Ausgabe 
2.8.1912 Erstes Blatt
 
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Zreitag, 2. August 19J2

162. Jahrgang

Erstes Blatt

Nr. 180

fei

Die heutige Nummer umfatzt 10 Seiten.

Poincares Reise nach Ruhland.

Die gerade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei tollten. Diese so einleuchtende matl)ematifche Wahrheit mrd in Frankreich, dein Lande, das sich rühmen dars, eine leiste glänzender Mathematiker hervorgebracht zu haben, außer Kurs gesetzt, sobald es sich um Reisen nach Rußland handelt, selbstverständlich nur für die leitenden Staats­männer. Deutschland darf nicht berührt werden, das ist die erste Forderung. Und da eine so weite Fahrt durch die ^üste noch immer eine heikle Sache ist, obwohl Frankreich immerin der Lust voran" ist, so zieht man den umständ­lichen Seeweg vor. Herr Pvincarö, der sich mit der bolzen Unversöhnlichkeit des Lothringers brüstet, kennt Ma­riannes Vorliebe für solche Kundgebungen, die einen etwas iheatralischen Anstrich haben. Aber in Paris haben The- aterefscltc mitunter einen besseren Kurs als die russischen ZtaatSpapicre, und so wird man in Deutschland es sicherlich dem französischen Ministerpräsidenten nicht verübeln, wenn ec Deutschland bei seiner Reise zum Zaren klüglich meidet.

fernen Euro- litten der Er- urch Reizmittel, Ausgleich ftetS ht, zu immer aufzupeitschen oturl heiW er. erWsU°b°? he hasten nach' clicherer Lebens- tiirlicherEmah' er in solcher Ze« el wilden» > sich dafür dein

monatfick»7ZP^ viertel- bibrhcb JDIL 2.20; durch Addole» il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2. viertel- jähd. auSschl. BesteUo. Zeileuvreis: lokal IbPst, au-wän» 20 Pienmg. <5 delredakteur: 91 Toey. Verantwortlich für den poliNschen Teil: August Goetz; lür .Feuille­ton-, .Vermochte-* und .ffievichtoiaal^: K. Reu- ratb; für .Stadt und 2and": E-Heg; für den Anzeigenteil: H. Beck.

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A ab aiTa 6 e" beantrag t die Vorfrage, ob die Regierung be­rechtigt sei, den Vorsckstag vor Mlaus von ztvet Monaten emzu- bringen, an den Ausschuß rurüctzuverwetsen.

lieber die Vorfrage entspann sich eine lange Erörterung. Hussein Hilmi erklärte mehrere Male, eine praindizielle Frage bestände für die Regierung nid)t, die nur einnnllige m Die Ver Weisung des Vorschlages an einen Ausschuv >uc bringliaxn Jc^ rsatung. Tie Regierung habe sehr wichtige Gcschallc und ko nutz nicht warten. Hilmi und Noradunghian wiescn die Behauptung jungtürtiieber Redner zurück, daß der Vorschlag em VeriassungS-' bruch und Staatsstreich sei.

Der Führer der Zungtürken blieb bei seinem Willen, auch über die präiudizielle Frage abstimmcn zu lassen vilmi und der Gr^. wesir erklärten, daß sie dies als Ablehnung des Regierungsantragi. ansehen. Trotzdem beschloß die stamniet die Ver­weisung der präjudiziellen Frage an einen Aus ' * fljuf die Frage, ob sich das Kabinett als in Konflikt mit der Kammer befindlich betrachte, erklärte der Großwesir, er antworte nach der Beratung mit den Ministern. __

Die Sitzung wurde daraus unterbrochen und die Minister traten; zu einer Beratung zusammen. , , . 6 , r 4 _

yiarf) Wiederaufnahme der Sitzung verlas der Großwesir folgende Regierungserklärung: Da die Kammer, anstatt über den Antrag der Regierung abzustlinmen, chr Votum über: die pra- ludiiielle Frage vorausschicktc, das die Einschränkung des Rechtes der Regierung, Gesetze vorzuschlagen, bedeutet, so bettachten wir die Abstimmung der Kanimec als i'lblehnuug unseres Loischlagc,'. Um diesen Zwischenfall zu beseitigen, müssen »ic ain die Pratu- öiäiellc Frage verzichten und zu einer zweiten Abstimmung über unseren Antrag schreiten.___________ _

bjatllltl :.1.20Mk.,freie«:- ibcarbcitungt: frk . H. Müller.

Dann kommt die eigentlich LerdenSzeit im Leben Brachts, Er mußte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, im Fahre 1864 Kaufmann werden und konnte erst zehn Fahre später wieder zur praktischen Betätigung feiner ttun|t ;uruckkehren. Und da begann er denn in Karlsruhe mit einem ivahren Feuereü« wieder zu schaffen. Tie Lüneburger 5>eide, die hohe ^ee, der Lftl'eestrand und andere Motive werden uns in zahlreichen Arbeiten aus dieser Zeit vorgeführt und den 2lbfchluß seiner b jadrigen Karlsruher Tätigkeit bildet feine 1880/81 unternommene crfle Crientreife, von deren Fruchtbarkeit Tur den Künstler zahlreiche Aguarelle und Lelgemalde, wie die vohle

des heiligen Sebas in der Ztidramchlucht, ^lonbnacht in der Wüste, Rastende Beduinen u. a. beredtes Zeugnis ablegem Als die produktivste Zeit Brachts erfüllten uns Die Fahre von 1882 bis 1902, die der Künstler zumeist m Berlin Derh-Ot£ Er war im Begriff, nach Parts zu gehen, als ihn der Rm als Lehrer an der Berliner rtunslakadenne erreichte und er gleichzeitig mit der landschaftlichen Ausfchmüchtng des großen --^dan-Pano­ramas beauftragt wurde, ^em ersten Versuch Gebiet

folgten wahretid der nächsten o >>ahrc viele andere beiten germanifcher und dekorativer Art, vber trotzdein schuf er in derselben Fett auch eine Reihe prachnger streng naturalistische Bilder von Monte Rose und Vem..catu.r^ Horn, und nach mehreren Studienreisen an der ^urilchen Kulte entstand dann 1889 fein herrliches Meisterwerk ,,^as GriMde der Vergessenen", das bekanntlich eine Zierde des Darmstadter Landesniufcums bildet und ihm die große goldene einbrachte: auch das vielgenannte ipmbolmercnbe GemäldeFata morgana" und Kannibale Grab ' entitammen jener 3eit, rieten X bei der Anerkennung der älteren und dem Widersprach der Modernen einen inneren Zwiespalt bei dem Kun.rl« Zervor, der nach einer zweiten Cnentreiie mit einer W«wung im Linne cvntc neuen Naruranschauung mu S.ratz^em Amchlutz an 2lvt und ein stärkeres kolortMsch-künstlerisches Lnwunben beendet wurde. Neben den zahlreichen Arbeiten vom Pcittelmeer utto Dielen prächtigen Stimmungsbildern in xt-aiunrieb am Harz, den wald-, Wiesen- und Nordseestudlen hatte dem Künstler die .^deko­rative Note' auch bedeutende Auftrage, z. B. jur die Ausschmückung von Tampiern der Hamburg-Ämcrika-Linie mit mildern um Mittelmeer und dem Enent eingetragen; für ,em Mmaltocd stimmungsvolles MeisterstückTer Wa!dsee" wurde ichn Die große Eesterreichische .Ltaatsmedaille verliehen, auch hallen

eine Festschrift aus Anlaß seines 70. Geburtstages erscheinen lassen, die als wertvollsten Beitrag eine selbstbiographle des Meisters enthält und roorin eine lebendige, auch in der tform ungemein snmpathische Schilderung seines Lebens, seines hmft/ IcnidKii Werdeganges und seines 50 jährigen künstlerischen schal- ens gegeben wird und die auch einen menschlich, wie künstlerisch interessanten uiid eigenartigen Einblick gestatten. Daneben en hält die Festschrift eine Einleitung von Pros. B eh e r und Bet träge zweier früherer Schüler des Künstlers, Brot. Langhammer- Berlin und Pros. Tr. F a e k e l - Greisswald, sowie eine große Anzahl von Reproduktionen von Werken und ein vorzügliches Porträt des Meisters. Tie Festschrist bildetsurMieden, der sich mit dem Wesen und der ganzen ^Mtlerischen Eigenart Eugen Brachts näher vertraut machen will, eine sehr schätzen.werte Unterlage. Ter beigefügte Katalog der Ausstellung gewinnt da- durch. Daß er die ausgestellten Werke nach dem V^Äl Entstehung einteilt uuD bei icbcm auch noch die Jahreszahl hin zufügt, ebenfalls ein weitergehendes Fnteresse.

Eugen Bracht hat zioar das Licht der Welt in Morges am Genfer See erblickt, aber vom 8. Lebensjahr ab seine Fugeiid- icit in Darmstadt verbracht. Er bekundet iclber, daß et hier alles nur Erreichbare, auch die Türme der alten Stadtmauern nm« von frühester Fugend an skizziert habe und dann von der »«M- berger Schloßrume aufs höchste bcgnitert wurde, bei Äsen -kizzieren kam er mit dem Leiter Der K-arlsruher Kunstschule,

W. Schirmer, in Berührung, die für seinen Lebenslaus aus­schlaggebend wurde.

Ter «usstellungsbefucher wird sich, bevor er sich dem m- iimcrcn Genuß der herrlichen Kunstwerke hingibt, zunach, mit Dem 'Uielfter selber befreunden, der, ein Prachtstuck Der Ausstellung, von Reinhold Martin ztuntze-Tresden in ungemein charakteristischen Gefichtszügen gemalt wurde und gleich neben Dem ersten groben -aal Aufstellung fand. Ter ersten Periode 'eine-- 185974 , die Der Künstler in Darmstadt, Karlsruhe unD xunel- don verlebte, sind meist nurAauarellstudien, Zeichnungen und kleinere Eelmaleroen entsprossen, doch W z. B. schon das Aouarell aus derAeppelwetnschenk in Lach,cnhau,en und die Kohlezeichnungen des 17jährigen Funglings, sowie üuk itoei Fahre später geschaffenen Eichwald,ttidten und Die »&te ui Der Pfalz" seine ungemein künstlerische Begabung und ein über raschcnd. scharfes Mffassungstalent erkennen^

nachdem man gesehen bat, daß gennsse Fragen in Asieii, wie z. B. die Bagdadbahn zwischen Deutschland und Ruß­land in vollständigster Weise und in bestem Einm-rnehmen geklärt worden sind, da beginnt man auch in Frankreick­nüchtern zu werden.

Trotz alledem wird es für Herrn Poincarä und den Leiter der russischen auswärtigen Politik an Unterhaltungs- toff nicht fehlen. Schon allein der türkisch-italienische Krieg bietet den in genügender Fülle. In Konstantiiiopel kann jeder Tag neue Uederraschungen bringen, und Frank­reich als einer der Hauptgläubiger des osmanischen Reiches hat cm sehr gewichtiges Fnteresse daran, daß die Verhält­nisse am gowenen Horn eine beruhigendere Stabilität an- nehmen. Erst jüngst haben die französische und englische Regierung gemeinsam dem neuen türkischen Ministerium die Versicherung gegeben, daß sie genullt sind, jedem Vor- such eines Balkanstaates, den Statusquo auf der Balkan- Halbinsel zu stören, mit allen Mitteln zu widerstehen. Offen­bar ist Bulgarien damit gemeint, das sich ja schon lange mit Angriffsplänen tragen soll. Etwas auffällig ist, daß bei dieser Versicherung die russische Rcgieruna fehlt. Fst das Zufall oder Absicht? Will man in Petersburg die Er- innentngen an 1877 wieder tvachrusen? Vielleicht holt ich Herr Poincar6 darüber persönlich Aufklärung.

Den französtschen Rentnern wäre eine unzweideutige Zusicherung, daß auf dem Balkan der Statusquo ungeändert bleiben solle, sicherlich willkommener als alle noch so tönen­den Trinksprückje über ben Zweibund, über die trotz aller Sonderlichkeiten so glückliche Elje zwischen dem orthodox- autokratischen Zarismus und dem freidenkertscheii Radi­kalismus der gallischen Republik. Aber schließlich hangt die Verläßlichkeit solcher in noch so guter ^jixijt abge­gebenen Erklärung von der Entwicklung der Verhältnisse in Konstantinopel selber ab.

Paris, 1. Äug. Die Reise des Ministerpräsidenten Poin- care nach Rußland ist einen Tag srüher angesetzt worden Pvin° care wird sich am 4. August üi Tünkirckjen einschufen und er ge­denkt in Kronstadt am U. August abends eutjutrcifen.

Ein Marineabkommen zwischen Wufelanb und Frankreich?

Nach einer Meldung desTemps" haben in der letzten Woche Verhandlungen zwisckjen der russischen und der fran­zösischen Regierung zum Abschluß einer M a r i nekon- vetition zur Ergänzung des Zweibundtiis- Vertrages statt gesunden. Diese. Verhandlungen wurden durch den Fürsten Lieben, de'.i Ehes des russischen Ma- rinestabes, bei seiner Anwesenheit nt Paris geführt. Die Abmachungen werden voraussichtlich bei der Anwesenheit bcs Ministerpräsideiiten Poinearv in Petersburg rati-

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rb. Darmstadt, 1. Aug.

iScitbcm im Jahre 1908 das große städtische Ausstellungs- kirbäude zusammen mit Dem originellen Hochzellsturm ^l^ior Owrichs "auf Der Künstlerkolome icince Bestlmmnng nbergcde ivurde, ist Darmstadt gleich anderen größeren ^uuitzentreii ui her nlüdlidicn Lage, in kürzeren Zwnchenraumcn durch forg- i6uig° ooi-bcreücte stunftauäftdlmigen bie ^lgcmeme Aulm-rNam. I?Ä!2E

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io rerchb-llig-s. otelicutgj^ unb mtnfhontes Silb ubei bto reboten werden kann. . . .

Was Der Ausstellung einen 8®"^RÄtfJalei£ Für die künstlerische Beurteilung hochstsch Snicbt i.ft der Umstand, daß abweichend von dem 'oMttg« -.ran«, m« ein einfacher Katalog darüber angeterttgt wo de - » vielmehr in Würdigung der Verdienste de» g st

siziert werden. ,, . c . o.

Ob auch Herr v. Bethmann-Hollweg bei seiner An­wesenheit in Petersburg von solchen Plänen gehört Hat- An der Nachricht ist wirklich etwas Wahres, nur beeilt man sich in Paris, wohl im Hinblick auf Rußlands Wunsch, einer tendenziösen Ausschlachtung vorzubeugen. In einer Pariser offiziösen Meldung heißt es nämlich:

Es haben keinerlei Verhandlungen zwischen den beiden Re­gierungen, sondern nur B e s pr e ch u n g en: zwischen dem t r an - zöfischen und dem russischen G e nera l st a b s ch e s stattgesunden. Die Besprechungen bezogen sich aus eine zeitgematze Weiterentwicklung der im Fahre 1892 zwischen iz-rankrrich und Rußland abgeschlossenen Militärkonvcntwn. Bisher war die Militärkonvention aus die Marine nicht ausgedehnt worden, da sich aber heute die Lage zur See infolge der von beiden Mächten gemachten Anstrengungen geändert hat, so erschien cs den Gencralstaben richtig, sich über diesen Gegenstand zu verständigen. Tie Frage ist von dem Fürsten Lieven gelegentlich seiner letzten Reise nach Frankreich zur Sprache gebracht worden, xie zeitgemäße Entwicklung der Militurkonvent.on ändert das be­stehende Abkommen in keiner Weise und hat keine Macht gegenüber Dem Eharakter einer agreinven Neuerung.

Ein Bündnis der Balkanstaaten?

London, 2. Aug LautTimes" ist es angeblich zu einem endgültigen Einverständnis, wenn itickft sotzar Bündnis zwischen Serbien, Bulgarien und Grie­chen! and gekommen.___________

Die türiifdic Rcqkrung in der Uuscinan-ersetznng mit der Kammer.

Bc» der Beratung der bekannten Regierungsanträgi (Recht des Sultans, dte Kammer aufzulösen) in der türti chen Kammer gab es einige spannende Zwischenfalle, chließlic.^ wurde die Angelegenheit aber einem Ausschuß ibenuiefen, und hier werden Regierung und Volk wahrscheinlich ausgiebig über die Möglichkeit von Friedensverhandlungen mit Italien sich zu unterhalten haben Unter Ausschluß der vollen Oefsenllichkeit wird matt wohl nüchterner an diese Fragen herantreten. Ucbcr die gestrige erregte Kammersitzung erhalten wir solgenden Bericht:

Konstantinopel, 1. Aug. Tie Kammer ,ctzte die Beramng über die Anträge der Regierung, betrenenb die Aende- rung der Vcrsassung, sort. Earolides (Grieche- sand cs unerhört, daß Die Regierung, Die unter einem Drucke stehe, cui solches Mittel und einen solchen Staatsstreich aiuucnDe, um Die Auslosung Der Kammer herbeizusühren. Wie köimen sie zu dern Groß- gewendet, ein rubn

siegte, in russisches Gebiet einbrang, Den Druck der (2 mporcr nva> länger ertragen. Lärm und .Widerspruch )

Ter Großtvesir antwortete nicht. Ter Präsident erklärte, selbst wenn die Regierung die Kammer auflösen wolle, werde^sie in voller Ueberejnstimmung mit der Verfassung handeln, tex Minister Noradung hian beantragte Gebart es chlutz, den aber Die Kammer ablehnte. Hussein Hilmi erklärte namens der Regienliig, der Regierungsantrag stelle keme Lrohung dar.Wir sind bereit, unser Leben für Die Konstitulion zu opfern. Wir stehen unter keinem Druck, unser Vorschlag beziveckt nur Das Landcswohl und verfolgt keine Hintergedanken."

Emanuelidcs erflärtc, er fei von den guten Absichten der Regierung überzeugt. Wcnii die Kammer überzeugt werdr, daß die Auflösung für Das Landeswohl notivcnbig fei, so ta. |ic

MGiehemrAnzeiger

«MW General-Anzeiger für Oberhessen

»en Anzeigen Rofationsänid und Verlag der vrühl'schen Univ.'vuch' und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion, Erpedikion und vruckerei: Zchulftrahe 7. wrmlnaV y'uh vüdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße lbu.

Die Begegnung von Baltisch-Port, die angeblich gar keine politische Bedeutung gehabt hat, liegt den Franzosen in Magen. Man fieht's und will's doch nicht sehen, daß die Potsdamer Begegnung und die Aussprache in den finni- schen Schären aller Welt bekunden sollen, daß Rußland Md sein westlicher NackMr in der Weltpolitik keine ent­gegengesetzten Ziele versolgen. Tie Hosfnung, daß auch nur ein Kosakensäbel geschwungen werden könnte, bloß um her gallischen Republik wieder zuni Besitz der einst räuberisch cnlrmCTicii oieichslande zu verhelfen, das glaubt an der seine Strand selbst der tulynfte Phantast nicht mehr. Man weiß nur zu gut, daß die hohe Politik heute sehr nüchtern und real ist. Man l/at sich in Paris gefreut, daß Groß­britannien ein lvcnig aus seiner Zurückhaltung herauS- getreten ist und Frankreich in liebenswürdigster Weise damit bedacht hat, seinerseits für den Schutz im Mittelmeer zu sorgen. Aber als man neben der platonischen Anerken- MNg für die französische Flotte ein wenig mehr heischte, da mürbe man an der Themse merkwürdig harthörig. Mcht einmal dazu waren die englischen Politiker zu bringen, daß sie den hochsahretiden Spaniern ein bißchen den Statid- Auutt Har machten unt) sie zu etwas mehr Entgegenkommen In der marokkanischen Frage gegenüber Frankreich be­stimmten. Und man weiß, daß Emgland die äußere Polittk LpanicnS beherrscht. __

Wird die Begegnung mit Kaiser Nikolaus IL und die Besprechnng mtt Kokowzew mehr bringen? Wenige Tage find ja nur twch bis zu dem Augenblick, wo Frankreichs '»dinifterpräsident nad) viertägiger Seefahrt in Zvronstadt russischen Bodcni betritt. Auch in Rußland, wo man die . glänzendste Lper der Wett unterhält, Versteht man sich aus I blendende Ausmachungen. Schon für die glanzenden mitt- ß kärifchen Schaufpiele, die die ruffischen Geiierale in Frank­reich diesen Sominer genosseii, niuß es eine entsprecheiide Erwiderung geben. Die Marseillaise hat im heittgen Rüg- Iland bei solck-en Anlässen ihren revolutionären Klang ver­loren. Zu io Id) Heine n Zugeständnissen ist man an der Hteoa gern bereit. Wirlsd-aftlich aber stehen Rußlatch und Deutschlatid in weit engerer Beziehung als ^rankrerd) und Riißland, ganz abgesehcti davon, daß das reptiblttaniiche Frankreich mit seiner vollständigen Verbannung alles Kirch- üchen aus deni Staatsleben den Altruften>eitt Greuel ist. ^rachdem aber seit dem Fahre 1910 die sranzo,i,d-en Pott- liker ganz uiiyucünndig die Belehrung enipfangen Haden, daß fic mif den Traum verzichten müßten, mit Rußlaiids Hilfe die Eroberungen Ludwigs XIV. zurückzuerlangen,