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Zweites Blatt
Nr. 257
Erschein! tSgki- mit Ausnahme des Sonntags.
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Tie „rietzener Lamilienblatter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Xreirdlatl für den Kreis Sletzen" zweimal wöchentlich. Die „kiMdwirftchaftUchen Seit» fraget“ erscheinen monatlich zweimal.
Die Landes-Versammlung der hessischen national- liberalen Partei.
2er Landes Versammlung voran ging am Vormittag -ine SitzungderVertrauensmänneroer nationai- aiberalen Mrtei, die ebenfalls recht gut besucht war. In
Der n ä ch st e R e d n c r ist dec Abgeordnete Oberbürqer Berater Köhler (Worms);
dieser Sitzung wurden interne Fragen der Partei behandelt. die für das große Publikum nur geringes Interesse baden dürften. Nachdem der Vorsitzende Dr. Osann die Aussichten der nationalliberalen Kandidaten bei den bevorstehenden Landtagswahlen erörtert hatte, wurde Ixt Wortlaut des Wahlaufrufes durchgesprochen und einige unbedeutende Aendcrungen daran vorgenommen. Sodann sprachen die Vertreter "der einzelnen Wahlkreise und erstatteten Bericht über den Stand der Agitationsarbeiten.
Babuboiilraiie 51
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f?cbaftien, Crvedition und Tmcferet: Schulst rave 7. Expedition und Verlag: 5L
Rcbafti»n:e^l 12. Tel.-LU»r- ^lnzeigervieben.
Montag, 9. Oktober M
Roianonsdruck und Verlag der Brühl'schar UniversuätS - Buch- und GteirxbrnetereL R. Lange, Gießen.
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Die Hauptversammlung des evangelischen Bundes.
~ Dortmund, 7. Ort.
' II.
Tic heutige erste Hauptversammlung des Evangelischen . Bundestages sand im großen Saale des Reinoldinums statt. Gut- ' leitend gab der Bundcsdircktor Reichs! agsabg. Lic. Everling ' (Halle) den
Jahresbericht
bekannt, dem er den Hinweis aus das weitere stetige Wachsen des Bundes voranschicttc. Im ?lpril 1910 hatte der Bund in 2682 Vereinen 400 593 Mitglieder, im April 1911 war eit diese Zahlen aus 3009 hezw. 468 435 gestiegen. Tas bedeutet also ein Wachstum von 327 Vereinen und 67 812 Mitgliedern. An Unter» stützungen wurden im Jahre 1910 insgesamt 16900 Mark verausgabt. Mehr als 2000 Versammlungen sind im abgetan fenen Jahre von den Haupt- und Zweigvercincn veranstaltei worden. 14 Flugschriften wurden im Berichtsjahre ausgegcben. Unter Bezugnahme auf den Jahresbericht führte der Berichterstatter Eveling weiter aus, das; der Evangelische Bund nicht an den Ereignissen der letzten Wod>cn vorübergehen könne.
Krieg oder Frieden?
Vor diese schicksalsschwere Entscheidung ist unser Volk gestellt. Wir kommen aus einem heißen Sommer und einem bewegten Jahre. Auch unser Tun ist vaterländischer Tienst. Wir wissen,uns als Bannerträgerder nationalen Ausgaben des deu!scl)en Protestantismus. Es gibt einen deutscl^n Protestantismus! Jur Sommer 1910 hat kein Geringerer als H a r n a ck uns diese bedeutsame Ersahrung zu gerufen. Ter deutsche Protestantismus ist eine wirkliche, wenn auch nicht sichtlich organisierte Größe. Man muß an ihn glauben. Ter Evangelische Bund glaubt an ilm. Teshalb kann er sich auch nicht einer Richtung verschreiben, deshalb darf er sich nicht in die i n n e r k i r ch l i ch e n Ent- w i ck l u n g s k ä m p f e hineinzerren lassen. Er muß die Protestanten aller kirchlichen und politischen Richtungen, die mit ihm dem idealen Protestantismus zur realen Machtentfaltung wider den Materialismus und Ultramontanismus auf allen Lebens- gebictcn verhelfen wollen, zusammenfassen. In der Angelegenheit des Modernisteneides hat der RciMkanzler v. Bethmann- Hollweg mit anerkennenswerter Teutlichkeit die Rechte des Staates hervorgehoben. Das ist nicht viel. Wir Protestanten können den Papst nicht Ijinbent, seine Geistlichen durch den Eid zu binden. Aber Wir müssen verhindern, daß so gebundene Priester unsere Shtaben in Deutsch und Geschichte unterrichten. Oesterreich ist nicht mehr so klösterreich wie das neue Deutsche Reich, und sclbit Spanien erscheint den Wettbewerb aufgeben zu wollen. Wird im Klosteraltar die wichtigste Stütze des Holienzollerntlrrones erblickt, so nnssen wir aus der Geschichte, daß dort die Throne krachen und wackeln, wo die klerikale Hand am schwersten ist und die Klöster am zahlreichsten, in den katholischen Ländern L-panien und Portugal. Im übrigen gebt es keinem Lande der katholilchen Kirche so gut, wie unter dem Ze-ter der Hohenzotlern, im Mutterlande der Reformation. Ten katholisckten Mitbürgern ihre berechtigte kirchliche Freiheit und bürgerliche Gleichberechtigung irgendwie zu beschränken, daran denken wir nicht, wer das behauptet, sagt die Unwahrheit. Wir wollen nur unser deutsches Vaterland befreien von der Vorlterrschast des Ultramontanismus, von den zerrüttenden konfessionellen Kämpfen, die eine politisch- klerikale Muldcrheitsherrschast unbedingt im Gefolge haben muß und wir wollen ehrlich arbeiten an der Einigung der Kräfte des deutschen Protestantismus.
An uüeiter Stelle sprach Prof. Tr. W o l f (Düsseldorf) über „ros protestantische und das ultramontane
S ch u l i d e a l".
Ter Redner führte aus: Zwar ist zwischen deut Bildungswesen zur Zeit der Reformation und dem heutigen ein Unterschied, aber es läßt sich doch eine Gesamtrichtung erkennen. Was Luther und Melanchthon, Eomnrennius, Franke und Tl/omasius, Peitalozzi, Fichte und Humboldt, Tiesterweg und der Mnister Falk getan haben, bewegt sich auf der Bahn zur freien selbständigen Persönlichkeit und zu einer immer festem Verbindung von Volkstum, Staat und Religion, wobei die Menschen nicht nur über ihre Rechte, sondern über ihre Pflichten aufgeklärt werden. Tas ist protestantisckfes Schulideal. Und das ultramontane Schulideal? Heute kann der Papst sagen wie Ludwig XIV. vom Staate: Tic Kirche bin ich. Alle päpstlichen Kundgebungen der letzten 50 Jahre von der Enzyklika, von dem SyUabus des Jahres 1864 bis zum Antimodernisteneid bewegen sich in dieser Richtung. Sie kämpfen gegen den modernen Staat, gegen den Nationalismus und Individualismus, gegen die freie Wissenschaft, vor allem gegen die historisch kritische Methode des Forschens. Tiefe Bestrebungen nennen wir ultramontan. Rückkehr zum 13. Jahrhundert, das ist das ultramontane Schulideal. Aus dem letzten Katholikentage hat der preußisch Professor v. Ruville sich nicht gescheut zu behaupten, nur durch die Unterwerfung des Verstandes unter den höheren Willen des Papstes könne die Wissenschart ihr^ Ziel erreichen. Tas ist ultramontane Wissenschaft. Seit 20 Jahren sind die Ultramontanen diplomatisch.r geworden, sie treten als die Vorkämpfer für ihre wahre Religion und konfessionellen Frieden auf und reden von gemeinsamer christlicher Weltanschauung. Tatsächlich aber denken Protestanten und Ultramontane grundverschieden über Staat und Volkstum, Priestertum und Kirche, Religion und Wissenschaft, Freiheit und Gleichheit, den Wett der Persönlichkeit, Ehe und Familie. Alles kann die römische Kirche verzeihen, nur nicht freies selbständiges Denken. Wir aber sind überzeugt, daß das Tenkcn und Forschen die edelste Kraft ist, die Gott uns Menschen verliehen hat, nicht $um Fluch, sondern zum Segen bestimmt. (Anhaltender großer Beifall.) Eine Aussprache fand nicht statt. Somit hatte die erste Haupt- versammlung ihr Ende erreicht.
~ Dortmund', 8. Oft.
Im weiteren Verlauf der Tagung sprach der Breslauer Universitätsprofessor Dr von Wenckstern über das Thema „Ter Protestantismus und die deutschen Volksschichten". lieber den „Deutschen Protestantentag und die deutschen Volksstämme'" verbreitete sich Sradtpsarrer Fikentscher <Nürnberg).
Rach Festgottesdiensten sand hn Reinoldushos unter dem Vorsitz des Geh. Bergrats Kleine (Tvttmund)
die Bundeshauptversammlung tatt, die der stellvertretende Vorsitzende des Bundes, Superintendent v. Wächtler 'Me. mit einem Nachruf für den verstorbenen Bundesmhrer Geh. Kirchenrat D. Meyer 'Znnckau und den senior Dr. B ä r w i n k e l Erfutt) einleitete, vi r,ruf wurde ein Antrag, der Gelsenkirchener Bergwettsoktiengeseltschaft und den Hinterbliebenen der am Sonnabend aoend auf der Zeche Hardenberg getöteten 9 Bergleute das Beileid der Versammlung
। liusträteu. Oberbürgermeister Köhler wendet sich bann den Landgemeinden zu. Diesen sei insofern eine Verbesserung zuteil geworden, als sie die Möglichkeit haben, Berufsbürgermeister zu wählen. Sodann geht er auf die Regelung der Zweckverbändc em. Der Zusammenschluß, der bis jetzt hier und da stattsindet, entbehrt der rechtlichen Grundlage. Ter Redner spricht die Hoffnung aus, daß die neuen Gesetze zu einem lebhaften Aufschwung unserer Landgemeinden und unserer großen Städte führen werden.
Als letzter Redner spricht der Vorsitzende der Landes- versammlnng Rechtsanwalt Dr. Osann (Darmstadt):
Mit der Landtagswahl haben wir uns heute zu be- Idiäftigcn, und wir von der nationalliberalen Partei wollen vor das Land treten und fragen, ob die geleistete Arbeit ihre Bestätigung erhält. Wir haben vieles an verfassungsmäßigen Be° liinnnungcn getroffen. Nicht in Volksversammlungen, sondern ent verantwortlicher Stelle haben wir uns bemüht, im Interesse des ganzen Landes tätig ^zu fein. Für uns ist die geleistete Arbeit maßgebend, und Sie sollen beurteilen, ob wir richtig gehandelt haben oder nicht. In der Thronrede wurde uns ein gutes Zeugnis ausgestellt. Tort wurde freudig anerkannt die anitrenjcnbe unb sehr erfreuliche Tätigkeit währenb ber Tagung des letzten Lanbtagcs. Meine Herren, was wir aber wollen, das ist nicht ber Dank ber höchsten Stelle, auch nicht ber Tank ,von ber Regierung, fonbern bie Anerkennung des Volkes, die Anerkennung der Gemeinschaft ber Volksgenossen, bie uns uen Mut unb die Kraft gibt, weiter fvrtzuschreiten auf dem Ä.'cgc, den wir eingeschlagen haben. lBravo.) Der Redner hebt Dann lobend bie Mitwirkung bes Parteifrcunbcs Glässing hervor unb gebenft bes Abgeordneten Reinhart, dessen Rat die Partei nun missen muß. Dr. Osann fährt dann fort: SBir haben in dem Wahlgesetze den Angelpunkt der Gesetzgebung zu finden. Wir von der nationalliberalen Partei sind es gewesen, die aus dem indirekten Wahlrecht das direkte Wahlrecht geschaffen haben. Und wenn heute gerade die Bedenken gegen die Wahlrechtsvorlage von den Gegnern hervorgehoben werden, stellen sie sich aus den Standpunkt, daß wir mit Konzessionen gerade nicht kleiner Art einen hohen Preis errungen haben. Wir konnten es als ein Verlangen des ganzen Volkes lauschen, daß es nicht mehr auf indirektem Wege wählen, sondern day es bie Wahl bireft in bie Hanb nehmen wollte. Ohne Konzessionen auf bicsem Gebiet konnte man ja, wenn man ehrlicher Politiker sein will, nicht auskommen. Es hat sich nicht um die Frage gehanbelt, ob wir bas Wahlrecht haben wollten, sondern um die Frage: Erreichen mir das Wahlrecht, ohne daß wir allzu große Konzessionen auf anderen Gebieten machen müssen. Es muß peinlich berühren, wenn wir hören müssen, ihr habt viel geleistet, aber an Qualität habt ihr zu wünschen übrig gelassen. Tann muß man verzweifeln an ber politischen Urteilskraft. Ter Rebner geht bann auf bie Ver- sassungsänberung näher ein unb betont, baß es für bie national liberale Partei immer als Richtschnur galt, bas direkte Wahlrecht zu erlangen, und ba barf auch vor einer Verfassungsänderung Nicht zurückgeschreckt werben. Er begrünbet bie Notwendigkeit einer solchen Verfassungsänderung, damit man nicht sagen könne, die Nationalliberalen hätten bie Rechte ohne Not preisgegeben. Die bitterste Pille aber hat uns der Bauernbund, so führt Tr. Mann weiter aus, in dem P l u r a l w a h l r e ch t zu schlucken gegeben. Die Frage stand so: wollen wir das direkte Wahlrecht erringen? Tie ganze nationalliberale Partei hat sich gegen das Pluralwahlrecht gewehrt. Aber es war in Verbindung gebracht mit dem direkten Wahlrecht. Meine Herren, daß eine solche Verantwortung zu tragen nicht leicht ist, brauche ich Ihnen nicht auseinanderzufetzen. Erst nach langen, eingehenden Be- Talungen haben wir uns entschlossen, auf den Weg des Pluralwahlrechts zu treten. Wenn wir das nicht getan hätten, wären wir überhaupt zu feinem neuen Wahlrecht gekommen, in der >Regierungszeit des jetzigen Großherzogs jedenfalls nicht. Wir .bürfen aber auch mit Ruhe von uns sagen, daß wir die Schaffer 'des direkten Wahlrechts sind. (Bravo!»
Ter Redner bespricht dann die Arbeit der Nationalliberalen in bezug auf die Steuergesetzgebung unb kommt bann auf bie Staats finanzen zu sprechen. Die nationalliberale »Partei hat stets für die größte Sparsamkeit gesorgt, so besonbers 'auf die Bautätigkeit des Staates ein wachsames Auge gehabt. Es ist ein Verdienst der nationalliberalen Partei, baß sic fest auf ihren Anträgen steht. (Bravo!) Auch auf bie Eisenbahnfrage kommt Dr. Osann zu sprechen und bemerkt, daß, wer bie früheren Verhältnisse kennt, boch unbebingt zugeben muß, daß wir heute einen großen Schritt weitergekommen sind. lBravo !) Tab ei wirb nicht verhehlt, baß wir noch manchen Wunsch vorzutragen haben, unb baß wir biefe Klagen mit aller Energie verfechten. Aber wir schreien nicht in die Welt hinaus: ber Eisenbahnvettrag muß revidiert werden, sondern wir verlangen bie Unterlagen, auf denen wir nachher unser Urteil aufbauen können. Dr. Osann bespricht dann die Schuldentilgung unb betont bie Forberung ber Nationalliberalen, den Pensionären, Witwen unb Waisen ausreichenden Unterhalt zu gewähren. Der Redner sagt bann zum Schluß: Unser Weg ist uns vor- gezeichntt in den Arbeiten des letzten Landtages. Sie aber, ncine Herren, müssen dazu beitragen, daß auf dem Wege die richtigen Trupvcnmassen erscheinen, in der Wählerschaft, aber auch in den Führern, in den Abgeordneten. Wenn Sie uns die Abgeordneten stellen, die wir notwendig haben zur Erreichung lunferer Ziele, so bin ich der festen Ueberzeugung, daß wir weiter lvoranschreiten werden im Interesse unseres ganzen Landes.
Dr. Osann wird durch langanhaltenden Beifall belohnt. Mit einem Hoch auf das Land schloß Dr. Osann die Versammlung.
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bs. Darmstadt, 8. Oft.
Heute nachmittag fand hier die Landesversammlung der hessischen nationalliberalen Partei im großen Saale des SaalbaueS statt, in der die Herren Abgeordneten Bach (Mainz , Oberbürgermeister Köhler (Worms- und Tr. Osann ("Darmstadt > sprachen.
Dr. Osann als Vorsitzender der Versammlung begrüßte die erschienenen Parteifreunde und Gäste und wies durch -einige einleitende Worte auf die Bedeutung der heutigen Sitzung hin. Wir sind zusammengekommen, so etwa führte der Redner aus, um uns über die Richtlinien tlar zu wer den, nach denen wir in dem kommenden Wahlkampf unser Verhalten einrichten müssen. Der Vorstand der national- liberalen Partei habe es für richtig erachtet, über die bevorstehende S ch u l g e s e tz g e b u n g ihre Wähler aus berufenem Munde zu informieren und auch darüber, was in dem letzten Landtage an Gesetzen zustande kam. Der Vo«. sitzende erteilte bann dem Mgeordneten Oberlehrer Bach aus Mainz das Wort. Dieser führte aus:
Der künftige Landtag wird sich neben anderen wichtigen Fragen auch mit der Umgestaltung ber Volkssckulgesetzgebung in belassen haben. Als Fachmann habe ich auf biefem Gebiete bie Vorzüge unb bie Nachteile am eigenen Leibe kennen gelernt Es ist eine Unmöglichkeit, im Nahmen eines kurzen Vortrages ein so wichtiges Gesetz eingehenb unb ausführlich zu behandeln, unb ich muß mich beshalb daraus beschränken, nur die Forde ningen hervorzuheben, die bie nationalliberale Partei stellt. Aus die Frage, ob es überhaupt notwendig ist, das Schulgesetz um ?iigeftalten, muß geantwortet werben, baß eine Abänderung sich schon aus dem Grunbe als Notwenbigkeit ergibt, weil unser heutiges Schulgesetz bereits vierzig Jahre alt ist, unb baß inner lalb dieses Zeitraumes auf allen Gebieten ber Kultur, Kunst Wissenschaft unb Technik Fortschritte gemacht worben sind In ciefer Zeit ber Umwertung aller Werte mußte sich auch unser Schulgesetz als veraltet erweisen, ba es ben Anforderungen ber Lutigcn Zeit nicht mehr entsprechen kann. Es ist baher eine Ehrensache für unsere Partei, an ber bevorstehenden Umgestaltung nitui wirten und dafür zu sorgen, baß biefe Umgestaltung end, im liberalen Sinne geschieht. Hessen ist in bieser Zeit Hm einer ganzen Rfthe von Staaten überholt worben, unb Wir müssen uns beeilen. Wenn wir nicht ganz ins yintertreifen geraten wollen. Wie bie Vorlage ber Regierung beschaffen sein wirb, entzieht sich unserer Kenntnis, unb wir können baher auch auf bloße Vermutungen feine Kritik aufbauen. Wenn bie Neu
161. Jahrgang
iehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Während mein verehrter Dorrebner seinen Blick in bie Zukunft gerichtet hat, ist mir bie Aufgabe zugefallen, aus ben vergangenen Landtag zurückzublicken. Ich werbe deshalb in ber Lage [ein, ihnen auf Grunb feststehender Tatt'achen Bericht zu er: statten. Nicht alle werben ben Ausführungen meines Vorredners ihre Zustimmung geben. Der vergangene Lanbtag war einer ber erfolgreichsten feit vielen, vielen Jahren Wenn mir auf bie Arbeiten, bie der Lairdtag verrichtete, zurückblickeu, bann dürsten •sie wohl biefem Urteil zustimmen. Nur wenige können sich eine Vorstellung von bem machen, welche Arbeit ein Parlament verrichten hat. Man beurteilt fast immer nur die wenigen Gesetze, bie hervorstechen. Der Redner beschäftigt sich bann ein geljcnb unb bctaillicrt mit ben einzelnen Gesetzen, bie jur Verabschiedung gelangt sind, so mit ber Versammlunasresonn unb geht bann genauer auf sein Spezialgebiet, bie Vermaltungs gcicbgebung, ein. Bei ber Derabschiebung bes großen gesetzt geberischen Werkes War man sich klar, sagt ber Vortragenbe, baß bte Gesetzgebung von 1874 sich burchaus bewährte, unb baß es deshalb nur notwenbig sei, bei ber Reform bicienigen Gesichts Punkte su berücksichtigen, bie infolge ber Veränberungen unseres öffentlichen Lebens zu einer Aenberung brängten. Er bespricht bann das Poli.zeiweseu und bie Unterhaltung ber Kunststraßen. Wenn bie Stäbte felbftänbigc Gemeinben bilben, also bei ber Unter Haltung ber Kunststraßen ausscheiben, so sei das eine schwere Belastung für bie Landgemeinden. Der Redner würbe es für ein Unglück halten, wenn bie Stäbte aus ben Kreisverbänben
regelnng unserer Schule» im freiheitlick>en Sinne gehalten fein herben, kann unsere Partei bamit durchaus zufrieden fein. Die G ninblogc für unsere Schulgesetzgebung muß die Simultan . schule fein. Nur durch die Simuttanschulen kann die Achtung - der Konfessionen untereinander gewähtteiüet werben. In den Kon
seifionsschulen dagegen werben bie Kinder bewußt einseitig er5 wen. Wir müssen daher im Interesse des Vaterlandes un inbingt verlangen, daß das Prinzip der Simultanschule erhalten und durchgesührt wird. Bei den höheren Lehranstalten finden wir die Konfessionsschule nicht. Es gibt eine Partei, die die allen Zustände vor 1874 wieder einsühren will, aber sie ist nicht si.^rk genug, dieses Ziel zu erreichen, und deshalb hält sie nut S ihren Forderungen zurück. Diese Partei ist das Zentrum. Die
»Umfessionsschule bedeutet eine völlige Auslieferung der Schule air die Kirche, die Simultanschule bogegen bedeutet völlige Herr ichast des Staates über die Schule. Wenn die Schulinj'pektoren | die anderen Unterrichtsfächer beaufsichtigen können, warum nicht auch das der Religion? Das liegt natürlich nicht im Interesse des Zentrums, und über die bevorstehende Schulgesetzgebung hat öerr Marx vom Zentrum gesagt, daß in dieser Beziehung dne Aussicht auf Besserung vorhanden sein soll. Woher weiß Sjerr Marx, daß das Schulgesetz im Sinne der Zentrumsforbe ningen geändert werden soll? Hat er schon Eiwicht bekommen
1 nmgen geändert werden soll? Hat er schon Einsicht bekommen m bie Vorlage? Ich habe das Vertrauen zur Regierung, daß I" 'i.e fest bleibt. Wenn wir verlangen, ber Kirche jebe Macht übet (• die Schule zu nehmen, so ist damit nicht gesagt, daß wir den Religionsunterricht aus der Schule überhaupt entfernen wollen. Solange bie Schule bie Aufgabe hat, Kulturgüter zu i erhalten, solange können wir auch bie Religion nicht missen.
'.sunächft bie Frage: Wer soll ben Religionsunterricht erteilen? Ter Lehrer soll ihn erteilen, aber nicht im Interesse einer üeiisessiousgesellschast, ionbern im Interesse ber Schule selbst als f 'ines ber besten Hilfsmittel bei ber Erziehung der Heranwachsenden Zagend. Die Religion wollen wir aus rein pädagogischen Gründen erhalten wissen. Meine, Herren, wenn wir die Frage des Religionsunterrichts in dieser Weise lösen, dann werden in Zu- hinft alle bie Reibereien unb Streitigkeiten wegfallen, bie seither in so reichem M ahe zwischen Schule unb Kirche bestanden. Unb ),K* wird beiden Teilen zur Förderung gereichen. Tie Verpflich- ning der Lehrer, allerlei Aemter zu übernehmen, hat zu Un- mtraghd)feitcn geführt, und ich brauche wohl nicht darauf hinzu- luifen, day eine derartige Bestimmung jedem Rechtsbewußf'eiu :?iiicr|yrid)t. Auch unsere Regierung hat bereits diesen Paragraphen fallen gelassen.
Ein weiterer wichtiger Punkt, der in dem neuen Gesetz zur imtfcheidung gebracht werden muß, ist die Frage, ob die Schu e nuie Ltaatsschule oder reine Gemeindeschule oder ob beide, Stad Uw Gemeinde, an, der Ausbringung der Kosten beteiligt sein Men. ,-i.a der Staat Herr über die Sdntle sein muß, so tlebigt Uch diele Frage eigentlich von selbst.
iS1 nner dann auf Einzelheiten über bie Verteilung I sF Schullasten em. Er vertritt ferner bie Forberung, bie Vor- pulcit abjuidiauen und spricht für eine Verminderung der Schüler- fchl in den einzelnen Klaffen. Wenn auch in den letzten Jahren tue Bellerung emgetrete^ ist, so befinden sich doch immer noch p—70 Kinder in einer Klasse. Ter Abgeordnete Bach bc dicht dann bte Vorbildung ber Lehrer und tritt füi dnen sechsjährigen ^eminarkurfus ein, wovon die ersten niet 1 Jabrc der Mlgemenibildung, die anderen zwei Jahre der Fach- luSbilbung gewidmet sein sollen. Ferner muß in dem neuen Ge 'K bie staatsbürgerliche und rechtliche Stellung dir Lehrer präzisiett werden. Tie Lehrer nehmen heute eine ß^tteritellung. ein, wie keine andere Berufsklasse. Aud) in bezug |uf Gehalt sind bie Lehrer den sogenannten mittleren Beamten ilci Hzuitellen. Die Ausnahmebedingungen, unter denen die Lehrer luracit leiden, sind in bem neuen Gesetze aufzuheben. Ferner rügt r itr Redner, datz der Lehrer sein Gehalt nicht aus einer Kasse1 ^uiht. Es gibt Fälle, wo er sich aus fünf bis sechs Kassen nm: Geld, zutammenholen muß. Eine der brennendsten «ragen, bie bie Lehrerschaft bewegen, ist die ber Hint c r - unebenen Versorgung. Für bie Witwen ber Volks,'chw- ta iit bie Summe von 600 Mk. als Höcbstpension feftgeleq:.
Gelb, das für bie Schule aufgebracht wird, ist nicht ver buAes Kapital, denn es trägt hundertfältig Frucht. Möge bc- [iuif Schulgesetz so gestattet sein, daß der Satz wieder zur Wah-- ::-tt werde, daß Hessen auf diesem Gebiete allen übrigen Staaten tMnschreitc."


