Ausgabe 
26.8.1910 Erstes Blatt
 
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die Kaiserin mit der tiefempfundenen Huldigung des Aus­schusses und des Landtages der Provinz, dankte den Maje­stäten für ihr Erscheinen und dafür, daß sie sich von den Prinzen hätten begleiten lassen. Darauf bot der Fürst dem Kaiser den Ehrentrunk dar. Der Kaiser erwiderte:

,^Jch danke dem ostpreußischen Provinziallandtage für die durch seinen Vorsitzenden Ihrer Majestät der Kaiserin und mir dargebrachten Huldigung. Ich spreche Ihnen meine große Freude aus, dem Landhause einen Besuch machen zu können und die Herren hier zu begrüßen. Vor neun Jahren, als ich das,I$bte Mal hier weilte, waren die landwirtschaftlichen Ver­hältnisse der Provinz nod) schwieriger. Im Laufe der Zeit hat sich die Landwirtschaft gehoben, und ich kann mit Freude konstatieren, daß es der Provinz gelungen ist, durch Fleiß und Arbeit diesen Wechsel zum Bessern für sich zu nutzen. Ich wünsche von ganzem Herzen der Provinz Ostpreußen eine günstige Weiter­entwicklung. Das kann nur geschehen unter Gottes Segen, der uns hier und auf allen Wegen begleiten möge. In diesem .Sinne leere ich diesen Becher auf Ihr Wohl."

Die Majestäten zogen die anwesenden Herren ins Ge­spräch und unterzeichneten eine Urkunde über ihre An­wesenheit im Landeshause. Der Kaiser nahm das Früh­stück beim kommandierenden General ein.

Die Kaiserin empfing heute nachmittag von 3 Uhr ab in Gegenwart der Kronprinzessin und der Prinzessin Eitel Friedrich die Damen des landsäßigen Adels, die Damen der höheren Beamten und die Damen der höheren Militärs. Um 51/4 Uhr machten der Kaiser und die Kaiserin gemeinsam eine Automobilfahrt nach Luisenwahl.

Um 7 Uhr abends sand bei dem Kaiserpaar im Mosko­witersaale im Königlichen Schlosse Tafel für die Pro­vinz statt.

Der Kaiser hat außer dem Pionierbataillon Fürst Radzi- tvill (ostpreußisches) Nr. 1 allen Regimentern des 1. Korps, die einen besonderen Namen führen, die Büsten ihrer Chefs berliehen.

politische Tagesschau.

Eine deutsche Zeitung für Palästina!

In Jerusalem ist soeben die Gründung einer eng­lisch-französischen Zeitung Truth-Verite erfolgt, des ersten Blattes europäischer Sprache auf dem Boden des heiligen Landes. Das Blatt zeigt seine deutschfeind­liche Tendenz in unverhülltester Weise. In Konstanti­nopel und Kairo sind in letzter Zeit deutsche Blätter mit deutschem und französischem Text gegründet worden. Sollte sich das nicht auch in Palästina ermöglichen lassen? Gerade dort ist in den ansässigen Gemeinden der Templer ein fester Leserstand gegeben. Auch die zahlreichen deutschen Organi­sationen aus dem Gebiet des Kirchen-, Schul- und Missions­wesens würden ein solches Blatt freudig begrüßen. Dem Verein für das Deutschtum im Ausland schreibt in diesem Sinn ein deutscher katholischer Priester, der an leitender Stelle in Palästina eine segensvolle und deutschbewußte Wirksamkeit entfaltet:

Wäre es nicht möglich auf diesen Notstand aufmerk­sam zu machen und die Gründung einer Zeitung zu veranlassen, die unter möglichster Schonung der reli­giösen und politischen lleberzeugunb der Templer, Evan­gelischen und Katholiken unparteiisch dem Deutschtum dientet

Die bedeutsamen Interessen, die deutscherseits in Pa­lästina und Syrien aus dem Spiele stehen, würden die Gründung eines solches Blattes sicher als zweckmäßig er­scheinen lassen und seine Unterstützung rechtfertigen.

von der Brüsseler Weltausstellung.

Brüssel, 25. Aug. Die Leitung der Weltausstellung hat die Revision der Feuerschutzeinrichtungen auf der Ausstellung nunmehr beendet und Ergänzungen durchgeführt. Besondere Rücksicht ist dabei auf die fremden Nationen genommen worden, deren Wünschen bereit willigst und in entgegenkommender Weise entsprochen worden ist. Insbesondere wurde für die deutsche Abteilung eine besondere Feuerwache zugestanden. Man kam nach ein­gehender Prüfung gemeinschaftlich zu dem Ergebnis, daß es zweckmäßig sei, für diese Feuerwache deutsche Feuerwehr­leute heranzuziehen und zwar aus denselben Gründen, aus denen die französische Kolonie sowohl als auch die hollän­dische Abteilung von vornherein einmische Soldaten her- an^ezogen haben. Da die übrigen Wächter der deutschen Abteilung sämtlich Deutsche sind, könnte bei dem Ausbruch eines Feuers die Unmöglichfeit, sich mit den belgischen Feuerwehrleuten zu verständigen, gerade den ersten und wichtigsten Angriff unwirksam machen und dadurch die Ab­teilung der Gefahr der Vernichtung aussetzen. Lediglich aus diesen Gründen ist die Verständigung mit der belgischen Ausstellungsleitung erfolgt, wonach die Feuerwache der deutschen Abteilung von der Berliner Feuerwehr gestellt wird. Sie untersteht zunächst unmittelbar dem Reichs­kommissar, tritt aber im Fall eines Brandes, der nicht sofort gelöscht werden kann, unter das Kommando des diensttuen­den belgischen Offiziers der Feuerwehr.

Inzwischen find auch die Vorarbeiten für den Neu­aufbau für den niedergebrannten Teil der Ausstellung soweit gefördert als sich die neue Fassade in wenigen Tagen an der alten Stelle erheben wird. Auch die Wiederher­stellung des abgebrannten Teils der französischen Ab­teilung ist weit fortgeschritten, so daß der Besucher binnen kurzem den Spuren des Brandunglücks nicht mehr begegnen wird.

Deutsche» Reich.

Für die Reise des Kronprinzen nach Ost- asien soll der PanzerkreuzerGneisenau" gewählt wer­den. Das Schiff, 1906 in Bremen gebaut, ist Aufklärungs­schiff der Hochseeflotte.

Die Stadtverordneten von Magdeburg nahmen ein­stimmig die Magistratsvorlage cm, durch welche hilfsbedürftigen Veteranen aus den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 ein einmaliger Ehrensotd von 20 000 Mark bewilligt wird.

Aus Emden wird gemeldet: Die der Spionage verdächtigen Engländer Brandon und French ver­weigern jede Auskunft über ihre Persönlichkeit. Die An­gabe Brandons, daß er Student in Cambridge gewesen sei, hat sich als unwahr herausgestellt. Die Abführung der Verdächtigen nach Leipzig steht bevor.

Im italienischen Mini st errat wurde am Don­nerstag beschlossen, 900 000 Lire zur Linderung der Not in den von der Cholera heimgesuchten Bezirken zu be­willigen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung setzte der Minister des Aeußern unter allgemeiner Zustimmung die Grundlinien der auswärtigen Politik Italiens aus­einander und teilte mit, daß er demnächst eine Zusammen­

kunft mit dem österreichisch-ungarischen Minister des Aeußern, Grafen Aehrenthal, haben werde.

Der türkische Kriegsminister ernannte Tor­gut Pascha zum Oberkommandanten an der griechischen Grenze. Zugleich hat das Kriegsministerium große B e - stellungen an Gewehren und Geschützen an Deutschland, an Krupp und auch an Creuzot, gegeben. Weitere Bestellungen sollen in einigen Tagen erfolgen.

Der scherifische Gesandte Ben Monhaz wird am Freitag in Madrid eintreffen, wo er die Verhandlungen über die Frage einer Entschädigung für den R i f f e l d z u g wieder aufneh­men wird. Ter Sultan spricht auf Grund der Verträge den Spaniern jedes Recht, die Riffleute zu züchtigen, ab. Wenn eine Abmachung nicht zustande kommt, wird, wie man glaubt, El Mokri die Frage den Mächten vorlegen. Kommt dagegen die Abmachung zustande, so wird sich Mulep Hafid sofort an der Bildung einer gemischten Polizeitruppe im Riff beteiligen.

DemEcho de Paris" zufolge wäre der türkische Botschafter Raum Pascha bei Pichon während des Empfanges am Mitt­woch dringend dafür eingetreten, daß die Mächte dem kretensischen Führer Venizelos nicht gestatten mögen, der grie- chisch en Nationalversammlung nnzugehöreu. Pi­chon habe angeblich erwidert, daß diese Angelegenheit in keiner Weise die Türkei interessiere, daß Venizelos nicht von den Kre- tenfern, sondern von den Griechen gewählt worden sei und daß er griechischer Untertan sei. Uebrigens habe Venizelos wiederholt den Wunsch geäußert,. seine Stellung in Kreta aufzugeben und dieselbe nur auf dringendes Ersuchen der Konsuln behalten. Pichon habe hinzugefügt, daß die Wahl Venizelos zur griechischen Nationalversammlung die Versicherungen nicht beeinflussen werde, welche die Mächte der Türkei gegeben hätten.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 26. August 1910.

Partikularismus?

Man schreibt uns aus Krofdorf: Nachdem zwischen der Bürgermeisterei unseres Ortes und der städtischen Verwaltung von Gießen ein Vertrag wegen Lieferung von elektri­sch e m S t r 0 m für Beleuchtuugs- und Krastzwecke abgeschlossen war, hoffte man, daß die Aufsichtsbehörde der Ausführung des Vertrages keine Schlvierigkeiten in den Weg legen würde. Man hat aber die Rechnung ohne den Partikularismus der Wetzlarer gemacht. Man hatte nicht danüt gerechnet, daß auch die Buderusschen Eisemverke, die die Stadt Wetzlar mit Energie versorgen wollen, im Anschluß daran eine Ueberlandzentrale ein­zurichten beabsichtigen und auch auf Krofdorf und Umgebung als Abnehmer von Srrorn stark rechnen. Wir erfahren, daß man in Wetzlar von einflußreicher Seite aus unserem Anschluß nach Gießen Schwierigkeiten macht, indem man auf das Buderuswerk hin- roeift. Man habe doch nicht nötig, das Geld für elektrischen Strom ind a s hessische Ausland" zu tragen. Infolge dieser Strömung in Wetzlar zieht sich die Genehmigung des Vertrages über Gebühr lange hin, imb es ist fraglich, ob wir zum Winter noch auf das moderne Licht rechnen können. Daß man überhaupt im einigen Deutschland eine Nachbarstadt als Ausland betrachtet, wenn es gilt, ein Privatunternehuien gegenüber einem städti - chen Werk zu imterstützen, zetlgt eigentlich von keiner sehr großen kommunalpolitischen Einsicht und läßt tief blicken.

Wenn es sich wirklich bestätigen sollte, daß man in Wetzlar mit diesen partikularistischen Gründen umgeht und von der hessischen Stadt als vomAuslande" spricht, so würde dies in weiten deutschen Landen aufs Schärfste miß­billigt werden müssen.

** Landesuniversität. Der 'Großherzog hat den Professor in Freiburg im Breisgau Dr. med. Knrl von Eicken zum außerordentlichen Professor bei der medi­zinischen Fakultät der Landes-Universität mit Wirkung vom 1. Oktober 1910 an ernannt.

Vom Großherzoglichen Hose. Prinz und Prin­zessin Hermann zu Stolberg-Wernigerode sind gestern nachmittag in WolfSgarteu eingetroffen.

** Verpflegung des Eifenbahnpersonals. Vom preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten ist, wie diedLordd. Allg. Ztg." schreibt, unter dem 11. d. M. an die Äsenbahndirektionen der preußisch-hessischen Eisen­bahngemeinschaft eine Zusaminenstellung der Erlasse ge- ändt worden, durch welche die Direktionen angewiesen wor­den sind, geeignete Einrichtungen für die Verpflegung des Personals zu treffen, das während des Dienstes außerhalb der Familie Mahlzeiten einzunehmen gezwungen ist. Bei der hohen Bedeutung, die diese Einrichtung nicht nur für )ie Gesundheit des Personals und die Sicherheit des Be- trnebes hat, ertoartet der Minister von neuem, daß die Eisenbahndirektionen dieser Fürsorge fortgesetzt jihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden und, soweit Einrich- richtungen noch fehlen oder den berechtigten Anforderungen noch nicht entsprechen, das Erforderliche veranlassen. Bis zum 1. Dezember sollen an das Geheime Personalbureau in Tabellenform eingereicht werden: a) eine Nachweisung >er Orte (Dienststellen), an denen Kantinen errichtet sind. In dieser Nachweisung ist kurz anzugeben: die Art des Wirtschaftsbetriebes, Höhe etwaiger Pacht, was für warme Mahlzeiten und zu welchen Preisen verabfolgt werden, in welchem Umfange von der Einrichtung seitens der Be­diensteten Gebrauch gemacht wird; b) eine Nachweisung der Orte, in denen die Verpflegung durch die Bahnhoss- wirte von Eisenbahnbediensteten in Anspruch genommen wird. Hierbei sind anzugeben: die Preise, zu denen die warmen Mahlzeiten verabreicht werden, und der Umfang, in dem die (Änrichtung in Anspruch genommen wird.

** Wann leistet die Post Schadenersatz? Da über diese Frage allgemein eine gewisse Unklarkeit herrscht, )ürste die nachstehende, von der Handelskammer Halber - tadt veröffentlichte Zusammenstellung der Fälle von Wert ein, in denen die Reichspostverwaltung zum Schadenersatz )erpslichtet ist: 1. für verloren gegangene Einschreibsen­dungen und Postauftragsbriefe werden vergütet je 42 Mk.; 2. für verlorene oder beschädigte Geldbriefe und Wert- lapiere der angegebene (versicherte) Betrag; 3. für gewöhn- iche Pakete im Falle eines Verlustes oder einer Beschädi­gung der wirkliche Schaden, jedoch höchstens 3 Mk. für das Kilogramm; für den Verlust oder die Beschädigung vonPostpaketen ohne Wertangabe" wird im Weltpostver- ehr ein dem Betrage entsprechender Ersatz, höchstens jedoch 12 Mk. für das Paket bis 3 Kilogramm und bezw. 20 Mk. ür ein 6-Kilogramm-Paket geleistet; 4. für die auf Post­anweisungen eingezahlten Geldbeträge wird voller Ersatz ernährt; 5. für einen durch verzögerte Beförderung oder Bestellung von Sendungen unter 2 und 3 entstandenen Schaden leistet die Post Garantie, wenn die Sache infolge der Verzögerung verdorben oder ihren Wert ganz oder teilweise verloren hat. In alten Fällen wird außerdem das etwa bezahlte Porto erstattet. Die Ersatzansprüche sind innerhalb sechs Monaten, vom Tage der Einlieferung der Sendung an, bei der Postanstalt anzubringen, bei der die Sendung aufgegeben wurde. Für gewöhnliche Briespost­endungen wird weder im Falle eines Verlustes oder einer Beschädigung, noch im Falle einer verzögerten Beförde­rung oder Bestellung Ersatz geleistet.

** Einquartierung rverden wir in Gießen im ömmenden DLonat wie folgt erhalten: 7.^9. September die

21. Pioniere; 8. September 2 Kompagnien der BiebrichLr Unterofsizierschule und am 12. September 1. und 3 Ba­taillon des 88. Infanterie-Regiments mit einer Maschinen- g- wehr-Abteilung. Ferner werden Eintreffen die betreffen­den Stäbe und der Regiments-Stab der 88. Die Mann­schaften werden in der Kaserne untergebracht, während den Offizieren Quartier in Hotels und Gasthäusern angewiesen wird.

** Unbestellbare P0stsendüngen Bei der Oberpostdirektion Darmstadt lagern folgende Sendungen, bereit Absender vielleicht zu unseren Lesern zählen, als un­bestellbar: Postanweisung über 5 Mk. vom 30. 7. 09 aus Bad-Nauheim, Empfänger unbekannt; Postanweisung über 2,50 Mk. vom 7. 7. 09 aus Mücke (Hessen), Empfänger unbekannt; 'Einschreibbrief vom 17. 7. 09 aus Bad-Nuu- heim an John Lisitzka in Newyork; gewöhnliche Pakete vorn 13. 9. 09 aus Bao-Nauheim an Frau Chtigter bei Dr. Pou- ritz in San Remo: vom 25. 10. 09 ans Gießen an Walter Borthmann in Cöln; vom 11. 2. 10 aus Gießen an Karl Weber in Berlin; vom 15. 9. 09 aus Bad-Nauheim an S. Rabin0Vitsch in Charkow. Die zur Empfangnahme der Gegenstände Berechtigten müssen sich binnen 4 Wochen bei der Ober-Postdirektion melden, widrigenfalls die Post­anweisungsbeträge und die in den Sendungen enthaltenen ober burch Versteigerung des Inhalts erlösten Geldbeträge der Postunterstützungskasse überwiesen, die Briefe aber ber«* nichtet werden.

K. Bad-Nauheim, 25. Aug. Zum Namenstag, des Großherzogs (Ludwigstag) war die Stadt reich ge­flaggt. Abends wurde ein großes Feuerwerk abgebrannt.

x Bad-Nauheim, 25. Aug. Am Sonntag wird im Hochwald ein größerer Wandervogel-Konvent ver­anstaltet, wobei u. a. Hans Sachs'sche Schwänke zur Dar­stellung gelangen.

rb. D a r m sta d t, 25. Aug. Zum heutigen Lu diwig s- t a g hatten alle behördlichen Gebäude und viele Private Häuser Flaggenschmuck angelegt; auch das Denkmal Lud^ wig I. prangte im Fahnenschmuck. Die Schulen waren ans Anlaß des Ludwigstages geschlossen, die öffentlichen Bureaus blieben am Nachmittag geschlossen. In der Knaben- Arbeitsanstalt fand das Ludwigssest, wie seit vielen Jahren, unter Beteiligung Hunderter von Eltern und Kindern statt. Der Anstaltsvorsteher, Herr Volz, hielt am Nachmittag« an die Kinder eine patriotische Ansprache, wobei er be­tonte, daß das Ludwigssest in der Anstatt schon feit langen Jahren gefeiert werde und das älteste und schönste Volks­fest sei. Er schloß mit einem dreimaligen Hoch auf das Großherzogliche Haus. Die ca. 250 Knaben der Anstalt wurden darauf in der üblichen Weise mit Kaffee und großen Brezeln erfreut, und später erhielten sie Limonade, Wurst' und Brot. Die Kinderspiele wurden durch den Gesang vaterländischer Lieder und durch Aufführung zweier Reigen mit Gesang unterbrochen, und schließlich folgte die Ver­losung von 2300 Blumenstöcken.

? Mainz, 25. Aug. Ein junges Kerlchen, das auf 3 Wochen in unserer neuen Gefängnisvilla einlogiert worden war, fand bei seiner Rückkehr ins Elternhaus die dortigen Verhältnisse seinemverwöhnten Geschmacke" nicht mehr angemessen. Er lobte das lustige, freundliche Zellchen (m dem er gebrummt), das gute Essen und konnte sich über das schlechte Leben bei seinen Eltern garnichl beruhigen. Hoffentlich sindet sich der junge Mann wieder in die aebenden Verhältnisse, sonst treibt ihn womöglich eines schönen Tages die Sehnsucht wieder in sein altes Stand­quartier zurück.

Neue Skandale in Offenbach.

8 Offenbach a. M., 25. Aug.

In der heutigen Stadtverordnetensitzung machte Bürgermeister Dr. Dullo eingehend Müteilung über die neuesteAffary Walter", d. h. die von zwei Beamten des Baupolizeiamtes, den Baupolizeitechnikern Schuch und Westfahl gegen ihren Vor­gesetzten, den Beigeordneten Walter bei der Staatsanwaltschaft eingereichte Denunziation. Aus der Vorgeschichte dieses Vorgehens ist zu erwähnen, daß bereite im Winter und im Frühjahr der Bürgermeisterei Andeutungen gemacht wurden, daß der Beigeordnete Walter mit zweierlei Maß messe. Sie waren aber so unbestimmt, daß ihnen keine Folge gegeben werden konnte. Am 18. Juni ds. Js. lies dann bei der Staatsanwalt­schaft ein mitAdolf Maier" unterzeichnetes pseudonymes Schreiben ein, das dieselben Anschuldigungen unter Hinweis auf einzelne namhaft gemachte Fälle und unter Berufung auf die beiden obengenannten Beamten des Baupolizeiamtes als Zeugen enthielt. Dieser Denunziation gab jedoch die Staats­anwaltschaft keine Folge. Sie war der Ansicht, daß dev Dezernent des Baupolizeiamtes nicht verpflichtet sei, jede An­zeige zur Strafverfolgung weiter zu geben, wie auch der Polizei­rat nicht jede Anzeige eines Schutzmannes weiter zu geben brauche. Der Untergebene, der die Anzeige gemacht, habe sich nicht weiter um ihr Schicksal zu kümmern; er habe mit Erstattung der Anzeige seine Pflicht getan, das Weitere sei Sache des Vorgesetzten!.,

Am 26. Juni sandte ein Anonymus der Staatsanwalt­schaft verschiedene Ausschnitte aus der Hausbesitzer-Zeüung ein, die dieselben Anschuldigungen gegen Walter enthielten. Ani 14. Juli lief dann bei der Bürgermeisterei ein Schriftsatz des Bauvolizeitechnikers Schuch ein, worin über den großen Druck geklagt wurde, unter dem die Beamten des Baupolizeiamtes zu leiden hätten, und der nicht mehr auszuhalten sei. Sie seien ge­nötigt, vorzugehen, denn sie fönnten nicht länger mehr bei Gesetz­widrigkeiten mitwirken. Es folgte bann eine Aufzählung von! 15 einzelnen Fällen, in denen nach ihrer Ansicht Beigeordneter Walter mit zweierlei Maß gemessen, und zum Schluß folgte die Drohung, daß sie, wenn die Bürgermeisterei ihrer Eingabe keine Folge geben werde, sie sich direkt an die zuständigen Be­hörden wenden würden.

Es ist nicht uninteressant und für die Beurteilung des Vor­gehens der betreffenden Beamten von Wert, festzustellen, daß dieses Schreiben von demselben Tage (12. Juli) datiert ist, an bem im Verfassungsaussckmß über die Pensionierung des Bei­geordneten Walter verhandelt wurde. Da in dieser Sitzung mit Rücksicht auf den angegriffenen Gesrnidheitszustand des Beig. Walter beschlossen wurde, die am 14. Juli ftattfinbenbe Stadt­verordnetensitzung ruhig und ohne weiteres Eingehen auf die Kanalangelegenheit verlaufen zu lassen, ließ auch Bürgermeister Dr. Dullo die Schuchsche Eingabe zunächst liegen und gab sie erst am 26. Juli an die Staatsanwaltschaft weiter. Arn 29. Juli erhielt er sie zurück mit dem Vermerk, daßdieStaatsanwalt- schäft vorerst keine Veranlassung zum Einschrei., ten habe. Am 2. August lief ein weiteres Schreiben von Schuch em, worrn er mitteilte, daß er schon am 16. Juli sich an die Staatsanwaltschaft gewandt habe. Am 18. August endlich erstatteten Schuch und Westfahl gleichzeitig beim Großh. Kreis, der Amtsanwaltschaft Anzeige, worauf dann diese durch die Kriminalpolizei die Akten des Baupolizeiamte beschlagnahmen ließ.

Bürgermeister Dr. Dullo fügte der Schilderung des Sach< Verhalts bei, daß nach seiner Kenntnis nichts herauskommen werde, was für den Beigeordneten Walter belastend wäre. Einis aber seien wohl alle in bet Verurteilung des Vorgehens der bei

Beamten Die Behauptung, daß sie sich hätten den Rucken decken müssen, sei nicht stichhaltig. Der wahre Grund fti ein anderer: es sei ein Racheakt der betreffenden Beamten» Wenn ihnen auch bas Gefühl für bi? Unanständigkeit und Ver­werflichkeit ihres Vorgehens abgehe, so müsse doch im Interesse;