Ausgabe 
1.4.1911 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Et. 78

Dritter Blatt löl. Jahrgang

.Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da« j) L « H E SL^L, JL B E M B wLB ^L, fi

KrelsMett ffr i<b Kreis «letzen" zweimal |1 v v W V H V ~

wöchentlich. Die .Landwirtschaftlichen leit- j r * A y ,

fragen" erscheinen monatlich zweimal. ®CltCFOl*Anzeiger für Gberheßen

Samstag, i. Bprn ml

RstMionS druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS - Buch» und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:«-^ 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Lin Fortschritt der Mittelschule.

Man schreibt uns: Ueber die veorganisierte Mittelschule ist in Breußcn eine Entscheidung von großer Tragweite gefallen. Diese Schulart wurde seit Jahrzehnten in ihrer Entwicklung ge­hemmt, weil sie ihren Schülern gar keineBerechtigungen" mitgeben konnte. Berechtigungen sind nun aber einmal das Streben aller jungen Männer, die andere Schulen als die allgemeine Volksschule besuchen.

Der Lehrptan der Mittelschule geht nicht unerheblich über das Ziel der Volksschule hinaus. Sie hält deshalb ihre Schüler auch länger, als die Volksschule. Ihr Lehrplan wird insbesondere den Forderungen des praktischen, des gewerblichen und des indu­striellen Lebens in hohem Maße gerecht, und die Mittel­schule ift deshalb so recht die Schule des gewerblichen Mittelstandes. Weil sie ihren Schülern aber gar keine Aus­sicht auf Berechtigung geben tonnlc, deshalb besuchten tue Söhne arlch des gewerblichen Mittelstandes, die nie daran dachten, zur Universität zu gehen, lieber die unteren unö mittleren Klassen irgend einer ihnen gerade gelegenen höherar Schule ohne Rücksicht daraus, daß der Lehrplan dieser Schulen in ihren unteren und mitt­leren Klassen Ar die Ausbildung ganz ungeeignet ist, die der künftige Gewerbetreibende, Kunsthandwerker, Werkmeister usw. für seinen Beruf braucht. Die Schulzeit dieser ftnaben war also bislang ziemlich zwecklos verbracht. Ms nun der Versuch gemacht wurde, der Mittelschule eine neue Grundlage zu schaffen, war es das Bestreben der Schulbehörde, diesem Mangel abzuhelfen. Wußte sie doch, daß er allein die Ursache des geringen Besuches der Mittelschule sowie der Ueber füllung der höheren Schulen zumal in ihren unteren und Mittelklassen war. Zwar hatte man nicht in Aussicht genommen, etwa mit der Abgangsprüfung von der Mittelschule die Berechttgung Ar den Einjährigendienst zu. erteilen. Man wollte nur den Mittelschülern erlauben, daß sie jofort nach Entlassung aus der Schule die Einjährigenprüftlng vor dem öffent­lichen Prüfungsrat machen dürfen. Zu dieser Prüfung darf sich jeder melden, mag er eine höhere Schule, eine Mittelschule oder auch gar keine über die Volksschule hinausgehende besucht haben. Ueber die Art seiner Vorbildung wird er vernünftigerweise nicht befragt, wenn er nur die Kenntnisse besitzt, um die Prüfung bestellen zu können. Aber die jungen Männer dürfen sich erst nach Vollendung des 17. Lebensjahres zu dieser Prüfung melden. Und das könnte denn auch jeder Mittelschüler fuit. Nun ver­lassen aber die Mittelschüler ihre Anstalt durchschnittlich schon mit rund 15 Jahren. Sie treten natürlich sofort ihre Lehrlings­zeit an und dürften sich erst nach vollendeter Lehrlingszcit zur Einjährigenprüfung melden. Rach diesen zwei bis brci Jahren hätten sie aber soviel von ihrer Schulweisheit vergessen, daß sie in den meisten Fällen diese PrüAng nicht bestehen werden: denn es gehören nun einmal zum Bestehen einer Prüfung eine ganz bestimmte Menge von Einzelkenntnissen aus gar vielen Wissensgebieten.

Da lag nun die Sorge der Mittelschulfreunde darin, für ihre Schüler die Befreiung die Zurückschiebung des Alters zu bekommen, der es ihnen gestattet, sofort nach dem Abgänge von der Schule in die öffentliche Prüfung gehen zu dürfen. Doch dabei stellten sich beim Kriegsminister ernste Bedenken ein. Er befürchtete, es würden eine.große Anzahl Mittelschulen statt Real­schulen usw. gegründet, weil deren Unterhaltung billiger ist. Von diesen würden sich dann eine große Menge Schüler zum Eiu- jährigendienste binbrängen, so daß die zweijährige Dienstzeit in Frage gestellt fein könnte. Endlich würde die Sböhc der All gemeinbilbung der Einjährigen durch die Mittelschüler herab gedrückt werden. Wie in den ersten Januartagen bekannt wurde, hat der Kriegsminister nun seine Bedenken endgültig aufgegeben.

Er will also gestatten, daß die Schüler .die eine vollentwickellc Mittelschule mit Erfolg besucht haben, sofort im Anschluß an den Schulabgang rn die Einjährigenprüfung gehen dürfen. Bei der 6klass. Realschule, sowie beim Realgymnasium unö beim Pro­gymnasium müssen die abgehenden Schüler auch eine Abschlußprü­fung machen, laut Grund deren sie die Einjährigenberechtigung erlan­gen. An der Mittelschule wird demnach die Prüfung nur an einem anderen Orte u. vor einem anderen Prüfungsrgt abgehallen. Der Erfolg ist an beiden Anstalten nach dieser Einsicht derselbe. Aber die Mittelschüler erreichen dieses Ziel durchschnittlich zwei Jahre früher als die Schüler der sechsklassigen höheren Schulen. Dazu ist ihre Ausbildung besser für den gewählten bürgerlichen Beruf: die Schüler können die erlangten Kenntnisse unmittelbar anwenden. Das Wohlwollen des KriegsministerS wird also wesentlich zpr guten Entwicklung der Mittelschule beitragen. fRan hofft außer­dem, Mittelschüler für militärische Laufbahnen, wie Zahl­meister usw., zu gewinnen. Auch die anderen Verwaltungsbehörden

Dom Schwinden der deutschen Volkstracht.

Unsere deutschen Volkstrachten bilden in ihrer bunten Farbigkeit, in ihrer Mannigfaltigkeit der Formen und in dem gemütstiefen Geschmack ihrer Anordnung eine der schönsten Blüten in dem vollen KTanz der deutschen Volks­kunde; sie sind eigentlich die einzigen Kostüme, die unsere Kultur selbständig geschaffen oder zum mindesten umge­schaffen hat. Denn oie maßgebende Modetracht haben wir Deutschen immer im Laufe der Jahrhunderte von fremden Vorbildern entlehnt, und.erst als die aus Byzanz, aus Spa­nien und Frankreich eingeführten Kleidungsstücke in den vornehmen Kreisen unmodern wurden, als sie herabsanken zum Volk und von diesem ausgenommen wurden, sanden sie eine eigenartige, originale Ausgestaltung und Umgestaltung. Aus diesen Zusammenhang der Volkstracht mit der städtischen Modetracht weist ein feiner Kenner der volkstümlichen Klei­dung, der Pfarrer Karl Spieß, in einem reizvollen Büch­lein über die deutschen Volkstrachten hin, das er in der Deubnerschen SammlungAus Nattrr und Geisteswelt" er­scheinen läßt.

So ursprünglich und persönlich die ländlichen Trachten !aud) erscheinen mögen, so ist doch bei genauer Betrachtung überall in ihnen die Kleidung der höheren Stände zu er­kennen, wie sie uns nur in alten Bildern noch vor Augen tritt. Würdevoll und steif, wie die Bauern heute in ihrer Tracht erscheinen, ebenso trugen sich einst die Stadtherren ,und -bamen nach französischen und spanischen Vorbildern. Dieser altfränkische Zug der Volkstracht erweist zugleich auch chren großen kulturgeschichtlichen Wert, da hier noch Mächte des Geschmacks und der Form lebendig sich darbieten, die in der allgemeinen Kultur längst dahingegangen sind. Aber da diese Volkstrachten im rasch dahinflütenden Strom des modernen Lebens nur eine kleine Insel längst ver­flossener Vergangenheit sind, so ist auch der tiefste Grund für ihr Verschwinden in der Gegenwart gegeben. Solange der Bauer noch fest wurzelte in den Anschauungen früherer Jahrhunderte, war auch die Kleidungswcise dieser versun­kenen Epoche ein trefflicher Ausdruck seines inneren Wesens. Seitdem aber das Landvolk immer engeren Anschluß an

E

haben sich wohlwollend gegen die Mittelschüler gestellt. So ist ihnen die mittlere Laufbahn bei der Post intb der Telegraphie geöffnet worden, wenn sie eine vollentwickelle Mittelschule mit Erfolg durchgemacht haben. Wer das Reifezeugnis einer Mittel­schule hat, soll weiter ohne Aufirahmeprüfung in die zweite Klasse einer Seminarschule eintreten dürfen. Der Handelsminister wird gestatten, daß diesen Mittelschülern der Eimritt in Fach­schulen erleichtert wird, die von ihm verwaltet werden.

Endlich bat sich auch der Finanzminister zu Zugeständnissen an die Mittelschüler bereit erklärt: insbesondere soll bei der gesetzlichen Regelung des Fortbildungsschulwesens ans ihre Kennt­nisse und auf ihr Aller Rücksicht genommen werden.

Mit diesenBerechtigungen" ausgestattet. Darf das füifblilben der Mittelschulen als sicher gelten. Ein Werk von großer s o - 5 ial er Bedeutung ist damit gestützt. Der Mittelstand hat seine Schule erhalten, die grundsätzlich seinen Bedürfnissen Rcckwung tragen muß, und das einzige Lockmittel der meisten Schüler in den unteren und mittleren Klassen der höheren Schulen, dieBc- rechtiguilgen", sind so ciioeitert, daß die höheren Schulen einen großen Teil ihrer Anziehungskraft verloren haben. Viele Eltern, die ihren Söhnen nur den Einjährigenschein sichern wollen und sie nur deshalb, gar oft schon der Kosten roegen, schweren Herzens zur höheren Schule schickten, werden sie jetzt zur Mittelschule gehen lassen. Sie sparen dort das teure Schulgeld, ersparen, ihren Söhnen Zeit, sie sind cnolich auch sicher, daß die Schul­zeit besser für den künftigen Beruf der Söhne ausgenutzt ist.

Lustschissahrt.

Die erste Fahrt desErsatz Deutschland".

Friedrichshafen, 30. März. Der neue Zeppelinsche LustkreuzerErsatz Deutschland" ist heute vormittag 10 Uhr 5 Minuten zu seiner ersten Werkstättenfahrt bei gutem Wetter und leichtem Südwind aufgestiegen. Gras Z e p v e l i n hatte die Führung übernommen. Außerdem befanden sich in der Gondel Oberingenieur Dürr und die bekannte Besatzung der früheren Luftschiffe. 10 Uhr 55 Minuten erfolgte eine glatte Landung vor der Ballonhalle

DcrtntScbfes.

* DerIagowator". Der Polizeipräsident von Berlin, Herr v. Jagow, tritt jetzt für denHutnadel­schutz" auch mit feinem Namen ein. Ein Berliner Fabri- lartt, der seinenH u tn ad c lfchutz" auf den Namen des Berliner Polizeipräsidenten taufen wollte, erhielt auf eine Anfrage an Herrn v. Jagow nachstehenden Bescheid:Euer Wohlgeboren erwidere ich ergebens!, daß ich gegen die Be­zeichnung eines von Ihnen in den Handel zu bringenden Hutnadelschutzcs mit dem NamenZagowator" nichts ciuzuwcnden habe. Hochachtungsvollst ergebenst Jagow."

* E r n Mörder ans gekränkter Eitelkeit. In rieit hat der Fincmzkommifsar bei der Gcneraldlleklion Der staat­lichen Tabakregie Tr. Oskar Hofmeister seinen Jugend- leund, den Bankbeamten Franz Holthaus, meuchlings et« ' eil o \ f c n. Hofmeister hatte beir/ Holthaus schon seit Tagen in Dessen Wohnhaus, ausgelauert, fand jedoch erst am Mittwoch Ge° egenhetl, den Mord zu verüben. Holthaus war gegen Va8 Uhr ibends in seine Wohnung gekommen, Hofmeister lauerte ihm schon im dritten Stockwerk vor der WohnungSlür nahe der Treppe zum Dachboden auf. Er streckte ihn mit einem Schuß, der > i c Leber traf, nieder und gab auf den am Boden Liegenden noch weitere vier Schöffe aus einer BrowninaviNole ab. Holthaus war tu wenigen Minuten eine Leiche. Das Motiv der Tat ist gekränkte Eitelkeit. Hof­meister halte sich um die Schwester Holthaus beworben, der Bruder erhob jedoch gegen den Freund, den er von Jugend auf kannte, entschieden Widerspruch. Tie Verhaftung des Mörders erfolgte wenige Minuten nach der Tat. Tie Hausbesorgerin hatte den Schuß gehört, war schnell auf die Straße geeilt und hatte das

Gerichtssaal.

Berlin, 30. März. Hauptmann Pfeil hatte sich heute vor dem Kommandanturgericht Berlin wegen Miß­handlung und Beleidigung Untergebener u.nd wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt zu verantworten. Nach sehr eingehender Verhandlung wurde der Angeklagte auf Antrag des Vertreters der Anklage und der Verteidigung von einer Strafe und den Kosten sreigesprochen.

Haustor abgeschlossen. Als ein Schutzmann, den sie hetbcigerufen, bas Tor öffnete, Itanb ber Mörder, vor Erregung der Sprache nicht mächtig, die Pistole in der Hand, im Hausgang.

* Die Selb stmordepidemie in Rußland. Zn Ruß­land sind in 41/, Jahren vom Juni 1905 bis Dezember 1909 nicht weniger als 9105 Fälle von Selbstmord und Selbstmord­versuch bekannt geworben. Schon 51 in Der von 816 Jahren stellen einen erheblichen Prozentsatz, nämlich 506. Tas Maximum lag bei den nicht viel älteren Individuen von 1925 Jahren, nämlich 47 Prozent. Dies ist um jo erstaunlicher, als in anderen Kultur­ländern das Greisenalter infolge feiner Disposition zu Melancholien den Selbstmord am häufigsten au'weist. Diese Verschiebung ist wohl der augenblicklich herrschenden Haltlosigkeit der russischen Jugend auf Rechnung zu setzen, die, au5 einem Extrem ins andere fallend, sich bald am Ende findet und die Waffen streckt. In, ein­zelnen finden sich diese Verhältnisie der Selbstmordstalistik z. B. in Mostan wieder. Während zwischen 1890 und 1900 durchschnittlich nur 78 Menschen im Jahr Hand an sich legten, flieg die Zahl im Jahre 1908 auf 152 und 1909 auf 154 vollendete Selbstmorde. Dazu famen noch 405 und 443 Versuche. In Moskau lag die größte Selbslinordzahl schon bei Individuen uon 1520 Jsüren. Eharakleristischeriveise ist es hier die zu schnell mit westeuropäischen Anschauungen bekannt gewordene halbgebildete Kaste der Klein­bürger, die an 100 Selbstmorden mit 83 beteiligt ist.

Kleine Tageschronik.

Als in einer Versammlung des Holzarbeiterverbandes ht Hamburg, ber etwa 400 ausgesperrte Holzarbeiter beiwohnten, ein P 0 l i z e i b e am t e r in Zivil die bei Massenversanunlungen vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen koittrollierte, wurde er plötzlich von hinten an gef al I en und mit einem Schlag­ring niedergeschlagen. Schwer verletzt und be­wußtlos mußte er aus dem Saale geschasst werden. Der Täter ist in dem in der Versammlung entstandenen Tumult unerkannt verschwunden.

In der Nacht vom 29. zum 30. März geriet vor Kiel daZ TorpedobootS. 121" bei den Angrisfsübungen des als Ziel­schiff dienenden und bei der Hochseeflotte als Tender verweis betör kleinen KreuzersHeia" vor das Bug. Bei dem Zu­sammenstoß erhieltS. 121" in der hinteren Hälfte btä Bootes ein Loch.Heia" beschädigte sich die Ramme.S. 121'z ging in die Werst. Verletzt wurde niemand.Hela" wird nach kurzer Ausbesserung wieder fahrbereit sein.

Ein au5 dem Jrreuhause als ungefährlich eittlassen.es 26jäbr. Mädchen, das in der Nähe von Mauriac wohnte, geriet mit feiner Großmutter in einen heftigen Streit, in dessen Verlauf, sie die alle Frau zu Boden warf und würgte; mit einem Küchen- mcsfer schnitt die Wahnsinnige der alten Frau die Zunge ah^ Der Zustand der 72 Jahre alten Frau ist hoffnungslos.

Bei einem Automobilausflug der Familie Edmund R 0 st a ndS verunglückte in der Nähe von Biarritz des Fahrzeug. Ein Sohn Rostands wurde mir leicht verletzt, während die übrigens Insassen mit dem bloßen Schrecken davonkamen.

läßt sich beim Gebrauch von Scotts Emulsion bald feststellen, eine ganz besonders in der Genesungszeit, bei Abmagerung oder ge­störtem Wohlbefinden wünschenswerte Wirkung. Erwachsene jeden Alters tun daher gut, in solchen Zeiten den Körper durch den Ge­brauch von Scotts Emulsion zur Erhöhung seiner Leistungsfähigkeit wieder aufzufrischen und zu kräftigen.

Scouv Emuisio» wird von uns auSschltetzlich im groben verkauft, un» zwar nie lo|c nach Gewicht oder Matz, sondern nur in versiegelten Crigtualflafdjen in Karton mit unserer Schutzmarke «Fischer mit dem Dorsch). Scon ot Bownc, Ä. tn. b. H, Frankfurt a. M-

Bestandteile: Feinster Medi-inal-Lebertran 150,0, prima Blyjerin 50,0, unkerphoSphortgsaurcr Kalk 4,3, umcrphoSvhorigsanreL Natron 2,0, pnio. Tragant 3,0 fcinftev arab. Gummi pulv. 2A Wasser 129,0, Alkohol 11,0, yier»u aromanlckc Gmulkion mit Rimt«. Mandel« ano Ganltlieriaöi ie 2 Trauten.

Märkte.

" Gießen, 30. März. Viehmarkt. Bei dem am 29. und 30. Ma'rz abgehaltenen Markte waren aufgetrieben 228 Pferde, 22 Fohlen und 141 Schweine. Der nächste Schweine- und.Kramer- mnrft findet am 26. April 1911 statt. Händlerschweine sind aus- geschlossen. _______________________________________________________

Eine Gewichtszunahme

die allgemeine geistige Entwicklung gesunden, mußte die Beibehaltung der altfränkischen Kleider der Väter zu einem Widersinn werden. So besteht denn schon heute in weiten Gebieten des Deutschen Reiches eine Volkstracht im eigent­lichen Sinne nicht mehr. Sic hat sich nur noch in einigen Gegenden erhalten, vor allem in Hessen, im Schwarzwaü), dem Spreewald, in Oberbayern und Tirol. Einzelne Trachteninseln ragen ans weiten Landgebieten, in denen auch ber Bauer schon unsere moderne Tracht angelegt hat, hervor, so auf Rügen, in Hinterpommern, in der Lausitz, in Mtenbnrg, im bayrischen Franken und im Elsaß. Das Voll sagt sich instinktiv los von der Tracht der Ahnen, weil sie ihm als ein trauriges Wahrzeichen seiner eigenen Mck- srändigkeit erscheint, und die Begeisterung, die die Städter für die alten Kostüme an den Tag legen, trägt nur dazu bei, sie dem Bauern innerlich immer mehr und mehr zu ent­fremden. Symptomatisch ist dafür eine Geschichte, die ein Trachtenforscher von der tschechischen Tracht in der Täufer Gegend berichtet:Ich habe gehört, daß chodische Männer, denen man ihre Tracht lobte, ihnen sagte, sie mögen sie beibehalten, schätzen und in Ehren halten, sich äußerten: Ihr Herrenleute wollt, dnß wir ewig die dummen Bauern bleiben. Was Ihr anzieht, können wir auch tragen. Kleiden sich die Städter in Volkstracht, um derjelbeu Schätzung zu erweisen, so sagen manche Bauern: Seht Ihr, man macht sich aus uns einen Narren."

Neben diesem allmählichen Schwinden der bäuerlichen, in sicl) abgeschlossenen Eigenart und des bäuerlichen Selbst­gefühls sind es Ursachen mehr lokaler Art, die das Aus­sterben alter Trachten bewirken. Tie Herstellung einzelner Trachtenstücke wird nicht selten ängsllick) als Geheimnis gehütet, und mit dem letzten Kenner, der letzten Kennerin dieser Kunstfertigkeit sinkt ein solcher Teil des Kostüms für immer dahin. So war z. B. in einer Gegend des Schwarzwalds nur eine einzige Person imstande, die dort üblichen Bollenhüte anzuferttgen, und alle Versuche, sie dazu zn bewegen, eine Schülerin in ihre Wnste cinzuweihen, scheiterten an der Furcht vor der drohenden Konkurrenz. Aber der alte Spruch:Sclbstges von neu, selbst gemacht.

ist die beste Baueruiracht" verliert überl>anvt immer mehr an Geltung. Das Spinnen und Weben zu Hause ist der leistungsfähigeren Maschine unterlegen; die billige Fabrir- ware siegt über das selbstverfertigte Kleid. Der Hausierer bringt wohlfeile Dutzendsachen ins Haus, und seine bunten Tücher, seine Bänder und Modestoffe verdrängen den Schmuck, den noch die Großmutter mit fleißigen Händen sich selbst zu schaffen wußte. Schon Moser hat im 18. Jahr­hundert in seinen von Goethe gepriesenenPatriotischen Phantasien" gellagt, daß diePackenträger" die guten, ein­fachen Sitten des Landvolkes auch in der Kleidungsweise verdürben. Diese danials in den Anfängen begriffene Ent­wicklung ist heute im wesentlichen vollendet: an die Stelle des kleidsamenStülpchens" ist das bunte Kopftuch, an die Stelle des Mieders die städtische Bluse getreten.

Wie sich das Schwinden der Volkstracht allmählich voll-- zieht, erläutert der Verfasser an einem Vorgang in seinem heimischen B^iri, dem Kreise Biedenkopf. Die hier ursprünglich herrschende Tracht ist die hessische oder Mar­burger. In einem gewissen Zeitpunkt wurde es aber Mode, dir Haartracht zit ändern. Während bis dahin das Haar nach oben gekämmt war und die Zöpfe auf dem Scheitel in einem fuge nanntenSchnarz" zusammcngelegt wurden, trug man nun das Haar in der Mitte gescheitelt und die Zöpfe am Hinterkopf aufgesteckt. Infolgedessen konnte das kleid­same, aufrecht stehende Mitzchen (Stülpchen") nicht mehr getragen werden. An seine Stelle trat ein einfaches Kopf­tuch, und bahiit war schon die ganze'Erscheinung vollständig verändert. Nun ging die Umbildung langsam weiter. Die Röcke wurdet: zunächst in bei- Sonn tagsklcidung verlängert, bie Jacke änberte ihr Aussehen unb würbe schließlich zur stäbtifchen Bluse. Die zunächst so geringfiigige Umformung ber Haartracht hatte also bas Verschwinden der Volkstracht zur Folge gehabt. In anderen Fällen brechen die Bauern raiutal mit ber Bolksrtacht unb legen Mobekleidung jin; Reste erhalten sich bann noch in ber Trauer tracht ober ber Abenbrnahlsklcibung ober in einzelnen Meibungsstücken.