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25.2.1910 Erstes Blatt
 
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Freitag SS. Februar 1910

Erstes Blatt

160. Jahrgang

Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.

ich bin der Blinde, der vor dem Straßburger Münster

Giefzener ICoitjet hierein.

gehört.

Lord Rosebery fragte, ob die chinesische Regierung für das gewaltsame Vorgehen nach Lhasa einen Grund ange­geben habe, Morley erwiderte, der Meinungsaustausch mit der chinesischen Regierung habe erst begonnen.

Nr. 47

Der Siebener Anzeiger »rscheinl täglich, außer ZonntagS. - Beilagen: oiermol wöchentlich -ithenerZamilienblätter. iwlimal wöchentl.llkeir- blall fürden Ureis Sietzen «Tienstag und Freitag); -weimal monntl. £an6= wirlschastlicheSeitfragen ^ernivrech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag n. Expedition öl Adresse für Depeschen

Anzeiger «icßcu.

Annahme von Anzeige» -ür oie Tagesnu,inner bis vormittags 9 Uhr.

Aus dem englischen Parlament.

London, 24. Febr. Im Unterhaus wurde nach großen Erörterungen der von Chamberlain eingebrachte Zusatz an trag zu Gunsten der Tarifreform mit 285 Stimmen gegen 254 Stimmen abgelehrrt: die Rationalisten enthielten sich der Abstimmung; die Mit­glieder der Arbeiterpartei stimmten für die Regierung.

London, 24. Febr. Im Oberhause gab Lord Rose ­bery eine Erklärung ab, daß er am 14. März den Vorschlag machen werde, daß das H a u s s i ch s e l b st a l s Komitee s o n sti t ui e r e, um die besten Mittel zur Reform seiner gegenwärtigen Organisation in Erwägung zu ziehen, damit derart eine starke und wirksame zweite Kam­mer gegründet werde.

In Erwiderung einer Anfrage Courzons gab der Staatssekretär für Indien, Morley, eine Schilderung der Ereignisse in Tibet. Ter Dalai Lama habe Peking am 21. Februar 1908 verlassen und sei, wie be­richtet wird, am 25. Tczember 1909 in La za angekommen. Ueber seine Bewegungen in der Zwischenzeit sei wenig bekannt, doch scheine er zwei Monate in Ragtschuka geweilt zu haben, das acht bis neun Tagereisen von Laza entfernt ist. Bor seinem Weitermarsch nach der Hauptstadt sei das Gerücht gegangen, daß es dort beträchtliche Reibungen zwischen der tibetanischen Regierung und den chinesischen beamten gegeben habe. Rach Kalkutta kam keine Nachricht darüber, was die Krise so schnell herbeigeführt habe. Aber um den 30. Januar herum empfing der englische Handels- raent in Gjangtse den Besuch eines vom Talai Lama Abgesandten tibetanischen Beamten. Dieser meldete, die chinesische A r m e e st e h e i n G i a n n d a , 400 Meilen von Lhasa. Weiter hörte man nichts, bis am 17. Februar der Agent telegraphierte, daß 40 Mann chine­sischer berittener Infautercie fünf Tage vorher in Lhasa augetommen und daß die übrigen chinesischen Truppen in der Nähe der Stadt seien und daß der Dalai Lama nachj Indien geflohen sei. In Begleitung von drei Ministern und ungefähr 100 Mann sei der Dalai Lawa am 17. Februar in Phari eingetroffen, nachdem in Ohaksam den Chinesen ein Gefecht geliefert worden war. Am 20. erreichte er Jätung und brach> stets von den Chinesen verfolgt, am nächsten Tage nach Gnatung auf. In Tatjiling wird er qm 27. Februar erwartet.

Auf die Nachricht non der Flucht habe die indische Re­gierung unverzüglich au alle britischen Vertreter von Gsantsa, Jätung umb Sikkim die Weisung ergehen lassen, st r e n g st e R e u t r a l i t ä t zu wahren, was auch gewissen­haft befolgt worden sei.

Der Staatssekretär für Indien schloß: Der Dalai Lama wird bei seiner Ankunft in Darjiling ein geladen werden, in Kalkutta Wohnung zu nehmen, bis andere Bestimmungen getroffen sind. Tie britische Regierung steht in einem Meinungsaustausch mit b er ch inesischen Re­gierung über die so geschaffene unerwartete Situation.

steht, seine Glocken hört, aber den Eingang nicht findet . . . Wer wird den Blinden schelten, wenn er vor dem Münster steht und nichts zu sagen weiß? Zieht er nur andächtig ben Hut, wenn oben die Glocken läuten!" Mögen wir alle heute'den Hut gezogen haben"; die Glocken haben wir

NeueKulturbilocr aus dem Llsatz.

DieVoss. Ztg." weiß wieder einige Vorkommnisse aus dem Rcichslande zu berichten, aus denen hervorgeht, wie un­erhört dort nod) immer gegen bkü Deutschtum gewühlt werden kann und wie unzeitgemäß der dieier Tage wieder in der Zentrums­presse anfgetauchte Gedanke ist, das Reichsland zum Bundesstaat zu machen. Vorerst, scheint uns, muß dort noch die kräftige deutsche Faust Ordnung schaffen. DieVoss. Ztg." schreibt:

Beim Jahressestmahl der c l s a ß - l o t h r i n g i s ch e n H o ch- schüler überbrachte der französische Student Matter aus Paris den dortigen Kommilitonen eine Zuschrift der Pariser Hochschüler, welche lautet:

Die ^unterzeichneten Studierenden aller Fakultäten von Paris, die allen politischen Meinungen des lateinischen Viertels angehören, aber in demselben Gefühle der Vaterlandsliebe ge­einigt sind, senden den elsaß-lothringischen Studenten, die an­läßlich ihres Jahreswechsels versammelt ffnb, den Ausdruck ihrer brüderlichen Zuneigung, und sie grüßen den Reichstags- abgcordncten Abbo Wetterte bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis als einen der taf fersten Vorkämpfer der elsaß- lothringischen Forderungen und drücken der elsässischen Jugend, die ihrer Ahnen so würdig sind, ihre Gefühle tiefer und un­abänderlicher Zuneigung aus."

Ferner ereigneten sich anläßlich eines vom Pariser T o u r r n g Club de France in den Vogesen veranstalteten Ausflugs Vorfälle, die namentlich in den gegenwärtigen Zeitläuften dem Takt des Touring Club kein gutes Zeugnis ausstellen, und über die uns geschrieben wird:

Wie demJournal d ' Al s a c e - L o r r " i n e" dem französischer! Zeitungsorgan in Deutsch Elsaß-Lothringen, .zu entnehmen ist, haben sich in der letzten Woche toieDer einmal Fälle abgespielt, die auf eine Verhetzung des Deutschtums in den Reichslanden seitens der hier politisch interessierten Kreisen hinzielten. Anläßlich der großen Winterwoche in den Vogesen, die der Touring Club de France mit Unterstützung der sranzösischen Heeresverwaltung, von Stadtverwaltungen und des französischen Automobilklubs veranstaltet hat, soll es wieder zu unliebsamen Deutschenhetzen gekommen sein, deren sich das obige Organ gern bedient, um die Propaganda für den fran­zösischen Chauvinismus, wie stets bisher, fortzusetzen. Nach dem Feste fand im deutschen HotelV e l l e d a" ein Festessen statt, an dem zirka 120 Teilnehmer zugegen waren. Auch viele Elsässerinnen in bunten Trachteutostümen sollen zugegen gewesen sein--Als findig Gäste, daun zur Äbsalrrr rüsteten, hatte man einen Phonographen aus den Hof gestellt, der die ."ränge derMarseillaise" laut an das Ohr der Fest­genossen tönen ließ. Ein italienischer Oberst, der zugegen war, soll an den Apparat herangetreten sein, um seine Mütze vor den .Klängen tzu lütten. Alle anwesenden Deutschen (!) und Franzosen sollen das Gleiche getan haben. Deutsche, wie Franzosen sollenV i v e l a France!" gerufen haben. Eine Dame soll geäußert haben, als sie die Elsässerinnen französisch sprechen hörte:Ich glaube, man liebt hier Deutschland nicht!" Diese Angelegenheit mit dem Festtrubel bekam aber noch ein polizeiliches Nachspiel. Am Tage nach dem Fest erhielt der Wirt des Hotels den unliebsamen Besuch des deutschen Polizei- tominisiars v. Schiermeck, der den Vorfall auf dem Feste tadelte und sich Notizen darüber machte. DasJournal d'Alsace-

Was ein gut geschulter Chor bei Anspannung alter Kräfte und unbedingter Hingabe an seinen Dirigenten leisten kann, hat heute der Chor des Akademischen Gesangvereins bewiesen; es war allein schon eine Freudie, zu sehen, wie das Bestreben in allen lebte, das Beste zu leisten, zu leisten unter den denkbar unbünstigsten Verhältnissen, in einer Aufstellung, deren Unmöglichkeit die gestrige Ge­neralprobe schlagend bewiesen hat, die aber andererseits durch die räumlichen Verhältnisse wohl zwingend geboten ist. Vielleicht daß eine noch engere Zusammenfassung des Chors während des Singens den 'Zusammenklang etwas verbessern könnte, daß eine neue Variierung der Ausstellung m. E. war es heute die dritte - günstiger wirkt; das müßten Chorproben im Theater, nur zn diesem Zweck veranstaltet, feststellen, doch scheint die. Versicherung des Konzertvereins nach dem Augenschein überzeugend,chaß die Schmalheit der Bühne ein Umrahmen des Orchesters durch b.en Chor verbietet, ebenso wie die Ausstellung des Chors etwa vor dem Orchester dadurch ausgeschlossen er­scheint, daß dann die Orchesterwirkung verloren geht, die doch meist den größeren Teil eines Konzertes für sich in Anspruch nimmt. Wie dem auch sei, so kann's nicht wohl bleiben und der Konzertverein wird sich entschließen müssen, seine großen Chorkonzerte wieder in der akustisch vorzüg­lichen Turnhalle zu veranstalten, bis die Saa.bausrage ein­mal gelöst sein wird. Es ist eben halt doch was andres, ob ein Opernchor von 20 oder 30 Stimmen hinter oder auf der Bühne singt oder ein Chor von vielleicht 150 Mit­gliedern, die die ganze Tiefe der Bühne ausfüllen und jede Klangentwicklung unmöglich machen. Was zu erreichen war, hat der Chor heute gestern war's anders erreicht; aber aller Eifer konnte nicht hindern, daß auf manchen Plätzen und zwar anscheinend diesmal vor allem auf den sonst akustisch günstigsten Plätzen des zweiten Rangs, im ersten Rang war's bedeutend besser die Männerchöre gar nicht, die Frauenchöre nicht entfernt so zur Geltung kamen, wie es bas Können und die Leistungen der Chöre hätten erwarten lassen und wie es das Wert verlangt. Der Zusammenklang, die Einheitlichkeit des Chors ütt wohl für alle Plätze darunter, nicht weniger die Stärke und Wärme der Tonentfaltung: wenn trotzdem die bedeu-

Sorraine" aber in seiner französischen Liebedienerei fügt hinzu, indem es kritisch den Besuch des Kommmars beleuchtet:Die Dummheiten dauern also fort und diese Leute (deutsche Be­amtenschaft) hören nicht auf, die Fremden zu entmutcgen, zu uns zn kommen." Udbrigens ist gegen den Chefredakteur des I. A. L." von deutscher Seite der heftige Vorwurf, erhoben worden, daß er von französischer Regierungsseite große mate^ riefle Unterstützungen zur Förderung der Deutschenhetze erbeute. Doch wehrt sich das betreffende Blatt in einer seiner letzten! Nummern auf das entschiedenste dagegen. Es habe niemals, von einer Regierung oder von einem Fürsten Geld erhalten^ Was man auf feindlicher SeiteUnterstützung" nennt, iei Nichts anderes, als was auch andere Blätter bisweilen akzeptieren: Ein Jnseratenaustrag von französischer Seite. Der letzte sei von derSociste des Bains de Mer de Monte Carlo" gegeben morden. Bei dieser Gelegenheit leugnet das Blatt keineswegs und betont .aufs neue,, daß es der eigentliche Vertreter der französischen Idee in Elsaß-Lothringen sei und bleibe

Straßburg i. E., 24. Febr. Im Landesausschuß für Elfaß-Äthringen brackste heute der Alterspräsident Di t sch folgenden, von sämtlichen Abgeordneten; jobaie Parteiunterfchied unterzeichneten Antrag ein:

Der Landesausschuß wolle beschließen, die Regierungen erfüllen, mit aller Kraft darauf hinzuwirken, daß die verbün-, beten Regierungen dem RciclfStag alsbald einen Gesetzentwurf vorlegeu, durch welchen bestimmt wird, daß die Reichsoerfassung, sowie das Reichsgesetz betrefsend die Verfassung und Verwaltung von Elsaß-Lothriugen. dahiu obgeändert werden, daß Elsaß- Lothriugen zum selbständigen Bundesstaate erhoben! und als solcher den deutschen Bundesstaaten völlig gleichgestellt wird."

Darauf gab Staatssekretär Freiherr Zorn v. Bulach tum mens der Regierung folgende Erklärung ab: Die Regierung ist ernstlich bestrebt, den Ausbau unserer Verfassung im Sinne einer größeren Selbständigkeit des Landes zu fördern. Ven- Handlungen aus diesem Gebiet schweben seit langem an den zu­ständigen Stellen in Berlin. Erneute Anregungen unsererseits lassen uns hoffen, daß die Angelegenheit baldigst das Stadiums der Erwägimgen verlassen und.einer Entscheidung zugeführt wird.

Der Alterspräsident D i t s ch begründete hen folgenden! zweiten Antrag:

Der Landesausfchußi wolle beschließen, die Regierung zu! ersuchen, mit aller Kraft darauf hinzuwirken, daß die verbün­deten Regierungen dem ReickBtage alsbald einen G.'s< tzenyvurf rotlegeit, t urd# weichen bestimmt wird, daß der Landesausschutz für Elsaß Lothringen oder die bei der Erhebung zum Bundes­staat zu schaffende Vollsoertretung aus dem allgemeinen, g'l'e i ch e ü, d i re k t r u und geheimen Wählte ch'L unter Anwendung des Prvportionalwahlverfahrens hervvrgehen solle.

Staatssekretär Frhr. Zvnr w. Bulach gab darauf namens der teichÄä irdischen Regierung folgende Erklärung ab:

Was das Wahlrecht zum Landesausschuß anbelangt, so steht die Regierung einer Aenderung dieses Wahlrechtes nicht grund­sätzlich ablelstrend gegenüber. Die Regierung ist indessen dar Frage dieser Aenderung bisher nicht näher.getreten, weil sie es für zweckmäßig hielt, daß zunächst der Ausbau der Ver­fassung ab gewartet werde. Wenn dieser, wie sie hofft, die Zuständigkeit der .Landesgesevgebung für alle Fragen der Landesverfassung, also auch sür die des Wahlrechts, wie itz den Bundesstaaten, mit sich bringt, so wird die Entscheidung über das Wahlrecht nicht mehr (nach der gegenwärtigen Rechtslage)

der Generalprobe doppelten Eifer auf das Gelingen des Werks verwandten. Ter reinen klaren Tongebung des So­prans sei anerkennend gedacht. Die Solisten, alle uns wohl­bekannt und vertraut, die Damen Frln. Hedwig Kaufmann aus Berlin und Frln. Mce Aschaffenburg ans Frankfurt und die Herren Kohmann aus Frankfurt und Stephani aus Darmstadt, boten eine schöne Leistung voll warmer Empfindung; wenn das berühmte Adagio-Quartett an völliger Verschmelzung, an unbedingter Einheitlichkeit viel­leicht doch etwas vermissen ließ, wie fast bei allen Aus- führungen der Neunten so liegt dies daran, daß man an die Wiedergabe dieser überirdisch schönen Stelle, mit dem dritten Abagiosatz des Höhepunkts der Symphonie^ eben die allerhöchsten Anforderungen stellt, benen ein für das eine Konzert zusammengestelltes Solistencfiiartett bei nur wenigen Proben nur sehr selten gerecht werden tarnt.

Dem Orchester und seinem Leiter gebührt uneins geschränktes Lob; es war eine prächtige Leistung, vorn! erfreu bis zum letzten Ton, die der Größe bet gestellter- Aufgabe würdig war.

Voraus ging der Neunten die zweite Btahmssymphoni^ und es war ein interessanter Vergleich, bei alter Verwandt­schaft und Abhängigkeit Brahms'schen Schaffens von Beet­hoven, die doch so ganz andere Art des Aufbaus und der Verarbeitung seiner Themen zu verfolgen. Als Auftakt zur Neunten erscheint die zweite Brahmssymphonie vor- zuglitt geeignet, auch ist sie eine Vertonung freudiger ßy beusbejahung, heiterer Stimmung, wenn auch ohm^me vorhergehenden aufwühlenden dämonischen Stürme.^wie in der Nennten; aber doch nach meinem Empfinden auch nicht ein Ausdruckbehaglicher", d. h. immer ein klein wenig philisterhafter Stimmung, wie uns Reimann ben Charakter der Symphonie erläutern will (in derEinfüh­rung in den dritten Orchesterabend" in der Dienstagnummer des Blattes wiedergegeben, warum übrigens ohne'Quellen­angabe.es ist eine durchgeistigte, von tiefen Gedanken wiederholt durchbrochene Freude, sich selbst bisweilen ver­spottend bis zur Ausgelassenheit. Ein gMz eigenartiger reizvoller Satz ist das Allegretto grazioso, eine Art Sommer- nachtslraum mit Elfenspuk und -Reigen und tappenden Waldschraten. Auch in der Wiedergabe dieser Symphonie zeigte sich das Orchester auf hoher Stufe der Vollendung bas gutbesetzte Streichquartett entwickelte einen prächtigen warmen und vollen Ton und wie immer bei dem Frank­furter Palmengartenorchester berührte die Reinheit und Exaktheit der Bläser überaus angenehm.

Herrn Professor Trautmann, dem die Vorbereitung des ganzen Kvnzetts obgelegen, sei der herzliche Dank aller Musikfreunde dargebracht dafür, daß er uns diese Stunden bereitet hat.

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General-Anzeiger für Gberheffen MH

Hotationsön«! und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei H. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7. A^eigemed?' H.^Beck.

(Suoi= und

G ießen, 24. Febr. 1910.

Das musikalische Leben Gießens hatte heute seinen großen Tag; schon dem Straßenverkehr merkte es der auf­merksame Beobachter an, daß es heute etwas ganz Beson- drem galt; stieß man doch tu ben Mittagstunden überall auf Acusikfreunde aus Der näheren und weiteren Umgebung, gespannte, freudige Erwartung in den Mienen; und wall- jahrtsgleich strömte es um 6 Uhr von allen Seiten zum Theatergebäude. Es galt etwas ganz Besondrem; nach langer Pause wurde Beethovens Neunte wieder einmal gegeben und als Auftakt, gleichfalls nach langer Pause, wieder einmal eine Brahms'sche Symphonie, die Zweite. Mit banger Sorge hatte wohl mancher nach der gestrigen Generalprobe, in der trotz der blänz end en Wiedergabe der 'Lrahmssymphonie und der drei ersten Sätze der Neunten durch das Versagen des entscheidenden und ben Höhepunkt bildenden letzten Satzes nicht nur durch die Un­gunst der Verhältnisse, wie die heutige Aufführung be- wies bie hochgespannte Stimmung so jäh und schmerzlich heruntergedrückt worden ioar, dem Verlauf des Konzerts mtgegengesehen. Ist doch dieser' letzte Satz, in dem Beet­hoven mit der ganzen Unbekümmertheit des Genies souverän übet das Stimmenmaterial verfügt und ihm das Äeußerste ;umutet, schon den bedciitendsten Dirigenten und den ge­schultesten Chören verhängnisvoll geworden, wie ich es ttnmal bei Weingarruer mit dem Kttimorchester und der Mainzer Liedertafel nach einem glänzend verlaufenen Sym- phonieencykliis erfahren habe. Eine Schwankung im <so- oran, die kleinste Unsicherheit in den e-oli, und der ganze Gindruck ist zerrissen. Mit um so größerer Freude soll daher von vornhereiir gesagt werden, daß ein glücklicher Stern über der heutigen Ausführung schwebte; mit Recht folgte der sympathischen Begrüßung des beliebten, ver­dienten Dirigenten, Herrn Pros. Trautmanns, zu Beginn des Konzerts am Schlüsse jubelnder, nicht endenwollender Beifall der tiefergriffenen Hörer: er war von allen Mit- mitkenden verdient, reichlich verdient, auch wenn die L3ir- tung des Wunderwerkes vielleicht nicht, der bei" Aufführung vor fünf oder sechs fahren in der Turnhalle gleichkam. Es war doch wieder ein Erlebnis, wie es die Neunte immer wr empfängliche schönheitsbegeistette Herzen sein wird, ein Ahnen des Allerhöchsten, ein chrjürchtiges Sichbeugen vor bet Offenbarung des Göttlichen im Genius, wie es mir aus den wenigen ganz großen unsterblichen Werken unserer größten Geister spricht. Was bedeutet alles Deuten

Die rührend und" roß drückc Schumann einmal die Emp-I tende Wirkung erzielt wurde, so ist dies der ganz be onderen sindung des Hörers "diesem Wunderwerk gegenüber aus: j 5zmgade der Mitglieder zu danken, die nach dem Mißerfolg