stellt; aber die endgültige Entscheidung, ob Portugal Republik werden oder zum Königtum zurückkehren sollte, blieb der konstituierenden Nationalversammlung vorbebalten, die am 28. Mai dieses Jahres gewählt wurde. Die Wahlen aber fielen im republikanischen Sinne ans, die konstituierende Versammlung trat am 19. Juni des Jahres zusammen, proklamierte am nämlichen Tage die Republik Portugal, und nachdem in den folgenden beiden Monaten die Nationalversammlung dann mit den Ruinen des Monarchismus und Klcrikalismus aufgeräumt hatte, hat die portu- giesische Nationalversammlung am letzten Dienstag die neue Verfassung proklamiert, die schon heute in Kraft treten soll. Manuel d'Axriaga, oder wie man, da die Republik Portugal den Adel abgeschafft hat, jetzt sagen must, Manuel Arriaga, wurde zum Präsidenten der neuen Republik gewählt.
Tie provisorische Regierung unter Theophilo Braga hat die neue Vcrsassung ausgearbeitet, der die Nationalversammlung mit einigen kleinen Abänderungen am Dienstag ihre endgültige Zustimmung erteilt bat. Danach steht an der Spitze der Republik natürlich ein Präsident, der von den beiden Kammern (Oberhaus Unterhaus) in gemeinsamer Sitzung auf vier Jahre gewählt wird, aber nicht wieder wählbar ist. Er ernennt die Minister, die dem Parlament verantwortlich sind, jedoch nicht, wie bisher, im Parlament erscheinen und an den Aussprachen teilnehmen dürfen, und bezieht ein Gehalt von 80 000 Mark (inklusive Repräsentationsgelder). Eine Amtswohnung hat er nicht, nur ist ihm für offizielle Festlichkeiten der alte Königspalast Beiern zur Verfügung gestellt worden. Hinsichtlich der Minister, die, im übrigen den Parteien entnommen werden, bestimmt die Verfassung, baß die Minister des Kriegs, der Finanzen, der Marine und der öffentlichen Arbeiten von der Zusammensetzung des Parlaments unabhängig sind, weil man zu diesen Posten lediglich Fachleute heranzuziehen gedenkt.
Von den beiden Parlamenten, für die eine drei- jährige Legislaturperiode vorgesehen ist, wird sich, um darüber nur etwas zu sagen, der Senat aus von den Gemeinden indirekt zu wählenden Mitgliedern zusammensetzen, die Zusammensetzung der Deputicrtenkammer dagegen auf dem Prinzip des direkten und geheimen Wahlrechts beruhen, und zwar unter Hinzunahme des Proportionalwahlsystems. Wahlberechtigt ist mit den bekannten Ausnahmen jeder 21 Jahre alte Portugiese, wofern er schreib- und lesekundig ist; in die Deputiertenkammer wählbar sind alle Schreib- und Lesekundigen, die das 30. Lebensjahr erreicht haben. Die Frage nach der Zahl der Senatoren und Abgeordneten, sowie nach der Abgrenzung der Wahlkreise ist vorläufig noch nicht geordnet. Ihre Beantwortung bleibt einem besonderen Wahlgesetz ausbehalten und wird einstweilen durch ein Interimistikum ersetzt, nach dem am Samstag durch die Nationalversammlung die Wahl von 71 Senatoren vorgenommen worden ist, die bis zur Verabschiedung des Wahlgesetzes das Oberhaus ebenso vertreten wie die 235 Mitglieder zählende Nationalversammlung das Unterhaus. Erst nach drei Jahren scheint man, nachdem die Zahl der Abgeordneten und die Wahlkreiseinteilung durch Spezialgesetz festgelegt« ist, zu regulären Zuständen übergehen zu wollen.
Herr Manuel Arriaga ist, so entnehmen wir der „Köln. Ztg.", etwa 70 Jahre alt und in Horta auf Fayal (Azoren) als Sproß einer alten, aber verarmten Adelsfamilie geboren. Als Student der Rechte in Coimbra mußte er sich und einem jüngeren Bruder den Unterhalt durch Stundengeben verdienen. Frühzeitig wandte er sich der republikanischen Sache zu, wuroe mehrfach in die Kammer gewählt und vertrat dort demokratische Ideen, während er erst als Gymnasiallehrer in Lissabon, dann als Professor und Rektor in Coimbra tätig war. Nach der Revolution ernannte ihn die Vorläufige Regierung zum Oberstaatsanwalt. Er hat eine Reihe juristischer Arbeiten und ein staatsphilosopyisches Werk veröffentlicht. Sein älterer Bruder ist landwirtschaftlicher Ingenieur und hat unter bent König Ludwig verschiedene Resormversuche im Lande, namentlich in der Provinz Alemtejo, unternom- men, die natürlich fehlschlugen. Der Präsident gilt als ein gemüßigter Mann und wird suchen, bei der ihm jetzt obliegenden Kabinettsbildung die gefährlichen Heißsporne sernzuhalten.
Der hessische Parteitag Der Sozialdemokraten.
sd. W o r in s, 27. Aug.
Die „Landeskonferenz der Sozialdemokraten Hessens" fand heute und gestern im Gewerkfchaftshause zu Worms statt. Es waren etwa 150 Delegierte aus dem Großherzogtum erschienen. Ten Geschästs- uud Kassenbericht erstattete Orb» Offenbach. Ueber die bevorstehenden Reichstagswahleu sprach B u s o l d - Friedberg ; die gemachten Vorschläge wurden gulgeheißeu. R a a b - Pfungstadt berichtete über die Tätigkeit der Landlagsfraktion und über die bevorstehenden Landtagsmahlcn. Der LandtagSfraklion wird für die Tätigkeit gedankt und ferneres Vertrauen ausgesprochen.
Tie Tagesordnung, sür den bevorstehenden Parteitag in Jena behandelte U l r i ch-Offenbach eingehend; es schloß sich daran eine lebhafte Aussprache. Die Verbilligung dec „kommunalen Praxis" wurde abgelehut, ebenso der Antrag Offenbach betr. die Aufhebung des Parteiiagsbeschlusses betr. die Alaisciergelder. Vom Partei- vorstand sprach Ai ü ll e r-Berlin dagegen. Das Handbuch Adelungs wurde warm empfohlen. Ter Landesvorstand wurde wieder- und für die nächstjährige Tagung Erbach i. O. gewählt. Die ganzen Verhandlungen Verliesen sehr friedlich.
l?cer und Flotte.
Der Stapcllauf des Kreuzers „Straßburg".
Straßburg, 26. Aug. Nach dem Stapellauf des Kreuzers „Straßburg" in Wilhelmshaven meldete Oberbürgermeister Dr. Schwand er dem K aiser telegraphisch die vollzogene Taufe. Darauf ist ihm von Schloß Wilhelmshöhe ein kurzes Antworttelegramm zugegangen.________________________________________________
Ausland.
Die Petersburger Telegraph^nagentur meldet aus B a r- ferusch: No rdp ersten ist von Kotschan bis Kadjur in der Gewalt Mohammed Alis. Eine Truppenabteilung aus Teheran versuchte die Truppen des Exschahs zu umgehen und Kadjur zu erreichen, stieß aber auf Dur- komenen und kehrte zurück. T-ie Privatmeldungen aus Teheran, die von einem Siege der ReLierungs- truppen und der Auslösung der Truppen Mohammed Alis berichteten, sind falsch.
Die Gerüchte von einer Demission oder Erkrankung des türkischen Kriegsministers sind, so wird aus Konstantinopel gemeldet, falsch. Ter Kricgsminister muß nur wegen Unwohlseins einige Tage das Haus hüten.
Eine amtliche Meldung aus Athen versichert sehr eifrig: Nach dem Bericht der zuständigen griechischen Behörden ist unzweifelhaft festgestellt, daß Ingenieur Richter niemals von den Räubern auf griechischen Boden gebracht worden war.
Die „Morning Post" meldet aus Tokio: Nach dem Rücktritt Katsuras hat der Kaiser den Marschall damag ata aufgefordert, ihm Rat angedeihen zu lassen. Es wird keine Konferenz der älteren Staatsmänner statt- sinden, da diese es ablehnten, einen politischen Einfluß auszuüben. damagata wurde allein vom Kaiser um Rat gefragt. Für den Rücktritt Katsuras kann kein ersichtlicher Grund angegeben werden. Sa.ion.ji hatte eine Besprechung im Parlament, an der auch Katsura teilnahm. Saionii wird am Montag berufen werden. Ter Wechsel im Ministerium hat leine Erregung hervorgerufen.
Arbeiterbewegung.
Berlin, 26. Aug. In einer heute von der Direktion der Großen Berliner Straßenbahn einberufenen Versammlung der Vertrauensmänner der Schaffner und Fahrer erklärte sich die Tirektion bereit, die geforderten Lohnerhöhungenzubewilligen. Auch soll der bisherige Höchstgehalt von 1620 Mark anstatt nach 20 schon nach 15 Jahren gezahlt werden. Nach 18 jähriger Tienstzeit wird es weiter auf 1680 Mark erhöht werden.
Aus Stadt un& Land.
Gießen, 28. August 1911.
" Ortsgewerbeverein. Der in der letzten Mitgliederversammlung beschlossene AuSflug an die Edertal- sperre findet Montag, 11. September, statt. Es hat schon eine genügende Anzahl von Mitgliedern die Beteiligung zugesagt.
* • Von unserem Regiment. Vom herrlichsten Wetter begünstigt, ist die erste Manöverwoche glücklich zurückgelegt. 9lm Montag gegen 4 Uhr trafen die Mannschaften in ihren Quartieren auf der Aar ein und zwar der Negi- mentSstab in Oberneisen. Dienstag und Mittwoch fanden die ersten Uebungen um den „Mensfeldner Kopf* statt, der unseren braven 116ern manchen Schweißtropfen kostete. Für Donnerstag war der erste Ruhetag angesetzt, er wurde zur Instandsetzung der Uniformstücke ausgenutzt. Freitag hatte üaS Jnfanterie-Regt. Leibgarde (1. Großh. Hess. Regt. Nr. 115), daS in Diez und Umgegend liegt, Regiments- besichtigung, wobei ein Bataillon unseres Regiments den markierten Feind zu stellen hatte. Die anderen Bataillone hielten an diesem Tage für sich allein Uebungen ab. Am Samstag fand für unser Regiment Besichtigung statt und die 115ec stellten den markierten Feind. Die Besichtigung soll sehr gut ausgefallen sein. Heute gehen die Regimentsübungen zu Ende.
• • Der Brand in der Marburger Straße, der in der letzten Woche so viel Anlaß zu Erörterungen gab, kann immer noch nicht zur Ruhe kommen. Die ganze Woche über rauchte der Trümmerhaufen und von Zeit zu Zeit schlugen die Flammen erneut empor, so daß z. A. gestern nochmals eine Anzahl Ferierwehrleute zum Löschen ausrücken mußte. Dem Schutthaufen entströmt ein intensiver übler Geruch, so daß die Vermutung nicht von der Hand zu weisen ist, daß sich noch verbrannte Tierkadavcr unter dem Schutt befinden. Die Nachbarschaft leidet sehr unter dem Geruch und allgemein fragt man sich, wie lange dieser gesundheitsschädliche Zustand noch andauern soll. Wie man hört, soll noch das Eintreffen eines auswärtigen VersicherungS« beamten abgewartet werden, bis die Aufräumungsarbeite beendigt werden können. Wenn das wirklich der Fall wäre, müßte es aufs schärfste mißbilligt werden/ denn wegen der Interessen einer privaten Erwerbsgesellschaft, die noch dazu genügend Zeit hatte, ihre Ermittelungen anzustellen, dürfen doch nicht die Bewohner eines ganzen Stadtteils in dieser Weise benachteiligt werden.
* * Vom Männerturnverein lüirb unS geschrieben: Bei dem gestern am Dünsberg von dem Turngau Hessen veranstalteten Bergturnfest errang der Männerturnverein Gießen einen sehr schönen turnerischen Erfolg. Nicht nur gelang es seinem Mitglieds HanS Thöt unter 235 Mitbewerbern den ersten Preis mit 84% Punkten zu erringen, sondern auch alle 15 von ihm gemeldeten Wetturner erreichten die Mindestpunktzahl, wieder ein Beweis dafür, daß es richtig ist, in einem Turnverein auf möglichst gleichmäßige Durchbildung aller Mitglieder bedacht zu sein. Die guten Folgen zeigten sich auch bei dem von 5 Mannschaften des Gaues bestrittenen Eilbotenlauf, indem diejenige des M. T. V. Gießen die beste Zeit lief. Es gelang ihr mit 6 Läufern die 450 Meter mit 12 Hürden in einer Minute und 6 Seklinden zu durchlaufen.
** Der Allgem. Deutsche Automobil-Club „Gießen" unternahm gestern mit fünf festlich beflaggten Autos eine Fahrt nach der Saalburg zu dem außerordentlichen Gautag des Gaues III des 91. D. 9l.-E. Die Fahrt ging morgens 8% Uhr vom Startplatz Hotel Schütz- Gießen über Wetzlar nach Braunfels, von da über den „Rciherstieg" nach Weilburg; sodann durch das herrliche Weiltal übe» Weilmünster nach Alt-Weilnau, Usingen, Wehr- heim zur Saalburg. Hier fand unter reger Beteiligung der Gaumitglieder, die aus Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Marburg, Kassel usw. mit Auto und Motorrad herbeigeeilt waren, der Gautag des Gaues III des 9l. D. 9l.-C. statt. Der Rückweg wurde am Nachmittag über Homburg, Friedberg, Bad-Nauheim, mit Aufenthalt in Bad Homburg und auf dem „Teichhaus" in Bad-Nauheim, angetreten. Gegen 7 Uhr trafen die Fahrer, nachdem sie im ganzen ungefähr 160 Km. ohne jede „Panne" zurückgelegt hatten,- wieder wohlbehalten hier ein. Sämtliche fünf Wagen gewannen je einen der von dem Gau III des A. D. 9l.-C. zur Saalburg- sahrt gestifteten silbernen „Saalburgbecher",
Landkreis Gießen.
△ Klein-Linden, 27. Aug. Daß ein aljherge- brachtes Voltsfest wie die Kirmes Zch nicht ohne weiteres beseitigen läßt, tonnte man heute sehen. Ter Gemeinderat hatte das Kirchweihfest abgeleynt, die Wirte hielten nun statt dessen ein Svnimerfest ab, dessen Besuch mindestens so stark war, wie in den Jahren vorher. In Scharen trafen besonders die Bewohner von Gießen ein, die Frankfurter Straße belebte ein gewaltiger Menschenstrom, der sich in die drei Kirmeswirt)chaften Burg, Eiche und Bernhards- Häuser Hof ergoß. Alle Räume waren dicht besetzt und die Wirte kamen sicher aus ihre Rechnung. Der Torfteil Bernhardshausen hatte heute feine erste Kirmes, die auf der Wiese des Gastwirts Bernhard gefeiert wurde. Karussell, Schießbuden usw. sorgten sür Volksbelustigung.
s. Lollar, 27. Aug. In ihrem elterlichen Hause hier erhängt hat sich heute abend gegen 7 Uhr die 28 Jahre alte Ehefrau eines Metzgers und Wirtes in Gießen. Trotzdem ärztliche Hilfe sofort zur Stelle war, waren die Wiederbelebungsversuche erfolglos«.
Starkenburg und Rheinhessen«
w. WormS, 26. Aug. Ein Wolkenbruch mit Gewitter richtete gestern in den rheinhcssischen Gemeinden Gundersheim, Mülsheim und Hangen w e iS heim großen Schaden an. Das Wasser stand teilweise meterhoch in den OrtSslcaßeÜ und drang in die Häuser und Stallungen ein. Vielfach mürben Mauern niedergerissen. Auch einige Kreisstraßcn mußten gesperrt werden. In den Feldern
und Weinbergen sind die Verheerungen groß. Der Blitz richtete verschiedentlich Schaden an.
Die Mordtat in Rendel.
Ter Landwirt K. Ludwig B e ck in R e n d e l, Pfarrgasse 111, dessen Besitztum mit der Rückseite an das Eberhardtsche Haus stößt, hat einem unserer Berichterstatter folgende Mitteilungen über das grausige Verbrechen gemacht, dem fünf Menschen zum Opfer fielen. _ , ~
Es war ungefähr 5 Uhr morgens, als wir, meine Familie und ich, sowie eine Anzahl von Narjbarn durch einige Schüsse und Hilferufen aus dem Schlafe geschreckt wurden. Wir stürzten an die Fenster und sahen zu unsrem Erstaunen den Wilhelm Gundcr- loch aus dem Hause seines Schwiegervaters kommen. Er hatte ein Jagdgewehr unter dem Arm und schritt die Pfarrgasse hinab, indem er Verwünschungen gegen seine Verwandten ausstieß. Kein Mensch hatte das Herz, ihn anzuhalten, denn man vermutete wohl nicht mit Unrecht, daß das Gewehr noch geladen wäre, xer Mörder war, wie festgestellt wurde, über das xor m den Hot geklettert und gelangte von hier aus in das Haus, xer Mörder wartete den Augenblick ab, wo sein Schwiegervater Eberhardt den Hof betrat und schoß ihn nieder. Ter ihm zu Hilfe eilende Schwiegersohn Karl Wissenbach hatte kaum die m den Hof führende Treppe betreten, als er ebenfalls erschossen wurde. Tie junge Frau Wissenbach fiel dem Mörder in dem Hausflur zum Opfer, während die Frau des Gunderloch sich auf den Speicher flüchtete, um sich über das Tach zu retten. Hier traf sie der Mörder, als sie schon mehrere Ziegel abgedeckt hatte
Ter erste Schuß verwundete sie nur leicht. Ter Verbrecher scheint nun, den Spuren nach zu urteilen, die Verwundete bte Speichertreppe hinuntergeschleift zu haben bis in den ersten L>tock. Hier scheint er seine Flinte wieder geladen und bann seine Frau durch einen zweiten Schuß getötet zu haben. Hierbei ist er wahr- scheinlich von seiner Schwiegermutter überrascht worden, denn die ganze Situation läßt auf einen kurzen Kampf der Frau Eberhardt schließen. Man vermutet, daß Gunderloch die Leiche seiner Schwiegermutter bann die Treppe hinabgeworfen hat.
Ter elende Verbrecher erschoß, wie bereits mitgeteilt, vor einigen Jahren auch seinen Bruder Heinrich. Tie beiden Brüder waren von jeher nicht gut aufeinander zu sprechen gewesen und eines Morgens fand man >cn Heinrich Gunderloch nut einer Kugel im Herzen in seiner Stube. Wilhelm Gunderloch behauptete, in Notwehr gehandelt zu haben; sein Bruder hätte ihn beim Nachhausekommen mit einem Tolchmesser angegriffen, und da hätte er sich mit der Flinte zur Wehr gesetzt. Tie Angaben des Wilhelm wurden noch ergänzt durch die Aussagen mehrerer Burschen, die gehört hatten, daß Heinrich in betrunkenem Zustand Drohungen gegen seinen Bruder Wilhelm ausgestoßcn hatte, auch hatte er mit drohender Geberde ein Tolchmesser gezeigt. Heute ist man anderer Meinung; man glaubt, daß Wilhelm seinen Bruder Heinrich einfach erschossen hat, weil er ihm im Weg war. Tas Verfahren wurde damals eingestellt, weil allenthalben angenommen wurde, daß Notwehr vorliege.
Von der Staatsanwaltschaft wurden Tr. Popp-Frankfurt, Kreisarzt Tr. Nebel-Friedberg, ein Vilbeler Arzt, sowie Gc- richtsphotograph Albert Schmidt in Friedberg telephonisch nach Rendel berufen. Nach der Auffindung der Leiche des Mörders, wurden sie bis auf Kreisarzt Tr. Nebel sämtlich abbestellt.
Von Behörden waren anwesend: Staatsanwalt Dr. Brill- Gießen, Kreisarzt Tr. Nebel- Friedberg, Kriminalkommissar Müller- Gießen, Gendarmerieoberwachtmeister Held- Friedberg, die Gendarmen R o k e m e r und Jäkel- Groß-Karben, Ezczerbowsli) Heldenberaen, Fabian-Heldenbergen und Wachtmeister H i l d - Vilbel. Gegen 10 Uhr kam der Schutzmann Gg. K l ö s von Gießen mit seinem Polizeihund Hilla von Luterbcrg. Ter Hund nahm Witterung an der Leiche der Frau des Mörders, da ihr Zimmer kaum von jemand betreten wurde. Das kluge Tier hatte trotz der nach hunderten zählenden Zuschauer, die sowohl das Haus, als auch die Straße belagerten, die Spur alsbald ge- stinden. Er führte seine Herren nach der Scharmühle zu, in Der Richtung auf Nieder-Dorfelden. Sobald man das Dorf hinter sich hatte, wurde der Hund von der Leine gelassen, und nun stürzte das Tier vorwärts. Eine Viertelstunde nach dem Verlassen des Hauses bog der Hund nach links in einen Kartoffelacker, wo er stehen blieb. Man ging nun sehr vorsichtig weiter und die Gendarmen setzten ihre Schußwaffen in Bereitschift. Schutzmann Klos beruhigte die Leute, indem er auf das Verhalten seines Hunoes hinwies, der ziveifellos keinen lebenden Menschen, sondern eine Leich gefunden habe.
Der Anblick, der sich jetzt bot, war grauenerregend. Treiviertel des Kopses fehlte gänzlich. Gehirnteile waren meterwett geflogen.
Der Mörder hatte keinen Pfennig bei sich.
Nach der Ausflndung der Leiche atmete jedermann wie von einem Alp befreit auf und man konnte sehen, wie sehr der Mörder gefürchtet war.
Tie Opfer des Mörders.
Um 1Z28 Uhr abenos würben die fünf Leichen der Ermordeten in die Leichenhalle verbracht, nachdem sie der Staatsanwalt freigegeben hatte. Die Leiche des Mörders wurde von ihrem Fundort ebenfalls nach dem Friedhof verbracht, wo sie im Freien stehen bleibt, bis sie nach Gießen in die Anatomie verbrach wird. Die Kinder des Mörders wurden vorläufig dem Polizeidiener K o ch übergeben, während das Kind des Wissenbach vorläufig bet Verwandten in Büdesheim untergebracht wurde, später wird es von einem Bruder in Leipzig aufgenommen und aufgezogen werden.
Vermischtes.
* Brände. Aus Heidelberg wird uns gemeldet: Ein heute nacht nach ,,212 Uhr in der Schulbankfabrik Grauer u. Cie. aus unbekannter Ursache entstandenes Schadenfeuer äscherte das Maschinen- und Werkstättengebäude bis auf die Grundmauern ein. Den vereinten Bemühungen der Heidelberger Feuerwehren gelang es, um 4 Uhr das Feuer zu löschen, so daß die bedeutenden Lagerräume der Fabrik, sowie das nur durch die Straße von der Brandstätte getrennte städtische Gaswerk verschont blieben. — In Brünn ist die Tuchfabrik Moses Loew Beer nicdcrgebrannt. Zahlreiche Vorräte und Maschinen wurden vernichtet. — In Aidin, der Hauptstadt des gleichnamigen Wilajets in Kleinasien, sind bei einem furchtbaren Brande, der die Stadt verheert hat, 1500 Häuser, 250 Kaufläden, zwei Moscheen, drei israelitische Tempel und zwei Schulen ein Raub der Flammen geworden. — In Kempfeld bei Idar stehen eine Anzahl Häuser und Scheunen sowie die evangelische Ortski r ch e in F l a m m e n. Es herrscht Wassernot. — Auf dem Fabrilgrundsti.a der Firma Earl Zeiß in Jena ist in dem erst in diesem Jahre in Benutzung genommenen großen Zementbau, der die Moutagehattc und die Mecha- uikerwertstätte enthält, ein Brand ausgebrochen, der erheblichen Schaden verursachte. Das Gebäude ist völlig ausgebrannt.
ff. Die Entdeckung eines Bergwerks aus der Steinzeit. Bei Aramou in Spanien ist durch einen Zufall ein der Steinzeit angehöriges Bergwerk entdeckr worden, von dem wir in der „Revue generale des Sciences" lesen. Ein so frühen Zeiten zuzurechuendes Bergwerk war bisher nicht betannt, und das neu entdeckte ist um so wertvoller, als es deutliche unb in den verschiedensten Richtungen Aufschluß gebende Spuren vom Umfang und von der Art der Bergarbeit in der Steinzeit aufweist. Es handelt sich um ein Bergwerk mit Lagern von kobalthaltigem Kupfer; seine senkrecht angelegten Gänge gleichen voUtommen Kaminen; warum die Gänge so gebaut waren, ist noch nicht recht erklärt. Geschah es, um die Ueberwachung der Sklaven zu erleichtern, oder wollte man das Eindringen wilder^ Tiere verhindern? In einem der Gänge sind 15 menschliche Skelette entdeckt worden mit Steinbeilen und Hacken aus Tierhorn. Zwei,


