Sönftes Blatt
Nr.84
lbf. Zahrgang
Gießener Anzeiger
Erscheint 12-Uch mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheffen
Die „Siehener FamlNenblStter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Krtisblait ffir den Kreis Eietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monaUich zweimal.
Samstag, 8. April I9fl
Rotationsdruck und Verlag der BrühNichen UnioerfuätS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuf- straße 7. Expedition und Verlag: e=8®> 51.
Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AnzergerGießen.
Die auswärtige Politik Im französischen Senat.
Die gestern schon mitqeteilten interessanten Auseinandersetzungen im französischen Senat tverden durch folgende Meldung ergänzt:
Paris, 7. April. (Senat. Fortsetzung.) Samar-’ teile (Rechte) führte aus: Die Annexion Bosniens und der Herzogewina bedeute die Rückkehr zur Politik Bis nrarcks. In Potsdam erhielt Deutschland die Unter stützung Rußlands in der Bagdadbahnfrage, und es stehe im Begriff, seine Hand auf jene reichen Gegenden zu legen, 'Tdo es der englischen Produktion Konkurrenz machen werde. !T>ie Bagdadbahn ziele aus Aegypten und Indien hin. Neber 1 baS zukünftige Gleichgewicht der Welt werde in Konstant! nopel entschieden. England habe die Partie verloren und seine Niederlage hingenommen. Lamarcetle kam dann auf die letzte Rede des Reichskanzlers zu sprechen und führte aus, die Schiedssprechung für alle vitalen Fragen sei völlig ausgeschlossen Neberall wachsen die Kriegsbudgets, ilber- all bestehen drohende Anzeichen für einen Krieg. Der Durchstich des 'Isthmus Panama kann leicht zu einem schrecklichen Kriege führen. In Europa besteht außer der etf aß- lothringiscken Frage die Orientfrage, ein englisch- deutscher Konflikt ist unvernrcidlich. Der Augenblick ist schlecht gewählt, um über Pazifismus zu sprechen.
R i b o t legte Verwahrung gegen den Pessimismus Lamarcetles ein. Das Bündnis mit Rußland bestehe und werde im Interesse Frankreichs weiter bestehen. Das Bündnis und die Entente cordiale seien für Frankreich eine Quelle der Kraft. . Wenn es wirklich den Anschein hatte, als ob sich das Bündnis mit Rußland lockern werde, so sei es unnötig, das zu unterstreichen. Die Tragweite der Potsdamer Begegnung habe man übertrieben. Man wies daraus hin, daß Rußland sich zum persischen Golf wende um nach Indien zu marschieren. Das seien Einbildungen: die Dinge lägen einfacher. Die Bagdadbal)n interessierte Rußland immer, und es sei ganz natürlich, daß es sich mit Deutschland hinsichtlich Persiens verständigte, ebenso wie Frankreich mit Deutschland hinsichtlich Marokko es getan habe. Was Marokko angehe, sei die richtige Politik die, den Sultan zu halten und ihn mit Geld und Instrukteuren dabei zu unterstützen, die Ordnung in seinem Lande aufrecht zu eryalten. In Europa fei die Lage ruhig; Italien, Oesterreich Ungarn und Deutschland seien freundlich gesinnt. Die Streitigkeiten wegen der Fremdenlegion seien oberflächlich. Bezüglich der Schiedsspreckiung führte der Redner aus: Frankreich sei friedfertig, es Dürfe es aber nicht zu taut sagen. Man müsse Frankreich stark und entschlossen machen, um seinen Rang in der Welt zu behaupten. Mit dem.Bündnis und d>er Entente cordiale könne Frankreich eine große Rolle in der Welt spielen unter der Voraussetzung, daß cs sein Selbstvertrauen bewahre.
Der Mi nist er des Aeußern, Cruppi, führte aus: Trotz des Wechsels der Minister bewahrte unsere auswärtige Politik ifrre Stetigkeit und befestigte dadurch in hohem Maße die Sicherheit und Größe unseres Landes. Als ich die Geschäfte des Ministeriums übernahm, bot die Lage Frankreichs hont Gesichtspunkt der auswärtigen Politik gewisse Schwierigkeiten, aber es wäre starke Uebertreibung, von Beklemmungen oder selbst von Besorgnissen zu sprechen. Mein höchstes Ziel wird daraus gerichtet sein, daß Frankreich in der Welt stark ba|‘tef)t. Wenn die Lage in Fez schwieriger werden sollte, so loerden wir im Rahmen der Algeciras Akte alle Maßnahmen treffen, die notwendig sind, um die Sicherheit der Europäer unb unserer Landsleute zu gewährleisten. Unser Bündnis mit Rußland besteht unverändert fort. Die Entente Cordiale ist weiterhin eine der 5?auptgrundlagcn unserer auswärtigen Politik. Rufe: Sehr gut!) Mit Deutschland befolgen wir eine Politik des Zusammenwirkens überall da, wo wir gemeinsame Interessen haben, wo wir unsere besonderen Interessen zu verteidigen haben, werden wir cs mit Mäßigung und Festigung tun. In der Türkei werden wir fortfahren, uns den liberalen Einrichtungen des neuen Regimes shstcmatifch
gegenüberzustellcn. Wir sehen keinen Uebelstand darin, wenn die sranzösifckxm Ersparnisse im Orient angelegt werden, unter der Bedingung, daß es in einer Weise geschieht, die mit unseren Interessen in jenen Gegeitden übereinsirmnten, die auch übereinstimmt mit beit moralisck>en Verpflichtungen, die uns unsere Lage in Europa auferlegt. t
Sodann betonte der Minister, einen wie großem Anteil Frankreich an der Jubelfeier Italiens nehme und drückte die brüderlichen Gefühle FrankreiM für Italien aus. Der Abg. Lamarzelle bebauerte, daß das Haus keine Antwort auf bestimmte, an die Regierung gerichtete Fragen erhalten habe und verlangte eine genaue Auskunft über die als Instrukteure in Marokko tätigen französischen Offiziere. — Der Minister dcS Aeußern, Cruppi, verlas hierauf eine Note Pichons, ivelchc die Stellung dieser Offiziere regelt und fuhr fort: Wir haben eine Militärmission in Fez. Unsere Offiziere sind Instrukteure und führen die Truppen int Kampfe. Tas Heer des Sultans befinde sich gegenwärtig etwa 8 Stunden von Fez entfernt mit 20 bis 30 Instrukteuren, die die Kämpfe leiteten und heldenmütig ihre Pflicht täten als französische Offiziere, die glcid> zeitig Zivilisatoren seien.
Der Senat nahm schließlich mit 253 gegen 26 Stimmen die Tagesordnung an, in der die Erklärungen der Re gierung gebilligt und ihr das Vertrauen ausgesprochen wird, daß sie eine den Bündnissen, Freundsckrasten und Interessen Frankreickfs entsprechende, kluge Politik befolgen werde.
Aus Stadt unö Land.
Gießen, 8. April 1911.
2.11. Landesuniversität. Professor Dr. Ludwig Schlesinger, der als Nachfolger des ordentlichen Pro fessor-? * * * * s-'r Mathematik Geh. Hofrat Dr. Pasch mit Wirkung vom inmenden Sommersemestcr an unsere Universität bc- rusen ist, /vird in diesem Semester folgende Vorlesungen halten- Synthetische Geometrie, dreistündig: Einführung in die Theorie der elliptischen und automorphen Funktionen, vierstündig: Hebungen des mathematischen Seminars, einstündig.
•• 4 u n ft o er ein. In der Gemälde-Ausstellung am Brand hat wieder ein vollständiger Wechsel der Gemälde statt- gesunden. Profesior HanS v. V ol km a n u - Karlsruhe hat eine Kollektion Landschaften ausgestellt. Mit einer stattlichen Serie interessanter Dorfszenen aitS dem Schwälmer Grund ist Thielmann-Willingshausen vertreten. Ernst Eimer- Frankfnrt zeigt dieseSmal einige schöne Interieurs, Landschaften, Blumenstücke und Märchenbilder. Nach langer Pause hat wieder Richard Scholz die Ausstellung mit einem großen Gemälde beschickt und Karl Oenike-Berlin hat schöne Aquarelle, Motive auS der Niederlausttz, aufzuweisen. Auch die einheimische Künstlerin Marie Felchner, hat fvieder ein schönes Porträt ausgestellt. Die diesmalige Ausstellung ist sehr vielseitig und zeigt außer Oelgemälden Aquarelle, Radierungen und Zeichnungen. Ihr Besuch kann aufs angelegentlichste empfohlen werden. Gleichzeitig sei daraus hingewiesen, daß einige von den neu ausgestellten Bildern nur big zum Montag und ein großer Teil anderer nur über die Dflerfeiertagc ausgestellt bleiben können.
** Stadttheatcr. Nochmals sei auf die morgigen Ausführungen von „FaustK hingewiesen, die die ores- jährige Spielzeit beschließen und zugleich den Abschied für einige Mitglieder bedeuten, wie z. B Fräulein Koch, die nach Leipzig geht.
** Dem Oberhes fischen Bienenzüchter verein wurde von dem Großherzog zu feiner bevorstehenden Jubi- läums-Wanderversammlung ein Ehrenpreis zugesaat. Tie Festoersammlung findet am 16. und 17. Juli d. I. in Gießen auf der Liebigshöhe statt und ist mit einer Ausstellung und Prämiierung lebender Bienen, bienenwirtschastlichen Erzeugnisse, Wohnungen, Geräten, und apiftischer Literatur verbunden. Pro vinzialdirektor Dr. Usinger hat den Ehrenvorsitz über die Veranstaltungen gütigst übernommen. In Abteilung 1 und 2 werden nur oberhessische Bienenzüchter zugelassen, während in
3, 4 und 5 auch Aussteller außerhalb Oberhessens zugelassatt iv erbat.
•• D ie Eisbereitung in der neuen Schlachthofs- aulage hat nach mehrfachen Versuchen gestern begonnen. DaS erste Eis, das nur aus Brunnenwasser hergestellt war, wurde glatt von unseren Metzgermeistern abgenommen.
** Die Sand g ässe, die bis zur Kirchstraße durch- gelegt ist, wird jetzt, soweit der neue Teil der Straße in Frage kommt, befestigt und hergesteblt. Wenn der neue StraßenMq erst bis zur Neustadt reguliert ist, hat man eine fehr bequeme Verbindung geschaffen, die jedenfalls gern benutzt werden wird.
"Die Osterferien beginnen heute an allen unseren Schulen. Durch die frühe Lage des Osterfestes im vergangenen und die späte Lage des Festes in diesem Jahre bat das abgelaufene Schuljahr sich um mehrere Wochen grien sonst verlängert.
Der diesmalige FeiertagSurlatlb für unsere Garnison ist vom 12.—20. dieses Monats festgesetzt. Außer den Mannschaften für die nötigen Wachen re. werden die Mannschaften sämtlich über Ostern zu Muttern entlassen.
** Der Bund der Versicherungs-Vertreter Deutschlands ,E. V., der in Deutschland bereits mit 40 Verbänden arbeitet, beabsichtigt, wie man uns schreibt, die hier ansässigen Versicherungs-Vertreter aller Branchen zu einem Verbände zusammcnzuschließen. Mit dem Versand des Propaganda-Materials an die hiesigen Vertreter ist bereits begonnen und außerdem wird der Generalsekretär des Bundes demnächst die Gießener Herren über das Wesen und den Zweck des Bundes durch Vortrag aufklären.
** Tas Verbrennen der Hecken und Raine im Frühjahr ist eine Unsitte, die gar nicht genug bekämpft werben kann. Unsere Singvögel 1 verben ihrer Nistgelegenheit beraubt, dazu lüirD den vielen Hecken- und Rainbewohnern wie Igel, Eidechse, Blindschleiche, Kröte u. a., meist der Garaus gemacht Mit allen Mitteln muß bas Verbrennen bekänchft und in Schule unb Haus dahin belehrend gewirkt ioerben, baß balb etwas mehr Natursinn unb Verständnis für des Menschen Freunbc aus der Tierwelt Platz greift. Leiber sieht man auch Erwachsene Den kleinen Sangern unb Ungeziefervertilgcrn ihre Schutz- uno Wofrw stätten zerstören.
** Postanweisungsformulare. Die Mitteilung, daß mit der Einführung der Formulare zu Postanweisungen mit an- hängendem Posteinliesernngsschein die älteren Postanweisungs- Formulare beseitigt werben sollen, trifft, wie wir von zuständiger '£>eitc erfahren, nickst zu. Die Formulare ohne Posteinliefcrungs- schcin, die zum Preise von 50 Psg. für 100 Stück bei allen Post- anftalten zu haben sind, können vielmehr auch Kinftig verwandt werben, wenn Postanweisungen auf Grund von Einlicscrungs- bü-chern ober Verzeichnissen eingetiefert werben, wogegen die neuen Formulare mit anhängendem Posteinlieferungsschein in erster Linie für Einzahlungen gegen Einzelcmittung bestimmt sind.
Landkreis 'Stetten
— Lich, 7. April. Die diesjährige Schlußfeier oer landwirtschaftlichen Winterschule 0 a frier wurde wieder wie früher in Dem Saale des Marienftiftes abgehackten und hatte sich eines zahlreichen Besuches zu erfreuen. Der Kursus war von 48 Teilnehmern besucht. Die Prüfungsordnung zeigte eine Neuerung, die darin bestand, daß die Prüfungsgegenstände erst unmittelbar vor der Prüfung vom Regierungsvertreter, bestimmt wurden. Trotz dieser Erschwerung nahm die Prüfung einen flotten Verlauf unb es wußten bic Schüler alle Fragen zu beantworten. Der Schlußfeier wohnten Lanbes-Oekonomierat M ü l l e r von Darmstabt unb Regierungsrat D r. Merck von Gießen bei. Nack>dem bie schönen Schulräumlichkeiten unb sehr reichlichen Lehrmittelsammlungen besichtigt waren, schloß bie Feier mit einem geselligen Zusammensein im Hollän bi selten Hof.
Kreis Schotten.
O Saubacfr, 7. April. Die nahezu 60 Jahre stehende alte Turnhalle wurde von Landwirt Kreiker in Wetterfeld zunr Preise von 100 Mark gesteigert. Sie wurde von diesem abgebrochen und soll als Scheuer bei seiner Wohnung wieder errichtet werden.
vom schönen Rhein.
Am freien deutschen Rhein bereiten sich Ueberraschungen vor. Schon seit längerer Zeck blickt man dort mit einiger Beängstigung nach der heiteren Elisenlwhe bei Bingen, wo im Angesicht der Niederwalbgermania ein Bismarckbcnkrnal errichtet roerben soll. Die Geschmacklosigkeit der ganzen Idcc lag von vornherein ziemlich offen zutage und wurde kaum durch bie Anteilnahme erster Künstler an bem Wettbewerb um bas Denkmal gcmilbert Auch nicht burch bic Prämiierung erster Künstler. Hermann Hahn-München erhielt zwar beit ersten Preis: doch dürfte man darin kaum mehr als eine Beschwiclstiguugsplänkelei für gutmütige Optimisten sehen. Tie Reserve allem gegenüber, was Kunst freit!t, konnte man deut lich aus den Worten des Herrn von Rheinbaben hcrausbören, die gelegentlich der Eröffnung der Ausstellung der Entwürfe in Düsseldorf fielen. Herr v. Rfreinbabcn betonte vor allem: „Von einem Nationaldeickmal für Bismarck müssen wir verlangen, daß cs direkt 3um Herzen des deutschen Volkes spreche, baß es keines Kommentars bedürfe. Es bars also kein Denkmal sein, bas ans Allegorien ober Sinnbolen besteht, sondern ein solches, dessen schlichter Anblick sofort in bas Herz bringt." Da aber Hahns preisgekrönter Inng-Siegsricd nun einmal eine symbolische Figur ist, so hat er damit seinen Hagcnstich an der verwundbaren Stelle weg. Herr v. Rheinbaben empfiehlt — ein Probedenkmal aufzustellen (Bitte, nicht lachen!) in billigem Material, aber in der Größe des beabsichtigten Originals. Unb darüber sollen bic Leute — das ganze Deutschland soll es sein! — ihr Urteil abgeben. Denn er will ,,mrr ein Denkmal, bas ber Zustimmung des ganzen Volkes Intb nicht mir eines geringen Teiles desselben fafra!) sicher sei". Herr v. Rheinbaben kennt auch bereits den.Gcsäpirack des Volkes, wie wir aus der Acußerung ersehen: „Das deutsche Volk verlangt (!), daß das Denkmal vor allen Dingen in'Harmonie stehen soll zu dem Denkmal Kaiser Wilhelms am Deutschen Eck unb zum Germaniadenkmai am Nicberwald." Herr v. Rfreiubaben meint auch, Bismarck hätte „als Erster" diese Forderung erhoben. Wir wissen nun leider nicht, wie Bismarck über Nationaldenkmäler dacktc, aber wir können uns nicht gut denken, baß -er je als Erster die Forderung erhoben hätte, dem vclbcnmädchen vom Nieberwalb gegenüber Schildwacke zu stehen. Was übrigens „bie Zuftim- ntuug des ganzen Volkes" betrifft (nric mag sich das nur Herr b- Nheiitlmbcn denken!\ so kontrastiert damit sonderbar bie offizielle Rachrickn, daß die endgültige Entscheidung über bie Wahl bes Entwurfs in Wiesbaden zur Zeit der Maifestspiele getroffen wer- den wird. Die gesamten Entioürfe, zurzeit in Düsseldorf, werden naaj Wiesbaden wandern und dort von Seiner Majestät besichtig! werben. Sobann wirb die Baukommission im Verein mit dem Kunstausschuß unb bem Preisgericht bort bie Entscheidung fällen.
Vielleicht wenden sich die Dinae, so schreibt ber Türmer, bahin, daß mir mit ber Zeit am schönen grünen Rhein eine Filial- Siegesallee bekommen werben.
— lieber Fahrscheine plauberte jüngst im „Neuen Wiener Tagblatt" anregend unb unterhaltsam Oskar Bespalee, ber ein Sammler von Fahrscheinen ber Straßenbahnen und Omnibusse ist und zutreffend bemerkt, baß man an den unscheinbaren, wertlosen Papicrchett allerlei Interessantes beobachten tarnt: benn in biesen prägen sich intime lokale unb sogar nationale Eigenschaffen aus. Dem Aufsatz seien einige Einzelheiten entnommen: bic farbenfreudigsten Kärtchen sind die ber ueapolitanisck)en Straßenbahn. Ta gibt cs herrliche blaue Tinten, bie unverkennbar ber
Färbung bes Meerwassers im Golf von Neapel abgelauscht sinb,
leuchtendes Rot springt einem in bie Slug eit (Ausbruch bes Vesuvs!, verschiedene gelbe Töne kommen vor (Drangen und Zitroneni, sattes Grün (Lorbeer und Myrten) usw. Wie blaß sind dagegen diejenigen ber Straßenbahnen von ganz Mttteleuropa! Und gar erst ber Norben. Grau, grau und wieder grau, höchstens, baß sich noch bic eine ober andere Stabt zu einem matten Ocker, zu einem Sepia aufschwingt.Unter ben verschiebenen Fahrscheinen gibt es lakonische unb rebfelige, solche, die ganz offen unb arglos auftreteu, unb hinterhältige, mitunter kommen sogar lehrhaft veranlagte vor wie bic von Hamburg—Altona, bic für gewisse Strecken folgcnben Text haben: „Hamburg—Altonaer Zentralbalm — Quittung über 2x 5= 10 Jsfg." Manche Scheine geben ineb- liefe Rätsel auf. Beispielsweise finbet sich ba ein älterer Fahr schein einer Trambahn, ber folgenbe rätselhafte Inschrift enthält: „.Hülfeertarte oder Ergänzungskartc zur Fahrt in ber I. Klasse Als solche mir gültig mit einer hierzu gehörigen Fahrkarte II. Klasse zur Fahrt in ber I. Klasse (?)." Was noch besonders aufsällt, ist die Verschicbenhcit ber Formate. Tas winzigste Kärtchen ist jenes ber Omnibusse in Florenz (2x4 Zentimeter), bie größten sinb bic der Wiener Elektrischen (6,5x15 Zentimeter). Eine Art Fahrschein ist auch ber Uebcrfnhrscheiii der „fliegenden Brücke zwischen Kornenburg und Klosterneuburg" mit folgendem Text:
5 Kreuzer. — Diese Fahrkarte gilt für 1 Person, 1 Sckxff, 1 Ziege, L Reh, 1 Bock, 1 Lamm, 1 Schwein, 1 Hund — 1 volle Butte oder Krcunze, 1 volles Faß, 1 Velozipeb, 1 Schubkarren, 1 Kiste, 1 Koffer । voll ober leerk — Hier ist offenbar bas Ideal allepMeich- heitsschwärmer verwirklicht.
— Tas alte Piaftenschloß zu Glogau. Manchem Reisenden, der die alte Oberstadt Glogau auf ber Eisenbahn be rührt hat, werben bie wuchtigen Mauern bes alten Piast e n - schlosses, das der Stabt ein charakteristisches Gepräge verleiht, ausgefallen sein. Das Gebäude wird in nächster Zeit allein der Militärverwaltung zur Verfügung stehen, während es bis jetzt außer der .Wohnung des DivisionskouWapdeurs auch noch das.
Landgericht beherbergt hat. Für dieses ist aber ein Neubau errichtet worden, ber bemnächft bezogen werben wirb. Das Schloß stammt aus dem Jahre 1260 und wurde von Konrad II. erbaut, nachdem Glogau zur Hauptstadt des gleichnamigen Fürstentums ernannt worden war Schloß und Stadt haben im Laufe der Zeit mannigfache Schicksale durchgemacht. Eine Zeitlang gehörte die Stadt feen Herzögen von Sagan, bis sie 1476 an Jöüfrmen fiel. Einer dieser Herzöge von Sagan, Herzog Hans, ließ in feem noch stehenden Hnngerturm sieben Glogauer Rotsfrcrrcn verhungern. Anfang des 17. Jahrhunderts „bekehrten" Liechtenfteinsche Dragoner die inzwischen protestantisch geworbene Bevölkerung. Im ersten schlesischen Kriege wurde die Festung vom Erbprinzen Leopold von Dessau mit stürmender Hand genommen, bie auch von bem Schlosse Besitz ergriffen. Friebrich ber Große unb nach ihm Napoleon haben in bem Schlosse Wohnung genommen. In oen Befreiungskriegen würbe die Festting von einem französischen General lange tapfer verteidigt, so baß fie erst im April 1814 in bic Hänbe ber Preußen und Russen fiel. T-as Sck-loß wird also in Zukunft lediglich militärischen Zwecken dienen. Ts ist bekannt, daß sich gerade der Milftärfiskus manchmal mehr als alten Bauwerken förderlich ist, nur von Sparsamkeit leiten läsk Das hat z. B. das alte Piastcnschloß zu Brieg erfahren, bas durch die Benutzung als Fouragemagazin nicht gerate an Schönheit gewonnen hat. Hoffentlich erinnert sich bie Militärverwaltung, baß sic eines ber historisch interessantesten Gebäube Schlesiens in Benutzung hat.
— Ein Denkmal für König Ebuarb in Cannes. Ter Ansschuß für bie Errichtung eines König Ebuard-Tenkmals in Cannes, bessen Vorsitzenbe ber Großherzog Michael von Rußland unb ber Bürgermeister von Cannes sinb, hat nun ben Platz für das Werk endgültig an der Esplanade des Kasinos festgestellt und dem französischen Bildhauer Denys Puech ben Auftrag erteilt, zwei verschiebene Entwürfe für eine Statue einzureichen, von denen die eine den König in Lebensgröße stehend barstellt, br anberej eine Büste bes venkorbenen Herrschers zeigt mit einer allegorischen Figur ber Stadt Cannes, bie ihm eine Blumcnspenbe barbringt. Tic Liste hat bereits eine Summe von 20 000 Mark ergeben.
— K u r z e N a ch r i ch t e n c - s Kunst u. W i s f ens ch a st. Ter Geheiine Hofrat Prof. Dr. phil. Marimil'an Kunze, Vertreter der Forsnnathematik und Vermessungskunde an der Kgl. sächs. Forstakabemie zu 2 fraranbt ist in den Rus sland getreten. Prof. Kunze steht im 74. Lebensjahre. - Das Gerichtsverfahren gegen Leo T o l st o i s W i t w c soll wegen Veröffentlichung von laut Gesetz von ber Veröffentlichung ausgeschlossenen Briefen unb Artikeln Leo Tolstois eingeleitet werden.
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