Drittes Blatt
16L Jahrgang
Nr. 86
Giehener Anzeiger
Erschetot Ülgvch mtt Wulew^me frtl t>«nnta|<
General-Anzeiger für Gberheffen
Die „Oiehever Fa«Me»dlStter^' werden dem »Anzeiger* öiermal wöchentlich beigelegt, ba6 „KrtUblatt für de» Kreis Giehev" iroetmal wöchentlich. Dte .^«»-»trtlchastllche» i* erscheinen nwiattid) zweimal.
Dienstag, N> April M
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Ä. Sange, Lietzen.
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Aus Stadt «nd Land.
Gießen, 11. April 1911.
** Männer-Turnverein. In der am Samsttvg abgehaltenen Frühjahrs-Hauptversammlung er stattete zunächst der 1. Sprecher Rechtsanwalt Kaufmann Bericbt über das abgelaufene Vereinsjahr. Aus diesem Berichte war zu entnehmen, daß die Zahl der Ehrenmitglieder 16, der ordentlichen Mitglieder 341, der Zöglinge 42, der Frauenabteiluryg 37, der akademischen Riege 19, der Schülerabteilung 83 und der Militärabteilung ö6 betrug. Die verschiedenen Veranstaltungen in Gau und Kreis brach tcn dem Vereine zaUreiclse turnerische Erfolge. Den Mittelpunkt der Vereinsfestlichkeitcn bildete das 25jährige Stiftungsfest, das allseits, besonders auch aus den Kreisen der Gießener Bürgerschaft tatkräftige Unterstützung fand. Das Anturnen wurde in etwas größerem Rahmen wie sonst gefeiert. Die Fechterriege hat chre ersten Kränze im Einzelwettfechten auf dem Gau- und auf dem .^breis turn fest erworben. Auch auf dem Feldbergfest, Spichererbergfest und auf der Waszerkuppe wurden Preise errungen. Wie aus dem Berichte des 1. Turnwarts hervorging, wurde an 75 Abenden mit zusammen 3673 Turnern, also durchschnittlich mit 49 Turnern am Abend geturnt. In der Frauenabteilung turnten durchschnittlich 22 Turnerinnen, in der Schülerabteilung 53 Schüler, im Durchschnitt. Hohe Anorderungen an die Turner stellte besonders das Stisttmgs- est, wobei besonders die von 60 Turnern gestellten Leiter lyramiden und das Festspiel hervorzuheben sind. Auf der Gauturnfahrt, dem Gauturnfest und dem Kreisfest usw. wurden im ganzen 48 Ehrenurkunden und 17 Kränze errungen Die Rechnungsablage ergab in Einnahme 3888.18 Mk., in Ausgabe 3888.28 Ätk. Die Wähl des Dnrrrrates hatte folgendes Ergebnis: Es wurden gewählt als 1. Turnwart F. Löb ermann, als Zeugwart W. Georg, als 2. Sprecher W. Weis, als 2. Schriftwart C. Fix, als 2. Turnwart W. Gerhard, als Gegenrechner Gg. Todt, als Beisitzer E. Bürk und C. Schwarz, als Fechtwart (Äg Z ör b und als Spielwart R. Leisler. Ms Sommerfestlichteiten wur- den neben den Veranstaltungen des Bezirks und Gaues fest- gelegt: Am Karfreitag Durngang nach Braunfels, am L^immelsahrttag nach Büdingen, Ronneburg, Gelnhausen, am 11. Juni Eilbotenlauf vom Hoherodskopf nach Gießen, am 18. Juni Familienabend im Hotel Schütz, am 16. Juli Sommerfest im Philosophenwald, am 10. Sept. Turn gang Uber Hochrvart, Annerod usw. nach Laubach, am 1. Oktober Schauturnen mit Familienabend. Wer von den vorge- sehenen Turngängen, einschl. der des Bezirks bezw. Gaues mindestens fünf mitmacht, soll als besondere Auszeichnung die in der deutschen Durnerschaft eingeführte Turnernadcl erhalten. Mit einem „ßlut .Heil" auf die deutsche Durnsachc schloß dar 1. Sprecher die sehr anregend verlaufene Bersamm-- lung
** Von der neugegründeten Baugenossenschaft wird uns geschrieben: Bis jetzt ist von keiner Seite behauptet worden, daß eine allgemeine Wohnungsnot in Gießen bestehe oder in baldiger 2luSsicht stände. Tatsache ist aber, daß an kleinere Wol)irungen ein absoluter Mangel in zwiefacher Hinsicht besteht. Erstens ist die Anzahl der kleinen, den hiesigen Berhalknissen angepaßten Wohnungen in Gießen gegenüber der Nachfrage viel zu gering, so daß man in dieser Beziehung sehr wohl von einer Wohnungsnot sprechen kann. Hierzu kommt noch, daß eine kinderreiche Famüie noch viel mehr unter dieser Kalamität $u leiden bat. Die Gründe hierfür braucht man wohl nicht auseinanderzusetzen. Zweitens werden für die kleinen Woh- mtngen derartig außerordentlich hohe Preise verlangt, so daß hierfür bei einer gering bemittelten Familie bis zu 30 Prozent des Einkommens und vielfach darüber verausgabt werden. Hiermit soll nicht gesagt sein, daß in allen Killen eine direkte Ueberforderung des Hauseigentümers vorliegt. Man betrachte sich nur eimnal die im vorigen
Jahre errichteten 13 Wohnhäuser und die in denselben befindlichen Wohnungen nur etwas naher und man wird obige Angaben nur bestätigt finden.
LanötrclS Gießen.
"4 Lich, 10. April. Lange hat sich hier der alte Fe stungswall erhalten, als ein Wahrzeichen unserer Stadt, das viel aus vergangner Zeit erzählen Eann. Früher, besonders in den Zeiten des 30jährigen Krieges ein sicherer Schutz des frieblidfcn Bürgers, sind jetzt Maner, Graben und Wall ein will- schastliches Hindernis geworden. Sie müssen der sollsclw«üenden Entwicklung rocübcit. So verschwindet nach und nach ein Stuck „Alt-Lich". T-er Graben liegt schon lange trocken: die Mauer ist mir nod> stellenweise erhalten. Run fällt allmählich and) der Festungswall. An der Südostseite der Stadt, wv er sich dem von der Bahn Tommcnben Fremden gleick^ nach dem Ueberschreiten der Wetter noch bis in die letzte Zeit vollkommen zeigte, ist er jetzt größtenteils abgetragen und in landwirtsdmftliches Gelände iimgewandelt worden; nur das mit stattlichen Ahornbäumen be- vflanzte Rondell am „Untertor" wird als geschichtliche. Erimierung erhalten bleiben. Richt anders ergeht es denr Wall auf der Nord feite der Stadt, wo er sich noch am stattlichsten präsentiert. Rur, das; hier der „geschichtliche Boden" einem industriellen ftnter- nehmen, den Lower Tonwerken, das Rohmaterial liefert, und so mir allmählich, aber doch stetig zum Opfer fällt!
= Geilshausen, 10. April. Die Eheleute Steinhauer Heinrich Sauer III. werden zu Osteru das Fest der silbernen Hochzeit feiern.
Kreis Lauterbach.
= Lauterbach, 10. April. Das Spießhaus wird doch abgerissen. Der Gießener Anzeiger brachte in Nr. 30 vom 4. Februar einen Artikel, der Eigentümer des Spießhauses, Spediteur Günther hier, beabsichtige, das baufällige Geburtshaus des Turnlehrers Spieß demnächst abzubrkchen und an dessen Stelle einen Neubau zu er richten. Hierauf brachte ein Lokalblatt unter dem Titel „Falsche Nachricht" eine Gegennotiz, daß man sich wundern müsse, wie eine solche Nachricht, der man die llmvahrheit schon von weitem anmerke, kritiklos Aufnahme in die Blätter finde, trotzdem in der Mitteilung selbst zugegeben wird, daß der Besitzer des Spießhauses die Niederlegung desselben bei den zuständigen Behörden beantragt habe Zum Beweis der Richtigkeit der ersten Meldung sei jetzt nochmals mitgeteilt, daß das Spießhaus nach Angabe des Besitzers mit aller Bestimmtheit doch niedergelegt wird und zwar schon bald. Der jetzige Besitzer hat das neben dem Haus stehende alte Spritzenhaus von der Stadt erworben um das Baugelände zu vergrößern. Allerdings hat er sich in uneigennütziger und dankenswerter Weise bereit erklärt, die Fassade des neuen Gebäudes der des alten Gebäudes eirtsprechend zu gestalten.
r. O be r M o o s, 9. April. Hier ereignete sich gestern ein schwerer Unglücksfall, indem die beiden Jagdhunde zweier Forstpersvnen die zum erstenmal angespannten vier Kühe des Landwirts Schäg anfielen. Der Fuhrmann, hatte Fichten geladen und fuhr gerade in einem engen Hohlweg, wv er vor dem Gespann hergehen mußte Als sich die Hunde mit lautem Gebell dem Fuhrmann näherten, wurden die Kühe scheu und gingen durch. Schäg kam unter den Wagen und wurde schwer verletzt nach Hause gebracht. Die Kühe waren übereinander gefallen und wurden zum Teil ebenfalls verwundet.
Kreis Schotten.
r. Schotten, 10. April. Heute starb im Aller von nahezu 86 Jahren der älteste Einwohner Konrad Nies. Er war noch sehr rüstig und hätte am 28. September die diamantene Hochzeit gefeiert.
Kreis Friedberg.
L. Friedberg!, 10. April. Heute morgen wurde mit den Erd arbeiten zum neuen Gewerbeschulgebäude hier begonnen. Die Stadt hat den Bauplatz in der Mainzer- Tor-Anlage gestellt. Der Bauplan ist von dem Vorsteher der Schule entworfen, der auch den Bau leitet. Der Voranschlag
lautet auf 90000 Mk. Ein hiesiger Bürger hat 50000 Mk. zu 33/4 Proz. zum Bau gegeben, welck)e isumnte testamentarisch nach seinem Tode an die Gewerbeschule übergeht.
Startenburg und 'Jittcuiljcncn.
d Mainz, 10. April. Ilm das Luftschiff von Z epp elin zu sehen, war heute nachmittag der verheiratete Werkführer Ludwig Martin, der auf dem Hobel- und Sägewerk der Firma Oberster auf Ler Ingelheimer Aue bc> fdmftigt ist, auf das Dach des tMschinerchauses gestiegen. Bei seinem Ausschau nach dem Luftschiff bekam Marti» plötzlich eilten Ähwindelanfall und stürzte vom 2. Stock hinab auf den Hos. Er erlitt einen Sdmdelbruch und wurde in bewußtlosem Zustande ins Hospital gebracht. Er dürste mit dem Leben schwerlich davon kommen.
Hessen-Nassau.
[1 Marburg, 9. April. Nachdem die Bemühungen bec Heeresoellvaltung, Gelände für einen Exerzierplatz im Schröder Feld zu erwerben, als gesckteitell zu betrachten ftn», weil die Schröckcr Landwirte sich einstimmig geweigert haben, scheint man jetzt fiskalischen Grund in den Üahnbergen, der unmittelbar an den seitherigen Exerzierplatz des Jägcr- Bataillons grenzt, dazu in Aussicht genommen zu haben. Wit den Vermessungen ist bereits begonnen worden.
Wandern und Reisen.
** V. H. C. Am Sonntag itnterroabm der Vogelsbevge» Höhen-Club, Zweigverein Gießen, seine erste Vereinswandcrung 1911/12 und zwar vom Lumdatal zum Ohmtal. Das herrliche Frühlingsweller Halle eine große Wandersdur beiderlei Gesdilechts <85 an der Zahl' auf die Beine gebracht und so ging es von Allend 0 rf, bis wohin das für Gießen so „teuere" Bähnchen benutzt würbe, fröhlichen Sinnes durch Wald und Flur in bat lachenden, blühenden Frühling hinein, lieber Nordeck, vorbei an seinem hoch gelegenen Sdssosse und Ober-Dreihausen, wo die erste Raft ersolgte, führte die Wanderung durch den Ebs- borfer Grund nach dem lieblich gelegenen Holzhausen, wv bet prächtige Stnmmsche Park nebst Schloß, Neu-Potsdam genannt, einer gebührenden Besichtigung unterzogen wurde. Das nächste Ziel War das auf mächtigem Basaltkegel liegenbe Amöneburg, dessen Besteigung bei der allmählich herrschenden Hitze rocht ungemütlich würbe. Reichlich entschädigt wurde man aber durch den herrlichen Rundblick, den man bei der selten klarem Luft von den Ruin cm. des ehemaligen Klosters weit hinaus in bas Land genoß. Aus dem Wege zum Endziel Kirchhain würben and) noch zwei historischen Stätten Besuche abgestatM und zioar dem Friedens stein, wo während des siebenjährigem .Krieges die letzten Schüsse gewechselt worden seien und der Lindauer Kapelle, die von Bonifatius erbaut und zur Taufe der ersten Ehristen verwendet worden sein soll. Von Kirchhain, bat freundlichen Kreisstädtchen, erfolgte nach genügender Stärkung int Vahnhofshvtel die Heimfahrt. — Bemerkt sei noch, baß sich unter ben mit einer Llus Zeichnung bedachten fleißigen Wanderern des letzten Jahres Herr Emil Kinkel (nicht Küchel) befand.
Getreide-Wochenbericht
bet Preisberichtsstelle des Deutschen LanÄvirtfthaftSrats vom 4. bis 10. April 1911.
Fast in ganz Europa vollzog sich zu Beginn der Woche ein schroffer Wittern ngsweässel. Nacljdem noch der Sonntag frühjahrs- mäßig warm gewesen war, trat bereits in der daraus folgenden Nacht scharfer Frost und in vielen Gegenden starker Schneefall ein. Das Wetter behielt dann während des größten Teiles der Berichtswoche feinen rauhen Charakter, und erst zum Schluß wurde es etwas milder. Die Befürchtung, daß durch die ziemlich empfinblttben Nachtfröste die Saaten gelitten haben dürsten, war der Anlaß für die festere Stimmung, die von Roggen ausgehend sich im Verlaufe auch dem Weizemnarkte mitteilte. Aut letzterem wirkte zunächst die schwache Halllmg des Auslandes und die Nachgiebigkeit der Exportländer der von den Witterungsverhältnissen ausgehenden Bcsesllgung entgegen. Als bas Ausland aber bet deutschen Anregung folgte und Argentinien seine Forderungen unt mehrere Mark hinauf setzte, gewann die feste Tendenz das lieber gewicht, zumal bas kalte Wetter im Jnlande .U'aufluft angeregt hatte und Die Importeure infolgedessen gleichfalls mehr Interesse an den Tag legten. Nicht unbeachtet blieben übrigens auch Klagen über den Saatenstand in Rußland und über die Verzögerung der Frühjahrsaussaat, die in bicfem Lande von besonderer Wichllgkeit ist. Im Lieferungsgeschäft belferten sich die Preise um
Zur Verhütung der Masern.
Die Masern haben ben für die Wissenschaft peinlichen Rühm, tine der am weitesten verbreiteten Krankheiten zu fern, bereu Erreger bis aus den heutigen Tag noch nicht entdeckt worden ist. Vielleick't hat der Umstand, baß nur verhältnismäßig wenige 1 Menschen auch unter den Kindern an dieser Krankheit sterben, oazu geführt, baß die ihr gewibmete Aufmerksamkeit nicht so leb- ! hast gewesen ist wie bei andern ansteckenden Krankheiten, die eine ,näßere Gefahr bedingen. Auch der Umstand, baß eine einmalige Erkrankung in den meisten Fällen einen bauernden Schutz verleiht, mag in derselben Richtung mitgewirEt haben. Jmmerhrn lft diese Lücke unseres Wissens um so mehr zu bedauern, als die Masern zu den ansteckendsten von allewLeiden gehören, und in dieser Hm- 1 iichl nur mit den Pocken und dem echten T h p h u s verglichen 1 merben können. Schließlich bars der Mensch heute nicht mehr so 1 selbstsüchtig denken, daß er gleichsam nur sein eigenes Haus vor . Gefahr schützen will. Er muß es vielmehr als eine Schmach be- i trachten, datz durch die Einschleppung von Masern aus Europa nad) fernen Ländern und besonders nach ben Inselgruppen der Südsee Epidemien erzeugt worben sind, bie an deftig Feit mit jeher anderen Seuche wetteiferten. Das bekannteste Beispiel ist die Masem- ejnbemie auf ben Fidschi-Inseln, wo im Jahre 1875 in 4 Monaten 40 000 Eingeborene starben, deren Gesamtzahl überhaupt nur 150 000 betrug. Diese Tragödie ist der stärkste Beweis dafür, wie verheerend Kraickheiten, bie in andern Ländern als vergleichsweise harmlos gelten, unter Völkern auftreten, denen sie bis dahin ganz unbekannt gewesen waren. Da ähnliche Fälle noch jetzt jederzell eintreten können, so sollte die Bekämpfung der Masern in jedem Laube mit möglichster Tatkraft betrieben werben. Die darauf gelichtete Arbeit wirb dem Menschen von der Natur sehr erleichtert. Der Erreger der Masern, wie er auch beschaffen fein mag, ist jedenfalls ein empfindliches Wesen, das schon durch Sonnenlichtund frische Luft getötet werden kann, ganz zu geschweigen von eigentlichen Desinsekttonsmilteln. Es müßte also sehr wohl möglich ’eiit, die weitere Verbreitung der Masern zu verhindern, wenn eine Erkrankung cüigetreten ist. Dte Schwierigkeit besteht nur *irht, baß die Ansteckung aoberer Familienmitglieder gewöhnlich bereits erfolgt ist, wenn der unverkennbare Hautausschlag tei einem von ihnen sid, erst zu zeigett beginnt. Dennoch läßt Isich >’.e Ansteckung wahrsclieinlich meist vermeiden, wenn die ersten Merkmale der Krankheit genügend beachtet werben. Tiefe be- i'tdjen gewöhnlich in schnupfenartigen und katarrhali- ' ch«n Erscheinungen, die zunächstz ben Folgen einer gewöhnlichen
Erkältung gleichen. Gerade während dieser Zeit ist infolge der starken Aussdieidungen der Nase und des Schlundes die Ansteckungsgefahr besonders groß. Daher sollten es sich Eltern zur Pflicht machen, ein Kind schon bann von seinen Geschwistern zu trennen, wenn es noch nicht sicher ist, ob es nur an einer leichteren Erkältung ober an Masern erkrankt ist. Hat der Hautaus schlag sich zu zeigen begonnen, so ist es dazu eben gewöhnlich zu spät. Der Kranke sollte also möglichst bald an einen entlegenen Raum gebannt und nur von einer einzigen Person bedient und gepflegt werden, die schon eine Masernerkrankmig hinter sich hat. Dem Arzt sollte ein leinenes Ueberfleib zur Verfügung gestellt werben, bas er nur in dem Krankenzimmer selbst trägt und bei seinem Verlassen wieder ablegt Vor allem muß aber für eine gründliche Desinfektion aller Gegenstände Sorge getragen werden, bie mit dem Kranken in Berührung gekommen sind. Bücher und Spielzeug find am besten ganz zu vernichten. Die Zeit der Absperrung muß auf wenigstens drei Wochen bemessen werben, wenn feine Verwichungen eintreten. Das Krankenzimmer selbst muß danach besonders gründlich gelüftet und der Sonne ausgesetzt, außerdem noch mit Formaldehyddämpsen desinfiziert Werden.
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— Die großen Damenhüte in Alt-Berlin. Bor kurzem ist der Versuch gemacht worden, gegen bie Damenhute im Theater polizeiliche Maßregeln durchzufetzen. Es'gibt indessen nichts Neues unter der Sonne Berlins; auch die Klagen über die großen Hüte find alt. Schon die „Chronik von Berlin" forderte, wie der B. B. C. mitteilt, im Jahre 1789 ein Verbot der großen Damenhüte im Theater. Die Epistel leiten folgende Sätze ein: „Ein anderer Quell, wodurch viele Unannehmlichkeiten entstehen, zum Theile auch entstanden find, ist die Mode bet großen Frauenzimmer-Düthe. Bekanntlich hat, im Durchschnitt genommen, das schöne Geschlecht vor dem männlichen den Vorzug, baß es sich seht putzt. Manches Frauenzimmer besucht bloß solche öffentlichen Plätze, entweder die Pracht unb Staat zu zeigen, oder Bemerkungen über andere Damen anzustellen, ob diese Besser, geschmackvoller angezogen sind, aud) vielleicht etwas neues auf die Bahne gebracht haben." Weiter heißt es: „Unb müssen denn solche Feedern-Thürme unb Lustkugeln fein? Gibt es nicht viele huntertlci Allen von Kopfputze? Sollte es etwa ben Damen ober ihrem Friseur an Erfindungen feUen, so dürfen sie nur Bettuchs Moben-Joumal nachschlagen. Da werben sie allerliebste Sächelchen finden. Mit Freude entdeckte ich, daß ein andere Damen-Gattung sich ebenfalls ün ersten Range fand, i welche bat allgemeinLN Mode Ton nid)t angeftimmt hatten. Sie
waren nrit Gescknmcke unb einfach, mit herabfallenden Locken frisiert. Ein Blümchen, ein Steinchen wirft oft mehr auf das männliche Hetz als der allergrößte Kopfputz." Der Verfasser des Aufsatzes verlangt schließlich, daß die Damen nicht mehr mit solchen „Federbüschen unb Hüten" erscheinen, und der „Directeur des spellaeles" Anordnung treffen sollte, baß bic Kadetten ruhig sitzen blieben. Diese hatten nämlich wiederholt bie Vorstellung mit Rufen „Hut ab" gestört, weil sie hinter dem Riefenhüten bet Damen nichts sehen konnten. Man kann hieraus sehen, daß bie großen, mit riesigen Federn geschmückten Damenhüte schon vor 120 Jahren in Berlin denselben Unwillen hervorriefen. Wie ihre heutigen Nachahmungen, daß aber gegen die Mode schon damals genau so vergeblich angekämpft wurde, wie heutzutage.
— Parlamentarische Rebeblüten. Ein fleißiger Sammler parlamentarischer Redeblüten stellt der „B. Z. a. M." neue Proben zur Verfügung, von denen hier einige wiebergegeben seien:
Ein fRebner der Reichspartei vergleicht angesichts der übergroßen Zahl von Resolutionen zum „Reichsamt des Innern" ben Wettlauf der Palleten mit einem Pferderennen und meint: .Hierbei kommt nicht das beste Pferd als erfted an Zill, sondern dasjenige, bas am meisten agitatorisch tätig ist."
Ein Zentrumsabgeordneter urteilt: „Bei ben neuen Steuern hat bie breite Schul ter des Bieres naturgemäß eine erhebliche Last zu fragen."
Ein nationalliberaler Gegner der Braufteuer schildell deren verhängnisvolle Wirkung: Solche Fabllken müssen einfach die Bude zumachen, wenn sie überhaupt noch exiftieren wollen." Ein andermal sprach derselbe Redner von ben Schuhfabrikanten allerklein ft en Umfangs. Bei anderer Gelegen- Ijeit meinte er: „Der Wellzoll für Tabak brande nicht immer bei seinen schwankenden Einnahmen nach oben gravitieren, er kann auck nach unten uns Kopfschmerz en m a ch en "
Ein Sozialdemokrat sprach neulich von Leuten, bie jahrelang mit dem ganzen Körper das Zuchthaus gesfreist hätten.
Auch vom Regierungsttsche her geschehen derallige Entglei-> fungen. So meinte der frühere Reichsschatzsekretär, der I u l i u s- turm sei im Falle einer Mobilmachung nur ein Tro vfen- auf einem heißen Stein, und einem früheren Kultusminister wirb nachgesagt, er habe die Universitäten be- zeichnll als rohe Eier, la um greife man sie an, bann stellten sie sich ach die Hinterbeine unb wehrten sich.


