Nr. 298
Trr •tf^roer Kffjdetf erschein! tätlich, eufcer Sonntags. - Beilagen: viermal wöebentlich SiehenerFamiltenblatter, irvninol wöchentl.Nretr- lattsürtzen tiretr-tetzen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land- wirtfchastlichr Seitfraaea Ferickprech - Anschlüße; für die Redaktion 111, Verlag u. Expedivon bl Ubieffe lür Depefchea:
Anzeiger Siede«.
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Erster vlaü
|60. Jahrgang
Dienstag, 20. Dezember MO
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Setofimbnur aus Vertag Ser Brfil}P|d)en Unw.-Vuch- au- Skinöradtrei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchuistrahe 7.
Expedition fflr viidingen: vahnhofftrahe 16a. - Telephon Nr. 50.
verngSpreiSr monatlich 75Bf., vierteljährlich Mk. 2.20; durch Aohole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2.—viertel- jährl. ausschl. Bestella. Zeilenpreis: lokal 15Pß, auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den volitifchen Teil: August Goetz; für «Feuille- 10«^, .BermifchteZE unb ^Gerichtssaal": 5l. Neurath; für Stadt und Land": E.Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaht 10 Leiten.
Line englische Unfreundlichkeit?
Bekanntlich haben »nährend des BurenfeldMges mich eine Reihe deutscher Ansiedler in Britisch-Südafrika materiellen Sct)Qden durch Zerstörung ihrer Farmen, durch Be- Bnahmung ihres Viehs und dergl. mehr erlitten. Die he Regierung Hütte sich der Interessen dieser deutschen Zangehörigen angenommen und England dazu vermocht, die einzelnen Fälle durch besondere Ausschüsse untersuchen zu lassen, um den Tatbestand festzustellen. Jahr und Tag ist dann zwischen Berlin und London über die Scl-adenersatzansprüche verhandett Morden, ohne daß sich eine Einigung ergeben hätte. Denn, wie die „Nordd. Allg. Zeitung"'m ihrer Sonntagsausgabe mit teilt, lehnt die englische Negierung ein Eingehen auf die Reklarnattonen ab und ist auch nicht bereit, diese Reklamationen in ihrer Gesamtheit, wie es Deutschland vorgeschlagen hatte, dem ständigen Schiedsgericht im Haag zur Entscheidung zu unterbreiten. Nur ränge Fälle, bei denen es sich nach britischer Anschauung um tatsächlich völkerrechtliche Fragen handelt, sollen im Haag entschieden werden, bezüglich aller übrigen aber die deutschen Ansiedler den Kriegsschaden zu tragen haben.
Da diese cmrtTidje Note an der Spitze der „Nordd. Allg. Zeitung zu finden und auch ihr Ton schärfer war, als das bei folrfjen Gelegenheiten sonst üblich ist, mußte man sich unwillkürlich fragen: was bezweckt unser aus- warttges Amt mit diesem kalten Wasserstrahl nach London in einer Zeit, wo die deutsch-englischen Beziehungen wärmer geworden sind, ja, der deutsche Reichskanzler sogar fest- stellen konnte, daß zwischen Berlin und London Verhand- lunaen über das Abrüstungsproblem eingeleitet seien, die auch heute noch fortdauerten.
In der Streitsache selbst ist es natürlich, da man die Protokolle der britischen Entschädigungskommission nicht kennt, unmöglich Partei zu ergreifen. Nur soviel ist sicher, Laß England den größten Teil der Reklamationen nicht als strittige Rechtsfragen ansieht und sich deshalb weigert, sie auf Grund des deutsch-englischen Schiedsgerichtsvertrages vom 12. Juli 1904 dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten. In Berlin dagegen saßt man den § 1 des Schieds- gerichtsvertrages, nach dem nur Rechtssragen dem Haager Tribunal zu überweisen wären, nicht so wörtlich aus, wie in London, sondern beljnt ihn sinngemäß auch auf solche Fälle aus, bei denen es sich um Pflichten der Billigkeit und der Humanttät handelt.
Ob man nun dem Gerechtigkeitssinn der Engländer und ihrer .Humanität soviel zutrauen Fann, daß sie, auch ohne durch das Haager Schiedsgerick)t dazu gezwungen zu werden, die deutschen Ansiedler für ihre .Verluste schadlos halten, ist eine Frage für sich. Jedenfalls verdient es alle Anerkennung, daß unser Auswärtiges Amt nicht locker lassen will, die Ansprüche deutscher Reichsangehöriger in London weiter zu verfolgen. Ob diese Bemühungen von Erfolg gekrönt fein werden, bleibe dahingestellt. Nach unserer Ansicht kann es aber gar nicht so schwer sein, England, das die Entschädigunasfrage ja, wie es scheint, freiwillig und selbständig zu lösen bereit ist, davon zu überzeugen, daß auch der von ihm nicht anerkannte Teil der Reklamationen Streitfragen 'völkerrechtlicher Natur darstellt, die vor das Haager Schiedsgericht gehören. Denn der Standpunkt: a la guerre, comme ä la guerre, wie er in früheren Zeiten üblich war, ist heute überwunden. Stellt sich die englische Negierung trotzdem auf ihn, so dürste sie voraussichtlich mit der öffentlichem Meinung zusammenstoßen, und das hat bisher jeder englische Staatsmann auss sorgfältigste vermieden.
Gietzener Stafcttfyeater«
Gießen, 19. Dez.
Rita Sacchetto
Ms vor mehreren Jahren Isadora Dunkan, die schlanke Amerikanerin, ihre an der Kunst der Hellenen geschulten Tänze vorführte, war man entzückt von der Schönheit und der Anmut ihres Tanzes, als sie aber eine Schule gründete, mehrten sicy die Stimmen, die der Dunkanschen Kunst die schöpferische Tätigkeit absprachen und das W.sen ihrer Darstellung als Nachempfindungen kennz.ichneten. Die Wiedergeburt des Tanzes ging mit der Vertiefung und Umwälzung unseres Kunstbegrifses, der sich mit Glück des Kunstgewerbes bemächtigt hatte, Hand in Hand. Wie sich die Künstler gegen allen erstarrten Formelkram wehrten, wie sie ein Stück der geheiligten Hausgreuel nach dem anderen zum Fenster hrnauswarfen, so machten sie auch gegen jedes Gebiet der Kunst Front, in dem der Schein Die Seele überwuchert und unterdrückt hatte. Damals feierten Isadora Dunkan, Madame Madeleine, Loie Fuller, die Guerrero, die Saharet u. a. ihre sieghaften Triumphe. Sada Jacco, die kleine Japanerin, berauschte das alte Europa mit dem malerischen Fluß ihres Tanzes. Diesen ausländischen Tänzerinnen stehen fünf deutsche gegenüber, die, wie s. Z. Marie Taglioni, den Tanv als Kunst zu einer ungewöhnlichen Vollkommenheit gebracht haben, es s nd dies die drei .Geschwister Wiesenthal, Irene Sanden und Rita Sacchetto, die gestern bei uns eingekehrt war. Rita Sacchetto, die ihre Tänze von einer sehr gehaltvollen Musik begleiten läßt, tanzt im stimmungsvollen, auf das wesentlichste gerichteten Bühnenrahmen ihre Poesien, wie sie ihre Tänze nennt. Sie führt, wie ich das in meiner Geschichte der Tanzkunst ausgedrückt habe, die musikalischen Absichten zu selbständigen Erlebnissen durch und gestaltet frei gus ihrem rächen Gefühl heraus leb. ndurck-tzl ihte, blut- volle' Bilder von eikczückender Schönheit und ungemeinem Reiz. — Daß ihre Kunst als Kunst nach Regeln arbeiten muß, beschränkt ihr Wesen nicht, das vielgestaltig ist wie das
Abgeordneter Dr. Osann über die politische Lage.
R. B. Darmstadt, 19. Dezember.
In der heute aB'tnb abgehaltenen, zahlreich besuchten nationalliberalen Versammlung erstattete Herr Reichs- tagsabg. Dr. Osann einen ausführlichen Vortrag. Er führte etwa folgendes aus:
Nach einer kurzen, aber ereignisvollen Tagung des Reichstags nehme ich Veranlassung, den Wählern von Darmstadt Bericht zu erstatten, Nicht allein politisch«, sondern auch wirtschaftliche 5 rag en von hoher Bedeutung bildeten die Einleitung kn den Verhandlungen: Fleischteuerung und damit F l e i s ch n o t, die die weitesten Kreise des deutschen Volkes bedruckt, war der erste wichtige Gegenstand der Tagung. Wir haben für Süddeutsche land eine teilweise Oessnung t>?r Gren-en zu verzeichnen; auch für Hessen ist die Einfuhr lebenden Viehes aus Frankreich in einer ziffernmäßig nach Wochen kontingentierten Zahl Rindvieh und Schweine unter besonderen Vorsichtsmaßregeln gestattet Selbstverständlich muß der Seuchengefahr wegen größte Vorsicht obwalten. Man kann aber auch darauf verweisen, daß wir nicht allein in Deutschland, sondern in fast allen anderen Ländern unter der Teuerung leiden. So ist die Frage, wie der Fleischnot zu steuern ist, eine schwer zu entscheidende Frage. Im Reichstage ist sie auch, da es bei Interpellationen eine Abstimmung nicht gibt, nickst entschieden worden. Man kann aber für uns in Hessen nicht sagen, daß alles beim Alten bleibe. Es ist bei uns die Einfuhr französischen Viehes in beschränktem Umfang gestattet.
Nachdem diese Frage in drtt Sitzungen von all n Seit'n beleuchtet war, fani die Interpellation über die R e de des Kaisers in Königsberg, eine politisch ungemein wichtige Angelegenheit. Sie erinnern sich der Vorgänge int November 1908. Wer kann zunächst den Unterschied zwischen den Novembertagen 1908 und der Königsberger Rede leugnen? Damals eine Reihe von Aeußerungcn des Kaisers in auswärtigen Angelegenheiten, die geeignet waren, den Gang der auswärtigen Politik zu beeiw- flussen, hier, wie unser Füller Bafsermann sich ausdrückte, ein persönliches Bekenntnis, getragen von hohem Idealismus, von Pflichtgefühl, von christlichem Sinn und der Liebe zum Vaterland. Aber auch und zwar mit vollem Rechte konnte Abgeordneter Bafsermann in der Rede ein Bekenntnis zum Absolutismus nicht finden, auch keinen Angriff auf die Verfassung und die konstitutionelle Aüonarchie. Tas beweist auch die Rede des Kaisers, die er dann in Marienburg gehalten hat, in der in warmer Weise das ganze Volk an fein Pflichtgefühl erinnert wird, in der alle Staatsbürger zu gemeinsamer Arbeit gerufen wurden, int Interesse des Vaterlandes.
An dem gleichen Tage dieser Erörterung wurde noch seitens des Bundesrats die Erklärung abgegeben, daß der Entwurf des Versicherungsgesetzes der Privat beamten vom Reichsamt des Innern fertiggefteHt und an die Bundesstaaten wettergegeben worden sei. Ter Gesetzentwurf über die SchiNahrts- abgaben fand in erster Lesung geteilte Au strähnte. Erst nach der Beratung in der Kommission wird man sich ein endgültiges Urteil bilden können. Bei der Interpellation über die Lage des Handwerks und gewerblichen Mittelstandes wurde von meinem politischen Freunde Findel auf dessen schwierige Lage, bedrängt
Köln, 19. Dez. Ein Berliner Telegramm der „K ö l n. Zeitung" nennt die Ablehnung der deutschen Reklamation int Buren kriege durch die Engländer bedauerlich und meint: Man könne trotz der Schwierigkeiten die Frage auf den Weg einer schiedsgerichtlichen Entscheidung leiten. Man müsse die Frage zunächst dahin abändern, ob die Fragen, die zu so verschiedenen Auffassungen geführt hätten, solche Rechtsfragen sind, die unter die Bestimmungen des deutsch-englischen Schiedsgerichts fallen oder nicht; es handle sich hier unzweifelhaft um völkerrechtliche Fragen. Wir geben die Hoffnung nicht auf, die englische Regierung hiervon zu überzeugen. Vielleicht gibt der Vorfall den Anlaß, zu erwägen, ob nicht dre Einrichtung einer internationalen Gerichtsbarkeit zugleich auch das Bedürfnis nach einem internationalen Kompetentster ich tshof in irgend einer Form wachruft, der hoffentlich in den Dortiegenben Fragen ad hoc und provisorisch von Großbritannien zugestanden wird.
von Großbetrieben, schwer belastet durch die Finanzreform, leibenti unter ben schweren Beiträgen zu der sozialen Gesetzgebung, hmge- totefen. Wir in Hessen hoffen bnrch bie neue Steuergesetzgebung, bie eine Entlastung ber kleinen unb mittleren Betriebe burchfühtt, dagegen eine starke Belastung der Großbetriebe, dann die Besteuerung ber Konsumvereine, der Warenhäuser, ber Filiale Geschäfte vorsieht, einen größeren und festeren Schutz des Handwerks unb des Tetailgeschäftes zu erreichen; das fmb doch positive Leistungen und nickst Trösttrngen mit schönen Worten.
Von großer Wichtigkeit ist ber Gesetzentwurf über die Arbeitskammern, insbesondere auch mit seiner Einnahme, die nach dem Beschlüsse der zweiten Lesung sehr in Frage gestellt ist. TaS Gesetz sieht ein Institut vor, aus paritätischer Gründ' läge beruhend, in welchem Arbeitgeber und Arbeitnehmer ihre Interessen zu vertreten berufen werden sollen. Man hofft, in- ihnen ein Instrument des Friedens zu finden, das bie Gegensätze auszugleichen berufen sei. Tie nationalliberale Partei hat sich mit wenig Ausnahmen auf den Standpunkt gestellt, daß nur dann ein ersprießliches Zusammenwirken zwischen Arbeitgeber unb -nehm er möglich sei, wenn letztere selbst, nicht oct treten durch Arbeitersekretäre, in ben Verhandlungen erscheinen unb wenn hierdurch Parteipolitik aus solch sachlichen Verhandlungen ausgeschlossen wird. Auch gegen die Heranziehung Don Arbeitern in den Eisenbahnwerkstätten haben wir uns ausgesprochen.
Das Wichtigste ber ganzen Verhanblimg aber bildet der Etat unb zwar zunächst bie rechnungsmäßige Veranschlagung der Ernnahme unb Ausgabe für bas Jahr 1911, bann aber bie Aussprache bei bemselben über alle Gegenftänbe innerer und äußerer Politik. Ein glänzender Etat ist es, den ber kraftvolle, energische R eich s s cha tz se kr e tar We-p« muth hier vor gelegt. Festgebaut auf sicherer Grundlage' in seinen Einzelbeiten, klar unb durchsichtig für jeden, Finanz- lenner. Keine Ausgabe ohne Deckung ist sein Grundsatz; „bt demselben Augenblicke, wo bie Verpflichtting zu einer Ausgabe gesetzlich feftgetegt ist, muß, gleich wirksam, gleich binbenb die Einnahme sestgttegt werben". Zwar heute noch, infolge den früheren Mißivirtschaft 2584 Millionen als Schuld, allein für 1911 nur eine Anleihe von 97 Millionen, b. L 50 Millionen! weniger als 1910. Die Kosten ber Heeresverwaltung sind von 857 Millionen znrückgeschranbt auf 804 Millionen^ Allerdings kommen hinzu bie Kosten der neuen Friebenspräsenz^ stücke, für bas erste Jahr mit 8 Millionen, bann steigenb dis> zum Jahre 1917 auf 22 Millionen. Zum ersten Male figurieret in dem Staat bie neuen Reichs steuern auf Grund der Finanzrefarin.^ Auch hier verzeichnete ber Sckmtzsekretär hesriebigenbe Ergebnisse, ben Schätzungen entsprechen fast burchgängig die Ergebnisse. Allein! gerade biese neuen Steuern fordern, bie lebhafteste Kritik heraus nach ber wirtfchaftlichen unb politischen Seite. Die Erträgnifsel Der Steuern mögen die Beträge ergeben haben, aber unter schwerer Belastung be3 Volkes, unter schwerer Belastung ber schaffenden * und konsumierenden Teile der Bevölkerung. Unb gerabe bie mitt-! (eren unb kleinen Gesck)äftsleute haben unter den neuen Steuert! zu leiben. Was z. B. bie Zü n d hol z steuer ben Fabrikanten! unb Arbeitern an Nachteil gebracht hat, weiß man in Pfungstadt! unb Nieber-Rarnstadt nur allzugut. Was, wir damals bei ber Neichssinanzreform als Gegengewicht für bie Aeußerung von in» brrefren Steuern auf Bier, Tabak, Branntwein verlangt haben, war eine allgemeine Besteuerung des Besitzes, wie sich solcht in der Erbansallsteuer schließlich bargestellt hatte.
Seit dem Bruche bes Blocks zieht eine tiefe Zerrissen^ beit durch Deutschland, sicherlich hemorgerufen durch die neuen Steuern, ohne die ausgleichende Besitzsteuer, aber auch genährt durch die Borromäus-Enzyklika, und ben Mobernisteneib^ welche bei her evangelischen Bevölkerung lebhafteste Bewegung und Entrüstung hervorgerufen haben. Es war aber dieser Kamptz ein so scharfer, weil Deutschland offenbar schon unter dem Einflüsse der Neuwahlen steht, bie bie Parteien zu Reben unb Aufforderungen zum Wahlkampf an treib en soll.
Mit klaren Worten ertiärte ber Reichskanzler: Vorschläge zu Ausnahmegesetzen mache ich Ihnen nicht! Das ifi, mit Beifall zu begrüßen. Nicht burch berartige polizeiliche Mittel, ist eine so große Bewegung zu unterdrücken, sondern durch Aus- nalMe ber Bewegung in ben Staatsorganismus: soziale Reformen, Beseitigung von Mißständen, Verbesserung der ArbeitS- und Lebensbcdingungen, der Erziehung, der Vermittelung, der Versölinung im Sinne ber Gerechtigkeit zum Nutzen bes Gemeinwohles.
Ueberblicke ichlbie gesamten Verhandlungen der letzten Wochen,
Leben selbst. Der Künstler, von welcher Art er immer sei, ist durch die technischen Bedingungen beschränkt, und seine höchste Meisterschaft erringt er eben dann, wenn es ihm gelingt, seinen Leistungen die größte Wahrscheinlichkeit unmittelbaren Erlebens zu geben. So stand gestern Rita Sacchetto vor uns. In der Mrinoline, über der sich der zarte, weiße ((Stoff bauschte, schwebte sie über die Bühne hin, ein anmutiges, liebes Mädck>en, das seine Ballerinnerungen durchlebt und im schmiegsamen Fluß der Linien eine bewundernswerte Schönheit entfaltete. Dann Farn sie im einfachen, schlichten Gewand einer armen Italienerin, die von einer Tarantel gestochen wurde und im Wahnsinn zusammenbricht. In der poesielosen Wirllichkeit ist der Biß der Tarantel nicht von der ihm zugeschriebenen Wirkung und die aus dem Mittelalter bekannten Fälle gehen wie die Geißlerzüge auf autosuggestive Einflüsse zurück.
Den größten Erfolg errang Rita Sacchetto mit ihren spanischen Tänzen, von denen Eaprice esvagnole neu war. Den Schluß bildeten zwei Walzer. Daß sich die Künstlerin zu einer Zugabe verstehet! mußte, ist selbstverständlich.
Zwischen die Tänze war das drollige Stückchen Kollegen von Annie Neumann-Hofer eingeschoben, das .die Ausreguttgen eines Künstlcrpaares von dem Konzert schildert und viel Heiterkeit erregte. Rudolf Gollin guter Maste und Franzi Koch spielten das Paar mit Föstlicher Heiterkeit, treulich unterstützt von ihrem Jmpreftario, den Kurt Gühne mit famosem Humor toieb-ergab. N.
dar! preser f
Am Sonntag starb in Kassel nach Furzern, schwerem Leiben Hofrat Carl Preser, ein Dichter unserer hessischen Heimat im Alter von 82 Jahren.
Carl Preser war am 21. Dezember 1828 zu Kassel geboren. Nachbem er bas Gramen als Rentmeister abgelegt, trat er in ben kurhessischen Finanzbienst ein. Seine literarische BMhigung wurde bie Veranlassung, daß er
— Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschaft. Prinzregent Luitpold von Bayern überwies ber deutschen autark ttschen Expedition, bie unter feinem Ehren schütz steht. 25 000
als Sekretär ber Generalintendantur des Kurfürstlichen Hosthectters zugeteilt wurde. Neben feinem Wirken am? Hostheater war er auch journalistisch tätig, da ihm bie Chejrebaktion ber bamaligcn offiziösen „Casseler Zeitung" übertragen würbe. Außerbem hat er als SchauspielkrittFen für bas .„Casseler Tageblatt unb Anzeiger" geschrieben. Im Jahre 1866 verlor er seine seitherige Stellung infolge» einer Anzeige über angebliche Verletzung bes Dienstgeheimnisses. Als seine völlige Sck)ulblosigkeit erwiesen war, berief ihn ber Kurfürst nach seiner Rückkehr aus ber Stetttnen Gesangenschaft nach Hanau, wo er als Hofsekretär bei beny neuqebilbeten Hofmarschallamt Verwenbuna sand. Mit benr Kurfürsten lebte er bis 1875 in Prag, wurde dann Zentraldirektor der Nosttzschen Verwaltung und olgte 1885 einer Berufung des Fürsten zu I s e n b u r g und Büdingen als Kammerdirektor nach Wächtersbach. In dieser Stellung verblieb er bis zum Jahre 1903, wo er wegen eines körperlichen Leidens den Abschied nahm und nach Kassel übersiedelte.
Preser ist nicht nur schriftstellerisch, sondern auch auf dem Gebiete der Malerei und ?Nusik produktiv gewesen. Von seinen dichterischen Werken sind>chervorzuheben seine in fünfter Auflage erschienenen „Gedichte", das Heldengedicht „Ulrich von Hutten", sein „Arminslied", seine Wald- und JagdUeder unter dem Titel „Waldesrauschen", das Epo^ „König Autharis Brautfahrt", das Epos „Taxiliade^', das historische Drama „Die Sterner" seine „Geharnischten: Sonette". Sei von ihm selbst komponiertes Lied „Des> deutschen Mannes Lied und Wort" ist in Oesterreich ein Ratio na llied der Deutschen geworden. Auch eine Anzahl ftaatspolitischer Schriften hat er veröffentlicht.


