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4.4.1911 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

W. Jahrgang

Nr. 80

Erscheint ILgNch mit Ausnahme de- Sonntag-.

DieElehener ZamlliendlStt^ werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beig-legt, da- Kreisblatt für den Ureis Liehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Cderheffen

Dienstag. 4. April sysl

Rotationsdruck und Verlag der vrüHachen UniverfllätS - Buch- und Steindruckeret.

R. Lange. Gießen.

Redaktion, Exvedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktwm^4N 112. Tet.-AdruAnzergerGleben.

Zur Sranffurtcr Universitätrfrage.

Gieß en, 3. April.

Von einem hier lebendeir eke»mligen Studierenden der Landeiuniversität gehen uns fo^cnbc Ausführungen ßu, die zu dem Ergebnes kommen, dag Gießen von der Frank­furter ;<'eugtünbung nichts zu fürchten haben wird:

Tie Art der Behandlung der Frankfurter Universitäts­frage in der Stadtverordnetensißung vom 30. März ist ein erfreuliches Zeichen: Die hessische Lau desuni- versilät hat von einer Begründung einer neuen Hochschule in Frankfurt nichüs zu fürchten', und der Stadt Gießen sind die Ge­schicke ihrer Universität nicht gleichgültig. Gin Rückblick in die Gesichichte wird das dartun und zugleich die Ausgaben der Zukunft beleuchten.

Ale vor 300 Jahren die Gründung einer Universität für die Tarmstädter Lande ins Auge gefaßt war, man weiß ja, daß sie der Erhaltung des lutherischen Bekennt­nisses gegen dieCalvinisierung" Marburgs durch Land­graf Moritz dienen sollte, wurden weitläufige Verhand­lungen über den Ort geführt. Neben Gießen waren u. a. Aleield, Grün berg und Darmstadt vorgeschlagen, und bei­nahe wäre die Entscheidung zugunsten der Residenz aus- aefallcn. Gießen lvar damals ein Landstädtchen wie Als­feld, Grünberg, Nidda usw. Nur eins hatte es vor letz­teren voraus: Es war eine Festung. Aber gerade dieser Umstand ließ es zur Aufnahme der Universität ungeeignet erscheinen. Die Gassen waren eng und schmutzig, und der hohe Wall, der es uinschloß, machte cs in der heißen Som­merszeit zu einem Brutherde von Krankheiten, die tat­sächlich in der Folgezeit der jungen Hochschule inanchmal gefährlich wurden. Für Gießen sprach einerseits per Um­stand, daß es für die hessischen Studenten, die sich damals vornehmlich aus Oberhessen rekrutierten, bequemer erreich­bar war als, die Residenz, und andererseits seine Lage an der großen Verkehrsader, die über Frankfurt a. M. den Süden mit dem Norden verband. Man rechnete ja von Anbeginn auf den Besuch der Universität auch durchAus­länder", nichthessische Studenten, und der Erfolg hat den an) die Stadt gesetzten Erwartungen entsprochen. Aber nicht, weil Gießen so Wiel zu bieten gehabt hätte, sondern, obwohl es zunächst an allein Nötigem fehlte. Von ungefähr kam das natürlich nicht. Landgraf Ludwig V., die Stände und nicht zum wenigsten die Stadt selber brachten große Opfer, um der Hochschule ein würdiges Heim zu Bieten. Sie h 1 den sich reichlich gelohnt. Gießen ward eine be­rühmte Universität, nach der mancher Jüngling auch aus anderen deutschen Gauen pilgerte. Damals war ja das goldene Zeitalter der Studienreisen. Und als nach dem Anfall der Marburger Laude an die Darmstädter Linie des Dauses Hessen 1624 die Universität Gießen aufgehoben werden sollte, da gab es von den Bürgern viele berech­tigte klagen über den Schaden, der ihnen daraus erwachsen werde. Die Stadt hatte bereits einen ganz merklichen Auf­schwung genommen, Handel und Gewerbe blühten, und stolz konnte )ic über ihre ehemaligen Mitbewerberinnen in Ober­hessen das Haupt erheben. Die Hochschule brachte Verkehr sowie das für eine Entwicklung so nötige Geld, und die Rücksicht auf die Studenten drängle auf eine Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse. Letztere konnten sich allerdings erst von der Zeit an günstig gestalten, als die einenßenben Festungswerte gefallen waren. Gießen wäre in seiner Entwicklung aufgehalten worden, wenn nicht gar zurückgeschritten, wäre ihm nicht nach einem Vierteljahr­hundert die Universität wiedergeschenkt worden. Was es heute ist, verdankt es in erster Linie ihr, die den Verkehr anzog. In richtiger Erkenntnis^haben deshalb von jeher die Gießener Bürger für sie Opfer gebracht, die nicht nur

IHartin greis über die moderne Literatur.

Martin Greif, der jetzt in Kufsstein gestorben ist, hat seinen Widerwillen gegen die moderne Literatur und Kunst niemals ver­hehlt, sondern ihn, so oft er dazu Gelegenheit hatte, aufs schärfste vräzisiert. Das hat einmal vor Jahren auf dem Festmahl einer literarischen Gesellschaft in München zu einer für die Teilnehmer recht peinlichen Auseinandersetzung mit Ibsen geführt, bei der sich beide Dichter gründlich die Meinung über ihre literarischen Ideale sagten. 9hm, Martin Greiss Ideale und damit seine Anti­pathien gegen allesModerne" sind bis in die neueste Zeit die­selben geblieben: noch vor wenigen Wochen zitierte dasLi­terarische Echo" Aussprüche des Dichters, die er, schon damals sehr krank, selbst als seinVermächtnis" bezeichnet hat.

Heute," sagte Martin Greis darin,dichtet man mit dem Verstände, dichtet nicht einmal mehr, sondern jongliert mit sprach­licher Gewandtheit und sprachlichem Raffinement. Wenn die soge­nannten modernen Dichter die Natur besingen,, jene Natur, der ich alle meine Lyrik gew. (ht habe, in der ich aufgegangen bin mein Leben lang, dann wollen sie weiser und gescheiter sein als die un­überbietbare Natur, sie übertünchen und überzuckern die 9?atur und schassen nalurnotwendig Unnatürliches: Verse oder Reimgeklingel kommen zum Vorschein, die gemacht, meinetwegen künstlich ge­drechselt, aber nimmermehr gedichtet, d. h. mit dem Herzen emp­funden und mit der Seele geschaut sind... Auch für das Drama habe ich manches auf dem Herzen. Von Hebbel über Ibsen und Björnson bis zu Hauptmann kann ich nur aus innerster liebet» zcugung das harte Urteil fällen: Die einen haben den Stoff nicht zu organisieren vermocht, die andern erstickten in Reflexionen und Spitzfindigkeiten. Hat Hebbel nicht fast in jedem Stücke die Haupt­figur plötzlich in den Hintergrund gedrängt und unmotiviert eine Nebengestalt vorgeschoben?... Hauptmann drückt sich um das dramatische Moment herum, weil ihm die Kraft zur Ausgestaltung fehlt: ec deutet es nur an und verliert sich dann schleunigst in Nebensächlichkeiten. Ueberhaupr: wer immer einen erfundenen Stoss dramatisiert, der muß letzten Endes Schiffbruch leiden. Ich nehme die felsenfeste Ueberzeugung mit ins Grab, daß der Mensch und sei er der größte Dramatiker der Welt nicht so viel Schöpferkraft besitzt, um Stoff und Organisation des Stoffes aus eigenem zu geben. Ich verweise auf Shakespeare, auf Goetl^c und Schiller. Den tiefsten und nachlmltigsten Eindruck erzielten auch bisher jene Dramen, die den Stoff aus der Geschichte schöpfen, in denen sich der Dichter nur die Organisierung des Stoffes zur Haupt­aufgabe machte. Der Mensch ist einmal kein Schöpfer ! Erfindet der Trcmaiiier den Stoff frei, dann leidet entweder bei der Aus­arbeitung der Stoff oder die Dichtung. Motioierungs- und Charaktn-isierungsfehler, Widersprüche in der Personenschilderung und grebe dramatische Schnitzer sind unausbleiblich. Daß sich der Erfolg plötzlich eine Zeitlang an diesen oder jenen Namen heftet,

dem Lande, sondern vor allem ihnen und ihren Kindern von Nutzen gewesen sind. Darum können die Gießener gar nicht gleichgültig sein gegen die Geschicke der Hochschule, die ihnen nicht nur in vergangenen Zeiten etwas gewesen ist, sondern auch heute noch materielle und geistige Güter bietet und in Zukunft bieten wird.

Die Rivalität mit dem benachbarten NdarburA ist für Gießen von Anbeginn ein mächtiger Ansporn g.wesen, seine Kräfte anzustrengen, um das Feld zu behaupten. Nichts Anderes wird für es eine neue Hochschule in Frankfurt bedeuten. Als 1650 die Universität Gießen neben Der alten Marburger wieder eröffnet werden sollte, da schrieb ein ehemaliger Professor an seinen Gevattermann, der auch in den Nöten des Krieges die Universität mit einem Kirchen amte vertauscht hatte, er halte den ganzen Plan für ein Unglück, Marburg, Herborn und Gießen, drei Hochschulen auf so engem Raume müßten sich gegenseitig vernichten. Er war nämlich der für damalige Verhältnisse völlig rich­tigen Anschauung, es seien (hohe) Schulen genug in Deutsch­land, allein sie taugten nichts. Gott möge einen Mann schicken, der nicht noch mehr dazu errichtete, sondern die bestehenden verbesserte (qui Scholas non erigeret, sed ercctas comgeret). Seine Prophezeiung hat sich tatsächlich erfüllt: Herborn tonnte mit den andern nicht gleichen Schritt halten und ist schließlich eingegangen. Dasselbe Schicksal hatten aber auch zwei etwas entferntere hohe Schulen, die zu Rinteln und zu Mainz. Gerade dem letzteren gegenüber hat Gießen seine Existenzberechtigung erwiesen. Deshalb ist es leicht begreiflich, daß gerade dort Wünsche nach einer Demütigung der Siegerin Ludovieiana laut werden. Doch gemach! Die Universität Gießen hat die schweren Zeiten nach dem Dreißigjährigen Kriege überstanden, sich nicht nur gelitten, sondern ist auch aufgeblüht. Es wird auch vor Frankfurt seine Segel nicht streichen. Das Nassauer Ländchen war zu schwach, eine eigene Hochschule in Her­born zu unterhalten. Und wenn es träitig genug gewesen wäre, so fragt es sich, ob bei der Nähe von Marburg und Gießen der Boden geeignet gewesen wäre. Die Universität Rinteln, die ursprünglich in Stadthagen begründet, bald aber an einen voraussichtlich günstigeren Platz verlegt wor­den ist, hatte schon damals ihre Existenzberechtigung ver­loren, als die Grafschaft Schaumburg am Ende des Dreißig­jährigen Krieges an Hessen-Kassel fiel. Sie konnte sich mit Marburg nicht messen, und zwei Universitäten waren für das eine Land zu viel.

Gießen ist die hessische Landesuniversität, und das Großherzogtum ist groß und stark genug, sie zu unterhalten und ihr seine Söhne zum Studium zu schicken. In Preußen muß jeder, der sich zum Exanten meldet, Nachweisen, daß er die drei letzten Semester an einer preußischen Hoch­schule studiert hat. Das könnte man zur Not in gleicher Weise für den Besuch unserer Landesuniversität verlangen. Es wird aber voraussichtlich nicht nötig sein. Marburg und Heidelberg, die als Universitätsstädte nmnche Annehm­lichkeiten bieten, üben gleichwohl auf die Söhne des Darm­städter Landes keine Anziehungskraft aus. Gießen bietet ihnen für das Studium alles, was sie brauchen, und die Schönheiten der Nachbaruniversitäten kann man auch in vorübergehenden Besuchen genießen. Will man durchaus auch andere Professoren hören, dann geht man weiter fort: nach Leipzig, Tübingen, Kiel; nach Berlin wohl nur, um die Neichshauptstadt kennen zu lernen. Diese Verhält- nisse kann auch eine neue Universität in Frankfurt nicht ändern. Was mirb es in die Wagschale zu werfen haben? Den Echarakter als Großstadt? Gerade der macht es für eine Studentenstadt ungeeignet. Frankfurt ist Geschäfts­stadt, und in ihrem Geiste kann sich der Student niemals heimisch fühlen. Er will in seiner Universitätsstadt eine

Rolle spielen, das ist ein durchaus gesunder Zug, besten Betätigung ihm so nötig ist, wie das 911men, wenn er nicht vor der Zeit die Jugendfrische verlieren und zur ab­gerichteten Amtsmaschine werden soll, und gerade das wird er in einer Geschäftsstadt nicht können Die Vor« züge und Schattenseiten der Großstadt kann mau auch, aus der Nachbarschaft genießen. Wer aber lediglich dis Nachtseite einer Universität sucht, der wird bald für das Studium mnb für das Leben verloren fein. Immerhin! wird mancher die Universität wegen der Nähe aufsuchen, auch der eine oder andere sich auf einige Semester durchs die Großstadt locken lassen, aber keinen festen Fuß dort fassen. Und der Stamm wird sich aus Preußen refru« tieren. Vielleicht wird Marburg darunter leiden. Es kann aber auch sein, und das mochte ich! dem Geiste den studierenden Jugend zu Liebe hoffen und wünschen,' daß dies idyllische Studentenheim doch noch eine höhere, durch Jahrhunderte verbürgte Anziehungskraft ausübt. Der Hessen darmstädtische Student kann durch einen Besuch der Universität Frankfurt nicht gewinnen, nur verlieren.

Das gilt natürlich nur unter einer Voraussetzung, die aber doch selbstverständlich ist. Unter der Voraussetzung, daß es in Gießen an tüchtigen Lehrkräften und guten Lehr­mitteln nicht fehlt. Was hat im 17. Jahrhundert der jungen Universität ihren guten Ruf erworben? Waren es nicht die Lehrer, deren Namen durch ganz Deutschland, erschollen und ihnen Schüler aus allen Gauen zuführten? Es waren aber auch die vorzüglichen Einrichtungen, die m 'kurzer Zeit geschaffen worden waren. Auch eine Stern­warte hatte man; und der botanische Garten war weit bekannt ünd wurde in der Marburger Periode der Landes­universität schmerzlich vermißt. Gießen hat fast zu allen Zeiten hervorragende Professoren und vorbildliche Sin* richtungen besessen. Solche zu gewinnen und festzuhalten, das wird die Ausgabe der nächsten Zukunft sein, eine Auf­gabe, an der sich das Land und die Stadt gleicherweise! beteiligen, werden. Wenn uns dazu die Rivalitat eine« Universität Frankfurt einen neuen Ansporn gibt, dann wird sie uns nicht zum Nachteil, sondern zum Segen gcx reichen. Dann haben die Landeskinder keine Veranlassung, die Landesuniversität zu meiden, und nichthessifche Stu­denten werden an dem Born ihrer Wissenschaft trinken.

Aus Staöt und Land.

Gießen, 4. April 1911.

** Lungentuberkulose und Sterblichkeit. In einer kürzlich veröffentlichten Abhandlung über die Sterblichkeitsverhältnisse an Lungentuberkulose in Hessen war ausdrücklich auf den Kreis Groß-Gerau hingewiesen worden, der bei Personen im Alter von 15- 60 Jahren eine ausnehmend hohe Sterblichkeit aufweist. Gleichzeitig wurde eine eingehende Untersuchung dieser Erscheinung als ge­boten bezeichnet. Nach amtlicher Mitteilung erklärt sich die hohe Tuberkulose-Sterblichkeit im Kreise Groß-Gerau lediglich durch die Belastung mit den Sterbefällen int Philipps Hospital, dessen Insassen in der Mehrzahl den Altersklassen von 1560 Jahren angehören. So ist festgestellt, daß im Kreise Groß-Gerau an Lungentuber- tulöse starben: im Jahre 1906 insgesamt 151 Personen- darunter im Philippshospital 40; 1907: 131 (29); 1908: 133 (31). Für 1910 betragt die Sterbeziffer in den Ge­meinden nur 13,5o/o Einwohner.

* Vom Männer-Turnverein. Am Sonntag; 2. April, veranstaltete der M. T. V. in der Turnhalle und int Turnhose des Realgymnasiums sein A n t u r n e n. Morgens um 8 Uhr traten 86 Turner und Schüler zum Wetturnen an und zwar 30 in der Oberstufe, 20 in der Zöglingsabteilung, beide zum Sechskampf, und 36 Schüler zum volkstümlichen Wetturnen. In den einzelnen Abteilungen wurden sehr gute Leistungen er-

das ist der leidigen Tatsache zuzuschrciben, daß wir eben auch in der Literatur der Mode unterworfen sind."

Auch über die modernen Litcraturpreise, speziell über den Nobelpreis, hat sich Martin Greif, der zwar an allen bayerischen Mittelschulen gelesen wird, aber nie eigentlich in die Weltliteratur binausdrang, damals sehr abfällig ausgesprochen. Wo Gefühl und Stimmung, Sübjeltivismus und Persönliches mit in die Wag schale fallen, müsse jede Preisverteilung gerechterweise unter­bleiben, denn sie förderte nicht, sondern hemme und schaffe nur Miß­mut und Unzufriedenheit.Die bisherigen Nobelpreise für Litera­tur haben die Dichtkunst nicht um einen Deut vorwärts gebracht. Weder durch Preise noch durch Lob oder Tadel der Kritik kann die Literatur vorwärts kommest: jede subjektive Kunst kann nur von innen heraus, niemals aber von außen getrieben, zu neuen Hohen emporklimmen. Kann einer, dem gute Verse gelingen, dem aber das Herz fehlt, herzlich dichten, auch wenn ihm Millionen als Preis Winken?"

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Ein neues Denkmal für die Saalburg. Eine Nachbildung, der vor einigen Jahren in Mainz aufgefunbenen prächtigen Jupilersäule aus der Zeit Neros, in Stein, soll im Laufe der 3alyre in der Nähe der Saal bürg aufgestellt werden. Die Säule befindet sich int Original in der Stcinhallc des römisch­germanischen Museums zu Mainz, wo man sie allerdings wegen ihrer beträchtlichen Höhe, 15 Meter, nicht aufbauen konnte. Die Nachbildung des mit prächtigem Reliefschmuck versehenen Denk­mals wird von dem Bildhauer E. S ch m a h l aus Kostheim ver­fertigt. Die Kopie ist das Geschenk eines Taunus freundes an den Kaiser.

fDasKapitolvonAlbany. Tas Parlamentsgebäude von Albany, das nun ein Raub der Flammen geworden ist, war wohl eines der kostspieligsten Häuser, die je einer Volksvertretung errichtet wurden, denn der Staat Neuyork hat für den Bau dieses wahren Palastes rund 108 Millionen Mark ausgegeben. Der ganze Bau war aus weißem Marmor erridrtet: er lag in prächtiger Umgebung auf dem Gipfel eines Hügels, und mächtige, breite 'Marmorfreitreppen führten hinauf zu den großen Toren, hinter denen die Volksvertreter des Staates Neuyork ihres Amtes walteten. Der Grundstein lvar im Jahre 1869 gelegt worden, aber die Arbeiten zogen sich 21 Jahre lang hin, und erst-im Jahre 1890 war das Werk vollendet. Tie Architekten haben es jebod) niemals als ein Kunstwerk oder einen Musterbau eingesckätzt, denn die Arbeiten scheinen trotz der gewaltigen Kosten sehr ickstecht ausgeführt worden zu sein. Die große wesckiche Freitrevve war infolgedessen vor einigen Jahren dem Zusammenbruch nabe. Die innere Geschichte des Baus ist überhaupt kein Ruhmesblatt für die Regierung des Staates Neuyork. Es ist ein offenes Geheimnis, daß große mummen von den Baugeldern verschleudert wurden und daß bat einzelnen Unternehmern ganz ungewöhnlich hohe

Preise bezahlt wurden. Erst vor einigen Jahren war das Kapitol von Albany ein Gegenstand der öffentlichen Entrüsttrng: durch Zufall hatte man damals entdeckt, daß die prächtigen massiven Eichenpaneele", für die gewaltige Summen aufgewandt worden waren, genau so wie dieeichenen Plafonds" aus Papier­mache e bestanden. Man mag sich leicht ausrechnen, welches Geschäft die Bauunternehmer bei dieser Art der Ausführung ge­macht haben, denn selbstverständlich hat man für den Pappdeckel die vollen Preise für echte Eiche bezahlt. In der großen Biblio­thek, die durch das Feuer völlig vernichtet worden ist, waren mehr als 600 000 Bände untergebradtt, darunter die kostbarsten genea­logischen Arbeiten und unersetzliche alte Dokumente und Reliquien, die bis auf die Zeit der Befreiungskriege zurückgehen. Alle diese historischen Handschriften und Akten sind unwiderbringlich dahin. Man schätzt den durch den Brand verursachten Schaden auf 40 Millionen Mark, die großen Sitzungssäle sind durch die Löscharbeiten völlig unter Wasser gesetzt, wobei natürlich das kostbare Mobiliar zerstört wurde. Dabei ist auch auf einen teil­weisen Ersatz des verlorenen Wertes nicht zu rechnen, denn eine Versicherung gegen Feuersgefahr war nicht ausgenommen worden.

Korntheuers Einfälle. Unter den vielen bedeuten­den Komikern der alten Schule nimmt Josef Korntheuer (1799 bis 1829\ den seine Verehrer denkomischesten aller Komiker" undeine Radikalarznei gegen Hypochondrie" nannten, den ersten Platz ein. Er brauchte, wie die deutsche Bühne mitteilt, nur sein langgerecktes Gesicht zu zeigen, und das Publikum jauchzte ihm entgegen. Besonders groß war er im Extemporieren, was in der guten alten Zeit bekanntlich sehr beliebt war. Einmal wurde er im letzten Moment mit der Vertretung eines plötzlich erkrankten Kollegen betraut und sollte also eine Rolle spielen, von der er kaum eine Ahnung halte. ,^Jch wills tun!" sprach er 5um Direktor, aber ul' mache Sie darauf aufmerksam, daß ich ganz aus dem Stegreif spielen muß." Der Direktor baute auf Korntheuers Beliebtheit, und er hatte sich nicht getäuschtDas Publillün kam aus dem Lacken nicht heraus, bei folgender Stelle aber drehte das Theater einzustürzen:

Diener (eintretend): Herr Bürgermeister, die fremde Sängerin kommt schon!

Bürgermeister (Korntheuer): Kommt schon? Kommt schon? Was tun? was machen? was anfangen? und was hernach wiederum beginnen?

Diener: Ich hab ihr Blumen auf den Weg streuen lassen^ Dazu hab ich alle Gärten geplündert, und da sie mir nicht genug Blumen boten, hab ich ihr auch Salat streuen lassen.

Bürgermeister ^'ehr ernsthaft): Recht so, mein Lieber, und nun lassen Sie von mir aus noch- zwölf harte Sier sieden und auf den Salat legen!