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18.11.1910 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

|60. Jahrgang

General-Anzeiger für Oberhessen

für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen; Anzeiger QHefteu.

Nr. 271

Der Olehener Anzeiger erscheint täglich, ander Sonntag-. - Beilagen: viermal wöchentlich SitbenerFamilienblatter; zwennal ivÖctientl.KreiSi vlattsürdenttreir Eiehen (Dienstag und Freitag);

5reitag, 18. November 1W

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Die heutige Nummer umfatzt 16 Seiten.

vr. Bachems 8!ucht in die lveffentlichkelt.

Beim Zwist im Zentrumslager gibts manchen Leid­tragenden. Abg. R o e r e n wurde öffentlich preisgegeben. Er mußtenunmehr unzweideutig und rückhaltlos" auf den Boden einer Zentrumsparteierkläruna treten, aber ins­geheim hat er einen Sieg errungen. Auf programmatische Erklärungen wird er auch nun weniger Wert legen, als aus praktisches Verhalten. Und daß dies noch m eh r in Roerens Sinne gestaltet sein wird, wie bisher, das wird er als Ergebnis seiner Kämpfe erkannt haben. Mehr belastet geht der Prof. Martin Spahn, der jüngste Zentrums­abgeordnete des Reichstags, aus dem Kampf hervor. Von seinen Anschauungen hat sich der katholische Frauenbund bei der letzten Hauptversammlung öffentlich lossagen müssen, ehe ihm die Gnadensonne der Kardinale wieder voll leuchtete. Und vor seinem Eintritt in den stolzen Bau am Königsplatz mußte Abg. Spahn einen unsanften Brief vieler neuer Kollegen entgegennehmen, die ihm seine verhängnisvolle publizistische Tätigkeit bescheinigten. Aber bitterer noch, wie für den strebsamen Sohn oes Vaters muß es für den alten Zentrumskämpen Justizrat Dr. Ju­lius Bachem sein, daß er sich gezwungen sieht, in seiner Schrift£o|e Blätter aus meinem Leben" (Freiburg, Her­der, 1910) gegenüber den zahlreichen offenen uno noch zahlreicheren versteckten Angriffen gegen seine Tätigkeit hn öffentlichen Leben aus diesemRechenschaftsbericht" in die Oessentlichkeit %u flüchten". Geschickt hat er es angesangen. Er erzählt von seinen Taten, apch von seinen Taten in der Kulturkampszeit bei Menzingen und Rhein- bröhl, er läßt die Herzen höher schlagen für den Freund Windhorfts, den Redakteur des Staatslexikons und der Kölnischen Volkszeitung"' und den Förderer der Görres- Geiellschast, um dann endlich zu dem Sündenfall seines Levens im Jahre 1906, zu dem viel angefochtenen Artikel: Wir müssen aus dem Turm heraus" zu kommen. Er tut es mit dem Geständnis:Ich gebe zu, daß bei der Ueberschrift des Artikels Mißdeutung möglich war" und mit dem Bekenntnis, das der gnädige Richter erstrebt:

Niemand kann mehr als ich von der Notwendigkeit des Fortbestandes des Zentrums zur Sicherung des in so schweren Kämpfen erlangten Maßes von Religions­freiheit und zur Erkämpfung der vollen staatsbürger­lichen Gleichberechtigung für den katholischen Volksteil überzeugt sein, des Zentrums, an dessen Wiege ich schon gestanden und das ich seitdem unausgesetzt publizistisch begleitet und nach Möglichkeit gefördert habe."

Die Veranlassung des Artikels war, die Zentrums­scheu zu mindern und den Zentrumseinfluß §u mehren. Nicht solle die Zentrumspartei irgend ein sicheres Man­dat ausgeben, um geeigneten protestantischen Kandidaten zur Wahl zu verhelfen, sondern er habe zunächst nur solche Wahlkreise im Auge, wo das Zentrumvielleicht" allein die Mehrheit erlangen kann. Und dann ruft, er Kron­zeugen heran:ein hochungesehenes Mitglied der Zen- trumsfraktron des Reichstages geistlichen Standes", ferner Pros. Mausb ach und den Bischof v. Ketteler, um endlich mitzuteilen, daß er an den Verhandlungen am 28. Novem­ber 1909 teilgenommen habe, die denCharakter" des Zen­trums feststellten.

So ist denn auch diese Säule geborsten!Die Ver­seuchung des Westens",Die Verflachung des katholischen

Goethe und Wetzlar.

In der Zeit des fortschreitenden Verfalles Deutschlands im 18. Jahrhundert bildeten die letzten Wahrzeichen seiner Einheit schließlich nur noch die Person des Kaisers, der Reichstag zu Regensburg und nicht zum wenigsten dashochpreisliche" Reichs- kammergericht, das den Ort vielfach wechselte, im Jahre 1693 nach der Zerstörung Speyers durch die Franzosen seinen Sitz in Wetzlar nahm und ihn hier bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806 behielt. Das Reichskammergericht stand während des ganzen Verlaufs des 18. Jahrhunderts in Wetzlar im Vordergrund. Um seinetwillen kam and) Goethe im Jahre 1772 in die Lahnstadt mrd e iVat im zwölften Buch von Dichtung und Wahrheit eine kurze aber klare Uebersicht über die Entwicklung des Kammer- gerichts gegeben. Jetzt unternimmt es ein von Wertherstimmung durckHrungenes neues BuchGoethes Wetzlarer Zeit", von Heinrich G l o e l (Verlag E. S. Mittler u. Sohn in Berlin), den kulturgeschichtlichen Hintergrund zu zeichnen und das Leben zu schrtdern, in dessen Mitte Goethe in Wetzlar eintrat.

Tie Stadt Wetzlar machte zu Goethes Zeiten äußerlich einen etwas düsteren Eindruck. Aber in gesellschaftlicher Be­ziehung wurde hier ein G l a n z entwickelt, wie selbst nicht in manchen kleinen Residenzen. Man denke sich nun aber die Wetzlarer Gesellschaft nicht als einheitlich. Tie Bürger­schaft kam für den Verkehr mit dem Kammergericht überhaupt nicht in Betracht, abgesehen von den Pfarrern intb von den Familien des Amtmanns Buff, des Vaters von Goethes Lotte, und des Stadtarztes. Tie Richter oder Assessoren dünkten sich viel höher zu stehen als die Advokaten und Prokuratoren des Kammergerichts, von denen freilich manche gegen gutes Geld mit der Zeit geadelt wurden. Um den Abstand zwischen Richtern und Anwälten kenntlich zu machen, war es den letzteren verboten, in der Stadt einen Kutschwagen zu benutzen, es sei denn tzum Zweck einer Reise. Es herrschte ein ungemessener Stan­desdünkel und die st e i f st e Förmlichkeit. Tie hoch- mütige Abgeschlossenheit desstiftsmäßigen" hohen Adels von den Bürgerlichen ist in Goethes Werther wahrheitsgetreu ge­schildert. Die Würde der Assessoren war ja sehr ansehnlich, aber ihr Stolz meistens noch viel größer. Aber selbst innerhalb des eigentlichen Kameraladels herrschte ein häßlicher Rangstreit und ein um so größerer Stolz, je älter der eigentliche Adel war. Überhaupt war die Rang- und Titelsucht ungemein groß. Den Advokaten mußte sogar einmal verboten werden, sich vom Volke Exzellenz" betiteln zu lassen.

Trotz aller Steifheit des Lebens in Wetzlar war der Ver­kehr -wischendem männlichen und weiblichen Ge-

Bewußtseins" wird mit Radikalkuren des strammen Kleri- kalismus geheilt. Kardinal Kopp wird bald ruhig schlafen können und auch Dr. Bachem wird nun schlafend noch träumen dürfen von Selbständigkeit, Innerlichkeit, Unab­hängigkeit, Ausstieg des Laientums und was solcher wert­vollen Dinge mehr sind. Das Zentrum, der Ultramontanis- mus werden bleiben wie sie waren.

Der Meldung, daß Kardinal Fischer in Rom für den Katholizismus im Westen Deutschlands Zugeständnisse er­wirkt habe, kann man nur pessimistisch aufnehmen. Der Deutschen Tagesztg." wird aus Rom gemeldet :

Kardinal Fischer verließ Rom sehr befriedigt von dem Erfolge seiner Reise. Aus Grund von Mittei­lungen einer zuständigen Persönlichkeit kann ich die Rich- 1 tigteit meiner Meldungen bestätigen, daß der Vatikan in Bezug aus Kinderkommunion und Moder­nisteneid für Preußen und Bayern Zugeständ­nisse gemacht hat. Der Vatikan billigt ferner das be­stehende Verhältnis des Zentrums zu den christlichen Ge­werkschaften und dem Volksverein. Das bedeutet den Sieg der Kölner Richtung gegenüber der Berliner aus politischem Gebiet.

Es wird doch wohl alles beim alten bleiben, denn in derVoss. Ztg." lieft man's schon anders:

lieber den Inhalt der Unterhaltungen des Kardinals Fischer mit dem Papst und Merry bei val wird im Vatikan unverbrüchliches Schweigen beobachtet. Auch sonst zugänglichere Prälaten zeigen sich äußerst zu- geknöpst. Wie auf Verabredung wird lediglich betont, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen Kopp und Fischer ganz unwesentlich seien und den Papst niemals beunruhigt haben/ weil er von der Üebereinstimmung des aefamten Espiskopats über alle wesentlichen Pflichten, Grundsätze und Lehren der Kirche und von der Eintracht der Geistlichkeit und der Laienwelt im Reiche genügende Beweise habe. Bald werde sich zeigen, daß der Gehorsam gegen die Anweisungen des Oberhirten im westlichen Deutschland nicht ge­ringer sei, als im östlichen und südlichen. Auch in Bayern sei keinerlei Zerwürfnis zu fürchten.

Der Dcrfaffungstampf in England.

London, 17 .Nov. Im Oberhause eröffnete Lord Rosebery die Aussprache über seine Entschließungen zur Reform des Ob^erhauses. Die einleitenden Entschließungen, die sich über das Wünschenswerte der Reform und die Grund­linien aussprechen, auf deren Basis die Reform voraussicht­lich stehen sollte, sind bereits früher in diesem Jahre zur Annahme gelangt. Die jetzt von Rosebery beantragten Ent­schließungen erklärten, das Oberhaus solle aus folgenden Lords des Parlaments bestehen: 1. aus den von allen erblichen Lords aus ihrer Mitte gewählten und durch Er­nennung seitens der Krone bestimmt seien; 2. die kraft ihres Amtes im Oberhause sitzen; 3. die von außerhalb des Hauses stehenden Persönlichkeiten gewählt seien.

Lord Rosebery befürwortete dringend die Annahme der Entschließungen. Die zur Verfügung stehende Zeit sei kurz und das Oberhaus werde vielleicyt keine andere Gelegenheit erhalten, diese oder andere Entschließungen zu diskutieren, die die Zukunft des Oberhauses betreffen.

Lord Curzon und Lord S e l b o r n e unterstützten an- gelegentlichst die Anträge Roseberys. Lord Earl of Crewe erklärte für die Regierung, wenn es zu einer Abstimmung

schlecht ziemlich frei, ohne jedoch unsittlick-er zu sein als anderswo zu damaliger Zeit. Der Verkehr war seh-r rege, und es wurden ungemein viele Gesellschaften gegeben. Man pflegte von 58 Uhr bei Kaffee und Tee zum Spielchen zusammen zu kommen. Ein anschauliches Bild der hohen Ge- fellschaft zu Wetzlar gibt namentlich die Schilderung eines Kon­zertes, das am 7. November 1771 im Gast- und Komödie^chaus zum Römischen Kaiser" zu Ehren der aus Wetzlar scheiderwen Fürstin zu Fürstenberg stattsand. Es wurde von dem Komponisten Ernst Christoph Dreßler gegeben, der als Kammermirsikus zum Hofftaat des Fürsten zu Fürstenberg gehörte. Die Zuhörerschaft bei dem Konzert bestand nur aus 25 Personen. An zwei Tischen wurde dabei Trisette gespielt, an einem dritten Tische spielten drei Herren L'hombre. Man denke sich nun die ganze Gesellschaft in der kleidsamen Tracht der Rokokozeit, die Herren in Knie­hosen, Schnallenschuhen, verzierten Schoßröcken uni) feinen Spitzen, das Haar toupiert mit Seitenlocken und Zopf, den Dreispitz unter dem Arm, die Damen im Reifrock und mit turmartig aufgebautem Haar. Große Wandspiegel mit verschnörkeltem GoldralMen, Pol­sterstühle mit hohen Rückenlehnen, Tische mit zierlich geschwungenen Füßen vervollständigten den Eindruck.

Mit sehr kritischen Augen betrachtete die Wetzlarer Gesellschaft zwei junge Männer, die selbst Sprößlinge vornehmer Familien waren, Hardenberg und Stein. Dem Freiherm Karl August von Hardenberg der im Sommer 1772 zugleich mit Goethe nach Wetzlar kam, mißfiel die Stadt mit einer Bürgerschaft, ,chie in ledern Augenblick alles durchbrachte, was sie eben gewonnen". Er sagt, er würde sogleich abreisen, wenn er nicht bleiben müßte. Auch Stein urteilt in einem Briefe aus dem Jahre 1777 nicht eben günstig über Wetzlar und seine Gesellschaft.

Von dem bisher gezeichneten Hintergründe hebt sich scharf die Gestalt Goethes ab, der im Mai 1772 in Wetzlar erschien. Der noch nicht ganz dreiundzwanzigjährige Jüngling sollte jetzt, wie sein Vater es wünschte, am Kammergericht den Reichsprozeß studieren. Am 25. Mai 6epab sich Goethe auf die Kanzlei des Reichskammergerichts, um sich in die Matrikel des Rechtsprak­tikanten unter Nr. 956 einzutragen. Durch seine Anmeldung war er jedoch nicht in ein dienstliches Verhältnis zu dem Gerichte getreten. Dieses überließ vielmehr den Praktikanten, wie die Hochschule den Studenten, ihre Ausbildung gänzlich selbst. Und im allgemeinen wird er sich während seines Wetzlarer Aufenthalts nicht um das Kammergericht gekümmert haben, zumal da schon Mitte Juli die Gerichtsferien begannen. Er haßte die Juristerei, und dazu kam noch, daß er in einem ungünstigen Augenblick nach Wetzlar gelangte. Denn das Kammergericht gewährte damals ein klägliches Bild und konnte ihn nicht locken, sich näher mit ihm jui beschäftigen. Aus dem reichen Frankfurter und Darmstädter Verkehr herausgerissen, fühlte sich Goethe gar nicht wohl in der

wieder über den vorliegenden Gegenstand kommen sollte, werde die Regierung sich an ihr nicht beteiligen.

Die Entschließung des Loro Rosebery wurde darauf an­genommen und die Sitzung vertagt.

Der österreichische Uriegsminister über die Möglichkeit eines Krieges.

Wien, 17. Nov. In der österreichischen Delegation! kam Kriegsminister Schönaich auf verschiedene, an fern Ex- poss geknüpfte Bemerkungen zurück und erklärte, seine Aeußerung von der Möglichkeit eines Krieges nach mehreren Fronten sei zu der Frage benutzt worden, welchen Gegner er wohl dabei gemeint habe. Eine ähnliche Aeußerung aus dem V!nnd des Ministers des Aeußeren würde eine solche Frage begründet erscheinens lassen, aus dem Mnnd des Kriegsministers müsse sie selbst-' verständlich erscheinen mit Rücksicht aus die geographische Lage Oesterreich-Ungarns, sowie darauf, daß die öster- recchisch-ungarische Armee in sieben von zehn Kriegen, bei welchen die Monarchie chre ganze Macht aufzubieten ge-, zwungen war, auf mehreren Kriegstheatern gleichzeitig im Kampf stand. Im übrigen mag die Welt nur wissen, fuhr der Minister fort, daß die Monarchie bei aller Friedens­liebe ihre Pflichten gegen sich selbst nicht vergißt. In den vorerwähnten sieben Kriegen standen wir fünfmal allein, und trotz dem heute bestehenden, so dankenswert sich be­währenden Bündnisse haben wir die Pflicht, unseren Kräftekalkül auf die eigene Kraft zu stellen. Wir dürfen uns nicht auf die Kräfte unserer Freunde allein verlassen, die beim Eintritt von Komplikationen leicht durch den Schutz des eigenen Herdes voll in Anspruch genommen werden können. Auch das muß nicht vergessen werden, daß als Bundesgenosse nur der begehrt wird, der auch begehrenswert er­scheint. Der Minister betont dann, oaß seit Jahren auf die Rückständigkeit des Heeres und der Kriegsmarine, deren Forderungen von allen Seiten als unerläßlich anerkannt werden, hingewiefen werde. Die Kriegsverwalttmg habe gewiß bei der Anforderung pflichtgemäß auf die Leistungs- eeit der Monarchie Rücksicht nehmen müssen. Ist aber lb die Berechtigung dieser Forderung unbestreitbar, dann muß der Wille, ihnen zu entsprechen, vorhanden fein und der Weg dazu gefunden weroen. Dre Sicherheit des Staates nach innen und außen ist sein erster Zweck; ist dieser erreicht, dann ist die Basis für eine ungestörte kulturelle Entwicklung geschaffen. Der Minister erklärte, er vermöge vorläuftg keine Ziffern anzugeben; er hoffe, bereits auf der nächsten Delegation mit einem aus­gearbeiteten Programm der Heeres- und Marine­forderungen hervorzutreten und glaube schon heute, ver­sichern zu können, daß den finanziellen Forderungen ohne Beeinträchtigung der von ihm gewiß voll gewürdigten 9tot- wendcgkeit der wirtschaftlichen Entwickelung und kulturellen Fortschritte werde entsprochen werden können. (Beifall.)

veutjches Ueich.

DieNordd. All gern. Ztg." wendet sich in einer längeren Auslassung gegen das vor einigen Tagen in der Voss. Ztg." abgedruckte Gutachten des Professors Laban d über den Verkauf des Tempel Hofer Fel^ des und sagt zum Schluß:

Die Konsequenzen der Labandschen Theorie sind so äugen«« fällig praktisch unbrauchbar und unmöglich, daß gehofft werden

eng- und steilgassigen Stadt. Für die Mängel der Stadt und des Verkehrs wurde er durch dieunaussprechliche Schönheit der Natur" entschädigt, die Wetzlar rings umgab. Charlotte Buff sah Goethe zum erstenmal am Nachmittag des neunten Juli, als er sie mit seiner Großtante aus demDeutschordenshause" zu dem Ball in Volpertshaus ab holte, den er in Werthers Leiden später so wundervoll geschildert hat.

In Wetzlar hat Goethe an Menschen- und Weltkenntnis viel gewonnen, und ganz besonders hat sich sein Naturgefühl dort lebhaft entwickelt. Man denke nicht, daß er hier nur dem 53er« gnügen lebte. Er zeichnete und malte nach der Natur, las Homer und Pindar. In fein Leben aber leuchtete feine Liebe zu Lotte hinein, die nicht etwa, wie man wohl gemeint hat, eine phan« tastffche Dichterliebe war, sondern eine tiefe Herzensneigung^ Alles um Liebe" klang es in ihm auch in dem Lahnftädtchen.! Er war von Lotte ganz begeistert, genoß voll ihren Anblick, ohne sich anfangs der Gefahr völlig bewußt zu sein. Es wurde ihm außerordentlich schwer, seine Neigung zu zügeln, und wenn er auch das schöne Maß nicht zu erreichen vermochte, durch das Lotte und ihr Verlobter ihre heitere Ruhe und Sicherheit er­hielten. so reifte doch in ihm der Entschluß, den Frieden des Brautpaares nicht zu stören, und, sowie die Leidenschaft in ihm zu mächtig würde, die Flucht zu ergreifen. Danach hat er auch gehandelt. Kästner, Lottes Gatte, sagte später von ihm:Er betrug sich auch viel größer, als er sich in Werther zum Teil geschüdert hat." Und wenn auch kleine Versttmmungen nicht ausbleiben konnten, so gewann doch jeder von den dreien durch sein Benehmen in den Augen der andern. Sie bieten uns eins bemerkenswertes Beispiel von Charakterstärke; alle drei waren einander wert.

*

Zu Wilhelm Raabes Todi Unter den zahlreickxvr Beileidskuirdgebungen an die Hinterbliebenen Wilhelm Raabes lief folgendes Telegram m des Reichskanzlers ein:

Zu dem schweren Verlust, der Sie durch den Tod Ihres; von mir hochverehrten und durch seine Dichtungen allen Deut- schtm lieb gewordenen Mannes getroffen hat, spreche ich Ihnen; meine herzlichste Teilnahme mcs.

Tie Großherzogin Elisabeth von Oldenburg sandte ans Raben« steinseld ein Beileidstelegramm. Der Herzogregent tdei graphierte aus Blankenburg im Harz:

Tief ergriffen durch Ihre Anzeige traure ich vvn ganzeml Herzen mit Ihnen allen um unseren edlen Landsmann, bat lieben warmherzigen Menschen und Tichter, den treuen Fr auch seiner Freunde. Johamc Albrecht.