Italienischen Presse und Oeffeutlichkeit vorbereitete An- tzeleAenheit in die Hand genommen habe.
Eine amtliche englische Aenßerung.
London, 2S. Sept. Die „W e st m i n st e r Gazette" liest den Italienern scharf den Text, die ohne die Nachbarn zu befragen im Begriffe stehen, sich Tripolis mit Gemalt zu bemächtigen. „Es ist im Interesse ganz Europas," fährt das Blatt wörtlich fort, „das; die Türkei gegen diesen räuberischen Akt seitens irgendeiner Macht beschuht wird, und wenn Italien von seinem Unternehmen in Tripolis nicht zurückgehalten werben kann, so wird es Aufgabe aller Mächte sein, eine Kompensation für die Türkei ru finden. Die Kompensation braucht keine territoriale zu sein, vorausgesetzt, daß die türkische Flagge in Tripolis respektiert wird. Aber es sollte wenigstens eine praktische (Garantie seitens aller gegen weitere Einbrüche, sei es in Europa, Asien loder Afrika, sein.
Die Haltung Frankreichs.
Zu dem türkisch-italienischen Konflikt äußert sich der „Figaro": Frankreichs frühere Abmachungen mit Italien und. seine Freundschaften mit beiden Gegnern hinderten es, sich an den Verhandlungen der letzten Tage aktiv zu beteiligen. Dieselben Gründe schrieben eine absolute Neutralität vor. Unter dieser Voraussetzung werde jedoch die französische Regierung im Einklang mit den Mächten alle Kräfte dafür cinsetzeu, um den Konflikt zu lokalisieren. Keine lBalkanmacht dürfe in Versuchung geraten, aus der augenblicklichen Unordnung und Verlegenheit Nutzen ziehen zu wollen und sich etwa in den Kampf zu mengen. Das ist für die europäische Diplomatie eine Pflicht der Moral nnb der einfachen Klugheit. Wir hoffen, daß sie ihr nicht untreu werden wird.
Der „M a tin" schreibt:
Was wird die Türkei gegenüber dem Ultimatum machen? Sie besitzt weder zur S"C noch zu Lande genügend .Strafte, um sich den Italienern zu widersetzen. Sie kann die Okkupation von Tripolis nicht verhindern. Verhandeln oder nicht verhandeln, das ist die Frage, über die der Sultan und seine Minister gestern abend beraten haben. Das Ergebnis dieser Beratung ist noch nicht bekannt.
Das „Echo de Paris" schreibt:
Bei dem Zustande der öffentlichen Meinung in der Türkei ist die Antwort der Regierung auf das italienische Ultimatum nicht zweifelhaft. Sie wird negativ lauten, und die Italiener werden ihre Drohung ausführen. Wir können nur bedauern, daß kein freundschaftliches Arrangement zustande gekommen ist. Es scheint, daß man sich in Rom etwas in unüberlegter Weise zum Handeln hat h in r c i ße n lassen. Die Italiener werden vielleicht eines Tages bedauern, daß sie sich die Sache nicht genügen!) überlegt und nicht auf die Ratschläge ihrer Freunde gehört haben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Verwickelungen im Orient vermieden werden, denn alle Großmächte stimmen für den Augenblick in dem Punkte überein, daß der Friede im Orient um keinen Preis gestört wird.
Heer und Llotte.
Da8 russische Flottrnbanprogramm
P e t e r sb nr g, 28. Sept. Das russische Marine- Ministerium arbeitete einen Gesetzentwurf über ein fünfjähriges lBouprogrumm für die baltische Flotte aus; der Entwurf wird dem Mirristerrate unterbreitet werden. Die Kiellegung eines Dreadnoughts für die. Schwarzmeerflotte ist endgültig auf Ende Oktober festgesetzt worden. Der in der Reichsduma eingebrachte Marinevoranschlag für 1912 weist 164 216 157 Rubel Ausgaben, d. s. 55 959 557 mehr als der diesjährige, auf. Die Mehrausgabe wird hauptsächlich hervorgerufen durch Vermehrung der Posten für Schiffsbau um 28,3 Millionen, für Schiffsausrüstung um 18,3 Millionen; für den Bau von Linienschiffen der baltischen Flotte sind 29 Millionen, für den Bau dreier Linienschiffe, neun Torpedobooten und sechs Unterseebooten der Sck)warzmeerflotte 23,9 Millionen Rubel vorgesehen.
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Arbeiterbewegung.
Der Tarisansschnß der Deutschen Buchdrucker
ist in Berlin am 25. September zur Beratung über die Revision des zwischen der Prinzipalitüt und Gehilfenschaft vereinbarten Lohntarifs zusammengetreten, dessen Giltigkeitsdauer am Schlüsse dieses Jahres beendet ist. Zahlreiche und wichtige Anträge liegen von beiden Parteien vor; Anträge materieller Art, die eine wesend liche Aufbesserung der Lebenslage der Gehilfen zum Ziele haben, und solche, deren Annahme einer Hebung des Gewerbes dienen sollen. Die Spannung zwischen Fordern der einen Partei und dem Bieten der andern Partei ist eine außerordentlich große. Eine weitere Anzahl von An trügen bezweckt eine präzisere Feststellung der gegenseitigen Rechte und Pflichten aus dem Arbeitsverhältnis; eine Regulierung der Lehrlingszahl unter richtiger Einschätzung der im Gewerbe vorhandenen arbeitslosen Gehilfen; eine Regelung der für die einzelnen Druckorte festgelegten und für andere Orte etwa noch zu beschließenden Lokalzuschläge, die den örtlichen Verhältnissen unter Zugrundelegung behördlichen Materials Rechnung tragen sollen; eine Durchberatung der Sonderbestimmungen für Drucker und Maschinensetzer, die der technischen Entwicklung des Buchdruckgewerbes besser angepaßt werden sollen. Ferner ist dem Tarifausschuß die Aufgabe gestellt worden, den bisher gültigen Tarif nebst Kommentierung zu einem einheitlichen Lohngesetz zu verschmelzen. Dieser Aufgabe hat sich der Tarifausschuß in den ersten beiden Beratungs- tagen unterzogen, und die Zusammenfassung dieser beiden tariflichen Gesetzbücher zu einem einzigen Gesetzbuch darf im gegenwärtigen Augenblick so gut wie vollzogen betrachtet werben. Die Grundlagen für den neuen Tarif sind bis auf einige Paragraphen somit bereits geschaffen. Inzwischen haben die Vertreter beider Parteien materielle Teile ihrer Mänderungsanträge in längeren Berichten vorgetragen, und die gegensätzlichen Anschauungen hierüber sind natürlich stark in die Erscheinung getreten, ohne daß jedoch der Wille, sich auch über grundlegende und sehr wichtiae Fragen zu verständigdu, bei den Vertretern beider Tarrfparteieu irgendwelche Einbuße erlitten hätte. Am Dienstag dem 26. September hat sich an die Tages- itzuna noch die Abendsitzung eines besonderen Aus- ■ chusses angescklossen, dem zur Aufgabe gestellt wurde, ich über Grundsätze zur Feststellung der Lokalzuschläge zu verständigen. Dieser Ausschuß wird seine Anschauungen die er über die vorliegenben Anträge gewonnen hat, zum Vortrag bringen, und es werden mit der Beratung über diese Anträge gleichzeitig die sonstigen materiellen Anträge der beiden Parteien nochmals in den Vordergrund gestellt und dann zu einer Beschlußfassimg über die Hauptanträge der beiden Tarifparteien geschritten werden. Die Ber- handlimgen hierüber werden sich aber bei dem Umfange und dem Inhalte der Anträge außerordentlich schwierig gestalten, doch steht zu erwarten, daß cd trotzdem zu einer Einigung zwischen beiden Parteien tommen wird.
Die Bluttat von Niedermörleii vor rem Schwurgericht,
th. Gießen, 28. Sept.
Bei der fortgesetzten Vernehmung des Angeklagten Wolf äußert er sich über die
Ausführung d er Tat und schildert den Vorgang also: ,
Man betrat vom Hose aus durch eine nicht verschlossene Siir die Küche, wo man aus dem Schrank 5 Mark nahm, die <rrbe cinstcckte. Sie gingen bann in bic Wohnstube, burchsuchten bar in alle Behältnisse und fanden 30 Postwertzeichen im Wert von 3 Mark. Hierauf seien sie beide die Treppe hinaufgestiegen und in ein Kämmerchen getreten, wo sic Schränke, Kotier usw. durchsuchten und Zigarren nahmen. Indem hörten sie auf dem Flur des oberen Stockes unmittelbar nebenan eine Tür gehen. Wvls rief jetzt: „Jetzt kommr se" — wie er zugibt, war damit Frau Waltergemeint. Erbe sprang sofort auf den Flur, wo die kräftige Frau Walter an der Zimmerlür stand. Als sie die beiden sah, stieß sie einen kurzen Schrei aus. Erbe packte sie sofort cm £cr Kehle und drückte sie gegen die Tür. Erbe würgte die nch heftig wehrende Frau, und suchte sie zu Boden zu drücken. Als ihm dies nicht gelang, rief er den Wolf zur Hilfe. Wolf packte die Frau am Hinterkopf an den Haaren, und nun gelang es ihnen, sie zu Boden zu reißen. Erbe kniete sich auf sie und bekahl dem Wolf, mit einem in der Ecke steheirden Stock zuzu- schlagen, was er auch tat. Erbe meinte nach den ersten. Schlägen: „Mehr auf den Schädel". Die Frau regte sich nicht mehr. Nun mußte er sick auf bic Frau knien. Erbe ging in ein Nebenzimmer und holte eine mehrere Meter lange leinene Binde, die er mit seinem Messer von einem Bettlaken abgeschnitten hatte. Er schlang die Binde zu einer Schlinge und Wolf hob den Kops der Frau in die Höhe, um den Erbe bic Schlinge legte. Beibc zogen nun bic Schlinge fest zu. Wer leit Knoten nachher gemacht hat und ob überhaupt einer gemacht wurde, kann der Angeklagte Wols nicht angeben.
Sie durchsuchten nun die oberen Räume des Hauses, erbrachen einen verschlossenen Koffer, dem sie 350 Mark in einem Beutel und 2 silberne Uhren entnahmen und verließen bann das Haus über bic Wiesen nach bem Franenwalb hin. Als sie dort an bem Tempelchen mit Wolfs Schwester zusammentrafen, rieten sie dieser zu: „Hurra, wir haben die Beute!", woraus das Mädchen sofort früg: „Was habt ihr mit Frau Walter gemacht?" Wolf kann nicht angeben, welche Antwort man seiner Schwester gegeben hat.
D ie Vernehmung des Erbe.
Nach der Pause wurde der Angeklagte Erbe vernommen. Der Vorsitzende, Landgerichtsrat Brücl, richtete an diesen die Fragen, ob cs richtig sei, daß sein Vater, ein blinder Mann, mit einer Spieldose herum gegangen sei und in Wirtschaften gebettelt habe und ob er ihm bei diesen Gängen begleitet habe. Erbe bejaht dies, erklär aber, er könne nicht einscheu, was seine Familienverhältnisse mit der Tat zu tun habe, erlasse aut seine Familie nid)t 3 kommen. Landgerichtsrat Brücl bemerkt daraus: Ich meine, Erbe, Sie sollten vernünftig sein und mir es überlassen. Sie zu fragen, waS ich zur Aufklärung der Strafsache für nötig halte. Oberstaatsanwalt Hofmann führt aus, daß er es im Interesse des Angeklagten für nötig gehalten habe, seine mißlichen Familicnverhältnisse zu erörtern, da diese wesentlich auf feinen Lebenswandel eingewirkt hätten. Es wird bann ausgeführt, daß die Mutter bes Angeklagten Erbe von ihrem Manne getrennt war unb mit einem Fuhrmann, beit sie nach ihres Mannes Tode heiratete, in wilder Ehe gelebt hat. Erbe wurde als 11 Jahre alter Buo in bem Rettungshaus in Wicsbaben nutergebracht. Ein- Jahr darauf Tarn er in Land- pflege nach Niederlemp int Kreis Wetzlar, wo er bis zu seiner Schulcntlafsuna blieb. 1904 trat er in Sinn bei einem Schlosser- meister in die Lehre und führte sick) iy? Jahr gut, dann brannte er öfter durch, kehrte aber stets zurück. Es wurde daraus vom Armenamt her Antrag auf Zwangserziehung gestellt, dem aber vom Kammergericht als obere Instanz nicht ftattgegeben wurde. Daraufhin bekümmerte sich das Armenamt nicht mehr um ihn. Er trieb sich dann in Frankfurt umher und beging Straftat über Straftat. 1907 nahm er einen Schlosser in seiner Wohnung auf und nahm ihm einen Teil seiner Habe, darunter die Uhr weg, er machte sich des Raubes schuldig indem er am Bahnhof Ober- Ursel mit einem Genossen, einem jungen Burschen, einige Pakete Butter unb 2 Käse entriß. Er erhielt bafür 1 Monat Gefängnis. Der Angeklagte erklärt, wegen bes Raubes sei er zu unrecht bestraft, beim er habe nur babei gestanden. Im Rheinland, bei einer Seilbahn bcj’djäftigt, verübte der Angeklagte einen schweren Diebstahl und bald darauf iu Frankfurt einen Betrug, wofür er 4 Monat Gefängnis erhielt. 1908 erhielt er wegen Untcr- schlagung, zum Nachteil seines Stiefvaters, 8 Wochen Gefängnis. Im Jahre 1909 knüpfte Erbe mit einem 16 Jahre alten Mädchen auö Wiesbaden ein Verhältnis an. Als sie in Zwangserziehung kommen sollte, verhalf er ihr zur Flucht und wandte sich mit ihr nach Belgien und Luxemburg. Nack) mehreren Diebstählen und Zechprellereien verschwanden sic dort von der Bildfläche. Sie fanden dann in Dietenhofen Stellung, er als Verkäufer in einer Kantine, sic als Hausmäbcheri. Er stahl dort einem Kollegen das Portemonnaie mit 28 Mk. Inhalt und mit der Rothenbucher zusammen einen Koffer und Kleider im Werte von 250 Mr., wofür er 8 Monate Gefängnis bekam.
Erbe erzählte darauf, daß er nach Verbüßung dieser Strafe Ende Januar d. I. wieder nad) Frankfurt kam, unb bis sunt 30. Juni Arbeit hatte. Von da an war er stellenlos. Im Avril hatte er auf der Frühjahrsmesse bic Katharina Wols kennen gelernt unb knüpfte mit ihr ein Verhältnis au. Die Geschwister Wolf, bic zusammen in einem von ihm gemieteten Zimmer in Sachsenhausen wohnten, hatten halb kein ®clb mehr; die Wolfs haben zwar wiederholt Beträge von Nieder-Mörlen geholt, sic nnirben aber von den drei Leuten schnell verbraucht. Ein gewisser Männdie, der mit seiner Schwester ein Verhältnis hatte unb ber ebenfalls Gelb brauchte, machte ihm im Juni den Vorschlag, in einer guten Bank cinzubrechcn. Das Mäb- chen hat ihm bann Ungeraten, so etwas nicht zu madyen, weil cs zu gefährlid) sei. Sic wies gleichzeitig barauf hin, baß in ihrer Heimat so etwas leichter zu machen sei unb sprach im befonberen von bem früheren Rechner Möbs, der ein schwacher, kränklicher Mann und sehr reid) sei. Erbe schildert nun, wie sie den Versuch gemacht haben, nachts bei Möbs cinzubtingen, woran sic aber ourd) das Hundegebell gehindert wurden. Es habe sid) bei diesem Unterfangen mehr um einen Versuch gdjanbclt, denn so leicht bredfc man nicht ein. Man habe sich uorgenommen, später bei Möbs einzubrechen und deshalb habe er Den Wolf am nächsten Tage als Kundschafter zu Möbs geschickt. Eberhard Männche habe den Einbruch bei Möbs mitmacken wollen, habe aber die Reise von Frankfurt nad) Nieder Mörlen nicht mitgemacht, angeblich, weil er an dem betreffenden Tage keine Zeit hatte. Auch die Katharina Wolf ist damals in Nieder-Mörleii gewesen. Erbe bekundet nun in Ucbcreinftimniiiug mit bem Angeklagten Wolf, baß bad Mäbchcn zuerst den Vorschlag machte, bei den Walterschen Eheleuten cmjubrcd)cn, nachdem er erklärt hatte, es müsse Geld herbei. Er habe wohl davon gesprochen, daß er jeden kalt machen werbe, ber ihm in den Weg trete, aber bas sei nicht so gemdint gewesen. Es sei nicht fein Wille gewesen, icmanb zu töten. Erbe gibt den Einbruchsbicbstahl in ber Schmiede zu Nicber-Mörlcn zu. Erbe war auch mit bem Wolf vor ber Walterschen Hofreite, aber man wollte in ber Dunkelheit nichts unternehmen.
Am 6. Juli abenbs schritt man ans Werk. Man fuhr nur von Frankfurt a. M. bis Friebberg, weil bic betben Wolf befürchteten, am Bahnhof in Bad-Nauheim von Leuten aus Nieder- Mörlen gesehen zu werden. Erbe schildert bann bas Vorgehen gegen bas Walterschc Haus unb bie Tat genau in Uebercinst i m m u n g mit bem Angeklagten Wolf, er bestreitet aber, auf ber Frau gekniet zu haben, als biefe am Bobeu lag. Er zeigt, wie er sich neben bic baliegenbe Frau gekniet habe, es könne aber sein, baß er sic mit bem einen Knie gebrückt habe. Er hatte gemeint, Frau Walter sei überhaupt nicht im Hause. Als sie aber ben Schrei ausgestoßen, habe er sie an ber Kehle gepackt, um sic am Schreien zu Ijinbern. Nack) seiner Aussage hat Frau Walter noch gelebt, als er ihr bic Schlinge um ben Hals gezogen habe unb bas sei nur geschehen, um sie am Schreien zu hindern.
wenn sie wieder zur Veinniung käme. Frau Walter habe noch gelebt, behauptet Erbe mit Bestimmtheit, unb sogar bie Hände bewegte, als er nad) dem Raub das Haus verlassen habe Er war sehr erregt. Im Frauenwald angekommen, hat er auf die Frage des Mädchens nad) der Frau Walter geantwortet, daß sie wieder zu sich komme, er habe auch nicht gedacht, daß Ite tot fei. Man sei bann eiligst vom Frauenwald über ben Johannesberg geflüchtet unb nad) Frankfurt zurückgesahren. Er fabe sich iwch am selben Abenb Kleider usw. gekauft, weil er nach Rufach reisen wollte, nm dort als Chauffeur eine Stelle anzunehmen. Am anderen Tage hat er dem Mädchen ein 20-Markitück gegeben, damit sie sich ein'neues Kleid kaufen könne. Am nächsten Tage ist er dann mit ihr nach Rufach gefahren, hat dort die Stelle angenommen, doch war ihm der Ort zu klein, um mit dem Mädchen, das eine Stelle annehmen sollte, dort zu leben. Sie gingen deshalb beide nach Kolmar, wo sie verhaftet wurden.
Die Vernehmung der Katharina Wolf bringt in ihrer Hauptsache nichts wesentlich Neues. Das Das Mädchen gibt zu, daß Erbe unb ihr Bruber, toährenb sie bei Frau Meyer im Dienst war, öfter mit ihr im Zimmer geschlafen haben. Als ihr beshalb geTünbigt war. wollte Erbe nicht, daß sic wieder in Stellung gehe, sic ging aber doch in eine Fabrik und verdiente täglich 2 Mk. Man war in Geldverlegenheit, weil Erbe und der Bruder nichts verdienten. Das Geld, das aus Nicder-Mörlcn geholt nnirbe, war stets schnell verbraucht. Das Mäbchcn bestätigt, soweit ihre Beteiligung an ben Straftaten durch die beiden Mitangeklagten bekundet sind, deren Richtigkeit. Sic hat, wie fic versichert, den Tod ber Frau Walter erst am Morgen nach ber Tat in Frankfurt erfahren.
Auf Befragen bes Rechtsanwalts Kaufmann gibt Katharina Wolf zu, baß Erbe Grnnb zur Eifersucht gehabt habe, weil sie ein Mal mit bem Männche intim verkehrt habe. Sic habe auch am 5. Juli nicht mit nach Nieder-Mörlen gewollt, bock; habe sie Erbe bazu gezwungen unb babei auch schlecht behanbelt.
Auf Befragen ihres Verteidigers, des Rechtsanwalts Hornberger erklärt sic, daß sie vollständig abhängig von Erbe gewesen sei, dem sic stets ihren ganzen Verdienst abgeliefert habe.
Damit ist die Vernehmung der Angeklagten bc« endet. Nach Verlesung des Augenscheinprotokolls unb bes Pro« tokolls über bie Leichenschau, zu bem ben Geschworenen Photo-, graphische Abbilbungen ber Leiche gezeigt werden, findet die
Zeugenvernehmung
statt, bei der auf die meisten geladenen Zeugen verzichtet wirb.
Die Zeugen werden meist über ben Leumnnb ber Angeklagten vernommen. Danach waren Erbe unb Heinrich Wolf in ber Schule befähigte Buben, unb auchl in ber Lehre tüchtig. Der Katharina Wolf wirb nachgesagt, baß sie sich im Hanse ihres Pflegevaters verlogen gezeigt, bic Leute burcheinanber gemacht unb sich schon sehr jung mit Burschen eingelassen habe. Ihre ehemalige Dienstherrin, Ww. R. Meyer in Frankfurt sagt aus, bas; das Mädchen sehr tüchtig und auch sauber war. Sie putzte sich gern und zog mehrere Male Kleider von ber Tochter der Witwe Meyer an und deshalb wurde sie auch entlassen. Hierzu kam noch, daß Katharina auch wiederholt ihrem Bruder Heinrich zu essen gegeben habe unb ihn, wie bic Zeugin spater erfuhr, beherbergt habe. Auf Befragen teilt bic Zeugin mit, baß am Abenb bevor die Wolf aus dem Dienst gehen sollte, durch einen Schutzmann ihr Bruder unb noch ein anderer Mann aus dem verschlossenen Zimmer bes Mädchens geholt würben.
Der prakt. Arzt Dr. S t v l l - Ober-Mörlen würbe am Abend gegen 8 Uhr an ben Ort ber Tat gerufen. Der Tob ber Frau Walter war nach seiner Ansicht schon vor Stunben eingetreten. Er stellte fest, baß ber Tob burch Erstickung eingetreten war. Der Knoten der Schlinge, bie fest uni den Hals gezogen war, lag an der linken Seite des Halses, da wo bie Schlagader liegt. Ob die Schlinge etwa zweimal geknotet war, kann ber Zeuge nicht sagen.
Der Ehemann ber Getöteten, Georg Waltc r, von Riebet Mörlen erklärt, baß er in ber Frühe zur Arbeit gehe unb über Mittag nicht nach Hause komme. Seine Fran war leidend, uni) wenn auch groß, so bod) nicht sehr kräftig. Am 6. Juli hatte er sich mit ihr für abends auf einen Kleeacker, zwischen Bad-Nauhcim und Nieder-Mörlen, verabredet. Als er sic nicht sah, glaubte er, sie sei nicht garu wohl gewesen und habe 'sich nach Haus begeben. Er wunderte sich, daß die Tür nach dem Hose offen war. Auf dem Gange fand er seine Frau regungslos vor und glaubte, sic habe einen Schlaganfall erlitten, erst Dr. Stoll stellte fest, daß es sick) um ein Verbrechen handle. Man habe die Leiche auf bas Bett gelegt, aber nichts an ihr geändert, auch die Schlinge um ben Hals habe man nicht berührt. Der Zeuge erklärt, er habe kurz vor ber Tat eine kleine Erbschaft gemacht, was and) im Ort bekannt gewesen sei. Außer Zigarren und Briefmarken seien ihm 350 vis 360 Mk., bie oben im Hanse in einem Koffer waren, gestohlen worben. Die Diebe hätten das ganze Hans durchsucht und aus einem Behälter im Küchen- schrank Gelb mitgenommen.
Walter bemerkt auf Befragen bes Vorsitzenden, daß Öeinnck Wolf als Lehrling ihm zweimal eine Rechnung für gelieferte Arbeiten von seinem Lehrhcrrn überbrachte, die von ihm bezahlt wurden. Bei dieser Gelegenheit hat der junge Mensch wohl gesehen, wo er das Geld aufbewahrte.
Es folgte bie Vernehmung von Erbes Freund- des 19 Jahre alten Installateurs Eb. Männche aus Frankfurt a. M. Er wirb vorerst intDereibet vernommen. Ter Zeuge erklärt, cs sei wahr, baß er bem Erbe vorgeschlagen habe, Pi ne Bank anszurauben. Vom Vorfitzenben gefragt, warum denn der Raub nidjt ausgesührt worben fei, erklärte Männche, es sei in ber Nähe der Börse keine zu dem Vorh-aben geeignete Bank gewZen. Er gibt zu, daß er mit Erbe in Nieder-Mörlen einen Diebstahl habe begehen wollen, doch habe er die Sache fallen lassen ?Iuf Befragen beS Rechtsanwalts Hornberger gibt Männche zu, daß er mit dem Mädchen intimen Umgang gepflogen hat. Er habe Geld erlangen wollen, um Erbes Schwester aus dem Ret- tuugshaus zu holen. Er habe Geld haben müssen, um mit dem Mädchen ins ^'lusland gelten zu können. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob zwischen ihm, dem Zeugen, und Erbe bei der Besprechung des Bankraubes aud) darüber gesprochen worben sei, was zu hm ist, wenn sich ihnen bet Begegnung ber Tat icmanb Ijinbcrnb in ben Weg stellen würbe, erklärte Männche, hierüber habe man nichts vereinbart. In bei* Nacht nach ber Bluttat in Nicbcr-Mörlcn hat Männche Erbe int betrunkenen Zustand in Frankfurt getroffen. Man habe zusammen eine Chaisen? Partie gemacht unb sei bann im (Safe Zeil eingefchrt. Erbe habe ben Kutscher bezahlt und der Zeuge hat dabei gesehen, daß er viel Geld bei sid) halte. Ter Zeuge wurde dann in jener Nacht von der Sittenpolizei verhaftet, aber wieder frei- gegeben. Er hatte sich gedacht, das Erbe etwas gemacht hal*c. Der Zeuge bemerkt noch, daß er die Kriminalpolizei auf Erbe aufmerksam gemacht hat. Rechtsanwalt Hornberger will wissen, ob der Zeuge den Erbe nicht bei der Behörde denunziert hat, weil et wußte, daß auf den Täter in Nieder-Mörlen 500 Mark Belohnung ausgesetzt waren. Der Zeuge bejaht dies. Rechtsanwalt Kaufmann richtet an Männche bic Frage, ob er bem Erbe auf sein Verlangen einen spitzen Gegenstand gegeben hat, was dieser ebenfalls bejaht. Männche bleibt unvereidigt, weil er möglicher Weise als Gehilfe bei ber unter Anklage stehenden Tat in Betracht kommen kann.
Medizinalrat Dr. N eb e l - Friedberg erstattet sein .Gutachten. Tic Ehefrau Walter war nad) bem Befund der Leiche groß und kräftig. Das Gesicht der Lcid;e war blau und rot jinb zeigte bie Symptome bes Erstickens. Der Bettuchzipfel war heftig augezogen um ben. Hals gelegt nnb war zweimal zngeknotet. Tic 3unpe fand man 2—3 Zentimeter vorstehend zwischen den Zähnen eingeklemmt. Die Augen waren gequollen. An der rechten Wangenseitc zeigte sich eine Kratzwnnde, auch waren £>anbabbriidc am Hals wahrnehmbar. Bei der Deffnung der Leiche zeigten sick) auf ber linken Seite sechs Rippenbrüchc, ebenso mar ba§ Rippen- unb Bauchsell anscheinenb burdj große Getvalt zerrissen. Am Schädel nahm man eine handgroße, blutunterlaufene Stelle wahr, bie bnrch heftige Stockschläge ober ähnliches entstanden ist, als bic Fran noch lebte. Es scheint, baß bic Fran besinnungslos war, .aber rwd) lebte, als ihr durch bic uurgelegte


