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17.10.1912 Zweites Blatt
 
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162. Jahrgang

Zweiter Blatt

llr. 245

Erfcheml tSglich mit Ausnahme der Sonntag».

DieGtetzener ZamtliendlSNer" werden bem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da« Krtiiblatt fir den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschastlichea Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für ivberheffen

Donnerstag, 17. Gttoder 1912

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'fchen Universums Buch- und Stemdruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Trudtrtt: Schul« straße 7. Ervediuon und Verlag: jl.

Redaktion:Tel.-AdruAnzeigerv>»eßeii.

Deutsche Kolonien.

Da8 franzosts^-deutsche Kongo-Abkommen.

TieNorddeutsche Mlgemeine Zeitung" wendet sich gegen Aeußerungen eines Berliner Blattes über das Kongoabkommcn, weist die Behauptung zurück, die amtlich berufenen Zachverstän­digen in kolonialgeographischen Fragen seien nicht um ihre Mei­nung angegangen worden, und schreibt u. a.:

Tas Reichskolonialamt ist zu Rate gezogen worden und hat insbesondere auch das Kartenmaterial geliefert, das neben anderen geographischen Hilfsmitteln bet den Verhandlungen benutzt worden ist. Bei den Besprechungen lagen den Unterhändlern Karten vor von B a r r a l i e r und T e l i n g e t t e. Diese beiden Karten sind der definitiven Ausarbeitung des Vertragstextes zu gründe gelegt. Wenn der Staatssekretär des Auswärtigen am 21. November in der Reickfstagskommission die Karte von Bar- ralier als die e i n z i g e v o r h a n d e n e authentische Karte bezeichnete, so bezog sich dies, wie sich aus dem Zusammenhang der damaligen Diskussion ergibt, lediglich daraus, das; die Ein­zeichnung der Grenze durch die Unterhändler nur aus dieser Karte in beglaubigter Form erfolgte. Taö geschah der besseren Handlichkeit wegen. lieber die Streitfrage bezüglich der .Kongoinseln schreibt das Blatt, das Schicksal der Inseln hänge davon ab, ob man, wie die deutsche Regierung, den K o n go selbst ober wie die französische, dessen rechtes Ufer als Grenze betrachte. Das letzte Wort würde nötigen­falls ein Schiedsgericht zu sprechen haben. Ob die französische Regierung es dazu kommen lassen werde, sei zweifelhaft, da die Argumente, die französischerseits gegen die Hergabe der Kongoinseln geltend gemacht würden, von Deutsch­land mit gleichem Recht dem französischen Anspruch auf die Schariinseln entgegengesetzt werden könnten. Es werde sich noch gar nicht übersehen lassen, ob nicht Frankreich ein größeres Inter­esse hat, die Schariinseln zu bekommen als die Kongoinseln zu behalten.

Äschere! und Fischindustrie.

Man schreibt uns:

In den Jahren 1904 bis 1908 befand sich die deutsche Hoch- seefischerei in einer recht ungünstigen Lage. Die damalige wirt- schastlichc Depression übte auch auf den Absatz bet Fische und ssischkonservcn einen sehr ungünstigen Einfluß aus. Erfreulicher - tveise war der Rückgang unserer Fischerei nur ein vorübergehender. Bereits die Jahre 1909 und 1910 brachten eine merkliche Besse­rung. Mlerdings konnten die Fischereigesellschaften in diesen beiden Feinen zumeist keine Dividenden ausschütten: die Ueberschüsse mußten zur Deckung der Fehlbeträge der Vorjahre dienen. Das Zehr 1911 brachte für die Hochseefischerei, soweit sie sich mit dem Frischfischiange befaßt, eine weitere Verbesserung der Sage. Trotz der enormen Hitze im Sommer dieses Jalfres, die den Geschäfts gang der Fischerei nnd des Fischhandels natürlich ungünstig bc= mnlußte, l)abett die meisten Gesellscktaften geradezu glänzend ab- aeidmittcn. Das Vorjahr wird von dem laufenden Gesckfästsjahre jebod) noch weit übertroffen werden. Unsere Fischdampfer haben auf allen Fanggründen ausgezeichnete Fänge gemacht. Dazu kommt nod), baß bie Preise aller Fischarten ungewölmlich hoch . faib. Eine seltsame Erstellung sind bie außerorbentlick) großen sicakrelenfänge unserer FisciHampfer. Die Makrele ist sonst ein Fn'ch, der sich nur in ben oberen Regionen des Wassers aufhält. y?ic es kommt, baß er in biesem Jahre massenhaft in bie Grunb-

vcr (BeMcntrourf über Zurück ritattung des Lingangszoller für Fleisch.

Wie dieNvrdd. Allo. Ztg." erfährt, ist dem Gesetz­entwurf, wonach vom 1. Cltober 1912 bis zum 31. Marz 1911 den Gemeinden, bie aus dem Ausland frisches, mlch gefrorenes Fleisch einsühren und zu angemcsse- rtem Preise an die Verbraucher abgeben, der Eingangs­zoll teilweise zurück erstattet werden soll, am 10. Oktober die Zustimmung des Bundesrats erteilt worden Aus der Begründung des Entwurfs in folgendes luroorzuheben: -

Die Genehmigung, ausnahmsweise Fletsch und Vieh aus be- snmmtcn Ländern einsühren zu dürfen, soll nur für große Stabte erteilt loerbcn. Es sei nidjt zu bezweifeln, daß die Älaßnabme nicht allein in den beteiligten Städten selbst, sondern aud) in einem mehr oder weniger weiten .Umkreis zu einer Preis­senkung fuhren werde. Anderseits sei nid)t zu verkennen, daß die Mitwirkung iiir die Gemeinden mit Sämncrigkeiten verbunden ist. Tad'r bestehe das Bedürfnis, den beteiligten Gemeinden jene Aufgabe tunlichst zu erleidstent und ebenso auck) einem größeren Kreise nod) anderer Gemeinden die Mitarbeit zu ermög- hdicn Di die Gemeinden so int Interesse der Gesamtbevölkerung des Reidxs tahg sind, erscheine es gerechtfertigt, daß das Reich seinerseits dazu beitrage, den Gemeinden ben Bezug auslänbischen Fleisdus zu Der billigen. Ties könne, ohne baß daburch ter Zolltarif als solcher berührt werbe, burch teilweise Erstattung des für bas ein geführte Fleisch entrichteten Zolles gesckwhen.

Gleichzeilig mit der Zustimmung zu dem Gesetzentwurf erklärte der Bundesrat einstweilen fern Einverständnis mit ben Grundzügcn für die Bedingungen, unter denen Mr Vergünstigung erteilt wird. Von diesen Grundzügen Mtrften folgende von besonderem Interesse sein:

Das Fleisch nniß von Gemeinden für eigene Rech­nung aus dem Auslände bezogen, ohne jeben Gewinn für bie iiememdekasse enhwbiT an bie Vcrbraud)er selbst ober unter ber Skbingnng unnrittelbaren Verkaufs an Verbrcmck)er zu b e st i m m - ttn Höchstpreisen abgegeben werben. Die Gemeindebel>örbe setzt die iwn ben Verbraucirrn zu zahlenden Preise unb bie ber ÜBeitcruerfäufern borjuldjrcibenben HödKpreise fest, macht bie Preise in ben Verkaufsstellen öffentlich bekannt. Tie Absicht, von der Zollerleidtterung Gebrauch zu macheii, hat die Gemeinde der zuständigen Zollbehörde unter Vorlegung enter Erklärung über Festsetzung des Verkaufspreis ; mitzuteilen.

Die Zollbeträge tonnen den Gemeinden für drei Monate ohne Bestellung einer Sicherheit gestundet lverden.

«usteppnetze unserer Fiscktdampfer gerät, wird die internationale Meeresforschung nod) aufzuklären Ixiben.

Tie Wiedererstarkung unserer Hochseefischerei ist zunächst auf ben wirtsdwftlichen Aufsdtwung ber letzten Jahre zurückzuführen, fobann auf bie außerorbentlidw Propaganda, die in letzter Zeit für bie Hebung bes SeefisckZes gemadst würbe und sdfiießlid) auf bie allgemeine Fleisdstieuerung.

Mit großer Spannung sieht man in Fi scher ei kreisen ber Wir­kung einer Erfindung entgegen, bie von dem Fischkonserven- abrifanten I. L ehrma n n fflltona) gemach', mürbe. Es Iwnbelt sick) um einen Fischbratofen, der dem bisher gebrnudilidwn Bratpf annensvstem so sehr überlegen ist, baß er eine vollständige Umwälzung auf dem Gebiete der Fisdchraterei frernorrufen dürfte. Ter Fisätbratosen gewährleistet "nid>t nur eine viel idmellere unb billigere Verarbeitung ber Fische, sondern auch eine viel grobere Haltbarkeit unb Schmackhaftigkeit. Es ist daher anzunehmen, daß der Bratfisch sich auch in den breiten Schichten des gutsituierten bürgerlidwn Publikums viele Abnehmer erwer.en wird. Tie neue Erfindung wird voraussiclstlich nicht nur einen ungeahnten Aus^ sch»vung der Fischindustrie begründen, sondern sie wird auch eine Kräftigung der deutsdxm Fischerei bewirken, da neben den frifdwn Heringen, die ja vorzugsweise aus dem Auslande stammen, gerade die billigen Massemisdte unserer Fischdampferflotte sich vorzüg- lid) zum Einbraten eignen.

Au» Stadt und Land.

Gießen, 17. Oktober 1912.

** Lehrerpersonalien. In den Ruhestand versetzt wurde der Lehrer an der Volksschule zu Mainz Jos. Nicolai auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner 50jährigen treuen Dienste, und ihm aus diesem Anlaß das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

Medizinalkasse für staatliche und kommu­nale Unterbeamte. Bei der Wahl deS Ausschusses, der alle drei Jahre von den Mitgliedern der Medizinalkasie in der Zeit vom 1. bis 10. Oktober vorgenommen wird, wurden folgende Vertreter gewählt: 1. Forstwart Simon in

Ehringshausen, 2. Forstwart Kolb in Bessunger-ForsthouS, 3. Kanzleidiener Schmidt in Darmstadt, 4. Gerichtöfchreider- aehilfe Gabel in Friedberg, 5. Fmanzasvirant Grull in ivtainz, 6. Gesangenauffeber Trautmann in Darmstadt, 7. Steueraufseber Weppler in Darmstadt. AIS Ersatzmänner der Vertreter wurden gewählt: 1. Forstwart Decher in tarier» beim bei Dannuadt, 2. Forstwart Rlipftetn in Böllenfalltor, 3. Steueraufseber Schneider in BenSbeim, 4. Gerichtsdienet Hoock in Lorich, 5. Finanzaspirant Bauscher in Darmstadt, 6. GertchtSschreider.iebtlfe Herzog in Darmstadt, 7. Gefangen- aufseber Stremmel in Darmstadt.

Wandergewerbescheine. Vom 1. Januar 1913 ab muß in den Wcmdergewerbescheinen die Photographie deS JnbaberS eingeklebt werden. Die Photographie muß in Visit'Nkart niormat, unaufgezogen sein unb eine Stopf- grüße von mindestens 1,5 Zentimeter haben. Interessenten, die einen Wandergemerbeschein biS zum 1. Januar 1913 haben wollen, tun gut, schon jetzt ihre Anträge unter Vor­lage der Photographie bei dem Polizeiamt zu stellen.

** Musvum für Völkerkunde. Die im Laufe des Sommeps von den Herren Professoren an der Landes- universität Geh. Hofvat Dr. A. Hansen und Dr. F. Schwall 1) aus Ceylon berw. aus den Oasen westlich des Nils mitgcbrachten wertvollen ethnographischen Sammlun­gen werben nur nod) bis zum Sonntag, 3. 9t ove in - ber, in der bisherigen Weise auf Tisdzcn aitsgestcllt sein; ebenso eine Sammlung des Herrn Dr. med. et phil. R. Houy nu£ Ruanda und eine solche des Herrn Gouverno- mentssekretär Heß (Leihgesterns aus Tabvra. Später werden sie in Schränke verteilt. Es sei daher auf die Mög­lichkeit aufmerksam gemacht, sic an den nächsten drei Sonn­tagen von 111 Uhr noch genauer zu befidjtigen. Ein­tritt frei.

"Literarische Veranstaltungen. Die Ferbersche UniversitätSbuchbandlung (Inh. Hofbuchhändler C. Koch) beab­sichtigt, im kommenden Winter einige literarische Abende zu veranstalten und hat bereits bedeutende Schriftsteller hier­für gewonnen. Als erster wird, wie wir bereits mitteilten, am 29. Oktober Ernst Zahn zu Worte kommen und aus eigenen Werken vortragen. Der Vortrag wird im Saale des GesellschastsvereinS ftattfinben. Es dürfte von dem Gießener Publikum wohl dankbar begrüßt werden, daß eS sich die Ferbersche Buchhandlung zur Aufgabe gemacht hat, jetzt regel­mäßig derartige Vorlesungen zu veranstalten und auf diese Weise die Gießener mit den besten Schriftstellern persönlich bekannt zu machen. So darf wohl auch erwartet werben, daß der Besuch ein entsprechend zahlreicher sein wird. Der gesamte Kartenvertrieb liegt in den Händen der Ferberschen Buchhandlung, die bereitwilligst weitere Auskunft erteilt.

* Der Wartburgverein feierte am Sonntag sein 25. Iahresfest. Es verlief in durchaus schöner und befriedigender Weise. Im Festgottesdientz in der Stadt- kirche predigte Prof. D. Dr. Schoell-Friedberg. Nach­mittags fand die akademische Feier im Gemeindehaus statt. Nach einem Ueberbttck über Geschichte und Ziele des Vereins, gegeben von dem Vorsitzenden, Pfarrer S ch w a be , sprachen nod) folgende Vertreter von Behörden und Freunde oer Sache: Beigeordneter Keller für die Stadtverwaltung, Kirch en rat Strack für das Großh. Dekanat, Kirchenrat D. Schlosser für die evang. Gemeinde, Prof. Dr. Alles für die Kreisschulinspektion, Prof. Dr. M i 11 e r nt a i e r für Jungdeutschland", Frau Winn für den evang. Frauen­verein, Redinungsrat M an ge ls d o r f für den Hessenbund, dem auch der Wartburg-Verein angehört, Gertck)tsassessor

Die große St.-Michaelis-lcirche zu Hamburg.

Am 19. Oktober soll die am 3. Juli 1906 abgebrannte große St. Mid)aelis-Srirck)e zu Hamburg in Gegenwart des Kaisers cingeweiht werden. Sechs lange Jahre hat es ge­dauert, bis Hamburg wieder sein Wahrzeichen hatte, denn das war rmd ist dergroße Michel", wie der Hamburger enmutvoll seine sdfönstc ZNrche nennt. Keiner, der Hamburg e besucht hat, wird sick) dem beherrschenden Eindruck vcr- ckflossen haben, den das Stadtbild gerade durch den Turm nefer Kirche erhielt, der, losgelöst von allen Stilen kirch- icher Baukunst, seine säulengetragene Kuppel in den Him­mel hebt wie eine Schale, bereit allen Segen zu empfangen. 6o kann man cs begreifen, daß in jedem Hamburger uw- terbrückflich die Gewißheit lebte, als der Turm in sich zusammen stürzte, daß er wieder aufcrstehen müsse, wie (t mar; schon acht Tage nad) dem Brand hielt die für den Wiederaufbau der Kirche gebildete Kommission ihre erste Sitzung ab. Wohl erhoben sich nicht nur in der Stadt, jondcrn aud) im weiten Deutschen Reich Stimmen, die gegen den getreuen Wiederaufbau waren, die wünschten, daß man die Gegenwart solcher Gelegenheit, ein Bauwerk ihres Geschmacks und ihrer Stilkunst zu errichten, nicht berauben solle, aber sie mußten schweigen vor dem einigen k'illen der hamburgischen Bevölkerung, die ihren Michel knederhaben wollte.

Als es seststand, daß man bie stehengebliebenen Um* ^fassungsmauern wieder benutzen konnte, wurde sofort mit dem Bau begonnen. Zunächst galt es der Herstellung eines tzolzgerüstes, für das die Bürgerschaft allein 107 000 Mk. befvilligte. Die Architekten Mcerwein, Geißler und Faul- vasser, von denen der letztgenannte über die Michaelis- kirchc schon vor Jahren ein umfassendes Werk heraus- «egebcttl hatte, das nach seinen Rissen und Pläne)! den :vnninschen Ban zu reproduzieren leicht erscheinen ließ, ohne ber Ingenieur Hennicke erhielten den Austrag, einen Kostenanschlag auszuarbeiten, der in Höhe von 3113000 Mk. flatt bewilligt wurde.

Der alte Turm war aus Holz gewesen, der neue sollte ms Eisen fein. Zunächst erneuerte man das Hauptgesims, das durch eingebettete Eisenstangen Festigkeit erhielt und ürebei über zwei Millionen Kilogramm Material auf die itauer gebracht wurde. Dann wurde mit der eisernen Dach­konstruktton des Kirchenschiffes begonnen und im Juni 1908 konnte schon das Dach gerichtet roerben.

Das Hauptinteresse nicht nur der Bevölkerung, sondern

auch der Fachleute konzentrierte sich natürlicherweise auf die Errichtung des neuen Turmes. Das Gerippe des Tur­mes bilden eiserne Träger unb in der Mitte ein dickes Rohr, in dem ein Fahrstuhl zur Höhe des Turmes angelegt ist, von insgesamt 572000 Kilogramm. Am 25. September 1909 wurde der Turm gerüstet, er erhielt seine goldene Fahne mit der unter ihr befindlichen charakteristischen gol­denen Kugel. War mit dem Aufbau der Eisenkonstruktion der erste Teil des eigentlichen Turmbaues vollendet, so galt es jetzt, das eiserne Sparrenwerk mit Bimsbeton­platten zu belegen, um den Untergrund für den Lkupfer- beschlag zu schaffen, der später wieder dem Turm seine weit leucht ende grüne Farbe verleihen wird, so daß er ragen wird wie eine steile, unbewegte Flamme. So ging der Bau rüstig weiter, und am 3. Juli 1910, vier Jahre nach der Brandkatastrophe, läuteten zuw ersten Male wieder die Glocken der großen St.-Michaelis-Kirchc über Hamburg. Gegossen wurden die Glocken in Apolda bei Schillings.

So wie das Aeußere wird auch das Innere der Kirche im wesentlichen dem früheren entsprechen. Unter ben Be­werbern für die Innendekoration fiel die Wahl für den Altar auf Prof. Varnesi, für das Gewölbe, die Kanzel und die Orgel auf Prof. Lessing. Das Altarbild stammt von dem Maler Pfannschmidt, es wird aus Mosaik her- gestellt werden. Ausgeführt wird es bei Puhl und Wagner in Berlin, die erst vor kiirzem zu einer Besichtigung des in stumpfer Mosaik ausgeführten Werkes eingeladen haben. Bei der genannten Firma ist auch das Hauptportalfenster nach einem Entwurf von Prof. Vogel h'ergestellt worden. Die ebenfalls kostbaren Sakristeifenster wurden jedock) von der Firma Gebr. Kuball in Hamburg geliefert. Das West­portal der Kirche hatte außerdem noch einen monumentalen Schmuck in einer Bronzegruppe erhalten, es zeigte den Erzengel Michael, wie er siegreich feinen mit einem Quer­holz zu einem Kreuz gewandelten Speer auf den Bösen niederzückt. Zwei Gruppen zeigen die Verführung zum und die Bewahrung vor dem Bösen. Die Umgebung der Kirche hat durch die Mederlegung der einen Seite der englischen Planks, die norm Westportal laufende Straße, außerordentlich gewonnen, wie ein Spring quell rauschen die Formen harmonier! dieses einzigartigen Bauwerks aus dem Straßenplateau heraus und vereinigen sich oberhalb des Turmes in eine wundervoll verlaufende Spitze, die über der Fahne das Kreuz trägt. An der Nordfeite des Turmes finbet ein Lutherdenkmal nach dem Entwurf von Prof.

Lessing Aufstellung, und nach einem Projekt des hamburgi­schen Bankdirektors Sck)umacher ist aud) ein Pastorenhaus mit einer Halle, in per ein Sonnin-Denkmal aufge[teilt wird, vorgesehen.

So wird die große ^St.-Mid)aelis-Kirche zu Hamburg wieder emporragen, im Bilde auf den ersten Blick die Alte, in allen Einzelheiten aber ein durchaus Neues, in dem sich die Pläne eines längst gestorbenen Baumeisters mit denen der Jetztzeit glänzend vereinen. Und unvergessen wie Sonnins Name, der die alte Kirche baute, werden die Namen der Männer sein, pie nachschaffend nicht nur Ham­burg, sondern Deutschland ein /Bauwerk wiederfchenkten/ dessen geniale Konstruktion von je die Bewunderung aller Architekten bildete.

ff. Alleinlebende Herzen. Zivei rumänische Aerzte, Dr. Athauäffiu! mb Dr. Gradinesco in Bukarest haben jüngst eigentümliche Versudie über das Weiterleben von Herzen außer­halb des Körpers gemacht. Es ist ein bekannter Laboratoriuins- versuch, Säugetierher^en herauszupräparieren unb bann mit bem vom Fibrin befreiten Blut iveiterschlagen zu lassen. Ties geschieht besonbers zur Erforsd)ung ber Eimvirkung neuer Arzneimittel auf bas Herz, jeboch leben biese frei schlagenben Herzen nur wenige Stunben, nadibent sic herausgenommen sinb. Den beiben rumänischen Aerzten ist >es nun gehmgen, Herzen, allerbings nicht solche von Säugetieren, sondern bie von kaltblütigen Wirbeltieren, nämlid) Froschherzen, viele Tage lang außerhalb des Körpers am Leben zu erhalten. Tas Herz des Versuchstieres würbe streng aseptisch herauspräpariert, dann nnnbe mit Gummischläuchcn eine künstliche Bahn für den Kreislauf hergestellt, unb an Stelle des Blutes wurde eine Art künstlichen Blutes, eine keimfreie Nähr­lösung, eingefüllt. Tie Froschherzen nahmen dann ihren regel­mäßigen Schlag wieder auf. Einige lebten 2 Tage, andere 5* 10 und 20, und bas zählebigste unter ihnen brachte es gar auf 33 Lebenstage. Am ersten Tage, am 8. April, schlug bieies zähe Herz zwanzigmal in der Minute, also ungefähr im gleichen Tempo, wie im lebenden Frosch. Am nächsten Tage schlug es ekwaS ge- schwinber, dann schlug cs eine ganze Woche lang ziemlich unregel­mäßig und setzte zuweilen überhaupt aus, und am 20. des Monats, also am 11. Versud-stage, sank die Pulsfreauenz auf fünf Schläge in der Minute. Tie Unregehnäfiigfcit des Schlages führen die beiden Aerzte auf äußere Einflüsse, namentlich auf Temperatur­schwankungen zurück. Sonst arbeitete das Herz nämlich durchaus normal, alle drei Kammern arbeiteten, als ob sie bn lebenden Tiere wären. Tas merbmningj'te an bin em Versuche ist, baß bas Herz Arbeit leistete und sich dabei aus dem künstlichen Blute ernährte. Der einzige Nahrungsswff, der ihm zur Verfügung Itanb, war nämlich Zucker, wahrend daskünstliche Blut" ben häufigsten Nährstoff, das Eiweiß, nicht enthielt.