Ausgabe 
6.3.1911 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Hie

iflflllltl.

WM t, SitjtL 8 Uhr, t .1 -

fflt 117, über

1 toitiij.

et.

EsWwg em

Coritänbt.

gewünscht iinu.pre'tiwtr\ iMruektnL

Wk

z. Zeusn. PM' : ein. gr. Ziyan^ zwecks weitem Qunfl p. L är Lager. ' bote unter 016 : Anzeiger erb.

Vi durchaus er lenb.StQrftnor mentbe Äelluiu Geschätt- bote unter Op ^Anzeiger erb.

utwärter astigung- Tiäm- nb Gute M Zlngeboteu.'M rAnMerttbv b. bic SauW ,le besucht babM

SS* B.H.V. M

Mi««--» ,,

.-iuUirtiiunfl Der Iorit-vb-

"5-k

6 Närr iflU *S&ii und , schiller-

ftfu

icit 11 ©teucracicbc iurcditgefdiuflert, aber sie seien

und als man sie ab^chaffen wollte, da w bergische und badische Regierung, die

Sietefcmr Kaiai Hendl älter" »erben be* .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, bal Mrdsblatt fit ba Kreis Oietze," zweimal wöchentlich. Dieraatzwirffchaftllche« idb fragen" erscheinen monatlich zweimal.

winden, aber man gab schließlich der Regierung nach, da man etwas Positives schassen wollte. Was bie Biersteuer, Brann! weinsteuer, Tabaksteuer und den Kaffeezoll anbetrifft, so besteht darüber nach der Meinung des Redners noch recht viel Unklarhc' So ist die Branntweinliebesgabe nur desbalb geschossen worden, damit die kleineren süddeutschen Brenner nicht ruiniert mürber,

waren cs gerade die wurttem- für Fortbestand cintriten^

Eine Versammlnno der fortschrittlichen Bolkspartei.

Die fortschrittliche Polkspartei hatte für Samstag abend ins Cafe Leib (Kolosseum) zu Gießen eine or»ent* licke Wählervcrsammlung einberufen, die außerordentlich >kark besucht war, weitaus überwiegend von Anhängern der Partei. Ten Vorsitz führte Justizrat Metz. Der Redner des Abends, Reichstagsabgeordnetcr K o p s ck - Berlin, ging in seinen Uus führungen von dem Wort des Fürsten Bülow ausbet Entluwi sehen wir uns wieder". Er bezeichnete die letzten Nackivahlen als Stationen auf dem Wege nach Philippi und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Wahlen tu K em p l cn -I m me nN ad t und ®tcRctt^ Grünberg weitere Stationen auf diesem Wege würden. Tic Rc- aierung suche den Tag von Philivpi, die allgemeinen Neuwahlen soweit als möglich hinauszusch-icben, weil sic und die Rcicks- sinanzreform-Mchrheit hofften, daß die Wähler bis dahin die Taten dieser Mehrheit vergessen würden. Allerdings läge man, es solle geschehen, damit der Reichstag die ihm vorliegenden bezw. in Aussicht gestellten Gesetze noch erledigen tönnc, namentlich das Arbcitskommergesetz, die Reichsversicherungsordnung, die Vcr fassungsvorlagc in Elsa ^Lothringen und die Privatbcomten Ver­sicherung. Aber die Hosrnnng, daß diese Gesetze von diesem Reichs­tag in brauchbarer Form erledigt würden, sei sehr gering und es sei viel besser, wenn sie vom nächsten Reichstag gemacht wür­den. Tie Reichssinanzrcsorm Hobe das nicht gebracht, was die fortschrittliche Volkspartei verlangt habe, nämlich eine ausreichende Heranziehung des Besitzes. Das sei gescheitert an dem Steuer- egoismus der Agrarier, die zwar für sich Vorrechte beanspruchten, aber das Bezahlen anderen überließen. Ihnen habe sich das Zen­trum zugcsellt, daß dem Fürsten Bülow die Ausschaltung des Klerikalismus nicht verziehen habe. Ta beide Parteien nicht die Mehrheit gehabt hätten, hatte man noch Antisemiten ^und Polen gnädigst zugelassen zur Mehrheitsbildung. In zwei Tagen habe diese. Mehrheit 11 Steueraesetze zurechtgeschustcrt, aber sie seien auch danach gewesen. Auch bet dem Werlzuwachssteuergesetz habe sich der Steu,eregoismus der Junker und ihre Liebedienerei nach oben im schönsten Lichte gezeigt. Vier Kandidaten bewerben sich um das Gießener Mandat. Tic Antisemiten, die sich hier schäm Hasterweisewirtsdraftliche Vereinigung" nannten, scheiden für hie Liberalen von vornherein aus, da sic reaktionär seien und den

Beendigung der Ausstander in der Südsee.

Berlin, 4. März. Der älteste Offizier der auf Ponape versammelten deutschen Streitkräfte, Fregattenkapitän Vollen- Ihun, meldet aus Guam:

Die Operationen gegen die Aufrührer auf Ponape wurden am 22. Februar beendet. Der ganze Stamm Dschokadsch ist gefangen. 15 Mörder, die an dem Blutbade am 18. Okto-

Montag, 6. März Ml

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen Universiläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Ließen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» strah« 7. Expedition und Verlag: 51.

3Ubaftion:e^l!2. Tel.-Adr.: AnzeigerDießen.

Block anacnommmeit Steuern. Man suche bic kleinen und mttU lcren Gewerbetreibenden und Bauern mit der Behauptung grau­lich zu machen, die Sozialdemokraten wollen ihnen ihre '.^ dultionsmütel nehmen, aber daran denke in Wateten Fern Atenscv Ta<* Programm der Sozialdemokraten verlange nur die Ber-- gesüllschaftung der großen kapitalistischen Betriebe, also der Berg­werke, Hüttenwerke usw. Weiter ging, der Redner aus bic fvon)crimg einer Partei aus Einführung eines Milizheeres, ibre^im > natio­nalen Fricdensbestrcbungen usw. ein, um sie zum ^cvlun als die einzige in Wahrheit kulturiöid.-rnde Partei hinzupellen und die Wahl des sozialdemokratischen Kandidaten Beckmann zu cmv- T'cülen. . .

Nachdem der lebhafte B.-nall, den die Parteigeno,,cn des Redners diesem gespendet hatten, und auch die Unruhe, bic durch den Weggang vieler Zuhöiuw entstand, sich gelegt Halle, ergriff der Reichstagskanbidat Beck m ann das Wort. Er führte eine Menge Zahlen über Steuererträge, Schulden, 5)ecres und Marino- kosten an, und wandte sich gegen die inbireftar Steuern und den Militarismus Svdann bezeichnete er unsere Rechrspsleg? unter Berufung aui den Essener Meinerdsprozcß, die Angel'genheil der Bonner Borussen und des Fürsten Eulenburg, als blassen iustiz. Er behauptete weiter, daß das Reichstagswahlrecht in Gefahr sei und verlangte, daß auch in den Einzelstaaten und Gemeinden, das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl recht eingeführt werden soll. Er schloß seine in gewandtes Rede vorgetragenen Ausführungen mit der mit Beifall aus genommenen Aufforderung, sich dcr sozialdemokratifchen Partei,- anzuschließen.

Wahlreden der Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg und Lattmanu.

obersten liberalen Grundsatz der Gleichberechtigung aller nicht an­erkennten. Ihr Kandidat Herr Dr. Werner habe nach einem ihm vorliegenden Zeitungsbericht gesagt, daß die Freisinnigen Atheisten und .Haeckelleute seien, die Gott abschaffen und an seiner Stelle den König Gorilla auf den Thron setzen wollten. Tas wider­lege er nicht, denn das sei zu dumm (lebhafter Beifall). Tie F-nrrickrittlcr acht-'ten iebc religiöse u-herzenmnm, sie wollten nur nicht, daß die Hirarckie in das staatliche politische Leben ein griffe. Ter nationalliberale Kandidat wolle unter bic Ver­gangenheit einen Strich machen und empfehle nach des Reichskanz­lers Beispiel eine Politik der Sammlung Wenn auch die Männer nicht mehr von den irteuertaten des schwarzblauen Blocks sprechen wollten, so würden dies die Frauen um so mehr tun, denn sie ver­spürten Tag für Tag die künstliche Verteuerung der Lebensmittel neu. Eine Sammlung mit den Agrariern, Antisemiten und Kleri­kalen könne für liberale Männer nicht in Frage kommen, wohl aber eine Sammlung aller liberalen Elemente, für die bic hcs- siscken Nationalliberalen allerdings nicht zu haben seien. Von der Sozialdemokratie trenne deren Klassenkampsstandpunkt die sort- schrittliche Volkspartei, ihre Alles- oder Nichtspolitik. Tie fort­schrittliche Volksvarter wolle die gleichmäßige Förderung aller Berufsstande, volle geistige und politische Freiheit und Besserung der Verhältnisse durch allmähliche Resormen. Sie habe in Pfarrer Korell einen Mann ausgestellt, der zu den Besten des Hessen- landcs gehöre. (Stürmische Bravorufe.) Wer ihn am 10. März wähle, handle nach einem Wort des alten fortschrittlichen Vor­kämpfers Waldeck, daß in das Weiß des deutschen Reichsbanners mit goldenen Lettern cinaeschriebcn werden müsse das WortFür Freiheit, Recht und Voltswohlfahrt".

Ten Ausführungen des Redners folgte minutenlanger, stür­mischer Beisall. Ta niemand zu der vorgesehenen Aussprache das Wort verlangte, schloß gegen j/Hl Uhr die Versammlung mit einem von dem Vorsitzenden ausgebrachten Hoch aus das Vaterland.

Geaoffe Dr. Tavid in Gießen.

Tie am Sonntag nachmittag abgehaltene Versammlung der sozialdemokratischen Partei im Cafe Lech war geradezu über- füllt. Auch aus nichtsozialdemokrattschen Kreisen waren mehrere hundert Wähler anwesend, die namentlich der Name des Haupt­redners des Tages, des Abg. Dr. David, angezogen hatte. Tr. Tavid begann seine Rede mit dem üblichen Hinweis auf die Bedeutung der Wahl und die iLränberte volitisckie Lage gegen die letzten Hauvtwahlen und forderte das Reichstagswahlrecht Tür die preußischen Landtagswahlen. Tann ging er auf tue Einwendungen der anderen Parteien gegen das sozialdemokrattsche Programm naher ein. Den Einwand der Volkspartei, daß die Sozialdemokratie eine einseitige Klassenkampsvartei sei, suchte er damit zu entkräften, daß er sie als Die Vertretung aller Arbeiter, auch der Kopfarbeiter, Bauern, Handwerker usw. bezeichnete, wo­bei er zugebe, daß die feste Bosts der Partei der Stand dev Lohnarbeiter sei. Nattonallcheralc und Antisemiten bezeichneten sich den Sozialdemokraten gegenüber als die Vertreter des Mittel­standes, aber durch Die Ablehnung jeder indirekten Steuer zeige fim seine Partei als die bei c Vertretung des Mittelstandes. Auch die Konsumvereine wirkten in dieser Richtung, da die den Mitgliedern gewährten Rückvergütungen gerade dem gewerblichen Mittelstand wieder zuflössen. Wenn Der sozialdemokratische Antrag von 1906 zur Erbschaftssteuer angenommen worden fei, w sei dies in Verbindung mit der beantragten Aufhebung der Salz- und Petroleumsteuer besser gewesen, als. die vom schwarzblauen

Die perfönlid)!eiten im Ministerium Monis.

Nachdem nunmehr di« Zusammensetzung des Kabinetts fest­steht, wird ei von Interesse sein, etwas über den Werdegang seiner Mitglieder zu erfahren. Wir entnehmen derNationalzeitung" folgende Ausführungen: .

Antoine Emmanuel-Ernest Monis ist 65 Jahre alt, kräftig gebaut,schlau wie ein Bordelais". Advokat, Weinproduzent und Fabrikant eines alten Kognaks, dessentwegen er angegriffen, aber glanzvoll mtf bet Verurteilung seiner Widersacher gerechtfertigt wurde. Er gehört seit 1891 dem Senat an, machte sich dadurch bemerklich, daß er das erste radikale Kabinett Bourgeois mnwari, bann im linksrcpublikanischen Kabinett Waldeck-Rousseau als Iustizrninister durch die wütenden Angriffe der Klerikalen und Antidrepfusiften zum Radikalismus bekehrt wurde und jetzt mit Emrlc Combes eng befreundet ist. Er ist kein großer Redner, galt aber stets als schlauer Gesck)äftsmann.

Th 6 ovbile Dclcasse geht auch dem 60. Jahr entgegen, ist aber noch so lebhaft und elegant in seinem ewigen Gehrock, als ob er bic Dreißig nie verlassen werde. Tic kleinen Aenglein hinter dem Zwicker blinzeln spöttisch und mitunter etwas aggressiv, wie es die Worte sind, mit denen der nicht hochgewachsene Favorit Eduards VII. oft den Gegner von der Rednertribüne herab über den Haufen stürzte. Dann mitunter wieder so liebenswürdig, daß ein Fürst Radolin sich vergebens mühte, noch höflicher zu sein. Bon Geburt war Delcass6 Journalist: kaum Deputierter, berief ihn Ribot als Unterstaatssckrctär bet Kolonien in fein Ministerium; von 1898 bis 1905 leitete er dann die äußeren Geschicke Frank­reichs in der bekannten Weise, kettete bald nach Faschoda die sanfte Marianne an den rauhen John Bull fest, und aus diesem un­gleichen Bunde ging die Marolkokrisc in ihrer ganzen Schön- 11 Maurice Berteaux ist gleichaltrig mit Delcaff'6, sonst aber scht verschieden: mit großem Vermögen zur Welt gekommen, widmete er sich der feinsten Börsenspekulation. Groß, aalgewandl war es sein Ehrgeiz, es weiter als zum Rcservelcutnant zu bringen. Im Departement Seinc-et-Oise gewann er sich viele Freunde und den Teputiertensitz. Als Andr6 über den Angeber­tetteln gestürzt wurde, suchte Maurice durch Ucbcrnahmc des -riegsportefeuilles das Ministerium Combes zu retten. Seitdem bat er in der Kammer den Abgeordneten der Linken oft hilfreich beigestanden und sich insbesondere durch Mitwirkung bet der Diaienerhöhung auf 15 000 Franks unauslöschliche Dankbarkeit er­worben. Eine chronische Heiserkeit macht ihn als Kriegsminister nicht redselig, aber er wird wiederum in Zivil zu Pferde steigen und bie Revue be5 Heeres abnehmen. Daneben wirb er für bte gründliche Befolgung Der Combeichen Politik Sorge tragen.

CaillauP hat so viele Zahlen im Kopf, rote er Haare nicht mehr Darauf bat; Man nannte ihn respektlos eine Der schönsten Spiegelscheiben" des Palais Bourbon. Schlank, elegant, fein Frauenfeind, Raucher türkischer Zigaretten, arbeitet er gern in Statistik und erschreckt bic Börse durch seine kühnen Rcform- orojekie des Steuerwesens. Er ist 1863 geboren, war Lehrer an Der Ceolc des Sciences polifiquc», wurde 1898 vom Sarthc- .Departement in die Kammer gesandt und war Finanzminister Walbeck Rousteaus sonne Clemenceaus.

Jean C r n v p > ist mit 55 Jahren Advokat, nachdem er Den Purpurrock bes General-Staatsanwalts ausgezoge jjat. Clemen- «au hielt ihn für das Handelsministerium prädestiniert: in Wahrheit lockten ihn mehr die Schönen Künste, für die seine Gattin ein im Theater Antoine höflich abgelchntes Drama schrieb. Ta Cruppi einige Handclsabkommen zustandebrachte, Die diplo- mansche Begabung verrieten, glaubte man damit seine Ueb:r- licMung an ben Quai b'Orsav entschuldigen zu müssen, der er bie Bizepräsidentcnschaft in der Justiz vorgezogen hätte.

Antoine Perrier, republikanischer Progressist im Senat, dem et nach einer sicbenjMr,igcn Deputicrien-Periobe in Der Mcnnmct seit 1900 angehört und der in letzter StunDe au stelle bet hochbetagten Senators Devclle das Justizministerium über­nahm, ist ein scheinbares Zugeständnis an die gemäßigten Repu­blikaner. IP er ri er aber hat in den letzten Jahren eine Heine Linksschwenkung vollzogen, dank der er zum Vizepräsidenten des Oberhauses gewählt würbe; er war auch einer der 'Rapporteure in der Enquete über bic Kongregationen, babei nicht zu milde für bie religiösen Orden. Viel weiß man in der großen Politik nicht von dcm neuen Sicgeloewahrcr Er ist 1836 geboren, schlug bic Rechtskarriere ein, würbe Bürger- meister vton Chambäry und glitt so weiter abwärts auf der schiefen Bahn, auf der man Minister wird. . . .

Von den anderen neuen Männern, die nie Minister waren und ihre Berufung jetzt dem Mute Derbanten, mit dem sie ben großen Staatsmann Brianb attackierten, erhielt Charles Dumont bic Oefscntlickten Arbeiten, wo er sich mit der Neuorganisation der verstaatlichten Westbahn herumschlagen kann. Dumont, 1857 geboren, war Universitatsprofessor, bann Advokat und Deputierter 'des Juras. Er Hal sich als Geschästspolitiker etwas in ben Vorbcrgruiib zu schieben gewußt und wurde deshalb -Genertl- rapporteur des Budgets. Jules Steeg, ebenfalls Universitäts- Prof eiior, Advokat intb Journalist, ist 1868 geboren und 1906 von Paris als sozialistisch-radikaler Abgeordneter ins Parlament gewählt, wo er sich oft durch kluge und starke Interventionen be­merkbar machte. Ihm wurde das wichtige Unterrichtsministerium zugeteilt. Paul Boncour, geboren 1873, Advokat, war Privatsekretär Waldeck-Rousseaus und KabincttSdirektor des Arbeitsministers Viviani. Einer der vielversprechendsten und ge­scheitesten Köpfe unter den Jüngern des Parlaments, lieber das Budget der Schönen Künste hatte er einen ideenreichen Rapport geschrieben. Als ihm Monis das Arbeitsportcfeuille an trug, zeigte er sich so ungewohnt uneigennützig, als Vorbedingung seiner An­nahme zu stellen, daß sein früherer Chef Viviani zunächst befragt werde aber Viviani tat, als wolle er sich eine Weile feiner Advolatentäkigkeit widmen, während er in Wahrheit wohl sein Schick'al an daS seines von Monis vernachlässigten Freundes Millerand verknüpfte. Adolphe Mess imt), der Kolonral- minister, halte sich bislang als Gegner kolonialer Ausdehnung be­kannt gemacht! Er ist 42 Jahre alt, hatte es bereits zum Haupt­mann im Generalstabe gebracht und verließ das Heer, um sich 1902 in Paris zum sozialistisch-radikalen Deputierten wählen zu lassen. Er war Rapporteur der Kolonial- und Kriegsbudgets; auch sein junges parlamentarisches Talent verdiente Berücksichtigung. Louis Mass 6, Handelsminister, geboren 1870, Advokat und Journalist, ist seit 1898 Depniiertcr des Nievrc-Tepartements. Jules P a m s, Landivrrtschaftsminister, gehört zu denAlten" des Kabinetts: 59 Iahe^ Er stammt aus dem Weinland Perpignan, war Advokat, von 18951902 Deputierter und von 1905 an sozialistisch-radikaler Senator von C^ret; ein Ehren mnun, von dem noch nicht viel gesprochen wurde.

Die am Sonntag nachmittag in Steins Garten von der vereinigten deutsch-sozialen und christlich-sozialen Partei einbe rufcitc allgemeine Wählerversammlung, in der bic Reichstags- abgcorbnctcii Liebermann von Sonnenberg unb Latttna.nu imachen, war besonders vom Lande sehr zahlreich besucht s)iachDcm der Vorsitzende, Lehrer Kling-Gießen, die Anwesenden begrüßt hatte, ergriff als erster Redner der Abgeordnete Liebermann von Sonnen - berg das Wort zu einer, öfters von Beifall unterbrochenen An- ivrachc. Er führte aus: Der erste Gedante müsse dem seitherigen Abgeordneten Kohlcr-Langsdors gelten. Seine echt deutsche, (einig- Inotriqc Nattir habe wohl öfter angestoßen, aber er habe es ehrlich gemeint. Es müsse indes gesagt werden, daß er der Stabt gegen über nicht immer bas unbefangene Urteil bewahrte. Das düne aber in der heutigen Zeit, wo der Bestand des Reiches durch die onschwellciide sozialdemokratische Gesahr stark gefährdet sei, kein Grund sein zur Trennung von Stabt und Land. Beide, über­haupt jede ehrliche Arbeit, sowie die einzelnen Stäpdc müßten sick» über Kleinigkeiten hinwegsehend, bic .Hände reichen im Hinblick auf des Reiches Wohlfahrt. Der von seiner Partei aufgestellte Kandidat Dr. Werner sei infolge seiner Herkunft, Stellung und seitherigen Tätigkeit der richtige Mann zur Ausgleichung der Gegensätze. Auch habe er bewiesen, daß er Rückgrat besitze, wenn es sich nm Hochhaltung dcr Ideale handele. Ganz Deutschland sehe zurzeit auf den Wahlkreis Gießen-Grünberg-Nidda, denn es werde die Nachwahl zeigen, ob die den Umsturz pr.digeiidc Partei siege oder eine staatserhaltende Partei. Es jei sehr bedauerlich, daß eine bürgerliche Partei, der Freisinn, erilän habe, in der Stichwahl für den Sozialdemokraten zu stimmen, denn nach feinem Dafürhalten sei bie Sozialdernolratie immer das größte llcbrl Mait solle den Streit über die Finanzreform endlich fallen lassen und den Parteien Dank wissen, die bestrebt waren, des Reicl-es Not ein Ende zu machen. Unser Ziel müsse sein: Wie schützen wir redliche Arbeit in Stadt und Land, wie sorgen wir für Kaiser und Reich'? Das wird am besten erreickst, wenn wir für den Kandidaten der deutsch-sozialen Partei ciirircten. Den anderen bürgerlichen Parteien aber wolle er jirrufen, den Wahlkampf rein sachlich zu führen, damit in der Stichwahl ein Zusammen - gehen aller bürgerlichen Parteien möglich sei.

Der zweite Redner, Amtsgerichtsrat Lotlmann, hatte sich die Rcch.tsertiguna Der ReiKsffmwzreform und die Stellung seiner Partei zu dieser Reform zum Vorwurf genommen und betonte besonders, wie gerade die Freisinnigen fernen Grund unb kein Recht hätten, über die zu Gericht zu sitzen, die geleitet von dem Gebauten, dem Reich aus seiner Not ljcrauszuhclsen, bic Reicks iiitanjicfrom mitgemacht haben, um so mehr als bic fortschrittliche BoltSpartci bei der Kommissionsberatung für die einzelnen Steuern gewesen sei, foätcr aber nicht den Mut gehabt habe, im Plenum Dafür zu stimmen. Er führte im einzelnen aus: Von den 500 Nrillioncn Mark Steuern, die das Reich nötig hatte, sollten nach dem Kommissionsbeschluß 100 Millionen Mark Besitzfteuer und 400 Millionen Mark indirekte Steuern sein. Der Streit unter den bürgerlichen Parteien entstand durck die Art der vorgc-- schlagenen Steuern. Die Nacklaßsteuer der Regierung litt an Der sozialen Ungerechtigkeit, daß keine Rücksicht auf die Zahl der Kinder genommen worden sei Die Rcickscinlommenfteuer mußte von vornherein ausscheiden, da die Einzcfftaaten dagegen waren. ?lchnlich lag der Fall bei der Vermögenssteuer. Dazu kam noch, daß kein Unterschied in der Art der Vermögenssteuer gemacht werten sollte. Es ist aber durchaus nickt einerlei, ob diese Steuer aus Staatspapieren oder aus landwirtschaftlichen'oder gewerblichen Betrieben gezogen wird, ob sic Arbeit«- ober Reutenvermögen betrifft. Intencn waren die rechtsstehenden Parteien nicht do gegen, sie scheiterte an dem Widerstand der Einzelstaaten. Bei der Erbanfallsteuer sollte das einzelne Erbteil von 10 000 Mark an, bei einer Gesamtmasse von mindestens 20000 Mark, besteuert werten. Die wirtschaftliche Vereinigung erbot sich trotz grund­sätzlicher, von dem Freisinn geteilter Bedenken, die darin be­standen, daß durch eine solche Steuer infolge des Eingriffs in Familienverhältnifse Mißstimmung und Beunruhigung erzeugt werte, für die Erbanfallsteuer unter gewissen Bedingungen zu stimmen. Diese Bedingungen wurden nur zum Teil erfüllt. Das Hinaufschieben ter unteren Grenze auf 20000 Mark gestand die Regierung nicht zu. Trotzdem wäre diese Steuer angenommen worden, wenn der Freisinn, wie das bei Leistung poiitivcr Arbeit immer geschieht, nicht versagt hätte. Der Ertrag dieser Steuer wird übrigens meistens sehr überschätzt, er kann auf ungefähr 55 MitlioneN-Mark veranschlagt werden, so daß außerdem dock nock andere Steuern hätten herangezogen werten müssen. Nun erklärten die Liberalen, nicht mehr mitmacken zu wollen. Ihre Ansicht ging dahin, bei Ablehnung der Reichsfinanzrcform eine Auflösung des Reichstags herbeizuführen, der die Reform in liberalem Sinne erledigen sollte. Doch ess sollte nicht dazu kommen. Die Finanzlage drängte zu einer schnellen Lösung. Ein Hingusschieben hätte die Erledigung der Beamtenbesoldungs- refomt sehr fraglich erscheinen lassen. So hätten sic sich gefreut, daß durch die Börsensteuer und Wertzuwachr-steucr, für Die sie früher vergeblich gekämpft hätten, nickt allein sehr ergiebige, sondern auch sozial gerechte Steuern einaefützrt wurden. Bei ter Umsatz- und SchAksteucr waren manche Bedenken zu über

der beteiligt waren, wurden auf Grund der Urteile deS Bc zirkShauptmanneS am 24. Februar standrechtlich er chossen. Die übrigen Aufständischen, zusammen

4 26, wurden nach Yap verbannt. Sie werden dorthin von der Titania überführt. Fast alle im Befitze der Ein­geborenen befindlichen Gewehre wurden abgelicfcrt. Die schnelle und gründliche Erledigung machte einen nachhaltigen Eindruck.

Die Eingeborenen, bei denen eine starke Friedensneigung vorherrscht, empfinden die verhängten Strafen als gerecht. Der BezirkSamtmcmn und die Weißen dcr Kolonie halten die Anwesenheit deS Kondor für ausreichend und die übrigen Schiffe daher für entbehrlich. 130 Mann Polizeitruppen oleiben zurück. Die Nürnberg geht nach den ^.rukinscln (Karolinen^, um dort dg4 Urteil der Strafe bekannt zu machen. 91 ne Verwundeten befinden fich auf der Enidcn z»«r Uebersührung nach Tfingtau. Ihr Befinden ist gut. Sie befinden sich in Genesung und werden völlig wieder her- qefteat werden mit Ausnahme deS Obermatrosen Meyer, besten linkes Bein amputiert werden mußte.

Die Agitation im wahttrei; Giehen-Grünberg-Nidda.

8t 55 Swett« Blatt M Jahrgang *

------gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhejfen