Ausgabe 
24.10.1910 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

160. Jahrgang

Montag 24. Oktober 1910

Erschein! tüglich mit Ausnahme beS Sonntags.

DieGie-ener KamilfendlStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Krellblatt für den Kreis Glehen" zweunal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderhesfen

Notationsdruck und Verlag der Brühl scheu UnwersckälS - Buch- und Sleindruckerel.

R. Lange, Sieben.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 6L

9Ubaftum:e«112. Tel.-Adru Anzeigers ietze».

Brüsseler Ualsertage.

EF&tooIjT der Besuch Kaiser Wilhelms in Brüssel lediglich dtö eine Erwiderung des Besuches aufzufassen ist, die König Wert nach seinem Regierungsantritt der deutschen Reichs­hauptstadt Ende Mai aüstattete, hat er doch bereits viel von sich reden gemacht. Erst war es der französisch gesinnte Teil der Belgier, der den deutschen Kaiser von einem Besuch de- Schlachtfeldes von Waterloo abhalten wollte, weil man infolge der dadurch heraus!)eschworcuen Erinnerung an die Niederlage Frankreichs gegenüber der preußisch-englischen Waffenbrüderschaft Frankreich zu verstimmen fürchtete. Dami waren es wieder die belgischen Sozialisten, die gegen dea Besuch Kaiser Wilhelms Protest einlegten, ja, sogar mit Kundgebungen drohten, weil der deutsche Kaiser einab­soluter" Monarch sei. Und schließlich waren es auch die Streitigkeiten innerhalb der deutschen Kolonie um die Ehren­gabe an den Kaiser, ein Diamantenkleinod, dessen Wert (75000 Franken) gewisse Kreise lieber in Form einer Kaiser- Wilhelm-Stiftung den deutschen Unterstützungskassen Brüssels hätten zusließen sehen.

Somit war das Vorspiel zur Kaiserfahrt nach Belgien wenig erquicklich. Um so erfreulicher ist cs daher, daß das alte und doch so moderne Brüssel Kaiser Wilhelm mit einer Prunkentfaltung und Herzlichkeit zu ernpsangen Jicf) an­schickt, wie sie einem Monarchen selten zuteil geworden ist. Denn so locker die Beziehungen zwischen dem Brüsseler und dem Berliner Hof unter König Leopold II. waren, ein um so innigeres Gepräge haben sie unter °K ö n i g Albert erhalten, wovon die in Potsdam im Frühjahr dieses Jahres ausgetcruschien Trinksprüche sehr beredtes Zeugnis ab­legten . Aber abgesehen von diesen höfischen Beziehungen, haben sich auch Deutschland imb Belgien politisch und wirt­schaftlich einander immer mehr genähert zum Verdruß Frankreichs, das Belgien als seinen Annex zu betrachten gewohnt war. Die Abkommen über Neutral-Moresnet und über die Kongosrage, sowie die Tatsache, daß Deutschland im Jahre 1909 an bie erste Stelle ber belgischen Aus- und Einsuhrstatistik gerückt ist unb bamit selbst Frankreich überflügelt hat, haben zur Genüge bewiesen, welche guten Beziehungen jetzt zwischen Deutschland und Belgien bestehen.

Daß man in Paris zu dieser beutsch-belgischen An­näherung scheel sieht unb darum auch den jetzigen Besuch Kaiser Wilhelms mit recht mißgünstigen Augen betrachtet, ist nur zu erklärlich. Denn an dec Seine halt man sich nach wie vor berechtigt, dem für seine nationale Existenz ruf Neutralität angewiesenen Nachbarn aufdringliche Rat­schläge zu erteilen, die in letzter Linie darauf hinauslaufen, f elgten solle seinen engen Anschluß an Frankreich oder viel­mehr an die englisch-französische Entente vollziehen und 'ich nicht von Deutschland umgarnen lassen In dieser Bc- -iehung spricht ein kürzlich erschienenes Buch des General eanglois, bas den bezeichnenden TitelBelgien und Hol- and im Angesicht des Pangermanismus" trägt, eine sehr )entliehe Sprache, indem es den Belgiern ans Herz legt, ruf ihre Neutralität zu verzichten, mit Holland ein miliiä- cisches und wirtschaftliches Abkommen zu treffen und sich bann mit biejem vereint der englisch-französischen Allianz inzuschließen." Nur so könne Belgien die Eroberungsgelüste seines östlichen Nachbarn erfolgreich zurückwcisen. In Bel­gien hat man sich diesen französischen Verlockungen gegen­über kühler als je verhalten, man hat neidlos den glän­zenden Erfolg der deutschen Abteilung der Brüsseler Welt­ausstellung anerkannt und sich der guten Beziehungen zu Deutschland gefreut, weil man mir zu genau weiß, daß Deutschland keine Eroberungspläne hegt, daß es vielmehr

Frankreich ist, das trotz seiner zur Schau getragenen Freund­schaftsmiene im Falle eines Krieges sich ebensowenig scheuen würde wie England, die belgische Neutralität aus strategischen Gründen zu durchbrechen. Tie Eeh.hang der französischen Zölle aber, die Belgien aufs äußerste schä­digte und es zu Gegenmaßregeln veranlaßte, hat schließlich die frühere belgisch-französische Intimität ganz bedeutend vermindert.

So ist Kaiser Wilhelm, wenn er am Dienstag nachmit­tag, begleitet von seiner Gemahlin und Tochter, in Brüssel eintrisst, dort eines herzlichen Empfanges gewiß trotz aller Stimmungsmache, die man von Paris aus gegen ihn getrieben hat. Am Nordbahnhof wird das belgische Königspaar seine Gäste empfangen und sie nach dem Schlosse geleiten, in dessen neu erbautem Flügel sie Woh­nung nehmen werden. Um 5 Uhr findet dort der Emp­fang des diplomatischen Korps statt, an den sich das große Gawdiner schließt, bei dem Trinksprüche ausgetauscht wer­den sollen. Am Mittwoch wird der Kaiser die alte Kunstausstellung im Einauantenaire-Museum besichtigen, für die er drei Rubensbilder zur Verfügung gestellt hat, um am Nachmittag im Rathause der Stadt Brüssel emp­fangen zu werden, wo er angeblich ebenfalls eine Rede halten und sich in dasGoldene Buch" eintragen wird. Hier erfolgt dann die Huldigung der 300 Brüsseler Vereine, die dem Kaiser benSang an Aegir" vortragen werden, während ein Diner bei der Gräfin von Flandern, bekannt­lich einer geborenen Prinzessin von Hohenzotlern, und eine Galavorstellung in der Oper den Tag beschließen. Am Donnerstag Besuch des Schlosses Laeken und ein Jnkognito- besuch der deutschen Abteilung der Weltausstellung, da­rauf Empfang der deutschen Kolonie im Schlosse und schließlich ein Diner in der deutschen Botschaft, worauf die Rückreise nach Berlin erfolgt.

Sieht man sich dieses Programm an, so fällt zunächst aus, daß der Besuch des Schlachtfeldes von Water- l o o unterbleiben soll. Wir wissen nicht, ob der Kaiser tatsächlich einen solchen plante, würden es aber bedauern, wenn er in Rücksicht auf das Geschrei der Pariser und Brüsseler Boulevardblätter davon Abstand genommen hätte. Es fällt ferner auf, daß keine Truppenschau stattfindet; aber vielleicht ist dieser Programmfehler weniger auf eine Rücksick)tnahme gegenüber Frankreich, als vielmehr darauf zurückziusühren, daß man fürchtet, das belgische Militär würde vor den Augen des deutschen Kaisers zu schlecht abschneiden. Allergrößtes Staunen aber muß es erregen, daß man dem Kaiser denSang an Aegir" vorsetzen will, der in Deutschland so gut wie verschollen ist und wegen der Mitarbeit des Fürsten Philipp zu Eulenburg nur unlieb­same Gefühle beim Kaiser auslöfen kann. Ebenso sonder­bar finden wir die Meldung, daß der Kaiser die deutsch Ausstellung nur inkognito besuchen will. Diese Rücksicht­nahme auf die übrigen Abteilungen, die der Kaiser bei der Kürze der Zeit ja unmöglich alle besichtigen kann, ginge denn doch zu weit unb müßte die deutschen Aussteller, die in Brüssel ihr bestes geleistet haben, verstimmen. Viel­leicht ist das mitgeteilte Programm nicht in allen Punkten zuverlässig und richtig.

jungliberaler Parteitag.

4 KölN, 23. Okt.

Der Neichsverbend der Vereine der nationalliberalen Jugend hielt gestern und heute hier seine 12. ordentliche Ver­treterversammlung ab, der Reichstag sad geordneter. Fuhr­mann als Vertreter des Parteivorstaicdes und mehrere andere Abgeordnete als Teilnehmer beiwohnten. Von Bass ermann lag ein Begrüßungstelegranrm vvr.

Der Verbandsvorsitzende Rechtsanwalt Dr. Fischer-Köln erinnerte in seiner Begrüßungsanspraä)e daran, daß der Reick-s-- oerbanb nunmehr zehn Jahr bestehe und daß durch den Anschluß der badischen sowie zweier württembergischen Vereine die ßfejanü? zahl der Vereine nunmehr 109 betrage.

Nach Genehmigung des Geschäftsberichtes fand am Somiaberch nachmittag die erste

öffentliche Versammlung

statt, in der Rechtsanwalt Fischer unter allgemeinem großen» Beifall die Ergebnisse des Kasseler Parteitages zusammensaßtL als einen vollen .Erfolg der Bassermann'schen Politik, an dell fefeubatten und weiter mitzuarbeiten der Reiä)sverband gern gewillt sei, zumal in Kassel die Gegner des Reichs Verbandes weitaus in der Minderheit geblieben seien unb man die provinzielle Selbständigkeit der Jungliberalen sowie die Politik der Duldung ihnen zugebilligt habe. Der Redner wandte sich dann lebhaft gegen den Vorwurf, daß die Jugendbewegung etwa der Sozial- bemofratie nach laufe und daß sie industriefeindlich sei. Auch besprach er die badische Frage in diesem Zusammenhänge und fant zu dem Schluß, daß das, was in Baden geschehen sei, durchaus anerkannt werden müsse, und daß damit durchaus nicht gesagt sei, daß das von den Jungliberalen in Baden für richtig Erkannt» auf Preußen oder gar das Reich übertragen werden solle. Ener­gisch fordert der Redner weiter die Aufrechterhaltung des Reichs­tagswahlrechts und erörterte zum Schluß die Forderungen des! Tages, die er in der Wiederaufnahme der Bülow'schen Polckck erblickt.

Nach längerer!Aussprache, ander sich Delegierte aus Frankfurt- Köln, Berlin, Breslau, Düsseldorf, Karlsruhe und Stuttgart be­teiligten, wurde eine von Köln üorgdegte

Entschließung

angenommen, in der die vpn bfr nationalliberalen Partei ein­genommene Kampfstellung gegenüber dem schwarz-blauen Block begrüßt und die Regierung aufgefordert wird, die bringenbcifl Wünsche des deutschen Bürgertums nach einer seiner Volkswirte /)astlichen und kulturellen Bedeutung entsprechenden gleich­berechtigten Teilnahme an der gesetzgebenden Staatsverwaltung ohne Bevorzugung und ohne Rücksicht auf einseitige und über­kommene Standesvorurteile besonders in Preußen zu erfüllen, da nur auf diesem Wege das deutsche Volk seinen öffentlichen Au, gelegenhecken zurückgewonnen werden könne.

In der zweiten und letzten Sitzung beschäftigte man sich mit der auswärtig en Politik Deutschlands

unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlichen Fragen. Hier­zu sprack>en Cheftedakteur Dr. M e h r m a nn-Koblenz und Dr. Drescher-Düsseldorf. Dr. Mehrmann verlangte vor allem nach einer Landverbindung zwischen unserem deutschen Stamm- lande und unseren maritimen und kolonialen Reichsgebieten, um der Gefahr einer Unterbrechung unserer Seeverbindungen vorzu- b engen. Unser politischer Einstuß müsse bisandenpersischen Golf ausgedehnt werden, um einerseits Englands Konkurrenz zu begegnen und uns anderseits gemeinsam mit Oe st erreich-Ungarn und der Türkei eine wirtschaftliche Einheit zu schaffen.

Der zwecke Redner ging mit unserer Außenhandelspolitik ins Gericht und verlangte mit Entschiedenheit eine bessere Vertretung unserer wirtschaftlichen Interessen durch das Auswärtige Amt.

Nach längerer Aussprache wurde einer Stuttgarter Ent­schließung zu gestimmt, in der vvr allem der bei den Wirren irr Palästina hervorgetretene Mangel an ausreichendem Schutz unserer schwäbisck)en Landsleute beklagt wird.

Nach einem Schlußwort Dr. Fischers, der ebenfalls sehr energisch für die Interessen ber Ausländsdeutschen eintrat, wurde ein Huldigunstelegramrn an Bassermann abgeschickt und hierauf der Verbandstag geschlossen.

Aus

Darmstadt, 24. Okt. Finanzminister Dr. Braun erlitt am Samstag abend, offenbar infolge von Ueberarbeitung, auf seinem Bureau im Finanzministerium am Mathildenplatz einen Nervenschock, bei dem fv-

Mode und Erkältung.

Tie elegante Modedame geht harten Tagen entgegen; nun da die ersten Vorboten der Winterkälte auftauck>en und die mil­deren Herbsttage ihrem Ende entgegengehen, beginnt die Saison ber Erkältungen, die schlimme Zeck der roten Nasen, die selbst die schönste Tockette, ber reizvollste Hut, und ber geli-emmisvollste Schleier nicht ungesehen machen ann. Gerade in diesem Jahre, da zarte, durchsichtige Tüllgewebe, duftig flatternder Chiffon und ähnliche zarte Gewebe die Mode beherrschen, dürfen die Aerzte einer schönen Herbsternte entgegensehen und die Gatten Tagen seelischer Depression". Denn für die schöne Fran gibt es nichts Schlimmeres als die Tyrannei der roten Farbe in der Nasengegend, die nun einmal mit Schnupfen unb Katarrh gute Kameradsclmft hält.

Aber diese Stunden ber Trübsal, so erklärt der amerikanische Arzt Dr. Starken in einem längeren Aufsatz, sind selbst verschuldet. Gerade bie Körperteile, die für die Einwirkungen ber Kälte und des Zuge^am empfindlichsten sind, Nacken, Brust, Hals unb Arme, entbehren dank den neuen Modegesetzen jeden Schutzes, ja die elegante Frau, die wirklich auf der Höhe ihrer Zeck steht, trägt selbst die schützende Pelzboa ober die neuerdings wieder aufgetauchte Seidenmantille nicht etwa der Bestimmung dieser IqUettenj'tüde getreu eng um den Hals geschlungen; Boa und Mantille tändeln vielmehr in lässiger Anmut in ber Mitte des Rückens, schmiegen sich leicht über den ohnehin geschützten Oberarm, Hals und Nacken aber werden tapfer der Kälte ausgesetzt. Man glaubt sich damit abzuhärten, während man dem Körper nur eine erhöhte und meist ftuchtlose Wärmeabgabe abnötigt, die unser Nervensystem nicht erträgt. Immer mehr ist die gute alte Sitte geschwunden, die Winterkleidung dem Winter anzupassen, man wählt hin und wieder zwar wärmere Stoffe, aber die neueste Mode verbietet, die wirklich wärmebedürftigen Teile des Körpers damit ju umhüllen, Hals Imb Nacken bleiben frei. Dann wird die Abhilfe gegen bie Kälte in bet Unterkleidung gesucht, sie wirb verdoppelt, aber vergeblich wird man nach einer eleganten Frau suchen, die in ben Tagen des Frostes auf leichte, niedere Schühchen und auf durchbrochene Seidenstrümpfe verzichten kann. Dabei ist xs gerade die Chaussure, dieses sflavische Festhalten an dem niederen Schuh und dem durch­brochenen Strumpfe, die den rötlichen Teint und vor allem die rötlich angehauchte Nase verursacht. Die Röcke sind obendrein noch kürzer geworden, die letzte Pariser Mode treibt einen Trotteur­rock vor, der nicht nur die Fessel frei läßt, sondern überhaupt zwei ober drei Handbreit vor dem Boden endigt, und so die Beine dem Zuge und dem Winterwind wehrlos aussetzt. Viele Frauen glauben tapfer und smart zu fein, wenn sie den Jahreszeiten ftotzen und außer dem Pelzmantel dem Winter keine Konzession wachen; dabei vergessen sie, daß sie damit nur an ihrer Körper­haft und an ihren Nerven zehren unb daß diese Kraftabgabe auf Teint unb Gesichtsausdrück mit mathematischer Sicherheit zurück- fotrh. Wenn aber das Unglück eingetroffen ist, wenn der Schnupfen, Und die Erkältung da sind, die die zarte moderne Frau nicht gleich dem robusten Naturmenschen in zwei oder drei Tagen, som .cn

erst nach Wochen überwindet, dann greift die entsetzte Schöne, die unglücklich vor ihrem Spiegelbild zurückschaudert, zu falschen Mitteln. Tas Bad wird vermieden, das Schlafgemach geheizt, anstatt für kühle, reine, frische Luft zu sorgen und durch ein ver­nünftig abgestimmtes Bad die Tätigkeit der Haut anzuregen. LLichtiger aber als die kalte Tusche ist eine energische Abreibung des Körpers, besser mit der Hand als mit dem Handtuch, eine Abreibung, bei der man die Hand in kaltes Wasser tauchl unb so lange reibt, bis die Hand ttocken unb bie Haut gerötet ist.

Tas allein ist eine bessere Abhärtung und ein besseres Ab­wehrmittel gegen dierote Nase" als bie kalte Tusck>e, die nur robuste Naturen wirklich erftischt, bei anderen aber dem Nerven­system eine gefährliche und aufreibende Anspannung zumutet.

> Eine neue mittelalterliche GeschichtS- quelle. Dr. Georg Leidinger hat Kaisheimer Jahrbücher vom Ende des 13. Jahrhunderts, eine bis­her unbekannte Annalenfolge, auf ber Provinzialbibliothek zu Neuburg aufgefunden und die Ueberführung dieser neuen Geschichtsquelle und der wichtigsten anderen Hand­schriften, sonne einiger Inkunabeln, nach der Münche­ner Hof- und Staatsbibliothek veranlaßt. Es sind Annalen vom Jahre 10911295 mit späteren Nack)- trägen bis 1322. Die Handschrift, in der sich bie Annalen aefunben haben, ist ein Pergamentfoliobanb, der des hei­ligen Augustimis Werk über die Dreieinigkeit, Bekenntnisse und Handbüchlein, sowie den apokryphen Brief des hl. Pau­lus an Seneca nebst dessen Antwort enthält. Der Band ist, wie der Entdecker m der Münchener Akademie der Wissenschaften mitteilte, anscheinend für die Bibliothek in Kaisheim selbst geschrieben worden. Zur Erbauung seiner Leser, so beginnt der Verfasser, wolle er über wunder­bare unb erstaunliche Ereignisse vom Jahre 1091 an be­richten. Die kritische Untersuck)ung der Jahrbücher ergibt für ihren größten Teil enge Zusammenhänge mit bisher »chon bekannten Quellen. Eigentliche Bedeutung kommt schließlick) fast nur den Aufsckreibungen über örtliche Vor­gänge zu. Hervorragendes Interesse aber bietet ein Nachtrag mit einem merkwürdigen Bericht über die Schlacht, die am 24. Dezember 1299 ber Mongolenkhan im Verein mit ben Königen von Georgien und Armenien gegen den Sultan von Aegypten in der Ebene bei Homs gewann. Das richtige Datum wird angegeben, und die Schilderung der Schlacht unb ihrer Folgen ist sehr klar und anschau­lich. Der Text fdheint einem Briefe bes Königs von Ar­menien an den König von Cypem zu entstammen, ben dieser bald nach dem entscheidenden Tag schrieb und ben nach Angabe der Handschrift ein bei der Eroberung Akkons

gefangener, in Damaskus in Gefangenschaft gehaltener, und dann bei der Einnahme dieser Stadt durch die Mongolen befreiter Ritter überbrachte. Die Aufzeichmingen sind noch während des Feldzu'ges und Mar anscheinend in Cypern selbst gemacht, daß uns über die Ereignissedrunten n>ett in der Türkei" aus dem bayerischen Kloster Kaisheim Kunde kommen sollte, bleibt wunderbar.

Die 25jähr. Jubelfeier des Heidelberger Bachvereins und des Akademischen Gesang­vereins nahm am Sonntag nachmittag vor ausverkauf- fern Hause in dem großen Saale der Stadthalle unter Lei­tung des Generalmusikdirektors Prof. W o l f r u m und unter Mitwirkung erster auswärtiger Künstler im Beisein des Großherzogs sowie des Prinzenpaares Max von B.aden ihren Anfang mit der eindrucksvollen H-Moll-Messe von Bach. Am Abend sand ein Festmahl zu 350 Gedecken in ber Stadthalle statt. Der Großherzog, ber schon amSams - t a g fi!u Heidelberg eingetrofjen, wird bis Dienstag dort bleiben, um den Drei noch folgenden Konzerten bei­wohnen zu können.

Das grollende Berlin und ber An kauf des Opernhauses. Die Verhandlungen über den An­kauf des Opernhauses durch die Stadt Berlin, die zwischen Finanzmiiiisterium, Hausministerium und Magistrat in der Schwebe sind, wollen zu keinem Abschlüsse kommen. Berlin scheint wegen des Verkaufs des Tiempelhoser Feldes an Tempelhof zu grollen und will denalten Kasten" nicht übernehmen, wenigstens keine 6 Millionen dafür anwenden. Da der Umbau des Opernhauses rund 860 000 Mk. gekostet hat, so wlll der Staat die Kaufsumme nicht noch mehr herabsetzen; er will sogar bas Opernhaus noch zehn Jahre benutzen, bis die neue Oper fertiggestellt fein wird. Ob aus dem Ankäufe durch bie Stabt vorläufig etwas wirb, ist sehr fraglich, zumal auch Berlin bei biefem Ankäufe Bebingungen betreffs Untertunnelung ber Linben stellt, die ohne weiteres nicht annehmbar sind.

Die Leiche Rudolf Lindaus .ist am Freitag nachmittag von Bord des DampfersPrinzessin Heinrich" nach der Kirche auf Helgoland übergeführt und nach einer Trauerrede aufgebayrt worden. Der Sarg wurde von Schiffern getragen und junge Helgoländerinnen trugen die zahlreichen Kränze; sämtliche Beamte und viele Ein- wohner gaben das Geleit. Am Strand, auf der Landungs­brücke und auf den Lausern wehten die Falmen Halbmast Die Beerdigung, bei der Pastor Hellwig eine ergreifende Rebe hielt, sand am Samstag statt.