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Nr. 41 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Freitag 18. Februar 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Familienblälter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Vberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen Unwersiläts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion: ^^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Line neue AN Schienen.
Die zahlreichen Eifenbahnunfälle der letzten Zeit lenken den Blick auf jeden Fortschritt, der zu ihrer Vermeidung beitragen kann. In den meisten europäischen Staaten sind es allerdings größtenteils die Sicherheitsvvrkehrungen ober die Aufmerksamkeit der Beamten, seltener die Zuverlässigkeit des Materials, die gelegentlich versagen und Katastrophen nach sich ziehen. Ganz anders auf den Bahnen der Vereinigten Staaten und den amerikanischen überhaupt. Tort zählen Schienenbrüche _»u den Alltäglichkeiten, und die Frage, wie man ohne erhebliche Kostensteigerung zu wesentlich besseren Schienen gelangen kann, bildet auf den amerikanischen Eisenbahn lang ressen ein viel erörtertes Thema.
Deshalb hat eine merkwürdige Erfindrmg der neuesten Zeit, die Schienen aus Mang an stahl, in den Vereinigten Staaten ungleich mehr Anfmerkiainkeit erregt, als in Europa. Der Manganstahl verbindet in gegossenem Zustande, wie er aus bem Ofen lammt, also ohne Schmieden, Walzen und bergt, eine außerordentliche Harte mit cbernv großer Festigkeit gegen Bruch. Durch Versuche ist erwiesen, daß Schienen aus Manganstahl vier- bis seclsmat so lange halten, als solche aus dem besten Martinstahl. Das ist für stark beanspruchte Geleise, also in allen Industriegebieten, auf Stadtbahnen, besonders aber wieder in den Verengten Staaten mit ihrem riesigen Güterverkehr, ihren schweren Lokomotiven und Wagen, von größtem Wert. Man spart ja nicht bloß, an Material, sondern auch an Verlegungskosten und gewinnt nod) an Betriebssicherheit. Leider stieß die sofortige Verwendtrng der Manganschienen auf eine eigentümliche Schwierigkeit. Sie ließen sich nach dem Gießen nur sehr wenig in rvtwarmem und fast gar nicht mehr in kaltem Zustande bearbeiten. Ein Walzen, Tiegen, Lob ein, Bohrn: usw. war ausgeschlossen. Das gegossene Schienenstück, das naturgenräß nur kurz ist, kann nur durch mühsames Schleifen unwesentlich bearbeitet und gleich nach denr Gicß.cn in warmem Zu stand gelocht lverden, damit später die Schrauben durchgesteckt werden können. Trotzdem ist von solchen gossencn Manganscbicnen, besonders für Krümmungen in Stadtbahnen, wo sich Geleise sonst in wenigen Monaten abnutzcn, ferner für Weichen und Kreuzstücke, schön mit Nutzen Gebrauch gemacht worden. Nun aber hat vor kurzer Zeit ein vollständiger Umschlag in der Wertung des Manganstahls stattgefunden u nb 'war durch die Möglichkeit, die sich jetzt herausgestellt hat, solche Schienen zu w al zen und bis zu einem gtzvissen Grade auch kalt Strbeiten. Die Pennsylvania Stahl-Gesellschaft hat dies zuerst gebracht und andere Stahlwerke sind ihr gefolgt. Es sind ings besondere Kunstgriffe und wesentlich veränderte WalzenI Dazir nötig. Aus einem Block von 3 Tonnen Gewicht, der zehn «der noch mehr Prozent Mangan erhält, werden in den Stahl- *fcrfen zu Paterson vier Schienen von neun bis zehn Meter Länge Uvwlzt. Die Hauptarbeit muß sofort nach dem Erstarren des Älocks, bevor er abkühlt, geschehen, berat nachträglich darf der Stahl
Frieden mit Kanada.
Eine hocherfrculiche Kunde ist aus Ottawa gekommen. Danach hat der Finanzminister im kanadischen Parlament angekündigt, daß eine provisorische Regelung des Handels- vertragsverhältnisses zum Deutschen Reiche 'bevorstehe, der ein allgemeiner Handelsvertrag wahrscheinlich folgen werde.
Die Wichtigkeit dieser Aeußerung der kanadischen Regierung wird klar, wenn man bedenkt, daß Deutschland seit dem Jahre 1898 mit Kanada in Zollkrieg lebt. Der Grund dafür liegt darin, daß Kanada damals seinem Mutterlande England 'Vorzugszölle gewährte, die Deutschland auf Grund des zwischen beiden Ländern bestehenden Meistbegünsti- aunasverhältnisses auch für sich verlangte. Diese an sich durchaus berechtigte Forderung lehnte Kanada ab und konnte es ohne Gefahr tun, da die übrigen Staaten die Vorzugsbehandlung britischer Waren anerkannten, ohne sie für ihre eigenen ' Erzeugnisse in Anspruch zu nehmen. Deutschland hob demzufolge den bisherigen Vertragstarif Kanada gegenüber auf und brachte gegen die kanadische Wareneinsuhr seinen bei manchen Erzeugnissen um 100 bis 200 Prozent Höheren autonomen Tarif zur Anwendung, worauf Kanada die deutsche Wareneinfuhr mit einem im Vergleich zu seinem Generaltarif um 33l/3 Prozent höheren Zollaufschlag (Surtaxe) belegte. Die Spannung der Zollbehandlung zwischen der englischen und deutschen Wareneinfuhr betrug danach ungefähr 100 Prozent, wodurch, ganz abgesehen von der Meistbegünstigung, die Frankreich, Oesterreich-Ungarn, die Schweiz, die Vereinigten Staaten usw. in Kanada genossen — wenn sie auch feine Vorzugszölle erhielten, wie England —, der deutsche Handel nach Kanada um mehr als die Hälfte zurückging.
Sank doch der deutsche Export, der noch im Jahre 1903 fünf Prozent der Gesamteinfuhr ausmachte, ständig bis auf 2,4 Prozent im Jahre 1906, und konnte doch selbst seine Zunahme im Jähre 1907 von 6,9 auf 7,4 Millionen Doll, es nicht verhindern, daß er int Verhältnis zu der sich immer mehr ftei^ernben Gesamteinfuhr noch weiter auf 2,1 Prozent zuruckging, während der prozentuale Anteil Großbritanniens und Frankreichs an der Gesamteinfuhr konstant geblieben ist, {ber Anteil der Vereinigten ©tauten jedoch sich von '57,2 auf 59,3 Prozent hob. Was nun die deutsche Einfuhr an sich anbetrifft, so hat Deutschland während des Zollkrieges 58 Prozent davon verloren, während sich die (Änfuhr der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs um 60 Prozent hob, und Oesterreich-Ungarn und die Schweiz sogar eine Handelszunahme nach Kanada von über 100 Prozent zu verzeichnen hatten. Den Haupt- schaden bei dem Rückgang des deutschen Handels nach Kanada trugen: Eisen- und Stahlwaren (mehr als 50 Prozent), Seidenwaren (50 Prozent), Wollwaren (36 Proz.), Farben aller Art (46 Prozent) und Glaswaren (49 Proz.). Völlig vernichtet aber wurde der blühende Handel in Zucker und Zement, bei dem Deutschland bis zum Jahre 1903 an erster Stelle stand. Diesen Wunden, die Kanada Deutschland schlug, gegenüber haben die deutschen Repressalien größtenteils versagt. Denn einmal geht ein Teil der kanadischen Einfuhr auch nach dem autonomen Zolltarif in Deutschland zollfrei ein, und ein anderer nimmt seinen Weg über englische und amerikanische Häfen und ist deshalb) zollpolitisch schwer tzu fassen, so daß es nicht verwunderlich ist, daß der Handel Kanadas nach Deutschland sich trotz des Zollkriegs um einige Millionen hob und nur insofern einen Schaden erlitten hat, als die Einfuhr der landwirtschaftlichen Erzeugnisse Kanadas, die teils überhaupt auf gehört hat, teils eine verschwindend kleine geworden ist, ohne Zollkrieg zweifellos ganz bedeutend gestiegen wäre.
Was veranlaßt nun Kanada, jetzt seinen Frieden mit Deutschland zu schließen, nachdem alle bisher zu diesem
Zwecke angeknüpften Verhandlungen sich zerschlagen hatten? Ganz einfach die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten Kanada nicht die MinirnalzMe des Payne Aldrichtarifs zugebilligt haben, weil sie sich von Kanada ungebührlich disferenzrert fühlen. So ist man in Ottawa daraus angewiesen, für die Verminderung der Ausfuhr nach der Union Ersatz zu suchen, unbi denkt natürlich hier zunächst an das große, aufnahmefähige Deutschland. Kanada schließt also keineswegs aus reiner Menschenliebe mit uns den Zollfrieden, sondern in eigenstem, sehr begreiflichem Interesse, das hier glücklicherweise mit dem deutschen zusammentrifft. Doch mag Kanada, das sich ja auch sonst Deutschland gegenüber nicht besonders freundlich erwiesen, die eiserne Notwendigkeit treiben, — auch Deutschland hat ein Interesse daran, daß wenigstens das Handelsprovisorium mit Kanada so bald wie möglich zustande kommt. Ist doch der neue kanadisch-französische Handelsvertrag schon am 1. Februar in Kraft getreten, durch den Frankreich eine Reihe von Zollermäßigungen bewilligt erhielt, die den deutschen Handel nach ftanaba weiter schädigen müssen, und soll doch, wie es 'heißt, dieser Vertrag noch einer ganzen Reihe anderer Länder zugestanden werden. Darum tut Eile not. Deutschland muß Kanada seinen Vertragstarif zugestehen, um von ihm das Recht der Meistbegünstigung zu erhalten.
Kanada ist ein Land, das fraglos eine große Zukunft hat und auch schon jetzt im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl überaus aufnahmefähig und kapitalkräftig jst. Diesen Markt unserm Handel und unserer Industrie wieder zu erobern, wird daher Ziel und Aufgabe der jetzigen Handelsvertragsverhandlungen mit Kanada sein müssen.
L. London, 17. Febr. Der Abschluß des neuen Handelsvertrages zwischen dem Deutschen Reich und Kanada hat bei einem gewissen Teil der englischen Presse außer-» ordentlichen Merger erregt Gleichzeitig wird die Meldung benutzt, um die Nachteile der Beibehaltung des Freihandels zu beweisen und den Leuten vorzurechnen, daß der englische Handel so unter der deutschen Konkurrenz sehr leiden müsse, was sich hätte vermeiden lassen, wenn man auf die Konservativen gehört und Tarifreform eingeführt hätte. Der „Standard" ermahnt in einem Leitartikel die kanadische Regierung, sich zu vergegenwärtigen, daß Tarifreform bald in England ihren Einzug halten werde, man möge daher der deutschen Höflichkeit nicht zu sehr entgegenkommen, die doch nur diplomatischer Natur sei. Es würde in finanziellen Kreisen in London einen schlechten Eindruck machen, wenn Kanada sich jetzt zu nachgiebig zeigen würde.
Aus dem preußischen wahlrechisaurschuh.
Berlin, 17. Febr.
Der Ausschuß tritt in fcie Besprechung des § 6 ein Ter Unterstaals, ekretär im Ministerium des Innern wendet sich gegen die vorgesckchagene Drittelung innerhalb des ganzen Wahlkreises, die ted.mrfd; schwer ausführbar sei. Gegen die Drittelung in der Gemeinde habe die Staatsregierung keine erheblichen Bedenken. Der Redner der Konservativen befürwortet, das geltende System beizubehalten, das antiplutokratisch gewirkt habe und dessen Einführung im Jahre 1891 auf einem Kompromiß der Parteien beruht habe. Du Vertreter der Freikonservativen tritt für die DrittÄtung innerhalb der Gemeinden ein, während der Zentrumsredner sich gegen den nationalliberalen Antrag erklärt, der die antiplutAtratisöhe Wirkung der Bezirksdrittelung wieder aufheben wolle. Demgegenüber hebt ein nationalliberaler Redner hervor, daß die in der Begründung angeführten statistischen Zahlen falsch seien. Setze man die richtigen ein, und berücksichtige man die scharfe steuerliche Erfassung der Arbeiter und Privatangestellten infolge des § 13 des Einlolnmensteuergesetzes, so vermindere sich die antiplutokratischc Verschiebung infolge der Bezirksdrittelung auf all-erhöchstens 1 Prozent. Im übrigen ziehe er den ersten Teck des Antrages, .ber die Trittelung innerhalb des Wahlkreises verlangt, zurück. Ein freisinniger Redner verkennt nicht, daß der
Mittelstand durch dre Bezirksdrittelung geschädigt )ci. WM aber hätten die Arbeiter in einer Reil>e von Wahlbezirken 'Vorteil davon gehabt. BcispielÄveisc verdanke die Sozialdemokratie ihre Berliner Mandate der Trcktelung innerhalb der UrwahlbezirL. Er müsse sich deshalb gegen den nationalliberalen Antrag erklären. Tas,elbe tun die Vertreter des Zentrunrs und der Polen. Iw der Abstimmung wird der nationalliberale Antrag abp gelehnt.
Ter Ausschuß wendet sich hierauf zu der Besprechung des Prinzips der Maximierung. Hierzu stellen die Nationalliberalen! den Antrag: „Tie erste Abteilung muß mindestens Vio, die zweite mindestens 2/io der Wähler enthalten. Wo diese Zahlen nach Maßgabe der Steuer betrüge nicht erreicht sind, werden zur Ergänzung der Wähler aus der nächstfolgenden Abteilung nach der Reihenfolge der zur Anrechnung gelangenden Stcuerleistungeu: berufen". Die Freisinnigen stellen sich auf den Boden des Antrags und schlagen vor, an Stelle der Zahlen Vio und Vio zu setzen Vio und 3/io- Die Frei konservativen beantragen, die über 2000 Mark hinausgehende Einkommensteuer und deren Zuschlags nicht anzurechnen. Tie Regierung erklärt sich gegen den Antrag, der nach ihrer Ansicht schematisch wirke. Aehnlich sprachen sich die Konservativen aus. Tas Zentrum erklärt, einstweilen gegen die national liberalen und frei konservativen Anträge stimmen W wo'llen, behalte sich aber seine endgültige Stellung vor. In der Abstimmung wird der nationalliberaleAntra g_a bgelehnt gegen die Stimmen der Nativnalliberalen, Freisinnigen und Sozialdemokraten, nachdem vorher den freisinnigen, für den nur die Antragsteller, Sozialdemokraten und Polen stimmten, ein gleiches Geschick getroffen hatte. Schließlich wird auch der frei- konservative Antrag abgelchnt und die Regierungsvorlage gegen die Stimmen der Nativnolliberalen angenommen.
Tie übrigen Absätze der §§ 6 und 7 werden schnell erledigt und der Ausschuß, geht nun zu den §§ 8—10 über, welche die Vorschläge der Zuweisungen in eine höhere Abteilung enthalten. Tie Nationalliberalen Men dazu den Antrag: Ter Ausschuß wolle beschließen: 1. im § 8 Abs. 1 Nr. 1 die Worte „vor wenigstens zehn Jahren" zu streichen; 2. im § 8, Abs. 1 die Nr. 2, 3, 4 durch folgende Bestimmungen zu ersetzen; 2. einem staatlichen ober kommunalen ober einem öffentlich-rechtlichen beruflichen Vertretungskörper als gewählte Mitglieder angehören ober angehört haben, ober 3. mehr als 12 Jahre einen und benfetbert Beruf selbständig ausgeübt haben, oder 4. mehr als 12 Jahre in einem und demselben privaten Dienstverhältnis oder im öffentlichen T enst gestanden haben.
Von der Regierung wird die Vorlage verteidigt aber auch erklärt, daß sie jeden annehmbaren Abänderungsvorschlag begrübe. Ten Konservativen und Freikonservativen erscheint der national^ liberale Antrag in einzelnen, Teilen zu weitgehend, währendZentrum und Freisinnige sich auf ein Herausheben von Wählern nach andern als steuerlichen Mummten überhaupt nicht ein las sen wollen, da es in gerechter Weise sich nicht durchführen lasse und in das Trei- klassenwahlrecht nicht hineinpasse. Konservative und Freikonservative beantragen eine Privilegierung des selbständigen Landwirts und Gewerbetreibenden.
In der Abstimmung wird abgelehnt Nr. 1 des national- liberalen Antrags und cbenfa die Np. 2, 3 4 desselben öttttrags.
Tic §§ 8 und 9 der Regierungsvorlage werden einstimmig ab- gelehnt, ebenso erst die zu dem 8 10 gestellten konservativen und freilonservativen Anträge, dann die §§ 10 und 11 der Vorlage.
Tie nächste Sitzung findet am Dienstag den 22, Februar, 11 Uhr vormittags statt.
Sitzung der Stadtverordneten.
Gießen, 17. Febr.
Anwesend: Oberbürgermeister Mecum; Beigeordneter Keller; die Stadtverordneten Dr. Biermcr, Brück, Dv. Ebel, Eichenauer, Emmelius, Faber, Gabriel, Grünewald, Habenicht, Haubach, Helfrich, Helm, Huhn, Jann, Jughardt, Leib, Löbcr, Loos, Petrr, Plank, Simon, Troß, Wallenfels, Dr. Wimmenauer, Winn.
Baugesuche.
Franz Senner Erben wollen auf ihrem Grundstück am Settersiveg einen Neubau errichten, für den verschiedene Dispense nötig sind. Befürwortet werden die Dispense wegen des nicht genügenden Hofrannves, der Frontlänge des Hauies (7,83 statt 8 Meter), des Balkons, der nur entlang des Eckzimmers in einer Ausladung von 40 Zentimeter angebracht werden soll, und der frachwerkausstihrung des obersten Stockwerkes, seicht beftijL-
höchslens noch einmal glühend gemacht werden, wenn er nicht verderben soll. Die Schienen müssen -also in wenigen Durchgängen und unter ungeheurem Druck ausgewalzt werden. Günstig ist dabei, daß der Manganstahl unter den Walzen seine Temperatur lange bcibehält, ungünstig dagegen, daß er beim Abkühlen große Vorsicht erheischt, um nicht spröde zu werden. Die fertigen Schienen werden mit einer Art Schleifscheibe abgeschnitten, die Schrauben- löcher kalt eingestanzt. Eine solche Sckstcne tostet rund dreieinbalb- mal so viel wie eine gewöhnliche Stahlschiene, hält aber viereinhalb- bis sechsmal so lange aus. Natürlich sind,noch längere Beobachtungen erforderlich, bevor sich ein abschließendes Urteil über die neue Erfindung fällen läßt. R. W.
— Das Neueste Von Shaw. Im Londoner Duke of Port-Theater wird ein neues Werk von Shaw vorbereitet, das den Titel „Mesalliance" führt; der irische Spötter hat nicht versäumt, einen wißbegierigen Interviewer mit allerlei paradoxen Andeutungen über diese neueste Frucht seines Witzes zu verwirren, „Als mein Stück „Getting marrieb" oor_ einigen Jahren zuerst gegeben wurde," so plauderte „G. B. S.", „da lachten die Kritiker es in Grund und Boden, und das Publikum ging erst ins Theater, als es selbst herausgefunden hatte, bafr dies Werk wirklich ein gutes Stück war. Gut ist natürlich ein relativer Begriff. Manche lieben ftischen Käse, andere absolut fauligen. Alles ist Sack)c des Geschmackes, ob man nun Käse ißt, Literatur liest ober über die Moral nachgrübelt. In meine „Mesalliance" habe ich all das hineingearbeitet, was den Kritikern von „(Setting merriet)" am meisten mißfiel. Ich war selbst einmal Zeitungsmann. Ich werde zufrieden fein, ich werde glücklich sein, ich werde vor Vergnügen Hüpfen, wenn meine ehemaligen Kollegen' nach der ersten Aufführung aus dem Theater wanken, schmerz- gebeugt, niedergeschmettert, mit gebrvckLnem Herzen, weil sic werden sagen müssen, daß ich der geschickteste Schriftsteller und der famoseste Mensch der Welt bin. Mein neues Stück ist absolut klassisch; die Einheiten von Ort und Zeit sind gewahrt, Handlung gibt es nickst, nur Shaw und gute Schauspielkunst: was wollen Sie mehr'? Sicher wird es ein Mißerfolg. Deutschland schätzt mich, Amerika bezahlt mich, England verlacht mich; ich bleibe London treu, es amüsiert mich großartig, ausgetacht zu werden .."
— Funkentelegraphie und Wetterdienst. Im Laufe des verflossenen Jahres wurden mehrfach Versuche angestellt, die auf dem Atlantischen Ozean von Schiffen gemachten Äitto- rungstsobachtungen durch drahtlose Telegraphie nach Europa zu illermitteln und für die Witterungskunde nutzbar zu machen. Von deutscher Seite hat der Direktor des Meteorvlvgischcn Observatoriums zu Aachen nach Versuchen im Jahre 1907 eine längere Verjuchsreise auf bent Ozean im Jahre 1908 borgenommen. Diese Versuche im Jahre 1908 sind von den im Jahre 1909 angestellten grundsätzlich verschieden, da bei ihnen die Frage zu
prüfen war, wie lange die Telegramme vom Lande zum! Schiff brauchen, und ob es möglich ist, sich über die Wetterlage selbst an Bord eines Dampfers zu unterrichten. Die im Jahve 1909 an gestellten Versuche verfolgten ganz andere Zwecke. Eüt- mäl wurde mit fämtlichen Schiffen gearbeitet, und ztoar wurden die Beobachtungen von der See zum Lande gegeben. Sodann sollte auf Grund dieser Nachrichten erprobt werden, ob hiervon die ausübende Witterungskunde in Europa Vorteil ev- zielen würde. Diese Versuche wurden gemeinschaftlich von der! englischen und der deutsche n Regierung angestellt, und! zwar vom 1. Februar bis 30. April und vom 1. August bis 30. September. Von sämtlichen Ozeanschiffen wurden die Beobachtungen an das Meteorologische Institut zu Londo n , die Deutsch Seewarte zu Hamburg und an die Wetterdienststelle nach Aachen übermittelt. Tie Versuche haben nun folgendes ergeben: Für den Wetterdienst zeigten sie, daß in vielen Fällen eine Ev- weitcrimg der Wetterkarte auf dem Ozean vorteilhaft sei; fo liegt nach dem Berichte: der Deutschen See warte schon! heute die Möglichkeit vor, aus der durch Wettev-Funkcntelegramme zu erreichenden Erweiterung der Lustdruckkarte vom vorhergehenden Abend Vorteile für die WMterVorhersage zu gewinnen. Ta jedoch bic Llbendwettcrkarte nur in der Winterzeit, nicht jedoch in der Sommerzeit entworfen werden kann, weil ein Abenddienst nur in der lütteren Jahreszeit besteht, so konnten die Beobachtungen vom Abend während einer größeren Zeit der Versuche nicht benutzt werden. Von den Morgenbeobackstungen kamen verhältnismäßig wenige noch bis zur Wwicklung des Wetterdienstes an demselben! Tage an, wohl jedoch logen morgens eine größere Anzahl Beobachtungen vom vorhergehenden Abend vor. Mit der regelt mäßigen Einrichtung der UebermittluTrg von Witterungsbeobach- nmgcif durch, drahtlose Telegraphie vom Ozean her müßte daher unbedingt eine regelmäßige Bearbeitung der Beobachtungen dep europäischen Stationen vom Abend vorher verbunden werden. Die auf dcm| Ozean 1908 angefteilten Versuch stehen daher in keinem Widerspruch zu denen des Jahres 1909. Die Seewarte kommt .daher zu folgendem Schluß: „Wenngleich die beendeten, gemeinschastlichen Versuche Deutschlands und Eitglands mit dem Bezüge von Wettev-Funkentelegrammen von: Ozeait zu dem Ergebnis geführt haben, daß wtt uns mit der erfolgreichen Ausdehnung unserer Wetterkarten über den Osten des Atlantisches Ozeans noch etwas gedulden müssen, so kommt jenen Versuchen doch, ein sehr schätzenswerter Gewinn zu, indem sie uns volle Klarheit über das zurzeit auf diesem Wege Erreichbare gebracht und damit zugleich den frort) ebritt an gebahnt haben. Der größte Tank gebührt daher allen bemenigen, denen wir die Turchsülwung der Versuche zu verdanken haben _unb dabei in erster Linie den beteiligten großen Schiffahrtsgesellschaften." ,


