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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Neues Palais, 31. Mai.
(gez.) Wilhelm I. R.
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färben wiederzugeben. Diese Grenzen sind aber da, sie sind natürlich gegebene, und lassen sich nicht verwischen Tie „Bürg- schäft", die nach derselben Notiz dem Namen Trautmann, den ich sehr, sehr hochachte und für dessen Träger ich eine warme Verehrung hege, auferlegt worden war, konnte er nicht erfüllen; ein Flügel kann ein £rdjefter nicht crfei en, alle Verhältnisse verschieben sich, an die stelle der Orgel tritt das als Lausinslrumenr allenfalls erträgliche Harmonium uff. uff. Und nun gar ein Orchester, wie es Ferrari sich gedacht, das schon durch verschiedene Besetzung, bald voll, bald nur Streichinstrumente, bald Harfe, Soloviolinc, dazu das Klavier mit seiner vom Orchester sich abhebenden Klangfarbe, verschiedene Stimmungen erwecken und schildern will! Wenn man in einer Kleinstadt mit musikalischem Leben sich den Eindruck von Oratorien und anderen Chorwerken auch verschaffen will und mangels der nötigen Mittel sich mit einer Klavierbegleitung begnügt, wird niemand etwas dagegen einwenden wollen: man roeiß dann von vornherein, daß es ein Notbehelf und besser wie garnichts ist. In Eietzen mit leinen guten künnlerisch erstklassigen Monierten will cs mir — ich spreche es offen aus — als ein gewiß gutgemeinter aber darum nicht weniger abzulehnender Fehler erscheinen, als ein Vergessen eines künstlerischen Grundprinzip?, der Stilreinheit und Einheitlichkeit. Man wird mir cmwenden, für ein Orchester sei fein Gelt) mehr dagewescn: gut, dann hätte man ja warten können mit dem Werk bis zum näct'sten Jahre uno dem Chore sein Recht zukommen lassen können durch Aufführung solcher Chorwerke, die fein Orchester verlangen. Tiefe gruirdsäy- lichen Ausführungen vorausgescbiclt, kann voll anerkannt werden, das; die Begleiter des Chors, Prof. Traulmann, Assessor Ilmenau und Lrganilt Görlach, vortreffliche Meinungen boten und das; cs nicht an ihnen lag, wenn trotzdem ein voller Erfolg ausbleiben mußte. Namentlich Prof. Trautmann hat mit der Einstudierung und Leitung des Chors — beim Knabenchor durch Äerrn Leop. Geller unterstützt — und der Flügelbegleitung eine außerordentlich große Aufgabe durchgeführt uno in zahlreichen Einzelheiten wieder seine Meisterschaft als feinsinniger Pianist bewiesen. So war der stürmische Jubel, mit dem zum Schlüsse Publikum und Chor ihm dankten und die schöne Blumenspenüe, die ihm überreicht wurde, eine wohlverdiente Auszeichnung und der Ausdruck der allgemeinen Tankbarkeit.
Tas Konzert wurde eröffnet durch ein kleineres Chorwerk von Liszt, „zur Vorfeier seines 100. Geburtstags" <was al io wohl noch eine „Feier" im nächtzen Jahre erwarten läßt • T i e Glocken des Straßburger Münsters. Tas nicht sehr melodiöse und ein wenig monotone Werk, das erst gegen den Schluß hin mit dem Bekenntnis des Lucifer „Ueberwundeu" und dem Schlußchor eindringlichere Tone findet, wurde von benr Chor und Herrn Stephani als Solisten flott und klangvoll wieder gegeben. Namentlich Der Männerchor fand (als; hie Glocken) l
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Ein Jubiläum Oes Generaldirektors Banin.
Hamburg, 1. Juni. Anläßlich des Jubiläums des Generaldirektors Vallin sind diesem zahlreiche Ehrungen zuteil geworden. U. a. beschloß der Senat, in Anerkennung
(Ein Handschreiben des Kaisers an den Reichskanzler.
Tie „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" teilt mit: Ter Kaiser und König richtete an den Reichskanzler das nachstehende Allerhöchste Handschreiben:
„Mein lieber von Bethmann-Hollweg! Mit Befriedigung habe ich aus Ihrer Meldung ersehen, daß nach dem glücklichen Zustandekommen des Gesetzes über die Verfassung von El saß- Lothringen nun auch die Vorlage der Reichs- vcrsicherungsordnung die Zustimmung des Reichstages gefunden hat. Wenn es gelungen ist, diese beiden bedeutungsvollen Gesetzc-swerke nach einer langwierigen Verhandlung und nach Ueberwindung mannigfacher Schwierigkeiten in einer den' Interessen des Reiches entsprechenden Weise zum Abschluß zu bringen, so ist dieses erfreuliche Ergebnis nicht zum mindesten Ihrem persönlichen Eingreifen, Ihrer staatsmännischen Kunst und zielbewußten Arbeit zu verdanken. Ich kann es mir daher nicht versagen. Ihnen zu diesem Erfolge meinen wärmsten Glückwunsch und meinen kaiserlichen Dank auszusprechen. Um aber meine Anerkennung und meinem Wohlwollen noch besonderen Ausdruck zu geben, habe ich Ihnen beifolgendes Bildnis verliehen. Bei dessen Anblick seien Sie allezeit eingedenk der herzlichen Tankbarkeit Ihres wohlgeneigten
Ter Kaiser hat, wie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" weiter mitteilt, dem Staatsseiretär des Innern Tr. Delbrück das Großkreuz des Roten Adlerordens mit Brillanten, dem Direktor im Neichsamt des Innern Caspar den Wilhelm-Orden und dem Tirektor im Reichsamt des Innern Tr. Lewald den Stern zum Königlichen Kronenorden zweiter Klasse verliehen.
Berlin, 1. Juni. Ter Kaiser besuchte heute nachmittag den Reichskanzler. Abends fand im Schlosse Paradediner statt.
Giefzener Koitjcrf verein,
Gießen, 1. Juni 1911.
Zweiter Chorabend.
Schon einmal in dem jetzt abgeschlossenen Konzcrtwintcr konnte auf die über die Jahrhunderte hinaus befruchtende Einwirkung Ioh. Seb. Bachs auf ba-5 Schaffen zeitgenössischer Komponisten, und wahrlich nicht der schlechtesten, hingewicsen werden; Mar Reger war es, dessen Kunst wesentlichster Teil auf die kurze Formel gebracht werden konnte: Bachsche Wesensart in modernem Gc- wandc, in freier eigenster Neuschöpfung. Bei ErmannoWolf - Ferrari, dessen v i t a nuova int Mittelpunkte des gestrigen Konzertes stand, gesellt sich zum deutschen herben Grundton, dem Bekenntnis der Nachfolge Bachs, ein Tropfen italienischen Bluts, „vom Mütterchen die Frohnatur"; und eine eigenartig reizvolle Verbindung ergibt sich daraus; ungesuchte, leichtflüssig aucllcnde Melodik scheint bald in die strenge Formensprache Bachs cingegosfen au sein, bald ihre eherne Schönheit zu umranken und wie mit dusligen Blüten sie zu überrieseln. Tazu als Vorwurf Tantes vita nuova, ein so einzigartiges seltsames Werk, daß schon der Versuch, seine Art in Tönen nachzudichten, ein Bild auch vom MontDoniften gibt. Tas herbste und zugleich überschwenglichste, das unirdischstc, vergeistigste und doch in den blühendsten Farben schwelgende glulvolltzc Liebesgedicht der Weltliteratur, das aus dem kleinen Einzelschicksal, der Liebe des Knaben und Jünglings Tante zu Beatrice, aus seinem Sehnen und Klagen, aus ihrem frühen Tode und seiner Oual, als das Hohelied der Liebe über- hauvt ersteht, Erde und Himmel mit tausenden von Regenbogen verbindet und seinem Leiden unterwirft. „Es ist die Liebe, die mich reden heißt"; Liebe ist das Motiv, das jede Zeile der Tich- tung erfüllt, „das neue Leben" des Dichters, das mit ihr begann; und so klingt der Prolog der Wolf-Ferrarischen Tondichtung in die ergreifend komponierten Worte aus: „wir grüßen ihren Herrn, der heißt: die Liebe". Tic Form von Tantes Dichtung, die eine Kette von Gedichten, meist in Sonettenform, durch Prosasätze ver bindet, die sich in ihrer leidenschaftlichen Sprache auch wie Poesie anhören, ist im wesentlichen in der Vertonung beibehalten, unter 'willkürlichen Aenderungen und Kürzungen. Tic Sonette und 'Kauzonen, von Bartzton und Chor gesungen, werden durch bald einfache, bald melodramatische Rczitattonen und Orchesterzwischen- Wiele unterbrochen oder besser verbunden. Beatrice selbst (Sopran- iolo) wird nur im Prologe in einem wunderbaren Tnett, und zum Schlüsse als Stimme aus dem verklärten Jenseits eingeführt. In den Rezitativabschnitten mutet das Herbe der Sprache, wohl nicht nur jener über sechs Jahrhunderte zurückliegenden Zeit, sondern gerade Tantes, uns heute oft fremd, ja unschön an; der italienische Urteil mag diesen Eindruck mildern, die nicht immer glückliche Ueberfctjung hat ihn unnötig verstärit durch reichliche Verwendung
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„Sprich nicht vorn Herzen, das ist eitel. Ein lederner verschrumpster Beutel, Der steht dir besser zu Gesicht."
Ob dieser fiskalische Standpunkt, auch wenn er dem Reiche neun Millionen Mark erspart, nicht wirliich zu teuer erkauft ist. wird die Zukunft lehren. Tie RBO. ist unzweifelhaft cm Abschluß unserer sozialen Gesetzgebung. Umsomehr hätte bei dieser abschließenden Ncukodisiziernng unserer so-ialen Gesetzgebung auch diese unbestrittene Forderung der Fortführung sozialer Fürsorge berücksichtigt werden sollen. Konnte dies wegen des Unannehmbar der Regierung nicht geschehen,, so bietet der Antrag der Kom- vromißparteien die Möglichkeit der Neuregelung im Jahre 1915. Der Gedanke des Staatssekretärs Telbrück, den Beschluß des Reichs-
5iim Kampf um die Herabsetzung der Altersgrenze.
Dcr Reichstagsabg. Tr. S t r e s e m a n n stellt in der uationallibcralcn Korrespondenz Schlußbetracktungeu über die letzten Kämpfe bei dcr Erledigung der Rcichsversichc- rungsordnung an, denen wir znstimmen und die wir daher Wiedergaben wollen:
Ter deutsche Reichstag hat in der 3. Lesung der Reichsvcr- fichcrungsordnung die von sozialdemokratischer und sreisinniaer Seite gestellten Anträge auf Herabsetzung der Altersgrenze für den Bezug her Altersrente vom 70. auf das 65. Jahr abgelehnt und sich auf eine Bestimmung des EiiiführungSgefetzes geeinigt, wonach dem Reichstage im Jahre 1915 durch eine Vorlage von den verbündeten Regierungen erneut Gelegenheit gegeben wird, über die gesetzlichen Vorschriften über die Altersrente Beschluß zu fassen. Tamit ist ein Kampf zum Abschluß gebracht, der eine wichtige Episode innerhalb der Reichsversicherungsordnuitg bc^ deutete und auf den man deshalb noch einmal znrückkommen muß, weil die verbündeten Regierungen wohl selten in einem Moment der Gesetzgebung eine so unglückliche Hand gezeigt haben, als in dieser Frage.
Wenn man die Akten des Reichstages durchblättert, so findet man, daß fast alle bürgerlichen Parteien des Reichstages Anträge auf Herabsetzung dieser Altersgrenze als Initiativanträge cin^ gebracht haben. Von keiner Seite ist gerade im bürgerlichen Lager die sachliche Berechtigung dieser Forderung und ihr versöhnender Charakter bestritten worden, Ausführungen, wie diejenigen des Abg. Molkenbuhr auf dem sozialdemokratischen Parteitage in Jena vermögen den Eindruck nicht abzuschwächcn, daß gerade in den Kreisen der nationalen Arbeiter und Gehilfen diese Forderung als eine allgemeine aufgestellt wird. Gewiß gibt es wichtigere, tiefer einschneidende Forderungen dieser Stände, aber es war doch nur eine Verlegenheitsphrase des Abg. Becker-Arnsberg, wenn er diesen Satz aussprach; denn man kann anerkennen, daß wichtige Fragen der Erledigung noch harren, ohne deshalb eine minder wich.ige abzulehnen.
Tie nationalliberale Fraktion hat innerhalb der Plenarbc- ratung der 2. Lesung versucht, ein einstimmiges Votum des Reichstages über diese Frage herbeizusühren und dadurch auch den voraussichtlich zu erwartenden Widerstand der verbündeten Regierungen zu brechen. Leider ist dieser Versuch ohne praktischen Erfolg geblieben, da die übrigen Fraktionen der Kommissionsmehrheit nicht dazu zu bewegen waren, geschlossen für den Antrag zu stimmen. Infolgedessen glaubten die verbündeten Regierungen durch die Herren Wermuth und Delbrück ihr „unannehmbar" ausfprcchen zu können, nachdem vorher durch Herrn Delbrück Berechnungen über den finanziellen Effekt dieser Maßregel auf- gestellt wurden, die sich im weiteren Verlauf der Verhandlungen als ganz unhaltbar erwiesen. Bei der Bestimmtheit, mit der in verschiedenen Erklärungen die Absicht der Regierung kundgcgcbcn wurde, lieber auf die Erledigung der R.-V.-Ö. zu verzichten, als in dieser Frage nachzugeben, stand der Reichstag vor der Gc- wissensfragc, ob man, wenn man an das feste „Unannehmbar" der Regierung glaubte, um der Altersgrenze willen das ganze Gesetzeswerk scheitern lassen dürfe, und mit IGO gegen 146 Stimmen entschied sich der Reichstag in 2. Lesung für die Ablehnung der Anträge auf Herabsetzung.
Nach zwei Richtungen wurden in dcr 3. Lesung noch einmal die Versuche eingenommen, das Gesetz in dieser Beziehung zu verbessern. Tie Fortschrittliche Volkspartei wollte den Beginn der neuen Altersgrenze auf das Jahr 1917 verlegen, um dadurch dem Schatzseiretär Gelegenheit zu geben, sich mit der Ecatisierung auf den Mehrbedarf von 9 Millionen Mark für das Reich ein zurichten. Andererseits halten die Mehrheilsparteien die schon vorher erwähnte Bestimmung verabredet, wonach der Reichstag im Jahre 1915 darüber Beschluß fassen sollte, welche Altersgrenze zu gelten habe.
Erneut hat nun Herr Delbrück in der 3. Lesung für die
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von Ausdrücken, die manchmal fast an das verschrieene Amtsdeutsch erinnern, wie „der Betreffende", „der Besagte", „derjenige", „derselbe" usw.; aber doch vermögen sie den bezwingenden Eindruck gerade auch der Rezitativstellen nicht zu beeinträchtigen. Tas; dieser Eindruck so bezwingend war, daran darf auch ein gut Teil Verdienst in Anspruch nehmen die junge Künstlerin, Fräulein Ida <otrad aus Gießen, die diese schwierige, seelisch und körperlich an’trengenbc Partie mit warmherziger EmpUndung, in den melodramatischen Teilen mit prächtigem Stilgefühl und in sichtlichem musikalischem Miterleben durchführte, durch ein klangvolles Organ und eine vorzügliche Aussprache wirksam unterstützt. Es war eine Leistung, die über bloßen Dilettantismus weit hinausragtc. Tie Barlstonpartie hatte Herr S t e p h a n i - Tarmstadt, aus so mancher Oper und manchem Konzen hier schon hochgeschätzt, übernommen; sie gab ihm Gelegenheit, alle Vorzüge einer herrlichen Stimme und feiner künstlerischen Technik rote seiner vornehmen Vortragskunst zur Geltung zu bringen; vorzüglich verstand er, das Weichsehnsüchtige in der Stimmung der Sonette wiederzugcbcn. Frln. Geycrsbach, führte ihre kleine Sopranvartie, die für — namentlich in dem Prolog — ihre Stimme mit dem glockenreinen leichten Ton rote geschaffen ist, in schöner Form durch. Ter Chor des akademischen Gesangvereins war durch Zuziehung von Mitgliedern des Kron dauer scheu Quartetts und eines K inderchors aus Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums und der Töchterschule zu einem imposanten Tonkörper verstärkt roorden, der den ganzen Raum der Bühne ausfüllte und da, wo das Werk den vollen Chor verwendet, großartige klang- wirkungen erzielte; leider ging eine her schönsten Stellen tm Prolog, der in der Generalprobe die ganze Feinheit seines Aus- baus und seiner prächtigen Steigerung hatte erkennen lassen, durch Unstimmigkeiten im Chor verloren. Während im allgemeinen die Einzelchörc, so namentlich der Frauenchor und der Chor zu Beginn des ersten Teils („da sorießcn alle Felder", von schöner Wirkung waren, wurde hie und da der Eindruck durch eine gewisse Unsicherheit in den Einsätzen abgeschwächt; offenbar konnten die Sänger und Sängerinnen den in dcr Lrchcstervcrscnkung am Flügel begleitenden Tirigcnten nicht genug scheu und dcr Mlang der Instrumente drang, bet der für solche Ausführungen ja schon oft beklagten Akustik des Bühnenraums sehr wahrscheinlich, nicht zu ihnen durch. Erwies es sich schon hierdurch als ein zu schwieriges Unternehmen, das Werk ohne Orchester nur mit Klavierbegleitung zu geben, so bebaute ich dies noch vielmehr um der einheitlichen Wirkung des Werks selbst willen. Gerade die, Verstärkung des Chors machte um so ersichtlicher, daß eine Begleitung mit Flügel und Harmonium das Orchester nicht ersetzen konnte, trotz der Kunst Herrn T r aut- rn a u n s, die wirklich, wie es in einer Zeitungsnotiz gesagt war, bis an die Grenzen dcr Möglichkeit versuchte, „auch auf dem Flügel die verborgensten Schönheiten und die feinsten Orchester
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verbündeten Regierungen sein „unannehmbar" in schroffer Form ausgesprochen. Ter Reichstag stand deshalb wiederum vor der Frage, ob daS ganze Gesehwcrk scheitern solle. Ihrem Unmut über diese Haltung dcr Regierung bat ein großer Teil dcr national- liberalen Abgeordneten dadurch Ausdruck gegeben, daß sie sich der Stimmen enthielten. Viele begnügten sich mit dieser Stimmenthaltung ober auch der Zustimmung zu dem vorläufigen Ve- stchcnbleiben dcr Altersgrenze von 70 Jahren deshalb, weil sie in der Kommissionssassung die Gewähr sahen, baß dcr Reichstag in scincr nächsten Legislaturvcriodc bic Möglichkeit, man kann auch sagen, bic Gewißheit hätte, biescu Wunsch seiner sämtlichen Parteien bei ber zu erroartenben neuen Beschlußfassung zum Ausdruck zu bringen.
Unglücklicher und unbegreiflicher Weise glaubt sich ober Herr Staatssekretär Telbrück verpflichtet, noch einmal die innerliche Abneigung der verbündeten Regierungen gegenüber dem ganzen Vorgehen zum Ausdruck bringen zu müssen. Man hätte erwarten sollen, daß die Regierung nach dem Entgegenkommen, das ihr bic Parteien bewiesen hatten, nun wenigstens Gelegenheit nehmen würbe, unter.Anerkennung der sozialen Tenbenz dieses Antrages, auch ihre Zustimmung zu diesem Grundgedanken zu erklären und die Versicherung abzugeben, daß'sie sich bemühen würde, dahin zn wirken, daß diesem einmütigen Wunsche des Reichstages Folge gegeben werden könne. Statt dessen sprach zwar äußerlich der Staatssekretär des Rcichsamtcs des Innern, aber de facto sprach au5 Jeinem Munde der Schatzsekrctär Wermuth. Gewiß ist Spar- famfeit die Tugend eines Reichsschatzsekretärs, aber schließlich kann man doch nicht alle Fragen leb’giid) vom Portern onuaic- Intcresse des Staates aus betrachten. Gegenüber dem Milliardenetat des Reiches kamen diese 9 Millionen Mar? jährlich wirklich nicht derartig in Betracht, um im Stile des Staatssekretärs mit Grabesstimme, fortgesetzt auf die finanziellen Konsegucnzen hin- zuweisen. Tie nationallibcrale Partei ist stets cingetrcten für die Forderungen für Heer und Flotte und steht deshalb erhaben über den Verdacht, an diesen Ausgaben Kritik üben zu wollen; aber man kann dock' darüber nicht hinroegkommcn, daß man ohne Wim verzuckern 40 bis 50 Millionen Mark für ein moderne^ Schlachtschiff ausgibt und stets b'reit ist, bic finanziellen Konsc- giicnjcn auch für ben darüber steigenden jährlichen Bcbarf zu tragen, während man gerade diesen 9 Millionen Mark gegenüber bas „Unannehmbar" der Regierung in dieser Form aussprach. Wir jiitb stolz darauf, auf sozial politischem Gebiete anderen Länbcrn voraus zu sein; in Beziehung auf die Altersgrenze bleiben wir nach dem jetzigen Beschluß hinter den anher er. Kulturländern zurück. Niemand hat im ganzen Lande rechte Freude an ber R.-V.-O., und Ausgabe eines weitblickenben Staatsmannes wäre es gewesen, erträglichen Konsequenzen ruzustimmcn, bic in weitesten Kreisen als versöhnender sozialpolitischer Fortschritt angesehen worden wären. Als ich in ber 2. Lesung über diese Frage davon sprach, daß cs ber' naiionailiberafeit Fraktion mit der Erfüllung dieser Forderung Herzenssache sei, wurde ich seitens des Abg. v. Gamp und seitens des Organes des Zenlralvcrbanbcs der Industriellen herüber belehrt, das; man Politik nicht nach Herzeitsempfindungen machen dürfe. Tas mag in dieser Allgemeinheit zutreffend sein, ebenso zutreffend ist cs aber, daß man Sozialpolitik auch nicht nur von fiskalischen Gesichtspunkten heraus betrachten^darf. Man war bei der Vertretung dieses rein fiskalischen Standpunktes durch Telbrück dock, ;u sehr geneigt, an die bekannten Spl'inxworte aus dein „Fui^" zu denken:
tages so „authentisch zu interpretieren", baß er auf eine Deut- sckrist der verbündeten Regierungen himuislief, fand allgemeine, mit Recht erregte Mlchmmg. ES ist bas Verdienst Basserrnanns, festgestellt zu haben, baß bic Frage ber Herabsetzung der Altersgrenze im Jahre 1915 neu entschieden werden muß, und eS ist zu erwarten, daß der deutsche Reichstag alsdann bic Lücke schließen wird, bic jetzt noch geblieben ist.
Eine Ministererklärnng in ber württembergischen Kammer.
Stuttgart, 1. Juni. In dcr Zweiten K ainm c t erklärte der Minister P i s ch e k bei. der Beratung des Haushalts des Innern: Die O r q a n i s a t i o n der Kranken- k a s s e n, wie sie vom Reichstage gestaltet wurde, befriedigte die württe in bergische Regierung auch n i d) t. Tic Regierung fei davon ausgegangen, daß bic Bei träge von den'Arbeitgebern und Arbeitnehmern halbiert würden. Zu dieser Stellungnahme bestimmte sie die Er- wäaung, daß sich großes Mißtrauen in weiten Kreisen geltend gemacht, da die überwiegenden Zweidrittel Arbeiter- Vertreter im Vorstande ihre Macht nickt ganz sachgemäß angewandt hätten. Deshalb vertrat bic Regierung die Hälfteteilung. Auch hätte ber Minister es für wünschenswert gehalten, die A l t e r s g r e n z e v o n 70 a u f G5 Iahre herabzu setzen. Aber aus finanziellen Rücksichten sei dies unmöglich gewesen.
llr. 128 Erstes Blatt W. Jahrgang Zreitag, 2. Zuni M
D-r Siebener Anzeiger Ä f-s Bezug-vret»;
erscheint täglich, autzer ÄW ▼ JQk W V monatlich75Pi.viertel-
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