M. Jahrgang
viettes Blatt
Nr. 66
Erscheint Qgllch nrft d«S Sonntag.
Var Wetter vor Serlcht.
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GcrichtKsaal.
X Hanau, 16. März. Vor der Strafkammer hatten sich heute der ISjnhrigc Ludwig Schucke und der 1 jährige Lehrling
Gustav Vfannkllch ou:. (ticlnbauicit zu verantworten, die biircb
das Lesen schlechter Schrsilcn nid den Gedanken gekommen waren.
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Während Pie Wissenschaft der gericknlichcn Mckizin in unserer Rechtsprechung seil langem eine bedeutende Rolle entnimmt, wird die Wichtigkeit der gerichtlichen Meteorologie erst m
Test von den Juristen mehr und mehr beachtet. Der Meteorologe Professor E. Äaßner erörtert nun m einem fluffafc der Deutschnt Revue an einer Fatllc von Beispielen den nickst selten ausschlaggebenden Anteil, der dem Wetter und seiner »vissenschastlichen Beobachtung bei der Entscheidung der Gerichte tufonnnt T-er ersahrene Meteorologe kann als Sackwcrsmndiger über so manef* Tinge crafte s)lusstmft geben, die dem Ririster •ur einen gereck ten Urteilsspruch bestimmte Anhaltspunkte bieten. vn bei einer solchen meteorologischcil Auskunft mannigfache Momente zu benidim.-tigen sind und nicht selten die Deobaästungs- remUate verschiedener meteorologischer Stationen kombiniert wer- brt müssen, so werden sich die Gerichte in Norddcutschland am beitai an das Preußische Mctcorologisckie Institut wenden, wo alle« Beobackitungsmaterial zusammeiftommt und wo erfahrene .yachleute die Auskunft erteilen; für Süddeutschland sind die meteorologischen Zentralstationen in Münclien, Stuttgart, starls- ruhe und Straßburg i. E., fiir Sachsen die LandeSwetterwarte in Tresden zuständig. Bei der außerordentlichen Veränderlichleit oeS Wetters an den verschiedenen Orten bedarf eS langjälwigev gründlicher Kenntnisse, um aus den Beobachtungen mehrerer Sta- t innen auf das Wetter dazwischen liegender Orte sichere Schlüsse ;n ziehen. Wie wichtig unter Umständen der Spruch des gericht ' sichen Meteorologen in Fragen krimineller Art sein kann, beweist B. ein Fall, bei dem ein Assessor auf Grund der ^Auslagen tuter alten F-rau, die ihn früh um drei Uhr im Spätherbst qeichen haben wollte, eines Raudansalls beschuldigt wurde. Leute bürgerliche Ehre und ganze Karriere, standen auf dem Spiel, aber er tonnte kein genügendes Entlastungsmaterial beibringen, o,s er auf den Gedanken kam, das meteorologische Institut um Auskunft über die Helligkeitsverh-ältnisse in jener Nacht am Tat- prt zu bitten. Sokte tzelligkeftsprobleme, die nach beit Beobachtungen über Bewölkung, Nebel und Regen, über die normale Tauer der Dämmerung und das Studium der Wetterkarte sich häufig nur durch umfangreiche Uutcrfudmngen und Berechnungen lösen lassen, sind schwer rickstig zu beantworten. Doch konnte h diesem Falle einwandssrn festgestellt werden, daß die alte tyrau unmöglich in der fraglichen Morgenstunde einen, Menschen nom Fenster aus hätte erkennen können, und der Assestvr wurde steigeivrochen. Ein anderes B-stiviel, in dem die Meteorologie Licht in eine mnstcriöse Strmsache bringen konnte, war eine Anklage auf Brandstiftung. An einem sck-önen Sommertage brach in einem Zimmer Feuer aus, und nur der Mieter tonnte der Xäter jein; rr wäre audi verurteilt worden, wenn man^ntcht schließlich auf den Gedanken gekommen wäre, daß die Sonne eine mit Wasser gefüllte Karaffe beschienen GäUe und daß btcic ckarasfe wie eine Brenn kugel die Wärmesttahlen der öonnc ge- fammelt, gerade auf der Tischdecke konzentriert und sie in Brand gesteckt haben könnte. Da durch meteorologische Auskunft test- geteilt werden Tonnte, daß zu der fraglichen Zett tatsächlich btc -jnnc geschienen hatte und die Entsiehungsursache durck>aus rm Bereich der Möglichkeft lag, wurde die Anklage aufgehoben. Daß bc, picgen Brandstifter sein kann, zeigte sich, so uitglaub- .ick» es auch Hingt, zu Anfang Februar 1910 tu Rixdori. Jiort
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löschte sich mit Tüchern bedeckter ungelöichter Kalk, der in einem Liolzschlag lag, durch Regen selbst und wurde habet w Herst, daß Tücher und Holz in Brand gerieten. Wurden hier Umchuldige vom Verdacht der Hrandstifttmg gereinigt, ,o kann anderericil^ durch Wetterbeobachtungen das Vorhanden,ein von Brandinftung icftgeftellt werden. Tics war bei einer Reihe von Branden der Fall, die in der nördlichen Provin; Bolen vortamcn ^n den betreffenden Torf cm hatte es aus irgend einer Unache gebrannt, und sedesmal schlugen, angeliltd: durch dlugfeucr, auch aus dem Dach« eines gulverjichcrten Nachbar^uscs die flammen. Tie Vermutung, daß die Häuser nur ,zur Erlangung der Ber- sichernngssumme angezündet worden icnen, wurde durch den melevroloaischen Sachverständigen bestätigt, der nachwei,cn konnte, daß bei her Detridtnben Windrick'ttmg das Flugicuer gerade nach) der enlgegcngese! ,.n Richtung hätte fliegen müssen. Die Feststellung her Windrichtung und der Windstärke ilt auch wichtig bei Prozessen, die Windmüller bei der Akftcgung von pslanzungen auf "Nachbargrundstncken wegen Abfangen des Windes anstrengen. Tie gerichtliche Meteorologie hat ndj sodann mit der Frage zu bcid'ältigen, wie daS Wetter auf den Men,chen wirkt Bei trübem Wetter, das die Menschen ersahrunasgemast traurig und reizbar macht, werden Selbstmorde und Streitigkeiten häufiger Vorkommen als bei schönem: auch die höhere Temperatur im Sommer erregt den Menschen und retzt ihn leicht zu «eroahtätigteitm. Unter den etraTfadxn, ,bei denen tic Temperatur chic Rolle spielt, kommen am baungften die Anklagen wegen Feilhalleiis verdorbener Waren, namentlich bei Fleisch und wegen Unfall durch Glätte vor. 3n beiden Fallen wird die Meteorologie auf Grund ihrer Beobachtungstabellen die richtige Ausrunft erteilen iönnen. Neben dem Verderben von Nahmngnntteln, für das die Witterung so häufig verantwortlich gemacht wird, kann and) die Nahrungsmittelsalimung die Meteorologie beschäftigen. So behauptete ein Ntilch>l)äudler in entern Vorort Berlins, in dessen Milch mehr als 10o/° Wasserzusatz gefunden wurde, es sei bei starkem Regen Wasser tn die undichten Milchiässer gelauseii. Tie Uiiwahrheit dieser Angabe konnte dadurch bewiesen werden, daß die Rcyenhöhe au den betrcTienbm Tagen festgestellt wurde. Wäre wirklich Wasier in die innen 40 bi? 50 Zentimeter hoben Fässer gelaufen, bann hatte die Rcgcnhöhc 40 bis 50 Millimeter betragen müssen: tatiachlich ergab sie aber nur 0,5 Millimeter Wasser und das hätte den Wassergehalt der Milch höchstens um ’/to0/« erhöhen können. Selbst : n Familienangelegenheiten mischt sich die Meteorologie, io bet i einem Ehescheidungsprozeß, bei dem die Frau eines Kaufmanns : behauptete, an bestimmten Tagen jedes Monats, an denen ihr f Mann nach seiner Filiale reifte, ihr Kind im ossenen Mtnbcr* ■ wagen spazieren gefahren, nicht aber ihren Liebhaber besuchst : zu haben. Ter Marin konnte jedoch eine meteorologische Auskunft vorweiicn, laut deren an den betreffenden Tagen stets Regenwetter gewesen war — und die Frau wurde für den schuldigen Teil erklärt.
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