Anfang Oktober erscheint, so wird ans amtlich aus Berlin mitgeteilt, eine neue Nummer des Postblatts, )as eine Beilage zum Reichsanzeiger bildet, aber auch ur sich bezogen werden kann. Im Postblatft- das im Reichs-Postamt zusammengestellt wird, sind die wichtigsten Versenduugsbedinguugeu und Tarife für Postsendungen aller Art sowie für Telegramme enthalten. Auf die seit dem Erscheinen der vorangegangenen Nummer (Anfang Juli) eingetretenen Aenderungen wird in der neuen Nummer durch besonderen Druck (Schrägschrift) hingewiesen. Das Postblatt kann auch neben anderen, umfangreicheren Hilfsmitteln für den Verkehr mit der Poft und Telegraphie (Postbücher, Post- und Telegraphennachrichten für das Publikum usw.) mit Vorteil benutzt werden, weil es diese bis auf die neueste Zeit ergänzt.
Die Postbehörde in Jena sandte der „Jenaischen Zeitung" zufolge dem „Vorwärts" in der Angelegenheit der angeblichen Ko nfiskationeines fürBebel bestimmten Telegramms folgende Berichtigung zu:
Durch die Zeitungen geht dieser Tage auch die von Ihnen gebrachte Mitteilung, daß ein von Brüssel auf- geliefertes Telegramm un Bebel in Jena durch die deutsche Post konfisziert worden sei. Die Mitteilung ist unrichtig. Das betreffende Telegramm ist dem Adressat behändigt worden, allerdings mit erheblicher Verspätung. Es war nach rechtzeitigem Eingänge beim Postamte in Jena durch das Verhalten eines wegen des sozialdemokratischen Par - t eit ag es von der Behörde dorthiil ent sandten Hilfsbeamten im Drange der Geschäfte nicht zum Bestellen gelangt und wurde erst, nachdem wenige Tage später von Brüssel aus nach dem Telegramm geforscht worden war, ermittelt. Dem Adressaten wurde nach dem Abschluß der Untersuchung eine ausführliche Mitteilung von dem Sachverhalt gemacht. Danach ist die Verspätung ganz harmloser Art.
In einer Sitzung des Berliner Magistrats wurde die Zurückziehung der Vorlage über die Einführung der Lustbarkeits steuer beschlossen. Dem Ueberschuß des letzten Jahres wird eine Million Mark entnommen, um den durch das Fallenlassen der Vorlage entstandenen Ausfall im Haushalt auszugleichen.
Ausland.
Die Pforte erklärt in .einer Zirkularnote bezüglich Kretas, daß der antigriechische Boykott fortdauern und der türkisch-griechische Bahnanschluß nicht zustande kommen werde, solange die Kretafrage nicht endgültig geregelt werde. Die einzig mögliche Lösung der Schwierigkeiten sei auf dem Wege der .Autonomie zu suchen. Die Errichtung einer kretischen Republik sei unmöglich.
In Konstantinopel ging in den letzten Tagen das Gerücht, alle .italienischen Dampfer, die den Levantedienst versehen, hätten ihre Fahrten eingestellt, angeblich, weil sie von der italienischen Regierung in Anspruch genommen worden sind. »Ein weiteres Gerücht besagt, der Großwesier habe von armenischen Aufrührern einen Drohbrief erhalten, der ihm has Schicksal Stolypins voraussagt, falls er für die armenische Frage keine befriedigende Lösung finde.
taasaogg. Bceidenbach-Torhcim, Damm-Friedberg, Zenchcl- •£)6erliörgern, Grünewald-Gießen, Korell-Angenrod, Maith an-Mainz und Dr. Weber-Konradsdorf.
Tie Feier wurde durch einen von der Kapelle des 1. Hess. Artillerie-Regiments gespielten Choral eröffnet, worauf Geh. Kommerzienrat Tr. W. Kalle Wiesbaden die Gäste mit herzlichen Worten begrüßte. Es folgte ein Chor des Männergesangvereins „Orpheus" von Geiß-Nidda, der unter der Leitung von Lehrer Lentz „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" mit großem Verständnis Dortrrg. Daran reihte sich die Festrede des Präsidenten der deutschen Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime Baum-Wiesbaden, der wir folgendes entnehmen:
Es ist ein bedeutungsvoller Tag, der uns heute zusammensührt in dem schönen heilkräftigen Salzhausen. Kaum ein halbes Jahr ist 'vergangen, seit unsere Gesellschaft an die Oeffentlichkeit trat und die deutsche Kaufmannschaft ausrief zu jenem Werke, das wir zum Besten unseres Standes zu schaffen entschlossen waren. Im ganzen Vaterlande fand der Plan, den Angestellten des Kaufmannsstandes uird den weniger bemittelten selbitänoigen Kaufleuten ohne Rücksicht auf Religions- und Parteizugehörigkeit Erholungsheime zu errichten, jubelnden Widerhall! Es ist wahrlich nichts Geringes, daß in unserer Zeit, in der nicht mit Unrecht über, die Schwere des wirtschaftlichen Kampfes, über die Fülle der Lasten, die auf Handel und Gewerbe ruhen, Klage über Klage ertönt, die Spenden in einem Maße flössen, daß die Gesellichaft von der ursprünglichen Absicht, die Heime auf Grund von Schuld- verschrewungen zu errichten, abzusehen und sie nur aus Geschenken und Stiftungen zu erbauen vermag. Die selbstverständliche Grundbedingung für alles dies war jenes Maß von Leistungsfähigkeit und wirtschaftlicher Kraft, das die deutsche Industrie und der deutsche Handel unter dem Schutz des geeinten Vaterlandes errungen haben. Kein Einsichtiger, welchem Stande er auch angehören mag, verschließt sich heute der Erkenntnis, daß das wirtschaftliche Emporblühen unseres Vaterlandes, seine machtvolle materielle Stärkung, ohne die unser heutiges staatliches Leben nicht denkbar wäre, bedingt und tausendfach verknüpft ist mit den Leistungen, mit dem Unternehmungsgeist, mit dem weit aus- schauenden Blick und mit dem kühnen Wagemut unseres Handelsstandes. Zu den am größten angelegten Unternehmungen privater Initiative gehört die Deutsche Gesellschaft .für Kaufmanns-Erholungsheime. Hier ist zum erstenmal ein Werk geschaffen worden, das die ganze deutsche Kaufmannschaft umsaßt und das ohne gesetzlichen Zwang als ein Akt der Selbsthilfe rein aus den^ freien Willen, aus dem sozialen Sinn der Bessergestellten des Standes heraus, die für die Minderbemittelten sorgen und sie fördern möchten, einem Bevölkerungsanteil von nahezu zwei, Millionen Menschen zugute kommen soll. Insofern ist die Deutsche Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime ein Merkstein in unserer sozialen Entwicklung, ein Merkstein aber auch deshalb, weil es nicht gilt, eingetretene Schäden zu heilen, sondern weil auch die Prophylaktische Absicht, der vorbeugende Wille, weil, hier der Gedanke Geltung und Ausdruck gefunden hat, die Kraft und die Gesundheit der Volks- und der Standesangehörigen zu erhalten und sie so vor Niedergang und Erkrankung und damit vor Entbehrung zu schützen. Wenn der Städter hinauszieht in die Heime, wenn ihn dann seine Wege hinausführen in die Natur, dann wird er sinnend verweilen und wird achten lernen das ewige Schaffen des Landmannes und andererseits wird dieser durch die persönliche Berührung mit den Gästen der Heime sein Wissen vermehren, seine Achtung vor den Leistungen, vor der Anteilnahme der Angehörigen des Kaufmanns- und des Handelsstandes an unserem großen staatlichen Getriebe wird wachsen und allgemeiner und deutlicher wird in ihnen werden das Bild des notwendigen Zu-
Ueber die Verurteilung Bagrows, des Mörders Stolypins, wird noch aus Kiew gemeldet: Ter Verhandlung des Kriegsgerichts, gegen Bagrow wohnten der Justizminister, der Befelshaber des, Militärbezirks und der Gouverneur bei. Bagrow verzichtete auf einen Verteidiger. Da er seine Schuld zugab, wurde von den geladenen sechs Zeugen nur Kuljabko öemontmen. Bagrow, der seine Mitwisser nicht verriet, erzählte, wie er die Geheimpolizei irreführte und gestand ein, das Verbrechen im Parteiaustrage begangen zu ^a- ben, die ihm des Doppelspiels Verdächttgt und seine Rehabilitierung durch den Anschlag gefordert habe. Abgesandte aus Paris, überbrachten ihm den Parteiaustrag. Kukjabko ant- wottete auf die Frage, warum er die in Bagrows Wohnung befindlichen Revolutionäre, deren Anwesenheit Bagrow ihm gemeldet habe, nicht verhaftete, daß er damit Bagrow verraten HMe. Er sagte weiter aus, Bagrow hätte mit dem Wissen des Ministerpräsidenten Zutritt zu dem Theater gehabt. „Nowoje Wremja" erfährt, per Gehilfe des Ministers des Innern habe Stolypin zweimal gebeten, nicht ins Theater zu gehen, worauf S.tolypin erwiderte, das wäre ein Zeichen von geringem Mut.
Ans Mvtzrid wird gemeldet: Der Jnfant Alfons vspn Orleans,- per wegen seiner Heirat mit der Prinzessin Beatrice von ,Sachsen-Kob ur g und Gotha 'feiner Titel und Güter verlustig erklärt wurde, betrieb seine Wiederemsteilung in das spanische Heer als Freiwilliger bei den Truppen in Melilla. Der König entsprach jetzt seinem Ansuchen, indem .er. Wp gleichzeitig den Rang eines Leutnants, wieder verlieh.
Aus Sewastopol wird gemeldet: Ter Zar hielt am Samstag früh eine Parade über die Truppen ab und lehrte dann zur Jacht „Standart" zurück, überall von den Truppen, Schiffsmannschaften und der Volksmenge begrüßt.
Heer unfc Flotte.
Der Chef des Generalstabs der französischen Armee, General Sarrail, der gegenwärtig die 12. Infanterie-Division in Reims kommandiert, soll nach dem „Echo de Paris" anstelle des Generals Dubail zum Ches des Generalstabes der Armee ernannt werden. General Dubail soll Inspekteur des Militärunterrichtswesens werden. Sarrail war längere Zeit Kommandant des Palais, der Teputiertenkammer.
Der französische Dreadnought Courbet. Aus Sorient wird gemeldet: Am Samstag nachmittag ist der T r e- adnought Courbet in Anwesenheit des Marineministers Telcassä, der Militär- und Zivil-Behörden, sowie unter ungeheurer Beteiligung her Bevölkerung glatt vom Stapel gelassen worden.
Ein argentinischer „U eb er dreadnought". Tas argentinische Schlachtschiff „N o r e n o" vom Ueberdreadnoughttyp, Wasserverdrängung 27 OOO Tonnen, vereinbarte Geschwindigkeit von 22Va Knoten, ist auf der Werst ver Neuyorker Shikbullding-Compam) vom Stapel gelaufen.
Grundsteinlegung der l.ttausmannr-Lrholungrheimr.
eh. B a d - S a l z h a u s e n, 24. Sept.
Unser stilles Badeörtchen war heute das Ziel zahl- veicher Gäste von nah und fern, die gekommen waren, um den Grundstein zum ersten deutschen Kaufinannserholungs- heim zu legen. Daß dieses Heim hier erbaut wird, ist ein Verdienst des Großherzogs, der auf den Platz aufmerksam 'machte und das Gelände kostenlos zup Verfügung stellte. .Kommerzienrat Cloos-Nidda ergänzte diese Schenkung durch die unentgeltliche Hergabe des Nachbargrundstückes. Ter Bauplatz liegt wenige Minuten vom Kurhaus entfernt unwett der Staatsstraße nach Nidda; er schmiegt sich an eine waldbestandene Anhöhe an und bietet einen herrlichen Ausblick in die Ebene und auf die Vorhöhen des Vogelsberges.
Zur Grundsteinlegung hatten sich u. a. eingefunden Provinzialdirettor Dr. Ufinger-Gießen, Geh. Lberforstrat Dr. Walther-Darmstadt, Beig. Boeckmann-Büdingen, zahlreiche Vertreter von Handelskammern und anderen kaufmännischen Körperschaften (darunter Hanbersläinmerpräsi- -deut Geh. Kommerzienrat Heichelheim-Gießen), die Land-
sammenwirkens der verschiedenen Stände, die aufeinander angewiesen, einer den anderen ergänzend, die Stärke und die Größe des Vaterlandes ausmachen. Als eine der ersten Regierungen ist der Gesellschaft die hessische Staatsregierung fördernd zur Seite getreten und unter ihrer Mitwirkung und unter tatkräftiger Mithilfe der Lokalverwaltung von Salzhausen hat der Großherzog aus seinem Domanialgute diesen schönen Fleck Erde zur Errichtung des ersten Heimes zur Verfügung gestellt. Baum schloß mit dem Wunsche, daß die gütige Vorsehung das Gebäude, dessen Grundstein heute gelegt wurde, beschirmen und beschützen möge, daß 'es bis in weite ferne Zeiten in bie Landschaft rage als Heimstätte friedlicher und glücklicher Menschen, daß es ein Denkmal bleibe sozialen, hilfsbereiten, menschenfreundlichen Sinnes.
Dem Verlesen der Stiftungsurkunde folgte der Weiheakt, den Provinzialdirettor Dr. Usinger mit folgenden Worten vollzog:
In Vertretung des zu ieinem lebhaften Bedauern heute am Erscheinen verhinderten Herrn Ministers des Innern habe ich die Ehre, den Akt zu eröffnen, der die Weihe geben soll einem Unternehmen, an dessen Anfang wir uns befinden. Eine soziale Tat hat die Deutsche Kausmannschaft vollbracht, als sie eine Gesellschaft für (aunnännifdie Erholungsheime schuf. Treu blieb sie sich selbst, da sie, verzichtend auf Hilfe von außen, ein über ganz Deutsch ländlich erstreckendes stolzes Werk aus eigener Kraft vollenden will. Schön wird deshalb auch der Erfolg jein. Tenn Gedanken, die bis jetzt schon so viele werbende Kräfte ausgelöst haben, Schöpfungen, die getragen sind von warmherziger Begeisterung für eine gute Sache, Werke, die auch für die Zukunft Zeugen sein sollen der Nächstenliebe und des Pflichtbewußtseins gegenüber unserem deutschen Vaterland und seinen Kindern, die wird unser Herrgott nicht zu Schanden werden lassen.
Entsprechend diesen Gedanlen sei auch der Spruch, den ich dem hier erstehenden Haus widmen möchte:
Den hochherzigen Stiftern zur Ehre — Den hier eingehenden Gästen zum Segen — Künftigen Geschlechtern ein Tenkmal werktätigen Gemeinsinnes.
Es folgten die üblichen Hammerschläge der bürgerlichen Vertreter, u. a. von Geh. Lberforstrat Tr. Walter, Geh. Kommerzienrat Heichelheim (Möge das Heim bald entstehen als Stätte der Wohltätigkeit für den Kaufmannsstand), Kommerzienrat Cloos-Nidda, Kreisrat Bveckmann, Oberst Weimer-Nidda, Beig. Nöper-Bad-Salzhausen und Forstmeister Kirchner-Bad-Salzhausen.
Mit dem von dem Gesangverein mit Musikbegleitung vorgetragenen „Altniederländischen Tankgebet" schloß die Feier, Nach einer Besichtigung der Badeanlagen ging es zu dem trefflichen Festessen im Kurhaus, bei dem zahlreiche Ansprachen gehalten wurden. Prä,ident Baum brachte das Hoch auf Kaiser und Großherzog aus. An beide Fürsten gingen Huldigungstelegramme ab und vom Großherzog kam noch während des Mahles freundlicher Dank zurück. Einem Dom Abg. Kommerzienrat M olthan - Mainz ausgebrachten Hoey auf die Gäste folgte eine Ansprache des Provinzialdirektors Tr. Usinger, die folgenden Inhalt hatte:
Der Herr Vorredner hat in freundlichster Weise^ der Regierung und der hier anlüefenben Gäste gedacht. Als Vertreter des Ministeriums des Innern möchte ich.ihm zunächst für die Worte danken, die er der Großh. Regierung gewidmet hat. Es fei mir gestattet, in diesen Tank den Ausdruck der Freude darüber einzuflechten, daß das erste Kaufmanns-Erholungsheim bei,uns in Hessen errichtet werden wird. Es ist damit uns Hessen von einem großen und über ganz Deutschland sich erstreckenden Verband sozusagen ein Zeugnis darüber ausgestellt worden, daß uni'ere Regierung für die sozialpolitischen Notwendigkeiten der Gegenwart Verständnis besitzt und daß fozialpolimche Gebauten und Werke bei Uns einen guten Nährboden fmden. Ich glaube, als Regierungsvertreter hier sagen zu bürien, baß man bestrebt sein wirb, sich dieses Vertrauen auch in Zukunft zu erhalten. Weiter sage ich Dank im Namen ber Gäste für bie EinlabUng zur heutigen Feier. Daß man in Ihren Kreisen stets gut ausgenommen wirb, weiß ich aus eigener Erfahrung, aus meinem langjährigen dienstlichen Verkehr mit den Handelskammern unseres Landes. Ich habe den bei derartigen Gelegenheiten mir gewordenen Anregungen viel zu danken und idmui Sie es waren, meine Herren, die uns
Gästen Gelegenheit gaben, den heutigen Tag mit Ihnen verleben zu dürfen, so ist bas allein schon etwas, was uns zu ganz besonderer Dankbarkeit gegenüber der Gesellschaft für Kaufmanns- Erholungsheime verpflichtet. Es würde wohl über den Rahmen einer Tischrede hinausführen, wenn ich mich an dieser Stelle noch einmal eingehend darüber verbreiten wollte, was die Gesellschaft in Verfolgung eines, uns ja wohl allen am Herzen liegenden sozialen Problems bis fitzt schon Großes geleistet hat. Wir hier wissen ja alle, was Gewerbe, Handel und Industrie leither schon in Förderung der hohen Gedanken getan haben, die wir unter dem Namen „Staatssozialismus" zusammenfassen können. In welchem Umfange jene Berufszweige den rwwenanttft an ber sozialpolitischen Fürsorge des Reiches für unsere arbeitenden Klassen tragen, zeigt uns die Statistik. Daß aber viele Gebiete noch unbeackert |tnb, weist uns die Gründung Ihrer Gesellschaft. Da ist es mit,sozialpolitischem Denken allein noch nicht getan; denn dieses ist nicht gleichbedeutend mit sozialpolitischem Handeln. Unb_ selbst mit sozialpolitischem Handeln nach ber rein theoretischen -Seite hin ist uns Deutschen heute nicht mehr geholfen. Nur bie praktische soziale Arbeit verbürgt eine feste Grundlage für spätere Erfolge und wenn auch jene oft und gerade von denen, welchen sie dienen soll, angefeindei wirb, weil man sie nur zu gern barzustellen beliebt als etwas Erzwunaenes oder Selbstverständliches und deshalb nicht Dankenswertes, so hat dies glücklicherweise bis jetzt diejenigen, die in dieser Arbeit stehen, in ihren Bestrebungen nicht erlahmen lassen. So sehen wir uns auch heute wieder gegenüber einem Werk, das vorbildlich sein wird dem In- und Ausland für das Solidaritätsgesühl eines großen Standes, gegenüber einem Werk, das, aufgebaut auf dem Grundsatz der Selbsthilfe, den Pionieren im Wettbewerb um Deutschlands Größe und Machtstellung nach außen, Stärke und erneute Kräfte geben soll in ihrer schweren Arbeit. Das Bewußtsein der eigenen Kraft verbunden mit dem uns Deutschen glücklicherweise eigenen Idealismus hat die Deutsche Gesellschaft für Kausmannserholungsheime eine Tat vollbringen lassep, bie sozial unb gleichzeitig national ist unb bie deshalb ein Ruhmesblatt in der Geschichte der neuzeitlichen Entwicklung unseres Deutschen Kaufmannsstandes sein und bleiben wird. Sie, meine Herren, stehen im Anfang einer großzügig angelegten und in ihrer Wirkung noch gar nicht absehbaren Schöpfung. Heute liegt zwar Herbststimmung über unseren Fluren. Sie lenkt aber unsere Gedanken schon wieder in die Zukunft in eine Zeit, da dieses Stück Land hier erneut prangen wird in der Pracht sommerliche Reize. Wenn rtoir wieder Sommer und Sonne haben, bann wird wohl der Bau, zu dem heute ber Grundstein gelegt worden ist, erstanden sein. Er soll den in ihm Ein- lehrendeii ein Stück von ber Sonne des Lebens geben, nach ber wir alle verlangen. Möge dieser Zweck erreicht werden, als schönster Lohn ber Gesellschaft für bas, was unter so günstigen Vorbebeu- tungen begonnen worden ist. Wir aber, meine Herren Gäste, wollen der Zusammenarbeit, von ber das bis jetzt Erreichte berebtes Zeugnis ablegt, ehrend gedenken. Wir wollen in unsere Huldigung alle diejenigen einschließen, bie es ermöglicht haben, daß eine Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime entstehen konnte. In diesem Sinne fordere ich Sie auf, mit mir einzustimmen in den Ruf: Die Deutsche Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime lebe hoch!
Weiter sprachen noch u. a. Kommerzienrat Bamberger-Mainz für die hessischen Handelskammern, Oberst Weimer-Nidda für den Kur- und Verschönerungsverein, Bankier Neustadt- Frankfurt, Geh. Oberforstwart Dr. Walther, K. L. Schäfer-Frankfurt (der, ein geborener Ortcnberger, humoristische Vergleiche zwischen den oberheffischen Verkehrsverhältnissen vor 60 Jahren und heute anstellte), Rentner Sturm-Wiesbaden, der der Presse gedachte, Kreisrat Boeckmann, Landtagsabg. Vizepräsident Korell (der die gemeinsamen Interessen von Handel, Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft betonte und in Aussicht stellte, daß der hessische Landtag das Heim auch finanziell unterstützen werde). Zum Schluß trug Beig. Mengel-Nidda ein von Oberamtsrichter Röm- hetd-Nidda verfaßtes Weihegedicht vor, das lebhaften Beifall fand.
Das Heim, zu dem Baurat Becker-Mainz die Pläne ausgearbeitet hat, soll in drei Wohngeschossen in etwa 70 Zimmern 96 Betten enthalten. Jnr Erdgeschoß find ausreichende Gesellschafts- und Wirtschaftsräume enthalten. Es wird sein Licht von der Ueberlandzentrale Wölfersheim empfangen und auch sonst alle Einrichtungen erhalten, die den Aufenthalt üt dem Heim behaglich machen. Die Baukosten find auf 180 000 Mk. veranschlagt. Man hofft, das Heim im nächsten Juhre betriebsfähig zu machen.
Zusammenkunft ehemaliger viidinger Eymnafiaften.
! Tübingen, 24. Sept.
Grau hingen bie Wolken ins Tal, um ben Wald ziehen kalte Nebelstreifen, ber Staub, ber Monate lang auf ben Straßen lag, hat sich in einen weichen Brei verwandelt, zahlreiche rauchende Schornsteine fünben an, baß bei vielen Familien schon der behagliche Ofen seine Tienste tut. Und Büdingen prangt im Schmuck zahlreicher Flaggen und Fahnen, unb eitel Lust und Freude hingt auf allen Straßen, ber Herzenswärme tut das Wetter keinen Abbruch. Tie alten „Klassike r" sind bg, wie bie Büdinger von jeher ihre Pennäler genannt haben, bie alten „Klassiker" wollen sich einmal Wiedersehen. So war es im ^ahre 1901, als bas Büdingen Gymnasium die 300jährige Jubelfeier beging, oerabrebet worben unter ben Alten; unb bie Alten haben Wort gehalten, und bie Jungen machen es ben Alten nach. Es gibt wohl kaum ein Gymnasialstädtchen, an dem die ehemaligen Schüler so mit ganzem Herzen hängen wie an Büdingen. Ein jetzt verstorbener, sehr hoch stehender hessischer Geistlicher pflegte die Menschen in zwei Klassen einzuteilen, solche, bie in Büdingen waren, u:ck> solche, bie nicht dort waren. Unb bie Anhänglichkeit Zeigte sich au chbiesmal. Wie ber Ruf an sie erging, zu einigen frohen Stunden sich wieber einmal zu vereinigen, ba kam aus aller Welt freubige Zustimmung, ober herzliches Bedauern derer, bie burch Berufspflichten an ber Fahrt na ch Bübingen ge- hinbert waren. Aber eine stattliche Zahl hat sich eingefunden, unb bas erste Zusammentreffen Samstag abend 6 Uhr fing vielversprechend an mit der Gründung eines Verbandes ehemaliger Schüler des Wolfgang-ErnsEymnasiums, ber sich die Ausgabe stellt, bie Anhänglichkeit der „Ehemaligen" an bie Anstalt zu pflegen, Mittel aufzubringen, um alle 5—10 Jahre ein Wiebersehenssest zu feiern unb eventuelle Ueberschüsse an bie 1901 geschaffene Jubelstiftung für Sportzwecke abzuführen. Und als um Vr9 Uhr bie Weisen ber Kapelle zum Kommers in ben wieberhergestellten großen Rathaussaal riefen, ba war bald kaum noch Platz zu finden. Alte, graubärtige Männer in großer Zahl mit der roten Pennälermütze, größer bie Zahl der Jungen mit frischen.Gesichtern, auf allen aber bie Fröhlichkeit unb Herzens- T'ceube frohen Wiebersehens! Fürst Wolfgang eröffnete ben Kommers mit einer kurzen Begrüßungsansprache, Direktor Dr. Mohr feierte das fürstliche Haus, das jahrhundettelang bie Anstalt unter schweren Opfern erhalten hat unb heute noch in enger Beziehung zu ihr steht. Amtsgerichtsrat Klietsch-Bü- bingen, als ehemaliger Bübinger Pennäler, ließ nach längerer Rebe, in ber er ber schönen Pennälerzeit gebuchte, bie ehemaligen unb jetzigen Lehrer hochleben. Tann folgte nach freunblidjem Willkommensgruß des Bürgermeisters Fenbt, der im Namen ber Stabt sprach, Rede auf Rede, auf bte ehemaligen Direktoren unb bie ehemaligen Lehrer, Justizrat M i ck e l - Grünberg sprach den Tank ber Gäste aus, es sprach ferner Pfarrer Buttron- Sickenhofen, Oberinspektor Weimer- Frankfurt, Rechtsanwalt Kaufmann-Gießen, Rechtsanwalt M e n g e l - Schotten, und als Professor Bender-Frankfurt, ber so häufig die Sektion Frankfurt des Vogelsberger Höhew-Klub^ nach Bübingens allen Mauern führt, bas Präsidium übernahm, um es in ftischer und flotter Weise zu führen, ba gingen bie Wogen ocr Begeisterung gar hoch. Ein Semesterreiben zeigte, daß auch ehemalige .Schüler aus den 50er Jahren unter den Festgästen waren. = Wü>
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