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13.5.1911 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Samstag, 15. Mai M

I6V Jahrgang

Nr. 112

Der Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Die heutige Nummer umfafot 20 Seiten.

politische Wochenschau.

Gießen, 13. Mai.

Bor drei Tagen konnten wir die Erinnerung an den vor 40 Jahren zu Frankfurt a M. geschlossenen Frieden begehen. Tn* neue deutsche Reich, ist groß und mächtig geworden. Tas Band der deutschen Einheit ist stark und haltbar geblieben all die Fahre hindurch, in denen die gesetzliche Organisation im Innern gefestigt und ausgebaut wurde. Ta gab es wohl heiße Kämpfe bei den sozialen Meinungsverschiedenheiten und mancher Dilturkrisis, wo cche sich auseinanderzusetzen hatten; aber un widerstehUch rang sich der Fortschritt hind«rch. In fried litt'cin Zusammenarbeiten wurde er errungen, wie auch der Friede nach außen hin durch ruhige Wachsamkeit und ge- sestigtcs Zusammenhalten bei guter, alter Wehr und Waffe uns erhalten blieb.Jüif weiter See gehen die Wogen höher als auf kleinem Binnenwasser, und so schwoll auch die Bereinigung aller Wünsche -und Bestrebungen deutscher Stamme manches Mal zu einem Orkane an Mer gute Seeleute bewal)ren ihre .Kaltblütigkeit und werden in ihrem Clemente doch heimisch bleiben. Maa die Volksseele mit­unterkochen", aber hinaus mit der Verdrossenheit, die sie vergiftet! Ter frühere Staatssekretär Graf Posadowsky hat vor zwei Tagen in einem Aufsatz über die elsaß-lothrinyi- idx: Verfassungsfragc wehmütig verallgemeinernd geschrie­ben, die Zeiten patriarchAischcn Zusammenlebens im neu- zeitlichen Staat, wo alle Interessen in ständiger Bewegung sich befänden, seien vorüber. Er hat Recht damit. Aber die 40 Jahre, auf die wir zurückblickten, waren ebenfalls r;ii Bewegung und Kämpfe, und tpir sind bodi jiidit müde geworden, der Ergebnisse uns zu freuen. Tic gestri­gen und vorgestrigen Schmeicheleien, die im Reichs­tag bei der Beratung über die Verwaltung der Krankenkassen zwischen rechts und links herüber und I müder flogen, soll man auch nicht so ernst und tragisch nehmen. Bor ein paar Tagen hat in derkölnischen Bolks- zciuing' cm biederer Zentrumsmann daran erinnert, daß es in den Iugendjahren des neuen Reiches noch ganz anders herging. Ruhigen Weitblick zu wahren gilt cs im unver­meidlichen und liotwendigen >i^inpfe;des Palastes schützende Götter", die man fürchtend zu verehren hat, find in diesen Fällen die Interessen des Reiches. Auch das Straßburger >iaiserwort an die Studenten 'st in diesem Sinne wieder eine zeitgemäße Mahnung gewesen.

Cin schöner nlang der Erinnerung klingt in solche Be­trachtungen aus Heidelberg hinein. Ter deutsche Kaufmann seine Stimme und berichtete, wie er vor 50 Fahren den Weg der deutschen Einigung beschritten habe, als in deutschen Landen der nationale Gedanke wieder erwachte. Tie Iubiläumstagung des deutschen Handelstages in Heidel­berg wird überall freudige Teilnahme erwecken. Ter Kauf­mann, dessen Sinn, wie kaum ein anderer, hinaus in die Welt gerichtet ist, hat die Wurzeln seiner Kraft im Vater­lande gesunden. Er rief vor -X) Jahren für die deutschen Staaten zuerst nach einheitlichem Maß, Gewicht und ein­heitlicher Münze, dann nach gemeinsamem Gesetz, gemein­samen Zöllen und Tarifen. Der deutsche Handelstag, als Vertretung aller deutscher Hcuidclskammern, hat seitdem auch weiterhin treulich den Blick auf die großen gemein­samen Ziele gerichtet und der Gesetzgebung, so weit sie sandel und '-bewerbe betraf, Wege gewiesen. Natürlich platzten auch lnerbei die Geister mitunter hart aufeinander. Vorbildlich aber blieben doch so schwierig verzweigt die Interessen oft waren die Einmütigkeit und der Weit­blick bei der Beratung gemeinsamer Ziele. So ist cs er­klärlich, daß der Reichskanzler dem Handelstage persönlich seine Glückwünsche darbringt. Was das heutige Deutschland dem deutschen Kaufmanns- und Unternehmer­geist verdankt, ist ja unnennbar viel. Seine Größe, sein Ansehen und sein Wachstum. Im Frieden l)abcn wir ge­waltige Eroberungen gemacht. Es scheint, als ob auch künftig die Ausbreitung des Handels einem Lande das größte Gewicht im Rate der Völker beilegen werde. Ta- nach werden dieEinflußsphären" abgegrenzt und die auf- schließbaren Länder verteilt. Teutschlands Rechte in der Welt werden mit der Ausdehnung seines Handels auch weiter wachsen, und wir find damit auf dem besten Wege. Tarum bedürfen wir des Friedens, der uns reiche Zinsen bringt, die freilich durch eine stark erhaltene Wehrkraft uns ge- gesichert werden müssen.

Ob es dieses ruhige Gefühl von Teutschlands wachsen­der Macht ist, das den jetzigen Reichskanzler dazu ver­leitet, in der Ost- und Westmark des Reiches Wege ein- Zuschlägen, die von den früheren Richtlinien einigermaßen abweichen ? Auch darüber ist wieder ein Kampf der Par­teien entbrannt. Man soll auch in diesen Fragen Augen­maß und besonnene Zurückhaltung entwickeln. Vor allem in der Auseinandersetzung über das Enteignungsgesetz in öen Osnnarken. Schwache Unentschlossenheit und zaghaftes Berbergen der in heißem Feuer geschmiedeten Waffe gegen das Polentum ist dort sicher nicht angebracht. Noch Hal Herr v. Bethmann-Hollweg fein Herz nicht ganz geöffnet, und die leidigen Gerüchte von einer Rücksichtnahme auf das Zentrum oder gar Wiener Wünsche wollen nicht ver stummen. So erklärt es sich, daß der deutsche r. snnarken- verein, der unter leinen Umständen für einen faulen ctrie­ben mit dem Polentum zu haben ist, über das scheinbare Schwanken der Regierung in Erregung geraten. Der preußische Landwirtschaftsniinister hat un Budgetausschuß des r'lbgeordnetcnhaujes Rede und Antwort stehen müssen. Wenn es die ungefchnnntte Wahrheit ist, daß man aus rein sachlichen und praktischen Gründen mit der, Enteignung Zo lange zurück hält, bis. ein Parzellierungsgesetz mit Ein­

spruchs und Vorkaufsrecht des Staates gesckmsfen sein werde, wenn es die ehrliche Absicht der Regierung ist, ein solches Gesetz bald zustande zu bringen, wird man sich noch einige Zeit in Geduld fassen müssen Nutzlos Geld hinaus zu werfen und die polnischen Banken in den Stand zu setzen, das Land weiter zu polonisieren, scheint man vermeiden zu sollen. Herr v. Schorlemer hat in erregten Stunde harte Worte gegen den Ostmarkenverein gebraucht, aber da er in einer späteren Sitzung seine Aeußerungen abmil­derte, wird der um die deutsche Sache sehr verdiente Ost- markenverein nicht zum äußersten Widerstand übergehen dürfen, sondern die Interessen des Vaterlandes obenan stellen müssen. Diese gebieten Mäßigung und Unterstützung der Regierung in der Schafsung eines Parzellierungs- gesetzes.

In der elsaß lothringischen Sache steht es freilich trau­riger. Tort scheint ein großer Aufwand unnütz vertan zu fein. Ein Trümmerhaufen, um den die Parteien trauern und murren. Wie wir schon erwähnten, hat sich Graf Posadowslv zu der schweren Frage zum Dort gemeldet. In der Wahlrechtsfrage unterstützt er den Standpunkt der Regierung. Gegen die Verleihung der drei Bundesrats stiimnen äußert er gewichtige Bedenken, wenn sic in allen Angelegenheiten abgegeben werden können, aber nur gegen Preußen gezählt werden sollen. Er macht den Vorschlag, daß Elsaß Lothringen seine drei Stimmen im Bundesrat erhalten soll für rein wirtschaftliche Fragen, daß in diesem Umfang der Kaiser als Landesherr die unbe­schränkte Ausübung auf den Statthalter überträgt, daß in Fragen der allgemeinen Reichspolitik das Stimmrecht ruht, und daß demgemäß auch diedas preußische Selbstgefühl erregende Bestimmung", wonach nur die gegen Preußen abgegebenen Stimmen der elsatz-loth ringt)d*en Vertreter gevrüst werden, wegfällt. In einer solchen Ausgestaltung des Stimmrechts werde kein Bundes­staat einen ' für ihn bedenklichen Machtzuwachs Preußens erblicken können.

Nachdem der Ausschuß zur Erledigung der elsaß-loth­ringischen Frage ergebnislos auseinander gegangen ist, hat man Muße, diese neuen beachtenswerten Vorschläge des ver dienten Mannes eingehend zu prüfen. Nach den letzten Meldungen ist es fraglich, ob der Ausschuß nächstens wieder zusammentritt. .Dann wird cs im Reichstage selbst, trotz der sommerlichen Ruhebedürfnisse, nochmals zu lebhaften Auseinandersetzungen kommen.

Der Naiser in Wiesbaden.

Wiesbaden, 12. Mai Heute trafen ein: Ter Prinz und die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, der Reichs kanzlcr Dr. v. B e t hm an n-H ollw e g. Ter Gesandte v. Ienisch holte den Reichslanzler von der Bahn ab. Ter Kaiser hörte heute vormittag den Vortrag des Kriegs­ministers General v. Heringen. Um 11 Uhr nahm der Kaiser vor dem Kurhause eine Parade ab über das Füsilier regiment von Gersdorff (Kurhessisches) Nr. SO, das erste nassauische Infanterieregiment Nr 87 und die Unterosfi- zierfchule Biebrich und die 2. Abteilung des Feldartillene regiments Nr. 27. Von dem Schloß bis zum Kurhaus bil­deten Kriegervereine mit ihren Fahnen Spalier. Ter Kaiser in der Uniform der Garde du Eorps ritt vom schloß zum Paradeplatz, mit ihm der Prinz und die Prinzessin Fried­rich Karl von Hessen und die Generaladjutanten von Plesfen, Scholl und Freiherr von Lynker. Ter Kaiser begrüßte die stTicgerocreine mit einemGuten Morgen, Kameraden!" (St ritt' die Front der ausgestellt en Regimenter ab und ließ sie vorbeimarschieren. Tie Parade wurde komman­diert von Generalmajor Riedel. Ter Parade wohnten bei ber Kriegsminister und der tommanbierenbe General von Eichhorn. Tic Schwester des Kaisers, Prinzessin Karl Fried­rich von Hessen, führte ihr Füsilierregiment vor.

Nach der Parade kehrte der Kaiser an der Spitze der Fahnen zum Schloß zurück, vom Publikum lebhaft begrüßt. Vor dem Schloß erfolgte noch ein Vorbeimarsch der Fahnen- ko inpagnie. Generalmajor Riedel erhielt den Roten Adler- orden zweiter Klasse mit Eichenlaub.

Später empfing der Kaiser den Reichskanzler. Zur Frühstückstafel waren geladen der Prinz und die Prin­zessin Friedrich Karl von Hessen, der Relchskanzler, der kommandierende General von Eichhorn, Obervräsident von Hengstenberg, Oberbürgermeister Tr von Ibell und die Spitzen der militärischen und Zivilbehörden, ferner u. a. der ' kaiserliche Gesandte von Haxthausen und Iniendanl von Mutzenbecher. Zum Frühstück konzertierte die Kapelle des 80. Regiments.

Der Kaiser unternahm heule nachmittag mit dem Reichskanzler und den Herren des Gefolges eine Aus­fahrt im Automobil mit anschließendem Spaziergang. Wäh­rend des Spaziergangs nahm der Kaiser den Vortrag des Reichskanzlers entgegen.

Am dritten Abend der F e st v o r st e 11 u n g e n erschien der Kaiser mit dem Prinzen und der Prinzeftm Friedrich Karl von Hessen sowie dem Reichskanzler in' der Hofloge Gegeben würde AubersD i e S t u m m e v o n P o r t i c i" in Neueinstudierung. Frl. Kling spielte die Titelrolle, Frl. ö em p c t fang die Elvira, Herr I a d l o w k e r den Mafa- niello, Herr S ch w e g i c r den Pietro. Professor 2 ch l a h r dirigierte.

Der Angriff auf öle theologische Satultät in Stehen.

Zn der amtlichenTarrnst. Ztg." erscheint nun auch bet Wortlaut jener Eingabe derKirchlich-positiven Ver­einigung für Hessen" an das Großh. Oberkonsistorium, die ber Giegener Famltät Anlaß zu der von uns mitgeteiltcn Zuschrift an S. K. den Großherzog gab. Das intereijantc Schriftstück, das nicht mehr und nicht weniger porbringt,

als was aus der Gießener Abwehr zu entnehmen war, lautet wörtlich:

Tie Kirchlich »positiv«- Vereinigung für das Großherzogtum Hessen verfolgt mit wachse,ider Sorge die immer deutlicher zu­tage tretende Tatsache, daß in weilen Kreisen unsrer LandcStircne eine vielfach vor b«m äußersten Konsequenzen nicht zurückschreckende liberale Richtung sowohl in das innere kirchlich«' Sehen, in Predigt, Iugendnnterricht, Kultus unb Seelsorge erfolgreich ein-- dringt, als auch ans die äußere Regelung und Leitung ber lud)- lüden Angelegenheiten maßgebenden Einfluß gewinnt. Wir fühlen uns vom Standpunkt posituvchristlichen Glaubens aus in unfernt Gewissen gedrungen, m dieser Tatsache eine große Gefahr für die Mirdtc zu erblicken und dieser Okiaht nach Kräften vornibengen

Tic Hauplnrsache jener traurigen Erscheinung liegt aller - dings in dem zum Unglauben neigenden Zeitgeist, daneben kommt aber als eine besondere Urfache von nicht zu unterschätzender Tragweite für unsere hessisch« Landeskirche der Umstand hier in Betracht, daß die tlnwlogische Fakultät an unserer Landes-- Universität Gießen seit Jahrzehnten in geschlossener Einheitlich­keit sich als Trägerin und Ausgangspunkt einer vorwiegend negativ kritischen und zum Teil bewußtunkirchlichen"*) (fkistesrichlung darstellt, die naturgemäß einen theologischen Nachimichs von ent sprechend einseitiger Haltung in unsere evangelischen Gemeinden einsührt. Tie Zahl der positiv gerichteten 6kifllid)cit, wie sie von christlich gläubigen Gemeinden begehrt und mit gutem Recht gefordert werden, wird, da es sich hier meist um ältere Pfarrer handelt, immer geringer, und der geistige Bann, der jich von Gießen ber auf Kops und Herz unserer tlzeologischen Jugend legt, droht immer mehr den Bollgehalt des Evangeliums uon Christo auf ein Mindestmaß zu reduzieren und unsere Gemeinden deS überlieferten Besitzstandes an christlick)en Glaubensgütern zu berauben. .

Aus den angegebenen Gründen richten wir in erster Lime im Interesse der Kirche an Großh. Obcrkonsistoriurn die ergebende Bitte, für Beseitigung der durch Pos. 2 bcS § 3 des Kirchengcsetzcs vom 11. Juli 1879, betreffend die Tienstpttigmatlk für die Geist­lichen, getroffenen Anordnung, dcrzufolge die Ablegung der Fakul­tätsprüfung vor der theologischen Fakultät der LandeSunwerjität Gießen unerläßliche Bedingung der Anstellungsfähigkeit für hessi schc Theologen ist, Sorge tragen zu wollen.

Aber nicht nur um unserer Landeskirche willen, sofern ihr Lebensnerv in der Erhaltung und Stärkung ungeschmälerten positiv christlichen Glaubens beruht, sondern auch tm Interesse der theologischen Wijfenschast, deren berufsmäßige Pflegerin die theologische Fakultät ist, müssen wir »erlangen, bau die tiefe K lust, die nach unserer Ansicht jetzt die den künftigen Dienern der Kirche in Gießen gebotene theologische Vorbildiing von den Bedürfnissen und Anforderungen des praktischen Amtes dcS Geist­lichen trennt, durch Aushebung des in Pos. 2 des £ 3 der Dienst Pragmatik gesetzlich fcftgclcgten Examenszwanges entfernt werde. Wir gönnen der Wissenschaft, zu deren Hüterin und Pflegerin Die theologische Fakultät bestellt ist, volle Bewegungsfreiheit, in wir fordern dieselbe für sie, aber eben deshalb billigen wir es nicht, daß diese Bervegtlngsfreiheit durch die traditionelle Obser^ van; einer bestimmten theologischen Schule ober Partei eingeengt und gefesselt sei, wie dies unseres Erachtens für die theologi'che Fakultäi im Gießen zutrifft. Tic Einheitlichkeit einer Fakultät mag für die Mitglieder derselben manche Vorteile bieten, aber sie Darf nicht auf dem Wege angestrebt und erzielt werden, daß, wie das in Gießen der Fall ist, der positiv-kirchlichen Theologie keine Vertretung neben einer alleinherrschenden, einseitig liberalen Richtung vergönnt wird. Wir wünschen den innigsten Kontakt zwischen Theologie unb Kirche unb bedauern, baß die hessische Landeskirche tcincrlci rechtlich geordneten Einfluß auf die Be setzung der theologischen Lehrstühle in Gießen hat, noch übt, um so viel mehr aber wäre es Pflicht der theologischen FakultäL in Gießen, den dort Studierenden die Möglichkeit zu verschaffen, nach dem Grundsatz: Audiatur et altera pars auch Vertreter der positiven Theologie zu hören. Zwar ist Examenszwang noch nicht gleichbedeutenö mit Sludienzwang, aber jedermann weiß, wie mißlich es auch für den tüchtigsten Studenten, ber auswärts Kubiert hat, fein muß, wenn er etwa vofitiw gerichtete Lehrer gehabt Hal, vor einem anders gerichteten Lehrkörper, wie etwa dem in Gießen, das Examen abzulegen.

Wir verttehen cs wohl, warum gegenwärtig eine ganze Reihe von Einzelsällcn vorliegt, in denen ernst gläubig gerichtete junge Theologen unseres Landes nach dem Wunsch ihrer Eltern nur beiden hier insbesondere an positiv gerichtete Psarrfamilien lieber unter Preisgabe mancher in der Heimat ihrer wartender Vergünstigungeii wie Stipendien unb dergleichen bei auswärtigen, positiv gerichteten Fakultäten ihre Vorbildung suchen unb auch auswärts nck anstcllcii lassen, als daß sie sich der Gefahr aus- setzen, in Gießen ihre ooslkio christliche Uebcrzeugung zu verlieren. Ta, wie wir auf Grund uns vorliegender Erklärungen versichern können, derartige Halle in der Zukunft sich mehren werden, so büßt untere Landeskirche auf diese Weise zum Teil, die besten Strafte, die ihr aus ihrem eigenen Schoße erwachsen, ein.

Und warum, fragen wir, läßt man inkonsegucntenveise fort­während, was gar nicht im Sinn von Pos. 2 des ß 3 liegt, von auswärts (ommenbe Theologen, bie nicht in Gicgen ihr erstes Gramen absolviert haben, ;ur Anstellung im evangelisäicn Psarr amt, sowie an Universität und Prebigerseminar unseres Laubes zu, mcÜjrenb man bei den Lanbeskindern an der rigorosen Be­stimmung der Pos. 2 von $ 3 festhält'? Eine theologische Fa­kultät sollte durch ihre eigene Tüchtigkeit unb durch eine wahr­haftkirchliche", dem Aufbau der Stirche Ehristi bienende Theo­logie diejenige Anziehungskraft ausüben, die ihr, indem sic die Interessen des Glaubens und ber Kirche vertritt, jufommt, nicht aber sollte sie des von uns beannanbeien Examcnszwanges be­dürfen, um sich in einseitiger Einheitlichkeit ihrer Richtung zu verfestigen und ber überaus wünschenswerten Ergänzung ber von ihr den jungen Theologen gebotenen Gebankenwelt durch positiv gerichtete Lehrkräfte sich aut bie Dauer zu verschließen.

Wir geben uns ber Hoffnung hin, batz unsere am Beseitigung ber Pos. 2 des § 3 der Ticnstvragmatik gerichtete Bitte, zu der uns die Not der Zeit drangt, ber dem hockwürdigen Großh. Cberfonmtorium geneigte BeruZilhtigung finden iverbe

Ter Vorstand der Kirchlich-positiven Vereinigung für das Großherzogtum Hessen:

B e r n b e ck.

*) Ausdruck, dessen sich Herr Geh. rtirchenrat Pros. D. Krüger selber in derChristi. Welt" bedient hat.

Das Ergebnis ver Stuttgarter Sberbürgernieisterwah!.

Stuttgart, 12. Mai. Bei der heutigen Stadt- schulth eigen wähl wurde Regierungsral Lautcn- l'chläger, der die ünlerstützung der Nationalliberalen,