Die heutige Nummer umfaßt 18 Seiten
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aus Blättern oec Stechpalme Sachrpe schräg über die rechte waren häu'ig noch die Bluten Pfingsten blühender Orchideen und deshalb im BolkSmundc
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Eine wichtige Rolle spielen die Blumen auch
1892 i. P.
1888 i. e.
1909 1 S. i,(Ä .
tenbrauchcn. Vielfach ist es Sirte, an einem der ersten Pfingsttage Pferde und Kühe 3um ersten Male auf die Brachweide zu treiben, und in Niederdeutschland ist Pfingsten deshalb vorzugsweise ein Fest der Hirten und der mit dem Vieh beschäftig 1 en Tienstboicn auf dem Lande. An einigen Orten gehört die Milch, die cm Pfingfttage gmiolfci: wird, ocn Mägden, und sie machen
Nr. 129
Ter Siebener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich Oiehener^amilienblätter. zweimal roÖd)cnil.Xiei$: blattsürdenNreisSiehen
Die Lniführuiig Oes Ingenieurs Richter.
Der Ingenieur Richter schwebt immer noch in Gefahr. Die heutigen Meldungen lauten widersprechend. Einmal heißt es, die Räuber seien umzingelt und dann wieder, die Verfolgung sei im Jnteresfe Richters abgebrochen.
Halle, 2. Juni. Tie Zeißwerke in Jena erhielten die Nachricht, dafz die Banditen, die den Ingenieur Richter entführten, in ihrem Schlupfwinkel aufgespürt und von tückischen Truppen umzingelt seien: doch wage man nicht, vorzugchcn, da man sonst für Richters Leben fürchtet.
llüM. ab 1907 ib 1997.
-Fr. IS SirtlDd
pfingstdlumen.
Von Iran; Pflug k.
Zn Pfingsten prangt die Natur in vollem bräutlichen Schmucke. Dicht wölbt sich schon, das Dach des Waldes, der grüne Teppich in Feld und Flur, in Hain und Garten ist mit einer reichen Fülle farbenprächtiger Blumen und Blüten durchwirlt, und überall begegnet unser Auge jungem, zartem Grün und leuchtenden Farben. Kein Wunder, daß gerade an diesem Feste die grünende und blühende Natur von feher eine so bedeuuame Rolle spielte. Und wenn wir heute auch nicht mehr in überströmender Frühlings- freubc und Frül lingsseligleit hinausziehen in den maienfrischen Wald, um uns den Pfingstbaum selbst zu holen, missen wollen Wir ihn doch nicht. Ter geheimnisvolle Zauber, den das neuerwachte Leben in der Natur immer und überall auf das Menscheu- genuit ausübte, er hat auch heute noch nichts von seiner alten, tiefen Wirkung verloren, und freudig schmücken wir Haus und Hof, Stube und Kammer mit frischgrünen Zweigen.
Unzertrennlich wie der Schmuck und Tust der Birkcnzweige ist in vielen Gegenden unseres Vaterlandes die wohlriechende Kalmusstaude mit dem Pfingstfest verbunden. Namentlich in Norddeutschland ziert man mit ihr Tor und Tür, Pfosten und Fenster: jedes Bild und jeder Sims zeigt den grünen Fest'ckmuck, und oft zerschneidet man die Pflanze in Heine ©tütfefeen und streut sie in die Wohnungen. Auf den blinlcnb weißen Tielen der altbüuerlichen Gehöfte nimmt sich das saftige Grün wunderhübsch aus, weich und lautlos schreitet der Fuiz darüber hinweg, und stark und würzig ist der Tust, der das ganze Haus durcl-ziehi. In der Mark müht sich noch hier und da Jung und Alt, den üalmusstengcl lünftgcrccht zu teilen und die Kalmusseele, d. s. die innersten fleischfarbenen Rundblättchen unversehrt heraus- Zuschälen und ohne Hüfe der Zähne durch einen einfachen Zungen- I schlag zu verschlucken, „das löst die Zunge und stärkt das Herz". Utbrigens ist auch der starke Geruch der Pflanze nicht ohne Bedeutung, nach der festen Ueberzeugung manches biederen Land urannes soll er Haus und Hof, Mensch und Tier vor allerlei unheilbringenden Mächten und schlimmen Mrantbeiten bewahren.
Tie Gewinnung des Kalmus ist nicht ganz ungefährlich. Er oebeibt nur auf feuchtem, sumpfigem Boden, namentlich an sumpfigen Flußrändern, und es ist nicht ratsam, ihn von der Ämdseüe auS zu gewinnen, allzuleicht gibt der Boden nach und der Mensch ist unrettbar verloren. Arn sichersten gewinnt man ihn, mdern man mit einem Nachen am Ufer dahinfährt. Seine Heimat ist wahrscheinlich in Indien zu suchen: nach Deutschland tarn im 15. Jahrhund eit. Bekannt war er aber auch schon vorher bei uns, man bezog ihn auf dem Wege über Italien, er wurde m den großen Metropolen des gcrmaniidwn Südens sehr hoch ^schätzt, und wer zu Pfingsten in feinem Hause die „Eh.ttmus- ^rzel" aufweisen konnte, war nicht wenig stolz auf dies seltene
Iler> gefertigter .stranz wie eine Schütter gehängt. In ben st tanz von zwei in dortiger Gegend um ■£. lalisolia uno L. maculala,
sich ein Fest, indem sie diese in Gesellschaft verspeisen. Tas Mädchen oder der Bursche, der beim Austreiben des Viehs zu- lev-t amommt, wird Pfingstsuch-, das Mädchen P'ingstbram oder Pfingstjungfer, das zuletzt auf dem Plan erscheinende Rind, ic nachdem es eine Kuh oder ein Ochse ist, Pfingstl au oder Psingst- oüe genannt. Tie Pfingstiüh oder der Pfingstochse, mitunter auch die Pnngstbraut ober der Ps'ingstfuchs, werden dann unter großem Jubel mit Blumen und Laub gefchmückl ober gekrönt, weshalb man ,a noch heute die Redensart hat: Geputzt fein wie ein Pfingstochse.
An anderen Lnen wird die Pfingstbraut nicht mit Blumrn, lonbern mit einem Nessel- oder Ltrohl'ranz ausgeputzt. Wieder an andern geschieht dies der Pfingstiüh oder dem Pfingstochsen, wogegen die zuerst auf dem Platze ankommende Kuh oder das zuerst erscheinende Mädchen nut Blumen gefchmüat wird. Ties ist dann Die Psingstbraut oder Königin des Festes.
sriedenheit und Mißmut erwuchs und wie die allgemeine politische Entwicklung, das Emporkommen der Vozialdemokraiie, die Verschärfung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze die im Reichslande zu lösende Ausgabe noch schwieriger und verwickelter machten.
Auf der anderen Seite freilich wird, so führte er weiter aus, die Anziehungskraft des riesigen politischen und roirtfri>aithd)cit Gewichts des Reiches immer stärker und machte jede Lösung gleichsam plmsich unmöglich. Dem Schielen nach Frankreich aber wird sein stärkster Anreiz genommen, wenn das Gefühl schwindet, daß man in schroffem Gegensatz zu der Verhätschelung von fr an zö fisch er Seite in Deutschland doch immer nur Bürger zweiter Klasse sei.
Was ist nun eigentlich das Gefährliche an der Reform, wie sie in diesen Tagen nach langen Mühen Gesetz
BczngSprel»: monatlich 75^., eierte!- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch die Post TIL 2.—viertel- läbrL au5fd)L Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15P1T auswärts 20 Pfenniq. 6 hefredakteur: U Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für .Feuilleton*, „Vermischtes* und .GeiichlSlaal": R. Reu-
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Im Münsterischeu zogen iwch vor nicht langer Zeit die Kinder con Haus ja Haus und sammelten unter Gesang Eiei ein, die dann gesotten und gemeinschaftlich verzehrt wurden Ter zuletzt autommende Knabe erhielt Len Namen „Pinksteblömc' .Psingstblume. Ihm wurde ein
Gewürz. Selbstverständlich wurde u auch entsprechend teuer bezahlt, und der Patrizier Anton Tücher aus Nürnberg führt ausdrücklich in seinen Büchern an, daß er im Jahre 1503 neben Mandeln, Zuckerkant und Rhabarver aus Venedig auch ,,2 Loth E Kalmus" bezogen habe, späterhin sank natürlich der Wert des Kalmus in dem Maße, wie er sich bei uns cinbürgenc.
Eine prächtige Psingstblume ist die Päenie, die meist zu Pfingsten 11,re großen, purpurroten Blüten entfaltet, und vom Voll als Pfingstrose bezeichnet wird. Ihren Namen leiteten die Griechen, bei denen sie als wildwachlende Pflanze ziemlich häufig war, von Paon, einem V.i. ainen des allheilenden Apollo ab, der damit glückliche Kuren vollzog und auch Pluto, den Gott der Unterwelt, gesund machte. ES war übrigens nicht leicht, die Päonie zu erlangen, denn der Speckt bewachte sie und stieß jeden, der sie ausgraben wollte, nach den Augen. Man burrte daher nur des Nachts, wenn der Vogel schlief, an die Arbeit gehen. Im Mittelalter legte man das Jlraut auf die Herzgrube gegen Alpdrücken, lallende Sucht fEvilepsie und Gicht. Noch heute binbet man im Aargau Kindern, die Krümme haben, ein Baud aus 77 Päonienbl altern um: fällt ihnen das Zahnen schwer, so befestigt man eine Schnur aus den Samen an dem Halse. Am stärksten wirkt die Straft der Gichtrose, wenn sie im März bei abnehmendem Lichte gegraben wird
Psingstblume nennt man auch die Schwerilüie Iris). Sie war schon iin Alt.ttum bekannt uni) beliebt, uni> da die Ins als schnellfüßige, goldgeflügelte Götterbotin die Seelen der Frauen und Mädchen an den Ort ihrer Bestimmung führte, vflanzten die Griechen die nach ihr benannte Blume auf die Gräber der Verstorbenen. Bis in die Gegenwart hat sich diese Sitte erhalten. In der ttordischen Mlsthologie stand der Himmelschwertel jedenfalls mit dem Kultus einer Fcühlingsgöttin in Verbindung. Auch dienten die Blätter zum Schmuck der Psingstbraut, die nach altem, deutschem Brauch um Pfingsten ihren Ehrenzug hielt. Reste dieser alten Sitte haben jich in Holland erhalten. Irin Mädchen wird hier mit Bändern und Blumen reich geschmückt und unter dem Namen „Pinseter bloem", wie auf holländisch die Iris beißt, als personifizierter Frühling auf einem kleinen Wagen eingefühn. Arme Weiber ziehen denselben, und jeder, der ihn lommen sieht, wirst ihnen em Scherslein z.i; freut er sich doch
her Trauer#, ten.
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Eine Kunögebiiug über die neuen e!sah-lothrmgischen Gesetze.
Teilt Reichskanzler i^ gt, ... ui2 mancherlei Angriffe, die ihm aus seiner Haltung in den elsaß-lothringischen Ver- fajsungSfragen erwuchsen — Maximilian Harden hat in seiner heutigen „Z.ttunst" wohl die schroffsten, beinahe gehässig üingenden Borwürfe erhoben —, ein Verteidiger, wahrscheinlich in einem süddeutschen Staatsmann'e, erstanden.
Tic amtliche „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" ver- össentlicht einen aus süddeutscher Feder fiamuien- öen Artikel „Vierzig Jahre Reichsland", der an die Tatsache anknüpft, daß am 3. Juni 1871 der erste Tenlsche Reichstag dem ihm Vorgelegen Gesetz über du Vereinigung von Elsaß und Lothringen mir dem Tcutschen Reiche zu- gestimmt hat und daß somit die Reichsgeschichte in diesen Tagen eine Art Jubiläum feiert. Ter Artikel sucht dar zutun, wie aus endlosen Verzögerungen und Enttäuschungen allmählich eine unerfreuliche Saat d 0 it Unzu -
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ist nicht geschwächt, vielmehr verstärkt worben. Soll es etwa dos Oberhaus sein, das zur Hälfte aus vom Kaiser ernannten Mitgliedern besteht und in das die politisch reifsten Elemente ein treten werben ? Oder das Wahlrecht für die zweite K a m m e r, das doch feine wesentlich anderen Zustände hervor bringen wird, als sie dasselbe Wahlrecht int ganzen übrigen Süddeiitsckland, in Baden, in Württemberg und Bayern geschaffen hat, und das nebenbei ganz gewiß nicht im französischen »inne wirken wird, weil es die französisch beeinflußte Oberschicht zugunsten der breiten, zweifellos deutschen Schichten der Be- oöllerungj’.urürfbrängt. Tie Alterspluralstimmeu waren ja als gewisser Schutz gegenüber den unreifen jugendlichen Elementen gedacht und hätten sicherlich so gewirft; auf der anderen Seite aber waren sie zunächst gerade der abfterbenben Generation zugute gekommen, die noch mehr unter französischem Einfluß steht, als die auf dem Boden des Reichs geborene. Oder endlich die B u n d e s r a t s st i m m e n? An der historisch begründeten, auf die mächtigsten Realitäten der Welt gestützten Machtstellung Preußens im Reich werden sic tatsächlich nichts ändern. Tatz die Mlaufcl bezüglich ihrer Anrechnung der Ehre Preußens zu nahe trete, ist mir ein schwer begreiflicher Standpunkt: denn wie kann ein Opfer, das in einer nationalen Frage freiwillig gebracht wird, etwas anderes als ein Ehrentitel fein'?
Tatsächlich werden aber doch die Fälle, in denen der Statthalter von dem ihm erteilten Rechte Gebrauch macht, die drei. Stimmen anders zu instruieren, als der Kaiser und König die Stimmen Preußens instruiert, nur bei Entschließungen über wirt - schaftliche Angelegenheiten vorkommen. Oder glaubt man, daß in einer hochpolitischen Frage der Statthalter, der doch ein Vertrauensmann des Kaisers und des Reichskanzlers sein muß, feinen eigenen 'Weg gehen könnte? Tie Frage Kellen, heißt sie verneinen. Jedenfalls steht einer seltenen und auf wirtschaftliche Interessen beschränkten Oppofitionsmöglichkeit der ungeheure moralische und erzieherische Wen der verantwortlichen Mitarbeit an der X'i'iung der Reichsgeschäfte gegenüber, die sicherlich, wie kaum etwas anderes geeignet ist, das Band, das Elfaß-Lothringen mit bent Reiche verbindet, fester, stärker und inniger zu machen, und so deutsch und verdeutschend zu wirken. Die Frage, ob das in d u neuen Gesetzen zum Ausdruck kommende Vertrauen berechtigt ist ober nicht, rückhaltlos zu bejahen, erfordert allerdings einen gewissen Optimismus. Aber ohne ein gewisses Maß von Optimismus läßt sich überhaupt nicht regieren.
(Dienstag undJrenag); zweimal monail. Land wirtschaftliche Seitsrage, fiemipred) - Anschlüsse. für die Redaktion 112, __
General-Anzeiger für Gderyessen
für die Tagesnummer Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Vuch- und 5teindruckerei R. Lange. Redaktion, Lrpedilion und Druckerei: Zchulftraße 7. j @ .la«ür bei
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4) fingst«,nschau.
Gietzcn, 3. Juni.
Das Handschreiben des Kaisers an Herrn v. Beth- mann-Hollweg hat dem verhältnismäßig ruhigen und fried- Uchl:n Abschluß der Reichstagsverhandlungcn noch eine Burgfchaft für die nächste Zukunft hinzugefügt. Herr v. Bethmann-Hollweg bleibt einstweilen ans seinem Posten. Der herzliche Ton des Handschreibens läßt diese Erwartung zu, wenn auch das äußerliche Zeichen des kaiserlichen 23er irauens nur in einem Bilde besteht Wahrscheinlich hat der Kanzler selbst ■ von einer hohen Auszeichnung, etwa der Verleihung des Grafentitels, abgcraten, da die politische Lage denn doch nicht dazu geschaffen ist Mühsam hat der Kanzler bei der Bewältigung der letzten großen. Gesetze im Reichstage dem Liberalismus, bis in die Fortschrittspartei hinein, einen Sckfimmer von Vertraueit und An erkennung abgcrungen, der sich leicht hätte verfinstern können, wenn der Totengräber der preußischen Wahlrechtsreform gar mit einer Standeserhöhung bedacht worden wäre. Zudem sind die konservativen verstimmt. 23on schweren Zeiten her liegt es dem Kanzler noch in den Glie- £Crn\mcin mafl U)m eine Freude machen, darf aber, nachdem der Leidenskelch knapv an ihm vorübergegaitgcn ist, ihm nicht den schäumenden Vergnügungsbecher iredenzen. Auch der Kaiser oars's nicht, wenn er auch jenes Büchlein des Bischofs von Rvttenburg gelobt hat, der zur Heilung und Besserung der heutigen unzufriedenen Menschheit den fchönen Götterfunken Freude empfiehlt.
Reine, ungetrübte Freude ist freilich bei unserem Erdenwallen selten: eher und lieber spricht man von einem irdischen Jammertal. Freudiger Pfingstgeist will auch heute nicht allerorten einziehen. Tie Zieicnsversicherungs- orduung in ihrer neuen Gestalt hat wette VolkStreise nicht befriedigt. Sicherlich bedeutet sie einen guten Schritt vorwärts, lndem der Kreis der Bcrsicherungsberechtigten bc trächtlich erweitert wird. Cs kann aber leider auch darüber geklagt werden, daß sozialem Empjindeu in manchen Bestimmungen noch nicht genug getan worden ist. Taß der Herabsetzung der Altersgrenze >vlche Schwierigkeiten ent« gegengestemmt worden sind, bleibt unerfreulich. Auch die Einschränkung der Wöchnerinnenbeihilfe auf dem Lande hat Mißstimmung erregt. Immerhin darf man nicht übertreiben. Tie Sozialdemotratie schwelgr, angesichts der l'ieu Wahlen, in Agitcuionsmaterial. Es in oft nicht ethisches und soziales Empfinden in seiner Reinheit, was sich agitatorisch gegen die Ordnung der Tinge auflehnt. Von London, wo die Not der untersten Slaitde erbarmungswürdig ist, hat Frau Lily Braun (die eben un Münchener Verlag von Albert Langen einen zweiten, sehr interessantc.il und lesenswerten Band ihrer „Memoiren einer Sozialistin" herausgegedert hat) „ein verächtliches Lächeln für die Größe und Einheitlichteir sozialer Hilfsarbeit" mitgenommen. Sie entrollt erschütternde Bilder vorn Elend der Armen in Whitechapel. Eine Stelle ist besonders charatteristisch: „Ein kleiner Bub mit krummen Beinen wollte sich eben heim lich mit dem gefundenen Rest einer Banane aus dem Mreid der Geführten davon schleichen. Ein triumphierendes Grillten verzerrte sein Gesichtchen. Aber schon sielen die an bereit wutheulend über ihn her und rissen ihm die faden ichcinigen Lumpen von dem armen rhachilischen Körper. Er weinte nicht, er duckte sich nur ein wenig und versuchte,
Pnugstblumeu genannt, eiugeflochten. In Ermangelung von Stechpalmen wurde der Mranz wohl auch aus Immergrün Vinca minor gefertigt. Tie Mnaben zogen nun von Haus zu Haus und sangen ein Lied, das mit den Worten begann: Pinksteblöm, du suhle Hohn, Hädd's du ehr umtaohn. . . .
Dieser Brauch erinnert an den der Altmark, wo oer Pferde- junge, der fein Pferd zuletzt hinaus treibt, zum „bunten Jungen' wird, indem man ihn vom ttovf bis zu den Füßen mit Feldblumen behängt. Nachmittags führt man ihn im Torf von Hoi zu Host und derjenige, Oer zuerst auf die Weide gekommen und Taufchleover heißt, spricht folgende Reime:
Wir bringen einen bunten Jungen ins Haus, Wer ihn sehen will, der komme heraus;
Tie Blumen haben wir für uns gepflückt, Ta haben wir ihn mit ausgefckmückt: Und hätten wir uns noch eher bedacht. So Hutten wir ihn noch bei'er gemadjt. Sechs Eier, sechs Treier, n’ Stück Speck, So gehn wir gleich wieder weg, worauf die Jungen ein Geschenk erhalten.
Während hier die <_ ..cklung in Blumen zur Strafe geschieht, gilt cs tMd.riwtts ;.e ein. Ehre, Man wählt einen
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Erstes Blatt Jahrgang Samstag, 5. Juni M
Giehener Anzeiger
die zertretene Banane vom Pflaster abzukratzen, aus seinen verschwollenen Augen traf mich dabei ein Blick voll grsnzen- loser Verzweiflung."
Ein trauriger, weher Einblick in menschlichen Jammer. Aber man darf daraus doch nicht so folgern, wie es Frau Lily Braun tut. Auch in seiner heutigen Gestalt kann der Staat die schlimmsten Zustände der Armut allmählich beseitigen; utopische Wunsche bleiben unerfüllt. Der große Meister, den Herr Gothein am Mittwoch seinen Parteigenossen genannt hat, war auch ein Prediger der Menschenliebe, und.nicht minder gräbt sich's uns ins Herz cm, wie er in seinen empfindsamsten Tagen jenes wundervolle Bildchen malte von den beiden an oer Erde sitzenden Kindern, wie das älteste von der zuruckkehrenden Mutter einen halben Weck erhält, indem sie erzählt, wie der lose Vogel das Pfännchen zerbrochen habe, „als er sich mit Philippjen um die Scharre des Breis zankte". Tas Los der Armen war auch damals hart. In fteicm Fortschritt müssen wir in der Gesetzgebung über die schlimmsten liebet hinweg- kommen.
Tie Psingstfreude ist auch dort getrübt worden, wo Gewitterstürme und Regengüsse die Ernte vernichtet, ja, die Häuser sortgeschwemmt haben; und nicht immer Hal unser Vater seinem Verderber geboten, nach Klopstocks Worten, „an unserer Hütte vorüber',ugehen". Tausend Klagen, denen die Staatshilfe durch Nvlstandsatlfwen- dungen nur dürftig abzuhelieu vermag. Aber ist es im .'Jtiuen, im Leben der draußen wachjeitoen und blühenden Natur anders? Einen fchöneren Ausruf hat Goethe selten getan als diesen: „Ha! nicht die große seltene Not der Welt, diese Finnen, die eure Dörfer wegspulen, diese Erdbeben, die eure Statue verschlingen, rühren mich; mir untergräbt das Herz die verz.'h.eiwe Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt; die nichts gebildet hat, das nicht feinen Nachbar, nicht sich selbst zerstörte." Tas liebliche Pfingstfest entfaltet alles Leven draußen in seiner reichsten Pracht. Hoch steheit die Saaten, und die Rose erwacht in den Garten. Wo aber sind die holden Wunder des Frühlirigs, die kleinen B.umen des Maien? Erloschen sind die ftolzen erzen der Kastanien, dahingewelkt r: die duf tende Prachr des Flieders. Ueber's Jahr aber wird alles zu neuem Leben erwachen. Ist das der Psingstgeist, der auch den Menschen ein neues Leben verkündet?


