Ausgabe 
30.12.1910 Zweites Blatt
 
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Ar. 306

Svekter Blatt

160. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

Erscheint K-Nch mit Ausnahme beimitegl.

General-Anzeiger für Gberhefsen

DieGtetzener FamilienblLtter" werden dem »AnzeigerE viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblati für de» Kreis Gießen zweimal wöchentlich. Dierandwirtschaftliche» Seit- fragen erscheinen monatlich zweimal.

Sieltag, 30. Vezember 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersilälS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Scdul- ftratze 7. Expedition und Verlag:

RedaltwmS-sA 112. Tel.-AdruAnzeigerGteßem

Der Rechtgläubigkeitseiö der latholifchen Geistlichen.

Am 8. (September fjat her Papst den Geistlichen den Modernisteneid vorgeschrieben, dessen Fassung wegen der dagegen gerichteten Bewegung von allgemeinem Interesse sein wird. Wir geben die Uebersetzung wieder, die in der Germania" gestanden hat. Danach lautet die neue Eides­formel:

Ich N. N. eigne mir an und nehme fest an alle und jede der Wahrheiten, welche die Kirche durch ihr un­fehlbares Lehramt definiert, festgelegt und verkündet hat, besonders jene Hauptlehrsätze, welche bxreft gegen die Irrtümer der Zeit gerichtet sind.

Und zuerst bekenne ich, daß Gott, der Urgrund und daS Ziel aller Dinge, durch das natürliche Licht des Verstandes in fieber er Weise erkannt und also auch nachgewiesen werden kann durch das Mittel der erschaffenen Dinge, d. h durch die sichtbaren Werke der Sckfrpfung wie die Ursache durch ihre Wirkung.

Zweitens nehme ich an und erkenne an die äußeren Beweis­gründe für die Offenbarung, d. h. die göttlichen Taten, darunter in erster Linie die Wunder und die Prophezeiungen' als sehr sickere Zeichen des göttlichen Ursprungs der christlichen Religion. Und dieselben Beweisgründe halte ich'für in her­vorragendem Maste angepaßt dem Verständnis aller Zeiten und tüler Meirichen und auch demjenigen der Jetztzeit.

Drittens: ich glaube auch mit festem Glauben, daß die Kirche, die Hüterin und die Lehrmeisterin des gedffenbarten Wortes in unmittelbarer und direkter Weise durch den wahren und histo­rischen Christus in Person während seines Lebens unter uns eingesetzt worden ist, und ich glaube, daß diese Kirck)e auf Petrus, dem Haupt der apostolis<l)en Hierarchie und auf seinen Nach­folgern bis an das Ende der Zeilen aufgebaut ist.

Viertens: Ich nehme aufrichtig die Glaubenslehren an, wie sie uns von den Aposteln und den rechtgläubigen Vätern über­mittelt worden sind, und ich nehme sie in demselben Sinne und in der gleichen Interpretation an, wie sie. Deshalb weise ich uneingeschränkt die häretische Voraussetzung von der Evolution der Dogmen zurück, wonach diese Dogmen «einen anderen Inhalt annelimen sollten, der verschieden ist von dem- faviijen, den ihnen zu, allererst die Kirche gegeben hat. In gleidxr Weile lehne ich jeden Irrtum ab, der darin bestellt, die der Braut Cliristi und ihrem wachsamen Schiche anvertraute göttliche Hinterlage gegen eine philosophische Fiktion oder ein Erzeugnis des menschlichen Gewissens einzutauschen, welches durch die Arbeit der Meusck-en immer mehr ausgebildet werden imb in der Zu­kunft eines unbeschränkten Fortschrittes sein sollte.

Fünftens: ich halte es für ganz sicher unb ich bekenne mich dazu in aller Aufrichtigkeit, daß der Glaube fein blindes reli­giöses Gefühl sei, welcl)-es herausguillt aus den dunklen Tiefen desUntergewissens" und unter dem Druck des Herzens und der Einwirkung des Willens seine moralische Wertung erhalte, son­dern daß er eine wirkliche Zustimmung des Verstandes zur von außen durch die Lehre (vom Hörensagen) genommenen Wahrheit bedeutet; eine Zustimmung, vermöge deren wir kraft der Autorität Gottes, dessen Wahrhaftigkeit unbeschränkt ist, alles das, wcte gesagt, bezeugt und von dem persönlichen Gott, unferm Schöpfer lund unserm Herr offenbart ist, für wahr halten.

Ich unterwerfe mich noch mit aller verlangten Ehrerbietung Und stimme mit ganzer Seele zu allen Verurteilungen, Erklärungc» und Vorschriften, welche in der Enzyklika:Pascendi" und in dem Dekret:Lamentabili", besonders inbezua auf das, wat man die Dogmengejchichte nennt, enthalten sind.

Ebenso verurteile ich den Irrtum derjenigen, welche be­haupten, daß der von der Kirche vertretene Glaube mit der Geschichte in Widerspruch stehen könnte, und das. die katlzoiischen Dogmen in dem Sinne, in dem sie heute ver­standen werden, mit den authentischsten Uranfängen der christlichen Religion keine Aehnlichkeii hätten.

Ich verdamme ynb verwerfe auch die Meinung derjenigen, tockpe glauben, die Persönlichkeit des christtidien Kritikers in zwei Teile zerlegen zu können, und den Gläubigen Don dem Historiker unterscheiden; als ob der Historiker das Recht hätte, das aufrecht zu erhalten, was dem Glauben widerstreitet, oder als ob es ihm überlassen bliebe, unter der einzigen Bedingung, daß er direkt kein Dogma leugnete, Prämissen aufzustellen, aus denen man den Schluß ziehen könnte, daß die Dogmen entweder falsch oder zweifelhaft seien.

Ich verdamme in gleicher Weise jene Methode, die heilige Schrift zu beurteilen und zu interpretieren, eine Methode, welche

unter Abweichung von der Tradition der Kirche, von der Analogie des Glaubens und den Regeln des apostolischen Stuhles die Arbeitsmethoden der Ratronalisten befolgt und mit ebensoviel Freächeit wie Leichtfertigkeit als höchsten und einzigen Grundsatz, die Textkritik gelten läßt.

Ferner verwerfe ich den Irrtum derjenigen, welche behaupten, daß der Gelehrte, welche gesckstcht lickte und theologische Fragen behandelt, oder wer auch immer sich mit diesem Gegenstände befaßt, zuerst sich von allen Voraussetzungen frei machen müßte, sei es hinsichtlich des übernatürlichen Ursprungs der katholischen Tradition, sei es hinsichtlich des von Gott versprochenen Bei­standes zur Erhaltung eines jeden Teils der offenbarten Wahr­heit: unb welche sodann behaupten, daß die Schriften'"eines jeden Kirchenvaters interpretiert werden müßten außerhalb eines jeden Zusammenhangs mit irgend einer göttlick)en Autorität, ausschließlich nach den Grundsätzen der Wissenschaft und mit jener Unabhängigkeit des Urteils, welche man bei dem Studium irgend eines profanen Dokuments anzuwenden pflegt.

Endlich bekenne ick) im allgemeinen vollständig frei bon dem Irrtum dieserModernisten" zu sein, die be­haupten, daß isn der h. Überlieferung nicksts Göttlick-es sei, ober, was noch schlimmer ist, das Göttliche in ihr in pantheistischem Sinne auffassen, so daß nur die von den übrigen geschichtlichen, Ereignissen ähnliche, reine und nackte Tatsache übrig bleibt, daß die Menschen durch ihre Arbeit, ihre Geschicklichkeit, ihr Talent durch die späteren Zeiten die von Christus und seinen Aposteln begonnene Schule fortsetzten.

Um zu schließen, halte ich mit der größten Kraft daran fest irnb werde bis zum letzten Atemzug daran feftbalten an der Lehre der Väter über das sichere Kriterium der Wahrheit, welches ist, war und immer1 bleiben wirdim Episkopat fortgepflanzt durck) die Nachfolgerschaft der Apostel" (Iren. II, c. 26); nicht so, daß nur das festgehalten werden soll, was dem Kulturgrade und dem Alter eines jeden mehr entsprickst, sondern in der Weise, daß die absolute und unverärrderliche von Ansapg an dirrch die Apostel gepredigte Wahrheit niemals in einem anderen Sinne geglaubt oder aufgefaßt wird.

Alle diese Dinge verpflichte ich mich treu, unverkürzt und ebtiid) zu beobachten, unversehrt zu bcroaljrcn, mich niemals dav-on zu trennen, sei es durch die Lehre, sei es anbcnucüig durch Wort oder ©dyrift.

Ein Münchener Hofgeistlicher, Dr. Joh. Held wein, verweigerte die Leistung des Modernisteneides. Das erzdischofltche Ordinariat ließ eine Vorladung an Dr. Hold­wein ergehen, die er mit der schriftlichen Erklärung seines Austritts aus dem römischen Klerus beantwortete, tzeldwein wird seine Dienste der altkatholischen Kirche wid­men, der er sich angeschlossen hat.

Ein anderer Eidverweigerer ist der Kaplan Konstantin Wieland in Lauingen a. D. Er veröffentlicht in der WochenschriftDas Neue Jahrhundert' eine ausführliche Erklärung über die Gründe seiner Eid Verweigerung, in der es u. a. heißt1

Ich möchte nicht als abgefallener Priester gelten und bin es daher meiner eigenen Ehre schuldig, öffentlich die Gründe darzulegen, die mich zur Verweigerung dec Eides­leistung bestimmten. Ich bin kein Mooernist im Sinne der päpstlichen Dekrete und glaube meine katholische Glaub ensüberzeugung unwid erleg.ick) bar getan zu haben. . . . Gerade dieser mein treu katholischer Standpunkt aber ist es, der es mir zur Gewissenspflicht macht, die Leistung des Modernisteneides zu verweigern. Tann die in dem Eidesformular aufgestellten Sätze sind bis jetzt noch nicht vom unfehlbaren Lehramt der Kirche als Dogmen definiert, sondern sie sind nur Anwendungen und Schlußfolgerungen von un­sehlbaren Glaubenswahrheiten, Konklusionen, deren irresormable Richtigkeit noch nicht durch die übernatür­liche Garantie einer infalliblen Glaubensentscheidung ge­währleistet ist . . . Ich bedauere tief, trotz meiner über­zeugten Glaubenstreue im Gegensatz zur Kirche geraten zu sein . . . aber mein Gewissen erlaubt mir nicht, im vorliegenden Falle anders zu handeln.

Im Anschluß an seine Erklärung ersucht Kaplan Wie­land alle jene Amtsgenosfen, welche gleichfalls die Eides­

leistung zu verweigern gesonnen sind, um Angabe ihrer Adressen zur Herbeiführung einer gemeinsamen Beratung über ihre Lage.

Die (Ernte öe$ Todes im Zähre 1910.

i.

Staatsoberhäupter. Fürstliche Perfonen. H Hoher Adel.

Februar: 16. Hermine Fürstin zu Schaumburg-Lippe, f Bückeburg, 82 I. 23. Prinz Georg von Schönaich-Caro-- lath, i Schloß Mellendorf b. Reichenbach, 63 I. 24. Wil­helmine Gräfin v. Württemberg, t Preßbaum b. W.en. Mai: 6, König Eduard VII. von England, t London, 68 I. Juni: 10. Josefa Fernanda, Infantin von Spanien, t Paris, 83 I. 21. Prinzessin Feodora zu Schleswig-Holstein, f Obersaß- bad) b. Karlsruhe t B., 36 I. 22. Marie Fürstin zu Wied- t Neuwied, 68 I. Iuli: 30. Prinz. Jeanne Bonaparte, f Paris, 48 I. August: 16. Pedro Montt, Präsident von Chile, T Bremen. September: 22. Ali Reza Chan, Regent von Persien, t Teheran, 64 I. Oktober: 2. Heinrich XXIV., Fürst Reuß-Köstritz, t Schloß Ernstbrunn, 55 I. 22. Fürst Franz v. Teck, Bruder der Königin Mary von England, t Lon­don, 40 I. 23. König Chulalongkorn von Siam, t Bangkok, 57 I. 27. Friedrich Prinz zu Schönburg-Waldenburg, i Schloß Schwarzenbach, 38 I. 28. Karl Alexander Prinz zu Waldeck und Pyrmont, f Dresden, 19 I.

Diplomaten. Hof- und Staatsbeamte.

Januar: 28. Gotthelf Ziegler, Vorstand der Geh. Kanzlei des Auswärtigen Amtes in Berlin, t Berlin, 76 I. Februar: 2. Ludwig Jrhr. v. Senarzlens-Graney, Hess. Provinzialdirektor, t Darmstadt, 70 I. 10. Christian Graf v. Tattenbach, deutscher Botschafter in Madrid, t Madrid, 64 I. 21. S. F. Butros- Pascha, ägypt. Ministerpräsident f Kairo (durch Attentat), 64 I. März: 1. Graf Götz v. .Seckendorfs, ehern. Ober Hofmeister der Kaiserin Friedrich, t Berlin, 68 I. April: 13. Maxi­milian Graf v. Berchem, ehern, bayr. Unterstaatssekretär, f München, 68 I. 27. Baron Melvil v. Lynden, ehern, holfr Minister des Auswärtigem t im Haag, 66 I Mai: 9. Karl v. Hofmann, Staatssekretär a. T., t Berlin, 82 I.' Juli: 1. Dr. Max Honsell, bad. Finanzminister, f Karls­ruhe, §7 I. 15. Dr,. Heinrich Eisenhuth, Vorsitzender der Schulabteil, im Hess. Staatsminist., t Darmstadt, 58 I. Sep­tember: 13. Senator Morin, ehern, ital. Marineminister und Minister des Auswärtigen, f Lucca, 68 I. 16. Dr. Frhr. v. Starck, Hess. Staatsminister a. T., t Darmstadt, 85 I.i 18. Alexander Iwanowitsch v. Nelidow, russ. Botschafter in Paris', T Paris, 75 I. Oktober: 14. Rudolf Lindau, Legattonsrat und Schriftsteller, f Paris, 81 I. 20. Rudolf Graf zu Kheoen- Hüller-Metsch, österr.-ungar. Botschafter in Paris, t Wien, 66 I. » Dxzember: 1. Graf Adolf v. Götzen, preuß. Gesandter in Hamburg, ehern. Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Ost* afrifa, f Berlin, 44. I.

Heer und Marine.

Februar: 8. Frhr. v. Salis-Samaden, österr. Feldmark schalleutnant a. D. f Graz. 11. Ernst v. Schwartzkoppen, Oberst und Regimentskommandeur, f Saarbrücken, 56 I. 18. Fer­dinand Fiedler, österr. Feldzeug meist er und Gcneraltruppcninspek- tor, V Wien, 77 I. Eugen v. Bernardi, preuß. G>m.erab- teutnant z. T., t Charlottenburg, 88 I. Graf v. Klinckowstrvem, preuß. General a. D., t Potsdam, 62 I. März: 26. Ludwig p. Hartrott, preuß. General a. D., f Ballenstedt, 81 I. 30. Graf Wilhelm v. Zeppelin, Hauptmann a. D., Senior der Familie, f Stuttgart, 85 I. April: 13. Karl Tillessen, preuß. Generalleutnant z. D., f Ehrenbreitstein, 63 I. 15. v. Car* nap-Querheimb, Preuß. Generalleutnant.z. D., f Friedenau-Ber^ lin, 84 I. Mai: 7. Frhr. Reichlin v. Meldegg, ehern, bayr. General, t Augsburg, 61 I. 8. Bernhard v. Brauchitsch, Preuß. General z. D., t Naumburg a. S., 76 I. v. d. Willigen, holl. General, Kommandant der h-oll.-ind. Truppen in Batavia, t Weltevreden, 51 I. Juni: 7. Sir William Butter, cngl, General, t London, 71 I. 23. Max Edler v. d. Planitz, preuß. General z. D., ehern. Generalinspekteur der Fußarttllerie, t Inter­laken, 75 I. Juli: 14. Max Krause, preuß. Generalleutnant z. D., f Bad Kissingen, 56 I. 31. Alexander v. Spitz, preuß. General, f Berlin, 77 I. August: 1. Ludwig Edler von Granurol, bayr. Generalleutnant, t München, 66 I. 1. von Kettel er, preuß. Generalleutnant, t Berlin, 69 I. 7. Wilhelm v. Spitz, preuß. Generalleutnant z. T., f Hawrover, 74 I. 16;

Madrid zur Jahreswende.

P. Madrid, Ende Dezember.

Vom 23. Dezember bis zum 6. Januar ist in Spanien ein Ununterbrochenes Fest. Am 23. Dezember beginnt die Ziehung der großen Staatslotterie mit einem Hauptgewinn von sechs Millionen Pesetas, an der jedermann beteiligt ist. Es werden darum an diesem Tage hier sämtliche private wie städtische und staatliche Bureaus und Kontore geschlossen, batn das allgemeine Interesse ist nur auf die Lotterie gerichtet. Trotzdem machen Bäcker und Konditoreien, Fleisch- und Geflügelläden ein un­geheures Gesckjäftt Stundenlang müssen die Säufer warten, um die von ihnen genninschten Waren zu erhalten. Paro (Trut­hahn) und Turrvn (eine Art Marzipan) spielen die hervorragenste Rolle unter den Gerichten in dieser spanischen Schlcmmerzett. Niemand läßt sich diesen nationalen Festbraten wie das nationale Naschwerk entgehen, und in unbegüterten Familien wird wochen­lang gespart, damtt man auf Paro und Turron nicht verzichten muß. Tausende von herangemästeten Truthälmen werden Pan den Züchtern den Städten zugeführt und die Schaufenster der Gcflügelläden sind mit Dutzenden wo hl gemästeter Vögel behangen, die mit buntfarbigen Bändern jmb Papierschleifen, mit etwas ßfrün und Papierblumm geschmückt sind.

Wenn die spanischen Feste im allgemeinen schon lärmend gefeiert lverden, so herrscht um die Jahreswende sicher der be­täubendste Spektakel. Um die Geburt Jesu anzuzeigen, wird das Trommelfell mit metallenen Mörsern und fr genannten Zam- bombas (Waldteufel) und Sackgeigen gräßlich erschüttert. Tie Straßenjugend kann nicht genug des Guten tun und wird darin noch kräftig unterstützt von Erwachsenen in der alten Studenten­tracht, der sogenannten Esttidianttnas, die zumeist Barbieraefellen und Ladengehilfen sind und unter Gitarrenbegleitung alte und neue WeihnachtÄieder, Villancicos u. a. singen. Den Weih­nachtsbaum kennt man noch nicht oder doch nur in vornehmen Häusern. Dafür wird in jeder Familie einnacimicnto" auf- gestellt, eine Weihnachtskrippe, die aus Pappe und Korkrittde verfertigt ist. Neben den allgemein bekannten biblischen Figuren sind aus triefen Nacimientos stets etliche spanische Typen zu sehen: ein Stierkämpfer, ein Bauer mit einer Herde Puten, eine Kastanienverkäuserin, eine Tänzerin u. a. m. Am Weihnachts- ßeiligabend, der rwche buena, werden an der Krippe Weihnachts­lieder gelungen. In allen Theatern finden Vorstellungen statt und das zahlreiche Publikum ist außer sich vor Entzücken über hie Darbietungen, zumeist Jnocentadas, verrückte Stücke, in denen die Frauenwtten von Pennern, die Männerrolleu von Fraum.

gespielt werden. Damit es jedem Madrider möglich ist, alle Freuden auszukosten, zahlen die staatlichen, städttschen usw. Kassen die Januargehälter bereits am 22. Dezember aus.

Der 28. Dezember, das Fest der unschuldigen Kindlein (span. Jnocentes) spielt hier etwa die Rolle unseres 1. April. Zur Erklärung diene die Mitteilmig, daß das Wort inoccnte uni Spanischen den Nebenbegriffdumm" einschließt. Tie Zeitungen veröffentlichen mit großem Ernst allerlei ungeheuerliche Nach­richten, die Straßenjugend nagelt oder klebt Münzen auf dem Trottoir fest, um dann plötzlich aus einem Versteck her vor zu stürz en und aus LeibeskräftenJnocente, Jnocente!" zu schreien, sobald sich einUnschuldiger" nach dem Fund bückte, um ihn auszu­heben. Geld, das man an diesem Tage unvorsichtigerweise ver­liehen hat, darf nie zurückgefordert werden, selbst dann nidx, wenn man einen Schuldschein in den Händen hat. Der 1. Januar ist wohl ein Festtag, hat aber längst nicht die Bedeutung der Weihnachtstage, die der Spanier Pascuas, Oftertage, nennt, wäh­rend er Ostern als Pascuas de Resurreccion (Auferstehungsostern) bezeichnet. Am Weihnachtstage werden auch die Neujahrstorten versandt mit dem Wunsche:Le deses ä uted feliz salida y entraba de ano. (Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Schluß und An­fang des Jahres.) Den Sckriuß des Festes bildet der Dreikönigs­tag. Der gilt noch einmal der Freude. Läden und Geschäfte bleiben geschlossen und alles amüsiert fich außer dem Hause. Die Theater sind überfüllt und dichte Menschenmassen füllen den Buen Netiro und andere Promenaden. Tie Kinder stellen ihre Schuhe auf den Balkon, damit die heiligen drei Könige, die mit ihrem Gefolge und beladenen Kamelen vorüberkommen, Ge­schenke einlegen zumeist finden aber nur die Kinder besser situierter Eltern ihren Wunsch erfüllt.

*

Gutzkow der Jüngere. Dor bald zwei Jahren starb in seiner Vaterstadt Frautturt a. M. Karl Gutzkows äüelier Soyn Hermann, der erste, 1*37 geborene Svrost aus des TlckUers erster Ehe nut Amalie Klönne. Er hatte Chemie studiert und war in feinem Fache bei großen Fabriken in Manchester, Köln und Frank­furt a. M. tätig gewesen, zuletzt noch bet den Farbwerken in Höchst. Aber ein schweres Nervenleiden machte ihn anderthalb Jahr­zehnte, die Zeit der besten Atannesjahre. zu jeder Arbeit unfähig und wars teilte Schatten auch auf fein foäteres vereinsamtes Jung- getelleideben. Jetzt erst nach seinem Tode stellt es sich heraus, daß Hermann Gutzkow im Stillen auch ein Poet gewesen ist, feiner von den Großen, aber ein beschaulicher, nach innen gekehrter Jdeendichler von nicht gewöhnlichem Formtalent. Emen Ans- wahlband feiner hinterlassenen Gedichte hat fein jüngerer Bruder

Emil Gutzkow, der als Buchhändler in Stuttgart wirkt, Soeben bei Otto Hedel m Halle erscheinen lassen. Eine kleine Probe daran- mag für die feine Art des verstorbenen Dichters zeugen:

Herüber,bin über.

Ein stiller Abend. Leise nur

Tickt an der Wand die Schwarzwalduhr, Es hört nicht auf sich dort zu reuen;

Der Pendel geht mit sichern Schlägen Herüber, hinüber.

Die weit die Zeit zurück doch liegt: Em Knäblein war ich, ward gewiegt Dttl Liedern zwischen engen Wänden Don lieben, stillen Mutterhänden

Herüber, hinüber.

Ich wuchs heran und wurde groß, Griff tu das Rad und zog mein Los. Hat mich das Glück auch nicht betrogen, Mich schleudern dennoch Wuid und Wogen Herüber, hinüber.

In meinen Nächten voller Pein Wiegt mich kein Mutterlied mehr ein. So viele Plagen, so viel Mühe! Ich werf mich bis zur Morgenfrühe Herüber, hinüber.

Ich weiß ein Grab, ein liebes Grab; Tort hängt em welker Kranz herab. Es liegt zu einer Linde Fußen;

Durch ihre Blätter weht ein Grüßen

Hei über, hinüber.

Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschakt. Im Metrvpolttan-Oberhause zu Newyork fand gestern die Ur­aufführung von Engelbert Humperdincks dreiaktiger Oper K ö n i g s k i n d e r" statt. Das Opernhaus war bis auf d«r letzten Platz gefüllt und bot einen glänzenden Anblick. Geraldine Terror spielte dasGänsemädel". Das Stück fand eine glän­zende Aufnahme. Der Kompvnist unb die Künstler wurden wiederholt hervorgerufen. Professor Su phan hat die Direb^ fron vom Goethe- und Schillerarchiv in Weimar niedergelegt. ßuf eine 25jährige Tätigkeit als nUiversitätsprofessor kann ant 30. Dezember der Bonner Germanist, Dr Berthold L i tz m a n n zurückblicken. Pros. Litzmann ist der Begründer der' wissenfchaft- tichen Durchforschung der deutschen Theatergeschichte und Brze- präsident der Gesellschaft für Lheatergeschichte.