Ausgabe 
24.5.1911 Erstes Blatt
 
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den als der Reichsvcrsicherung gleichwertige Einrichtungen anaesehen werden sollen. Es handelt sich um Zuschußkassen, Ersatzkassen, öffentlich rechtliche Pensionskassen und um Versicherungsverträge mit Lebensversicherungsunterneh- rnungen. So wird u. a. bestimmt, daß Angestellte, die zur Zeit des Inkrafttretens des Gesetzes bei diesen pri­vaten Lebensversicherungsunternehmungen versichert sind, auf ihren Antrag von der Beitragsleistuna befreit werden können, wenn der Jahresbetrag der Beiträge für diese Versicherungen mindestens dem ihren Gehaltsverhältnissen zur Zeit des Antrags entsprechenden Beiträgen gterchkommt, die sie nach diesem Gesetze zu tragen hätten.

Diejenigen Versicherten, welche bei Veröffentlichung dieses Gesetzes eine Lebensversicherung mit einer niedri­geren Beitragsleistung als 4 v. H. ihres Jahreseinkommens abgeschlossen haben, sollen berechtigt sein, bis zum Zeit­punkt des Inkrafttretens dieses Gesetzes zur Herbeiführung ihrer Befreiung ihre Versicherung zu erhöhen. In allen diesen Befreiungsfällen bleibt die Verpflichtung des Ar­beitgebers zur Zahlung der restlichen 4 v. H. des Einkom­mens als Beitrag zu der neuen Angestelltenversicherung bestehen. Durch diese Bestimmungen sollen Privatangestellte, die bereits bei einer Lebensversicherung versichert sind, vor empfindlichen Schädigungen und Vermögensverlusten bewahrt werden, da sie meistenteils nicht in der Lage sein werden, neben den Prämien an die Versicherungsunterneb- mung auch noch die Beiträge zu zahlen, die ihnen durch die neue Versicherung auferlegt werden.

Dem Entwurf ist eine umfangreiche Begründung bei­gegeben, die zum größten Teil auch schon bekannt ist.

Deutsches Reich.

Das Kaiserpaar und die Prinzessin Viktoria Luise sind am Dienstag um 10.15 Uhr in Wildpark eingetroffen.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt:Ein eng­lisches Wochenblatt brachte kürzlich Mitteilungen über angebliche politische Gespräche des Kaisers mit einem englischen Künstler. Wir stellen fest, daß die dem Kaiser zugeschriebenen Äußerungen erfunden sind." In der Annahme, daß die Ge­rüchte unbegründet seien, hallen wir sie gar nicht erwähnt.

Ausland.

Die ungarische Regierung legte dem Abgeord- netenhause vier gemeinsame, die Armee sowie die ungarische Landwehr betreffende Gesetzentwürfe vor. Durch die Gesetzentwürfe wird das Rekrut en kontingent der gemeinsamen Armee von 103000 auf 159000 Mann, das Rekrutenkontingent der Honvedtruppe von 12500 auf 25 000 Mann erhöht. Die Dienstzeit wird von drei auf zwei Jahre herabgesetzt. Die Kavallerie und die reitende Artillerie behält die dreijährige Dienstzeit bei. Gleichzeitig wird ein neues Militärstrafverfahren eingeführt. Das Verfahren ist öffentlich und mündlich; Ziviladvokaten können als Verteidiger tätig sein. Die Verhandlungssprache der in Ungarn fungierenden Militärgerichte ist ungarisch, ausgenommen der Fall, daß der Angeklagte nicht ungarisch versteht, aber der deutschen Armeesprache mächtig ist.

In der belgischen Kammer teilte der Minister des Aeußern mit, daß Carnegie Belgien eine Stif­tung überwiesen habe, deren jährliche Revenuen 11500 Dollars betragen, die Hilfeleistenden oder deren Erben zugute kommen sollen.

Nach einer in K o n st a n t i n o p e l eingetroffenen De­pesche des Oberkommandanten Albaniens griff die erste Division die Verschanzungen der Aufständischen auf den Anhöhen von Planinitza bei Milesi nördlich Yon Tuzi an. Die Aufständischen mußten nach dem Verlust von dreißig Toten und zahlreichen Verwundeten fliehen, woraus Kilesi Zepi und die höchsten Punkte der Berge von Planinitza und Hoti besetzt wurden.'

Luftschissahrt.

Ein schwerer Unfall beim Zuverlässigkeitsflug am Oberrhein.

Straßburg, 23. Mai. Tie heutigen Schauflüge auf dem Polygon begannen punkt 6 Uhr mit der Bewerbung um den Eröffnungstzreis, Ten ersten Preis errang Hirth, den zweiten Jeannin und den dritten Brunhuber., Bei der zweüen Preisbewerbung für den kürzesten Anlauf vor dem Aufstieg, für .welchen auch ein Rundflug von mindestens einer Runde vor­geschrieben ist, stürzte Lämmlin plötzlich aus bedeu­tender Höhe herab. Lämmlin ist tot, der Apparat ist zertrümmert. Ein Arzt war mit Automobil sofort zur Stelle. Tas Publikum verhielt sich musterhaft. In dem Ge­dränge wurde eine Frau durch einen Stockftoß verletzt, jedoch nicht schwer. Die Leiche Lämmlins wurde berells Nach der

kann man zuweilen noch im Harz von den schönen Lippen der Enttäuschten vorwurfsvolle Klagen hören;

Dat Allermannsherrn, Wat böse Krut (Kraut), Dat hebb' ich socht Und bin noch keene Brut." , ; H x

Es wäre auch zu viel verlangt von einem bescheidenen Pflänzchen, wenn es jedes heiratslüsterne Mägdelein unter die Haube bringen sollte. . . Aber freilich: warum hat es einen zu verführerischen, verheißungsvollen Namen: Allermannsherrnkraut!

Und doch liegt auch in diesen kindlichen und kindischen Spielereien mit der Pflanzenwelt ein tiefer Sinn: sie decken die zarten, geheimnisvollen Fäden aus, welche die Be­ziehungen zwischen den Menschen und der P lanzenwelt geknüpft haben, und die gerade dann am lebha testen zum Bewußtsein kommen, wenn beide in der Blütezeit der Jugend stehen. Kindern erschließt sich die bunte Zauber- und Mär­chenwelt am leichtesten, auch im Reiche der Kinder Floras, die gerade um die Himmelfahrtszeit ihre verborgensten Reize entfalten. ...»

*

Ein Kampf um die akademische Freiheit in Marburg vor 100 Jahren. Aus Marburg wird uns geschrieben: Am Mittwoch, 24. Mai, finb es 100 Jahre, daß die Marburger Studenten, schon einmal, wie es vor einigen Jahren in etwas modernen Formen der Fall war, in die Lage versetzt wurden, die akademische Freihell zu verteidigen. Es war zur Zett, als unser Hessenland unter französischer Herrschaft .stand. Der Kommissar der Polizei, ein Elsässer namens Wolff, brachte den Professoren und Studenten großes Mißtrauen ent» Kegen und ließ sie dieses auch oft fühlen. Aus Anlaß einer Schlägerei zwischen Studenten und jungen Bürgern, die aln 24. Mai 1811 in der Vorstadt Weidenhaujen stattfand und wobei die Studenten den kürzeren zogen, beschlossen sie, sich zu rächen. Sie ^wafsneten sich mit Säbeln und Knüppeln und wollten Gu$ gemeinsam nach Weidenhausen ziehen, um dre Prügelei fortzusetzen. Als der Stadthauptmann v. Dal- wigk dies erfuhr, ließ er die Weidenhauser Brücke mit Mlllläc besetzen und benachrichtigte auch den Polizeikommissar Wolff. Aiefer Wachte kurzen Prozeß, er schickte Gendarmen nach dem

Stadt gebracht. Die Schauflüge sind sofort eingestellt worden, die Flaggen wurden eingezogen.

Als Ursache des Absturzes Lämmlins wird angesehen, daß der verunglückte Flieger, als er dem über ihn hinwegfliegenden Hirth ausweichen wollte, dabei eine Pappel streifte und das Gleichgewicht verlor. , Ter Absturz erfolgte aus 6 0 Meter H ö h e, glücklicherweise jenseits der Zuschauermassen auf dem Flugplätze, so, daß weiteres Unglück verhütet wurde.

Von berufener Seite wird als Ursache des Todessturzes an­gegeben: Beim Ausweichen vor dem über ihn hinwegfliegenden Hirth versagte die Steuerung Lämmlins und drehte nach Westen ab, so daß er mit einem Flügel in dm Pappeln hängen blieb. Lämmlin brachte den Apparat nicht mehr herum und stürzte mit dem berells im Geäst stark verletzten und steuerlos gewordenen Flugzeug in die, Tiefe. Lämmlin wurde mit einem Schädelbruch sowie mehreren Bein- und Rippenbrüchen unter dem Apparat hervorgezogen. Am optischen Telegraphen des Flugplatzes weht die schwarze Flagge.

Der Organisationsausschuß des Oberrheinischen Vereins für Luftschiffahrt hat beschlossen, aus den ersparten Preisen und sonstigen Mitteln den Hinterbliebenen des 33 er u n glückten 2000 Mar k zu überreichen.

Straßburg, 23. Mai. Witterftätter ist heute morgen ohne Passagier von Mülhausen nach Kolmar und Straßburg aufgesttegen. Um 8 Uhr 7 Min. ist er in Kolmar gelandet und um 9 Uhr 20 Min. nach Straßburg weiter geflogen. Witter­stätter ist bei Ebersheim, nördlich von Schlettstadt, wegen Bruchs einer Z y l i n d e r st a n g e gelandet. Nach Ausbesserung seines Flugzeuges ist er um 1 Uhr 18 Minuten nach Straßburg wieder ausgestiegen und dort um 2 Uhr 20 Minuten gelandet.

S traßburg, 23. Mai. Leutnant Mackenthun ist 5.38 Uhr früh mit einem Passagier an Bord auf dem Flugplatz Polygon gelandet.

Barfüssertor und ließ den ersten besten Studenten verhaften und weil dieser seinen Namen verweigerte, mit Landstreichern und Vagabunden zusammen aufs Schloß ins Gefängnis bringen. Die andern Studenten eilten jetzt zum Prorektor Brauer und be­schwerten sich ob dieses Angriffes auf die akademische Freiheit. Ein Student gehöre nicht ins Gefängnis, sondern ins Universitäts- Karzer. Auch Brauer konnte beim Kommissar nichts ausrichten, und deshalb beschlossen die Studenten, in einer im nahen Ockers- Hausen abgehaltenen Versammlung, über die Grenze nach dem damals Darmstädtischen Städtchen Gladenbach zu ziehen. Man sandte auch sofort Quartiermacher dorthin und diesen folgten bald die gesamte Studentenschaft. In Gladenbach, wo sie gast­freundliche Aufnahme fanden, unterhielten die Stu­denten die Bürger mit allerhand Schau ft ellun- gen und festlichen Umzügen. Bereits am andern Tage kam ein Eilbote aus Marburg, der die Studenten bat, sofort zurück zu kommen, der Streit sei beigelegt und der ver­haftete Student sei bereits entlassen. Kurz darauf zogen die Studenten zum Bedauern der Einwohnerschaft unter den Klängen einer Musikkapelle wieder ab. Vor den Toren von Marburg aber standen die Bürger und begleiteten sie in die Stadt zurück, wo sie mit großem Jubel empfangen wurden. Man sieht, die Zeiten sind etwas anders geworden.

Das Testament Wilhelmine Seebachs setzt die Genossenschaft deutscher Bühnenangehörigen zum Universalerben des sehr erheblichen Nachlasses ein. Das Testament sieht auch eine große Anzahl Legate und Stif­tungen vor. Unter diesen befinden sich ein Vermächtnis von 100 000 Mk. für das Seebachitift in Weimar und zwei andere für die Mal- und Gesangsabteilung der Königlichen Hochschule in Berlin.

Eine ungedruckte Komposition Richard Wagners. Aus Dresden wird berichtet: Der Kantor an der Kreuzkirche Prof. Richter entdeckte im Nachlaß von R i ch. Wagners einstigem Kopisten Karl Mehner eine ungedruckte Komposition des Dichterkomponisten. Sie wurde ge­legentlich der Enthüllung des Rietschelschen Denkmals König Friedrich August des Gerechten im Dresdener Zwinger von einem Massenchor gesungen und i|t von Wagner nachdrücklich mit selb­ständigen Jnstrumentalpartien versehen worden, was bisher nie­mandem, selbst im Hause Wanfried nickt, bekannt war. Diese Instrumentalmusik kommt am 25. Mai zum Geburtstage des Königs beim sogenannten .Turmblasen vom Dresdener Rathaus zur.Uraufführung,

Aus Stadt und Land.

Gießen, 24. Mai 191L

Christi Himmelfahrt.

_ An einem schönen Frühlingstage, da die Bäume mit frischem Grün bedeckt waren und Blütenduft die ganze Welt durchzoa, ging ich durch ein abgelegenes Gebirgs­dorf im deutschen Südwesten. Die Einwohner waren auf ihren Feldern; in stiller Ruhe, beleuchtet von der Nach­mittagssonne, lagen die Häuser. Inmitten des Dorfes, wo verschiedene Straßen sich kreuzen, ragte die schlichte Kirche auf. Der Platz, der sie umgibt, war mit Gras be­wachsen. Das war sicher in alten Tagen der Begräbnisplatz gewesen, aber nichts mehr erinnerte daran. Nur ein an die niedrige Umfassungsmauer angelehnter Grabstein wies aüf den ernsten Charakter des Ortes. Dieser Stein war ganz mit Moos überzogen, aber die Figur war noch wohl erhalten, sie stellte in Lebensgröße einen Ritter dar in Harnisch und Beinschienen, den kurzen Dolch zur Seite. Tie Hände hatte der Mann über der Brust gefaltet, die Augen waren zum Schlafe geschlossen.

Wer mag dieser Ritter wohl gewesen sein? Das ist schwer zu sagen; Denn eine Inschrift war auf dem Steine nicht zu finden. Einst hatten die Rheingrafen in dieser Gegend ihren Sitz, ein kraftvolles, trotziges deutsches Ge­schlecht, das Schlösser baute und in Krieg und Frieden sich hervortat, dessen letzter Sproß 1795 im E.end gestorben ist, nachdem der Sturmwind der französischen Revolution, nicht zuletzt auch die eigene Haltlosigkeit seine Machtstellung ver­nichtet hatte. Vielleicht hat der Mann auf dem Grabstein diesem Geschlechte angehört, nun aber ist es versunken und vergessen.

Ein solches Schicksal erinnert immer wieder an das Bibelwort: Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir, wie unsere Väter alle. Dichter und Weltweise haben diese Be­kundung in tausendfacher Wendung wiederholt. Sie fingen alle das Lied von der Vergänglichkeit und Rastlosigkeit unseres Erdenwallens, das niemals volle Befriedigung bringt. Von einer Lebensstation zur andern hofft der Mensch, daß es besser werde. Die Jugend erwartet von dem späteren Lebensalter die Fülle, und wenn der Mensch alt ist, schaut er erinnerungsselig nach dem vermeintlichen Glücke seiner Jugend zurück, wie der Auswanderer nach den blauen. Bergen, da seine Heimat liegt. Wo du nicht bist, da ist das Glück. Unvertilgbar aber bleibt im Menschenherzen die Sehnsucht nach einem besseren Vater­lande, wo alle Wünsche zur Ruhe kommen.

Dieser Sehnsucht kommt der christliche Glaube ent­gegen. Er richtet den Blick des vergänglichen Menschen auf eine unvergängliche Welt. Jesu Auferstehung und Himmelfahrt weisen hin auf diese Welt. Mag der logisch abwägende Verstand und die Beobachtung des Naturge­schehens die Frage nach einemHimmel" völlig unentschie­den lassen oder sie gar verneinen, das Gemüt des Men­schen, das von der modernen Psychologie als eine dem Verstände völlig gleichwertige Seelenkraft erkannt wor­den ist, wird sich immer wieder an die Verheißungen an» klemmen, die die Bibel in mannigfacher Wendung und poetischer Einkleidung von der neuen Welt gibt, und wird seine Hoffnung auf em besseres Jenseits setzen. Dort blüht ein ewiger Frühling, dort kommen alle Sturme zur Ruhe, dort ist dje Binde, die hier so manches verhüllt, von ien Augen genommen, dort werden die wieder vereinigt, die hier unter Trauer und Schmerz voneinander geschieden int).Die Heimat der Seele", fo sagt ein vielgesungenes ;eistliches Volkslied,ist droben im Licht." H. P.

Die Flugwoche in Sachsen.

Chemnitz, 23. Mai. Auch heute behinderte böiges Und nnttchtiges Wetter die programmäßige Abwickelung der Flug- lonkurrenzen. Zunächst wurde am Nachmittag der Aufklärungs­preis ausgetragen. In einer Entfernung von etwa 15 Kilo­meter vom Start wurde die feindliche Stellung durch Flaggen dargesteltt. Die Aufgabe lautete: In kürzester Zell die beste Meldung über die Zahl der verschiedenen Flaggen und über öen Ort der Aufstellung zu bringen. Grade absolvierte einen Flug von 23 Min. 23Vs Sek., Laitsch 25 Min. 577s Sek., Lindpaintner 28 Min. 467- Sek. Alle drei brachten sehr gute Erkundungen; die beste Grade. Heber die Zuerkennung der Preise ist noch nicht entschieden. Um 5 Uhr 15 Min. stieg Lindpaintner zum Fluge nach Dresden auf. Ihm folgten um 5 Uhr 30 Min. Laitsch und v. Moßner.

Dresden, 23. Mai. Laitsch ist um 6 Uhr 47 Min., Lindpaintner um 7 Uhr 30 Min. hier gelandet. Beide hatten unter starker Kälte zu leiden sowie unter böigem Winde über, dem Elbetal. Lindpaintner hatte wegen Motordefekts zwei Zwischenlandungen vornehmen müssen.

Ein Wettflug Paris RomTurin.

Varis, 23. Mai. Ter vomPetit Journal'' ver­anstaltete Wettflug PansRomTurin ivirb am näch sten Sonntag ftatifiuben. Aus Gründen der Sicherheit wird jedoch als Startplatz nicht Jssy-les-Mouliireaux, sondern ein vorläusig noch aeheim gehaltenes Flugield in der.;e von Paris gewählt. Das Publikum wird zu der Veranstaltung überhaupt nicht zugelassen werden. Tie Flieger werden lediglich unter der Kontrolle eines Sportsausschusses starten.

Stapellauf eines englischen Marineluftschiffes.

£ London, 23. Mai. Gestern morgen 4 Uhr fand zu Barrow der Stapellauf des so geheimnisvoll ge­hüteten englischen Marine-Luftschiffes statt. Man hatte eine Zeit völliger Windstille abgewartet. Langsam glitt der riesige Körper des Luftschiffs aus seiner Halle. Auf dem Wasser schwammen die beiden Gondeln des Luftschiffs, in )enen sich die Offiziere und Mannschaften befanden. Ein­zelheiten über die Konstruktion des Luftschiffes wer- )en strengstens geheim gehalten. Es ist aber trotzdem bekannt geworden, daß der innere Raum des Luft- chiffes in 17 Abteilungen zerfällt, und daß der Auf­trieb nach der Füllung mit Wasserstoff 21 Tonnen beträgt. Das Fahrzeug ist 502 Fu ß lang und hat einen mitd- eren Umfang von 48 Fuß. Es gehört dem starren Typ an. Die äußere Gestaltung ist die eines Zwölf­ecks. Die Maschinen in oer vorderen und der Hinteren Gondel entwickeln je zweihündert Pferdekräfte. Die Steue­rung geschieht durch eine ganze Anzahl von horizontalen und vertikalen Ruderflächen, die sich sowohl am eigent- ichen Ballonkörper wie auch an den beiden Gondeln befin- >en. Nachdem das Luftschiff aus der Halle herausgezogen war wurde es über dem Wasser an einer 93oje festgemacht. Zur Seite des Luftfahrzeuges befindet sich ein ung e- ) eurer schwimmender Windschirm. Die äußere Hülle des Luftschiffs besteht aus einem wasserdichten Seiden­bezug, der mit Aluminium imprägniert ist. Nunmehr ollen die ersten Probefahrten des Luftschiffs beginnen, >as in seiner äußeren Gestaltung eine große Aehnlichkeit mit dem Zeppelin-Typ zeigt.

** Landtags ersatzwahl. Im Sitzungssaal der Stadtverordneten versammelten sich gestern nachmittag auf Einladung von Geh. Justtzrat Dr. Schäfer die 1908 ge­wählten Wahlmänner, um zur Kandidatenfrage für die am Freitag stattfindende Landtagsersatzwahl in der Stadt Gießen Stellung zu nehmen. Geheimrat Dr. Schäfer, der als einer der Ätesten der Wahlmänner die Besprechung eröffnete und den Vorsitz übernahm, gedachte zunächst der großen Verdienste unseres seitherigen Abgeordneten Geh. Justizrat Dr. Gutflestch und ging dann zur Besprechung der bevorstehenden Wahl .über. Es gelte, dabei einen Mann zu wählen, der völlig unabhängig gegenüber der Regie­rung fei, die nötige Sachkenntnis besitze und den Willen und die Fähigkeit habe, die Interessen Gießens im Land­tag mit Entschiedenheit zu vertreten. In erster Linie fei für die Kandidatur Justizrat Grünewald in Betracht gekommen und als dieser abgelehnt habe, habe man Ober­bürgermeister Mecum Vorschlägen wollen, der sich zur llebernahme des Mandats bereit erklärte, wenn kein anderer geeigneter Kandidat sich aufstellen ließe. Nach­dem Justizrat Grünewald seine Bedenken gegen die Kan­didatur habe fallen lassen, schlage er im Einverständnis mit mehreren anderen Wahlmännern vor, Herrn Grünewald am Freitag möglichst einstimmig zum Abgeordneten zu wählen. Oberbürgermeister Mecum empfahl ebenfalls )ie Kandidatur Grünewald, da dieser der geeignete Mann ei, unsere Stadt im Landtag zu vertreten. Stodtv. Eiche­tauer betonte, daß die Wahlmänner 1908 auf eine Agi­tation der freisinnigen Partei hin gewählt worden seien und die Partei sich selbstverstäiMich mit der Benennung eines Kandidaten beschäftigt habe. Der Vorstand der fort- chrittlichen Volkspartei habe, nachdem Justizrat Grüne- mld ursprünglich abgelehnt hätte, in der Wahlmänner- Zesprechung Oberbürgermeister Mecum Vorschlägen wollen. Angesichts der veränderten Sachlage werde oie Fortschritts­partei ebenfalls für die Kandidatur Grünewald eintreten. Stadtv. Löber führt uas, er sei wie vom Alpdruck befreit, daß Oberbürgermeister Mecum nicht gewählt werden solle, denn man könne ihn bei den wichtigen, noch vorliegenden Aufgaben der Stadt hier nicht entbehren. Pros. Dr. Fromme erklärt ebenfalls sein Einverständnis mit der Aufstellung des Justizrats Grünewald und macht >arauf aufmerksam, daß angesichts der beabsichtigten Grun- >ung einer Universität in Frankfurt die Interessen der Iniversität auch im hessischen Landtag mit Nachdruck und Sachkenntnis vertreten werden müßten. Es empfehle sich deshalb, für das im Herbst zu besetzende zweite Mandat einen Angehörigen der Universität zu wählen und in der Zwischenzeit nach einem geeigneten Vertreter Umschau zu halten. Beig. Emmelius erklärte, daß er ür Justizrat Grünewald stimmen werde und er glaube, > dies auch noch von anderen, nicht der fortschr. Bolks- jartei angehörigen Wahlmännern geschehen werde. Geh. usttzrat Dr. Schäfer, der noch beauftragt wurde, dem ()eh. Justizrat Dr. Gutfleisch für feine ersprießliche Tätig­keit als Landtagsabgeordneter zu danken, schloß hierauf die Besprechung mit der Aufforderung, Justizrat Grünelvald einftimmig zu wählen.

** Auch den Zugführer ir der preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft wuroe gleichzeitig mit den Loko­motivführern der Rang der mittleren Beamten' zuerkannt, Ebenso wurden ihnen die Ächselsüicke verlieh en.