Nr. 152
Drittes Blatt
160. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Sießener ZaimlienblStter" werden dem »Anzeiger- viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblfitt für den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erschemen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Sberhesfen
Samstag 2. Juli 1910
Rotationsdruck und Verlag der BrühPschen Universitäts - Brrch- und Stemdruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerer: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e^Abl. Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen..
vor <0 Zähren.
Der Juni 1940 ist überreich an Tagen, an denen wichtige, Vie Marine betreffende Ereignisse zum zehnten Male wieder- kehren. Solcher Tage zu gedenken, auf sie Hinweisen, sich des damals Erreichten zu freuen, ist das Recht der Mitlebenden, wird in unserer schnell vergessenden, nüchternen Zeit zur Pflicht. Ten folgenden, der Mcrrine-Rund- schau entnommenen Aufsatz möchten wir daher unseren Lesern nicht vorenthalten:
Während im Jahre 1900 im Reichstage das Flottengesetz beraten und geprüft wurde, spitzten sich die Verhältnisse in China in besorgniserregender Weise zu. Auf den! aus Peking erschallenden Notschrei der dortigen Gesandtschaften hin rvurde der bekannte Vorstoß der Landungs- lorps der auf der Taku-Reede versammelten Schiffe der verschiedenen Nationen unternommen, der unter dem Namen der Seymour-Expedition "(10. bis 27. Juni 1900) trotz seines Mißerfolges allen Beteiligten zu unsterblichem Ruhme verhalfen hat. An die deutschen Landungskorps der Hertha, Hansa, Kaiserin Augusta und Gefion (23 Offiziere, 489 Mann, 4 Maschinengeschütze) unter der Führung des Kapitäns zur See v. Usedom erging in der Nacht vom 21. zum 22. Juni jener später zum Schlagwort gewordene, überall in Deutschland lebhaften Widerhall findende Atuf Germans to the front (die Deutschen an die Spitze), ein Beweis der Wertschätzung, deren sich die deutschen Seeleute bei ihren Mitkämpfern erfreuten.
Mährend die gelandeten deutschen Mannschaften sich auf diesem Vorstöße und Rückzüge vor überlegenen Streitkräften das Lob ihres Führers, des Admirals Seymour, dessen Führung sie sick willig unterstellt hatten, verdienten: „Was den Mut und die hohe Disziplin anbetrifft, die von allen Offizieren und Mannschaften Seiner Kaiserlichen Majestät bewiesen wurde, so vermag ich nur zu sagen, daß sie der hohen Traditionen des großen Deutschen Reiches vollauf würdig waren", — spielte sich im Peihogebiet die denkwürdige Eroberung der Takuforts (17. Juni) ab. Bei deren Erwähnung müssen die Namen des oeutschen Kanonenbootes Iltis und seines Kommandanten, des Korvettenkapitäns Lans, immer an erster Stelle genannt werden. Was das Feuer der kleinen Kanonenboote entscheidend vorbereitet hatte, die Niederkämpfung der starken, weit überlegenen und zeitgemäß ausgerüsteten Küstenforts, vollendete der Angriff der internationalen Sturmkolonnen, deren Führer der Kommandant der Hansa, der Kapitän zur See Pohl, war. Wie .das deutsche Admirakstabswerk mit Recht hervorbebt, mar es vorzugsweise ein Verdienst des deutschen Geschwaderchefs, des Vizeadmirals Bendemann, daß die bedeutungsvolle strategische Maßnahme der Besetzung der Taiuforts gerade noch rechtzeitig und mit aller Kraft ourch- geführt wurde. Diesem Entschluß war es zu verdanken,
daß die Verbindung nach Tientsin und Peking aufrechterhalten und so schließlich die Rettung der in der chinesischen Hauptstadt hart bedrohten Gesandtschaften doch noch möglich wurde. Daß die schwere Aufgabe durch die Kanonenboote richtig angefaßt und mit Erfolg beendet wurde, ist vor allem der Tatkraft des Iltis-Kommandanten zuzuschreiben, der so sein dem Kaiser bei der Ausreise gegebenes Versprechen, „der neue Iltis wolle nicht schlechter sein, als der alte", getreulich einlöste.
Auch der anschließenden Kämpfe in und um Tientsin, die bis 'in den Juli hinein die Kräfte der Besatzungen der Schiffe und des aus Tsingtau geholten 3. Seebataillons ganz in Anspruch nahmen, und in deren erstem Abschnitt der Kapitänleutnant Kühne den Oberbefehl über das kleine deutsche Detachement '(Kaiserin Augusta, Irene) führte, sei gedacht. Die Erinnerung an diese aufreibenden, durch beständige Kämpfe ausgefüllten Tage wird in diesen Tagen auch in den Herzen der Deutschen Tientsins aufleben, die als wackere Mitstreiter der deutschen Mannschaften freudig ihr Leben einsetzten für den Schutz der bedrohten Angehörigen und ihres gefährdeten Hab und Gutes.
Schließlich soll auch an die Taten des braven See- soldatendeckachements, das unter der Führung des Oberleutnants Grasen Soden nach der Ermordung des deutschen Gesandten Freiherrn v. Ketteler vom 13. Juni bis zum Entsatz Pekings am 14. August in mannhafter Weise an der Verteidigung der belagerten Gesandtschaften mit- wirkte, erinnert werben. Von den 50 Mann oer deutschen Schutzwache bezahlten 12 ihre Treue mit dem Leben, ihrer 14 wurden verwundet..
Das dem Generalmajor v. Höpfner unterstellte Ma- rineexpeditionskorps (62 Offiziere, 2500 Mann) feierte am 19. Juni den Tag feiner Mobilmachung. Fürst Bismarck, der noch Probefahrten machte, verließ nach deren beschleunigter Beendigung am 30. Juni Kiel; Tiger und Luchs beeilten die Ausreise nach Ostasien. Am 3. Juli erfolgte der Befehl zur Bereitstellung der kombinierten Armeebrigade, woraus sich später das Ostasiatische Expedi- nonskorps (866 Offiziere, 18 788 Mannschaften und 5591 Pferde) entwickelte. Die 4 Linienschiffe der Brandenburg- Klasse und Hela wurden am 11. JUni nach Ostasien geschickt, ebenso Schwalbe, Bussard, Geier und Seeadler dorthin zn- sammenaezogen. S 90, S 91 und S 92 folgten später (28. Juli). Die See-Streitkräfte auf der ostasiatischen Station erfuhren so eine zeitweise Vermehrung, wie sie bisher noch nie dagewesen war. An der schnellen Hinaus- sendung der Truppen und Vorräte und dem hierdurch erzielten Erfolge sind nicht nur die in Frage kommenden Behörden beteiligt gewesen. Ohne die Musterbetriebe, die unsere großen deutschen Schiffahrtsgesellschaften darstellen, ohne deren hingebenden Fleiß und ihre innere Tüchtigkeit
wäre es unmöglich gewesen, des Deutschen Reiche- > raff so schnell im fernen Osten in Taten umzusetzen. Auch ihrer Arbeit soll in diesen Erinnerungstageu gern und dankbar gedacht werden.
LarnHLVsrtscdcrft.
-- Alsfeld 30. Juni. Am Sontttag, 10. Juli, findet nachmittags im Saale des „Deutschen Hauses" die Haupt- versammlungdes Ober hessischen Obstbauoereins statt. Aus der wichtigen Tagesordnung seien nur einige Punkte hervorgehoben. Neben bet üblichen Rechnungsablage und dem neuen Voranschlag kommen ewige Statutenändermtgen zur Verhandlung. Weiter findet eine Wahl des Präsidenten und Vizepräsidenten statt, da der frühere verdienstvolle Präsident Gras Oriola gestorben ist und der Vizepräsident Geheimrat Fey infolge Versetzung sein Amt niebergetegt hat. Fachlehrer I o hn- Friedberg wird einen Vortrag über ein sehr wichtiges Thema, das jeden Obstzüchter interessieren muß, halten: „Die Auswahl des Pflanzmaterials bei der Anlage von Obstpflanzungen". Vormittags findet in demselben Lokal eine Baumwärterversammlung statt, in der über die Organisation der Baumwärter, ferner ihre Stellung zur Landwirtschaftskammer gesprochen wird und Obstbautechniker Koch-Alsfeld ■ inen Vortrag halten wird. Im Interesse des Oberhessischen Obstbaues wäre eine Beteiligung der Obstzüchter, der Bürgermeister und Lehrer aus allen Teilen der Provinz dringend ernrirnfdH.
Kandel.
§ Otavi Minen- und Eisenbahn-Gesellschaft. Der Preisfall der Anteile und Gcnußscheinc ist noch nicht zum Stillstand gekommen, obgleich seit der Bekanntgabe der geringeren Dividendenaussichten beinahe eine Woche verflossen ist. Man führt die fortgesetzten Abgabcm laut N. Hbg Ztg. jetzt auf neue ungünstige Gerüchte zurück, die beunruhigend wficken, obgleich für ihre Begründung kein bestfinmter Anhalt geboten ist. So verlautet seit einigen Tagen, daß das Bergwerk in den unteren Sohlen nicht mehr so günstige Ausschlüsse biete und daß vielleicht mit einer noch stärkeren Ermäßigung der Dividende zu rechnen fein werde. In der Verkürzung der Dividertde um 1 bis IV2 Prozent erblickt man jedenfalls keinen hinreichenden Grund für den andauernden Kursrückgang und mit Recht wird deshalb besonders in den .Kreisen der Anteilbesitzer, die mcht zu den spekulativen Kreisen gehören, der Wunsch laut, daß die Verwaltung eine Erklärung abgebe und zu den Gerüchten Stellung nehme.
Verantwortlich für den politischen Teil i. B.: R. Lange.
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