch vorhanden ist. Stummes, rauhes Renntierleder ist ein neues Material von bemerkenswerter Weichheit. Häufig sieht man diese Taschen mit Silber- oder Goldverzierungen. Für die Abendtoilette spielt die Tasche natürlich ebenfalls eine große Rolle. In diesem Jahre sind, Perlenarbeiten wieder modern geworden. Sie machen hauptsächlich Taschen aus gestreifter schwarzer Seide oder aus Seide' von einer der Toilette ent sprechenden Farbe Konkurrenz.» Tie eigentlichen Gold- und Silber- loschen sind noch immer sehr modern und werden in immer neueren Formen auf den Markt gebracht. Grüngold ist das neueste Material, das zu ganz seinen kleinen Ringen verarbeitet wird, die nachher mit der Hand zusammengesetzt werden. In den ganz teueren Taschen sind die Maschen so sein, daß der Eindruck erweckt wird, als sei die Tasche nicht aus Metall, sondern aus einer seinen weichen Seide hergestellt. Selbstverständlich ist die Herstellung außerordentlich mühsam und die Preise sind auch dementsprechend. Ist die Tasche noch mit Edelsteinen verziert, so ist sie mit 15 000 bis 20 000 Mark nicht zu teuer bezahlt. Ohne Steinschmuck sind die Taschen natürlich viel billiger, aber ichen feinmaschigen Goldtaschen werden immer- Mark gezahlt. Bescheideneren Ansprüchen wer-
Tie „Hiehtner Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirt,chastlichen 3eit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Zur Handelskammerwahl.
Bei der bevorstehenden Ergänzungswahl zur Handels-- {(immer gilt es besonders für einen der wichtigsten Erwerbszweige unseres Bezirks, die Montan-Jndustrie, wieder eine geeignete Vertretung in der Kammer zu erreichen. Die bergbaulichen Interessen. unseres Bezirks haben im Laufe der' letzten Jahrzehnte einen ganz erheblichen Umfang angenommen, zahlreiche neue Grubenfelder sind erschlossen und in Betrieb genommen, bestehende Bergwerke bedeutend erweitert worden und heute finden viele Hunderte fleißige Hände lohnenden Erwerb in allen diesen Unternehmungen. Die lange Zeit brachgelegenen reichen Bodenschätze unseres Landes 'finden guten Absatz und ganz beträchtliche Sum men kommen an Arbeitslöhnen und Gehältern in den unmittelbaren Geldverkehr unserer Gegend.
In dem leider so früh verstorbenen, verdienstvollen Mitgliede, dem Herrn Bergwerksdirektor Münker, hatte der Bergbau vor Jahren einen ausgezeichneten Vertreter in der Kammer gefunden, der in zahlreichen volkswirtschaftlichen und Eisenbahntarif-Fragen feine ganze Kraft in deren Dienst gestellt hatte. Der Bezirk ist nun in der glücklichen Lage, in dem Leiter des großen Fernieschen Brauneisensteinbergwerks, Herrn Direktor Wenner, einen höchst geeigneten Ersatz für den frei gewordenen Posten zu besitzen und zahlreiche Wünsche dem Bergbau Nahestehender gehen deshalb dahin, diesen Herrn der Wähler- ' schäft zur bevorstehenden Ersatzwahl für Großherzogl. Han delskammer ganz besonders und angelegentlich zu empfehlen. Herr Direktor Wenner steht an der Spitze des größten bergbaulichen Betriebs der Provinz, den er zu hoher Blüte gebracht hat und ist als ein erfahrener und kenntnisreicher Mann weiten Kreisen bekannt, die auch mit« Entschiedenheit für seine Wahl eintreten werden. Die wirtschaftlichen Interessen aller Erwerbszweige gegeneinander • abzuwägen und harmonisch zu vereinen ist eine der vornehmsten Aufgaben der Kammer und au solcher Arbeit getreulich mitzuwirken ist Herr Bergwerksdireltor Wenner durch seine reschen Erfahrungen besonders berufen. Seine Wahl dürste daher mit großer Mehrheit erfolgen. D2/n
Gießen, den 28. Oktober 1912.________
Redaktion, Expedition und Druckerei: Scktul- straße 7. Expedition und Verlag: fc&d 51. Redaltion:S^112. Tel.-Adr.:AuzeigerGießen.
Ter Industrie des 20. Jahrhunderts war es Vorbehalten, aus so unmöglichen Stoffen, wie Stein, Eisen und sogar Glas Kleider herzustellen. Von diesen seltsamen Toiletten, deren Material zu den sonst üblidien Kleiderstoffen in einem großen Kontrast zu stehen id^int, berichtet ein Aufsatz der amerikanischen Zeitschrift „The Jnventive Age". Als die letzte Neuheit in der Tamenmode werden hier Roben aus gewonnen cm Glas geichil- dert. Ti«, Toiletten werden in Weiß, Grün, Lila, Rosa und Gelb angefertigt: bic Stosse sind so weich und zart wie Seide, xic erfte Dame, die diese Mode der Glaskleider mit Begeisterung aufnahm, soll von königlidnm Range sein: die Toilette, die sie trägt, hat eine zarte Lavendelsarbe, in die sich ein feines Rot mischt, und der Glanz, der von diesem Gewand ausgeht, erinnert an das schimmernde Leuchten von Tiamanlenitaub. In Russland iverben Kleider fabriziert, bereit Stosse von ben Fäden eines faserigen Steins aus den Bergwerken Sibiriens hergestellt werden. Ter Stoff soll so daiierhaft sein, daß er buchstäblich unzerstörbar ist. Tas Material fühlt sich weid) an, läßt sich sehr gut falten und leid# verarbeiten. Tic Reinigung .eines solchen „Steinkleides" geht auf ebenso einfache wie radikale Weise vor fid). Ter eton ivirb in Feuer gebracht und kommt völlig fleckenlos und unbeschädigt wieder daraus hervor. Stoffe aus Eisen werden heute überall von Schneidern benutzt, um ben Rockkragen einen guten und straffen Sitz zu Verleihern Tiefe Stoffe sind aus Stahlwolle l>er- gestellt und selben so aus, wie wenn sie aus Pferdehaaren gewoben
U^bcrhaupt wird Metallwolle vielfach für die Herrentoilette verwendet. Ein Wolle genannter Stoff, der ebenfalls mit dem Fell der Schaie nichts zu tun hat, ist die sogenannte „Kalkltein- wolle", die in einem elektrischen Ofen hergestellt ich. Pulverisierter Kalkstein wird, mit bestimmten Eliemikalien vermischt, in den Ösen gebrackst und kommt dann als flaumige, weiße Wolle aus ihm heraus. Diese Wolle wird gefärbt und zu Kleidern verarbeitet. Ein paar Bein Neider oder ein Rock, die aus diesem Kalkstcimwss bestehen, können weder verbrennen, nod) durch Fett beschädigt werden. Andere Neuheiten in Kleiderstoffen sind die, die, aus Tauen gern ad;! sind. Ein englischer Fabrikant stellt Kleiderstoffe aus allen Strecken her. Er ernwrb eine große Menge von alten Stricken und Seilen, wickelte sie auf und ließ sie nadi einem geheimen Verfahren zu einer Art Stoff weben. D-_
fick) als außerordentlich dauerhaft und praktisd), so daß er diese Methode weiter ausbaute. Seine Stosse aus Stricken werden besonders iu den britisd)en Kolonien in Mengen abgesetzt. Stosse aus Papier sind von den japanischen Truppen während des Krieges mit Rußland verwendet worden und haben sich hier viel Prak tischer und ivärmer erwiesen als gewöhnliche Stoffe. In China hat man die Nutzbarkeit des Papiers als Kleiderstoff sckwn seit langem erkannt: in neuester Zeit sollen nun aber auch japanische Toilertenmäntcl, Badelleider und ähnliche Sachen aus Papier in großen Massen nach Europa ausgeführt werden. Tas Material, das man verwendet, besteht aus Makulatur, besonders aus Zeitungen: es wird einem von den Japanern ausgebildeten Prozeß unterzogen, in den verschiedensten Farben gefärbt und mit Hübschei, Blumenmustern bedrudt. Sogar Handschuhe werben aus Papier gemacht: der Hauptvorteil, der ihnen nachgerühmt wird, beucht darin, daß sie, ohne zu leiden, sehr oft gereinigt werden können.
Essenzen weinen, Bowlen, ien, in Flaschen tis den Prospekt: t im Haushalt । :hält, bei unsere ekt Bückeburg.
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Frauen-Feurlletorr.
Nachrichten ans der Frauenwelt.
Mit dem ersten Januar des folgenden Jahres tritt in Paris eine Bestimmung in Kraft, die zur M u 11 c r f ch u tz s r ag e gehört Frauen, bic ihrer Entbindung entgegen)eben, werden von diesem Tage an aus dem Stadtsäckcl eine Unterstützung erhalten. Bedingung ist dabei, daß sie mindestens zwei xsal)re m^ Pans ansässig gewesen sind und daß ihre Manner feinen wahres verdienst von mehr als 1500 Mark haben. — Xie tfraucn- Ausstellung, die im nächsten Jahre tn Amsterdam vom Mai bis September staltfindet, wird von den Holländerinnen, aud) von benen ber Kolonien, reichlich beschickt werden. Unter anderem soll ein Ueberblick über die Entwicklung der hollan dischen Haussrau seit 100 Jahren gegeben werden. In bieicm Teile der Ausstellung sind zwei Häuser vorgochcn, die die Lattg- Icit der holländischen Hausfrau i. I. 1813 und 1913 vonuhren. Ter indischen Regierung sind jüngst verschiedene Gnctzcntwune vorgelegt worden, die sich alle mit einer wichtigen Veränderung der Gesetze über die Eheschließung beschäftigen, xas Heirats- alter der Frauen soll von der Altersgrenze von zwo!) Jahren auf sechzehn binaufgerüeft werden, und einer ber Ge setze^vorschläge will Uebertrctiingen ber Bestimmung logar mit fünf Jahren Gefängnis bestrafen. Tie Regierung ihrer, etts ist auch für eine Erhöhung bes Heiratsalters, jedoch erscheint ihr bas 16. Lebensjahr als zu späte Grenze — In <yranfrcid, lind nach der letzten Statistik 155028 ö-r au eit als Beamte angestellt. Beinahe die Hüllte hervon, genau <0 693, lind in ber Unterrichtsverwaltung tätig, 37120 in der Ge meinde- oder Tcpartemcntsverwaltung, 19 466 bei Post und Lele- iraphie, 15 075 bei ber Finanzverwalttliig. — Xie argcntinndie Gesetzgebung beschäftigt sich gegenwärtig mit einem tzKictzcsvor ichlage über Frauen- und M i n b e r a r b e 11, der grotze Aus sicht auf Annahme hat. Tie Arbeitszeiten Tür Frauen und Kinder Verden dadurch auf sorgfältigste festgcictzt, und für llebcrtrc- hingen sind ganz erhebliche Strafen vorgesehen. ,£>ie__.hc gierung von Üruguat) beabsichtigt von letzt an Frauen im größten Naßstabe zur Arbeit im Staatsdienst c bcranju^iehcn. <stc hat zu diesem Zwecke Sdiulen verschiedener Art tur grauen ein gerichtet, so z. B. eine Schule für -Telegraphistinnen. Ebenfalls sind bic Hochschulen angewiesen, bie grauen in größerem Umfange zum Studium zuzulasfen. —. x>n Eolorad v hat die Stabt Denver soeben eine Polizeiversügung erlasten, iie_ zum Teil recht nachahmenswert eridicint. Sie bezieht )id) auj. ben Besuch von Kinematogravhcntheatern und offent- lichen Danzlokalen. Junge Leute unter 18 Jahren bürten
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefjen
Dermifcbtcs.
kf. Der Krieg unter m Regcnschir m. Der Wetter- umschlag auf dem türkisch- moiitenegrimscheii Kriegsschauplätze, hat, wie der Kriegsforresvondent des „Standard" mittcilt, zu höchst ergötzlichen Szenen geführt. Während nämlid) bisher den Kämpfern Sonnenschein beschieden war, hat plötzlich em heftiger Regen begannen. Aber die lavieren Söhne der schwarzen Berge wußten sich zu Hellen, und der englische Korrespondent behauptet, daß sie auf ihrem Marsche sich unb ihre Kakiuniform durch — Regenschirme gegen das unangenehme Naß schützten. Aber noch mehr! Das ^chnhwerk scheint den meinen von ihnen auf die Teurer unbequem zn werden, und man soll die Truppen mit Schuhen und Stiefeln über den Schultern marschieren sehen können.
* Vorn lustigen John Bull. Die wahre Liebe. Zwei lange süße Stunden waren sic nun verlobt. „Hast Tu jemals einen vor mir geliebt, mein Engel?" flüsterte er ihr ins Ohr. „Nein, Harold," kam es zärtlid) zurück. „Ick; habe oft Männer bewundert, wegen ihrer Straft, ihres Mutes, ihrer Schönheit, ihres Verstandes und anderer Tugenden, aber bei Tir ist nichts davon — nur Siebe!" — Halloh! „Wann kam Wilhelm der Eroberer nach England?" fragt 'der Lehrer im strengen Ton, und nach langem schwerem Stillschweigen befiehlt er: „Macht Euer Bud> auf. Was steht babrin?" „Wilhelm ber Eroberer, 1066." sagt ber Lehrer, „baß hast Du
doch gelernt. Das wußtest Tu doch vorher?" „Ja," antwortet der Junge, „aber ich dachte bas wäre seine Telephonnummer." — A u s ewig getrennt. „Ach, ich wollte Sie nur auf einen Augenblick sehen, meine Liebe," sagt bic Dame unten an ber Treppe zu ihrer Freunbin, bic eben bie Korribortür öffnet. „Aber mein Rock ist so eng, baß ich die Treppe nicht herauf kann, kommen Sie doch runter." „Ich möchte schon," seufzt bic juibcrc, „aber mein neuer Hut ist groß, ba ßich nicht durch die Tür kann." — Das Färbemittel. „Sag mal, Onkel, kann ich mit Whiskv auch das Kleid von meiner Puppe rot färben?" „Aber nein doch, du dummes Ding. Wie kommst Tu denn babrauf?" „Na, Mama lagt dock), vom Whisky wäre Seine Nase so rot." — Der Postillion b’amour. Eines Tages ist der kleine Tommy für einige Zeit verschwunden und als er wieder kommt, fragt seine Mutter: „Wo warst Tu denn mein Liebling?" „Ich habe Briefträger gespielt," sagt der Sileine, überall in den Häusern auf unserer Straße Briese abgegeben, wirkliche Briese." „Ja wo iu aller Welt hattest Du die denn her?" „Ick, habe bloß bic alten aus Deinem Schreibtisch genommen, bie, bic mit rosa Bänbchen zugebunden sinb. . ."
* Eine Schlaue. Braut bes Reisenden: „Aber eins mach ich mir aus, Ewald, sobald wir verheiratet sind, läßt du aut deine Märten drucken: „Ewald Müller und Frau", damit glcick) alle wissen, daß du nicht mehr unverheiratet bist!"
värts die Herzen! Durch wundervoll hemmte Fenster fallt )ad Sonnenlicht in das in reinstem Stil gehaltene Innere. Tie ganze biblische Geschichte von den Erzvätern bis zu der Himmelfahrt Christi ist im Steinwerk bargestellt Tas Leben des Täufers gleitet an uns vorüber, die Legende mit ihrer Freude am Bunten, 'Ißiin'b er baren, Phantastischen kommt zu ihrem Recht in einer Darstellung des Lebens des heiligen Firmin. An den Altären brennen die Kerzen, die wie ein Schwalbennest in die Steinstaub eingebaute Orgel rauscht, im Querschiff knien fromme Beter. Ein Bild des mittelalterlichen Katholizismus, wie man es sich reiner, geistvoller, farbenprächtiger nicht vorstellen kann! Wer wollte leugnen, daß sich in diesem Katholizismus Seelen- lräfte non'unnennbarem Werte auswirken? Das Sichver- senken in den Urgrund aller Dinge, das Streben nach Reinheit des Herzens, die ungeteilte Hingabe an Gott, bie Verachtung dessen, das dem Leben Schmuck und Freude gibt, die Fähigkeit der Selbstverleugnung, oder, wie es im epradwebraud) der katholischen Kirche heißt, der Abtötung, das sind die Seelenkräfte, die in der mittelalterlichen Kirche gewaltet und in den Kirchenbauten dieser Zeit ihren Niederschlag gefunden haben.
Dennoch danken wir am Reformationsfeste Gott, baß er uns Martin Luther geschenkt hat. Sein Ringen um bie Glaubensgewißheit unb um bie Einheit ber Lebens- anfchauung ist das Ringen ber bentschen Nation Ihm haben es Tausende verdankt, daß sie den Mut hatten, in -dem, was ihre Seligkeit betraf, weder die Meinung der Majorität noch bie Meinung ber auf Erden festgefügten Autorität anzuerkennen, daß sie zu ber „Freiheit eines Ehristenmenschen" durchgebrungen sinb unb nur von ber Gnabe Gottes, wie sie uns in Christus eiitgegentritt, leben wollten. Was Luther zu einem Helben stempelt, bas ist sein Gotlvertraueii. Dieses Gotlvertrauen hat er ber beutschen Volksseele eingesenkt. Es gab dem bentschen Bauer nach dem dreißigjährigen SVriege ben Mut, baß er fein nieber- gebranntes Haus lüiebcr aufgebaut unb seinen verwüsteten Äcker wieber gepflügt hat Dieses Gottvertrauen ist burch fromme Dichter in bie Massen bes bentschen Volkes ein- ßcbrungcn. Tausenbe, vor bereu Blicken eine unsichere Zukunft lag, sprachen getrost mit Paul Flemming: In allen meinen Taten laß ich ben Höchsten raten, der alles kann unb hat, unb, wenn bie Auswanberer im 18. und 19. Jahrhundert nach Pennsylvanien unb Argentinien zagen, so erklang in ihnen, was Paul Gerhardt singt: Befiehl bu beine Woge unb was dein Herze kränkt, ber aller- treusten Pflege des, ber ben Himmel lenkt. Das beutfd)e Familienleben bankt bem Reformator seine Innigkeit unb Stärke Seine Auffassung von der Berufsarbeit, als einem gottwohlgesälligeii Werke, hat ungeahnte Kräfte in unserem Volksleben entfesselt. Seine Lieber unb Schriften, darunter an erster Stelle ber unvergleichliche kleine Katechismus haben tiefes, frommes Leben "in Teutfdflanb geweckt.
Schmerzlich berührt es uns am Reformationsfeste, daß sich Lurch Luther unsere Nation in zwei Hälften gespalten hat Es hat an Unionsversuchen nicht gefehlt, schon zu Luthers Seiten haben sie eingesetzt. Heute würben solche Versuche 'denselben Erfolg haben, wie wenn Bertha von Suttner den Bulgaren einen Brief schriebe, sie mochten doch um des Friedens willen die Türken in Ruhe lauen. Dennoch hören wir nicht auf zu hoffen, daß katholische Innigkeit unb evangelische Klarheit, beibe gereinigt von ihren Schlacken, in ferner Zeit zusammenkommen unb so die eine heilige christliche Kirche entsteht, von der bas Glaubensbekenntnis rebet. _______
hin 1000—1500
Tas Material erwies1 den die Silbertaschen gerecht.
ZlnslattS.
Die deutsch-englische Verftändigungskonfereni hielt am Freitag ihre Sckilußsitzung Ten Vorsitz führte Lord E o u r t n c y. Professor Step er München sprach über die För derung der gegenseitigen .Kenntnis beider Länder und die gemein samen Kulturaufgaben. Unter den Rednern^befanden sich der Bisckws von Winchester, Professor Förster, Sir Oliver Lodge, Professor Wendt, Tr. v. Böttinger, Sir Henry^Lunn. -lic Kon icrenz nahm eine 'Entschließung an, worin die Förderung besserer Beziehungen zwischen beiden Ländern für notwendig crflärt wird. Nachdem die deutschen Delegierten ihren Tank für die erwiesene Gastfreundschaft ausgcsprockien hatten, wurde die Konferenz geschloffen.
Prinz Heinrick) von Preußen traf mit dem sibirischen Exprcßzug in Moskau ein. Am Bahnhofe wurde er von der Großfürstin Elisabeth Fevdvrewna, der Prinzessin Irene, dem Stadthaiiptmann, dem Gouverneur und anderen Persönlichkeiten empfangen.
Tic Wahlen zur russischen Reichsduma haben am Tonnerstag begonnen. Tas Wahlergebnis im europäischen Rußland ist bis jetzt 54 Rechte, 16 Nationalisten, 16 Lktobristen, 1 Progrcssist, 2 Kadetten und 2 Sozialdemokraten.
Der Spionageprozeß Dahm.
Wie aus Warschau gemeldet wird, hat das Kriegsgericht gestern den Prozeß gegen den preußischen Artillerie- lcutnant Tahm aus Wolfenbüttel zu Ende geführt. Leutnant Ta hm wurde zu 5 Jahren s ch w e r e r Z w a n g s a r b eit verurteilt, jedoch gegen Stellung einer Kaution von 3U UUU Mark auf freien Fuß gesetzt.
Spidplan der vereinigten frankfurter Ztadttheater.
Gpernhaus.
Sonntag, den 3. November'!: „Der Rolenkavalierck Montag, den 4. November, abends 71/, Uhr: Erlies 'Gastspiel des Riissifcl en Balletts: Kleopatra. Die Snlphiden. Der Geist der Role. Polometzer Tänze Dienstag, den 5. November, abends 7 Uhr : J)weites Gastspiel des Rufs. Balletts: Kleopatra. Die Sylphiden, Sckieherazade. Mittwoch, den 6. Nov., abeiidS 7'/, Uhr: Drilles und letztes Gastspiel des Nuss. Balletts: Pamllon der Armida. Der Karneval. Ter (tzeisl der :üose. Polowetzer Tänze. Donneislag, den 7. 9iove>nber: „Die Judin." Freitag, den tz. November, abends 7'/, Uhr: „Orpheus und Eiirydike." Saiiistag, den 8. November: „Der Zigetlnerbaron ' Sonntag, den 1'». November, nachmittags 3'', Uhr: »Die Fledermails.' 'Jlbcubs 7 llbr: „Ter Widersvanftigen Zähmung." Ptontag, deii 11. November, geschloßen (1. Riihl-Ber» e:ns-Konzert). Dienstag, den 12. November: »Die Dame in Rot/ Mittwoch, den 13. November, abends 7'/, Uhr: „Der ferne Klang.*
Schauspielhaus.
Sonntag, den 3 Noveniber, nachmittags 3% Uhr: „Die Kreuzel- schreiber" Abends 7 Uhr: .Tie Journalisten." Montag, den -l. Noveniber''): „Das Prinzip." Tienslag, den 5. November: .Das Kälheheii von Heilbronn." Mittwocki, «».November: „DaS Kätb i^en von Heilbronn." Donnerstag, den 7 November, abendS 7' U >r: „Alt-Heidelberg." Freitag, den 8. November, abends 7'/, llbr : „Gudrun." Samstag, den 9. November: „Moral." Sonntag, den 10. November, nachmittags 37, Uhr: „Komtesse Mizzi" oder „Ter Familientag." Hieraus. „Eine glückliche Ehe." Abends 7 Uhr: Zu Schillers Geburtstag: .Mana Stuart." Moiitag, den 11 Nov.: „Das Käthcheii von Heilbronii" Dienstag, den 12. November' Harleys Tante." Miltwock), den 13. November: .Nioral."


