Dritter Blatt
Nr. 272
160. Jahrgang
Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger für Gberheffen
Dte ^Oteßener Kamlllendlätter" werden dem ,9lnAeifler* viermal roocbentltcb beigeleqt, daS „Kretsblatl für vea Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..randwtrtschastliche« Lett- frage«- erscheinen monatlich zweimal.
5amrtag. 19. November 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersiiätS • Buch- und Sreindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und ruderet: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AneeigerGießen.
Die Verkehrsmittel im Kriege.
Die gewaltigen Fortschritte der Technik und die wachsende Erkenntnis von der Wichtigkeit der Verkehrsmittel haben säst aus allen Gebieten des militärischen Verkehrswesens Aenderungcu und Vervollkommnungen hervorge- cusen. Von berufenster Seite, nämlich dem Chef der Verkehrsabteilung im preußischen Kriegsministerium, Oberst Zchmiedecke, wird in dem demnächst bei E. S. Mittler u. Sohn in Berlin neu erscheinenden Buche „Die Verkehrsmittel im Kriege" ein zuverlässiges und anschauliches Bild des heutigen Verkehrsapparates im Heere gegeben. In übersichtlicher Anordnung kommen alle Zweite des Verkehrs- und Nachrichtenwesens sowie ihre Leistungen im Kriege zur Darstellung: Eisenbahnen — Feld- und Förderbahnen — Telegraphie — Lustsahrzeuae — Kraftwagen — Wasserstraßen — Fahrrad — Brieftaube — Miegshund.
Das Kapitel über die Funkentelegraphie bringt z. B. eine Schilderung, wie die zur Anwendung gelangenden Apparate funktionieren. Der deutsche Physiker Heinrich herz, der rm Jahre 1894 verstorben ist, hatte durch Verbuche nachgewiesen, daß elektrische Funken beim Uebersprin- gen der Funkcnsirecke elektrische Energie ausstrahlen, die sich in der Lust nach allen Seiten unter den gleichen Erscheinungen ausbreitet wie das Licht. Auch in ihrer Gestaltung gleicht die Erscheinung dem Licht: die Ausstrahlung >rfolgt in Wellensorm. Diese Entdeckung gab den An- toß zur Konstruition der Vorrichtungen, die heute das telegraphieren über weite Strecken ohne Draht ermög- ichen und das Nachrichtenwesen in so hohem Maße ver- inbert haben. Die Verwendung der Funkentelegraphie ist ür militärische Zwecke ein Hilfsmittel.allerersten Ranges geworden, und sie kann angewendet werden in Festungen jur Verbindung mit dem Jnlande, in der Marine zur Ver- undung der Flotte mit dem Lande, dann in der Küsten- jerteibtguna und endlich im Feldbüege zur Verbindung )er vorgeschobenen Kavallerie-Divisionen mit den Armeeoberkommandos. Auctz einzelne Armeen im Feldkriege wer- >en von ber Funkentelegraphie großen Nutzen zu ziehen mstande sein. Feste (Stationen für die Funkentelegraphie ?at die Militärverwaltung jetzt schon in den großen Festungen des Westens und in Frankfurt a O. eingerichtet. ,'luch die Luftschiffe der Armee (mb mit Funkentelegraphen- tationen versehen.
Die Lustschiffertruppe verfügt über eine festgegliederte Organisation für den Frieden und für den Krieg und ist )azu berufen, im Ernstfälle wichtige Aufgaben zu lösen. Ler größte Freiballon, den Deutschland besitzt, ist der Ballon „Preußen", der dem Meteorologischen Institut in Berlin gehört. Er enthält 8400 rm. Es ist dies derselbe Ballon, mit dem von zwei Beamten des Institutes, Lr. Berson und Dr. Süring, im Jahre 1901 die größte )öhe von 10 800 m erreicht wurde, zu der nachweislich Nenschen gelangten.
Die Erfolge des lenkbaren Luftschiffes in Frankreich mrch die Gebrüder Lebaudy gaben der preußischen Heeres-- lerwaltung den Anlaß, dieses neue Kriegswerkzeug in den Dienst des Heeres zu stellen. Auf dem Uebungsplatz des Zustfchisser-Bataillons zu Reinickendorf wurde rasch eine ^uflschifswerft errichtet, die im Jahre 1907 nach dem halb- tarren System ein Bersuchsschiff, 1903 das erste Militär- Luftschiff lieferte. Von der Verwendung des Luftschiffs als Waffe erwartet der Verfasser des Buches nicht allzuviel. Es dürste wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Aufklärung der wichtigere Teil in der Verwendung des Luft- i'chiffes ist und baß dieses Ziel zunächst bei der Durchbildung des Schiffes maßgebend sein soll. Dies schließt selbstverständlich nicht aus, daß auch die andere Verwendung un Auge zu behalten ist.
Infolge der schnellen Entwicklung der Flugtechnik trat die Heeresverwaltung im Sommer 1910 der Ausbildung
von Ofiizieren als Führer von Flugicu-rzeugen naher, nachdem schon der Bau eines Militär-Flugzeuges erfolgt war. Aus dem Truppenübungsplatz zu Doberitz wurde eine Lehranstalt errichtet und der Versuchsabteilung der Verkehrstruppen unterstellt. Bei den Flugzeugen rechnet die militärische Verwaltung mit der Nachrichtenübermittelung, der Erkundung bei dem Angriff auf Luftschiffe. Die Besetzung mit zwei Personen ist demnach Bedingung. Bei dem Angriff auf Luftschiffe wird das Flugzeug versuchen, nach raschem Steigen von oben her Geschosse ober anoeres gefahrbringendes Gerät auf den tiefer befindlichen Gegner zu schleudern. Die Bauart der Fahrzeuge bedarf der gründlichen Prüfung, inwieweit sie den Anforderungen des Krieges entsprechen. Zurzeit wird das Flugzeug vor und nach der Fahrt peinlich genau in allen seinen Organen nachgesehen und gewissenhaft behandelt. Die Sorgsamkeit, mit der dies geschieht, ist ein Beweis für die Notwendigkeit. Im Kriege wird es allerdings dazu an Zeit und 'Gelegenheit fehlen. Trotz &r großen Erfolge, die in der Aviatik schon erreicht lüoroen sind, kann man sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß ein kriegsbrauchbares Flugzeug bisher noch nicht vorhanden ist.
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* Entenjagd aus dem Fasse. Der südöstliche Teil des Podeltas ist ein riesiger, vvn der Adria durch eine im Norden viel sack) sich spaltende Landzunge getrennter Brackwassersee: die durch ihren Massensang der Aale berühmte Lagune von Comacchio lspr. = rnäckjo). Auf ihrer 39 000 Hektar umfassenden Wasserfläche hausen, so entnehmen wir der Zeitschrift „Kosmos", zahlreiche Sumpfvögel, darunter besonders geschätzte Arten von Wildenten, die nod) heute in derselben, höchst originellen Art gejagt werden, von der schon Georg von Mertens in seinem 1844 erschienenen Werke „Italien" folgende ansäzauliche Beschreibung gegeben hat: „Ein paar Stunden vor Tagesanbruch wird die Jagdgesellschaft geweckt; jeder Schütze begibt sich mit einem Gehilfen, der das Laden besorgt, einem guten Wafterhunde und einigen Gewehren in einen kleinen Naa^n und fährt seinem Posten zu. Dieser Posten ist ein «geräumiges Faß, Bota da cazza (botte da oaccia, Jagdfaß) genannt, unten breiter als oben, bis zum Rande im Schlamme eingegraben, so daß es zur Flutzeit kaum ein paar fingerbreit über dem Wasser bervorragt und durch Sumpfflanzen auch zur Cbbezeit ziemlich verdeckt wird. Ter Jäger ist, wenn er auf seinem mitgebrachten Tambuchio (Munilionskästchen) sitzt, ganz unsichtbar. — — Wenn er sich zum Abfeuern erhebt, ragt er oben mit dem Oberleib über dem Fasse hervor." Vor vielem läßt man täuschend aus Holz und Kork gefertigte Lockenten fdjtuimmcn, die mit einer Schnur unten an einem Ziegelstein vor Anker liegen. Sobald nun die Enten mit Tagesanbruch in kleineren und größeren Flügen vom festen Lande zu ihren gewohnten Futterplätzen zurückkehren und auf den bekannten Seen unten schon Kameraden zu erblicken glauben, senken sie sid) in weiten Kreisen aus der Hölze hinab. Hierbei schießt sie der Jäger im Fluge, bevor sie das Wasser erreichen «und den Betrug entdecken. „Bald folgt ein Schuß auf den andern. Die armen, erschreckten Vögel fliegen, indem sie einer Gefahr entgehen wollen, der andern entgegen, und die Jagd wird allgemein, bis die verscheuchten Enten in die unbesuchten benachbarten Sümpfe und die angrenzenden Lagunen flüchten, und die Jagd einige Zeit nach Mittag ein Ende nimmt."
ßanöel.
•• Konkurse in Hessen. lieber daS Vermögen des SpezereiwarenhändleiS Georg Schock zu Gießen wurde am 11. Nov. das Konkursverfahren eröffnet. Kaufmann Althoff zu Gießen wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen sind bis zum 1. Dezember bei dem Amtsgericht Gießen anzumelden. — Ueber das Vermögen der offenen Hatidelsgesellschafi in Firma Jean Müller, Zuckergroßhaudlung in Al a i n z, wurde am 1£ November das Konkursverfahren eröffnet. Rechtsanwalt Josef Schmitt in Mainz wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursfordenmgen sind bis zum 10. Tez. bei dem Amtsgericht Mainz anzumelden. — lieber das Vermögen des Kauf- mauns Johann Adam Al ü l1 e r und dessen Ehefrau Tberese geb. Raskop m Mainz, persönlich hauende Geselllchaster der offenen Handelsgesellschaft in Fir.ua Jean Müller, Zuckergroßhandluna
rnielvu, wurde am lö. Roo. das Konkursverfahren eröffnet. Rechtsanwalt Josef Schmitt in Mainz wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursfordenmgen sind bis znm 10. Tez. bet dem Amtsgericht Mainz anzumelden. — Ueber den Nachlaß des Julius Al o l z, im Veben Kaufmann und Inhaber der Firma Älolz & Forbach in Worms, wurde am 8. 9loo. das Konkursverfahren eröffnet. Rechtsanwalt Dr. Boxheim er in Worms wurde zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen sind bis zum 20. Tez, bei dem Amtsgericht Worms anzumelden.
— Der Kampf gegen bas amerikanische Petroleum. ^Jn der Vollversammlung des Einkaufsoereins der Kolonial- warenhandler zu Hannover wurde einstimmig folgende Resolution gefaßt: ^Wie wir hören, geben die Amerikaner und die mit ihr verbündeten Peiroleumgesellschaflen aller Orten schon jetzt daran, die Deiailliflen zur Erneuerung der laufenden Verträge bis «912, ja sogar bis 1913 zu veranlassen. In unserer Alitgliederversamm- lunq wurde daher einstimmig beschlossen, die Anträge der Amerikaner und ihrer Verbündeten bis auf weiteres jedenfalls unberücksichtigt zu lassen und die 'Uhtglieber zu warnen, sich bei den Vorgenannten zu binden. Tie Unterschriften unter die vorgelegten neuen Pelroleumverträ'ge sind zu verweigern. Es wird ferner beschlossen, keinerlei Abmachungen mit einer Petroleumgesellschaft zu treffen, ohne vorher auch die Offerte der Oesterreichischen Vetroleum- Gesellichaft „Olex", rejp. deren Tochtergesellschaft, der Sächsischen Petioleum-Jmvon-Gesellschast, Dresden, als einziger vom Trust unabhängigen Konkurrenz, gehört zu haben."
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