Ausgabe 
21.9.1911 Zweites Blatt
 
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Nr. 222

Zweiter Blatt W. Jahrgang

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wöchentlich. Tieran-»lrtschastliche> Leit« r w

fragen erscheinen monatlich zweimal. General-Anzeiger für Oberhejsen

Donnerstag, 2\. September 19U

Rotartcnfbrucf und Verlag der Vrübliche» Unu>erf:!äta - Such- und Cteinbnirfertl flt Gange, Ließen.

Rebdhtan. Expedition und Truckerei: Schu!« ftratze 7. Exve-ltion und Verlag: e^)5L Rebahu?n.e^lll Tel.-Lldr^ dlnzelgerLießen.

von Aiderlen-wächter und dambon.

Die französischen /Jlmtal.v' erzählen von den beiden Unterhändlern einige intime Züge, bie wir wtedergcben wollen, obgleich sicker viel darin geflunkert ist. Ter deutsche Staatssekretär wird als derbeBulldogge" vorgcführt, wäh­rend natürlich Cambon bad Muster eine- feinen und fin­digen diplomatischen Iwpses ist. Immerhin interessieren besonders die Bemerkungen über den Berliner Gesandten, da wir eS mit Cambon offenbar wirklich mit einem sehr geschickten Unterhändler zu tun haben, der das volle Ver- trauen seiner Landsleute besitzt. Die Schilderung Ktderlcns darf wohl nicht ernst genommen werden; man mag sich über sie erheitern imb hinter bic vorgebrachten Anekdoten ein Fragezeichen machen.

Tie kleine Randzeichnung, bie sie unserem Minister des Auswärtigen widmen, überschreiben dieAnnalcs"Tie Bulldogge der Wilhelmstraße" und meinen dann, Äiderlen wolle augenscheinlich die großen Stiefel Bismarcks an- ziehen.Ter Kaiser, der ihn wegen seiner Ungcbunden- heit im Reden und Benehmen nicht liebte, und thn lange Zeit auf einem Posten zweiter Klasse in Budapest festhiclt, nahm schließlich doch seine Tienstc in Anspruch. Er be- traute ihn zunächst mit der Geschäftsführung der deutschen Gesandtschaft in Konstantinopel, als der Baron Marschall, der berühmteste Diplomat Teulschlands, seinen Abschied nahm. Tantals machte die Bulldogge des Herrn von Kidcrlen-Wächter, von der er sich nie trennt, und die auch eine Erinnerung an den eisernen Kanzler wachrufen kann, von sich reden. Eines Tages besuchte Herr von Kiderlen feinen österreichisch-ungarischen Kollegen, den Grafen von Pallavicini. Im Vorzimmer traf er einen Freund, der ihn einige Augenblicke zurückhielt. llntcrbcficn war bie Bulldogge bei bem Gesandten eingetreten. Tiefer, fast blind und ein ivenig taub, hörte ein Geräusch auf dem Teppich, und glaubte, der Vertreter Teutschlands sei im Zimmer.Nun, guten Tag, mein teurer Ki- d c r l e n", rief er,haben Sie gute Rachrichten aus Berlin?" Sehr erstaunt, keine Antwort zu bekommen, wiederholte er seine Frage. In diesem Moment trat der wirkliche Kiderlcn herein. Er lachte laut bei dem Gedanken, daß man seinen Hund für ihn gehalten hatte, und meinte dann: llcdrigens wäre meine Bulldogge ein ausgezeichneter Ge­sandter, besonders in .Konstantinopel, wo es sich noch mehr ums Beißen als ums Bellen handelt."

Als er zum M i n i st e r ernannt wurde und sich dem Kaiser, der sich damals in Kiel auf seiner Jacht Hohenzollern befand, vorstellen sollte, ließ er anfragen, ob er in Begleitung seines Hundes an Bord toinmcn konnte. Es mürbe mir sehr schwer to c r b c « , mich von ihm zu trennen", sagte er. Ter Kaiser, der Erigiitale durchaus nicht ungern hat, amüsierte sich über diese Bitte und erlaubte ihm, den Hund mitzubringen.

Ein rechtes Gegenbild ist die Silhouette, die von bem französischen Botschafter gezeichnet wird: Der Schlenderschrttt, das schlaue Auge, bie zerstreute Miene von InleS Cambon sind legendarisch. Dieser Mann, der so träge anssieht, ist ein geborener Unterhändler. Er ver­mittelt in seiner Art, gleichsam im Promenieren, wie wenn er an etwas ganz anderes dächte. Er ruft Angebote her­vor. ohne sie selbst zu formulieren; er hüllt ]ie in ver­bindliche Vorschläge, die in bem anderen den Wunsch er­regen, bic Unterhaltung fortzuführen. Selbst ber grooc unb schwierige Kiderlen-Wächter kann seinem Charme kaum wiberstehen. Jules Cambon wird halb 66 Jahre fein; er trägt sie mit einer nonchalanten Heiterkeit auch im grauen und spärlichen Haar. SeineFavoris ä la Russe" um­rahmen mit einer gewissen Raa-läfsigteit den Schnurrbart. Cs ist der klassisch diplomatische Schnitt ber Barttracht, aber mit einem eleganten Sich-gehen-lassen, das in Wirk- Uchkeit nichts mit ber symmetrischen oorm gemein hat, bereit majestätische Repräsentanten ber Graf Goluchoswti, Ncllidoff unb Pressenss waren. Cambons Favoris gehen auf Abenteuer aus; sie find delveglich unb passen sich der Gelegenheit an. Lein Lorgnon beherrscht sic, die schlaue Schärfe bes Blicks dämpfend. Wenn er Geschichten erzählt unb wie kann er erzählen, bann belebt sich all das burch ein leises Erzittern. Ter Erzähler scheint uo) min­destens ebenso zu amüsieren, wie ber Zuhörer. Als Jules Cambon nach Berlin kam, hatten bie Teulfchen vor ihm Angst. Sic sagten:Tas ist ber Bruder von Baut, dem Londoner Cambon. Ter wird bei uns Politik auf englische Art treiben, wie ein alter Fuchs." Ter alte Fuchs ließ die Leute reden. Er plauderte. Er promenierte. Er sprach mit dem Kaiser von Tavissenen. Er bereicherte den Gc- schichtenschatz des Kanzlers um einige unbekannte Anekdoten Über Gambetla. Er erzählte Herrn von Schoen, baß man ihn in Paris liebe. Er bcbiente Herrn von Kckcrlen-Wäckter mit etwas derberen Geschichten und lobte seine grüne Weste. Kurz, er hätte für jeden ein gefälliges Wort, und jeder wußte ihm dafür Tunk. Tas kommt daher, daß Jules Cambon feit 40 Icchren Menschen aller Arr gesehen hat, und daß feine Hilfsquellen unbegrenzt sind. Er hat wie jedermann in einem Ministerkabinett angefangen. Er hat in ber Präfektur gearbeitet unb im Sicherheitsdienst. Er hat den Norden, bas 9U)önegebiet und Algier verwaltet. Er hat Roosevelt erobert, ohne Sport zu treiben, waS in feiner Art ein Triumph ist. Er bat Alfons XIII. groß werden sehen, unb beim Friedensschluß zwischen Spanien unb ben Bereinigten Staaten vermittelt. Er will, wenn er eine Frage verhandelt, daß man ihn dabei in Ruhe läßt. Wenn ihn ein Zeitungsartikel geniert, so beschwert er sich in schärfster Form über den Verfasser. Tie heftigen Polemiken desTemps" haben ihn manchmal außer sich gebracht, aber bann, zwei Tage später, murmelte er:Tie Wirkung ist gar nickt schlecht." Er bedient sich aller Um­stände, um zum Ziele zu kommen, selbst der Leute, die nicht so denken wie er. Er versteht es übrigens meister­haft, ben Zusammenhang zu bewahren. TerNordexvreßzug hat feinen häufigeren Gast als ihn. Wenn man ihn in Berlin glaubt, ist er in ber Rue THubignn, ganz oben am Boulevard Mals herbes. Wenn man ihn eben in ber 'Jüte Taubigny gesehen, ist er schon wieder nach v.in ab gefahren. In ganzen: ein Gesandter .. .... , -ig.

ideenreich, hartnäckig, der beweist, waS man auf dem schwie­rigsten Posten erreichen kann, wenn man nicht glaubt, daß schon alles erreicht ist. Mit seiner Geschmcidigkeit und seiner Nonchalance tvciß er Widerstände zu benutzen und Vertrauen zu gewinnen. Man kann ihn nicht sehen ohne den Wunsch, sich mit ihm zu verfunagen. Es gibt Ge- artigem Wert ist. Dir leben in einem b rf?r Augenblicke." Eine amtliche deutsche Notiz über die angeblichen Rüstungen Belgien?.

TieNord.c- . c hligci. i.. .,.t.....j , jt: Tie

durch die Blätter gegangenen Gerüchte über einseitige mili­tärische Vorkehrungen Belgien- stellen sich alS unbegründet heraus. ES ist richtig, bay die belgische Heeresverwaltung Anordnungen im Fepungswesen ge.ioifen hat, es handelt sich aber nur um Maßregeln, wie sie in ber Verwaltung der Festungen regelmäßig wieberkehreii. Auch ist wegen ber Echwäcke deS militarrschen Kadres in gewissen Füllen eine Zurückhaltung von Mannschaften verfügt worden. Tiefe Anordnungen wurden aber, wie hier amtlich zur Kenntnis gelangt ist, in gleichmäßiger Weise für ahe belgischen Grenzgebiete ins Werk gefeut. Als unrichtig wird auch bie Behauptung erklärt, baß die Gesandten Belaiens in Berlin unb Paris ungünstige Berichte über die politische Lage an ihre Regierung gesandt haben sollen. Soweit dies in ben Meldungen aus Paris behauptet wurde, scheinen Börsenmanöver im Spiel gewesen zu fein. Tie Unterredung, die der belgische Premier­minister vor einiger Zeit mit Caillaux in Paris hatte, bezog fich nadj zuverlässiger Mitteilung aus Brüssel ausschließlich auf handelspolitische Gegenstände.

Es gehört aber viel Gutgläubigkeit dazu, diesen letzten Satz ganz ernst zu nehmen. Unser auswärtiges Amt scheint über sehr viel Gutgläubigkeit zu verfügen.

Abtretung spanischer Gebiete an Teutschland.

Bon einem Berliner Mitarbeiter erhalten wir folgende Mitteilungen:

Tie Abtretung spanischen Besitzes kommt vorläufig nid)t in Frage, doch wird angenommen, daß Teutschland und Sva- n i e n hierüber direkte Verhandlungen führen werden und daß Spanien seine Kongogebietc und Fernando P o Abtritt, wenn ihn gewisse Freiheiten von Frankreich und Teutschland in Marokko zugenanden werden. Tie Verhandlungen werden erst in der zweiten halste des Oktobers abgeschtos'cn werden, so daß die Staatsverträge dem Reichstage ziemlich spät zngehcn dürften. Ebe die Verträge nicht unterzeichnet find, wird bic Regierung Anfragen über die marokkanische Frage im Reichstage nicht beantworten

Tie von Berliner Blättern gebrachteii Nachrichten über eine angebliche Besprechung von Mitgliedern ber Hoch­finanz mit bem Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Zimmermann sind unzutreffend. Eine solche Be­sprechung hat nicht ftattgefunben, sondern es ist, wie wir hören, lediglich auf Anfrage bie Mitteilung gemacht worden, daß für eine von den Herren angekündigte Erregung der Börse ber Stanb Der Marotto-Frage keinerlei Anlaß biete, namentlich nicht zu einer Börscnpamk. Tic Berhandlun gen seien auf gutem Wege unb es dürfe binnen kurzem eine befriedigende Lösung erwartet werden.

Versammlungsverbot in Frankreich.

Paris, 20. Sept. Ministerpräsident Caillaux hat jede Straßcnkundgcbung gelegentlich der am nächsten Sonntag gegen den Krieg und gegen die Lebensmittelteu­erung stattfindenden P r o t e p v e r f a m m l u n g e n unter­sagt.

Wenn in Berlin Beihmann-Hollweg so etwas verfügen roütbc, so würden die Sozialdemokraten sicher ein gewaltiges Geschrei erheben. Ter Berliner Tageblatt märe jetzt in der Lage, einen Vergleich der b^utsä-en Freiheiten mit den französischen anzu­stellen.

Französische Kämpfe.

F e z, 20. Sept. General T a l b i e z zerstreute im Süden die aufrührerischen Aitjusst und verfolgte sie bis zur Kasbah Masdun, die er zerstörte. Der Führer der Äufstänbifchen, Sidi Hassan, ist gefallen. Auf französischer Seite wurden zwei senegalesische Schützen und zwei Marokkaner ver­wundet. Dalbiez ist nach Sesru zuruckgekehrt.

politische Tagesschau.

Zur Reichstag-ersatzwahl in Tüffeldorf.

Tie Stichwahl im Rcicketagswahllretsc Düssel­dorf findet Freuag ben 29. September statt.

lieber die Stellungnahme der Liberalen, von der der Ausfall ber Stichwahl abhängen bürste, verlautet nock nichts. Tie sozialbemokratische Partei will angeblich dar- Ergebnis ber vorgestrigen Wahl beanstanden, weil auf dem demokratischen Stimmzettel der Wohnort des Kandidaten Tr. Breitscheid nicht angegeben war. Ein solcher Protest dürfte indes, wenn er erfolgen sollte, kaum Aussicht auf Erfolg haben, da auf bem Stimmzettel auch ohne Wobnungs- angabe Die .Persönlichkeit des Gewählten unzweifelhaft zu erkennen war. Würben bte demokratischen Stimmen in Wegfall kommen, so wäre der fozialbemokratifche Kandidat bereite- im ersten Wahlgang gewählt worben.

TerVorwärts" traut, wie iein letzter Artikel über die Düsseldorfer Wahl zeigt, den Nationalliberalen nicht. Er gibt zu, daß das Ergebnis der Stichwahl von der Stellungnahme ber Nationalliberalen abhangt unb fährt spöttisch fort:

T ie Haltung der Nationalliberalcn tu ab int wesentlichen von den Sckacker-Mackeien abhängen, bie sicherlich in der Zwischen- SCit zwischen Hanoi- unb Sn.tnoaht zw.

unb Zentrum gechlogen werben. BekaTinUich haben die Tüssel- dorscr Natwnalliberalen im Grunde nur deshalb Wahleuthaltung proklamiert, um das Zentrum in Jcheinlanb-Westialen bat Dingungen geneigter zu machen, btt von den Nationalliberalen an ein allgemeines natu>nall.beraic--mttamontanes Wahlbündnis geknüpft werden. *

Regierung und Sozialdemokratie.

TerVorwärts" veroffenttickt folgende Bemerkungen, die von der Regicruug hvifentttch nicht unwidersprochen bleiben:

Nachdem vor kurzem die preußische Regierung eine Umfrage bet sämtlichen Regierungen rcranlaßi hat, ob man mit ausnahmea-' .. la-cn ob-. v-rfchari:en ftrafaeiV^llchen

Veslimmungen gegen bic Scz.albcmokralie i.rgchen solle, greifen jetzt unlergeordncle Crganc bereit» zu anderen, reibt gewagten

So wurde dem Geiwfieu Bebel ein längeres Telegramm, daS der Sekretär deS Internationalen Bureau», Genosse L»uvs- mans, Momag, ben 11. September, nach Jena gesandt batte, nicht au »geliefert. Nach einem mehrfachen Meinungs­austausch per Telegramm und Brief »wischen i?unsmanS und Bebel erfuhr t-cr letztere endlich am Sam-tag nachmittag, kurz vor keiner Abreise von Jena, baß bic bclgiidK Post dein Genossen vunoman» gemeldet hat, die beutidK Post batte daS Telegramm konsiSziett, ohne der belgischen Post von dieser Kvnfiesatwn Mitteilung zu machen. Genosse Bebel hat sich nunmehr an bav kaiserliche Tclegrapbeuamt in Jena gewandt unb die Au.lieferung der Te^ pesche verlangt Zugleich verlangte er zu wissen, wer den Befehl zur Zurückhaltung des Telegramms gegeben Habe und ivelcbe Gründe für die Konfiskation maßgebend geivesen seien. Genosse Bebel beabsichtigt, die Angelegenheit nn Reichstage zur Sprache zu bringen.

Aber es fino >wch weitere Merkmale von übeigroßer Nervo­sität vorhanden. Als die <'> e n o f f c n Bebel und Di e v Samstag ilachmittag nach 5 Uhr gemeinsam von Jena nach Snd- dentschlaiib abreifen wollten und einige Zeit vor Abgang des Zuges in ber Nähe des Bahnhofes aus- unb abgingen, bemerkten sie, daß sie g e h e i m v o l i) e i l i ch ü b e r w a ck t wurden. Ge­nosse Tietz blieb in ferner veimat Stuttgart; Genosse Bebel setzte am nächsten Vormittag die Reife nach dem Bodensee unb der Schwei; fort. Bei dieser Gelegenheit ennedte er, daß bic geheim- polnnlichc Ucberroachiüig sonbanerte und zwar wurde diese zum Teil auf eine Weise bewerkstelligt, bie für Bebel nicht den Reiz ber Neuheit entbehrte. Genosse Bebel schreibt uns dar­über:Ich bin während der Tauer des Sozialistengesetzes wohl der am meisten geheim polizeilich verfolgte Genosse in Teutschland gewesen und habe dabei über bie Methoden dieser liebe, wachung sehr reiche Erfahrungen gemacht. Neu aber war mir, tote mau am Sonntag nachmittag von Friedrichshafen und Romanshorn aus alko auf Schweizer Boden mit Hilfe des Bahn- und Schiffspcrionals das Ziel meiner Reife zu erfahren suchte. Die Methode war amüsant, blieb mir aber keinen 'Jutgcnblid verborgen. Hätte man mich in Jena in höflicher Weife befragt, was das Ziel meiner Reife in, so wurde ich ber polizeilichen ober staatsanwall liehen Neugierbe bereitwillig cntgcgcngelommen fein, denn ich hatte nichts zu oeridnucigen ober zu verbergen. Es sollte mir leib icin, wenn bei ber jetzigen Finanznot in Reich unb Staat man sich meinetwegen noch in besondere Unkosten stürzte, um geheim- polizeilich Tinge zu erfahren, bic man weit billiger unb wahr­heitsgemäßer durch mich selbst erfahren könnte."

Aus bic Anfrage Bebels wegen des Telegramms wirb amtlich ja ernribert werben Wahrscheinlich klart sich bie Sache als ein Irrtum ans. Was bic geheimpolizeiliche Ueberwachung anlangt, so hoffen wir, bag Bebel sich aud) hier getäuscht hat. Es müßte Kopfschütteln erregen, wenn bie Regierung so unnütze unb gänzlich überflüssige Maß­nahmen anorbnen würbe.

Nach Stolppins Tode.

P e t et -? bürg, _ lätti rmelbung

aus Kiew würben gestern tracht einige Inben von Gestnbel überfallen und verletzt. Wetter berichten bie Zeitungen, daß bic Lbbuttion Stolypins ben Berveis der Blutvergiftung ergeben habe. Tie Kugel zerschmet­terte den oberen 2eil der siebenten Rippe uno durchbohrte bie Leber unb das Zwerchfell. Langs des Sck)ußkanals fand ein großer innerer Bluterguß statt. Tie Bauchfellentzün­dung war im Änfangsüodtum. Tie Todesursache bestand in der Verletzung der Leber.

TieNowote Wremja" teilt mit, der Schutzdienst in Kiew während der Festtage fei nicht bem Generalgouver- neur, sondern dem Polizetches Kurlow übertragen gewesen, obwohl bei Generalgouverneur um bie Uebertragung an- gesucht hatte. Huljabto unb zwei anbere Polizeiofsiziere Der fugten bann selbständig bie Zulassung Bagrows zum Theater, -ohne dem Poli^ciches davon Mitteilung zu er­statten.

Tie halbamtlicheRossija" sagt an leitender Stelle:

Nack ben Eindrücken des Entsetzens über bie Greueltat in Kiew ficht bie Gesellschaft notgedrungen vor der Frage: Was turn? Vor stuts Jahren war der Staat von bem gemeinsamen Andrangc geheimer Gewalten bedroht, denen der weniger etfennl» unfähige Teil ber Gesellschaft wlgtc. Seitdem ist nur kurze Zeit verstossen, doch ist die Zett anders geworden und durch bat Kampf mit dem Terror gestählt, unb der Staat hat neue Wege zu einer friedlichen Entwicklung gefunden. Wenn jetzt nach dem errungenen Siege bic politst'chcu <xnxilttaten sich ancuern, so stoßen sie auf ein für sie neues Element, nämlich auf bic einmütige Abwehr sämtlicher Gesellschaftsklassen.

Kiew, 2U icpt. -eie geplante Sammlung zur Er­richtung eines Stolypin-Denkma ls wurde nach EttCilung der Erlaubnis eröffnet. Tie Stadtduma be­schloß in einer Sonderittzung, Die Straße, in ber Stolypin narb, Stolypinstraße zu benennen, am Hofpttal eine Ge- bcnktafel anzubringen unb 1U00U Rubel für bas Tenttnal zu zeichnen. Ter naifer verlieh bem Kiewer Generalgou- rcrtieur Trcpow den Alexanorewsky-Lrden.

TieVoss. Ztg." meldet aus Petersburg: Ter Baler Bagrows wurde bei seiner Rückkehr aus dein Auslände an der Grenze verhaftet.

Der Prozeß der polizeiaffiftentin Krau vr. Sthapiro.

4 Main z, 20. Sept.

Zn her heutigen Verhandlung wirb zunächst bie Vernehm mung ber Frau Schapiro zu Enbe geführt. Sic bleibt baba, baß sie in allen Fällen besonderen Auftrag Halle. Sie habe den Mädchen niemals gedroht, daß sie zwangswase untersucht werben würben- Tie Zeugin bestreitet weiter, jemals in eine Wirtschaft als angebliche Kellnerin gekommen zu sein, um un­gestört Beobachtungen machen zu können. Ebenso bestreitet ite, sich im hiesigen Intimen Theater als Schauspielerin haben an* werben lassen. Richtig sei, daß sie mehrere Versolien, bie in Erziehungsanstallen untergebracht warben sollten, zunächst in Schutzhaft nahm und so lange dort beließ, bis für sie geeignete Unterkunft gefunden war. Tie Beziehungen zu Frl. v. -Lana rührten daher, daß diese schon vor der Zeugin Tätigkeit für das Voliznamt Main; tätig war. Ich habe ihr für ihre Tätig­keit nichts versprochen, nahm vielmehr an, daß bie Tarne von anderer Seite unterstützt werde.

Darauf wirb ber Oberbürgermeister von Mainz Tr. Gölte!mann als Zeuge vernommen unb befragt, ob es richtig fei, baß er auf bie Mitteilung in der Stadtverordneten- fttzung hin bem Angeklagten Hirsch teleohonren habe, er möchte ihn befucen. Ter Zeuge bestätigt das ur.ö b:kündet weiter: Herr sind) kam ;u mir und sprach über bie Frau Schapiro. Er faate, die Sache wäre wohl ganz anders gekommen, wenn