Dienstag. 50. Mai I<M
M. Jahrgang
Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
Nr. 125
Ter Gießener liylftt erfcftcin! täglich, außer
ve;ug»»ret»: monatlich 75 ^l^oiertel- iäbrltd) M. 3^0; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.8.— eiert el* |dbrL auSfchl. Bestell-. 3eilenpreiS: lokal IbPiP antrodrt» 90 Pfenniq. (S hefredakteur: A. Goetz. Slleranhvortltd) für den polsttfchen Teil: tluguft Goetz; für .Feuille- ton*. ,'BenniJcbteB* und ^Gcnchiafaal': st. Neurath; für .Stadt und Land": (E.frcfc; für den Anzeigenteil: H. Beck.
ConntaqS. - Beilagen: viermal roixfrentlirh GfehenerZamiliendlatter, i roetmal mikiifntlJCteii- I bleit |ätbt» Kreis ticfcen * (TtentztngundFreuaai; zweimal monatl. land wirtschaftliche Äcltfrager. r<em|prrd)«Anschlüsse.
WZW General-Anzeiger für Gberheffen
Knn-i«e von »nreigen Rotaffonsörud und Verlag der vrühl'schen Univ..vuch' und Zteindruckerel R. Lange, «edattlon. Expedition und vruckerei: Ztbulftrahe 7. b!I vormittag»^»"iiijn vüdinge«: Fernsprecher Nr. 50 Geschäftsstelle vahnhosstraste 16a.
Die heutige Nummer umsaht 12 Seiten.
Das russische vorgehen und die türtische Kammer.
Man kann heute wohl von einer dtplomalischen Niederlage Rußlands sprechen W,r haben schon barauf hinge- wiesen, mte unbegründet und vom Zaune gebrochen das russische Ultimatum an die Türket gewesen ist und wie cs von den Junyturken zurückgewiesen werden würbe Ttc übrigen Großmächte haben beim auch ber „Einlabung" dtuftlanbs, diesen seltsamen Schritt niitzumachen, feine ,3olgc geleistet, indem sie darauf hinwiefen, bas; fein Anlaß beftehe, die Türkei sricbcnsfeinblichcr Bestrebungen zu bc schuldigen Die Türkei hat ihr Recht, Trupp, Grenzgebiet zur Ihitcrbrücfung bes mbanischen Ausslanbes anzusammelu. nicht überschritten Zn ber türfischen Mamin er würbe bei ber Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage über diese Angelegenheit das russische Doppelspiel inS rechte Licht gerückt. Rußlaub hat durch seinen Botschafter mündlich freundschaftliche Vorstellungen ciheben lassen, während es durch bas amNiche Pressebureau plumpe Drohungen gegen bie türkischen Staatsmänner Der breiten lieft. Die türkischen Minister ließen es trotz bei binblicher Formen an ber erforderlichen nachbrücklichen Verwahrung nicht fehlen:
Konstantinopel, 29. Mai. In ber Berhanblung der Kammer über die Anfrage an den Minister des Aeufterit betreffend den diplomatischen Schritt RuftlaubS hob ber Fragesteller Dzschene n i bie ungebührliche For m bieses Schrittes hervor unb betonte, keine anbere Macht tönnte gegenüber Montenegro konzilianter hanbeln als bie Türkei. Der Äbgeorbnete Ibrahim iAlbanefc) betonte die Anhänglichkeit ber Albanesen an bie Türtei 9t i j a u t P ascha verlas eine Erklärung, in bei betont wirb, daft bie von ber öffentlichen Meinung an ben Zwischenfall getuupften Vcrrnu- tungen einer Wiederkehr ber bcbauerlicherwcise i n früheren Jahren vorgekomIstene-n Fremben- c i nm is chu n g e n m bie inneren Angelegenheiten ber Türkei grundlos seien. Der russische Botschafter habe keine Note übergeben, sondern die Mitteilung sei eine münd- lüfte unb keineswegs ber am Tags vorher burch bie Tete- graphenagentu, in ungebräuchlicher unb seltsamer ^cife erfolgten Publikation ähnlich gewesen Wie ber Botschafter am Schluß ieiner Unterrcbuug selbst gesagt habe, war seine Erklärung mit dem burch die Telegraphenagentur mit- geteilten Text nicht gleichlautenb.
Wenn, so sagte ber Minister, Montenegro bie Grenze gegen bie Aufständischen gesperrt halte und ben Malissoren weitere Anteilnahme an bem Aufstanbe nicht geitatte, werde bie Unterdrückung des Ausstandes in kurzer Zeit leicht erfolgen. Rußlaub habe aber geglaubt, daft ber allgemeine Friebcn gesähroet werden fonntc und habe daher ben rusfi- schen Botschafter in Konstantinopel beauftragt, einige ireundschaftlichc Erklärungen abzugeben Der Botschafter habe bem Minister sein Bebauern über bic Mißdeutung der Mitteilung, die bloft freundschaft- Heften Eharakter trug, ausgedruckt Was bic Beschwerde Montenegros anlangt, fo halte es ber Minister für über- flüssig, zu erklären, haft diese ebenso unlogisch wie unangebracht sei. Die Türkei sandte Truppen an die montenegrinische Grenze, weil ein Aufstand dort ausgebrochen war. Es sei unverständlich, wie ber Türkei geheime Ziele zugeschrieben werden konnten. Ein Krieg mit Montenegro tonne ber Türkei weber materielle noch inoralische Vorteile bringen. Tie ottomanische Regierung habe keinen Angrifisgebankcu gegen irgendwelchen Nachbar. Der Minister gab schließlich der Ueberzeugung Ausbruck, daft bie obigen Erklärungen, sowie die i n gleichem Sinn
gehalten en Antworten der Großmächte genügen würben, um die Befürchtungen Montenegros zu beseitigen und sprach die Hoffnung aus, daft Montenegro sich einer mit den nachbarlichen Wichten zu vereinbarciiden Politik nicht enthalten werde.
Hierauf ergriff der Grog wesir das Wort, besprach »en Malissorenaufstanb unb führte aus, bic Regierung habe gewusst, baft im Frühjahr ber Aufstand ausbrechen sollte, unb habe beshalb Truppeuseitbungen vorbereitet, bic aber infolge bes Ausstanbes im Jemen eine Verspätung erlitten Die Türkei musste infolge des abenteuerlustigen Eharakters der Montenegriner cm Armeekorps konzentrieren. Ter Minister betonte dann nochmals die friedlichsten Absichten der Türkei.
Die Kammer sprach der Regierung mit 135 Stimmen bas Vertrauen aus. 47 Äbgeorbnete enthielten sich der Ab- stimmung.
Petersburg, 29. Mai. Ter Ebes deS PrcftbureauS, Nelidoiv, ha: dem Vertreter von Wolfis Telegravhenbureau erklärt, haft das Ministerium des Acußern die mündliche Antwort der türkischen Regierung auf bie muiiblidic Mitteilung des russischen Boi'chaiters in Konstantinopel er halten habe, deren Hauptpunkte folgende seien:
Tic türkische Regierung erklär!, daft sie über die von der russischen Regierung erhaltene Mitteilung erstaunt geioeien sei und sie bedauere sic, da sie ihrer Meinung nach durch die ivirl hefte Lage der Tinge nicht hervorgerufen wäre. In letzter Zeit seien auf montenegrinischer Seite Vorgänge beobachtet worden, die nicht im Einklänge nut, den internationalen Verpflichtungen gewesen seien und einen gewissen Borwurf verdienten. Allein aus der Tatsache, daft ine türkische Regierung viel Langmut gegen über her Handlungsweise der Montenegriner bewiesen habe, gebe hervor, daft bic türkische Regierung leine feindlichen Absichten gegen das Königreich Montenegro habe. Von diesem werde die Wicdcrhcrstellung twrmaler Zuftändc abhängen.
Lin gegen Portugal gerichteter päpstlicher Hirtenbrief.
Rom, 29. Mai. Ter angelünbiglc päpstliche Hirtenbrief ist erschienen; er trägt bas Datum vom 21 Mai unb ist an bic Bischöfe ber ganzen Welt gerichtet. Ter Papst bebauen barin lebhaft Mc von P ortugat gegen bie Kirche gerichteten Feinbjeligieitcn unb erinnert b.iran, bas; bie provisorische Regierung unmittelbar nach ber Prokin- matiou her Republik eine Reil c von Maß nah men aniilirch- licftcr Art ergriffen habe, an die gewaltsame Untcrbrüdung ber religiösen £rben, bereu ^.’i^glieber ist rohester Weise ansgetneben worden seien, an bie Abschaffung des religiösen Eides, an bas Verbot bes Religionsunterrichts m vdeutlichen Schulen, Einführung bet ^hescheibung unb an bic willkürliche Abfetzung ber Bischöfe von Sporto unb Seja, gegenüber sovielengchäjfigen Maßnahmen havc bewahrt unb sich jeben Schrittes enthalten, ber fcinbselig gegen bie portugieiiicfte Regierung aingcfaftt werben konnte. Tiefe habe aber ihrem religion§'cmbiia,cn Werte bie Krone aufgesetzt durch ben Erlas; bes Tren nungs gcs ctzcs Ter Papst könne nun nicht mehr schweigen, oa das Gesetz ben Abfall bes Staates von Gott oertunber unb mit ber tatholischen Religion breche, zu der sich fast bic Gesamtheit der Bürger belennt. Tas Gesetz sei nicht ein Treiinungsgesctz, sondern ein Raubgesetz gegen die latholijche Kirche, was bic materiellen Güter angehc, und ein Gesetz tnrannischer Unterdrückung auf geutna)cm Gebiet. Das Gefetz raube ber Kirche alle beweglichen unb unbeweglichen Güter unb mache ihr unmöglich, solche in Zulunfi zu erwerben, inbem cs ben Willen ber Erblasser burch ungerechte Bestimmungen über bie frommen Legate breche. Noch ver- bcrbltcher fei bic Tyrannei, bie bas Trennungsgefep au geistlichem Gebiete ausübe. Tie ttrchliche Hierarchie fei vollständig ausgeschlossen von jedem Einfluß auf bic Crgani- fation des Kultus, womit man bic Wohltätigkeitsvercine
beauftragt habe. Anbcrcrseits rufe ba» besetz bic Kor- ruption deS Klerus unb bic Empörung gegen bic recht - m&ftigen Oberen hervor, inbem es Priestern, bic von ben kirchlichen Behörbcn fufpenbiert feien, ober iidi verheirateten, sowie ihren Witwen unb Kinder» Vergünstigungen gewährte unb bie portugiesische Kirche von ber Verbinbung nut Rom zu lösen bestrebt sei. Infolacbesscn verurteilt ber Papst bas portugiesische Trcnnungsgcsctz, erklärt es für null unb nichtig unb ohne Gewicht gegenüber ben uuDcrlcfthdicn Rechten ber Kirche, fpenbet wärmstes Lob dem portnglesi- chen Episkopat unb KlcruS, ber bieses Gesetz verurteilte unb ermahnt ihn, bie einträchtige Verbinbung mit bem Heiligen Stuhl zu wahren._________________
Zur Entführung der deutschen Ingenieurs Richter.
Jena, 29. Mai. Wie bas „Jenaer Volisblati" nid- bei, ist ber in ben Balkanbcrgen von griechischen Räubern übersallene Jenenser kein Professor, sonbern ber bei ber Firma Karl Zeift angcftclltc technifchc Beamte Friebrich' Richter, ber bie Reise unb ben Aufstieg auf ben Olhinp vor 10 Tagen im Aus trage ber gcograpiji- chen Gesellschaft Thüringens unternahm.
Saloniki, 29. Mai Zur Versotgung ber Räuber, bic ben Ingenieur Richter Jena entführten, finb vier Mili- tärabteihmgcii abgegangen, außerbem alle verfügbaren Gendarmen sowie eine aus früheren Banbcnmitgliebcrn bestehende Kompagnie Freiwillige. Man inadn die Behörden verantwortlich, weil diese Richter nur zwei Personen zur Begleitung iniigegcbcu haben Tic Leichen bei beiden Genbar men würben in einem Gehölz bei Kcti- noplc gefuubcn.
Von bem entführten bcutscheu Ingenieur Riditer-Ieiia würbe trotz eifriger Verfolgung ber Räuberfpuren nichts entbedt.
Wie bem Berliner „Lokalanzciger" ans Saloniki gc- melbet wirb, haben bic Behörden von Monastir C t n Schreiben von Richter erhallen, worin er erklärt, daß erfichwoh 1 befinde, baß bie Banbe aber Lose- gelb forberc. Richte: ersuchte, bas Löscgclb raschcsteiis zu idiidcn, bamit er freigegeben werbe.
Ehriftenseindliche Stimmung in Smyrna.
Köln, 29. Mai. Tic „Kölnische Zeitung" melbct auS 5t o n st a u t i u v P c l: Vuiv 2 mi) r it a luiio Die ErNior - düng eines jungen türkischen :pi ü b (ft c n d burch christliche, dort arbeitende 'tretet gemeldet. Tie Tater sollen verhaftet jein. Tie Einzelheilen oer grausamen Mord- lat sind scheußlich, und man befürchtet dort ben Ausbruch einer christcnfeinblichcn Bewegung, wozu bie Forderung der Regierung an das Patriarchat, ben Bischof von Smhrna, ber am letzten St. Gcorgstage eine jiunbgcbung zu Gunsten des Königs Georg in ber Kirche Dor genommen ober jeben- falls gebulbet har, abzuberufen, beiträgt. Tie Presse ver- fichert, bie Regierung habe wirksame Maßregelil zum Schutze ber Christen ergriffen. Die Garnison von Smhrna zählt nur zw<^ Bataillone.
-- _u - - ■ ■ ■ " ■ ■ ■ .
Deutsches Reich.
Ter Ausschuß bc. R c i ch s t a g s zur Beratung des Entwurfs, betreffend bic Aenberung ber Paragrapheii 114 a ufro. ber Gewerbcorbuung ha: über jeinc Beratungen Bericht erstattet. Tiefe Novelle zur Gewcrbeorbnung soll un Herbst vom Reichstage verabschiebet werben. Sie enthalt bic Bestimmungen, baft für bestimmte Gewerbe Lohnbücher ober Arbeitszettel zur Einführung gelangen, in bie u. a. die Lohnsätze, bic Bebingungen für bie Lieferung von Werkzeugen unb Stossen zu ben Arbeiten unb bic Lohnbeträge cinzutragen sind. Aus Wunsch der Arbeitgeber hat ber Ausschuß beschlossen, daß nad; Bestimmung bes Bundesrats
l(unft, IViffcnfcbaft uuö Leben.
— Neues au6 ben Münchener Museen. Aus München wirb uns geschrieben: Tie energische Taikrast, Die ber jetzige Tirektor der bäuerischen Gcmäldciammlungcn, von Tschudl daran letzt, um die Ädünchencr Museen immer aiiziehcnder und abwechslungsreicher zu gcflalten, Ml eine Reihe neuer ichoncr Resuliate gezeingt, über die in dem von Dr. Bicrmann her au s.- gegebenen Cicerone eingehend berichtet wird. Zunachn und Tickudi einige wichugc Neuerwerbungen gelungen, ,o bat er die alte Pinakothek um einige Werke Gonas, beiondcrs um ern imch- nqcs Bildnis der Königin Maria Luise, und um ein orachtrges Porträt des vorzügliaieii banrischcn Malers Edlmgcr berercherl Ti: der Ergänzung so dringend bcdüritigc Pinakoihek bat zwei Meisterwerke der modcrneii Malerei erhalten, das wundervolle Porträt des Malers EharlcS Schuw. eine glanzende Arbeit m i b lund cm schönes Tamenbildms von Wal om ul l er aus dem' Jahre 1836. Außerdem wird die alte Pinakothek m diesem Sommer durch einige hochbedeutiamc L c r h g.a bcn mr alle Kuiistsrcunde emc ganz einzigartige -lnS^bungSkran erhalten. ES ist Tschudi nämlich geglückt, mehr als^30 vauDtiiude einer der aroftattigften Privaijammlungen, der Lienpcner, Galerie bei rönujlidxn RatcS Marecll von Nemes, zur Ausnellung zu erhalten und dann noch cm m der Kunilge,chichte vrcl :>ewrochcnes und viel umstrirtencs Werk, jenes berühmte Bildnis des Jan van Eyck, das die Brückeuthalsche Gemälde, aiw.nl ung zu Her- mannstadt besitzt, und das daher dis letzt nur von wenigen tfor- icbcrn besichtigt iverden lonntc. Tic Privatgalerie des Herrn von Nemes nimmt unter allen m den letzten -0 obren ent- l-anbcncn Privatfammlungen einen autzcrordeMitch hohen Rang cm. 2ie umspamu Die ganze neuere unngechichte utü> scheidet sich deutlich m zwei Gruvpcn: die altere Kumt RS 1800 uird die neuere Kunst, die durch Comtavkc, Detaeroir, -(orttutlli, Eou-Vei, Manet, Corot, Monet, Renoir, TegaS u,w. glanzend vertreten ist. Von noch höherer Bed-euiung ,rnd freilich die Werke der alten Kunst; unter den a.eut,chen ragen die Bilder des seltenen „Meisters mit Pen Assen" hervor, unter den alten Niederländern Werke des Hugo vair der GocS^ Barthel Bruyn und eine glän^irde Arbeit des „Meisters vorn ^.ode der Maria . Eiwge ältere Italiener, wie Simone da Bologna und Agnolo Gaddi, leiten über zu prächtigen Werken der HochrcnaiNance,
unter denen ein Porträt Tizians, ein großes Tastlbild Tintoretros und ein köstlicher Moroni die Glanzüücke bilden. Tie besten Holländer, auch Rembrandt und Hals, iinö durch charakteri'm'chc Arbeiten vertreten, neben vier vorzüglichen Werken von Rubens steht ein schöner van Dyck. Ter wichtigste Teil der Sammlung find aber wohl bie Spanier, und »war deshalb, weil bie Samm lang Rcmes neun Meisterwerke d.s heute so Diel gegönnten Greco ihr exgen nennt, die eine geschlossene Anschauung non der kunü- lerischen Entwicklung dieses zum Spanier gewordenen Griechen geben, wie man sie außerhalb Spaniens heute wohl nirgends sonst erleben kann.
— Eine neue Freistätte für Wasser-, Strand- unb Sumpfvögel ist soeben vom Intern. Frauenbunb für Vogelschutz, wie bie Geschäftsstelle in - bar. lottenburg uns schreibt, auf ber Insel Hidbcuscc iv.it» lieft von Rügen geschaffen worben. Abscheulich war bi: jetzt bav Rieberknallen der herrlichen Möwen, Secschwalbeu, Kampfläufer unb anberer Stranbvögel burch fcftieftroütige Badegäste unb Fremde, die juleben Bogelmassenmord zum Sport machten. Nun ftat der Jnteruationalc Frauenbund für BogclfÄutz Verträge mir den Iagdväcptern abgeschlosfcn, wonach fiel) diese verpflichtet haben, iebermaim bie Er laubiu* 5um Eiersammeln und Schießen zu verweigern und selbst bic Jagb einen graften Teil bes Jahres auf alle Arten unb auch auf eine große Anzahl besonders nambatt gemachter Arten sogar das ganze Zoär hindurch ruhen zu lassen. Zwei ortsansässige Vogelwärter sind verpflichtet, auf Innehaltung ber Schutzbestimmungcn zu achten, und feben etwaigen UcbcrtrerungvfaiL uunachsichtlich zur Au- zeige zu bringen. Auf dem besonders arg gefährdeten unbewohnten Süden Hibbensecs, bem „Geilen", soll im nad)» üen Jahre ein Blodhaws als Wohnung eines ausschließlich mit ber Aufsicht betrauten Wärters errichte: werden. Ter Intern. Frauenbund für Vogelschutz richtet an alle Ratur- unb bcf'oubers an alle Vogel,reunbe bie herzliche Bitte um Beitrage zu einem Fonbs für Unrerhalrung zweier Sogel- märtcr auf Hibbenfee zum Schutze ber dortigen Waffer- und Sumpfvogel.
— Anzengruber i m P o l»z ei d i e n st. Tic bisher unveröffentlichten Polizeiaktcu Ludwig Anzengrubers, ter als junger Mensch aus Not für em paar Monate auch als Poliicibcamicr sein Unterkommen suchen mußte, Otiidt jetzt Anton Bettelheim in dem neuen Organ der Wiener freien Volksbühne „Ter Strom" oj. Es war gerade die Jeit, als der „Pfarrer von M i r d? f c 10" unter dem Pseudonym L. Gruber am 5. Rooe.nber 1870 im Theater an der Wien zuerst ausgesührt mürbe Richt einmal die Polizei schein! gewußt zu haben, daß der Verfasser m ihrem Amtsgebäude „Am Pater" mit dem Monatsgehalt von 50 (Dulden Schreiberd.enste leiste, Leumundsnoten topierc und Stedbncic ton Strolchen in Eoiocn; halten müsse. Im Jahre zuvor hatte Anzengruber im Hinblick auf feine Notlage ein Gesuch an das Präfidmm der Polizcidirckiwn gerichtet, in bem er um Anstellung bat. Ein Amtsdekret, das ihm Oiti Wochen nach der Vorstellung des „P'arrers von Kirchfe'o" zuging, ,'etzie ihn von ber Ernennung in Mennints. Als er nun feste Bezüge erhielt, stellte er feine Mitarbeit bei dem bekannten Witzblatt „Kikeriki" oen Witz zu zwei Kreuzern em. Aber der Scyöpfer des „Meineidbauer" reichte ,'chon am 25. Mär; 1871 wieder folgendes Entlassungsgesuch em: „Hohe- K. ft. Polizeidirekiwnsvräfisium Ter uniettanigft gefertigte, welcher die Ehre hatte, einer hohen Stelle feine geringen Ticnfte weihen zu dürfen, kommen, ein lang erstrebtes Ziel nach schweren Mühen zu erreichen und Die Laufbahn eirns dramatischen Dichters betreten zu können. Ta es nun fein sehnlichster Wmnfch ist, feinem Schafteusdrange zu folgen und auch in dieser Stellung feinem Ba'erlande Ehre ;u machen, fo sieht er sich veranlaßt, da er es mit feiner Pilichr durchaus nicht vereinbar findet, daß oer Ticnit nur die geringste LernachlMfigung leidet, welche brni-dben eben durch eine derlei ernste und eifrige dramatische Tätigten enoach'en könnte, cme hohe Stelle ergebenft zu bitten, das Nötige veranlassen zu wollen, damit er mit 1. kommenden Monats aus dem Staatsdienst ,'ch:ioen kann. Möge es dem Gesertigten zum ^chlufse nod) vergönnt sein, einer hot en Stelle für Oie gütige Nachsicht und freundliche Würdigung, Die seinen geringen Verdien len zuteil geworden und welche er stets in denkbarer Erinnerung behalten wird, seinen tieiergebensten Tunk auszw'orechen. Ludwig Pnzengrubcr, L l. Polizcidirettionsoffiziol IV. Klasse."


