Ausgabe 
9.12.1911 Sechstes Blatt
 
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Ein großer Teil der uwhammcdamschen Bevölkerung von Tripolis Übte früher in tzen Oasen und in den Palmenwäldern. Bon hier teutiben sie durch die blutigen Kümpfe vorn. 23. und 26. Oktober vertrieben, flüchteten in die Stadt, in die .Moschee und in die Straßen. Bon diesem Tage an besaßen sie keine Nahrungsmittel mehr, keine Kleider, kein Brot, und was das Schlinnnste tixtr, kein Wasser. Es konnte nicht crusbleiben, daß die unglücklickren Besiegten der Erschöpfung, Lunger und Krankheiten erliegen muß­ten. Die italienischen Behörden hatten &n>ar eine Aufnahmestelle für Kranke geschaffen, aber darin konnten nur 100 Menschen Unterkunft finden. Hunderte und Tausende irrten und wankten in den Strafen umher, in den Moscheen und auf der Gasse fielen die Menschen zu Hunderten tot zu Boden, und die zahlreichen Totenwagen verlnochten nicht einmal die Sterbenden aufzunehmen. Die tägliche Abgabe vvn Brotrationen erstreckte sich nur auf eine kleine Zahl Bevorzugter: die übrigen aber, eine gewaltige Menge, die hilf- und ziellos durch die Stadt umher irrte, suchte gierig im Rinnstein nach Küchenabfallen, um wenigstens einen Tag noch den unvermeidlichen Tod zurückzuscheuchen. 'Der Anblick von Leichen und vvn Sterbenden auf der Straße ist so alltäglich ge­worden, daß man sich kaum noch darum bekümmert; man steigt über die Leichen und Sterbenden hinweg uird geht weiter, ohne sich umzusehen. 'Die rauchenden Ruinen von Casablanca mit ihren leichimbesäten Straßen haben niemals einen so grauenvoller! Eindruck erwecken können wie dies Tripolis von heute, wo Tausende vvn Menschen röchelnd auf dem Pftaster verenden. Gestern bin ich einem der unheimlichen Totenkarven auf seinem Wege gefolgt. |$/en ganzen Tag über ziehen sie schwerbeladen durch die Straßen. Vor dem französischen Restaurant unter den Arkaden, in denen die Basare sind, lagen vielleicht hundert menschliche Körper, in schmutzige Tücher und Lumpen gewickelt. Ein pestartiger Ber- wesungHauch ging von ihnen aus. Im Borübergehen sehe ich zwischen zwei LÄchen den Kopf eines jungen hübschen Mädck>ens sich aufrichten; die großen schwarzen Äugen aber liegen tief in den Höhlen, das Gesicht scheint nur noch aus Knochen zu bestehen, ich konnte den Anblick nicht ertragen. Sie macht eine Anstrengung, Um den gräßlich abgemagerten Arm zu einem Zeichen der Bitte emporzuheben. Hier ist es der Hunger, der mordet. Neben ihr, Unter einem zerfetzten Leintuch, bewegt sichs noch ganz leise: eine alte Frau; so schwach, daß man ftiPt, daß das Ende naht. Und auf allen Gesichtern liegt derselbe Ausdruck rettungsloser Verzweiflung, in allen Augen glüht dieselbe hoffnungslose Bitte: um ein wenig Nahrung, um ein wenig Hilfe. fDer Totenkarren Bleibt in der Straße halten, unmittelbar vor 'diesen Gruppen. Ein Araber betastet flüchtig die Körper. Wer sich nicht mehr be­wegt, wird auf den Karren geworfen. Schon sind drei Leichen aufgeladen. iDann entdeckt man eine junge Frau inmitten von drei Kindern. Sie ist noch nicht tot, sie liegt in den letzten sZügen, sie hat nicht mehr die Kraft, ein Zeichen zu geben. Wie eine Feder nimmt sie der Araber empor und legt sie auf die Toten, wo. sie mit einem ftanglosen Seufzer niedersinkt, wahrend die drei Kinder ümsvnst nach ihr rufen. Jetzt liegen schon sieben Sterbende über den drei Toten auf unserem Karren; am ©rtbe der Straße wird man noch einen Leichnam auf den Haufen werfen und dann auf der Masse einher stampfen, damit die Ladung fest liegt und beim Fahren nicht herabfällt. Und diese grauenerregende furchtbare Arbeit wird seit einem Monat Tag Ur Dag verrichtet, ohne daß ein Erche abzusehen ist.

Man wundert sich nicht mehr, daß die Sterblichkcitstziffer mit der Zeit zurückzugehen beginnt: die Zahl der Ueberlebenden ist ja so zusammen geschrumpft. Und doch kann man Ur diese Schrecken die italienischen Behörden nicht verantwortlich machen, sie haben getan, was iu ihren Kräften stand. Alle Kolonialkriege werden immer dieses Grauen unb diesen Schrecken nach sich ziehen. Als man vor einigen Jahren die herrenlosen Hunde Vvn Konstantinopel auf einer wüsten Insel aussetzte, ging durch Europa eine Woge echten Mitleids mit den armen Tieren. »Die Tausende aber, die in Tripolis hilflos Hungers sterben, gehen unter der vollkommenen Gleichgültigkeit der Kulturwelt zugrunde. Und so bleibt nur die Hoffnung, daß mit der Zeit, die alle Wunden heilt, auch auf diesem mit so viel Blut getränkten Boden die Zivilisation sich ausbreiten möge und daß künftige Geschlechter ohne Gewissens­bisse im Schatten der Palmen die (Segnungen des Friedens und die Freuden des Lebens genießen dürfen."

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Vermischtes.

kf. Kinematograph und Schauspieler. Im letzten Jahrzehnte hat sich den Schauspielern eine neue, recht unerwartete Einnahmequelle eröffnet. Der Kinematograph hat, wie man weiß, auch die Schauspielkunst in ihren Dienst genommen, und die Sum­men, die beliebten Bühnenkünstlern dafür gezahlt werden, daß sie vor dem kinernatographischen Apparate spielen, sind sehr er­heblich. Zu den beliebtestenErzentrikwmikern" von Paris gehört Max Dearly, der an denVarietes" angestellt ist. Ihm zahlt eine Kinematographengesellschaft jährlich die Summe von 4800 Mk. allein dafür, baR Dearly, die Verpflichtung übernimmt, für keine andere Gesellschaft zu spielen und zum Zwecke ihrer Aufnahmen immer zur Verfügung zu stehen. Dieser Vertrag ist dadurch öffent­lich bekannt geworden, daß die Gesellschaft sich kürzlich geweigert hat, die zweite Rate der fälligen Summe an 'Dearly zu b zahlen. Sie hatte ihn nämlich im verflossenen August aufgefordert, vor ihrem Apparate zu spielen. In dieser heifren Jahreszeit aber war

Vüchertifch.

Eine überaus praktische Neuheit ist Griebens Steife» Notizbuch 19 12 mit einem kleinen Wörterbuch in vier Sprachen in biegsamem Leinenband (Grieben-Einband) mit Bleistift, Teckü- tasche und Gummiband. Verlag von Mbert Goldschmidt, Ber­lin W. 35. Griebens Reise-Notizbuch dürfte als ein in seiner Art wohl einzig da stellender praktischer Reisebegleiter zu betrachten sein. Äußer einem Kalendarium und kurzen Abschnitten: Gepäck- rarif, Zoll, Paß, vergleichende Geldtabelle, cr|te Hilfe bei Unglücks fällen, Reisebureaus, Versicherungen für Unfall und Gepäck, Reichs bankplätze usw. enthält das Buch eine Anzahl Notizblätter, sowie ein 28 Seiten umfassendes Wörterbuch in deutsck>er, französischer, englischer und italienischer Sprache. Uebevaus praktisch sind ferner die perforierten Wäschezettel, die so eingerichtet sind, daß man sie leicht ausfüllen und sich gleichzeitig eine Kopie zurückbehalten kann: auch die perforierten Nachsendungsformulare für Briefe, übersichtliche Tafeln für Ausgaben, Adressen und Geschenke, ein, praktische Aufstellung über alles, was man auf die Reise mitnimm! (zugleich als Kontrolle, was wieder zurückgebvacht werden mußf und vieles andere, entsprechen durchaus dem Bedürfnis des Reisenden.

Tas literarische Echo. Halbmonatsschrift für Lite» raturfreunde (Begründet von Tr. Josef (Sitlinger. Herausgegebcn von Tr. Ernst Heilborn. Verlag: Egon Fleischel u. Co., Ber­lin W. 9). Tas 2. De-.emberheft ist weben mit folgendem In­halt erschienen: H. Lilienfein: Sören Kierkegaard. Monty Jacobs:Deutsche Stilkunst". Egon Freiherr v. Kapherr: Ter Schamane. Sigmar Mehring: Ein ftanzösisck^er Denker und Dichter. Kurt Martens: München. ... Kteistgedenk- blätter. Echo der Zeitungen und Zeitschriften. Echo des Auslands. Echo der Bühnen. Kurze Anzeigen. Notizen. Nachrichten. Ter Büchermarkt.

Das lustige Salzerbuch. Im Verlag vvn A. I. Benjamin in Hamburg hat Marcel Salzer, der ja auch hier wohlbekannte und hochgeschätzte Bortragskünstler, eine Auswahl seiner Vortragsstücke herausgegeben, die gewiß manchem Freunde seiner weiteren, urspringlichen Kunst willkommen sein wird.

der Schauspieler nicht in Paris, und in dem darüber entstandenen Prozesse erklärte er dieser Tage vor Gericht, es sei unsinnig und unbillig, vorauszusetzen, daß ein Mann von seiner Stellung sich im August in Paris aufhalten werde. 'Das Gericht betätigte bteie Auffasftmg, die Gesellschaft muß zahlen und Herr Dearly braucht auch in Zukunft nicht des Kinematographen wegen während der heißen Jahreszeit in den Mauern von Paris zu ichmachten.

lf. Was den Amerikanern die Tuberkulose kostet. Ein amerikanischer Statistiker wirst die Frage auf, wie groß die wirtschaftliche Schädigung der Bereinigten Staaten durch die Tuberkulose ist. Er rechnet damit, daß in den Ver­einigten Staaten alljährlich 200000 Menschen an der Tuberknloie sterben: für jeden setzt er als Wert ein Kapital von 8000 Dollars an, und nach dieser etwas eigentümlichen Rechnungsart schädigt die Tuberkulose die Vereinigten Staaten um 1600 Mcklwnen Dollars gleich 6Vs Millionen Mark.

kf. Was man in der Seine fischt. An manchen Stellen ist die Seine ein wahres Anglerparadies, an anderen jedoch gerade das Gegenteil. Wer in Paris einen Mann mit der Angel an der Seine stehend findet, sieht vielleicht mit teil­nahmsvoller Neugier zu, wonach der Unglückliche angelt, und wenn et nach einiger Zeit sieht, wie dieser nicht einen tfifa), solchem eine Katzenleiche herauszieht, lächelt er schadenfroh. Ties Lächeln ist etloas voreilig, denn eine aus der Seine heraus­gefischte Katze kann, wie der Gaulois meint, unter Brüdern ihre zwei Franks wert sein, also mehr, als ein Fisch von erheblicher Größe. Tas Wertvolle an der Katze ist natürlich ihr Fell, das zu Pelzwevk verarbeitet wird. Tiefe Art der Fischerei scheint in der Seine nun nicht gerade selten zu sein, Ivie aus einer amtlichen Aufstellung über das heroorgeht, was im letzten Jahr in der Seine und der Marne an Tierengefischt" worden ist, die nicht zu den Fischen gehören. Es waren nämlich: 6255 Hunde, 715 Katzen, 885 Ratten, 350, Hühner, 90 Tauben, 41 Enten, 255 verschiedene Vögel, 135 Kaninchen, 140 Ferkel, 17 Ziegen und 25 Hammel!

* Ter Zorn der Dichterin. Die englisch-italienische Tichterin Anni Vivanti veröffentlicht in derTimes" ein Strafgedicht gegen dieVerleumder Italiens", gegendie Frem­den, die aus den nordischen Landen kommen, um Madonna Italia, wenn sie festlich geschmückt ist wie eine leichtfertige Schöne, die1 zum Tanze geht, zu umschmeicheln und mit Liebesseuszern zu verfolgen, in den Stunden der Not und der Trauer aber sich von dem Liebchen verächtlich und kalt abwenden und, ohne an ihre eigene Schuld zu denken, verleumden und verdammen." Tiefen bösen nordischen Liebhabern der Madonna Italia werden die eigenen Söhne der schönen Frau gegenübergestellt, die es umgekehrt machten: während sie in den Tagen des Glückes an der Mutter allerlei auszusetzen haben und tadeln und mäkeln und schmälen, halten sie in schlimmen Zeiten treu zu der Aermsten und beweisen ihr so, daß die wahre Liebe nur bei ihnen ist. Wenn aber Madonna Italia Äs neuen Schmuck den goldenen Halbmond im Haar tragen wird, ioerben auch die nordischen Schmeichler sich wieder einstellen und ihr wieder viel Schönes sagen. Tie vor­nehm denkende Dame wird ihnen dann wohl die Tür ihres Hauses öffnen, ilyr Herz aber nimmermehrstolze und verletzte Italia, dein Herz nimmermehr!" Na also, nun wissen wir wenigstens Bescheid.

* Altägyptische Haarwuchsmittel.Knete sechser-1 lei Fett zusammen: Fett vom Löwen, vom Nilp'erd, vom Krokodil, von der Schlange, von der flalje, vom Steinbock I" So lautet ein altägyvtifches Rezept zu einer Haarwuchspomade. Obwohl im alten Pbaraonenlande die Verrücke eine große Rolle spielte, wollte man aus schönes, starkes, eigenes Haar anscheinend durchaus nicht ver­achten Ständig wurden haarstärkende Mittel ausgeprobt und manche Jnschristen verraten uns, daß ein in Honig zerstoßener Eselszahn am meisten geschätzt wurde. Eine ägyptische Königin schrieb allerdings Langohrs Hul eine größere Wirkung zu als seinem Zahn und sott darum Eselsmße zusammen mit vunde'üßen und r aitelkörnern in Oel zu einer Prachtpomade. Als die letzte Rettung bei Haarausfall galt wohl allgemein Gazellenkot mit Sägespäneii, Sei und Nilpferdfett. Nicht nur das eigene Haar scheint aber den ägyptischen Schönen am Herzen gelegen zu haben, ihre Gedanken beschä'tigten sich vtelmehr auch stark mit der Lockenpracht der Feindin und Nebenbuhlerin. Fretuidlicher Natur waren diese Gedauleu natürlich »richt, sondern strebten eifrig nach der Erlangung eines Mittels, mit dessen Hilfe manVerhaßten das Haar ausgehen lassen" konnte. Solche Drittel stellten ein Wurm namensanart" und eine Blume namenssepet* dar. Wenn man diese in Cel sott und sie dem Gegenstände seiner Abneigung aufs Haupt praktizierte, so er­krankte die betreffende Person an Haarausfall. Glücklicherweise gab es aber ein auS geriebener Schilokrötenschale und Nilpferdiett be- nehendes Gegengift, das wenn es rastlos zum Einreiben benutzt wurde solche Tücke unwirksam machen konnte.

Gute Auskunft. Fremder:Hält der Zug hier so lange, daß man ein Schnitzel verzehren kann?" Geschäfts­ristsender:O, gewiß!" Fremder: Sie kennen wohl den Fahr­plan genau?" Geschäftsreisender:Nee aber die Schnitzel

* M ißverständnis: Lotterie Kollekteur:Sv, hier ist das gewünschte Los. Nun macken Sie aber endlich einmal, daß Sie herauskornmen." Kunde:Na, solche Grobhett ist mir denn doch noch nicht vorgekommen."

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